Ausgabe 
4.11.1933 Drittes Blatt
 
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Doktor Gmdes Ehe.

Originalroman von 3- Schneider-Zoerfil.

8. Fortsetzung. Nachdruck oerboten!

Lena wurde rot und sah zu ihrem Chef hinüber. 3d) bleibe bei Ihnen, Herr Dokwr! Ich heirate nicht!"

Das ist brav!" lobte Grude. ,Hch wüßte auch gar nicht, was ich ohne Sie anfangen sollte. Nein, wirk­lich, Lena! Sie brauchen nicht davonzulaufen!" rief er ihr nach. Aber sie war schon an der Tür, angeblich, um in der Küche nach dem Rechten zu seinen.

Dick wurde plötzlich ernst. ,Zch weiß net! Ich glaub', wann ich so eine Frau hält' hatte ich gar keine Angst vor dem Leben mehr."

Hast du wirklich Angst?" frug Madien und zer­krümelte dabei gedankenlos den letzten Rest ihres Weißbrotes.

Dick nickte gequält.Manchmal ja. Bei Tag' hab ich gar keine Furcht! Aber abends, wann ich dann z' Haus komm, und ist alles so kirchenstill, und ich hör' bloß mein Herz schlagen das meine ganz allein und gar kein anderes, das mit da­gegenschlagt, dann wird mir's immer unheimlich. Iessas, jetzt hab' ich eine Dummheit g'sagt! Und was für eine! Geh, Felitsche, sei liab! Ich red' nix solches mehr! Auf Ehre! Kein einzig's solches Wort! red' ich nimmer."

Aber Grude war schon aufgestanden und hinaus- gegangen.

Montrey war ganz Zerknirschung. Wann er die Lena nehmen töt?

Madlens Gesicht war blaß. Ihre Augen blickten voll Hatz zu Dick hinüber. Aber Wellenberg sah es nicht. Er war zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Und mit dem, was Montrey gesagt hatte. An das hatte er nicht gedacht, daß Grude einmal in die Lage kom­men könnte, seine Assistentin zu heiraten.

Lena Moore war wirklich ein wertvoller Mensch. Keine von den modernen Frauen, die zu flirten und zu schäkern begannen, wenn sich ihnen ein Mann nur auf Schrittweite näherte.

Dick halle sich inzwischen ans Klavier gesetzt und spielte einen Schlager:Meinem Mädel aus Wien hab' ich Rosen geschickt". Blödsinnig, daß ihm heute lauter dummes Zeug einfiel. Aber jeder gab sich anders, wenn ihm das Wasser bis an den Hals ging. Wenn es Grude nicht mehr glückte, mit dem Leben fertig zu werden, legte er sich wahrscheinlich auf den Diwan seines Ordinationszimmers und nahm ein Pülverchen, oder er lief in irgendeine weltabgeschie­dene Anlage und jagte sich eine Kugel ins Gehirn und er: Dick Montrey hm

Er nahm Lena die Gläser, welche sie hereinbrachte, aus der Hand, stellte sie vorsichtig auf den Tisch und schwang eins davon hoch:Auf das Leben, Felix!"

Madlen steß mit ihm an, ohne den Blick zu heben.

Man trennte sich spät. Wellenberg war sehr zu- frieden mit der Schwester. Sie halle sich brav ge- halten. Es hatte sich nicht das Geringste ergeben, worüber er sie hätte tadeln müssen.

Gegen zwei Uhr riß das Telephon Grude aus dem ersten dumpfen Halbschlummer. Dom Belle aus streckte er den Arm nach dem Hörer am Nachttisch. Hier Dr. Grude!"

Eine fremde Stimme schrie in Erregung.

Bitte kommen Sie sofort, Herr Doktor!"

Wohin?"

Salzgasse Nummer 26, vierter Stock. Mein Zirm merherr, Hauptmann Montrey, hat sich erschossen."

Für den Bruchteil einer Sekunde war Grude wie gelähmt. Dann schnellte er aus dem Bett und riß an der Klingel, die nach Lenas Zimmer führte.

Das grelle Licht der Scheinwerfer flitzte an den Häuserreihen entlang. An jeder Kurve fühlte sich Lena Moore in die Ecke geworfen, so scharf wurden sie von Grude genommen--.Dick hat sich er­schossen! --Dick hat sich erschossen!"

