B 518
Yvonnes Geheimnis
Roman von Klothilde von Stegmann
llrheberrechtsschuh: Fünf-Türme-Verlag ■ Halle (Saale)
(Nachdruck verboten.)
1. Kapitel.
Es war an einem lauen Abend des Jahres neunzehnhundertzwanzig.
Mit einem jähen Ruck unterbrach Kurt von See- bura seinen späten Spaziergang. Wer weinte denn da im Dunkeln so herzzerbrechend? Hier im Tiergarten, dicht beim Brandenburger Tor,^wenige Schritte von rasenden Autos, klingelnden Straßcn- bahnen, ratternden Autobussen entfernt? Ach, dort aut der Bank saß, wie ein Häufchen Unglück, in sich zusammengekauert, eine Mädchengestalt. Mit zwei Schritten war Seeburg herangetreten. Lächerlich eigentlich!, dachte er; vielleicht ist der Kleinen der Schatz untreu geworden. Aber er fragte doch:
„Äann ich Ihnen irgendwie behilflich fein, mein Fräulein? Nein, Sie brauchen nicht zu erschrecken! Ich will nur wissen, ob ich irgend etwas für Sie tun kann."
Schluchzend kam die Antwort:
„Nein, Herr Legationsrat! Ich danke Ihnen! Sehr freundlich von Ihnen! Aber da gibt es nichts zu helfen."
„Io, kennen Sie mich denn, mein Fräulein? Und woher?"
Das stoßweise Schluchzen ließ die Worte nur ruckartig hervorkommen:
„Bon der Bayrischen Gesandschaft her, Herr Le- gationsrat! Da war ich bis heute als Sekretärin. Heute hat man mich und drei Kolleginnen vor die Tür gesetzt. Gehalt ausbezahlt. Wir danken — können Sie leider nicht weiterbeschäftigen."
„Aber, liebes Fräulein, wie ist denn dos gekommen? Der Gesandte ist doch ein so gütiger Bor- gesetzter. Haben Sie denn etwas angestellt?"
„Ein Dokument soll fehlen. Wir vier wissen nichts davon. Niemand weiß, wo es hingekommen ist!"
Wieder letzte das Weinen ein.
„Dieser Verdacht, diese Schande ..."
„Seit wann sitzen Sie denn hier, liebes Fräulein? Die Gesandtschaft schließt um sechzehn Uhr und jetzt ist es dreiundzwanzig Uhr. Weshalb gehen Sie denn nicht nach Haufe?"
„Ich schäme mich ja so, und ich traue mich so nicht zur Mutter. Sie weiß ohnehin weder ein noch aus. Vater ist vor acht Wochen gestorben, und wenn jetzt mein Gehalt sortfällt, was soll denn aus uns wer
den?! Dir hoben |a noch die Lost der großen Wohnung." _
Herrn von Seeburg kam erst jetzt zum Bewußtsein, daß das junge Mädchen in tiefe Trauer ge- kleidet war. Das Scheinwerferlicht eines vorbei- rasenden Autos fiel auf ein verweintes, zartes Ge- sichtchen, das noch fast kindlich anmukete. Eine braune Haarsträhne sah unter der kleinen schwarzen Kappe hervor. , _ ,
Ausgeweint hat sie sich ja!, dachte Seeburg, ich muß nun sehen, daß ich das arme Ding von hier fort und nach ihrer Wohnung bekomme.
„Dos hilft alles nichts, Kind", meinte er, „nach Hause müssen Sie gehen. Sie können doch nicht die Nacht über hier sigenbleiben! So ich komme noch ein paar Schritte mit. Wo liegt denn diese schreckliche, große Wohnung?"
Folgsam kam die Antwort: „Mooßenstraße, am Lützowplatz ..."
„Das ist doch eine gute Gegend. Warum geben Sie da nicht ein Zimmer ab, wenn Ihnen die Wohnung zu groß ist, Fräulein?" Er stockte. „Sie kennen zwar meinen Warnen, mein Fräulein — aber ich weiß immer noch nicht, mit wem ick spreche!"
„Irene von Merten!" lautete die Antwort, lieber« rascht fragte Seeburg.
„Don Merten? Sind Sie verwandt mit Franz August von Merten, dem Oberleutnant, der bei den Zietenhusoren gestanden hat und neunzehnhundert, achtzehn gefallen ist?"
