Sedan war ein in sich geschlossener heroischer Vorgang: eine ganze Armee wurde in einer Festung cingeschlossen samt ihrem Kaiser und nach großartigen, tapferen VcrteidigungZ- kämpfen überwältigt. Der Kaiser Napoleon gefangen. Etwas vom Glanze seines großen Onkels strahlte hier im heldischen Abgang bfc£ Neffen wieder. Die Erinnerung an den Gefangenen von Wilhelmshöhe war denn auch bei uns ohne Haß und nicht ohne Achtung. Heute wissen wir, daß dieser Kaiser aus dem Geschlechte des großen Korsen ein kleiner Eha- rakter war, daß er höchst anrüchige Charaktere wie den Finanzminister Fould um sich duldete, daß sein Hof eine einzige Revue der Korruption gewesen ist. Er war nicht der Nachfolger des Toten von St. Helena, sondern in Wirklichkeit der Erbe des Vürgerkönigs Louis Philipp, dessen erste Regierungshandlung es mar, daß er sein Privatvcrmögen — abgetrennt von dem des Monarchen — sicherstellle.
Sedan — das war eine Kapitulation in Ehren. Eine vorbildliche Haltung der Militärs auf beiden Seiten begleitet,den,Untergang eines höchst anrüchigen Kaiserreiches von Börsen-Gnaden. Liest man den langen Brief Bismarcks an König Wilhelm durch, den der Kanzler am 2.September 1870, dem Tage der Kapitulation, aus Donchery schreibt, so empfindet man eine Reinheit und einen Adel der Gesinnung, der auch den unterlegenen Gegner ehrt und ihn fast größer macht, als er es in Wirklichkeit gewesen ist. Bismarck beschreibt das Arbeiterhaus an der Straße, in dem sich Napoleon mit ihm unterhalten möchte. Bismarck ließ cs auf seine Würdigkeit prüfen. „Nachdem gemeldet, daß seine innere Beschaffenheit sehr dürftig und eng, das Haus aber von Verwundeten frei sei, stieg der Kaiser ab und forderte mich auf, ihm in das Innere zu folgen. Hier hatte ich in einem sehr kleinen, einen Tisch und zivei Stühle enthaltenden Zimmer eine Unterredung von etwa
einer Stunde mit dem Kaiser. Se. Majestät betonte vorzugsweise den Wunsch, günstigere Kapitulationsbedingungen für die Armee zu erhalten... Ich hatte schon gestern Abend mit dem General v. Moltke nach allen Seiten hin die Frage erwogen: ob es möglich sein würde, ohne Schädigung der deutschen Interessen dem militärischen Ehrgefühl einer Armee, die sich gut geschlagen hatte, günstigere Bedingungen als die festgestellten anzuöieten. Noch psliäit gemäßer Erwägung mußten wir beide in der Verneinung dieser Frage beharren..."
Bismarck betont dann in dem weiteren Bericht über die französischen Generäle, die die Kapitulation unterzeichneten, daß ihr Verhalten ein überaus würdiges gewesen sei. Der Führer der Delegation, General von Wnnpf- fen, habe sich nicht enthalten können, Bismarck seinen tiefen Schmerz über diesen Zusammenbruch seines Heeres Ausdruck zu geben, was Bismarck getreulich seinem König berichtet. Und als dann die Bedingungen für die Offiziere entsprechend ehrenvoll ausfallen, kann Bismarck dem Könige die Dankbarkeit dieser unterlegenen Gegner melden: „Die Bewilligung der Entlassung der Offiziere auf ihr Ehrenwort wurde mit lebhaftem Danke entgegengenommen als ein Ausdruck der Intentionen Eurer Majestät, den Gefühlen einer Truppe, welche sich tapfer geschlagen hatte, nicht über die Linie hinaus nahe zu treten, welche durch das Gebot unserer militärischen Interessen mit Notwendigkeit gezogen war..."
