Nr. 257 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Donnerstag, 2. November MZ
in der Zeit, da er eben geheiratet hatte, in Breslau Professor war und an seiner „Römischen Geschichte" arbeitete, fürchtete selbst dieser Riese der Arbeit, der einen so zarten Körper besaß, zu erlahmen. Elf Tage vor der Geburt seines ersten Kindes schrieb er Mitte 1885, er befinde sich in einer beispiellosen Arbeitskalamität. „Es ist mir nur recht lieb", fuhr er fort, „daß so ein Wurm nicht gleich Umgang braucht und fürs erste nicht einmal Prügel, denn ich habe wahrhaftig keine Zeit dafür." •
In seinen Vorlesungen konnten oft die Worte mit der Schnelligkeit der Gedanken nicht gleichen Schritt halten. Er arbeitete noch während seiner Vorlesung seinen Stoff durch und dieser große Wahrheitssucher der sich immer tiefer in die Probleme einbohrte, hielt wohl plötzlich an und erklärte: „Meine Herren, was ich da soeben behauptet habe, kann aus den und den Gründen nicht zurecht bestehen." Berühmt und gefürchtet war sein Sarkasmus. Napoleon III. der den Ehrgeiz besaß, sich als Geschichtsschreiber Hervorzulun, hatte Mommsen nach Paris geladen, um ihm bei der Abfassung seines Werkes über die gallischen Feldzüge Cäsars behilflich zu sein. Trotzdem hielt der Meister nicht viel von dem mit großem Pomp herausgebrachten Werk, und als ihn ein Bekannter fragte, ob er das Buch seinem Sohn schenken solle, erkundigte er sich erst: „Wie alt ist denn der Junge?" Auf die Antwort: „15 Jahre" meinte er: „Na, dann dürfen Sie es ihm ruhig noch in die Hand geben; in einem Jahr wäre er ihm schon entwachsen!"
Als ihn ein berühmter gleichaltriger Gelehrter in seinen letzten Lebensjahren besuchte, sprachen sie von einem alten gemeinsamen Bekannten: „Sie sind ja fast alle tot," bemerkte wehmütig der Besucher. „Oder sollten es wenigstens fein," fügte Mommsen ironisch hinzu. Eines Tages erschien Mommsen auf dem Charlottenburger Amtsgericht, um dort sein Testament zu hinterlegen. Der Richter, der ein guter Jurist und Philologe war und Mommsen natürlich kannte, mußte ihn trotzdem um Ausweis-Papiere bitten. „Ich habe nichts dergleichen mitgebracht," erwiderte Mommsen befremdet, „weil ich annahm, hier genügend bekannt zu sein." „Gewiß habe ich Ihr Bild oft gesehen," antwortete der Richter. „Aber Sie müssen doch selbst zugeben, daß eine solche Kenntnis für juristische Zwecke nicht genügt." Der greife Gelehrte klagte nun, daß er so viel Zeit Der* liere, wenn er erst wegen der gewünschten Papiere nach Hause fahren müßte — damals gab es ja noch keine Autobusse und elektrischen Bahnen. Ob es denn kein anderes Mittel gebe, um feine Identität zu beweisen? Dec Richter Überlegte: «Halt, ich hab's,"
rief er dann aus: „Können Sie mir den Unterschied zwischen res mancipes und res nec mancipes (zwei Begriffen aus dem Corpus juris) genau auseinandersetzen?" Mommsen, nun ganz in feinem Element, begann sofort einen geistvollen Vortrag über das Thema. Als er geendet, sagte der Richter mißbilligend: „Ja, das ist diese falsche Mommsensche Auffassung. Zweifellos: Sie sind Mommsen!" F. S.
Deutschland, herrliche Fülle...
Don Werner Bergengruen.
