Hr. 285 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Samstag, 2. Dezember M3
Geschichten aus aller Welt.
| (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)
Neues Leven blüht aus den Ruinen.
(m) Washington.
Präsident Roosevelt hat zwar versprochen, gegen die Arbeitslosigkeit in den Staaten oorzugehen, aber noch ist nicht viel geschehen. Darum hat sich das Heer der Arbeitslosen selbst ein Ziel gesetzt. Alte Erinnerungen find lebendig geworden, und die Amerikaner, stets „Selfmade-Men" im wahrsten Sinne des Wortes, nehmen auch jetzt wieder ihr Schicksal in die Hand. Sie wandern nach dem Westen, den alten beinahe klassisch gewordenen Goldgräberfeldern in Rocky Mountains und Colorado, von denen wir schon in den Abenteuerbüchern lasen. Dort wird das etwa vorgefundene Gold in primitivster Weise mit alten Pfannen ausgewaschen. Schon das kleinste Körnchen genügt, neue Hoffnungen zu erwecken. Die Bahnen befördern dieses Arbeitslosenheer umsonst, weil sie nicht genügend Polizei zur Verfügung hoben, um sich einem Sturm auf die Transportmittel widersetzen zu können. Niedergebrochene Gebäude, die schon ganz mit Pflanzen bewachsen sind, werden wieder bewohnbar gemacht, überall entstehen fliegende Lüden und Wirtschaften.
Andere Arbeitslose, abgebaute Beamte, Ingenieure, Arbeiter, haben sich in die großen Wälder geschlagen und ziehen dem Elendsleben in den Städten das Dasein im Walde vor, wo sie sich das erlegte Wildpret oder Fische nach alter Weise am Feuer rösten. Ihr Jagdschein ist die Patronentasche, und wehe dem, der sie hindern wollte! Natürlich leidet der Wildbestand unter diesem undisziplinierten Jagen. So wird diese Art Lösung der Arbeitslosenkrise von der Allgemeinheit nur mit sehr gemischten Gefühlen beobachtet.
Münchhausen in Amerika.
(z) Neuyork.
Jonathan Waltersmith in Boston besaß in Steifen amerikanischer Schmetterlingssammler einen hervorragenden Ruf. Nicht nur besaß er eine der umfangreichsten Sammlungen, sondern gab auch in zahlreichen Aussätzen in der Fachpresse Zeugnis von seinen ungewöhnlichen Kenntnissen auf diesem zoologischen Gebiet. Und als man vernahm, daß Herr Waltersmith sich nach Brasilien begeben habe, um eine ganze große Seltenheit von Schmetterling zu suchen und zu fangen, wußte man, daß diese Reise nicht ohne wertvolle fachwissenschaftliche Ergebnisse bleiben werde. Die Erwartungen der Schmetterlingsfreunde wurden jedoch noch übertroffen. Denn nach seiner Rückkehr aus Brasilien veröffentlichte Waltersmith einen Aufsatz über seine Erlebnisse, der alles bisherige dieser Art in den Schatten stellte. Unter anderem berichtete er über folgende persönliche Beobachtung: Eines Tages traf er auf eine riesige Schlange, die mit weit offenem Maule ihren Mauserungsschlaf hielt. Einige Schmetterlinge benutzten dies offene Maul, um sich darin festzunisten, und dank der Fruchtbarkeit dieser Tiere in den Tropen — sie machen dort nicht die langwierige Metamorphose durch wie in Europa — nahm ihre Anzahl in wenigen Tagen derart zu, daß die Schlange keine Luft mehr bekam und erstickte.
Dieser Aussatz eröffnete eine leidenschaftliche Polemik. Eine ganze Anzahl von Zoologen bezeichnete diese Erzählung als eine tolle Münchhausiade, während andere Waltersmith zur Seite traten. Vor allem zeichnete sich ein anderer Schmetterlingssammler mit Namen Meyer als ein erbitterter Gegner der Angaben Waltersmiths aus, und schließlich bildeten sich zwei große Parteien. Zwischen ihnen kam dann eine Einigung in dem Sinne zustande, daß Waltersmith und Meyer miteinander eine Wette über tausend Dollar über die Richtigkeit der Erzählung abschlossen. Die Anhänger der beiden ließen sich das natürlich nicht zweimal sagen und schlossen ebenfalls Wetten ab, b'e schließlich die Gesamthöhe von 20 000 Dollars erreichten. Nachdem diese
pferdelazarett.