Vergleicht man mit diesen Bekundungen der Ritterlichkeit die Vorgänge im November 1918 — so muß einen Bitternis erfüllen über einen solchen Abfall. Deshalb ist der Tag von Sedan dazu angetan, auf allen Seiten sich einer Haltung zu erinnern, die vor den Notwendigkeiten der Politik die Würde und vor den Opfern des Krieges die Ehrfurcht nicht vergaß. Nur in einer solchen Atmosphäre aber ist überhaupt ehrenvolle Politik möglich.
Oer Bremer Lahusen-prozeß.
Welche Rolle spielte die Ultramare?
B r e m e n, 31. Aug. (TU.) Zu Beginn des 3. Verhandlungstages ergänzte der Angeklagte Heinz La h u s e n die Angabe seines Bruders und erklärte, der Konkurs sei ihm auch heute noch unverständlich. Finanzielle Gründe hätten nicht ausschlaggebend gewesen sein können, da der Norddeutschen Wollkämmerei neben dem 10-Millionen-Kredit der Bremer Hansabank noch weitere umfangreiche Mittel zur Verfügung standen. Staatsrat Müllershausen habe ihm seinerzeit gesagt, er halte die ganze Nordwollesache für nichts anderes als eine Sanierung der Danatbank.
Das Gericht erörterte dann mit G. Karl Lahusen die Gründung der Ultramar e. Sie sei erfolgt. um bei Feindseligkeiten gegen Deutschland auf diesem Wege Rohstoffe hereinzubekommen und dem Steuerbolschewismus des alten Systems zu entgehen. Nur so hätten auch im Auslands Reserven gebildet werden können. Die Ultramare haben den Zweck gehabt, Rohwolle aus Uebersee zu importieren und an dis Nordwolle und mit ihr zusammenhängenden Betriebe zu verkaufen. Weiter wandte sich das Gericht der Frage zu, ob das Aktienkapital überhaupt eingezahlt worden fei. Heinz Lahusen erklärte dazu, daß seines Wissens das Geld von der Nordwolle oorgeschosfen worden sei. Der Vorsitzende stellte dann fest, daß diese Beträge auch auf Konten der Lahusen aufgetaucht seien. Karl Lahusen stellte danach fest, daß diese Beträge aber immer der Nordwolle zur Verfügung gestanden hätten, also niemals persönliches Eigentum der Lahusen gewesen seien. Die Banken seien über die Zusammenhänge zwischen Nordwolle und Ultramare völlig orientiert gewesen. Auch Goldschmidt sei in jeder Weise unterrichtet gewesen. In einem dann verlesenen Schreiben über eine Besprechung im Reichsfinanzministerium wird jedoch ein Zusammenhang zwischen Ultramare und Nordwolle b e ft r i 11 e n.
Die Auffassung des Vorsitzenden, daß mit einer Verlegung des Geschäftsjahres der Ultramare, die im Jahre 1927 erfolgte, vielleicht der Zweck verfolgt worden fei, die Bilanz der Nordwolle mit den Mitteln der Ultramare und auch umgekehrt günstiger zu gestalten, wird von Lahusen bestritten. Weiter kamen Die persönlichen Konten der beiden Angeklagten zur Sprache. U. a. wurde bei der Ultramare ein Konto „W. H. D. C. Lahusen Buenos Aires" geführt. Die Anfangsbuchstaben nennen den Namen des Sohnes von Karl Layusen, doch war es tatsächlich ein persönliches Konto von ihm selbst. Er habe diesen fingierten Namen gewählt, damit dieAngestellten nichts davon erfahren. Der Erste Staatsanwalt fragte dann, warum dieKorrespondenzmitderUltra- m a r e vernichtet worden sei und ob der Angeklagte die Anweisung gegeben habe, die Akten nach Argentinien zu verschicken, als die Reise Dr. Börners nach Amsterdam beovrstand. Karl Lahusen antwortete, er habe diese Briefe mit seiner Privatkorrespondenz, als er aus der Nordwolle plötzlich ausgeschieden sei, vernichtet. Daß er sich dabei nichts gedacht habe, gehe schon daraus hervor, daß er diese Briefe und die Privatkorrespondenz ganz öffentlich in Gegenwart feiner Sekretärin und eines Kontorgehilfen verbrannt habe. Außerdem hätten bei der Ultramare noch die Originale dieser Briefe Vorgelegen, so daß sie immerhin hätten herangezogen werden können. Dann wandte sich das Gericht dem ersten Punkt der Anklage zu, der die Überziehung von 601 000 holländischen Gulden (etwa 1 Million RM.) bei der Ultramare behandelt. Karl Lahusen steht auf dem Standpunkt, daß für diesen Betrag volle Rechnung vorhanden war. Auch die in Deutschland ruhenden stillen Reserven und Sicherheiten wären für diesen verhältnismäßig kleinen Betrag vollauf zur Deckung ausreichend gewesen.