Der Schausaal der Welt kann nicht erschöpft werden. Deutschland ist unausmeßbar groß. Wer denn kennt die Einsamkeit der Holzwege im Fichtelgebirge, wer panisches Mittagsschweigen und panisches Mittagserschrecken in feuchtriechenden, sonnenkochenden Schilfwildnissen der starkenburgischen Rheinseite, wer die kahlen, dürftig begrasten Hochflächen der Rhön, die sich im Winde mit Herbstzeitlosen decken, wenn drunten in Franken noch aller Sommer bekränzt ist? Deutschland ist unausmeßbar. Wer denn kennt die Tausende seiner Städte, die abseitigen und die heimlichen, die zipfligen und die wilden, die herzlichen und die hinterhältigen, Bischofsgrün und Regen, Helmstedt und Mellrichstadt, Ochsenfurt und'Bensheim, Biberach, Kusel, Burghausen, ßauenburg und Soest?
Begierden gibt es, die vor jeder Sättigung bewahrt bleiben dürfen, wie ja auch niemand des Schlafens länger als für einen Tag, der Nahrung länger als für wenige Stunden satt werden kann. Sind denn Augen zu e'rfättigen. Ohren, Nüstern, Haut, Hände und Füße? Hände, bie über junge Haselkätzchen streichen, in schäumenden Pulverschnee fassen, sich in glühenden Meerufersand wühlen bis an die Ellbogen, über Bootsränder in Wasserkühle hängen und von treibendem Schlingkraut schmeichlerisch gestreift werden? Füße, die durch mehligen Sand stapfen, im Lehmacker des treulicken Gewichts der Erde innewerden dürfen, das Federn des Bodens im Vorfrühling spüren, wenn er die Froststarre verlor? Füße, die sich in gräiernen Teppichwäldern verlieren, Füße, unter denen jäh das heimliche Morastgebrodel der weißblühenden Wiese raunt? Füße, die sich mit den Schuhnägeln gegen senkrechte Felswände stemmen und Schenkeln und Kniekehlen die fedrige Spannung weitergeben?
Geschrei der Stare, schläferndes Glockensummen unsichtbarer Kuhherden im Bayerischen Walde, Dröhnen der Züge, Knirschen abstoßender Ruderboote. Jaulen des Windes um Alpenhütten, heulende
Appell an die Hausfrau!
Erkenntms zu vervreuen und zu fertigen, so ist das der beste Hilfsdienst für das große Arbeitsbeschaffungswerk unseres Führers Adolf Hitler.
Kaufe deutsche Ware! — Du nützt dir selbst und schaffst Arbeit für deine Volksgenossen.
Don Staatsrat Wilhelm Meinberg, Michsobmann für die bäuerliche Selbstverwaltung.
Mit einer Kraftleistung, die die Welt vor kurzem noch für unmöglich gehalten hätte, ist es der nationalsozialistischen Staatsführung gelungen, d i e Zahl der Arbeitslosen wesentlich unter die Viermillionengrenze herabzudrücken. Diesen Erfolg gilt es zunächst für den Winter zu sichern und später weiter auszubauen. Einen Weg der Mithilfe für jedermann, um dieses Ziel zu erreichen, zeigen uns die Deutschen Wochen. Sie sollen vor allen Dingen der Mobilisierung der deutschen Häusfrau dienen. Durch ihre Hände gehen in Form des Wirtschaftsgeldes etwa 80 v. H. des deutschen Volkseinkommens. Von ihrer Einsicht hängt also die zweckmäßige Verwendung von vielen hun-
Ersüttt Eure soziale pflicht!