Zum Tag des Pferdes.
Von Rudolf von Koschühki.
Rudolf von Koschützki, bekannt als Journalist und Kriegsberichterstatter, hat seine Frontberichte in sein demnächst erscheinendes Buch „Fahrt ins Erdenland" (Verlag der Christengemeinde in Stuttgart) eingefügt, aus dem wir mit Genehmigung des Autors eine Probe geben.
Ich habe in diesen Tagen manche Stunde auf dem großen Hof der alten Ülanenkaserne in Oletzko damit zugebracht, der Ankunft, Konsultation und Behandlung unserer braven Kriegspferde zuzuschauen. Bisher wurden sie beim Troß der einzelnen Truppenteile mitgeschleppt, sie mußten Schmerzen, Hunger, Kälte und Nässe aushalten, bis ihre „Pferde- notur" und der Regimentsveterinär ihnen wieder auf die Beine halfen, ober eine mitleidige Kugel sie im Straßengraben von ihren Leiden erlöste. Jetzt tut sich ihnen ein Lazarett auf. Große Ställe und Scheunen mit trockener Streu, wo es warm ist und kein Regen hinkommt, wo es satt zu fressen, Ruhe und Pflege gibt. Und schon kommen sie an, zu zweien, zu vieren, truppweise humpeln und schleppen sie sich herbei, Rappen und Braune, Füchse und Schimmel melden sich, wie es ordentlichen Soldatenpferden zukommt, treten in einem langen ©liebe an und bekommen mit Kreibe ihre Nummer auf bcn verstaubten Pelz geschrieben.
Nun heißt es: Nummer 1 vortreten! Der Lanb- sturmmann zieht Nr. 1 aus bem Gliebe am Halfter ober am Strick, mit bei Kopf gegen bcn Hof neben dem Operationstisch, der aus einem über zwei Zementröhren gelegten Wagenbrett besteht. „Führen! Los, Trab." Nummer 1 humpelt los. Stocklahm, vorn rechts. „Zurück". Der kranke Fuß wirb aufgehoben, und der Oberveterinär beginnt den Huf mit der Hufzange abzutasten. Ob er irgendwo gegen den Druck empfindlich ist: vielleicht ein alter Hufnagel, den der Schmied dringelassen, ein ausgewachsenes, zu lange nicht erneuertes Eisen, eine Steingalle oder Wunde. Ergibt sich Verdacht, muß das Eisen herunter; sonst wird weitergesucht. Das Kronengelenk, das Fessel-, das Knie- und Schulter- gelenk durch Drehen und Biegen auf Empfindlichkeit geprüft, die Sehnen abgefühlt, ob Geschwulst oder Hitze auf den Grund des Uebels führen. Endlich wird die Diagnose gestellt, die Behandlung verordnet. Der Unteroffizier schreibt alles in sein Notizbuch, eröffnet dem Patienten ein besonderes Konto: und dann kommt Nummer 2 an die Reihe. Hier sieht
Summe bei Herrn Meyer als Treuhänder niedergelegt worden war, schiffte sich Mister Waltersmith wieder nach Brasilien ein, um, wie er sagte, die Beweise für seine Behauptung beizubringen, und in seiner Begleitung befand sich der „Treuhänder" Meyer, um Waltersmith zu „kontrollieren".
Die braven Bostoner Schmetterlingssammler warten heute noch auf ein Lebenszeichen der beiden „Gelehrten", die selbstverständlich inzwischen schon miteinander das Gelb geteilt haben. Sie haben mit ben Schmetterlingen und der Schlange ihren Freunden einen fetten Bären aufgebunden.
Königin Marys Weihnachtseinkänfc.
(—) London.
