Ausgabe 
5.1.1933 Frühausgabe
 
Einzelbild herunterladen

deutschen DampfersRuhr" befindet, ist auf dem holländischen DampferAchilles" unter» gebracht. Beide Schiffe sind nach Cherbourg unter» Wegs. Das brennende Schiff liegt bereits 20 Grad nach Backbord geneigt. Man sieht von aufren keine Flammen, doch kann man starke Rauchwol­ken aus dem Inneren aufsteigen sehen. Die zu

FRANKREICH

Southampton. o ENGLAND

Karte des westlichen Kanals mit der Unglücksstelle.

Löschungsversuchen ausgelaufenen Schiffe um­geben den brennenden Dampfer, ohne bisher Löschversuche unternehmen zu können.

Ein Vertreter desEoening Standard" schildert in seinem Blatt, wie er die brennendeA t - lantique" mit einem Flugzeug über­flogen hat. Es sei ein erschütternder Anblick gewesen, wie das Schiff, von Flammen und Rauch eingehüllt, um 15 Grad geneigt, hilflos dahintreibe. Eine riesige Rauchwolke gehe' von dem Wrack aus kilometerweit über den Kanal. Deck und Schiffs­brücken seien bereits vollkommen zerstört. Ueberall schössen Flammenzungen hervor. Die Farbe schäle sich in großen Stücken von der rotglühenden Schiffs­hülle ab. Dos Promenadendeck fei ausgebrannt und die Glasscheiben seien zertrümmert.

Oie Ursache des Unglücks.

Sowohl bei der Schiffahrtsgesellschaft, der die Atlantique" gehört, wie auch im französischen Marineministerium legt man besonderen Nachdruck darauf, daß eine strenge Untersuchung über die Ur­sache des Unglücks eingeleitet werden soll. Man ver­hehlt dabei nicht, daß diese Untersuchung Monate dauern kann und an Bord des Schiffes keine Fest­stellungen mehr gemacht werden können, so daß man sich lediglich auf die Aussagen der Be­satzung stützen muß.

Bekanntlich herrscht über die Ursache des Brandes derGeorges Phillipar" bis heute noch keine Klar­heit, und diejenigen, die einen Sabotageakt vermuteten, haben wieder Wasser auf ihre Mühlen erhalten. Man kann sich in der Tat nicht vorstellen, wie ein Riesendampfer von über 40 000 Tonnen in wenigen Stunden ein Raub der Flammen werden kann. Es berührt sehr merkwürdig, daß es mit den an Bord vorhandenen Mitteln nicht gelungen ist, das Feuer im Keime zu ersticken. Man muh also annehmen, daß dieAtlantique" an verschie­denen Stellen gleichzeitig brannte, was zu den verschiedensten Mutmaßungen Anlaß gibt

Wie zu dem Unglück selbst verlautet, befand sich das Schiff etwa 20 Seemeilen westlich der Insel Guernsey, als gegen 4 Uhr morgens das Feuer zum Ausbruch kam. DieRuhr" und dieFord Castle", die sich in unmittelbarer Nähe befanden, nahmen die Besatzung an Bord. In den späten Nachmittagsstunden treibt dieAtlantique" lichter­loh brennend in der Nähe der Kanalinseln und zwar etwa 30 Kilometer westlich von Les Casquets.

Oie Not

der deutschen Milchwirtschaft.

Sofortige Unterbindung der Einfuhr gefordert.