Kämpst mit Hitler gegen Hunger und Kälte!
dcrt Millionen Reichsmark ab. Noch heute ist sich die deutsche Hausfrau nicht immer bewußt, daß ihre
zur Erkenntnis dieser Tatsache bedarf es keines großen theoretischen Wissens, sondern lediglich der Einsicht in den alltäglichen Ablauf der Dinge. Kaufst du ausländische Waren, so mündet, wie gejagt, dein Geld sehr schnell in den Geldumlauf einer fremden Volkswirtschaft. Kaufst du deutsche Waren, so wandert dein Geld vom deutschen Händler zum deutschen Erzeuger und deutschen Arbeiter und wieder zu dir zurück; denn in einer gesunden Volkswirtschaft ist ja jeder, abgesehen von den Arbeitsunfähigen, nicht nur Verbraucher, sondern auch Erzeuger, Indem du deutsche Waren kaufst, dienst du also nicht nur deinen deutschen Volksgenossen, sondern im Grunde genommen nur d i r s e l b ft. Das Geld, das du auf diese Weise ausgibst, bringt dir selbst neue Arbeit und neuen Verdienst. Daher könnte die Losung der Deutschen Wochen auch lauten: „Dein Geld soll d i r Arbeit bringen — also kaufe deutsche Waren!"
Wir wenden uns also nicht nur an den Opfersinn, sondern an das wohlverstandene eigene Interesse des einzelnen. Pflichterfüllung seinem Volke gegenüber ist nichts anderes als Treue gegen sich selbst und seine Familie. Derjenige, der deutsche Waren kauft, hat also keinerlei Veranlassung, sich in der Rolle eines Liebesgabenspenders zu gefallen. Er tut lediglich eine Pflicht, deren Erfüllung ihm selbst wieder zugute kommt. Gelingt es, diese
Eintopfgericht am 5. November.
Durch soziale Gerechtigkeit zur äußeren Freiheit!
Die Begriffe national und sozial haben sich im neuen Staat zur unlöslichen Einheit verschmolzen, keiner darf sich national nennen, der nicht den festen Willen aufbringt, dem unglücklichen Volksgenossen durch die Tat zu helfen. Und keiner wird wahrhaft sozial sein, wenn dieNotdes Vaterlandes nicht feine eigene Not ist.
Diese Gesinnnung soll sich am nächsten Sonntag bewähren: Am 5. November wird in ganz Deutschland das Eintopfgericht gehalten, weil Millionen hungern. Der Volksgenosse, der noch etwas besitzt, verzichtet zugunsten des Darbenden auf einen Genuß, stellt auch äußerlich durch diesen Verzicht die Schicksalsgemeinschast her. So wird das Eintopfgericht Sinnbild der inneren Geschlossenheit, die notwendig ist, wenn der Kamps für die Ehre Deutschlands nach außen hin siegreich durchgesührt werden soll. Wer das kleine Opfer des Eintopfgerichts am nächsten Sonntag bringt, zeigt, daß er den Geist der neuen Zeit verstanden hat, zeigt, daß er mithelfen will an dem großen Werk unseres Führers.
Winterhilfswerk
des deutschen Volkes 1 9 33/34. Gau Hessen-Nassau.
kleinen und großen Ausgaben eine volkswirtschaftliche Teilhandlung sind, die im Zusammenhang mtt dem Ablauf der gesamten Volkswirtschaft gesehen werden muß. Diese Erkenntnis fordert keine großen theoretijchen Kenntnisse, sondern ist das Ergebnis einer einfachen Ueberlegung.
Aus dsr Provinzialhauptstadt.
