Ausgabe 
4.12.1933 Drittes Blatt
 
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Mil stolzer Jrende darf ich festflellen. daß unier Betrieb alle diese Stürme dank seiner gesunden Grundlage und der solide« Geschäft»- fuhrung überstanden hat und heute aus seiner vollen höhe ist. Dir unterhalten seht 43 her- stellvngsbelriebe und fünf Sortierfabriken mit

4700 Arbeitern und Angestellten.

Die Absicht, die Erweiterungen hier vorzuneh« men, liegt schon jahrelang zuruck. Wir hätten uns auch jetzt noch nicht zur Ausführung entschließen können, wenn nicht nunmehr durch die A e n b e rung des Regierungssystems uns die Zuversicht gegeben wäre, daß die wirtschaft­liche Entwicklung in Deutschland wieder in g e - sunde Bahnen kommt und auch unser Gewerbe feinen Anteil daran haben wird.

Im Gegensatz zur Firma ist die 1920 errichtete Stiftung der Inflation zum Opfer gefallen. Rur ein sehr bescheidener Aufwertungsbetraa konnte ge­rettet werden. Um die für unsere Arbeiter und Angestellten vorgesehenen Leistungen wieder zu er­möglichen, wurden bereits im ersten Jahre der Stabilisierung der Stiftung erstmalig 50 000 Mark Angeführt. In den darauffolgenden Jahren wurde der Fonds je nach den Geschäftsergebnissen weiter gestärkt und ist heute soweit gefördert, daß

die Summe von einer Million Mark nun über­schrillen ist.

Für diejenigen unserer verehrten Gäste, die den Wortlaut der Stiftung nicht kennen, möchte ich noch

ergänzend bemerke«, daß wir se nach der Dienst­zeit Einzelleistungen von 100, 200 und 200 Mark gewähren, während nach 50jähriger Tätig- keitjederArbeiterAnspruchaufFort- Zahlung eines Drittels seines v r - beitslohnes bis zum Lebensende hat. Für die Festsetzung des Ruhegehalles der Beamten und Anaeftelllcn sind Dienstzeit und Art der Tätig­keit maßgebend.

Ich habe Ihnen mit meinen Ausführungen einen kurzen Ueberblick über den Werdegang meiner Firma gegeben und darf ohne Ueberhebung sagen, daß

das Unlernehme« heute an der Spitze der deut­schen Zigarrenfabrikatiou steht.

Um dieses Ziel trotz der vielfachen Ungunst der Berhällnisse au erreichen, mußten alle Faktoren Aufammenroinen: die Führung, indem sie weitaus- schauenden Blicks die gegebenen Möglichkeiten er­kannte und auszuwirken wußte, die Mitarbeiter, indem sie vertrauensvoll und freudig der Führung Folge leisteteten. So ist es in den 38 Jahren des seitherigen Bestehens gewesen, so wird es auch weiterhin sein. Der alte Geist derZusammen- gehörigkeit wird mit Einzug halten in die neuen Räume und damit der Firma weiteres Ge­deihen und weiteren Aufschwung gewährleisten zum Segen für uns alle. Das walte Gott!

(Schluß des Berichts folgt morgen.)

Aus der Provinzialhauptstadt.

Reichsstattbatter und Gauleiter Sprenger in Gietzen.

Wie mir vom Amt für Aufklärung und Werbung der Gießener Studentenschaft hören, wird Herr Reichsstatthalter und Gauleiter Sprenger am kommenden Mittwochnachmittag in Gießen weilen. Er wird zunächst an der feierlichen (Eröffnung des Kameradschaftshauses im Gießener Studentenhaus am Leihgesterner Weg teilnehmen, anschließend wird er das Institut für politische Erziehung an der Universität Gießen, welches das erste dieser Art in Deutschland ist, eröffnen. Weitere Mitteilungen über den bedeutsamen Tag folgen noch.

Linser neuer ZRomon.