Kempten, 4.Jam (CAB.) Der Allgäuer Bauernverband hat angesichts der kata­strophalen Entwicklung des Milchproduktenmark­tes in einem Telegramm von der Reichsregierung sofort wirksam werdende Maßnah­men zur Rettung des Allgäuer Milchgebietes verlangt. Diesen Forderungen haben sich der Allgäuer Käsereiverband, der Verband der Käsegroßhändler und -fabrikanten Bayerns in einem weiteren Telegramm angcschlossen. Der Allgäuer Bauernverband drahtete an den Reichs» ernährungsminister:Die Rückschläge auf dem Butter- und Käsemarkt erfordern zwingend e i n Eingreifen der Reichsr egierung ge­gen die Einfuhr von Milchprodukten. Monatelangen Versprechungen und Verhandlun­gen der Reichsregierung müssen nunmehr u n» verzüglich wirksame Maßnahmen folgen, wenn die Allgäuer Milchwirtschaft nicht einer einseitigen Einsuhrpv^ittk geopfert werden soll. Wir fordern dringend sofortigen Ver­wend u n g s z w a n g für einheimischen ; Käse in der deutschen Schmelzkäse» > i n d u st r i e, Verringerung des Einfuhrkontin­gents an Butter, scharfe K o n t i n g emt i e - rung der Käseeinfuhr. Die Verhältnisse treiben fast unweigerlich zur Katastrophe des ganzen Milchgebietes. Die Erbitterung der Bauernschaft ist auss höchste gestiegen und läßt Verzweiflungsakte befürchten.

Der Vorsitzende des Deutschen milchwirtschaft- lichcn Reichsverbandes, Minister a. D. Professor Fehr, wurde auf Grund eines von ihm an den Rcichsernährungsminister gerichtctenTclegramms, das sich auf den Butterbeimischungs- jtoang bezog, von dem ReichSernäh.-ungsmini° stcr Freiherrn v. Braun und im Ans chluß daran von Reichskanzler v. S ch l e i ch e r empfan­gen. Die Besprechungen erstreckten sich auch auf auf alle übrigen Fragen der Milchwirtschaft. So­wohl der Reichskanzler, als auch der Deichs­ernährungsminister brachten den Klagen und Wünschen Verständnis entgegen. Es wurde zu­gesichert, daß die bedeutsamsten Fragen, bevor maßgebliche Schritte unternommen werden, in Besprechungen der Fachkreise be­raten und geklärt werden fallen.

(Senfuni der Jahresleistungen der landwirtschaftlichen Siedler.

Berlin, 4. Ian. (WTB.) Der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft hat den Regie­rungen der Länder und den mit der Vergebung der Reichskredite für die landwirt­schaftliche Siedlung beauftragten Stellen , die Grundsätze zugehen lassen, nach denen d o m 1 1. Juli 1932 ab auf d i e Dauer von zwei Jahren die Jahresleistungen der landwirtschaft­lichen Siedler auf 3,5 v. $)., bei Anliegersiedlern auf 4 d.$). gesenkt werden.

Oer Kall Cohn.

DaS preußische Kultusministerium und der Vrcslaucr UniversitätSkon.l kt. Berlin, 4. San. (WTB.,'Sn der Angelegen­heit des Professors Dr. Cohn in Breslau teilt der Amtliche Preußische Presse di en st fol­gendes mit: Am 4. Januar sand im pveußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volks­bildung eine Besprechung des Reichskommissars Professor D. Dr. Kaeh l e r mit dem Rektor der Universität Breslau Geh. Reg'.erungsrat Pros. Dr. Brocke lmann, dem Prorettvr P.os. Dr. Pvschmann und dem geschästssührenden Dekan der zuständigen Faku'tät Pros"ssor Dr. .**'2. A. Fischer unter Zuziehung der b.te ligten Her en des Ministeriums statt. Cs wur^e vaoei >estge- stellt, daß der Senat der Hnioerfität Breslau nicht die Absicht gehabt hatte, mit sei­

nem Beschluß vom 23. Dezember in die Be­fugnisse des Ministeriums einzu» greifen: vielmehr hatte er damit nur zum Ausdruck bringen wollen, daß durch das Hervor­treten des Professors Dr. Cohn in der Frage des Asylrechts für Trotzki die Lage sich so verschärft hatte, daß der Senat den weiteren Schuh für die Person d e s P r o f es s o r s C o h n sowie für die Ruhe und Ordnung in der Universität Breslau nicht mehr glaubte gewährleisten zu können. Cs ist in Aussicht genommen, daß der erweiterte Senat sich demnächst in einer Sitzung seinerseits mit der Angelegenheit befaßt.

