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4.3.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. 54 Erster Blatt

185. Zahrgang

Samstag, 4. März 1933

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Drrd und verloo: vrühl'sche Univeifitülr-Vuch- und Steinöruderei R. Lange in Stehen. Schriftlettung und Geschäftrttelle: Schu^ahe 7.

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Dr. Fnedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein undlürdenAn» zeigenteil i. D. Th.Kümmel sämtlich in (Bit en.

Erscheint täglich, außer Sonntags und Feiertags. Beilagen: Die Illustrierte Ejetzener Familienblätter Heimat >m Bild - Die Scholle

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Oer Ginn des 5. März.

Mir kommt die gegenwärtige Zeit vor, wie wenn eine abgebrannte Stadt wieder a u f g e b a u t werden soll. Zeder der Abgebrann­ten verlangt seine alte Baustelle wieder, weil er unüberwindliche Borliebe hat für die Stelle, welche seit langen Zeiten sein und seiner Familie Eigentum war. Niemand wird es wohl dem i Armen verargen, daß er, vor sich die Not des i Augenblicks, ohne Sinn für Verbesserungen nur i eilt, um auf der alten Stätte wieder unter Dach und Fach zu kommen. Aber das Wohl aller ; nicht nur derer, die da sind, sondern auch derer, ; die kommen werden fordert eine andere Ordnung der Dinge. Doppelt schlimm ist ein ilnglüd, aus dem man nichts lernen will. Es liegt jetzt in unserer Hand, uns von Gebrechen zu befreien durch neuen Aufbau von Grund auf; aber wir können sie auch so einrammen in das Staatsgebäude, daß sie nimmer als nur mit dem eigenen Gebäude selbst zu vertilgen sind. Denn es beginnt eine neue große Periode im Leben des Staates. Alles kommt darauf an, wie wir sie antreten; alles, was wir jetzt tun, ist folgenschwer vielleicht für eine Reihe von Jahrhunderten." Nicht treffender kann Deutschlands Lage und die Auf­gabe, vor die sich das deutsche Volk bei der Wahl eines neuen Reichstags gestellt sieht, gekenn­zeichnet werden als mit den vorstehenden Worten Friedrich Li st s, eines der großen geistigen Bahnbrecher eines einigen Deutschen Reichs, der freilich die Erfüllung der Hoffnungen, die er an den glücklichen Ausgang der Befreiungskriege i geknüpft hatte, nicht mehr erlebt hat. Damals i geschah grade das, was er aus ernster Sorge | um die Zukunft des Vaterlandes befürchtet hatte. ; Man begnügte sich ohne Sinn für Verbesserungen, auf der alten Stätte wieder unter Dach und Fach zu kommen, und Jahrzehnte qualvollen Ringens um Form und Inhalt des Neubaus von Staat und Wirtschaft waren die Buße für eine einmal verpaßte Gelegenheit. Heute steht unser Volk wiederum an einer solchen Wende und es ist die entscheidende Frage, die am 5. März an einen jeden von uns gestellt wird: Hat die Nation die Bedeutung dieser Stunde erkannt und ist sie gewillt, so zu handeln, daß spätere Geschlechter nicht wiederum mit Enttäuschung und Bitterkeit zurückblicken müssen auf ein Ver­säumnis, das erst in Jahrzehnten wieder gut- | zumachen war?