Nachdem wir am Samstag den RomanDoktor Grudes Ehe" von I. Echneider-Foerstt zum Ab­schluß gebracht haben, beginnen mir in der heuti­gen Ausgabe des Gießener Anzeigers mit der Ver­öffentlichung eines neuen großen Romanmerkes, mit dessen Erwerbung mir unseren Leserinnen und Lesern in Stadt und Land eine besondere Dorweih- nachtsfreude zu bereiten hoffen. Dieser Roman roirb sich, roenn nicht alles täuscht, als ein Publikums­schlager von ganz außergemöhnlicher Anziehungs- kraft crmeifen; er heißt:

B 518 * Yvonnes Geheimnis"

von Klothilde von (Stegmann

und ist das erst vor wenigen Wochen zum Abschluß gelangte jüngste Werk der begabten und sehr be­liebten Autorin, aus deren Feder mir früher be­reits im Gießener Anzeiger die RomaneDeiner Hände Werk" undIch hab dir oerziehn" zum Abdruck gebracht Haden; beide werden sicher vielen unserer Leser noch in angenehmer Erinnerung sein. Mit ihrer letzten Arbeit aber hat sich Frau von Stegmann, wie mir glauben, selbst übertroffen: B. 518" ist die ungemein geschickte und glückliche Verbindung eines Spionageromans mit einer Liebesgeschichte von außerordentlicher Spannung, die höchst fesselnd geschriebene und dramatisch ge- steigerte Erzählung vom Kriea im Dunkel, dessen Spieler und Gegenspieler den Leser sofort in Bann chlagen und bis zur letzten Szene nicht mehr frei- ,eben.B 518" bestimmt der letzte, ohne Zwei- el der schönste und höchstwahrscheinlich der erfolg­reichste Roman des Gießener Anzeigers im Jahre 1933!

Beseitigung der Siempelgebühr für Lichtspieltheater.

Aus Darmstadt roirb berichtet: In Hessen be­steht seit vielen Jahren eine Stempelgebühr für Jo- genannte ambulante 23ergnügungsbetriebe, wie Schießbuden, Schifssschaukeln, Karuffels usw. Mit dieser Stempelgebühr waren u. a. auch die frühe­ren sog. Lebenden Bilder belastet, und diese Gebühr wurde auch für die Kinos, die als Nachfolger dieser Lebenden Bilder" in Frage kommen, erhoben. Da die Gebühr nur noch in Hessen bestand, während sie die andern Länder bereits abtzeschafft hatten, wurde sie von den hessischen Kmobesitzern als beson­ders ungerecht empfunden. Die früheren Macht­haber in Hetzen glaubten aber mit Rücksicht auf die Finanzlage auf die Steuer nicht verzichten zu ton­nen. Den Bemühungen des Vorsitzenden des ßan- desverbandes Hetzen und Hessen-Nassau der Licht- spiellheaterbesitzer ist es gelungen, daß diese Stern- pelgebühr, die bereits vorher ermäßigt worden war, vollkommen abgeschafft roirb. Sie roirb ab 1. De- zember 1933 nicht mehr erhoben.

^Deutsche Ruhmesstätten in Württemberg.^

Die Dortragsgerneinschast Goethebund, Kaufmän­nischer Verein und Ortsgeroerbeverein hatte für den Freitag der oergangenen Woche in die Neue Aula der Universität zu einem Vortragsabend eingelaben. Die Heimatrebnerin, Emma K o 11 e - Stuttgart sprach über deutsche Ruhmesstätten in Württemberg. In vielen herrlichen und sehr geschickt kolorierten Bildern erstand das Land, das dem deutschen Va­terland so große kulturelle und ethische Werte ver­mittelte, das Land, das eine Fülle der baulichen Schätze birgt und durch feine Landschaft immer wieder die Besucher aus allen Teilen unseres Vater­landes in feinen Bann zieht.

Der Vortrag führte von Stuttgart aus in das schwäbische Land. Man sah Stuttgarts schöne Bau­werke und Anlagen, die Schlösser (Aufnahmen von dem Brand des alten Schlosses), das Theater, die Gärten zum Neckar und vieles andere mehr. Eß­lingen mit feiner Burg und demDicken Turm", eine ehemalige Kaiserpfalz, war die nächste Station. Eine Fülle liebenswürdigster Schönheit brachten die Bilder von Ludwigsburg, gleichzeitig aber über­raschte hier auch der entfaltete ungeheure Prunk, der durch das farbige Bild zu vollem Leben erweckt war. Nach Marbach führte dann die Reise, zum

Das Ausschlachlen durch Landwirte.