Das Geld, bas die deutsche Hausfrau für die Lebensbedürfnisse ihrer Familie ausgibt, wandert — das lehrt schon die naive Weisheit des alten Kinderspiels „Taler, Taler, du mußt wandern" — stetig von Hand z u H a n d , zunächst in die Tasche des Händlers, der nun feine Lieferanten bezahlen muß. Von dort wandert es in die Hände des Erzeugers, der feinen Verdienst zu einem großen Teile abermals zur Bezahlung feiner ® r 3 e u » gungs mittel und in Form von Arbeitslöhnen weiter gibt, die wiederum zur Befriedigung der verschiedenen Lebensbedürfnisse verwendet werden, und so fort. Sin ewiger Kreislauf! Man braucht nur die einzelnen Stationen dieser Wanderung des Geldes zu überblicken und man wird ohne weiteres einsehen, daß es keineswegs gleichgültig ist, wohin das Geld wandert. Gibt man sein Geld für ausländische Waren aus, so wandert es in die Tasche fremder Lieferanten und fremder Erzeuger und ist Lohn für ausländische Arbeiter, der den brachliegenden Arbeitskräften im eigenen Lande entzogen wird. Das Geld aber, das für im Jnlande erzeugte Waren ausgegeben wird, und auf diese Weise seinen Kreislauf innerhalb der deutschen Volkswirtschaft durchläuft, dient zur Ankurbelung der deutschen Volkswirtschaft und ist auf diese Weise ein Arbeitsbeschaffungsmittel allerer ft en Ranges. Die Losung: Kauft deutsche Waren! bedeutet gleichzeitig den ernsten Appell, an dem Arbeitsbeschaffungswerk der Reichsregieruna nach bestem Vermögen mitzuwirken. Das Vflichtgebot des Nationalsozialismus „Gemeinnutz geht öor Eigennutz" ist nur bann lebendige Wirklichkeit, wenn es sich a u ch i n d e n k l e i- nen Handlungen bes Alltags bewährt.
Jnbem so ber einzelne banach trachtet, auch seine kleinste Handlung als Dienstleistung für die Allgemeinheit aufzufassen, verwirklicht sich aber auch der zweite Teil der Losung „Einer für alle — alle für eine n", die einst den preußischen Staat zu seiner geschichtlichen Sendung befähigt hat. Auch
Abgehärtet in den Winter!
Ein wenig Unbehagen haben wohl alle vor Herbst und Winter und ihren Einflüssen. Denn Erkältungskrankheiten können langwierig und unangenehm sein und oft sogar ernste Folgen für unsere Gesundheit haben. Erfahrungsgemäß geht ein Winter selten vorbei, ohne uns etliche Schnupfen und Hustenperioden zu bringen. Frostbeulen gehören auch nicht zu den Annehmlichkeiten, und wenn wir mit falten Füßen frierend in nicht genügend erwärmten Zimmern herumsitzen, so ist auch das eine von den Schattenseiten.
Aber wir können einiges dagegen tun, so gänzlich von der Unbill des Winters überrannt zu werden. Je gekräftigter wir in die unbehagliche Jahreszeit hineingehen, um so leichter erträglich wird sie. Wer im Sommer viel in frischer Luft und Sonne war, wird meist recht widerstandsfähig sein, und da selbst der Herbst oftmals noch Gelegenheit gab, im Freien zu sein, so haben wir uns wirklich selber die Schuld beizumessen, wenn wir unfern Körper das Gebotene nicht ausfoften ließen.
Noch jetzt im Spätherbst sollten wir es uns nicht nehmen lassen, ausgiebige Spaziergänge zu machen, und zwar genügt es für den Städter nicht, daß er ' etwa in den Straßen der Stadt spazieren geht, sondern er soll sich hinausbegeben in die Natur, wo er wirklich gute Luft hat. Wer radelt, hat es leicht, aus den Stadtmauern und Straßen herauszukommen, und dieses Beförderungsmittel sollte noch mehr, als es jetzt schon der Fall ist, benutzt werden. Wer einen Garten hat, soll Tag für Tag, wenn die Witterung es irgend erlaubt, draußen eine kleine Beschäftigung vornehmen, sei es, daß es etwas umzugraben gibt, daß man nur Büsche beschneiden, Ranken hochbinden oder den Zaun reparieren kann. Man bleibt dabei in Bewegung und tut etwas für seine Gesundheit. Man wird finden, daß es auch im Herbst und Winter nur wenige Tage gibt, an denen man nicht aus dem Hause gehen kann. Wenn man aber wirklich einmal einen ganzen Tag über
haupt nicht aus dem Hause kommt, so ist die Gymnastik ein guter Ersatz; das Blut kommt in Umlauf und man sorgt für die nötige Erfrischung der Organe, die überaus wichtig ist.
