Nr. 284 Drittes Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Montag, 4. Dezember 1935
Die Front des Verwaltungsgebäudes (ganz rechts der Anbau).
tigften Voraussetzungen für gedeihliches Schaffen der Mitarbeiter. Neben dem Hauptbüro befinden sich in großer Zahl weitere Vuroräume für Spe- zialzwecke, u. a. ein besonderes Diktierzimmer, ein Zimmer für den Schreibmaschinenbetrieb, eine mo» dern ausgestattete Maschinenbuchhaltung, die große Kartothek, die Registratur, Anmelde- und Warte- räume, eine in modernster Weise heryestellte große Tresoranlage usw usw. Sämtliche Räume sind in neuzeitlichster Weise mit gutem Geschmack für Raumgestaltung hergerichtet und ehren den Dau. Herrn und den Architekten in gleicher Weise ob des vortrefflich gelungenen Werkes. Das gleiche ist von dem geschmackvoll und gediegen ausgestatteten Konferenzzimmer und den Kleiderablagen, ' sowie sonstigen Einrichtungen für die Angestelltenschaft, so- wie dem Treppenhaus usw. zu sagen.
Als Ganzes gesehen ist festzusteUen, daß die Er« weiterungsbauten auf die zahlreichen Gäste — unter denen sich u. a als Vertreter der Kreisleitung der NSDAP. Gießen Herr Oberingenieur, Stadt- ratsmitglied und SA.-Reseroe-Sturmbannadjutant Kurz, sowie viele hervorragende Persönlichkeiten von auswärts befanden — den besten Eindruck machten und mit Recht allgemeine Anerkennung für die Firma und den Architekten auslösten.
Ein Fest her Arbeit in Heuchelheim.
Fabrikfeier in her Zigarrenfabrik von Rinn & Cloos anläßlich her Fertigstellung von Erweiterungsbauten. — Eindrucksvolle Bekundung des Gemeinschaftsgeistes zwischen Werkleitung und Belegschast.
Gründer und Seniorchef der Firma Rinn & Cloos, Herrn Ludwig Rinn, durch die Umbenennung des bisherigen Sandwegs, an dem das Unterneh- schäft entspricht, konnte man am Samstagabend während der Fabrikfeier bei der Bekanntgabe der Ehrung durch den Ortsbürgermeister R i n n an dem stürmischen Beifall der etwa 700 Köpfe starken Fest- oersammlung bemerken. Diese berechtigte Ehrung des Mannes, auf den das wirtschaftliche Wohlergehen einer Gesamtbelegschaft von rund 4700 Personen in allen Betrieben der Rinn & Cloosschen
Buntheit der Etikettenschmuck für die Zigarrenkistchen zu sehen war. Nach dem Durchschreiten des großen Packraumes mit anschließender Verladerampe und weiterer Betriebsräume nahmen die Gäste die ebenfalls unter der Gefamtbauleitung des feit vielen Jahren mit der Firma arbeitenden Architekten K ö ft e r durch Um- und Erweiterungsbau geschaffenen Räume der kaufmännifchen Verwaltung in Augenschein. Auch hier kommt in jeder Hinsicht die wohlüberlegte und weitgehende Fürsorge für die Schaffung bester räumlicher und hygienischer Arbeitsverhältnisse für alle Teile zur Geltung Das über 30 Meter lange Hauptbüro ist voll Licht und Luft und erfüllt damit eine der wich-
In der Lokalgeschichte unseres Nachbarortes Heuchelheim wird der Samstag, 2. Dezember 1933, als ein besonders bemerkenswerter Tag für alle Zeiten ausgezeichnet bleiben. An diesem Tage beging nämlich das weithin in der ganzen Welt be- kannte und berühmte Unternehmen, das den Ort Heuchelheim bei Gießen überall bekannt werden ließ, die Zigarrenfabrik Rinn & Cloos die Fertigstellung ihrer großzügigen Erweiterungsbauten, die nicht nur für die Firma einen neuen Markstein ihrer Entwicklung bedeuten, sondern auch
olle Familien des Ortes Heuchelheim, aus denen Angehörige in dem Betriebe Arbeit und Brot finden, in gleicher Weise angehen. Diese innige Verbundenheit des Unternehmens von bestem WeUruf mit der Gemeinde Heuchelheim und allen ihren Einwohnern ist es, die den Tag für beide Teile zur besonderen Denkwürdigkeit macht.