Me schwarzen Diamanten von Südwest.
Von Or. paul Rohrbach.
Windhuk. 13. 8. 1933.
Dor 25 Jahren kam aus Lüderihbucht die Kunde: in der Namib, der trostlosen Wüste am Gestade des Ozeans, sind Diamanten gefunden worden! Die gesamte Wirtschaft und die Finanzen der Kolonie nahmen unmittelbar danach einen ungeahnt schnellen und kräftigen Aufschwung. Südwest war imstande, sich s e l b st zu erhalten, sogar die Cisenbahnbauten. die nun in Angriff genommen wurden, zu verzinsen. Aach dem Weltkrieg, wo das Land zum Mandatsgebiet erklärt und der Südafrikanischen Llnion übergeben wurde, fiel der Diamantenreichtum mit unter die neue südafrikanische Verwaltung. Damit begann ein sehr übles Kapitel der Mandatspolitik. Anstatt Daß die Negierung, wie es in der deutschen Zeit der Fall gewesen war, selbst die Hand weiter fest auf dem Diamantenreichtum gehalten, die Ausbeute kontrolliert und einen gehörigen Anteil den Finanzen des Landes zugeführt hätte, lieh man die südafrikanischen Minenmagnaten, namentlich einen gewissen Sir Ernest Oppenheimer, einen viel zu großen Einfluß auf die Sache gewinnen. Nicht mehr die Interessen Südwestafrikas, sondern die Interessen der südafrikanischen Diamantenkönige wurden maßgebend für den Betrieb. Man wußte nicht einmal oder kümmerte sich nicht darum, daß durch einen Dölkerbundsentscheid fest stand: Keine Mandatsmacht darf über das fiskalische Eigentum des Mandatslandcs frei verfügen. Mit dem Fortschreiten der Weltkrise wurden die Lüderihbuchter Diamantenfelder st i l l g e l e g t und die Arbeitslosigkeit bei Weißen und Eingeborenen dadurch verhängnisvoll verschärft. Das geschah, weil Sir Ernest Oppenheimer und Genossen es für vorteilhaft sanden, die südwestafrikanischen Steine aus dem Markt äu ziehen und damit das Angebot zu verringern. Ein Schulbeispiel dafür, wie von der Südafrikanischen Anion, die für solche Maßnahmen verantwortlich ist, das Wohl und Wehe des Mandatslandes für nichts geachtet wird.
Ich werde hiervon noch mehr zu berichten haben, aber heute will ich von anderen Diamanten sprechen. als denen, die bei Lüderihbucht gefunden werden, nämlich von den seidig glänzenden schwarzen Fellchen der K a r a k u l l ä m m e r, die in der
gegenwärtigen Dürre für viele Farmer Südwestafrikas die wirtschaftliche Rettung sind. Man nennt sie hier im Lande die schwarzen Diamanten, und in diesem Jahr kommen etwa 300 000 Stück imWertevonöMillionenMark zur Ausfuhr. Die Karakulfelle sind in Deutschland meist als Persianerpelzwerk bekannt, und die Frauen, deren Mittel (oder die Mittel der Männer!) es gestatten, einen Persianermantel zu kaufen, wissen, daß er fix und fertig, je nach Qualität, 1200—2000 Mark kostet. Aebrigens werden die meisten Persianerfelle nicht zu vollständigen Mänteln, sondern zu teurem Pelzbesatz zerschnitten und verarbeitet.