Lor zwei Stunden noch hatte er ihm im Halbdunkel des Flurs die Hand gedrückt.Behüt' dich Gott, mein Alter!" und dann ein übermütiges Lachen. 3ft eine Schänd'! Jetzt fürcht' ich mich schon wieder vorm z'Hauskommen. Fräul'n Lena, möcht'ns nicht mit mir gehn, weil ich hall gar so viel Angst hab!

Alle hatten es als Scherz genommen. Und war bitterster Ernst gewesen: Dick hatte sich vor dem Leben gefürchtet.

Lena flog gegen die Rückwand, als die Bierrad- bremse plötzlich einschlug. Grude riß die niedere Tür auf und lief ins Haus voran. Die Treppenbeleuchtung war eingeschaltet, und als er jetzt, die Stufen im Sprunge nehmend, nach oben kam, fand er das Zimmer voll unnützer Gaffer.

Er schob die nächsten beiseite und kniete sich neben Dick hin, der unweit des Fensters auf den nackten Brettern lag. Mit der Linken machte er eine Gebärde nach Lena hin. Gleich darauf war die Mansarde leer. Nur die Hausfrau war geblieben, sah sich über« flüssig und schlich sich zu den anderen hinaus.

Lena, die Not und Sterben und tausenderlei Arten von Zufällen gewohnt war, vermochte sich in diesem Augenblick nicht zu beherrschen. Ihr Körper wurde vom Weinen geschüttelt. Während Grude dem Freund das Hemd auf der Brust zur Seite schob und sein Ohr gegen dessen Herz legte, schluchzte sie ver­halten auf.

Er sah empor, und ohne daß er sprach, wußte sie, daß es vielleicht noch ein Hoffen gab. Wortlos leistete sie die notwendigen Handreichungen.

Die Sanitäter, Lena!" Grude schob seinen Arm vorsichtig unter Dicks Haupt.

Er drückte die Zähne auseinander.

Um Dicks Mund aber lag ein Lächeln. Das gleiche Lächeln, mit welchem er auf das Leben getrunken hatte und damit den Tod meinte.

Auch als die Sanitäter tarnen, fiel kein Wort. Mit aller Vorsicht gehoben, schwankte die Bahre die vier Treppen hinab. Einmal streifte sie gegen die Mauer. Da fluchte Grude. Die Köpfe der Trager senkten sich herab. Es war das erstemal, daß sie das von Grude gehört hatten.

Lena nahm im Wagen neben Montrey Platz und legte ihre Hand auf seine kalte.

Grudes Daimler schoß bereits voraus nach der Klinik. Man mußte versuchen, die Kugel zu entfernen.

Es war alles wie sonst: die hohen Gänge des Krankenhauses erhellt, der leise Schritt der «chwe- stern auf dem läuferbebedten Boden, kein Laut hinter den Doppeltüren.

Nur Grude dünkte es, als wäre heute alles anders. Sein Gesicht war bleich und die Hand, die er dem Chefarzt reichte, zitterte* Professor Lör hielt sie teil- nehmend zwischen der seinen.Soll ich die Operation vornehmen, Herr Kollege?"

Einen Moment zögerte Grude. Dann stieß er ein Bitte!" heraus. Er wußte, daß es ihm unmöglich sein würde, die nötige Ruhe aufzubringen. Er konnte unter Umständen Dicks Leben gefährden. Aber er war dabei, als der Freund an den Tasch geschnallt wurde und Lör das Messer ansetzte.

Einmal streckte der Assistenzarzt die Hand aus. Es hatte geschienen, als würde Grude vornüberfallcn. Dann stand dieser wieder mit leicht vorgeneigtem Rücken und nahm die Kugel in Empfang welche ihm Lör zwischen zwei Fingern entgegenreichte.

Es war über die Maßen rasch gegangen und hatte doch eine Ewigkeit gedauert. Und nun frug Grude etwas, das sonst nur ein Laie zu fragen pflegt, wenn er um das Sein eines geliebten Menschen bangt. Hoffen Sie, Herr Professor?"--

Ein verwundertes Lächeln:Hoffen Sie nicht, Herr Kollege?"