| Denn diese Wahl muß, wenn sie einen Sinn haben soll, Ende und Anfang zugleich sein. Sie muß der Schlußstein sein in der langen Reihe der Be­mühungen, mit den abgenutzten Mitteln einer par­lamentarischen Demokratie die tragfähige Grundlage für eine praktische Politik zu schaffen, die uns aus den Nöten des Augenblicks herauszuführen vermag. Sie muß aber auch das Sprungbrett fein zum neuen Ufer, auf dem unser die große Aufgabe harrt, für jeneandere Ordnung der Dinge", von der List spricht, den Grundstein zu legen. Es ist nicht Reak­tion, wenn wir uns abwenden von politischen Maximen und Praktiken, die wir in länger als einem Jahrzehnt erprobt und für untauglich befun­den haben. Es kann uns nicht verwehrt werden, wenn wir aus der Erkenntnis, daß die Verfassung ' von Weimar in ihrer formaldemokratischen Ueber- I fpitzung ein Bruch in unserer staatspolitischen Ent- 1 Wicklung war, entschlossen die Folgerungen ziehen und im Sinne einer autoritär - konstitutionellen Etaatsführung Wege suchen zu einem Neubau des Reiches, der den Eigentümlichkeiten des deutschen Lölkes nach feiner Charakterveranlagung und feiner gesellschaftlichen Struktur besser entspricht als das Notdach von Weimar. Wir stehen vor dem Problem, wie es Vizekanzler von Papen in se'ier Rede vor der akademischen Jugend treffend -muliert hat, wenn er sagte, daß es gelte, das . .izip der Demokratie mit dem der A r i st o k r a t i e zu versöhnen. Das ist eine Linie, auf der sich alle Gut­gesinnten und Vorurteilslosen zusammenfinden kön­nen und müssen, denn ihnen allen muß es ja jenseits , aller Parteidoktrin einzig und allein darum gehen, sich zu einem spezifisch deutschen Staatsprinzip hindurchzukärnpfen, und fremde Anleihen abzu- stoßen, sobald sie als hemmend und schädlich für die freie Entwicklung eigener Formen der Staatsfüh- rung erkannt sind. Diese Auffassung der uns gestell­ten Ausgabe läßt keine Ausschließlichkeit zu. Wie sie heute schon in weiten Kreisen außerhalb der gegen­wärtigen Regierungsfront Wurzel gefaßt hat, so muß sie Gemeingut des Volkes werden, wenn das Prinzip einer neuen Staatsführung zum Segen für die Nation ausfdilagen soll. Aber es liegt im Wesen der historischen Entwicklung, daß ihre Grundtendenz Nur von Wenigen bestimmt und durchgekämpft wer­den muh. Heute stehen wir in einer Phase dieses Kampfes, wo es gilt, das Gestrüpp von Uebelwollen, Vorurteil und reaktionärer Beharrung zu lichten und den Männern die Voraussetzung für ihre Ar­beit xu khaffon, die entschlossen sind, den Neubau des Reiches zu zimmern.

Fassen wir die Aufgabe, die aus dieser Notwendig­keit heraus dem zum Mithandeln berufenen und be­reiten Staatsbürger gestellt ist, konkreter, so kann sie nur so lauten, mit seiner Stimmabgabe am » März dazu beizutragen, daß die vom Vertrauen Hindenburgs getragene Reichsregierung nun auch durch ein klares Vertrauensvotum des Volkes die Möglichkeit erhält, den ihr vom Reichs­präsidenten gewordenen Auftrag durchzuführen. Es Unterlegt keinem Zweifel, daß die von Hindenburg berufenen Männer nicht gewillt sind, sich vorzeitig ihrer Handlungsfreiheit zu begeben, selbst wenn das ^ahleraebnis die Hoffnung auf eine parlamenta- rüche Mehrheit nicht erfüllen sollte. Da die Kom­munisten sich durch den llebergang zum offenen Terror als erklärte Feinde der staatlichen Ordnung

Macdonald und Simon fahren nach Genf.

Oer kritische Stand der Abrüstungskonferenz erzwingt eine neue Znitiatwe Englands.