„Mein Bruder, Herr Legationsrat!"
„Ihr Bruder? Wissen Sie auch, daß er ein guter Freund von mir war, mein gnädiges Fräulein? Sie müssen noch ein Kind gewesen sein, wie ich Ihren Eltern meine Aufwartung machte, als ich neunzehn- hundertsechzehn auf Kommando in Berlin war. Nun müssen Sie mir natürlich gestatten. Sie bis an Ihr Haus zu begleiten, und bis morgen werde ich mir mal überlegen, ob es nicht einen Weg gibt, Ihnen behilflich zu fein. Aber erzählen Sie mir doch noch einmal ausführlich die Geschichte von dem merkwürdigen Verschwinden dieses Dokuments. Selbstverständlich nur, soweit Sie darüber sprechen dürfen."
„Es handelt sich um eine Reichswehrangelegenheit. Was das Dokument enthielt, weiß ich nicht. Ich habe es nie in der Hand gehabt. In unserem Schreibzimmer ist es allerdings gewesen. Fräulein van Burdach behauptet, es bestimmt in die rote Unterschriftenmappe gelegt zu haben, die mit den anderen Unterschriften dann ins Hauptsekretariat gekommen ist. Dort fehlte das Dokument."
„Wer hat es denn da hingebracht?"
„Das wissen wir eben nicht. Wir haben jetzt mehrere Büroboten und einen jungen Burschen. Die sind alle abwechselnd noch Unterschriftsmappen gekommen. Wer aber gerade diese Mappe abgeholt hat, darauf besinnt sich natürlich niemand."
„Waren denn Fremde im Schreibzimmer oder im Hauptsekretariat?"
„3a, bas ist möglich! Es kommt öfter jemand. Mich hat heute auch ein Vetter einen Augenblick sprechen wollen: Asieyor Malesius", fügte Irene erläuternd hinzu, „er hatte dienstlich vorher etwas in der Ge- sandtfchaft zu erledigen."
„Fatale Geschichte — wird sich aber schon ausklären! Und nun Kopf hoch, mein gnädiges Frau- lein! Meine Empfehlung an die Frau Mama! Ich werde mir morgen erlauben, mich nach Ihrer bei- den Befinden zu erkundigen!" sagte Scedurg, als sie an Irenes Wohnung angelangt waren.
Kurt von Seeburg wartete, bis bas junge Mädchen abgeschlossen hatte und in den Fahrstuhl gestiegen war. Nun ging er über den Lützowplatz, um rechts ins Lützowufer einzubiegen. An der Ecke der Lützowstraße prallte er beinahe mit einem Herrn zusammen, der ihm gleich die Hand entgegenstreckte, als er ihn erkannte.
„Guten Abend, Herr von Seeburg! Hier in der Stadt an diesem schönen Sommerabend?"
„Es war zu spät zum Herausfahren. Und Sie, lieber Miller? Auf der Verbrecherjagd, wie gewöhnlich? Oder ganz undienstlich?"
„Wir Polizeimenschen haben ja immer die Augen offen, Herr Baron! Wenn ich auch nicht im Dienst bin, habe ich doch eben einen interessanten Aufschluß bekommen. Ich habe mich schon lange gewundert, wo dieser Assesior von Malesius — Donnerwetter, das war indiskret —> also, wo dieser junge Mann, den Namen vergesien Sie natürlich, Herr Baron, das Geld zu seiner noblen Lebensführung her hat. Eben habe ich ihn in einen sogenannten geheimen Spielklub gehen sehen. Ich interessiere mich für ihn, weil ich seinen Vater gut kannte. Wir waren sogar befreundet. Aber er starb, als der Junge noch klein war. Der hat sich aber anders entwickelt, als sein Vater gehofft hatte. Aber was haben Sie denn?"
Seeburg war stehen geblieben. Leise pfiff er durch die Zähne.
„Gut, daß selbst ihr Polizeimenschen euch mal verplappert. Sagen Sie mal, Doktor, wissen Sie nicht hier in der Nähe 'ne anständige kleine Wein- ftube, in der man ungestört plaudern kann, und in der ich Sie zu einer Flasche einlaben darf?"