Die SRinifterialabteilunp 3 (Arbeit und Wirtschaft) des Hessischen Staatsministeriums hat zu Nr. A u. W. 45 074, betr.: Das Ausfchlachten durch Land­wirte, nachstehende Verfügung an bk Hetz. Kreis- ämier erlassen:

Vorkommnisse der letzten Zell geben uns Ver­anlassung, auf das Ausjchreiben des Hessischen Mi­nisters für Arbeit und Wirtschaft vom 23. Juni 1927 zu Nr. M. A. W. 8816 erneut hinzuweisen.

Es liegt nicht im Interetze eines berufsftänbischen Aufbaues der Wirtschaft, wenn Erzeuger selbstgezo- genes Vieh in der Absicht schlachten, das anfallende Fleisch und aus chm hergestellte Durst selbst zu verkaufen. Bei der Prüfung der Frage bes ge­rn e r b (i d) e n Eharakters solcher Schlach­tungen ist davon auszugehen, daß in der Regel als gewerbsmäßig jede Schlachtung durch den Er­zeuger anzusehen ist, die zum Zwecke des Verkaufs von Fleisch und Wurst und insbesondere in der Absicht öfterer Wiederholung erfolgt. Auch wo diese Absicht fehlt, ist eine Durchbrechung des erwähnten Grundsatzes zur klaren Scheidung der den einzelnen

Berufsstäichen im neuen Staat obliegenden Aufga­ben nur insoweit zu vertreten, als es die zur Zelt der Landwirtschaft gegenüber gebotene Rücksicht In einzelnen besonders gelagerten fällen erfordert.

2m Einvernehmen mit dem Herrn Landesbauem- Präsidenten empfehlen wir daher, nur bann ein Ausschlachten durch Landwirte als nicht gewerbsmä­ßig ju behandeln, roenn

1) der Landwirt glaubhaft macht, daß er das zu schlachtende Tier nicht zu einem angemessenen Preis abzusetzen vermag,

2) die wirtschaftliche Lage des Landwirts eine der­artige Nvtmaßnahme rechtfertigt,

3) die Genehmigung nur solchen Personen erteilt roirb, die im Hauptberuf Landwirte sind und ihre Lebsucht vorwiegenb' aus chrer eigenen Erzeu­gung bestreiten,

4) es sich um nicht mehr als ein Tier und zwar ein Stück (Kleinvieh) im Kalenderjahr handelt,

5) roenn ein Tier notgeschlachtet werben muß.

gez. Dr. Ära tz.

Häuschen der Familie Schiller, in die Schillersttttre, die in ihrer Schlichtheit ergreifend wirkt. Mark­gröningen und Schwäbisch-Gmünd waren im Bilde estgehalten; die große Feste Rechberg in großartig- ter Lage, erschien als Zeugnis mannhaftesten Deutschtums. Don Schwäbisch-Hall zeigte die Red­nerin die schönsten Partien und wußte außerdem interessant von den berühmt-berüchtigtendrei Zwieträchten" zu erzählen, die Awischen der Büryer- schast und dem Adel in jahrelangen Streitigkeiten gehegt wurden. Die Rednerin führte dann weiter nach dem idyllischen Langenburg, der Heimat Ag­nes Günthers und der Gestalten ihres Ro­mansDie Heilige und ihr Narr": Mergentheim, Schönthal, Heilbronn und Laufen tauchten in cha­rakteristischen Bildern auf. Das herrliche Besigheim ließ deutsche Städtebaukunst in schönstem Beispiel erkennen. Dann aber führte die Reise die Zuhörer im Geiste nach Kloster Maulbronn, das ein einzig­artiges deutsches Baudenkmal ist. Freudenstadt, der Kniebis und die bewaldeten, tief verschneiten Schwarzwaldhöhen offenbarten ihre ganze Schön­heit im winterlichen Schmuck.

