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5.1.1933 Erstes Blatt
 
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gedrückte Stimmung herrschte viele von ihnen waren empfindlich bestohlen worden. achtete man nicht weiter auf ihr unsicheres, verändertes Wesen: sie Hatte genug mit sich selbst zu tun.

Magdalene war froh, als Genua in Sicht kam.

Dann war das Scyiff im Hafen, legte an. Magdalene hatte Herzklopfen, als fie die Schiffs­treppe emporstieg. Sie passierte anstandslos die Poststelle.

Ihr Gepäck sowie Joes Koffer hatte sie auf den Bahnhof beordert. Sie wolle gleich nach Mailand weiterfahren, hatte sie angegeben, und dort im HotelBristol" wohnen, falls ihre Ge­sellschafterin und ihr Sekretär nach ihr fragen sollten.

In Wirklichkeit dachte Magdalene gar nicht daran, nach Mailand zu fahren. Sie rnustte sich erst einmal über ihre Verhältnisse klar wer­den.

Sie schlenderte durch die Strasten der grosten Stadt, und kam sich vor wie ein vorn Wind ver­wehtes Blatt: sah mit brennenden Augen auf die vielen Menschen, die ein« Sprache redeten, die sie nicht verstand.

Llnhc mlich schienen ihr diese wild gestikulieren­den Männer, di« beweglichen, schwarzen Frauen mit den großen, leuchtenden Augen.

Mutlos schlich Magdalene dahin. Sie hatte eine unerträgliche Angst, jetzt, wo es Abend wurde und wo sie kn die Altstadt gekommen war, die sie mit ihren engen, verwinkelten, schmutzigen Gassen einschloß.

Auf und ab ging es über Brücken und durch unheimliche Torbogen: Wäsche hing zwischen den Häusern, Kinder spielten umher, Katzen lagen zu­sammengerollt vor den Hauseingängen, Männer und Frauen riefen sich Scherzworte zu, laut und kreischend.

Es war unerträglich schwül zwischen diesen hoben, engen Häusern: man konnte beinah nicht mehr atmen. Es schien, als ob sich ein Gewitter vorbereite.

Magdalenes Stirn war feucht von der An­strengung und der Angst, dem ewigen Auf und Ab. Allmählich war man auf die' Fremde auf­merksam geworden.

Braune, halbnackte Kinder traten bettelnd an sie heran, hängten sich an ihren Arm. Doll Ent­setzen fuhr Magdalene zurück, glitt aus und fiel, wobei ihre Tasche in weitem Dogen davonflog. Die Kinder wollten sich schreiend auf die Tasche stürzen.

Erne helle Frauenstimme brachte Magdalene wieder zu sich. Sie sah. wie die Frau auf die Kinder einredete, wie sie ihnen die Tasche entrist. Jetzt wandte sie sich au Magdalene.

Haben Sie sich verletzt?" fragte sie auf deutsch.

S'.e wollte Magdalene beim Aufstehm behilf­lich sein, doch mit einem Wehlaut sank sie wieder in sich zusammen.

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Nichts als ihren Paß hatten ihr die Diebe ge­lassen. Der würde ihr nicht helfen, ihr Vermögen zurückzugewinnen. Sie besäst keinen Ausweis: kein Mensch würde ihr glauben, dast sie die Be­sitzerin des Bankkontos war, wenn |ie mit leeren Händen kam.

Magdalene schluchzt« leise vor sich hin, h.lflos und zerschlagen. Wie leicht war sie den Betrü­gern ins Garn gegangen, wie gründlich hatte fie sich betören lallen!

Sie wustte jetzt, wer das Schiff bestohlen hatte! Lind sie durfte lein Wort darüber verlauten lallen, sonst würde man sie noch als Helfers­helferin verhaften. Niemand würde glauben, dast sie mit den Verbrechern nichts zu tun hatte, dast sie selbst schändlich beraubt worden war.