„Wenn ich mich mit der zweiten Flasche revan- chieren darf, Herr Baron, dann brauchen wir nur ein paar Schritte zu gehen; dort können wir ungestörter plaudern, als dem Wirt lieb ist! Aber der Wein ist dort gut?''
Die Herren hatten in einer Ecke des kleinen, braun getäfelten Zimmers Platz genommen. Seeburg trank feinem Gast zu. Der bot ihm Bescheid und sagte:
„Wenn mich nicht alles täuscht, Baron, so hängt Ihr Plauderbedürfnis irgendwie mit der Indiskretion zusammen, die ich vorhin unabsichtlich begangen habe!"
„Sie merken aber auch alles, Doktor! Also: Sie erinnern sich doch des armen Kerls, des Kameraden
Merten, den die Engländer neunzehnhunbertachtzeh« abgeschossen haben?"
„Selbstverständlich! Wenn es einen Menschen gab, um den es mir leid getan hat, bann war Das Merten!"
„Also, lieber Doktor, besten Schwester — ich kannte die Kleine übrigens nicht — sand ich vor einer halben Stunde weinend auf einer Bank am Brandenburger Tor. Meine dumme Gutmütigkeit ging wieder mit mir durch; ich fragte, ob ich ihr irgendwie behilflich sein könnte."
„Bei solchen Ritterdiensten können Sie mal schön anrennen, lieber Baron, wenn Sie auf eine Fremde treffen!"
„Na, furchtsam bin ich ja gerade nicht! Und so leicht bindet keiner mit mir an!"
Seeburg hatte recht. Mil diesem Hünen ließ sich nicht gern jemand im Bösen ein. In seiner statt- lichen Größe von einem Meter achtzig sah er auf die meisten Menschen herab. Die energischen Gesichts- züge paßten zu dem durchtrainierten Körper, die Hellen, blauen Augen, die jetzt leicht ironisch dem Gegenüber zublinzelten, konnten ihren menschenfreundlichen Ausdruck verlieren, stahlhart werden.
Der Kriminaldirektor Miller sah neben Seeburg klein und untersetzt aus; er machte den Eindruck, als ob er ein behäbiger Spießbürger wäre. Doch bie vielen Schmisse auf seiner linken Wange zeigten, daß er einmal seinen Mann gestanden hatte, lieber den grauen Augen hob sich eine gut geformte Stirn mit seltsamen kleinen Vorwölbungen unmittelbar über den Augenbrauen. Die Farbe des kurzgeschorenen Haares war kaum erkennbar, nur an den Seiten schimmerte es tief dunkelblond. Unter einer energisch geformten Nase saß ein ausdrucksvoller Mund. Das Kinn war nicht übermäßig groß, aber senkrecht unl> scharfkantig.
„Also das Mädel heute", fuhr Seeburg fort. „Wek sie war, erfuhr ich erst später. Sie war bis heute als Sekretärin bei der Bayrischen Gesandtschaft. Plötzlich entlassen, mit Drei Kolleginnen zusammen. Grund, ein Dokument soll verschwunden sein. Reichswehrsache. Wie weit wirklich wichtig, mir unbekannt. Die kleine Merten hat es nicht gesehen. Sie scheint völlig unschuldig in die Geschichte hineingekommen zu sein. Zufällig nannte sie in der Erzählung ihren Vetter Malesius. llebrigtns in keinerlei Zusammenhang. Nur drollig, daß Sie eben auch Malesius ermähnten! Den hatte ich selbst heute mit einem dienst- licken Auftrag zur Bayrischen Gesandtschaft geschickt. Ich hielt ihn übrigens für vermögend. Prost!"
„Zum Wohl, Baron!"
„Das ist alles, was Sie Darauf zu sagen haben?* „Ja! In unserem Beruf ist das nämlich so, daß es ganz nebensächlich ist, was unsereiner zu faacn hat. Wichtig ist nur, was unsere verehrten Geschäfts- freunde sagen. Schon deshalb, weil meistens das Gegenteil davon richtig ist."