Conbon, 3. ITlärj. (111.) Der englische Außen­minister Sir John Simon hat am Freitag nach­einander die in London beglaubigten Botschafter Deutschlands, Frankreichs, Italiens und der ver­einigten Staaten empfangen, um ihnen die Vor­gänge darzulegen, die zu dem Entschluß des Kabi­netts geführt haben, Macdonald und Sir John Simon baldmöglichst zur Abrustungskon- ferenz nachGenf zu entsenden. Darüber wurde folgende Verlautbarung vom Außenministerium herausgegeben: Der Regierung wurde von dem eng­lischen Vertreter in Genf, Unterstaatssekretär Eden, ein umfassender Bericht über die gegenwärtige Lage auf der Abrüstungskonferenz oorgelegt. lief beein­druckt von der Notwendigkeit, jede mögliche Unter- stühung zu leisten, um es der Abrüstungskonferenz zu ermöglichen, baldmöglich st zu Entschei­dungen zu gelangen, hat die Regierung den Ministerpräsidenten Macdonald und den Außen­minister Sir John Simon ersucht, als Leiter der englischen Abordnung nach Genf zu gehen, sobald sich dies ohne Umstände zu verursachen bewerkstelligen läßt.

Diese Entscheidung kam völlig überra­schend. Der Bericht des Llnterstaatssekretärs Eden über die Lage in Genf war sehr pessi- mistisch und rechnete mit der Möglichkeit eines vollständigen Fehlschlagens der Ab­rüstungskonferenz innerhalb von kurzer Zeit, wenn in der bisherigen Weise weiter sortgesahren werde. Der Zusammenbruch der Konferenz würde nach Auffassung des englischen Kabinetts die allerern­stesten Folgen sowohl auf politischem wie auf wirt­schaftlichem Gebiet haben. Besonders ernst würden auch die Rückwirkungen auf die kleinen Staaten Europas sein, wenn sie sehen, daß der Völkerbund nicht imstande ist, ihnen durch eine allgemeine Abrüstung die notwendige Sicherheit zu gewähr­leisten.

Nach der einstimmigen Auffassung maßgebender englischer Wirtschaftler, der auch die englische Regierung beistimmt, würde es völlig zweck­los sein, eine Weltwirtschaftskonfe­renz abzuhalten, wenn die Abrüstungskonferenz fehlgeschlagen sein sollte. Endlich ist nach eng­lischer Auffassung zu berücksichtigen, daß am kommenden Montag die neue amerika­nische Regierung ihre Amtstätigkeit an­tritt, von der man annehmen kann, daß sie den größten Wert auf einen guten Fortschritt der Abrüstungsverhandlungen legt, wohin ja bekanntlich auch Erwägungen über die Regelung der Kriegsschulden hineinspielen.

Auf eine Einigung über den englischen Vor­schlag zum Abschluß eines Paktes zur A e ch - tung der Anwendung von Gewalt legen englische Kreise den größten Wert, da er als notwendige Voraussetzung für die Ver­handlungen über die deutsche Gleich­berechtigung im Sinne des Beschlusses vom Dezember 1932 angesehen wird. Ein weiterer Punkt lei die Luftabrüstung. da der Luft­krieg die größten Gefahren für die Zivilbevölke­rung bringe, was sowohl auf Cnsgland, wie auf Deutschland zutreffe.

Wann Macdonald und SirJohnSimon nach Genf reisen werden, wird wesentlich davon abhängen,

selbst ausgeschaltet haben, würde es auch bei einem Fehlen einiger Prozente an der parlamentarischen Mehrheit der Regierung nicht verübelt werden kön­nen, wenn sie sich von dem ohne Kommunisten jeder­zeit handlungsfähigen neuen Reichstag das Ermäch­tigungsgesetz geben läßt, das sie verlangt. Aber im Interesse einer stetigen und organischen Fortentwick­lung unseres Verfassungslebens liegt es sicherlich, wenn es zu dieser Maßnahme eines Staatsnotstands nicht zu kommen braucht. Ein Zurück in die Schau­kelpolitik eines von parlamentarischen Zufallsmehr­heiten abhängigen Parteiregiments kann es nicht mehr geben, wenn Deutschland sich nicht selber ans Messer liefern will. Wem das bisher noch nicht deutlich war, den haben die Ereignisse der letzten Tage eines besseren belehren müssen. Der Brand des Reichstagsgebäudes war ein Fanal für alle Einsichtigen. Goring, der kommissarische Innenminister Preußens, hat mit rigoroser Strenge der kommunistischen Propaganda der Tat hoffentlich für immer ein Ende gemacht. Wenn ihm dabei auch Uebereilungen und Mißgriffe unterlaufen fein mö­gen, so wiegen sie, so bedauerlich und schädlich sie auch in jedem Falle sind, doch leicht im Vergleich zu der furchtbaren Gefahr eines kommunistischen Auf­ruhrs, vor dem nur entschlossenes und rücksichtsloses Zupacken Volk und Staat bewahren konnte. Aber eine starke Staatsgewalt, die gegenüber den Feinden der staatlichen Ordnung, deren Ziel der Umsturz und das Chaos ist, keine Schonung kennt, brauchen wir auch in Zukunft mehr denn je. Je schneller sie sich durchzusetzen vermag und die Grundlagen für einen organischen Staatsaufbau sichert, um so schneller werden auch schwer erträg­liche und nur durch die Bedrohung der Fundamente des Staates durch den kommunistischen Terror zu rechtfertigende Eingriffe in die persönliche Freiheit wieder verschwinden können.