Die enge Gemeinschaft fand ihre eindrucksvolle Bekundung am Samstag bei der von der Firma Rinn & Cloos veranstalteten Fabrikfeier nicht nur in der außerordentlich starken Beteiligung men liegt, auf den Namen Ludwig-Rinn- Straße bereitete. Wie sehr diese (Ehrung des um das Wohl von Heuchelheim in hohem Maße verdienten Fabrikherrn der Meinung der Einwohnerder Heuchelheimer Belegschaft des Unternehmens, sondern auch in der wohlverdienten und gebührenden Ehrung, die der Heuchelheimer Gemeinderat als Vertreter der gesamten Gemeinde dem
Fabriken zurückzuführen ist und der in seiner Person den Typ des für alle seine Mitarbeiter in höchstem Maße sich verantwortlich fühlenden fürforgen- den Chefs und Wirtschaftsführers verkörpert, ist auch um deswellen besonders hervorzuheben, als eine außerordentlich verständnislose und kurzsichtige Kirchturmspolitik des bis zum nationalen Umbruch unserer Nation gerade in Heuchelheim herrschenden Marxismus diesem großzügig denkenden und sozial gesinnten Manne das Leben und Arbeiten besonders sauer gemacht hat. Die Ehrung Ludwig Rinns wird aber auch weit über Heuchelheims Ortsgrenzen hinaus Beachtung und Zustimmung finden, da Herr Rinn nicht nur als oberster Leiter seiner Betriebe, sondern auch als früherer Präsident der Industrie- und Handelskammer Gießen im Gesamt- wirtschaftsleben an hervorragender Stelle verdienstvoll zu wirken berufen war.
Der große neugeschaffene Saal der Sortiererei.
Oie Werkgemeinschast
Während des Besichtigungsganges der Gäste nahm auf dem Fabrikhofe und auf der Straße vor dem Grundstück die große Menge der Belegschaft, mit vielen Lampions ausgerüstet und einer Musik- kapelle an der Spitze, Aufstellung, um unter Führung der Werkleitung und in Begleitung der Gäste gemeinsam nach der Turnhalle zu marschieren, wo die F a b r l k f e i e r unter Teilnahme von etwa
700 Personen stattfand. Bei dem Marsche durch bil Ortsstraßen sah man allenthalben starkes Interesse der in großer Zahl auf den Straßen als Zuschauer versammelten Ortsbewohner.
In der Turnhalle wurde die Feier in sinniger Weise mit den Klängen des Chorals „Lobe den Herrn" durch eine Kapelle eingeleitet. Darauf kam sofort der Höhepunkt der Feier, die
GedenkansprachedesGründersundSemorchchLudwigRinn
Ein Gang durch den Beirieb.