Verstört sprang Magdalene auf. Wie hätte sie sich rechtfertigen sollen? Man würde sie für eine Hochstaplerin halten, die ihren guten deutsches Damen verleugnet hatte, für die Mit­schuldige der geflohenen Diebe.

Das alles war die Strafe für ihren Hochmut, für ihre Genustsucht. Warum hatte sie nicht auf Mutter Hahn gehört, warum hatte sie ihre mütterlichen Ratschläge in den Wind geschlagen? Sie hatte sofort vor Joe Rowalowska gewarnt, hatte Magdalene vor ihr bewahren wollen. Und Magdalene hatte nicht auf di« warnende Stimme gehört. Jetzt war sie bestraft, so hart bestraft, dast ihr Leben daran zerbrechen würde.

Was nun?

Es handelt« sich jetzt vor allen Dingen darum, nicht den Kopf zu verlieren, sich nichts anmerken zu lassen. Kein Mensch durfte ahnen, dast sie die Diebe kannte, dast sie mit ihnen irgendwie in Verbindung gestanden hatte. Sie rnustte zunächst die bleiben, als die sie auf dorn Schiff galt: d.e reiche Frau.

Es war ein Glück, dast der erste Teil der Relle bis Genua voll bezahlt war. Erst von dort aus sollte die 'Weiterreise bezahlt werden.

Dort würde sie an Land gehen.

Magdalene überlegte, was sie noch besah. Es waren etwa fünfhundert Mark deutsches Geld, «ine kleine Drillantbrosche, ihren grosten Dril- lantanhänger und einen kleinen Ring. Ihre Kler- der und ihre Wäsch« konnte sie nicht rechnen, das war kaum zu verwerten.

In den Stunden, die noch bis zur Ankunft in Genua vergingen, blieb Magdalene meist in ihrer Kabine. Sie erschien nur zu den Mahlzeiten im Speisesaal. Da unter den Passagieren eine sehr

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Ich kann nicht aufstehen!" kam es von ihren Lippen. Ihr« Augen füllten sich mit Tränen.

Sie Aerinste! Kommen Sie, stützen Sie sich fest auf mich und versuchen Sie, auf diese Weise in die Höhe zu kommen."

Es ging nicht, die Schmerzen waren zu groß.

Warten Sie einen Augenblick! Ich rufe um Hilfe."

Die Frau sagte ein paar italienische Worte zu einem der herumstehenden Kinder. Es lief fort, und bald darauf erschien ein großer Mann, der nach einigen verständigenden Worten der Frau Magdalene in die Höhe hob, sie in eines der benachbarten Häuser trug, einige Stockwerke hoch und sie endlich auf ein Sofa bettete.

Ti« fremde Frau stand neben ihr, sagte in ihrer freundlichen und hilfsbereiten Art:

So, jetzt ruhen Sie ein wenig, bis der Doktor kommt. Hoffentlich ist es nichts Schlimmes. Aber «s ist auch unbegreiflich, dast Sie als Fremde allein am Abend durch die Altstadtgassen gehen."

Ich habe mich verlaufen. Ich wollte zum Bahnhof..."

Da sind Sie gerade in der falschen Richtung gegangen. ilebrigenS, ich heiste Edith Calonni."

Wie soll ich Ihnen danken, Frau Calonni! Sie sind so gut zu mir. Ich heiste Magdalene Winter."

Ja, ich brauchte nicht erst Ihren Schreckensruf zu hören, um zu wissen, dast Sie eine Deutsche waren. Ich bin eine Landsmännin von Ihnen, Fräulein Winter. Ich habe meinen Mann in Deutschland kennengelernt, als er dort in Stel­lung war. Ich hatte mich so in ihn verliebt, dast ich nicht zögerte, ihm in das fremde Land zu folgen.

ilnb ich hab« es nicht bereut. Mein Cesare ist sehr gut zu mir, und ich bin sehr glücklich mit ihm. Jetzt bin ich hier ganz zu Hause. Ilnb mit Cesares alter Grostmutter und seiner jungen Schwester Co.etta habe ich mich innig angefreun- det. Ich möchte nicht wieder nach Deutschland zurück."