Das Kabinett des 30. Januar hat alle Kräfte der politischen Rechten hinter sich. Soll man es bedauern, daß es nicht gelang, sie alle im Wahlkampf für

wann Minister anderer Staaten anwesend sein können. Mit besonderem Interesse wird daher die Entwicklung in Deutschland verfolgt. An­scheinend hegt man in London die Hoffnung, daß außer dem Reichsaußenminifter auch Reichskanzler Hitler oder Vizekanzler v. Popen nach Genf kommen werden. Vorläufig besteht nicht die Ab­sicht, eine Fünfmächtekonferenz einzuberufen, jedoch wird sich die Möglichkeit privater Füh­lungnahme mit den Vertretern der Großmächte und anderen Staaten in der einen oder anderen Form ergeben.

Auch Mad er komm! nach Gens.

Paris, 4.März. (WTB.-Funkspruch.) Die Position Frankreichs auf der Abrüstungskonfe­renz scheint nicht so rosig zu sein, wie manche Berichterstatter es täglich hinzustellen versuchen. Auf Grund der Mitteilung, daß Macdonald und Sir John Simon in der nächsten Woche nach Genf zu kommen beabsichtigen, hat auch Minister­präsident D a l a d i e r sich entschlossen, dorthin zu reisen. »Journal" befürchtet, daß der englische

eine gemeinsame Liste zusammenzufassen? Vielleicht entspricht der getrennte Aufmarsch in gesonderten Heersäulen dem der deutschen Charakterveranlagung nun einmal eigentümlichen Hang zur Betonung des weltanschaulich Besonderen, möge auch die Schattierung gegenüber den politischen Nachbarn noch so gering fein. So ist auch in diesem Wahl­kampf, so sehr er um das große gemeinsame Ziel der Stabilisierung eines grundsätzlich neuen Kurses der Staatsfühvung geht, jedem Geschmack Rechnung getragen. Und das ist gut so, denn nur aus dem Zusammenklang aller Elemente einer wahrhaften nationalen Konzentra­tion ergibt sich die echte Harmonie einer Kampf­gemeinschaft, die den schöpferischen Staatsmann be­fruchtet und fördert. Deshalb muß neben das stür­mische, vorwärtsdrängende Temperament, das über­strömende Kraftbewußtsein der jungen national­sozialistischen Bewegung die Besonnenheit und das Traditionsgefühl besten deutschen Bürgertums tre­ten, wenn es einen guten Klang geben soll. Daß da­mit keine Grenzen gezogen sind, daß vielmehr die neue Front der nationalen Konzentration die Arme weit öffnet allen, denen es ernst ist mit ihrem Wil­len zur Mitarbeit am Wiederaufbau des Vater­landes, vor allen Dingen auch der deutschen Ar­beiterschaft, deren Mitwirkung unentbehrlich ist, das hat niemand anders als Vizekanzler von Popen, der Geburtshelfer des Kabinetts vom 30. Januar, in jeder seiner Reden und Aufsätze zur Wahl wie­der und wieder betont. .Jeder Deutsche", so sagt er, ,chat dos Recht, sich national zu nennen, der das Beste will für fein Volk und der bereit ist, tätig und wirkend dem Staat, der Gesamtheit des Vol­kes, seiner Freiheit nach außen und seiner Wohl­fahrt nach innen, der Erhaltung deutscher Art, Sprache und Sitten zu dienen, und sich selbst, seine persönlichen Wünsche, Interessen und Vorteile der Gemeinschaft aller Deutschen unterzuordnen. Dieser Wille und diese Bereitschaft sind die weiten Gren­zen, die den Umfang des nationalen Zusammen­

