Das Wunder der Magussi Weiser
LHoman von Fr. Lehne.
Urheberschutz durch T. Ackermann, Stuttgart.
26. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Dennoch hatte es ihn wider seinen Willen in letzter Stunde ins Theater gezwungen,' er hatte die Aufforderung der Fürstin doch angenommen,- trotz seiner Absage hatte die feine kluge Frau ihn erwartet, und ganz im Hintergrund der Loge, den Blicken der Zuschauer entrückt, hatte er die Oper gehört.
War das sein Weib, seine Magussi, die da so inbrünstig sang und ihre ganze Seele in Tönen entschleierte. War s i e das, die da in Liebe jubelte und in Verzweiflung ausbrach?
Nein, das war seine schlichte, einfache Magussi, die er kannte, nicht — das war eine ganz Fremde, mit der er nichts gemein hatte.
Wie das Publikum ihr zujubclte, wie sie sich ungezählte Male mit dem Komponisten zeigen mußte, wie die Blumen sich um beide häuften — ja, sie beide machten den Eindruck der Zusammengehörigkeit!
Er schämte sich jetzt seiner Schwäche. Der Kommerzienrat war fest geblieben,- für ihn war die ungehorsame Tochter nicht mehr da,- er hatte auch darauf verzichtet, sic als Künstlerin zu hören! Schriftlich hatte er ihr mitgeteilt, daß er aufhöre, sie als feine Tochter zu betrachten, und daß er sie enterbe, wenn sie von ihrem wahnsinnigen Plan nicht ablassc!
Es hatte Magussi nicht überrascht, sie nahm gelassen des Vaters Entscheidung entgegen.
Sie ließ sich das Leben nicht mehr einengen — sie hatte selbst ihr eigenes Leben zu leben! Und so schmerzlich es für sie war, in Uneinigkeit mit den Eltern zu kommen — sie konnte nicht zurück!
Ganz im Unterbewußtsein schlummerte der Gedanke, daß im Laufe der Zeit sich doch alles wieder zurechtfügen würde! Eine Mutter kann sich doch nicht vom Kinde trennen!
Nur der Gatte! An ihn durfte sie nicht denken!
Aber: wenn er sie wirklich liebte, was sie unter Liebe verstand, dann hätte er ihr auch die höchste persönliche Freiheit gewährt! Seine Liebe war eben auch nichts weiter als männliche Selbstsucht — sie war sein Eigentum, das sich sklavisch nach seinen Wünschen und Bestimmungen zu richten hatte — wie sie sich in verbittertem Trotz einrcdete! Und das konnte
sie bei aller großen Liebe nicht! So mußte es eben gehen, wie es das Schicksal bestimmte!
*
Eduard Weiser war ziellos umhergelaufen. Es fing leise an zu regnen. An einer kleinen Bar kam er vorüber, aus der leichte, lockende Musik klang. Hinter dem hellen Vorhang der breiten Spiegelscheibe war Lust, Fröhlichkeit, Vergessen!
Nach einem kurzen Zögern trat er ein,- er verspürte einen brennenden Durst. Nach Hause zu gehen, fürchtete er sich,- seine Gedanken waren ihm quälende Gäste,- ihnen zu entfliehen, suchte er für eine kurze Spanne Zeit Zerstreuung.
In einer versteckt liegenden Ecke fand er an einem kleinen Tisch Platz. Der Kellner brachte ihm eine Flasche Mosel. Während er das Glas durstig an die Lippen führte, schweiften seine Augen durch den nicht großen, behaglichen Raum. Vom Nebentisch wurde ihm da fröhlich zugcnickt und zugetrunken. Mein Gott, wie unangenehm — es waren Lilo v. Konsilius und Baron Langen! Es half ihm nichts — er mußte den Platz wechseln und sich mit an den Tisch der andern setzen, obwohl ihm das sehr zuwider war! Lilo gerade war diejenige, die zu treffen er sich zu allerletzt gewünscht!
„Wir gratulieren zu dem unerhörten Erfolge Magussis!" sagte Lilo, „und wollen darauf trinken! Hinreißend war sie — wir haben uns die Oper heute abend nochmals angehört! Gelt, das war eine Ueberraschung für Sic, Herr Weiser? Magussi als Primadonna! Ja, ja, sie versteht zu überraschen! Das hätte niemand in der stillen, scheuen Magussi vermutet!"
Mit langsamen Zügen trank Lilo ihren Sektkelch leer, den Arm nachlässig aufgestützt und über den Rand des Glases Eduard mit ihren neugierigen Augen starr anblickend. Sie wußte, wie tief sie ihn mit jedem Wort verwundete, und daß sie es konnte, freute sie! — Wie fein abgekartet das Spiel mit dem Kapellmeister, für den alle Damen schwärmen! Magussi würde um den Löwen des Tages beneidet! Ein Vertrag mit dem Stadttheater sei ihr doch auf jeden Fall sicher! Dann habe man ja Gelegenheit, sie noch in allerhand Rollen zu bewundern! Im „Rosenkavalier" würde sie sicher entzückend sein!
Eduard preßte die Lippen zusammen,- er fühlte wohl, mit welcher Berechnung Lilo ihre Worte gewählt, ihm weh zu tun?
„Warum haben Sie Magussi nicht mitgebracht? Mich wundert es, Sie allein zu sehen, Herr Weiser, gerade heute abend — ein solcher Erfolg muß doch begoffen werden. Oder kommt Magussi mit ihren Kollegen noch nach? Das Abschminken nimmt Zeit in Anspruch und es
gibt dann noch allerhand zu verabreden."