Schon Wochen vor dem Heiligen Abend werden im Buckingham-Palast, dem Königsfchloß, riesige Räume für die Aufstapelung der Weihnachtsgeschenke frei gemacht. Königin Mary, die nach Ausspruch ihres königlichen Gatten eine der besten Hausfrauen ist, fängt um diese Zeit mit den Besorgungen für Weihnachten an und kümmert sich besonders darum, weil sie einmal leidenschaftlich gerne inkognito einkaufen geht und anderseits natürlich unendlich viele Menschen zu bedenken hat, die sie mit einer rein persönlichen Gabe zu erfreuen liebt. Sie wählt nicht nur die Geschenke für die Mitglieder ihres Hauses und alle Angestellten, sondern sie bedenkt auch ihre Freunde und ebenso die Freunde ihrer Kinder, die ihr mit Freuden die Be- orgungen überlassen. Wozu noch die vielen Ge- chenke für Hilfsbedürftige kommen. Die Königin ährt selbst von Geschäft zu Geschäft, und ihr größtes Vergnügen ist es, unbekannte kleine Läden aus- findig zu machen und Gelegenheiten zu erwerben. Dabei passierte es ihr in einem Antiquitätenladen, als der Inhaber ihr minderwertiges Porzellan für echtes verkaufen wollte, was sie infolge ihrer großen Kenntnis zurückwies, daß der Geschäftsmann sie für eine Kollegin ansah und ihr eine gute Provision für den Fall versprach, wenn sie ihm Kundschaft zubrächte. Solche Begebenheiten sind die größte Freude der Königin und der Ihrigen, von denen sie ausgiebig damit geneckt wird. Königin Mary kauft nicht gedankenlos, nur um zu kaufen, sondern sie sucht in der Hauptsache praktische Geschenke aus, die für den Beschenkten von Wert sind und ihn erfreuen. Wird sie in einem der Läden, wo sie ihre Geschenke aussucht und auch selbst bezahlt, dennoch erkannt, so versucht sie schnell zu verschwinden. Aber das Publikum ist auch so taktvoll, ihr Inkognito zu respektieren, und erst wenn sie in ihrem Wagen fortgefahren ist, erzählt die kleine Verkäuferin ihren Kolleginnen beglückt, daß sie soeben Königin Mary bedient habe.
Sic wollten kein Geld.
(z) Paris.
Daß selbst Diebe ritterlich fein können, lehrt das Erlebnis, das kürzlich eine Villenbesitzerin in Perpignan in Südfrankreich hatte. Zwei mit Revolvern bewaffnete Männer stiegen in der Meinung, die Insassen hätten das Haus zu einem Ausfluge verlassen, in die außerhalb der Stadt gelegene Villa ein und trafen dort wider Erwarten auf die Besitzerin. Wenn zur Dervollständigung der Geschichte darauf hingewiesen wird, daß sich der Vorfall an einem Vormittag ereignete, so weiß derjenige, der französische Sitten kennt, daß Madame noch im Negligee war.
Die auf den Tod erschrockene Frau machte sich angesichts der beiden Schußwaffen auf das Aergste gefaßt und begann in ihrer Angst, den beiden Eindringlingen ihr Geld anzubieten Diese jedoch glaubten in bem liederlich gekleideten weiblichen Wesen das Dienstmädchen des Hauses vor sich zu haben und wiesen das angebotene Geld zurück: „Wir sind keine Berufseinbrecher, sondern nur durch Arbeitslosigkeit zu unserem Vorgehen gezwungen Wir werden einem armen Dienstmädchen nicht seine letzten Ersparnisse abknöpfen!" erklärten sie.
man gleich die Druse. Zwischen den Kinnbacken alles verschwollen, vereitert; man kann den ganzen Finger in die Wunde stecken. Nummer 2 ist ganz unempfindlich dagegen, stiert aus seinem verschwollenen Kopf vor sich hin. „Flaches Messer, Wundspritze, Watte!" Der Assistent, ein Landwehrmann, reicht die Instrumente. Schon ist ein kräftiger Schnitt getan; die Wunde wird ausgespritzt, und Nummer 3 kommt an die Reihe.