Keine weitere Kürzung der Beamten- gehäiter beabsichtigt.

Berlin, 4. 3an. (121.) Vertreter des Deulsch en Beamtenbundes hallen am Dienstag eine Unterredung mH dem Reichsfinanzminister über die Finanzlage in Reich, Landern und Gemeinden und die damit zusammenhängenden Besoldungv- und wirtschafts­politischen Fragen. Der Reichsfinanzminister erklärte in Uebere nstimmung mit früheren Aeuherungen und der in der Rundfunkrede des Reichskanzlers von Schleicher verlretenen Auffassung, daß die Reichsrcgierung eine weitere Kürzung der Beamtengehalter nicht beabsichtige.

Syrien wirdselbständig".

Am französischen Gängelband.

London, 4. San. (TLl.)Times" berichtet aus Beirut, daß der französische Oberkvmmissar in Syrien, Ponsot, bei seiner Rückkehr nach Beirut voraussichtlich die Verhandlungen übereinen französisch-syrischenDer» t r a g eröffnen werde, in dem die Beziehungen mit der syrischen Republik festgelegt werden sol­len, da nach einer neuerlichen amtlichen Mittei­lung die syrische Regierung nunmehr vollkommen imstande sei, die verfassungsmäßige Verantwortlichkeit zu übernehmen. Die Verhandlungen würden sich voraussichtlich a u f de r Grundlage des englisch-iraki­schen Vertrages, und zwar nach folgenden Punkten bewegen:

1. Anerkennung der syrischen Republik inner­halb der gegenwärtigen Grenzen ohne Zugang zum Meer.

2. Die Zahlung der 17 Milliarden Franken als Entschädigung für die französischen Militäraus» gaben seit der Besetzung.

3. Keine Gewährung von Regierungsverträgen mit ausländischen Firmen ohne Zustimmung Frankreichs.

4. Französische Berater in allen Regierungs­abteilungen.

5. Eine Probezeit von drei Sahren, nach der Frankreich der syrischen Regierung zum Eintritt in den Völkerbund verhelfen wolle.

Blutige Unruhen auf 3am ifa.

Meuterei englischer Soldaten.

London, 4. Jan. (TU. Funkspruch.) In Kingston auf Jamaika ist es zu blutigen Zusammen­stößen zwischen englischen Truppen und bereingeborenen Bevölkerung ge­kommen. Das beteiligte englische Regiment ist das der berühmten Nordhumberland - Füsiliere, ein vor 260 Jahren gegründetes Regiment, das eine zeitlang unter dem NamenTL e 11 i n g t d n « Leibgarde" bekannt war. Die Ursache der Un­ruhen ist die Tötung eines englischen Soldaten durch einen Eingeborenen in einem Schanklokal. Der Soldat war mit einem Ein­geborenen in Streit geraten und von diesem mit einem Stein auf den Kopf geschlagen worden. Der Soldat starb an den Folgen des Schlages im Kran­kenhaus. Am Montagabend begaben sich viele seiner Kameraden mit Steinen, Flascheti und Lederriemen bewaffnet, nach dem Stadtteil im Osten, wo sich der Vorfall abgespielt hatte, und mißhandelten die ihnen begegnenden Passanten, so­

weit es sich um Eingeborene handelte. Der die west­indischen Truppen kommandierende Brigadegeneral und der Oberst des Regiments befahlen den Sol­daten, in ihre Quartiere zurückzukehren, aber die Soldaten verweigerten den Gehorsam und tobten noch zwei Stunden lang weiter in den Straßen. Hunderte von Fensterscheiben wurden ein- geschlagen, Straßenbahnen und Autos angehalten und die Insassen mißhandelt. Es'kam auch zu Zu­sammenstößen zwischen Soldaten und Polizisten. Schließlich wurde von Polizisten und Militär­patrouillen die Ruhe wiederhergestellt.

Oie Lausanne-Anleihe für Oesterreich.

Die Opposition gegen den Kurs Tottsutz.