Die Fabrikfeier am Samstagabend wurde durch einen Besichtigungsgang der geladenen Gäste durch das Unternehmen eingeleitet. Voll staunender Bewunderung stand man dabei allenthalben vor der Größe dessen, was hier durch kühnen Unternehmergeist, weitblickende und verantwortungsbewußte Tatbereitschaft, sowie durch die weitgehende Schaffung aller hygienifchen Einrichtungen im Interesse der Belegschaft und des gesamten Betriebs erstanden ist. Zunächst konnte man sich in dem durch Erweiterung aus rund 1100 Quadratmeter Fläche und 4000 Kubikmeter Luftinhalt vergrößerten Sor- t i e r s a a l umsehen, in dem bis 150 Menschen beschäftigt werden können. Besonders bemerkenswert erschienen uns hier die auf allen neuzeitlichen Errungenschaften fußende automatische Klimatisierungs- anlage, die für den Aufenthalt in diesem Arbeitssaale gute hygienische und auch für das Material zuträgliche Verhältnisse ermöglicht. Anschließend sah
man den Saal für den Zigarrenkistchenbau, in dem man eine Vorstellung davon gewann, was allein auf diesem Gebiete an weitreichenden Arbeitsmöglichkeiten vorhanden ist. Weiter ging es durch die Fertigmacherei und das Fertig- lager, wo man in einem weiten Raume, zwei Stockwerk hoch aufgestapelt, die fertige Zigarrenfabrikation in den verschiedenartigsten Qualitäten und Kistchen, aber unter gleicher fürsorglicher Pflege des Produkts sehen konnte; es war einfach unmöglich, auch nur schätzungsweise ohne Zuhilfenahme der Lagerbücher den Fragestellern zu sagen, wie- viele Zehntausende von Zigarren in diesem Raume des Versands harrten, und doch hatte man es hier nur mit einem kleinen Ausschnitt der Gesamtproduktion des Rinn LCloosschen Werkes zu tun. Ebenso eindrucksvoll wie die Umschau in diesem riesigen Lagersaale war ein Blick auf die große Etikettenabteilung, in der in vielfältigster
Der große neuzeitliche Büroraum.
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Wir haben unsere heutige Feier mit dem Choral „Lobe den Herren" eröffnet und wollen damit bekennen, daß wir Gott Dank wissen dafür, daß wir heute feiern dürfen. Es ist mir eine Freude, Sie in so großer Anzahl hier begrüßen zu können. Ich heiße Sie herzlich willkommen und gebe dem Wunsch Ausdruck, daß der heutige Abend Ihnen allen in freundlicher Erinnerung bleiben möge.
Den Anlaß für die heutige Fabrikfeier gab die Fertigstellung unserer umfangreichen Neu- und Umbauten. Ich benutze gerne diese Gelegenheit, gleich an dieser Stelle allen denen herzlich zu danken, die daran mitgewirkt haben. Ich nenne hierbei in erster Linie unsere altbewährte Bauleitung, ich nenne die zahlreichen Unternehmer mit allen ihren Hilfskräften und hebe besonders hervor, daß auch innerhalb meiner Firma so viele Mitarbeiter während der störenden Bauzeit freudig Mehrarbeit geleistet und mancherlei Unbequemlichkeiten als selbstverständlich in Kauf genommen haben. Ein ganz besonders herz- licher Dank soll der verehrlichen Gemeindevertretung abgestattet sein. Nur durch das verständnisvolle Eingehen auf unsere Wünsche war uns die Bauausführung in der geschehenen Weise möglich. Ich bin überzeugt, daß der Gemeinde Heuchelheim diese Erweiterung zum Vorteil gereichen wird.
Ich halte es für angebracht, Ihnen bei dieser Feier einen Ueberblick über die Entwicklung der Firma zu geben und bitte dabei zu beachten, daß ich natürlich nicht Einzelheiten ausführen kann, da dies zu lange Zeit in Anspruch nehmen würde.
Die Gründung erfolgte am 8. Juni 1895 mit etwa 60 Arbeitern.
Der Tag wurde mit einer größeren Feier begangen, an der die Gemeindevertretung und zahlreiche Gäste tellnahmen Die Entwicklung des jungen Unternehmens war überaus günstig. Schon vor Ablauf des ersten Jahres mußten Erweiterungen vorgenommen werden, und sehr schnell wuchs die Arbeiterzahl auf einige Hundert an. Es schien rätselhaft, wie eine vollkommen unbekannte und an einem kleinen Ort gegründete Firma so schnell und so erfolgreich sich ausdehnen konnte. Schon 1898 erfolgte die erste Filialgründung in Wißmar, 1899 der Ankauf der Firma Busch 8- Mylius. Nun tarnen in rascher Folge Filialgründungen und Ankäufe hinzu. Als wichtigen Abschnitt in der Entwicklung erwähne ich die 1907 errichtete Filialso b r i k in Brotterode in Thüringen, wichtig deshalb, weil hier zum erstenmal Dennalzigarren hergestellt wurden und damit der Grundstein für die feinere Qualitätsfabrikation geleat wurde. Diese Pennalzigarren sanden einen so großen Abnehmer- kreis, daß im Laufe der Jahre allein in diesem Fabrikationszweig 1200 Arbeiter beschäftigt wer- den konnten.