Der zweite Teil der Reise im Dortrag begann in Tübingen, und die Rednerin nahm Gelegenheit, besonders auf das schwäbische geistige Leben in die­ser Stadt Bezug zu nehmen. Bebenhausen und sein Zisterzienserkloster tauchten, umgeben von den Wäl­dern des Schönbuch auf; der Weg führte dann nach der Burg Hohenzollern, die, das Land beherrschend, auf hohem Bergeskegel liegt. Das idyllische Horb am Neckar, Reutlingen, mit seinen feinen baulichen Werken, die stolze Burg Liechtenstein, die Hauff zum Schauplatz seiner großen Dichtung machte, der wuchtige Neufen, das klüftige Tal der oberen Do­nau und viele andere landschaftliche Schönheiten wurden lebendig. Die berühmte Zwiefaltener Kirche, das hnnmelstürmende Ulmer Münster, die Kloster­kirchen von Neresheim und Weingarten, beide letz­tere unnachahmliche Prachtbauten des späten Ba­rocks, erstanden in hervorragend schönen Silbern zu märchenhaftem Reiz. Mit Bildern von Fried­richshafen und mit der (Erinnerung an den Genius des Grafen Zeppelin fand der Lichtbildervortrag feinen Abschluß. Der Rednerin wurde stärkster Bei­fall zuteil. Besondere Erwähnung verdienen die Lichtbilder, in denen mit unbeirrbarer Sicherheit bas Wesentliche vollendet künstlerisch erfaßt war.

Neue Vergünstigung der Reichsbahn für Gesellschafter ährten.

Die Reichsbahn hat für Gesellschaftsfahrten, die in die Zeit vom 15. Dezember 19 3 3 bis 15. April 1 934 fallen, die Zugabe von Freikarten erweitert. Wurde seither erst bei min­destens 20 Personen eine Freikarte gewährt, so wird jetzt schon bei 12 Personen ein Teilnehmer frei befördert. Bei größerer Teilnehmerzahl erhöht sich die Zahl der Freikarten entsprechend Die neue

Seraünftigung sieht vor, daß bei 12 bis 19 Er­wachsenen eine Freikarte, bei 20 bis 39 Erwachse­nen zwei Freikarten und bei 40 dis 99 Erwachsenen drei Freikarten gegeben werden. Die Fahrpreis­ermäßigung für Gesellschaftsfahrten beträgt bei 12 bis 50 Erwachsenen 33'/, v. H. und bei mehr als 50 Erwachsenen 40 v. H. Dazu werden die oben angegebenen Freikarten ausgegeben.

Weihnachten tm Güdwestsuak.

Im Südwestsunk werden in dieser Woche als Wei- nachtsdarbietungen gebracht:

Montag, 4. Dezember:

18.35 Uhr:Alte deutsche Adventsgebräuche, Dor­trag. 19.00 Uhr von Leipzig:Der große Gaben­tisch". Ein Hörbericht aus der mitteldeutschen Weih- nachtsinbustrie.

Mittwoch, 6. Dezember:

18.35 Uhr:Sankt Nikolaus ist ein lieber Mann". 19.00 Uhr von Stuttgart:Der Nikolaus kommt" Eine bunte Stunde für jung und alt. 22.45 Uhr von Freiburg:Nikolaus geht durch den Schwarz­wald". Hörbilder aus einem Schwarzwaldtal.

Sonntag. 10. Dezember:

18.00 Uhr:Weihnachtsantiphonen". Gesungen

von den Weißen Vätern in Trier.

Oer vorläufige Steuerbescheid.

In den vom Wirtschaftsprüfer Hermann Will zu Gießen herausgegebenenAktuellen Steuerfra­gen" (Rundschreiben Nr. 23) lesen wir folgenbes:

Der Erlaß eines Steuerbescheides hat für den Pflichtigen nicht nur die unangenehme Wirkung, daß seine Zahlungspflicht festgestcllt wirb, sondern auch die angenehme Wirkung, daß durch den Steuer­bescheid seine Zahlungspflicht nach oben grundsätzlich begrenzt hin soll. Nur bei einem Bekanntwerden neuer Tatsachen und Beweismittel bars eine Be­richtigungsveranlagung erfolgen und auch biese ist in der Regel nur innerhalb des fünfjährigen Ber- jährungszeitraumcs zulässig.

