Ein Lied Nvm Glück.
Vornan von Anny von panhuys.
13. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Oh, wie herrlich war der Morgen. Welche köstliche Friscke war in der Luft!
Achim von Malten ritt über die Felder, ritt durch den Wald. Jeder zollbreit Erde, über die er ritt, war jein Eigentum. Er atmete die Luft ein, wie ein Mensch, der schwer krank gewesen, der auf den Tod darniedergelegen und nun zum erstenmal wieder hinaus darf in Gottes freie Natur. Wie ein Mensch, der die Himmelsbotschaft vernommen: Deine Krankheit ist vorbei. Du bist außer Gefahr und darfst weiterleben!
Der Diener, der in der Halle gerade die Fenster geöffnet, als der Herr, mit der Gerte in der Hand, die Treppe hinuntergekommen, hatte ihn mit offenem Munde angestarrt wie ein Phantom. Der Reitbursche hatte sich die Augen gerieben, als ginge es ihm ähnlich, und sein Lieblingspferd, das er wohl zuweilen besuchte, aber seit langer Zeit nur durch den Stallburschen bewegen ließ, hatte den Kopf an seine Schulter gedrängt, als er selbst es hinausführte.
Mit tänzelndem Schritt ging es unter ihm. Das treue Tier war glücklich, daß sein Herr wieder auf seinem Rücken saß.
Die Bäume waren noch wenig belaubt, und in der frühen Morgensonne schienen die sehr hellgrünen Blätter wie gläsern, schienen zu leuchten in ihrer jungen Frühlingsfrische. Wie gut es tat, durch den klaren Morgen zu reiten! Er begriff immer weniger, wie er so lange gleich einem Stumpfsinnigen in den Zimmern hatte herumsitzen können. Er trällerte vor sich hin und ertappte sich mit zufriedenem Lächeln dabei.
Hinter dem kleinen Wald, der sich zwischen Wiesen und Felder einschob, war der Blick wieder ungehemmt, und da sah Achim von Malten einen Reiter, den er sofort von weitem erkannte. Es war Roberta Olbers. Die weiße Baskenmütze, die sie am liebsten trug, lag wie ein flaches, kleidsames Tuch über ihrem schwarzen Haar.
Schon kam Roberta näher. Zorn erfüllte sie. Sie dachte an Marlene Werner, dachte an den Handkuß, den Achim vergangene Nacht der Gesellschafterin gegeben. Ach, wenn sie gekonnt hätte, wie sie gewollt, wäre Marlene Werner noch zur gleichen Stunde von ihr aus dem Schloß gejagt worden? Diese unscheinbare Person verstand es anscheinend besser als sie, die Männer zu betören. Ein Störenfried war sie hier; sie mußte fort. So schnell wie möglich. Wenn schon ein flüchtiger Tag einen Mann wie Malten so verändern konnte, würde Die Hochzeit nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Sie hielt auf den Gutsherrn zu, zwang sich, ein erstaunt frohes Gesicht zu machen, rief ihm entgegen:
„Wie freue kch mich, Achim, dich endlich km Sattel zu sehen!' Gottlob, nun bist du auf dem Wege zur Besserung!" Sie schlua sich auf den Mund. „Verzeihung, daß ich in unser Kindheits-Du zurückfiel, aber meine Freude ist übergroß."
Er reichte ihr die Hand. Es gefiel ihm, daß sie sich so seyr freute, weil er nach sehr langer Zeit zum ersten Male wieder ausritt. Er sagte:
„Dein Vater wünschte, das D u zwischen uns sollte aufhören. Meinetwegen hätte es bestehen bleiben können.
Sie wehrte ab.
„Nein! Mein Vater hatte recht. Das offizielle Du zwischen uns hätte den Leuten allerlei Anlaß zu törichtem Klatsch gegeben. Man verschont mich auch so nicht völlig damit."
Er sah sie an und verstand sie. Richtig! Das übersah er immer, sie war sehr apart und rassig. Es lag deshalb auf der Hand, daß Klatschmäuler, durch eine vertraute Anrede irregeführt, vielleicht Beziehungen zwischen ihr und dem unverheirateten Herrn des Gutes suchen könnten.
Er dachte an Marlene Werner und sagte bedauernd:
„Es tut mir leid, daß du meinetwegen unter Klatsch zu leiden hast."