Plan einer Fünfmächtekonferenz zu einem brüs­ken Angriff auf Frankreich führen könnte. »Petit Parisien" meint hingegen, daß immerhin eine derartige Fühlungnahme von Nutzen sei.

Selbst wenn die Rückkehr zu Besprechungen in engem Kreise sich als unmöglich Herausstellen sollte, würde eine Fühlungnahme zwischen den Leitern der französischen und der englischen Re­gierung und den Vertretern der Regierung der Vereinigten Staaten auf jeden Fall außerordent­lich wünschenswert sein angesichts der jetzigen Lage im Fernen Osten und in Europa. Nur eine enge aufrichtige Zusammenarbeit der drei großen Demokratien könne die Katastrophen- gcfahr auf ein Mindestmaß beschränken.Ternps" erklärt: Die französische Regierung werde keine Vertagung der Abrüstungskonferenz Vor­schlägen. aber sich allen Bestrebungen anschliehen, die eine möglichst große Zahl von Stimmen auf ein vorläufiges Abkommen vereinigen könnten, falls die Verwirklichung weitergehendcr Wünsche sich als nicht möglich erweisen sollte.

schlusses kennzeichnen. Nicht die Ausschließung der innerpolitischen Gegner vom Staat, sondern ihre Einbeziehung in den nationalen Staat, das ist das Ziel unserer Regierung." So die Worte Papens. Und nicht ohne feine Bedeutung für Sinn und Geholt dieses Wahlkampfes und die Entscheidung des 5. März hat der Reichskanzler Adolf Hitler mit dem untrüglichen Instinkt für «ymbolik, der ihm schon bei dem Aufbau seiner Bewegung Helfer war, die Potsdamer Gar­nison k i r ch e zur Stätte für den Zusammentritt des neuen Reichstags bestimmt, der damit den Cha­rakter einer zweiten Nationalversammlung erhält. Ueb immer Treu und Redlichkeit" mahnt das Glockenspiel der altpreußischen Kathedrale und er­innert mit seiner schlichten Weise daran, daß auch Preußen-Deutschlands Aufstieg ein mühsamer und dornenreicher Weg zur Hohe war, auf dem es auch Rüuichläge und Niederlagen gab. Aber der Geist eines Friedrich Wilhelm und eines Friedrich, die hier in der Garnisonkirche unter den ruhmreichen Mahnen der preußischen Armee ruhen, hatte ihr Volk mit einer Staatsgesinnung erfüllt, die auch in den schweren Tagen von Kolin und Kunersdorf nicht verzagte. Die Symbolik von Potsdam darf nicht mißverstanden werden. KeineVerpreußung", wie empfindliche Gemüter in Süddeutschland fürch­ten mögen, soll von Potsdam ausgehen, vielmehr der Wille, von der Staatsauffaffung des großen Königs zu lernen, die die letzten Kräfte für das Wohlergehen der Nation, für Sauberkeit und Pflicht­treue, für Recht und Gerechtigkeit, für Duldsamkeit und soziale Gesinnung in allen Zweigen des öffent­lichen Lebens einfetzte, die nichts gab für Parteien und Parteiherrschaft, aber alles für Volk und Va­terland. Wenn Potsdam für ein solches Streben Symbol fein sott, bann, aber auch nur bann, wird sich am 5. März eine große Mehrheit bes deutschen Volkes freudig zu ihm bekennen können.