Die Ernährung im Winter muß natürlich eine andere sein, als im Sommer. Sobald die läge kühl und dunkler zu werden beginnen, muß der Körper mehr tierisches Fett bekommen. Man führt ihm das in Form von Butter oder fettem Fleisch zu. Eine sehr gute Ernährung für den Winter ist Haferbrei, doch müssen die Haferflocken vorher eingeweicht und dann gründlich und langsam gekocht werden. Nur dann hat der Körper wirklich Nutzen von dieser Ernährung. In den Monaten November bis April muß man solche Speisen in den Küchenzettel einschalten.
Kalte Bäder im Winter sind nur für Menschen mit sehr guter Blutzirkulation und sehr fester Gesundheit zu empfehlen. Im allgemeinen soll man sich an warmes Wasser halten. Natürlich kann man sich, wenn man das liebt, nach dem warmen Bade mit kaltem Wasser abreiben oder kalt duschen, aber es genügt auch, wenn man nur eine Weile unbekleidet nach dem Bade im Zimmer auf und ab geht oder den ganzen Körper mit der Hand tüchtig abreibt. Auf diese Weise regt man den Blutumlauf schon genügend an. Niemals soll man mit irgendwelchen Abhärtungskuren mitten im Winter an kalten Tagen anfangen. Es ist schon manche schlimme Erkältung durch solche törichten Abhärtungsoersuche veranlaßt worden. Wenn man z. B. kalte Waschungen und Abreibungen im Winter durchführen will, so muß man den Körper im Sommer daran gewöhnt haben und genau wissen, daß er es verträgt.
Bei vielen Menschen wehrt sich die Haut gegen Kaltwasserbehandlung bei kühler Witterung; sie wird rauh und gerötet, immer ein Zeichen, daß es dem Körper nicht angenehm ist, auf diese Weise be= oder vielmehr mißhandelt zu werden. Man soll solche Anzeichen nicht unbeachtet lassen und sich
Theodor Mommsen
3um 30 Todestage des großen Historikers
Das 30. Todesjahr eines großen Schriftstellers ist für uns von besonderer Bedeutung, denn mit dem „Freiwerden" seiner Werke beginnt eigentlich erst recht fein Nachleben, und es zeigt sich, ob der Ruhm, der ihn bei Lebzeiten umrauschte, seinem Namen dauernd erhalten bleibt. Mommsens „Römische Geschichte", die als klassisches Meisterwerk neben dem Höchsten steht, das unsere Geschichtsschreibung geschaffen, ist bereits in billigen, auf die breiten Massen berechneten Ausgaben erschienen und dürfte den Eindruck von der genialen Persönlichkeit des Schöpfers immer tiefer in das allgemeine Bewußtsein einprägen. Die Originalität seines Wesens hat sich in vielen Geschichten gespiegelt, die von ihm erzählt wurden, und von denen manche, besonders die von seiner selbst bei einem Gelehrten ungewöhnlichen Zerstreutheit, nickt einmal „gut erfunden" waren. Andere wieder führen mehr in den Kern feiner Natur.
So ist es bezeichnend, daß dieser Künstler der historischen Darstellung als Dichter begann. Mit Storm und seinem Bruder Tycho gab er zusammen das „Liederbuch dreier Freunde" heraus, in dem Mommsen sich zwar schon als spöttischer Satiriker, aber auch als schwärmender Träumer verrät. Freilich ist er derjenige, der die Funken der Ironie am schärfsten aussprühen läßt und die eigene Poesie mit den Versen verspottet:
„Da läuft mir über die fieber eine Laus, Schatz! Bedenken Sie, ir in werter Storm:
Wir kommen in Wolfs poetischen Hausschatz.
Das Unglück wäre doch enorm."