So ist eine beispiellose Entwicklung in ununterbrochener Folge bis zum Kriegsausbruch feft- zuflellen.
Als besonderes Zeichen für die Beliebtheit, die den R. 8i C.-Fabrikaten schon damals in Verbraucher« kreisen entgegengebracht wurde, mochte ich anrüfo« ren, daß mit den Ende Mai 1914 vorliegenden Aufträgen Beschäftigung für das ganze Jahr gegeben war. Diese günstige Entwicklung wurde durch den Kriegsausbruch gestört, und auch der durch den Krieg verursachte gesteigerte Bedarf konnte für unsere Firma fein Vorteil fein, da keinerlei Lagervorräte vorhanden waren. Die später folgende Kontingentierung brachte empfindliche Rückschläge. Das Fabrikat konnte die seitherige Ausnahmestellung nicht mehr einnehmen, da die Rohstoffe von einer Verteilungsstelle aus zugewiesen wurden. Dies war für eine Spezialfabrikation wie die unserige, die nur auf Sandblatt eingestellt war, außerordentlich hemmend. Trotzdem haben wir die Qualität auch in dieser Zeit auf einer überragenden Hohe gehalten. Diese Leistung wurde besonders von Kriegsteilnehmern hundertfältig anerkannt, und wir find stolz darauf, daß uns Lieferungen für das Hauptquartier übertragen und bis zum Kriegsende belassen wurden. Auch von dieser Stelle wurde uns wärmste Anerkennung zuteil.
Im Jahre 1917 schied nach freundschaftlicher Der- einbarung mein Teilhaber Kommerzienrat Cloos aus. 1920 konnten wir bei außergewöhnlicher Beteiligung — auch ganz besonders von Abnehmerkreisen — das 25. Jubiläum feiern. Aus diesem Anlaß errichteten wir eine Pensionskasse mit 1 Million Mark, die nach den damaligen Vorschriften bei zwei mündelsicheren Banken angelegt werden mußten. In dem gleichen Jahr — am 20. November — wurde die offene Handelsgesellschaft in eine Aktiengesellschaft umgewandelt.
Das Aktienkapital betrug 3 Millionen Mark und ist trotz Inflation bis ;um heutiaen Tage nicht geändert worden und im Familienbesih geblieben.
Die nun folgende Zeit war für uns unglaublich schwer, und es kostete gewaltige Anstrengungen, dar- über Hinwegzukommen. Die nicht scharf genug zu verurteilende Politik der damaligen Regierung machte es den Unternehmern unmöglich, auf weite Sicht zu bteoonieren. Oft mußten von heute auf morgen Entscheidungen getroffen werden, deren Tragweite sich nicht im geringsten öorausfeben ließ. Die planlose Ausgabenwirtschoft zwana zu neuen Steuergueüen So wurde am 1. Januar 1931 der Zoll für Rohtabak von 80 Pfennig auf 1,80 Mark nro Pfund und die Banderolenabgabe von 20 v. H. des Kleinverkaufspreises auf 23 v. H. erhöht. Und dies alles in einer Zeit der sinkenden Kaufkraft!
Die schwierige Lage des Gewerbes zwang zu einem selbstmörderischen Konkurrenzkampf, dem zahlreiche, zum Teil alte und solide Firmen zum Opfer gefallen sind. Dazu kam die anhaltende Krise der letzten Jahre, die das schon geschwächte und notleidende Gewerbe ganz besonders hart traf.