Wien, 4. Jan. (WTB.) Der Finanzausschuß des Nationalrats behandelte am Mittwoch außen- politische Fragen. In der Debatte bemerkte Abg. Bauer (Soz.) zur Neubesetzung der Gesandten- posten in Berlin und Paris könne man auch nicht wünschen, daß Oesterreich in Paris von einem Manne vertreten werde, dessen offen zur Schau ge­tragenes politisches Ideal die Wiederher st el- lung der alten Monarchie, zum mindesten in der Form einer Donauföderation, sei- Dies berge die Gefahr in sich, daß er in Paris in politische Beziehungen einticfen könnte, welche aus Gründen der Anschlußgegner- schaft ähnliche Pläne verfolgten. Der großdeutsche Abgeordnete Dr. S t r a f f n e r wandte sich gleich­falls gegen die Person des Gesandten Pfluegl, besonders wegen seiner Haltung in der Frage der Abrüstungskonferenz.

Bundeskanzler Dr. Dollfuß betonte dem­gegenüber, daß dessen Verhalten immer vollkom­men korrekt gewesen sei. Er ergreife die Gele­genheit, um dem Gesandten Pfluegl öffentlich d i e Anerkennung der Regierung auszu­sprechen. Cs handele sich für die Regierung darum, mit Deutschland im besten freund­schaftlichen Einvernehmen zu bleiben und dieses freundschaftliche Einvernehmen auch durch wirt-, schaftliche Erleichterungen und Vereinbarungen noch besonders zu unterstützen.

Der christlich-soziale Abgeordnete Hryntschak erklärte, daß die scharfe Gegnerschaft der Opposition gegendieLausanner Anleihe geschwunden sei. Es sei ein ü b e r w u n d e n e r S t a n d p u n k t, daß die Anleihe die nationalen Gefühle Oesterreichs irgendwie verletzte oder eine Spitze gegen Deutsch­land habe. Auch in Deutschland habe man er­kannt, daß ein starkes und lebensfähiges Oester­reich im beiderseitigen Interesse liege. Für Deutschland sei Oesterreich als starkes Grenzland und auch als starkes Oesterreich hinsichtlich seiner Kreditwürdigkeit von größter Bedeutung, schließ­lich auch in Hinsicht auf alle fenen Fragen, welche bei einer zukünftigen Reugestaltung Eu­ropas von Wichtigkeit sein würden.

Gegenüber der Auffassung Hrhnischaks erklär­ten sowohl der großdeutsche Abgeordnete Etraffner wie auch der sozialdemokratische Abgeordnete Bauer, daß sich an der Haltung ihrer Parteien gegenüber dem Lausanner An­leihe abkommen nichts geändert habe.

Aus aller Welt.

Einbrecher ermorden eine Hausangestellte.

In Köln drangen Einbrecher in die Woh­nung einer Witwe ein, die gerade ihre im Kranken­haus liegende Tochter besuchte. Die Einbrecher fie­len über die allein in der Wohnung weilende 27« jährige Hausangestellte der Witwe' her und er- mordeten sie durch Messerstiche in Herz und Lunge. Die Verbrecher sind unerkannt entkommen. Ihre Beute scheiitt nur gering zu fein.

Einbrecher erbeuten 15 000 RM. Bargeld.

Am zweiten Feiertag abends drangen Einbrecher in die Wohnräume des Pächters der Kliemschen Festsäle in der Hafenhaide bei Berlin ein. Die Diebe gelangten vom Hof aus über eine an der Mauer befindliche eiserne Treppe auf den Balkon der Wohnung, zerschlugen dort ein Scheibe und ft i egen in d i e Räume ein. Sie stahlen 15 000 ME. Bargeld und zwei goldene Damenarm­banduhren.

Marionetten.

Von Earl Georg von Maaffen.