Einige Finanzämter haben diese steuerbegren­zende Wirkung des Veranlagungsbescheides dadurch abzuschwächen versucht, daß sie sormularmäßig jeden Bescheid alsvorläusigen Steuerbescheid" bezeich­neten, wodurch sie insbesondere bei Dornahme einer Buch- und Betriebsprüfung eine unbeschränkte Nachveranlagungsmöglichkeit zu erhalten glaubten. Der Reichsfinanzhof hat aber in ständiger Recht­sprechung dieses Verfahren als Mißbrauch der den Finanzämtern gegebenen Befugnisse gekennze chnet und solchen alsvorläufig" bezeichneten Steuer­bescheiden stets die Wirkung endgültiger Steuer­bescheide beigelegt, wodurch dem Vorbehaltvor- läufig" jede rechtliche Wirkung genommen worden ist. Nur roenn tatsächlich gewisse Besteuerungsgrund­lagen ungewiß sind, kann unter den Doraussetzun- gen des Paragraphen 100 Reichsabgabenordnung ein vorläufiger Steuerbescheid ergehen.

Heideschulmeister Live Karsten"

Lichtspielhaus.

Der berühmte Fontaneiche Sers aus demArchi­bald Douglas", mit dem der Film austlingenb den Beschauer entläßt, kann gleichsam als Motto und Leitmotiv über dem Ganzen stehen:Der ist in tief- {ter Seele treu, wer die Heimat liebt wie du". Die Isa hat mit diesem Film, der in der Herstellungs- gruppe Alfred Zeisler nach dem Roman ,^)eibe- jchulmeister Uwe Karsten" von Felicitas R o s e Bearbeitung: Christian Uhlenbrock gedreht wurde, bewußt die Forderungen einer neuen deut­schen Kulturpolitik auf ihre Arbeit angewendet. Dos geschah einmal mit der Wahl des Stosses, der ganz im Boden der deutschen Heimat wurzelt und der die Liebe zur Heimat als tragendes und beherrschendes Motiv der Handlung gestaltet: zum andern aber m.t der Einführung der Landschaft, die hier, was früher selten geschah, nicht als ein zufälliger, begleitender, nebensächlicher oder allenfalls stimmunggebender Faktor behandelt wird, sondern als ein gewichtiges, gleichsam mitspielendes Stilelement, das die breite und feste Grundlage abgibt, auf der die Handlung sich aufbaul. Der Spielleiter Carl Hein,; Wolfs hat die dankbaren neuartigen Möglichkeiten erkannt, die das Drehbuch ihm anbot, und in der Tat hat er mit der Erschließung und Durchdringung des land­schaftlichen Elementes die schönste und nachhaltigste Wirkung seiner Regiearbeit erzielt: ep hat die Heide- landsck-aft, die durch Hermann Löns recht eigenllich für das deutsche Schrifttum unserer Zeit gewonnen wurde, in schonen, weiträumig photographierten und panoramaartig abrollenden Bildern eingesanqen und dem Film damit seinen eigentümlichen Cha- ratter gegeben. Die Schwierigkeiten, die nicht allent- Jiatben bewältigt wurden, ergaben sich, wie früher chon so oft, in der Herkunft des Drehbuchs aus der literarischen Vorlage: man spürt steNenweise, daß der Film vom Roman abhängig ist: die epische Form der Vorgänge macht sich, besonders in der ersten Hälfte des Strebens, noch bemerkbar Gut aber und csiucklich gelöst im Sinne eines neuen deutschen Filmschaffens ist der liedhafte, volkstüm- Ache, naturhafte Grundzug, der die Handlung ent­schieden auszeichnet, auch wenn sie kontrastierend aus der Heideeinsamkeit in die große und groß- städtische Welt hanseatischen Patriziertumes hinüber- wechselt. Die Besetzung ist dem Stil unb der Stim­mung des Werke? geschickt angegltchen. Den Heide schulmeister gibt Hans Sch 1 enck ipmpafhtld) männ- ich mit wortkarg verhaltenem Gefühl 21's Ursula sieht man Marianne Hoppe die von der Bühne zum Film überging: sie trifft mit ihrem klaren

und ruhigem Gesicht und einer gewissen herben Kühle in Haltung und Ausdruck genau den nord­deutschen Menschenschlag und Lolkscharakter, der hier gemeint war. Heinrich Heilinger entwickelt scharf und knapp den brutalen und haltlosen Spekulanten Heinsius. Brigitte H o r n e y, Olga Tschechowa, Waller S t e i n b e cf, Günther Ballier, Ernst Behmer und Paul Henkels stehen in den übrigen Rollen tüchtig an ihrem Platz. Der fjilm läuft seit Sonntag im Licht­spielhaus; im Beiprogramm sieht man u. a. interessante Ausnahmen von Laich und Leuten in Norwegen, der Heimat Peer Gynts.