„Also ist meine ganze schöne Erzählung umsonst gewesen?" (Fortsetzung folgt)
MAGGI5»
Oberhessische Gesellschaft fürNatur-und Heilkunde
Gemeinsame Sitzung beider Abteilungen
Herr Prlvat-Dozent Dr. Ankel:
Ueber die Chromosomentheorie der Vererbung. 7M3l
Zweiter Vortrag am Dienstag, 5. Dezember 1933 um 20.15 Uhr, im Physiologisch. Institut ftenneberg u. Duken, Vorsitzende.
Arbeitsvergebung.
Für die Gemeinde Muschenheim (Kreis Gießen) soll die Herstellung eines Wetter- Durchstichs und hierdurch notwendige Der- schleisungsarbeiten (zusammen 10 130 cbm Erdbewegung) In einem Los vergeben werden.
Pläne und Bedingungen liegen auf der Hessischen Bürgermeisterei zu Müschen- heim zur Einsichtnahme von Interessenten offen. Angebotsoordrucke können sowohl von der Bürgermeisterei Muschenheim als auch von uns, soweit der Vorrat reicht, kostenlos bezogen werden. Erösfnungs- termin: Freitag, den 8. Dezember 1933, vormittags 10 Uhr, auf Dem Rathaus zu Muschenheim. Zuschlagsfrist 3 Wochen, freie Auswahl bleibt ausdrücklich Vorbehalten. 7320V
Gießen, den 30. November 1933. ^Hessisches Kulturbauamt.
I D.: Mangold, Regierungsbaurat.
1.
für das Schuhmacherhandwerk: Mittwoch. den 6. Dezember 1933, nachmittags 3 Uhr. in der Gastwirtschaft Lötz- deyer in Stockheim;
Amtliche Selannimachung des Kreisamts Tübingen.
Die ©rünbungsDerfammlungen Der neu errichteten Zwangsinnungen werden in folgender Weise abgehalten werden:
2. für das Sattler-, Polster- und lapc- zlererhandwerk: Mittwoch, den 8. Dezember 1933, nachmittags 3S Uhr, in Der Gastwirtschaft Hartmann in Stock
heim;
8. für Das Zimmererhandwerk: Samstag, den 9. Dezember 1933, nachmittags 3 Uhr, in Der Gastwirtschaft Lötzbeyer in Stockheim;
4. für Das Schreiner Handwerk: Samstag, den 9. Dezember 1933, nachmittags 3 Uhr, in der Gastwirtschaft Hartmann in Stockheim;
5. für Das Schneider- und Schneiderin- nenhanDwcrk: Montag, den 11. Dezember 1933. vormittags 104 Uhr. im Hotel Fürstenhof in Büdingen
Alle beteiligten Handwerker bzw Handwerkerinnen werden zu Diesen Versammlungen hiermit eingelaDen. 7322C
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Bekanntmachung.
Die Gemeindchundesteuer für das Kalenderjahr 1934 ist wie folgt festgesetzt worden. 7317C
1. wenn der Beginn des Hundebesitzes in die Zeit vor dem 1. Juli fällt.......
2. vom 1. Juli ab ..... .
für jeden Hund.
Für den mehrfachen Hundebesitz Den olgende Zuschläge erhoben:
ür Den zweiten Hund . . .
ür den Dritten HunD. . . . ür Den vierten Hund. . . .
RM. 24,— 12,—
wer- RM. 24,- 48,— 96,—
usw, so daß für jeden weiteren Hund der Zuschlag sich verdoppelt. Die Höhe des Zu
schlags regelt sich wie oben unter 1 und 2 nach dem Zeitabschnitt, in dem der mehrfache Hundebesitz cingetreten ist.
Erhebungsstelle bleibt auch für das Kalenderjahr 1934 Die Stadtkasse Gießen.
Diejenigen hiesigen Einwohner, die im Laufe dieses Jahres Hunde abgeschafft.
aber noch nicht abgcmeldet haben, wollen Dies spätestens bis zum 31. Dezember 1933 entweder mündlich oder schriftlich auf Dem Stadthaus, Bergstraße 20, Zimmer 24, in Der Zeit von 8 bi» 13 Uhr anzeigen. Vordrucke für schriftliche Abmeldungen sind Dort erhältlich. Die Verbindlichkeit zur Entrichtung Der Hundesteuer dauert bei Nichtabmeloung auch im folgenden Jahre, und zwar folange fort, als die entsprechende Anzeige versäumt wird.
Gießen. Den 2 Dezemdre 1933.
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