Als man einen Lord Manchester in Paris fragte, wie ihm die große Oper gefiele, antwortete er:Sie ist, bei meiner Ehre, beinahe so hübsch anzusehen wie ein Marionettenspiel in Italien." Man hat diese Anekdote gewiß nicht aus dem Grunde aufbewahrt, aus welchem ich sie hier an- führe, denn bei den ernsthaften Leuten gelten Ma­rionetten eben für nichts anderes als ein harmloses Vergnügen für kleine Kinder. Daß jemand die Ver­messenheit haben könnte, ein Puppentheater mit einem Menschentheater auf ein und dieselbe oder gar auf eine höhere Stufe zu stellen, wird ihnen nicht einmal im Traume beikommen. Ihnen zum Trotz hat es jedoch so verschrobene Köpfe gegeben, die das taten, unter anderen E. T. A. Hoff­mann, der einen Dialog zwischen zwei Theater­direktoren geschrieben hat, eine bissige Eattre auf das Theater mit seinem lebenden und toten In­ventar. In denSeltsamen Leiden eines Theater­direktors" werden alle Bühnenftagen in heftigem Wortstreit der beiden Gegner auf das gründlichste und geistreichste abgehandett, und den Sieg trägt derjenige davon, der sich zu guter Letzt zur höchsten Verblüffung des Kollegen als Direktor eines Ma­rionettentheaters zu erkennen gibt. Allen Ernstes dachte Hoffmann daran, die Marionettenbühne für die Aufführung gewisser Stücke heranzuziehen, die auf demrichtigen" Theater nicht zu voller künst­lerischer Wirkung kommen können, sei es wegen eines zu umfangreichen und kostspieligen Apparates, fei es und dies ist das Wichtigere wegen der Unzulänglichkeit des lebendigen Schauspielers. Daß die an der Schnur gelenkte Puppe dem zwar be­seelten, aber ach oft so vielfach gehemmten Menschen an mimischer Kunst weil überlegen fein kann, hat auf die feinste, tiefsinnigste Weife Heinrich von Klei st in seinem mit Recht viel'bewunderten Auf sag über bas Marionettentheater überzeugend genug aufgezeigt. Es ist hier kein Raum, darzutun, welche Stücke erst auf der Pupperwühne zu voller Wirkung gebracht werden können, daß sich darunter die bedeutendsten Werke der Weltliteratur befinden, mag getrost ausgesprochen werden. Weshalb jedoch in dieser rein literarischen Hinsicht alle Versuche kaum über die allerersten Anfänge hinausgekommen sind, scheint immerhin unbegreiflich. Welche Pro­bleme hier ihrer Lösung zugeführt werden können, ahnt offenbar ein moderner Dramaturg gar nicht.

Man hält eben das Puppenspiel für eine kind­liche oder sogar kindische Angelegenheit. Nur die Menschen, in denen trotz ihrer Reise das Kind noch

lebendig geblieben ist, nämlich die Dichter, haben zu allen Zeiten dem Puppenspiel eine zärtliche Zu­neigung geschenkt. Dafür haben wir genugsam Bei­spiele. Die schönste Puppenspielergeschichte, in wel­cher der ganze geheimnisvolle Zauber dieser Mär­chenwelt am lebendigsten webt, hat wohl Storm mit seinemPole Poppenspöler' geschrieben. Hierin spielt ein Kasperl mit beweglichem Daumen und einer noch beweglicheren Riesennase guasi die Rolle einesfatalen Requisits". Charles Dickens sah in einem italienischen Marionettentheater ein zeit­genössisches Lustspiel, in dem ein Kellner mit un­heimlich beweglichen Augen auftrat. Die Blicke, die er damit in das Publikum warf, blieben dem Be­schauer zeitlebens unvergeßlich.