„Es ist müßig, gnädige Frau, sich noch weiter darüber zu unterhalten. Sie wissen recht gut, wie die Eltern meiner Frau und auch ich zu dieser Theatcrleidenschaft stehen. Daß dieser Schritt Magussi in schwere Kämpfe mit ihrer Familie bringen würde, war vorauszusehen."
„Und ist bedauerlich! Ich habe währeüü meiner jahrelangen Freundschaft mit Magussi allerlei deshalb erlebt, und es hat mir oft leid getan, daß sie in ihren künstlerischen Bestrebungen so verkannt wurde. Aber Sie, Herr Weiser, sind jedenfalls doch großzügiger als der Herr Kommerzienrat."
„Sie irren, Baronin!" versetzte Eduard mit schneidender Stimme, „ich stehe auf dem Standpunkt des Herrn Kommerzienrats."
„Schade! Ich hätte Sie — Verzeihung für meine Offenherzigkeit — doch nicht für so kleinlich gehalten, Herr Weiser!" Lilo war von dem für sie so interessanten Thema nicht abzubringen — „den Vorteil aus diesem Familienzwist wird entschieden der Kapellmeister Halling haben, der ja so verliebt in Magussi ist — kein Wunder übrigens, daß man es sich schon in allen Damenkaffees erzählt! Und wie er sich heute abend mit ihr dem Publikum zeigte! — Er hielt sie so fest an der Hand, als gehörten sie schon zusammen —"
„Nein, Gnädigste, das konnte ich nicht bemerken!" widersprach Kurt v. Langen, den Lilos fortgesetzte Taktlosigkeit förmlich ent- setzte — „und wir denken doch zu hoch von unserer verehrten Freundin, als daß man müßigen Klatsch nachspricht!" sagte er warm zu Eduard.
Er fühlte Lilos unerklärliche Feindseligkeit gegen die Freundin,- es beschämte ihn beinahe Eduard Weiser gegenüber, und ritterlich verteidigte er und erklärte Magussis Handeln, das jeöer, der künstlerisch veranlagt sei, wohl begriff.
„Künstlernaturen müssen sich mitteilen, müßen aus der Fülle ihrer Gaben spenden."
„Gewiß, Baron! Aber das Peinliche in diesem Falle ist eben der Kapellmeister!" sagte Lilo mit ihrer hellen, hohen Stimme, „und Magussi hat sich — leider — mit ihm sehr bloßgestellt. Ich hörte einige mißliebige Urteile, zum Beispiel die alte Exzellenz Barleben —"
"— öie trotzdem meiner Frau eine wundervolle Blumenspende mit sehr herzlichen Worten gewidmet hat, wozu bei der von Ihnen angedeuteten Gesinnung der Exzellenz durchaus keine Verpflichtung vorlag — ich finde darin einen gewissen Widerspruch!" bemerkte Eduard ironisch,- „und die Fürstin Waldenau, ,n deren Gesellschaft sich Magussi eben jetzt be
findet, würde meine Frau nicht so auszeichnen, wenn ihr in irgendeiner Weise etwas nachzusagen wäre. Uebrigens,' gnädige Frau, mutz ich mich sehr wundern, daß Sie über Ihre langjährige Freundin, die Sie doch von der Kinderzeit an kennen, so wenig herzlich sprechen," konnte Eduard sich nicht enthalten zu sagen.
Lilo verzog den Mund.
„Magussi hat sich sehr geändert, wie itz allem, so auch in ihrer Freundschaft gegen mich. Deutlich ließ sie mich fühlen, wie wenig ihr noch an mir liegt — seit sie bei dem Kapellmeister studiert."
„Sicher spielen da andere Gründe mit. Fra« gen Sie doch Magussi selbst. Ehrlich, roi( meine Frau ist, wird sie Ihnen Antwort geben."
„Jetzt müssen Sie sich anders einstellen, Her, Weiser!" lächelte Lilo boshaft, eine Entgeg« nung auf Eduards Worte umgehend. „Ehe« männer von Opernsängerinnen dürfen nicht eifersüchtig sein."
„Wenn andere schwere Meinungsverschieden. Herten mich von meiner Frau trennen können — Eifersucht gewiß nicht! — Magussi gibt da« zu niemals Grund!" betonte er, und Kurt v. Langen nickte zustimmend.
„Ihr Vertrauen, lieber Freund, ist wirklich bewundernswert!" spottete Lilo, indem sie ihm übermütig den Rauch ihrer Zigarette ins sicht blies.
„Was sich auch sonst noch ereignen mag, gnädige Frau, mein Vertrauen in Magussis Korrektheit ist durch nichts zu erschüttern — auch nicht durch anonyme Verdächtigungen."
Der Ton, in dem Eduard Weiser gesprochen und der bedeutungsvolle Blick, mit dem er seine Worte begleitet, fiel Kurt v. Langen auf. Er sah Lilo an, deren Augen unruhig umherirrten,- war sie nicht etwas verlegen?
„Hat man das getan?"
„Ja, Baron, man hat es!"
„Oh, Anonymes ist immer gemein! Jeder sollte doch den Mut haben, das, was er einem andern mitzuteilen hat, auch mit seinem Namen zu decken!" sagte Kurt v. Langen mit scharfer, betonter Stimme.
„Sie haben im allgemeinen recht, Baron! Doch wenn ein anonymer Brief in guter Absicht geschrieben wird, wenn er nur warnen soll, zum Biespiel jemanden auf Unehrlichkeit des Personals aufmerksam macht," meinte Lilo, „dann ist er entschuldbar."
„Nein, so bleibt er dennoch eine unfeine, dunkle Sache! Sagt ehrlich heraus, was ihr wißt und vertreten könnt!" warf Kurt v. Langen hin.
(Fortsetzung folgt.)
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