Als die Heimat des Karakulschafes gilt Buchara, im heutigen Russisch-Turkestan. Karaku- lus sind kohlschwarz, nui* feite ne Variationen sind braun oder grau. Schon auf den persischen Kö- nigsreliess von Persepolis, aus dem 5. Jahrhundert v. Ehr., sind tributbringende Untertanen des Großkönigs dargestellt, die Karakulböcke — sie sind an ihrer merkwürdigen Ramsnase sofort erkennbar — und Karakulfellchen liefern. Die Archäologen meinen, daß sogar auf den noch 500 Jahre älteren Hethiterreliefs in Syrien der breite Besah des Königsgewandes als Persianerpelzerkennbar fei.
Don Buchara kamen die Karakulaschafe zuerst nach der Krim und gediehen dort gut. Krimmer Pelzwerk erster Qualität ist dasselbe, wie Persianer. Nach dem großen Eingeborenenaufstand (1904—1906) ließ der damalige Gouverneur von Südwest-Afrika, v. L i n d e q u i ft , Karakulböcke und Muttertiere nach Südwe st »Afrika importieren und bot sie einigen Farmern zur Zucht an. Der Preis war hoch, man kannte die Tiere nicht, und niemand hatte zunächst Lust auf die neue Sache. Schließlich erwarben zwei Farmer, Albert Doigts in Boigtsgrund im Namalande und ein Farmer aus dem Grootfonteiner Bezirk im Norden, eine Anzahl Tiere. Das war vor 25 Jahren. Die Tiere im Norden gingen bald zugrunde, weil das hohe harte Gras und die relativ starke Feuchtigkeit ihnen schädlich war. Doigts züchtete, damals noch ohne großes Interesse, weiter und besah nach einigen Jahren eine kleine Herde, gedachte aber, sie zu verkaufen. Ein Karakulkenner
im Lande kam zu ihm und fragte ihn nach dem Preis. „Machen Sie mir doch ein Angebot", sagte Boigts. ..Nun gut, 20 000 Mark." „Hätte der Mann 10 000 gesagt", erzählte mir dieser Tage Herr Doigts, Jo hätte ich sie ihm gegeben; nun, wo er 20 000 sagte, merkte ich, daß doch etwas Besonderes an der Sache sein müßte, und verlangte 30 000." Daraufhin zerschlug sich der Kauf, und auf Farm Boigtsgrund begann nun die systematische Züchtung in vergrößertem Maßstab. Die Farmen Doigtland, Krumhuk und andere, die dem Bruder Gustav Doigts gehörten, traten bald als Karakul-Zuchtgebiete hinzu, und die Fellchen aus Südwest-Afrika fingen an, auf dem Weltpelzmarkt in Leipzig bekannt zu werden.
Nach dem Kriege wollte die südafrikanische Mandatsverwaltung die Karakulzucht auch ins Anionsgebiet verpflanzen, aber die dortigen Wollschafzüchter, die einen Konkurrenzbetrieb fürchteten, erhoben heftigen Protest, und so wurde nichts aus der Zucht im übrigen Südafrika. Nach jahrelangen Dersuchen hat namentlich die Firma Wecke und Doigts in Windhuk ein Verfahren ausgebildet, die rohen Karakulfelle für die Ausfuhr derart vorzubereiten, daß sie den Ansprüchen der Leipziger Fachleute genügen und
den Fellen aus Buchara gleichwertig sind. Seit dem Kriege haben auch viele andere Farmer in Südwest die Zucht ausgenommen. Das Karakulschaf ist in bezug auf Weide sehr genügsam, und es übersteht selbst die furchtbare Dürre, von der Südwest-Afrika in diesem Jahre heimgesucht wird. Der ganze Süden und die Mitte des Landes sind für die Zucht geeignet, und die vorhin genannte diesjährige Ausfuhrziifer von 300 000 Fellchen zeigt, welche Ausdehnung dieser Betrieb gewonnen hat. 20 Prozent der Weltproduk» t i o n werden bereits aus Südwest gedeckt, und die Zucht ist immer noch in rascher Ausdehnung begriffen.