Ein Rappe kommt zitternd herbei. Eine Granate hat ihm eine fußlange Wunde in den Leib gerissen. Sic wird sauber ausgespritzt, mit antiseptischem Pulver bestreut. Dann kommt Nummer 3 auf die andere Seite zum Weitertransport nach R. Dort kommen alle Patienten hin. deren Heilung voraussichtlich länger als drei Wochen dauert. — Nummer-1. Ein schöner Goldfuchs mit feurigem Blick. Offizierspferd, viel Blut, nervös, schwierig zu behandeln. Himmel, ein Satteldruck auf den Widerrist, zwei Hände lang, tief vereitert, bis weit unter die Haut, vernachlässigt. „Sonde, scharfer Löffel, Schere, Bremse!" Der Oberveterinär macht nicht viel Worte; 98 neue Patienten warten auf ihn. Er ist allein. Die Operation ist schmerzhaft, Patient muß betäubt werden. Das Pferdechloroform ist die Bremse; ein kurzer Knebel mit Seilring. Der wird über die Oberlippe gezogen, der Knebel ein paarmal herumgedreht und von Schmerz betäubt hält Nummer 4 still, bis die Operation beendet ist, die Wundfläche frei und sauber, mit Wundbalsam beträufelt, das Fell mit Salbe bestrichen, damit es keine kahle Stelle gibt.
Nummer 5 ist ein Fräulein mit dunklem Haar und den schönsten braunen Augen. Aber die Bremse — nein! Ich kenne das, es tut entsetzlich weh. Ganz grün wird einem vor den Augen, Kopf hoch, den Hals zur Seite gestreckt, und den Landsturmmann hinter sich herziehend, zwischen Pferde und Wagen hinein in den dunkelsten Winkel. Der Oberveterinär wäscht sich die Hände, sein Gummikittel knattert im Winde. Die kleine Braune muß aus dem Winkel heraus, fünf starke Männer kommen dabei in Schweiß. Nun rasch die spitzen Ohren herunter- gezogen, die Bremse angelegt, und bald ist auch diese Operation an der Hinterfessel beendet.
Nummer 6 kommt heran: ein kleiner, vorzüglich gebauter Dunkelbrauner mit klugem Gesicht. Er war gestern schon dran. Zwischen ihm und dem Ober* veterinär besteht vom ersten Augenblick an eine Freundschaft. Der klopft ihm den Hals, lobt ihn wegen seiner Vernunft und fragt nach seinem Kopfschuß. Der Braune, als ob er es verstände, senkt den Kopf. Sein Führer legt ihm den Zügel auf den Hals. Niemand holt die Bremse. Er ist der Freund des Dberoeterinärs. Man behandelt ihn respektvoll. Zwischen den Ohren fitzt der Schuß. Eine Schrap-
Madame ließ die beiden Männer bei ihrem Glauben, und spielte die ihr aufgezwungene Rolle ge= fchickt weiter. Sie führte die beiden Diebe in die Küche, wo sie ihnen ein kräftiges Frühstück aus- tifdjte, konnte es dann allerdings nicht hindern, daß die beiden einiges Silberzeug mitgehen hießen.
Jedenfalls sieht man an diesem Beispiel, wozu auch einmal ein Negligee gut sein kann
Amor und Nepomuk.
(i) Rom.
Unmittelbar auf der italienisch - jugoslawischen Grenze, zyischen den Städten Fiume und Susak, stand bis vor kurzem eine kleine, dem Heiligen Nepomuk geweihte Kapelle, in der jedoch seit dem Weltkriege keine gottesdienstliche Handlung mehr vorgenommen wurde. Dafür jedoch diente sie anderen Zwecken, die weniger mit der christlichen Heiligenlegende als mit dem heidnischen Gott Amor zu tun hatten: Junge jugoslawische Burschen, die ein Liebchen jenseits der italienischen Grenze hatten, benutzten die Kapelle gewissermaßen als Postanstalt und legten in ihr die Liebesbriefe nieder, die dann von den Mädchen abgeholt wurden.
Diesem Treiben ist nunmehr ein Ende gemacht worden. Und zwar von der italienischen Polizeibehörde, die befürchtete, daß dieser verliebte Briefverkehr auch als Hilfsmittel der Spionage verwendet werde. Auf ihr Geheiß ist daher dieser Tage die Kapelle niebergeriffen worden, zur bitteren Enttäuschung der Burschen in Jugoslawien und ihrer Dulcineen auf italienischem Gebiet.
Ein feiner Gendarmeriechef.
m .. (ht) 33 uta re ft.