Auch das Marionettentheater Münchner Künstler unter Paul Branns Leitung (bas auch in Gießen Gastspiele gegeben hat) hat unter feinen Puppen zwei mit beweglichen Augen, und wer wie ich ein­mal den Vorzug patte, Branns stattliche Spielschar im Dämmer seiner kleinen Äulissenwelt in Augen­schein nehmen zu dürfen, der bekommt erst den rechten Begriff von der fubtilen Kunstfertigkeit, die diesen, etwa einen halben Meter hohen Figuren das Dasein schenkten. Noch baumelt der später so springlebendige ANeur mit einer ganzen Armee von Kollegen und Kolleginnen an den Latten des Hintern Gerüsts. Alle sehen aus wie gehängte Ver­brecher, schlapp schlottern die Beinchen, trübselig neigen sich die Köpfchen auf die Brust, und starr stieren diese scharf markierten, grell und ohne Ueber- gang bemalten Physiognomien vor sich hin. Aber nur so lange, bis sie die Schicksalsfaust packt und in das Rampenlicht schwingt. Dann kommt ein un­heimliches Leben über sie, eine Beschwingtheit, ein Temperament, eine Sicherheit, erstaunlich. Das ist Leben, wahres Leben! Und läuft dann da­bei einmal eine Bewegung mit unter, von der man annehmen sollte, sie müßte diese Täuschung wieder aufheben, so gibt ganz im Gegenteil diese erst der Figur jenes ich möchte sagen höhere Leben, welches eben jeden dichterisch-künstlerisch empfinden­den Menschen zum Bewunderer der Marionette macht. Es ist das Leben auf jener anderen Ebene, das uns auch aus den Werken der Romantik an­weht, also ein ganz unnaturalistisches, nicht das­jenige, das uns umgibt. Und doch ist es irgendwie naturwahr, naturwahr im höchsten Sinne und viel überzeugender als das, was der Durchschnittsmensch alsecht" bezeichnet.

Wenn die junge Türkin ßeila inWasif und Akis" ihren anmutigen Leib den Rhythmen des Tanzes überläßt, dann verzichten wir auf die Kunst­leistungen sämtlicher lebendiger Tänzerinnen.Ja, das ist Tanz!" sagen wir hingerissen. Hier ist keine

Ziererei, keine Effektenhascherei und keinerlei Hem­mung. Hier hat die Seele, die bewegende Kraft, den Schwerpunkt nur in der Bewegung gesunden. Wir sind begeistert über ein Leben, das zu leben uns Menschen versagt und offenbar nur den Puppen vorbehalten ist. Da fragt man überwältigt: Wie geschieht bas alles nur, wie wird das gemacht? Und wir, die wir unmittelbar neben den Kulissen, seitlich der kleinen tischartigen Bühne stehen, werfen unfern Blick hoch in die Soffitten hinauf, von wo zahllose Fäden hinablausen, Schicksalsstrahlen, die das Tun und Lassen der kleinen Figuranten leiten. Und da sehen wir hoch droben große Menschengesichter leuch­ten, die sich hinabbeugen über das bewegliche Leben da unten. Da stehen drei, vier Menschen auf der Brücke, die sich hoch hinter dem Bühnenraum auf- baut. Sie lehnen den Oberkörper weit über das Geländer, die Arme halten sie weit vorgestreckt, und mit beiden Händen regieren sie ein kleines Holz- geftell, das sog. Spielkreuz, an dem alle diese Schick­salsfäden jede Puppe hat 12 bis 15 Schnüre, einige sogar weit mehr befestigt sind. Flink, mit unglaublicher Behendigkeit arbeiten die Finger wie auf einem musikalischen Instrument. Hin und her dreht sich das Führungsholz in der einen Hand, während die andere mit den Schnüren spielt. Man begreift beim Anblick dieser unglaublich raschen und sicheren Hantierungen nicht, daß nur durch sie die Puppen da unten auf der hellen Bühne ihre mensch­lichen Bewegungen machen können. Der Laie sieht hier durchaus keinen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung, sondern er sieht da unten die mun­teren Marionetten ihr Wesen treiben und da oben ein paar Menschen, die wie wahnsinnig mit den Händen arbeiten und den lebhaftesten Anteil an dem nehmen, was die kleinen Personen unter ihnen treiben. Die Gesichter der Marionettenspieler spiegeln Freud und Leid, Lieb und Lust, alle Leidenschaften wider, welche da in der Tiefe über die Bühne toben. Ihr Anteil ist so groß, als ob es um ihr eigenes Schicksal ginge. Wie kann das wundemeh- men, wenn man bedenkt, daß alles Schicksal ja in der Bewegung ihrer Hand liegt! Wunderbar ist aber, daß nicht sie, die Spieler, den von ihnen ge­lenkten Puppen die Stimme leihen, sondern daß diese aus den Kulissen heraustönt. Denn seitlich der Bühne stehen die Sprecher. Ihr Rollenheft liegt vor ihnen auf dem Bühnenboden. Mit beiden Händen stützen sie sich auf ihn, strecken ihren Kopf weit zwischen die Kulissen vor und sprechen die Rolle der Marionette mit derselben Lebhaftigkeit und mit der gleichen bewegten Mimik wie der Schauspieler auf der großen Menschenbühne. Nur solch lebhafte Anteilnahme, nur ein solches Aufgehen auch der dem Publikum nicht sichtbaren Akteure in dem Spiel