Dieser Tage besuchte ich das Einkaufslager der Leipziger Großfirma Thorer auf dem Grundstück von Wecke und Voigts in Windhuk. Auf meine Frage, „was kostet ein Karakulfell?" antwortete mir der Leiter, Herr Pietzsch, mit sachkundigem Lächeln: „Von ein bis dreißig Schillingen". Das heißt, es gibt ganz geringwertige Felle, die aus der ersten Kreuzung eines weißen Afrikanerschafes mit einem schlechten Zuchtbock stammen, und es gibt Prachtexemplare, Ste nur zu den teuersten Mänteln verarbeitet werden. Das sind die schwarzen Diamanten von Südwest-Afrika.
Keine Begnadigung der Laimette-Aerzte.
Das Vertrauen der Allgemeinheit zum Arzt darf nicht erschüttert werden!
Schwerin, 30. Aug. Der Reichs st atthal- ter für Mecklenburg-Schwerin, Lübeck und Meck- lenburg-Strelitz hat die Begnadigung des Obermedizinalrates Dr. Altstaedt und des Professors Dr. D e y ck e, die im Calmette-Prozeß zu einer mehrmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt wurden, abgelehnt. Zur Ablehnung der Begnadigung schreibt der Gauobmann des Nationalsozialistischen Deutscken Aerztebundes, Mecklenburg-Lübeck, Dr. med. Kurt B l o m e :
„Eine Begnadigung würde der nationalsozialistischen Grundauffaung, daß das Wohl und der Schutz der Allgemeinheit ■— des Volkes über allem, insbesondere über dem des einzelnen Individuums steht, widersprechen, zumal in diesem Falle, in dem die Fahrlässigkeit durch das Gericht einwandfrei bewiesen ist. Von jedem Lokomotivführer, von jedem Weichensteller — um ein Beispiel aus dem täglichen Leben zu geben — erwartet man äußerste Vorsicht und Einhaltung seiner Dienstvorschriften und fordert gerechterweise bei Nichteinhaltung oder Fahrlässigkeit Strafe und Sühne. In zumindest gleicher Weise muß ein Höchstmaß an Verantwortungsgefühl von dem Intellektuellen, dem Gelehrten, besonders aber, wenn er Arzt ist, gefordert werden. Das Vertrauen der Allgemeinheit zum Arzt darf nicht dadurch erschüttert werden, daß dieser
bei Fahrlässigkeit oder nachgewiesener Schuld frei ausgeht oder begnadigt wird.
Aus zahlreichen eingegangenen Bittgesuchen um Begnadigung, besonders auch von Aerzten und Gelehrten, spricht ein voll verständliches Mitgefühl mit dem Schicksal der Verurteilten. Doch dieses kann aus den oben angeführten grundsätzlichen Erwägungen heraus kein Maßstab fein, eine mildere Beurteilung des Falles gelten zu lassen. Klar kristallisiert sich in dem Prozeß heraus, daß nach den ersten beiden Todesfällen die Fütterungen nicht einge- [teilt worden sind. Der Reichsstatthalter hat sich in wochenlangem Studium eingehend über den Calmette-Prozeß unterrichtet. Als selbst ausgesprochene Kampfnatur weiß er den Kämpfer für ein hochgestecktes Ziel sehr wohl zu schätzen. Der an gesunden, nicht an kranken Menschen unternommene Versuch hat eine erschreckliche und unnötig hohe Zahl an Opfern gefordert, an Toten und auch heute noch kranken Kindern, weil die nötige Umsicht und Vorsicht außer acht g el a f f e n worden ist. Es mag eine gewisse Tragik darin liegen, aber der alte wissenschaftliche Kämpfer und Forscher Professor D e y ck e und mit ihm Dr. Altstaedt haben eine Schuld zu büßen, weil die Gerechtigkeit es erfordert"
Oie Störche ziehen
Um die Tage, da sich der Sommer wendet und der September kommt, ist alljährlich die Zeit, da die Storche uns verlassen. Allenthalben hatte man in den letzten Tagen an den beliebten uralten Versammlungsorten der Storche Gelegenheit, Scharen bis zu dreißigStück zu beobachten. Solche Versammlungsstätten, auf denen die Alt- und Jungstärche einer ganzen Gegend zusammenkommen, befinden sich in der Wetterau, im Licher Grund, im Lahntal vor Wetzlar, im Edergebiet und in der Hanauer Gegend. Oft werden solche alten Sammelpunkte auch von weiter nördlich beheimateten Scharen aufgesucht, die hier einige Tage rasten wollen, und nicht selten kommt es vor, daß sie bei dieser Gelegenheit die einheimischen Tiere mitnehmen und die weite Reise zusammen machen.