Nicht minder leidenschaftlich als der Poesie wandte er sich später der Politik zu. 1848 war er Redakteur der „Schleswig-Holsteinischen Zeitung" in Rendsburg. Eines Tages brachte sein Blatt die Meldung daß sich ein vielgenannter dänischer Agitator erhängt habe. Es war aber kein Wort davon wahr, und der angeblich Erhängte erschien aufgeregt bei Mommsen, und machte feiner Entrüstung in sehr deutlicher Weise Luft. Mommsen horte ihn ruhig an, und als er sich ausgetobt hatte, sagte er ganz gelassen: „Gut, ich werde morgen eine Berichtigung bringen, daß Ihr kräftiges Schimpfen die Redaktion vollständig davon überzeugt habe, daß Ihnen die Kehle keineswegs zugeschnürt ist."
In seiner gelehrten Tätigkeit hat Mommsen eine schier unbegreifliche Leistung vollbracht. Besonders
lieber auf die „Abhärtung" durch reichlichen Aufenthalt in frischer, guter Luft beschränken. H. P. .
Schuljugend und Kirche.
Lin dankenswerter Erlaß der Regierung.
Das Kreisschulamt Gießen weist in einer Bekanntmachung an die Schulvorstände der Landgemeinden des Kreises auf einen Erlaß des hessischen Staatsministeriums, Ministerialabteilung für Bildungswesen, Kultus, Kunst und Volkstum, hin, in dem zur Mitwirkung der Lehrerschaft an der Hebung des Kirchenbesuches durch die Schuljugend aufgefordert wird. In diesem Erlaß heißt es:
„Unter Hinweis auf unser Ausschreiben, betreffend Lehrerpersönlichkeit und Unterrichtsgestaltung erwarten wir, daß die Lehrerschaft mit allem Nachdruck bestrebt sein wird, den besuch des sonntäglichen Gottesdienstes durch die Schüler, vornehmlich der Mittel- und Oberstufe, zu heben. Das gute Beispiel des Lehrers regt hierbei zur Nach- eiferung an. Die Beaufsichtigung der Schüler während des Gottesdienstes gehört nicht zu den Ob- liegenheiten des Lehrers. Die Teilnahme des Religions- und des Klassenlehrers an der kirchlichen Konfirmations- bzw. Kommunionsfeier seiner Schüler ist erwünscht."
OaS Winterhilfswerk der deutschen Jugend.
Das Kreisschulamt Gießen hat den Schulvorständen der Landgemeinden des Kreises Gießen das nachfolgende Ausschreiben des Hessischen Staatsministeriums, Ministerialabteilung für Blldungs- wesen, Kultus, Kunst und Volkstum zur Kenntnis gebracht und empfohlen, entsprechend dem Aus- fdjreiben des Staatsministeriums zu verfahren.
Der Herr Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda hat folgendes angeordnet:
„Der erste Sonntag im November soll der deutschen Jugend gewidmet sein. Die Organisation der Hitler-Jugend wird an diesem Tage die gesamten Veranstaltungen und Sammlungen in Zusammenarbeit mit der NS.-Volkswohlfahrt übernehmen. Es ist ein Nagelschild entworfen worden in Form des Abzeichens der Hitler-Jugend. Dieses soll zugunsten der Winterhilfe benagelt werden. Der gesamte Reingewinn aus der Benagelung wird durch die Standorte der Hitler- Jugend mit der NS.-Volkswohlfahrt verrechnet. Die Hitler-Jugend hat den ideellen Vorteil, daß ihr Abzeichen in einer würdigen Form im ganzen deutschen Land verbreitet wird."
Die Direktionen und Leitungen aller Schulen haben die Benagelung der Schilder der Hitler-Jugend zu unterstützen und den Formationen zu erlauben, diese zu einer bestimmten Zeit in den Schulen aufzustellen.
Um der ganzen Aktion der Jugend einen großen Rahmen zu geben, ist den Formationen am 5. November Gelegenheit zu geben, die Schilder in der Oeffentlichkeit benageln zu können.