Nichts weiter. Die nachtschwarzen Augen irritierten ihn. Er wußte ja seit kurzem, er galt Roberta mehr als ein Kindheitsfreund, aber es war nicht seine Schuld. Er unterhielt sich noch ein Weilchen mit ihr ganz sachlich über Gutsangelegenheiten und ritt bann mit freundlichem Gruß weiter.
Jetzt befand sich Roberta im Walde. Sie ritt so schnell, wie das hier möglich war, vorwärts. Sie wollte nach Hause und hatte ihre Inspektion der Feldarbeiten schon hinter sich.
Am Ausgang des Waldes, nach der Gutsseite zu, stand ein Mann an einen Baumstamm gelehnt. Er rührte sich nicht beim Näherkommen der Reiterin. Erst als sie dicht vor ihm Haltmachte, bewegte er sich ein wenig, sagte verhalten:
„Was zum Teufel ist denn heute morgen los, Roberta? Ich warte schon seit einer halben Stunde auf dich. Erst in der kleinen Schonung und seit ein paar Minuten hier."
Sie erwiderte spöttisch:
„Dazu bist du ja da, zum Warten! Im übrigen haben wir uns heute morgen nicht verabredet." Sie erklärte: „Malten hat mich etwas aufgehalten; er hat heute einen Spazierritt gemacht. Jenseits des Waldes haben wir uns getroffen."
Er lachte: „Rede doch nicht solchen Unsinn. Der Mensch besteigt sicher kein Pferd mehr, der ist ja schon verblödet."
Sie war im Sattel geblieben. Nachdem sie sich umgesehen, raunte sie zu ihm hinunter:
„Er ist wirklich ausgeritten. Es sind zwei neue Gesellschafterinnen im Schloß. Ja, zwei gleichzeitig, und die eine davon singt und spielt Klavier wie eine, die davon lebt, und an der hat er einen Narren gefressen auf der Stelle. Das Frauenzimmer ist sehr
| zu fürchten. Nach kaum einem Tag hat er khr schon I die Hand geküßt und seiner Mutter mußte sie noch um Mitternacht Vorsingen. Er ist ganz verändert. Jedenfalls, wenn die widerliche Person noch ein Weilchen im Schloß bleibt, dann auf Wiedersehen, ihr stolzen Träume. Dann bleiben wir immer arme Luders."
Er verzog den schmallippigen, aber gut geschnittenen Mund, und in feinen Hellen Augen blitzte jetzt ein böses Licht auf.
„Ich hätte dich gern als Achim von Maltens Witwe gesehen. Seine Witwe wärest du schneller geworden als seine Frau, und dann hätten wir uns geheiratet. Aber falls das nicht klappt, wirst du eben seine Erbin werden ohne Heirat. Jedenfalls einer unserer Pläne muß glücken, sonst wäre es ja überflüssig gewesen ..
Sie unterbrach ihn schroff:
„Still! Kein Wort weiter!"
Er brummte: „Es ist kein Mensch weit und breit da!"
Sie erwiderte, sich umsehend:
„Malten könnte zurückkommen. Uebrigens habe ich dir verboten, mich hier zu erwarten, und wenn du mich gar nicht getroffen, hättest du dich auch nicht zu wundern brauchen. Heute um dreiundzwanzig Uhr im Gartensaal können wir uns aussprechen."
Er nickte: „Ich werde kommen. Aber wie ist's? Hast du Geld bei dir? Ich sitze böse fest."
Sie schalt: „Du lebst zu gut, du verdienst genug mit ..."
Genau, wie sie ihn vorhin, so unterbrach er sie jetzt: „Still! Kein Wort weiter!"
Sie zuckte mit den Achseln.
„Ich bringe heute abend Geld mit. Jetzt habe ich nichts bei mir."
Er lachte: „Ich glaube dir nicht; aber gib mir wenigstens einen Kuß."
Sie schalt: „Du bist verrückt!"
Jrn selben Augenblick sprang er geschickt hinter sie auf das Pferd und küßte sie. Nur auf das rechte Ohr, denn durch eine rasche Bewegung entzog sie ihm ihren Mund.
Sie hob drohend die Gerte.
„Du bist ja toll geworden! Wo bleiben unsere Pläne, wenn du mich öffentlich blamierst?"