Unfähig zu sprechen, wandte Grude das Gesicht zur Seite.

Lena aber drückte draußen in der matten Helle des Ganges die Stirn gegen eine der kalten Scheiben des Fensters und fing die Tränen auf, die ihr wie eine salzige Flut zwischen die Sippen rannen.

*

Tagtäglich fuhr nun Grudes Auto an der Klinik vor. Tagtäglich stieg auch Lena mit ihm die Stufen zum Zimmer 119 hinauf und neigte sich über Dicks Bett.

Bon der ersten Stunde klaren Bewußtseins an war er wieder der Alte:Ich hab's gar net glaubn wall'n", jagte er verwundert,daß das Ding gleich losgeht. Ganz von selber ist das passiert!"

Grudes Gesicht war todernst.Direkt gemein war das von dir, Dick! Du kannst dir einen anderen Freund suchen!"

Ja?" Dicks Augen standen noch immer voll Ver­wunderung.Aber solange ich so so mies bin kommst schon noch, gell Felix! Ich freu' mich die ganze Nacht, bis ich dich draußen wieder rebn hör!"

.Schlafft du denn nicht?" fragte Grude besorgt. Er rürfte für Lena einen Stuhl herbei und ließ sich selbst auf dem Bellrand nieder. Er hatte immer nur an sich gedacht und babei gar nicht bemerkt, wie Montrey seelisch heruntergekommen war. Lena tat dessen Anblick direkt weh. Sie erhob sich und verließ unter dem Vorwand, einen bekannten Patienten zu besuchen, das Zimmer. ,Zch möchte dir so gern alles abnehmen. Dick!" Dabei bog sich Grude etwas gegen ihn vor und sah ihm zwingend in die Augen.War­um hast du's denn eigentlich getan?"

Mein Gott, ich hab' dir doch schon g'sagt. daß es ganz von selber 'kracht Hot."

Dick!"

Bitt' schön, bleib da, Felix!" Montrey hielt ihn erschrocken am Arme fest, als er aufspringen wollte. Schau, es ist halt einfach nimmer 'gangen. Wann's noch ein bifferl zum machen g wesen wär, hält' ich's g'wiß net getan. Mit dem Ladchen verhunger ich ja glattweg. Ganz mies ist mir den ganzen lag g'wes'n."

Und ich?"

Ja, du Feliffche!--" Dick wand sich verlegen

unter Grudes Blick.Du hältst halt deine Bors'n aufg'macht und mir hundert Schilling geb'n und afagt: Wann's nix mehr hast, kommst wieder!--

Aber weißt, wann man schon einmal zwei Jahre lang Gnadenbrotgeffn hat---"

Sei still. Aller! Sei still," rief der Doktor, als er eine Träne über Montreys Wange riefeln kah. Req dich nicht auf! Ich bitte dich. Dick!"

Grude wollte ihm die Hand vom Gesicht zwingen und unterließ es dann. Herrgott, war denn das Leben all dieses wert?Schluß", hatte er sich schon hundertmal gesagt, und doch immer wieder weiter- gemacht, war am Morgen aufgestanden, hatte des Mittags fein Essen zu sich genommen und sich bis in die Nacht mit den Patienten herumgeärgert. Ich bin ein Egoist, entsetzte er sich. Immer wieder dachte er an sich selbst.

Was meinst du denn, daß der Herrgott gesagt hätte. Dick, wenn du ihm so unerwartet hereinge­schneit gekommen wärst?"

In Dicks Augen stand schon wieder ein Lächeln. Tschapperl, hätt' er g'sagt! Kannst denn net roart'n, bis die Reihe an dich kommt! So viel Weaner auf einmal kann ich net brauch'n! Und weißt, Felix", er wurde wieder ernst,wann ich jetzt wieder auf die Füß komm, probier ich's diesmal mit was anderem. Leihst mir tausend Schilling auf Abzah­lung?"

Soviel du brauchst!"

Montrey blickte ihn dankbar an.Nachher geht's schon wieder, denk' ich. Und daß ich mich aus^m Staub mach', solang ich bei dir Schuld'n hab', das brauchst net z'fürcht'n. Ich bleib schon da, bis der letzte Grosch'n abverdient is."

(Fortsetzung folgt.)

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Gießen, den 31. Oktober 1933.

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