Die in Rumänien gelegene bulgarische Gemeinde Att-Beschenowa hat neulich einen neuen Posten-
führer des dort stationierten Gendarmeriepiketts bekommen. Dieser Herr Torna, der wie viele seines« gleichen in den Minderheitendörfern nichts wei« ter als eine Miniatur-Satrapie erblickte, hat das Kapitel der Gelderpressungen um einen recht originellen Beitrag vermehrt. Er griff sich zwei übel- berüchtigte Zigeuner, die in den Häusern der wohlhabenden Bauern sogenannten „Schwarz-Tabak" anbieten mußten, dessen Verkauf auf Grund des Monopolgesetzes schwer bestraft wird. Da die Bauern diesen Trick kannten, warfen sie die Zigeuner kurzerhand hinaus. Diese waren aber noch schlauer und legten in jedes Gehöft ein übelduftendes „Ei" in Gestalt eines heimlich weggeworfenen Ta- bakpaketes.
Kaum hatten sie ihre Befuchsreife beendet, erschien der Postenführer Torna, nahm Haussuchungen vor und fand überall ein Paket „geschmuggelten Tabaks", überall nahm er Protokolle auf und verhängte auf Grund seiner Machtbefugnisse erhebliche Geldstrafen — ja er arreftierte sogar einige zahlungsunwillige Bauern und setzte sie im Gemeindehaus fest.
Diesmal hatte er aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht — am anderen Morgen umstellten die Bauern das Gemeindehaus und nahmen eine so drohende Haltung ein, daß der Postenführer sich bereit erklärte, das ganze Verfahren „niederzuschla- gen", falls ihm ein paar Tausend Lei gezahlt werden würde.
Dieses Ansinnen machte das Maß voll, die Leute stürmten das Lokal, befreiten die Inhaftierten und sperrten dafür den Kommissar selber ein — das ganze eine schlichte alltägliche Geschichte, der man wohl zweckmäßig die Ueberschrift „Leiden und Freuden der bulgarischen Minderheiten in Rumänien" gibt.
Obecheffen.
Stadtrat in Bad Nauheim.
= Bad-Nauheim, 30. Nov. Der Stadt- rat beschloß in seiner gestrigen Sitzung die Schaffung eines Sport- und Fe st platze s, der in ben Hochwald zu liegen kommt. Die Anlage einer Freilichtbühne soll damit verbunden werden. Die bewilligten Kosten belaufen sich auf 72 500 Mk., wovon allein rund 50 000 Mk. auf Löhne für die zu beschäftigenden Erwerbslosen fallen.
Nach dem Vorgehen des Staates beschloß der Stadtrat auch für Bad-Nauheim, daß bei Erfüllung bestimmter Voraussetzungen Steuerrückstände aus dem Steuerjahr 1932 um V«, aus dem Steuerjahr 1931 um % und aus dem Steuerjahr 1930 und früher um die Hälfte erlassen werden.
Ferner wurde beschlossen, am Rödger Weg eine Stadtrandsiedlung erstehen zu lassen. Es sollen insgesamt 30 Siedlerstellen im Erbbaurecht errichtet werden.
Die Stadt Bad-Nauheim tritt mit einem Beitrag von 5000 Mk. dem Garantieverband zur Aufbringung der restlichen Mittel für Jnstand- setzungs- und Umbauarbeiten bei, unter der Voraussetzung, daß sich der Garantieoerband auch auf unser Gebiet erstreckt.
Gemeinderat in Schotten.
oo Schotten, 29. Nov. Der Gemeinderat beschäftigte sich zunächst mit der Schutzmann- stelle, die sofort besetzt werden soll. Der Ge- meinberat bestimmte als neuen Schutzmann den Versorgungsanwärter ßippener aus Freienseen, der seinen Dienst bald antreten wird. Für die Bei- treibungs- und Vollziehungsstette, die für die Stadt- koste die städtischen Steuern und Abgaben in der Stadt beizutreiben hat, wurde Friedrich Schäfer angenommen.