Leutnant Fiedeborn.

Don ßand Henning Freiherrn Grote.

Auf dem freien Platze vor dem Schlosse Sans­souci wartete die Wachtkompanie. Aufmerksam hielt der Hauptmann Ausschau, denn jeden Augenblick konnte der König heraustreten Am rechten Flügel der Leutnant Fiedeborn. Das Gesicht mit den nach­denklichen Augen, den drei Falten auf der kantigen Stirn zeugte weniger von einem Soldaten denn von einem gelehrten Stubenhocker.

Dem Leutnant Fiedeborn war heute nicht wohl in seiner Haut. Sein Freund, der Adjutant, hatte es ihm gesteckte Im Rapport an den König be­richtete der Regimentskommandeur:Der Leutnant Fiedeborn ist ein schlechter Soldat, aber ein guter Dichter." Und im heutigen Wachtbesehl war aus­drücklich von des Honigs Hand bemerkt worden: Will den Fiedeborn sehen!"

Die Uhr tat den ersten Schlag. Durch die klare Winterlust schwang der Schall deutlich bis zu der harrenden Truppe. Pünktlich mit dem zwölften Schlage sah man den König. Kommandos hieben zusammen, starr stand die Front, an der Friedrich, leicht auf den Krückstock gestützt, langsam hinunter- schritt.

Schon glaubte der Leutnant Fiedeborn, der Kelch würde noch einmal an ihm Vorbeigehen. Denn nur von obenhin, gleichgültig war des Königs blaues Augenpaar an ihm vorübergeglitten, suchte schon i n nächsten Grenadier, und suchte so mit dem lang­samen Gang Mann nach Mann. Jetzt wandte sich Friedrich vor die Front der Kompanie, winkte den Hauptmann näher und sprach ein kurzes Wort. Da wußte Leutnant Fiedeborn mit Entsetzen, daß der toiirfel gefallen sei, und schon hallte auch ein be­fehlender Rus: .Leutnant Fiedeborn zu Seiner Majestät!"

Nun hilft es nichts! dachte der Leutnant und sühtte plötzlich den Mut der Lerzweislung. Mehr

als den Kopf kann es nicht kosten, und dichten tut e r auch. In straffer Haltung trat er vor den Könitz.

Friedrich musterte den Befohlenen nicht ungnä­dig. In seinem sonst ewig ftrengen und verschlosse­nen Blick, dem niemand zu widerstehen vermochte, kam so etwas wie ein fröhliches Lächeln. Aber schon schob es der König wieder in das Verborgene zurück, herrschte den Leutnant an:Mir ist rappor­tiert worden, daß Er Verse macht... geb Er Ant­wort, ob bas schicklich sei für einen Soldaten?"

Leutnant Fiedeborn ahnte, daß jetzt seine Stunde gekommen sei; ohne feine straffe Haltung zu ver­ändern, sprach er unverzüglich: ,Lch weiß, daß Seine Majestät der beste Soldat Preußens ift!"

Neben ihm der Hauptmann wankte. War der stille Fiedeborn verrückt geworden, daß er solche Antwort wagte? Aber den König schien die An­spielung des Offiziers auf feine eigene Dichtkunst hochsttich zu belustigen.Er scheint keine Angst zu haben", sagte Friedrich langsam und nachdenklich, und Er kann seine fortune meichen, roenn Er's weiter so hält." Unvermittelt fuhr (ein Krückstock hoch, tippte dem Leutnant auf die Brust.Also reite Er mal los und mache mir auf der Stelle einen Vers!"

3u Befehl!" sagte der Leutnant Fiedeborn und stand noch ftrammer denn zuvor, als er jetzt munter reimte:

Gott sprach in feinem Zorn:

Der Leutnant Fiedeborn Soll als Soldat auf Erden Nie mehr als Leutnant werden."