Magdalene sah die Frau an. Sie mochte etwa vierzig Jahre alt fein, war eine hohe, schlanke Erscheinung, mit glatt gescheiteltem, braunem Haar, durch das sich schon einige Silberfäden zogen. Ihr Teint war zart und gleichmäßig, braun« Augen schauten aufrichtig in die Welt.

Impulsiv streckte Magdalene Edith Calonni die Hand entgegen.

Ich danke Ihnen nochmals, Frau Calonni!"

Plötzlich verzog sie ihr Gesicht. Sie spürte einen heftigen Schmerz am Fuß, sank mit einem Wehlaut zurück. Es war ein Glück, daß in diesem Augenblick der Arzt erschien.

Der Schuh mußte losgeschnitten werden, da es unmöglich war, ihn von dem stark geschwol­lenen Fuß herunterzuziehen. Es stellte sich her­aus, daß der Knöchel gebrochen war. Erst als

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der Arzt einen festen Verband angelegt hatte, wurden die Schmerzen erträglich.

Magdalene beruhigte sich. Zugleich aber trat die Frage an sie heran, was nun aus ihr werden sollte. <$rau Calonni zerschnitt diese llleberlegung mit einem einzigen Wort:

Sie bleiben bei uns, als unser lieber Gast." D ankbare Tränen traten in Magdalenes Augen. So viel Menschenfreundlichkeit hatte sie nicht erwartet.

Einen kleinen Teil ihres Geldes hatte sie unterwegs in einer Wechselstube eingewechselt und sie tonnte den Arzt bezahlen. Sie bat ihn. auch weiterhin die Behandlung des Fußes zu übernehmen. So weit würde ihr Geld ja noch reichen. Sie war zu müde, um zu überlegen, was dann kommen würde.

Als der Arzt gegangen war, kam der Hausherr, Seine Frau erzählte ihm alles, was vorgefalleii war. Er war mit alledem einverstanden, toa8 seine Frau beschlossen hatte, und er richtete freundlich« Begruhungsworte an Magdalene in dem etwas verwirrten Deutsch, das er sich auS seiner deutschen Arbeitszeit gerettet hatte.

Magdalene war beschämt von so viel Herzlich­keit. Aber sie hatte keine Zeit, länger darüber nachzudenken. Man hatte ihr ein Lager berge* richtet, in dem kleinen Zimmer, in dem Cesares Schwester Coletta schlief. Gleich nachdem man sie auf dieses Lager gebettet hatte, war fie einge- schlafen.

Am anderen Morgen erzählte sie Edith Ca- lonni, daß fie ein armes Schreibmaschinenfräulein war, das durch das Los eine kleine Summe ge­wonnen und das Geld zu schönen Kleidern unb einer Italienreise benutzt hatte.

Sie schämte sich, vor dieser einfachen Frau ihr ganzes Schicksal auSxubreiten schämte sich, von ihrem vielen Geld und ihrem Leichtsinn zu erzählen.

Edith Calonni war liebenswürdig und herzlich wie am Tage zuvor, und Magdalene fühlhe sich bald heimisch in ihrem Hause, um so mehr, als auch Cesare und Coletta gute Freundschaft mit dem Gast geschlossen hatten.

Ei« hatte sich die Koffer von der Dahn holen lassen, ohme indes ihre teuren und kostbaren Kleider auszupacken. Rur ihre einfachen Sommer» kleider trug fie; das andere mochte bleiben, wo es war.

Magdalene erfuhr mit der Zeit alles and Edith Calonnis Leben. Sie war die Tochter eines Berliner Portters und hatte Cesare in Berlin tennengelernt. Ihre Eltern waren damit einver­standen, daß Edith ihm nach Italien folgte. Bald nach ihrer Heirat waren beide Eltern kurz nach­einander gestorben, und es gab nichts mehr, das Edith Calonni an Deutschland band.

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