Der Gemeinderat beschloß grundsätzlich die Einleitung der F e l b b e r e i n i g u n g. Zu Beginn dieses Jahres hatte bereits mit ben Interessenten eine Vorbesprechung ftattgefunben. Die Vorbereitungen finb inzwischen getroffen worben, ein all- nellkugel, bie vvn oben kam. Sie ging bis auf ben Schäbelknochen, ber zersplittert ist. Der Obervete- rinär fährt mit ber Sonbe fingertief in bie Wunbe, säubert ben Wunbkanal, spritzt ihn aus. Der Braune zuckt manchmal vor Schmerz, rührt sich aber nicht von der Stelle. Mit gesenktem Kopf steht er still, bis die Behandlung vorüber ist. Niemand hält ihn. Wer nicht von Kind auf mit Tieren verkehrte und die einfältige Redensart von der oernunftlofen Kreatur noch mit seiner Schulweisheit herumträgt, sollte einmal einen Vormittag hier im Pferdelazarett zuschauen. Welche verschiedenen Grade vvn Intelligenz, Empfindsamkeit, Willensstärke, welche Mannigfal- tigkeit der Temperamente und Charaktere würde er unter ben Kriegspferden zu sehen bekommen...
Das Wiedersehen.
Von Hermann Linden.
Ich habe sieben Länder bereift — wenig also von der großen Welt. Unter diesen Reisen befinden sich einige, bie einmalig bleiben, nie zur Wiederholung kommen. Wenn man schon eine weite Reise macht, leiber selten genug, bann wählt man sich doch immer wieder ein neues Ziel, denn bie Welt ist ebenso groß, wie bas Leben kurz ist.
Eines Abenbs saß ich im Kino. «Bieber einmal packte mich bie Erinnerung auf eine fast magische Weise, fast schien es mir, als sprängen elektrische Funken burchs Blut unb ich mußte mich mit Gewalt beherrschen, um nicht meine Nachbarn störend an der Hand au fassen. Ich erkannte: das Kino ist die stärkste Waffe der Erinnerung. Gegenstände, Briefe, Bilder, alles bas bleibt vorhanben, währenb die Schatten auf ber Leinwanb verschwinden, aber: diese Schatten sind mehr als Schatten, mehr als flüchtige Lichtreflexe, sie sind die Wiedergeburt der Wirklichkeit.
Eine ber großen, schönen Stäbte, bie ich besuchte, um sie sicher nie mehr im Leden zu betreten, war wie ein erhabener Traum, ein Traum in Weiß, Blau unb Golb. Die Stabt liegt im Morgenland. Diesen Abenb sah ich sie roieber: im Kino. Es war mehr als bie Vorführung eines „Kulturfilms", wenigstens für mich. Für mich war es bie Wieder- holung eines Erlebnisses. Ich hatte bie Stadt inzwischen schon öfter in Filmen gesehen, aber noch nie war die Photographie so intim, so plastisch, so künstlerisch erfaßt gewesen wie bei diesem Film unb noch nie hatte ich bie Bebeutung unb Herrlichkeit bes Tonfilms so beglütfenb gefunben. Da war sie, bie Stabt. Das waren keine schwarzweißen Lichtschatten — bas war sie, bie erhabene Stabt im Morgenland. Nur auf ihren vergoldeten Dächern konnte
gemeiner Meliorationsplan mit genauem Erläute- rungsbericht ist fertiggeftellt. Die Felbdereinigung ift bas wichtigste unb probuktioste Mittel, mit bem in unferer Gemarkung, wie im ganzen oberen yabbatal ber Lanbwirtschaft wirksam geholfen wer- den kann. Die lanbwirtschaftliche Kommission wirb bas Projekt einer genauen Vorprüfung unterziehen. Demnächst wirb eine allgemeine Versammlung mit ben Interessenten unb ben Fachleuten ftattfinben. Die Bürgermeisterei wirb bie weiteren Vorbereitungen treffen.
Ausführlich berichtete ber Bürgermeister über die Rechtsverhältnisse zwischen Kirche und Stabt Schotten hinsichtlich ber etatsrecht- Itdjen Beziehungen. Eine rechtliche Verpflichtung ber Stabt, generell bas jeweilige Defizit ber Kirche aus stabtifchen Mitteln zu becken, kann ber Ge- meinberat nicht anerkennen. Dagegen ist er gern bereit, sich mit ber Kirche über bie Leistung eines angemessenen freiwilligen Zuschusses zu verständi- gen. Eine gütliche Regelung wird im beiderseitigen^ Interesse erstrebt.