vermag dann den großen Erfolg zu zeitigen, den solch ein Marionettenspiel bei der entzückten Zuhörer­schaft hat. Und doch ahnt wohl fein einziger dar­unter, welch eine Unsumme von Vorarbeit in diesen Aufführungen steckt. Unter hundert Proben geht es niemals ab.

Es wäre nicht verwunderlich, wenn sich unsere jetzigen dramatischen Dichter, vielleicht veranlaßt durch die Not der großen Theater, auf das Mario­nettenspiel besinnen würden, als letzte Möglichkeit, ihre Stücke in das Rampenlicht zu setzen. Sie wür­den dann zu ihrem Erstaunen die Ueberraschung erleben, die der eine Theaterdirektor E. T. A. Hoff­manns erleben mußte.

Nikita und her Orden.

Unter dem TitelLustige Geschichten vom Balkan" veröffentlichen Velhagen & Sllajings M o - natshefte in ihrem Januarheft neben anderen reizenden Anekdoten eine besonders hübsche aus der Zeit, da noch Nikita der Herr der Schwarzen Berge war. Einst lag in Skutari als österreichische Be­satzungstruppe das 4. Bataillon des k. u. k. Infanterie- Regiments Nr. 87. Wenn einer der Offiziere dieses Bataillons nach Cetinje kam, versäumte König Nikita es nie, ihn zu sich zu befehlen, um ihm einige schmei­chelhafte Worte zu sagen. Denn Nikita ließ keine Gelegenheit oorübergehen, eine Sympathiekund­gebung für Oesterreich anzubringen. Hauptmann K. fuhr eines Tags über Cetinje auf Urlaub nach Wien. Auch er wurde in Audienz befohlen, höchst gnädig empfangen, und beim Abschied heftete ihm Nikita eigenhändig den Heiligen-Anna-Orden 3. Klasse an die Brust. Hauptmann K. erhielt in Wien die Er­laubnis zum Tragen dieser Auszeichnung und ließ sich nach diesem aus Blech mit Similisteinen ver­fertigten Orden einen solchen aus echtem Golde mit echten Steinen anfertigen. Nach Ablauf des Urlaubs meldete er sich stolzgeschwellt auf der Durchreise in Cetinje bei Seiner Majestät. Nikita begrüßte ihn freundlich, fragte nach seinem Befinden und ... plötz­lich blieb ihm der Mund offen. Er blickte ungläubig auf die Brust d-s Hauptmanns, auf dem der Heilige- Anna-Orden in unwahrscheinlichem Glanze leuchtete. Blitzschnell jagten sich die Gedanken im königlichen Haupte, und plötzlich sagte er:Herr Hauptmann! Aber nein ... in der Tat, ein Irrtum! Nein, nein!" und er nahm den schweren goldenen Orden von K.s Brust.Nein, nein!" das ist ja dritte Güte! Natürlich wollte ich Ihnen die zweite Klasse des Heiligen- Anna-Ordens verleihen!" Und er heftete dem Ver­dutzten einen noch größeren, noch bunteren Stern an die Brust, wieder aus dem edlen Blech der Cerna gora.