Er sah sie ernst an.
„Du, Roberta, schlage lieber nicht zu! Ich rate dir gut." Er ließ sich vom Pferde gleiten. „Heute abend mehr darüber. Wehe dir, wenn du ein falsches Spiel treibst. Ich habe manchmal die verflucht unangenehme Idee, ich diene dir nur noch als Mittel zum Zweck, nachdem du die Liebschaft mit mir satt bekommen hast. Wehe dir, wenn ich mich nicht irre. Also heute abend am alten Platz."
Er wandte ihr den Rücken zu; sie ritt weiter — langsamer als vorher, und ihr Gesicht war entstellt von einem Haß, den der Mann wohl schon ein meng spürte, an den er aber doch nicht glaubte, weil er nicht daran glauben wollte, weil er Roberta Olbers liebte.
Er durchquerte den Wald; über einen Feldweg ging er nach Hause. Sein Zuhause lag jenseits der Grenze. Ein kleines Gehöft war es. Bernd Brussack hatte es für eine ganz gerinae Summe gekauft. Eine leichte Steifheit im linken Arm, von einem Sturz herrührend, verbot ihm, weiter als Artist durch die Welt zu reifen. Don Kind an zog er durch die Lön- der, jonglierend, reitend und am Trapez tollkühne Saltos schlagend.
Er war jetzt fünfundoierzig Jahre alt, war äußerlich das, was man einen interessanten Mann nennt, und als er und Roberta einander zufällig kennenlernten, begann ein Liebesspiel zwischen ihnen, das bei dem Manne zu tiefem Ernst wurde, ihr aber bald monoton schien. Der interessante Mann gefiel ihr längst nicht mehr. Sie sah immer deutlicher die kleinen Falten, die um seine Augen lagen wie dünne, kreuz und quer laufende Striche, und sah immer deutlicher die Furchen, die sich von seinen Nasen- flügeln zu den Mundwinkeln zogen. Sie sah auch immer deutlicher, wie sorgfältig er fein Haar zurechtlegte, um seine Spärlichkeit zu verbergen. Sie hielt nur noch aus Klugheitsgründen zu ihm. Sie wußte, er ließ sich nicht einfach beiseiteschieben, denn ihm lag an der Erfüllung der Pläne, die sie einmal mit ihm geschmiedet, und das Dümmste war, er liebte sie. Unb bann gab es noch mancherlei, was sie zusam- menhiett.
In ben nächsten Tagen wieberholte Achim von Malten seine Ausritte. Er fing auch an, sich um bie Gutsarbeiten zu bekümmern. Roberta Olbers würbe immer zorniger auf Marlene. Sie kam wenig mit ihr zusammen; aber es bestand kein Zweifel mehr, die Herrin von Maltstein würde sie selbst nicht werden, wenn sich alles so weiter entwickelte. Die Aussicht, den bisher so energielosen Achim von Malten auf die eine ober anbcre Weise zu gewinnen, war vorbei. Aber sie schmiebete schon längst neue Pläne. Ihr Haß unb Bernb Brussak mußten ihr helfen.
♦
Seit bem Handkuß hatten sich Achim von Malten und Marlene nicht mehr allein gesprochen. Es war fast, als gingen sie der Gelegenheit dazu aus bem Wege. Aber heute führte sie ber Zufall in ber Bibliothek zusammen. Olga las Frau von Malten vor, unb Marlene wollte sich ein Buch holen. An einem der tiefen Schränke stand Achim von Malten, und wie leichte Verlegenheit spiegelte es sich auf seinem Gesicht, als Marlene eintrat.
Er machte ein paar Schritte auf sie zu, weil es aussah, als wollte sie sofort zurück.
„Ich möchte Sie nicht verjagen, Fräulein Wer- ner", sagte er leise, „mich stören Sie nicht, auch habe ich schon, was ich brauche." Er hielt ihr ein Buch hin, das er bei ihrem Eintritt mechanisch aus dem Schrank genommen, vor dem er gerade gestanden. Sie langte unwillkürlich danach und schlug den Titel auf. Der lautete: Ein paar Dutzend Rezepte für Fischgerichte aus Großmutters Tagen, die eine gute Hausfrau noch heute probieren sollte."
(Fortsetzung folgt.)
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