Die Freiwillige Feuerwehr will zum Zwecke eines raschen, leichten Transportes ber Motorspritze einen Transportwagen beschaffen. Ein Zuschuß von 500 Mark ift hierfür van anberer Seite beroiligt. Der Gemeinderat hat unter der Voraussetzung, baß ber Stadt durch bie Anschaf, fung keine weiteren Unkosten entstehen, nichts gegen den Erwerb einzuwenben.
Im Rechnungsjahr 1933 soll auf Antrag aus Bit- hgfeitsgrünöen ein entsprechenber Gewerb st euer Nachlaß ftattfinben, wenn sich bei ber Veranlagung ergibt, baß hinsichtlich bes Gewerbe- kapitals ober des Gewerbeertrags gegen bas Vorjahr eine wesentliche Verminderung eingetreten ift.
Im Beisein von Dberforftmeifter D e u ft e r würbe ber für bie nächsten zehn Jahre gültige Plan ber neuen Forsteinrichtuna bes Stabtroalbes besprochen. Danach ist ein Hiebsatz von 800 Fest- meter Holz vorgesehen. Der Plan würbe vom Ge- meinberat genehmigt. Näher verhanbelt würbe auch
so bie Sonne funkeln, als hinge bie Lust voller unsichtbarer Juwelen, ba waren sie, bie Brücken, bie nur biefe Stabt hat, bie Brücken, auf benen ich aus purem Vergnügen an ihnen hin unb her gelaufen war, Brücken von elegantem, fast majestätischem Schwuna. Die Glut bes Orients brütete flimmernd in ben Aufnahmen, in ben hastigen unb doch ge- laffenen Bewegungen ber Menschen, im Ausdruck der dunklen, spähenden Augen.
Die Stimmen tönten, wirr, schnell unb lärmend unb ich sah bie Straßenecken, an benen ich gestanden hatte, um zuzuschauen voll Lust unb Gluck, ich sah bie Bänke, auf benen ich gehockt hatte, um ins riesige Meer zu starren, in bem bas weiße Zauber- bilb ber Stabt sich bunfler spiegelte. Silber vom Ufermarkt erschienen. Unb ich sah — fast hätte ich geschrien — ich sah sie, bie kleine, graziöse, büftcr- augige Dbftoerfäuferin, mit ber ich abenbs Feuer- wein trinken gegangen war. Noch immer, wie vor drei Jahren, saß sie unter ben großen, bronzenen Brückenlöwen unb lachte mit ihren weißen Zähnen bie Passanten an. Ich weiß nicht, wie sie hieß, mir haben keinen einzigen Satz miteinanber gewechselt, da ich bie Lanbessprache nicht beherrschte. Dennoch saß ich mit bem Mäbchen, als es seinen' Stand geschlossen hatte, im Weinhaus, wo getanzt wurde und wir Haden uns herrlich ohne Worte verstanden. Der Film verweilte lange genug, um sehen zu rönnen, daß sie immer noch so jung aussah wie da- mals, das braune Kindgesicht — ober, täuschte ich mich, vielleicht überglänzte bas Kameralicht zu grell ihr Gesicht. Nie hätte ich gebacht, bieses Mädchen noch einmal wieberzusehen, bas längst schon unter den fast vergessenen Gesichtern verschwunden war, nie hätte ich geglaubt, bie erhabene Stabt noch einmal in solch aufregenber Realität zu erleben. Wie- bergeburt ber Wirklichkeit. Magie ber Schatten.
Hochschulnachrichten.
Der emeritierte Professor ber Theologie an der Universität Marburg, Martin Rabe, ber Herausgeber ber „Christlichen Welt", ift auf Grund des Paragraphen 4 des Beamtengesetzes aus dem Staatsdienst entlassen worden; ebenso Professor Dr. Albrecht Goetze (Semitische Philologie).
Professor Dr. Felir Bernstein, Ordinarius für Versicherungsmathematik an der Universität Göttingen, wurde auf Grund des § 6 des Gesetzes zur Wiederherstellung des 33erufsbeamten« tums tn ben Ruhestand versetzt.
Professor Dr. Gunther Ipsen in Leipzig hat einen Ruf als Drbinarius für Philosophie au die Universität Königsberg angenommen,