liebet der Straße von Gibraltar haben bann die Storchengeschwader einen solchen Umfang angenommen, daß es oft Stunden bauert, bis ein Storchenheer ooriibergeflogen ist.
Man hat im Laufe dieses Jahres die Frage aufgeworfen, ob der weiße oder Hausstorch, der genau wie fein schwarzer Vetter, der auf dem Aussterbeetat stehende Waldstorch, seit Jahren bei uns in Deutschland einen beängstigenden Rückgang erfahren hat, seit diesem Jahr wieder eine Zunahme in seiner Bestandsziffer zeige. Tatsächlich hat man durch positive Nesterkon- trolle in manchen Gegenden eine Wiederzunahme feststellen können. So bringt bas Augustheft des „Naturforschers" ein Referat des „Deutschen Jägers", wonach auf Grund der Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz im Jahre 1916 in Ostsachsen 18 Brutpaare vorhanden waren, während sich im Jahre 1928 nur noch ganze 13 nachweisen ließen. Von jenem Jahr ab aber ist, die Zahl der beflogenen Nester alljährlich gestiegen, und 1923 konnte man schon wieder 28 Brutpaare zählen. Heuer sind sogar noch einige Nester mehr bezogen worden. Wodurch diese Zunahme bedingt ist, vermag der Gewährsmann nicht zu sagen. Er vermutet, daß die Neuschaffung von Nistgelegen- heiten durch Menschenhand dabei mitgewirkt hat.
Diese Vermutung dürfte sicherlich in der richtigen Richtung weisen.
Auch bei uns in Hessen sind derartige Ersah, pingen in den beiden letzten Jahren gemacht worden, und in mehreren Orten sind die IBie- dereinbürgerungsversnche mit Störchen geglückt, nachdem man nach fachmännischen Weisungen eine künstliche Tristgelegenheit hergerichtet hatte.
Die Versuche, den Storchenbestand in Hessen wieder zu heben, sollen in den nächsten Jahren fortgesetzt werden. Es hat sich aber jetzt schon herausgestellt, daß Wiederansiedlungsversuche nur in solchen Orten einen Zweck haben, in denen auch früher schon Störche seßhaft waren, und deren Nahrungsquellen auch heute noch eine gute Ergiebigkeit besitzen. Damit soll nicht gesagt sein, daß Storche nicht mehr dort wieder einzubürgern wären, wo der Fortfall von froschreichen Gewässern, Tümpeln und Teichen oder die Uebersührung unkultivierter saurer Wiesen in landwirtschaftliche Nutzflur die damalige Froschnahrung in Wegfall gebracht hätte. Meist treten an solchen Orten die „Kutturfolger" in Gestalt von Mäusen und Grillen in solcher Häufigkeit auf, daß der Storch auch im Kulturland stets einen gedeckten Tisch finden wird. Aber auf andere Gesichtspunkte ist nach den neueren Untersuchungen (vgl. Dr. K. R. Fischer „Das Schicksal der Störche in Hessen", Oberhessische Gesellschaft für Naturkunde 1933) Rücksicht zu nehmen. Es wird sich stets empfehlen, die zur Herrichtung von neuen Nistgelegenheiten gebotenen Wagenräder oder Eisengerüste nur auf hohen, das Weichbild des Ortes überragenden
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Türmen ober Schornsteinen anzubringen, da feit der Einführung des elektrischen Lichtes, des Fern- prechers und der Rundfunkanlagen in unseren Dorern dortselbst an vielen Stellen, an welchen früher ich ein Storchennest befand, die Freiflügigkeit des großen Tiers durch die Verdrahtung des Himmels entweder unterbunden oder zum mindesten behindert ist. Solche Orte aber meidet der Storch unbedingt.
