Ein vaterländischerRoman vonHansBietzke
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durch Verlag Oskar Meister, Werdau.
12. Fortsetzung Nachdruck »erbotenl
„Wir haben genug gewartet! Einmal muß ein Anfang gemacht werden", ruft der junge Thorn erregt dazwischen, „und das — Herr Lehrer Fischer — kostet freilich Blut! Reben dem Wollen gehört Mut — und das vor allem zu einer großen Sache! Maulhelden sind das größte Uebel, genau wie die Uebervorsichtigen, die immer nur Gefahr wittern — und wenn sie auch noch meilenweit entfernt ist! Das Schlimmste für eine Nation in unserer Lage ist Trägheit und Angst — wo ist der tfunte, der alle Wartenden hochreißt, wo die befreiende Tat, die mit einem Schlage alle Blicke auf sich lenkt und das Bolk aus dumpfer Berzweiflung wachrüttelt? Das Bolk, das von einer Langmut ist, die jeden Feind der Nation geradezu herausfordert, sie auf die Probe zu stellen?!"
Verbissen suchen die Blicke des jungen Thorn den Gegner. Seine Worte finden schweigende Zustimmung. So wie er fühlen alle. Sie wissen um die Gefahren und Opfer. Sie kennen den Einsatz, der allein fähig ist, allen Leiden ein Ende zu machen. Aber wann die gefährliche Aktion beginnen? Klugheit gebietet, die schwachen Kräfte einem riesenhaften Gegner in einer einzigen, gewaltigen Front entgegenzustellen, die überrascht und mitten in das Herz des Feindes trifft.
Nur der Lehrer Fischer findet den Mut zu dieser Wahrheit, auch auf die Gefahr hin, als schlechter Patriot zu gelten. „Es ist das Vorrecht der Jugend, lieber Thorn", er sagt es fast gütig und ohne Leidenschaft zu seinem Angreifer hinüber, „die Gewalt vor die Vernunft zu setzen. Die Weltgeschichte lehrt, daß es in vielen Fällen das Rechte war. Unser großer König hat es uns in gloriosen Taten gelehrt. Aber vergessen wir eines dabei nicht: Damals war man gewöhnt zu siegen! Der Geist war stärker als die Anzahl der Kanonen unserer Feinde. Wohl! — auch bei uns werden dieser Tag und diese Taten wiederkommen, warten wir die kurze Frist noch ab, dann ist ein ganzes Volk zu dem bereit, aus vollem Herzen und mit Hingabe des Letzten, was wir — voreilig — heute noch vielleicht in schwerste Gefahr bringen, wenn nicht für alle Zeit unmöglich machen würden. Denken Sie bei allem guten Willen an das eine: Wir haben den einzigen Trumpf in Zukunft in der Hand: Entweder Sieg oder Knechtschaft — bis ans Ende! Diese eine Karte, die uns noch bleibt, muß zu guter Zeit ins Spiel geworfen werden. Und das werden Männer tun, deren Befehl uns über alles heilig fein sollte!"
Der junge Jürgen, in seinem fanatischen Zorn, hat nur halb auf die Worte des Lehrers gehört, die allen Männern im Innersten die Stimme der Vernunft wachgerufen haben.
„Mag wohl fein, daß sich das Rad so herumdreht", sagt der alte Klaus vor sich hin, „man soll das Korn er ft hauen, wenn es reif auf den Halmen steht." Die Köpfe der Männer nicken Beifall.
Der junge Thorn kann sich nicht beruhigen. Seine Erregung muß sich Luft machen. Noch einmal geht er mit feiner Meinuna zum Angriff vor, gegen die wachsende Front der Ablehnung.
Baron von Löbau will mit Vernunft und Wärme des Herzens die Debatte zu Ende bringen. „Niemand, lieber Thorn, der hier Versammelten, die alle nur das eine Ziel ersehnen, das Sie mit der Leidenschaft der Jugend zu erreichen suchen, macht Ihnen die Größe Ihres patriotischen Wollens streitig. Wir alle wissen, was Sie bei der Verteidigung Kolbergs, an der Seite Nettelbecks und Gneisenaus geleistet haben, wie Sie Ihr Leben rückhaltlos für den. Gedanken der Rettung und Freiheit in die Schanze schlugen. Schlesien ist Ihre Heimat wie die unsere — Not bedrückt uns alle. Aber die Tage sind gezählt, warten wir das Zeichen ab, das unser Volk i gemeinsam aufruft. Um so freudiger und vertrauen- I der werden und dürfen wir dann die Waffen ergreifen."
Der Amtmann erhebt sich. Seine wuchtige Gestalt steht aufrecht gegen die Stämme der kahlen Wand gelehnt. Der Feuerschein der Kienfackel flackert auf seinem Gesicht, daß seine Züge um so schärfer hervortreten.
„Ueber allen persönlichen Mut des einzelnen gebietet uns die Klugheit und Vernunft zu warten. Wir werden im kommenden Kampfe jeden 2lrm gebrauchen, jeder Fuß muß das Dröhnen unserer Marschkolonnen verstärken. Deshalb ist jedes Opfer an Gut, Blut und Leben vor dieser Zeit ohne Sinn und Zweck." Der Amtmann sieht mit einem langen, verstehenden Blick hinüber zu Jürgen Thorn. Dann sagt er, wie allein zu ihm, der mählich seine Hitze in der klaren Vernunft dieser Männer gekühlt hat. „Bereit sein ist alles! Die Leidenschaft muß sich in eherne Pflicht wandeln, kommende Zeiten werden noch Größeres von uns verlangen, wir alle müssen mit dem letzten, was unser ist, einstehen wie weiland Arnold von Winkelried — für unsere und unseres Vaterlandes Freiheit!"