Da war das fröhliche Lächeln wieder in Fried­richs Augen.Eh Dien, sprach der König,nicht schlecht gedichtet, aber was Er von dem lieben Gott meint, glaube ich nicht. Denn in meinem Regiment befehle ich ganz allein, und deshals avanciert Er mir auf der Stelle zum Hauptmann!"

Der Leutnant Fiedeborn wußte nicht, wie ihm geschah, und der Hauptmann, der ein schlimme» Strafgericht erwartet hatte, noch weit weniger; es war ein Glück, daß der König ihn in diesem Augen­blick nicht ansah, sondern forderte:Also, Haupt- mann Fiedeborn, mache Er mir geschwind noch einen zweiten Vers!"

Wenn Friedrich geglaubt hatte, das unerwartete Glück würde die Reimkunst bes jungen Offiziers versiegen lassen, so sah er sich gröblich getäuscht. Denn auch jetzt beburfte der neugebackene Haupt­mann nicht eines Augenblickes der Ueberlegung, sondern sprach entschlossen

Der Zorn bat sich gewandt, Hauptmann bin ich genannt; Doch bätt ich Equipage, Hätt ich auch mehr Courage."

Da ließ der König cm kurzes trockenes Lachen hören und hob die Hand. ,Hch sehe schon. Er kann noch viel besser dichten als ich, jedenfalls ist Er recht vive dabei, und darum soll Er auch seine Haupt- manns-Equipage von mir haben. Doch nun laste Er die Reimerei ichan sein, einen dritten Sers will ich nicht mehr Horen, denn sonst will Er mit einem Mal König werden und ich dars Leutnant sein."

3eiffd>nften.

In der Dezember-Nummer von Wester- manns Monatsheften entwickelt Dr. 9t Henrici von der Reichsleitung des Arbellsdienstes das Entstehen des Gemeinschastsgedankens aus dem Gerneinschastserlebnis des Krieges und aus der in­neren und äußeren Not der Nachkriegszeit. Auf dem so gewachsenen unb gefestigten Gedanken und Gefühl Der Gemeinschaft ruhl der Arbeitsdienst. Dr. Hellmuth Langenducher zeigt an Beispielen we­sentlicher Romane, wo der neue Mittelpunkt unse­res fieb-ns gesucht wird: in der Ewigkeit der Erbe, in ber Kraft reinen Ledens unb reiner Seele. Diese Arbeit ist ber Anfang einer regelmäßigen Folge von kritischen Beiträgen, bie d^m Aufbau de» neuen deutschen Stristtums grundsätzlich dienen sollen. Aus dem Dezemberheft sind weiter zu n-nnen: brr An­fang bes neuen Romans von Ernst WiechrrtDie Ma'vrin",Nordische Weihnacht" von Dr. 8 O. Plahmann unb die Plauderei fber unsere deutsch n Familiennamen von Hjalmar KutzlebMüller unb Schulze".

6o*fd>ulno*ridtftiL

Professor Dr. Erwin Baur, ber bekannte Der- erbungsiorscher unb Direktor bes Kaiser-Wilhelm- Institutes für Züchtungsforschung in Müncheberg (Mark), ist am Sonntag im Alter von 58 Jahren an den Folgen einer Angina gestorben. In Baur, ber 1875 in Ichenheim in Baden als Sohn eines Avotbekers geboren wurde, verliert die deut­sche Wissenschaft einen G'lehrten, ber insbesond re auf ben ®:bieten ber Pflanzenzüchtung, Rassen- Hygiene und Erblichkeitslehre Hervorragendes ge­leistet bat. Durch (eine Arbeiten ist z. B. der deut­schen Landwirtschaft die Möallchkell gegeben wor­den, sich von dem Bezug ausländischer Eiweißfutter- mittel unabhängig zu machen. Baur habilitierte (ich 1904 in Berlin und wurde 1911 Ordinarius an der Berliner Landwirtschaftlichen Hochschule, von seinen Arbeiten nennen rott:Einführung in die erperi- menteQe vererbenaslehre" unbWissenschaftliche Bruoblagen der Pflanzenzüchtung". Baur war auch Herausgeber ber .Zeitschrift für induktive Lbstan'- mungs» und Vererbungslehre".