Erneute Verschleppung der Abrüstung.

Frankreich weicht aus. - Energischer Protest Deutschlands. Zusammenstoß mit Henderson.

Genf, 3. März. (WTB.) 3m Houptausschuh der Abrüstungskonferenz kam es zu einer hoch- polittfchen Debatte, als der Ausschuß über die Frage zu entscheiden hatte, in welchem Verhält­nis die Effektivbestände herabgesetzt werden sollen. Der Vertreter der Vereinig­ten Staaten erinnerte daran, daß der Hoo­ver-Plan eine 30prozentige Herabsetzung vorgesehen hatte, was allerdings seiner ileber- zeugung nach noch nicht genügen werde. Paul- B o n c o u r erklärte, es sei ihm unmöglich, jetzt schon eine Antwort auf die Frage, in welchem Verhältnis die Effektivbestände herabgesetzt wer­den sollen, zu geben, diese Antwort hänge davon ab, ob und in welcher Weise den französi­schen Sicherheitsforderungen ent­sprochen würde. Zweitens müsse erst eine Klä­rung darüber vorliegen, was alles als E f f e k - tivbestände angesehen werden solle. Der französische Antrag, diese Frage zu vertagen, wurde mit 20 Stimmen gegen d i e Stimmen Deutschlands, Oesterreichs und ilngarnd angenommen.

Der deutsche Vertreter Botschafter N a d o l n y wandte sich in einer sehr scharfen Erklärung gegen die erneute Verschleppung der Abrüstung; er empfinde eine lebhafte Enttäuschung darüber, daß man noch einmal eine wichtige Gelegenheit habe vorübergehen lassen, um endlich auf dieser Abrüstungskonferenz eine wirkliche Abrüstungs­maßnahme zu beschließen. Die Konferenz habe sich nach einjähriger Dauer nicht zu Maßnahmen ent­schließen können, die die RTelfrüftungen auch nur um einen einzigen Soldaten, eine einzige Kanone, einen einzigen Tank, ein einziges Schlachtschiff und ein einziges Militärflugzeug herabsehen würden. Nadolny erklärte: wenn ich in letzter Stunde ge­

zwungen war, öfters in den prozedurmäßigen Ab­lauf der Konferenz einzugreisen, so habe ich es nicht getan, um eine rasche Fortsetzung der Arbeiten zu erschweren, sondern ich wollte lediglich der Konfe­renz die schweren Sorgen mittcilen, die die deutsche Delegation erfüllen, wenn sie sieht, daß d i e Konferenz ihre Aufgabe, die Rüstungen der wett herabzusehen, nicht zu erfüllen scheint.

In großer Erregung erhob sich Henderson und lehnte in scharfem, fast grobem Ton die deut­sche Auffassung ab. Er sei nicht in der Loge, die Erklärung Nadolnps mit Stillschweigen zu über­gehen. Er wolle jetzt nicht die Frage berühren, auf welche Ursache die Vertagung der Kon­ferenz im vorigen Jahre zurückzufüh - r e n fei. Keine Regierung habe jedoch das Recht, Steine auf die Konferenz zu werfen, ober onberen Regierungen Vorwürfe zu machen. Unter lebhafter Zustimmung Paul-Boncours erklärte Henberfon, die Weltpresse dürfe sich nicht von den Erklärungen Nadolnys beeinflussen lassen. Sie dürfe nicht verzweifeln und müsse vielmehr der Konfe­renz weiterhin zur Erreichung des großen Zieles behilflich fein.

Der Rede Hendersons, die von dem Saal mit großer Spannung angehört wurde, folgte stürmi­scher Beifall. Nadolny erhob sich zu einer kurzen Erklärung,dankte" Henderson für seine Worte und betonte, die Entscheidung über die Kriegs­materialfrage würde hoffentlich nicht in glei­cher Weise fristlos vertagt werden. Er gab der Hoffnung auf baldige weitgehende Ergeb­nisse der Abrüstungskonferenz Ausdruck.

Präsident Henderson hob darauf die Sitzung auf.