Sämtliche der Jugenderziehung und Jugendertüchtigung dienenden Institute sind an diesem Tage mit den Fahnen der Hitler-Jugend und des deutschen Jungvolks zu Ehren dieser Formationen zu beflaggen.
Besucht das Militärkonzert in der Volkshalle!
Zugunsten des Winterhilfswerkes findet bekanntlich heute, Donnerstag, 20.15 Uhr, in der Volkshalle ein großes Militärkonzert, ausgeführt von dem Musikkorps Gießen und Marburg, unter Leitung von Obermusikmeister Krauße statt. Die Bürgerschaft unserer Stadt und der nächsten Umgebung sollte nicht versäumen, dieses Konzert zu besuchen, da mit diesem Besuch nicht nur ein hoher künstlerischer Genuß verbunden ist, sondern auch ein wohltätiger Zweck erfüllt wird. Im NS.-Buch- laden (Wolkengafse-Seltersweg) sind noch Karten für diese Veranstaltung zu haben. Bei den Karten zum Preise von 30 bzw. 50 Pfennigen handelt es sich um Sitzplätze. Die Sitzplätze zu 50 Pfennig sind numeriert.
Hafensirenen, Herbstgesang der Telegraphendrähte, — wie können Ohren müde werden, sich diesem allem hinzugeben und dem lautesten: der vollkommenen Stille? Können sie denn satt werden des nächtigen Schmelztropfenfalls von den Dächern, des heimlichen Märzengegurgels unter den Eiskrusten, des Summens der Sägemühlen, der Dreschmaschinen an Herbstabenden, satt des Wildtaubengurrens, des Elsternkrächzens in feuchtschillernden Erlenwäldern, des Bugwassergebrodels, Wellenpralls, sanften und dumpfen, gegen Uferfteine, satt des Lerchenschlagens mitten inne zwischen hellgrünen (Suatenfelbern und sonnengelb durchwirkter Himmelsbläue, satt des hungrigen Movengeschreis, des schäumigen Pfan- nengebrutzels, das aus der halboffenen Küchentür ins Herrenzimmer pfälzischer Gasthofe springt?
Und wie sollen denn Nüstern ersättigt werden können des Orangenatems gelber Lupinenfelder, des feeischen Salzwindes, des Weihrauchs fränkischer Barockkirchen, der Moderfeuchte rotbraunen Herbst- (aubes, des Tanghauches der Wasserflächen, des strömenden Harzes sonn-merhitzter Tannenwälder, ersättigt des Verführerischsten aller Gerüche: des von leichtem Sommerregen geballten Landstraßenstaubes?
Oder kann denn je die Haut sich erfättigen an den hundert Berührungsarten des Windes, an der Sonne, der Nebelfeuchte, warmem Mairegen und dem körnigen Prickeln winziger Kristalle?
Und der Gaumen sollte stumpf werden gegen den Geschmack des Obstes, des bäuerlichen Rauchfleisches, der Trauben, der hundert Weine, des Mostes, Rauschers und Federweißen, der in der Frühe gefangenen Küstenfische, der Mehlbeeren und Schlehen an holsteinischen Knicks, wenn der erste Nachtfrost ihre Bissigkeit gezähmt hat, der Walnüsse an schwäbischen Landstraßen, des oberhessischen Handkäses, der odenwäldischen Forellen, des Klosterbiers von Andechs?
— Und die Augen, gar die Augen sollen sich erfättigen können?
Hochschulnacknichten.
Der Privatdozent und Direktor der kriegsge- schichtlichen Abteilung des Historischen Seminars an der Universität Berlin, Dr. Walter Eltze, ist zum Ordinarius für Kriegsgeschichte ernannt worden. Eltze ist seit längerer Zeit der Vertrauensdozent des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes. Als Schüler von Friedrich Wolters steht er dem Stefan-George-Kreis nahe.