Man wird gut tun, bei Wiederansieblungsver- suchen bas Tristgestänge ziemlich an ber Peripherie bes Ortes unb zwar auf ber Seite anzubringen, an ber bie Wiesen- unb gebuchten Jagdgründe liegen unb von wo ein unbehin- berter freier Flug ins Feld ohne weiteres möglich ist.
Vielleicht hat es hie unb da, wo im Dorf selbst nicht die für denNestbau notwendige Bedingungen geboten sind Erfolg, wenn man auf die ursprüngliche Mistweise des Storches als B a u m b r ü t e r zurückgreift und in der Feldflur Bäume köpft oder Masten errichtet. Natürlich müssen diese weit abseits von der dauernden Beunruhigung der großen Verkehrsstraßen liegen. Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang eine seit Jahren in Holland mit Erfolg angewandte Nistvorrichtung. Dort hat man an geeigneten Orten hohe Gestelle errichtet, die oben mit einem korbähnlichen eisernen ober hölzernen Gerüst versehen sind und auf verschiedenen Seiten als Schutz gegen Windwurf im Boden mit Drähten oder Tauen verankert sind. Diese „Pole n", wie die Holländer sie nennen, haben sich gut bewährt, unb sind in vielen Fällen von Störchen angenommen worden. Zum Beispiel steht in ber Provinz Frieslanb ber größte Teil oller Storchennester auf Polen. Auch bie Gesellschaft zum Schutz der heimischen Vögel in Bremen hat nach diesem Vorbild in ihrem Stadtgebiet zwei beflogene -Storchennester auf Masten stehen. Was sich in den Niederlanden bewährt hat, müßte auch bei uns möglich sein.
Wan mühte bie Tristmasten natürlich nur an solchen Orten aufstellen, wo sich im Frühjahr erfahrungsgemäß Storche zeigen.
Jedenfalls haben sie allerlei Vorzüge, die sowohl ber menschlichen Vernunft als auch dem tierischen Instinkt einleuchten werden. Sie stehen sicher und sind ein Mittelding zwischen Baum und Gebäudenest, was für den Storch bedeutet, daß er einmal nicht jedes Frühjahr zu befürchten hat, daß sich neue Triebe bilden und fein Nest unbewohnbar machen, und zum andern, daß er in der weiten Feldmark nicht so sehr von menschlichem Lärm unb sonstigen ungünstigen Umftänben (Dachreparatur, Schornsteinerneuerung) bebroht unb beunruhigt wird. Da bie „Nistmasten" nicht allzuschwer auszustellen sind, da weiterhin die Aussicht besteht, daß sie das unserer Heimat drohende Aussterben des alten Volksfreundes „Adebar" hinauszuschieben oder gar zu verhindern vermögen, so sei an dieser Stelle einmal allen Naturfreunden draußen im Lande diese wichtige Anregung gegeben.
Wettervoraussage.
Noch unverändert lagert der hohe Druck im Westen, während durch die Rückseite der nordöstlichen Störung kühle ozeanische Luft nach Deutsch» land befördert wird. Bei uns bleibt daher die wechselhafte Grenzwetterlage bestehen. Neben veränderlicher Bewölkung, die zeitweise durch Aufheiterung unterbrochen wird, treten auch vereinzelt schauerartige Niederschläge auf.
Aussichten für Sonntag: Wechselnd wolkig mit Aufheiterung, vereinzelte Regenschauer, mäßig warm.