Der Amtmann setzt sich. Seine Gestalt verschmilzt schwer und breit im Dunkel der Ecke mit dem riesenhaften Schatten, den das zuckende Herdseuer gespenstisch in den Raum zeichnet.
„Wir werden bereit fein", sagt gelassen in die Stille die Stimme des Lehrers, „wir werden da fein, wenn man uns ruft!"
Der alte Klaus, dessen unförmige Hände einen riesenhaften Hirschfänger umspannen, bringt mühsam seinen Satz hervor, den er die ganze Zeit schon gedacht hat: „So muß das sein — recht habt Ihr!"
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Möge jeder in seiner Gemeinde dafür Sorge tragen, daß uns der Tag des Aufrufs von oben bereit finde", sagt abschließend der Baron, „täglich erwarte ich die Stafette des Hauptmanns Döllnitz aus Berlin mit entscheidenden Nachrichten. Man rechnet damit, daß der König und die Regierung noch in diesem Monat nach Breslau übersiedelt. Der Schritt, den Ostpreußen getan hat, ist unauslöschbar und treibt die Ereignisse vorwärts. Die Entscheidung muß fallen und wahrscheinlich wird in nahen Wochen der Blick ganz Preußens, wenn nicht Europas, auf Schlesien ruhen. Wir werden unser Land zur Wiege der Freiheit machen dürfen — wir werden fortsetzen und zur entscheidenden Vollendung bringen, was Ostpreußen begonnen hat. Erweisen wir uns, vom kleinsten Landbund bis hinauf zu den führenden Häuptern unserer Bewegung — durch bedingungsloses Vertrauen und absoluten Gehorsam — würdig einer ungeheuren und beglückenden Ausgabe. Stelle jeder einzelne Ansicht und Verlangen unter die Forderung und Notwendigkeit des Ganzen — uns werden Männer rufen, deren Namen die Herzen aller Patrioten höher schlagen lassen, Männer, die in Jahren der Schmach, unter Hohn und Bedrohung ihres Lebens: in Mühsal und Selbstverleugnung das Fundament geschaffen haben, auf dem wir das Panier des Sieges und der Freiheit errichten werden!"
13.
Der Geheimkurier Hauptmann Joachim Döllnitz ist von seiner letzten Etappe in Eilritten nach Breslau unterwegs. Die Sonne beginnt bereits am Horizont in fahlgelbem Licht zu verblassen, am Firmament stehen die ersten Sterne und deuten in der frostklaren Luft auf eine kalte Nacht.
Das Pferd des Hauptmanns läuft mit angespannter Kraft. Es wittert den nahen Stall. Sein Herr hat die Zügel lose über die Faust gestreift. Fast unbewußt folgt der Körper des Reiters den rhythmischen Bewegungen des Pferdeleibes. Der Hauptmann hängt feinen Gedanken nach. Durch einen Sonderkurier hat er von der Abreise des Königs aus Potsdam erfahren, ehe diese offiziell zur Nachricht der Provinzen gelangte.
Noch vor dem Eintreffen des Königs muß er in Breslau fein, um allen Einflüssen der Gegenpartei von vornherein und beizeiten die Stirn bieten zu können. Wachsendes Mißtrauen vor den Franzosen hat den König in aller Eile bestimmt, das unbesetzte Breslau aufzusuchen. Sein Staatskanzler Hardenberg hatte, in der Erkenntnis der Sachlage und Notwendigkeit eines endlichen Handelns nach dem Abfall Ostpreußens, ein Manöver inszeniert, das den Monarchen einzig und allein bewegen konnte, die Residenz zu verlassen. Hardenberg ließ dem französischen Generalkommando in Berlin durch Zwischenträger mitteilen, daß man in Besorgnis sei wegen eines nächtlichen Ueberfnlls auf den König, und als nun daraufhin die Fran- zosen ihrerseits durch starke Postenketten auf der
Straße nach Potsdam Vorkehrungen trafen, wußte der Kanzler den König, den alle flehentlichen Bitten bisher nicht dazu bewegen konnten, zur sofortigen Abreise aus Potsdam zu veranlassen, eben unter Vorspiegelung der Gefahr seiner persönlichen Freiheit durch die Franzosen. So hatte er durch List erreicht, was mit Bitten nicht zu bewerkstelligen war. Der französische Gesandte St. Marsan begleitete den preußischen Monarchen nach Breslau. Hier wähnte er sich zunächst in Sicherheit, hier konnte er, ungestört von den drohenden Regimentern der französischen Besatzung, hoffen, seine Politik des Zauderns fortzusetzen.
Hauptmann Döllnitz ahnte diese Zusammenhänge — deshalb hieß es handeln. Nicht umsonst war Schlesien durch seine und des Tugendbundes Werbungen zur Hochburg des nationalen Widerstandes geworden. Hier also mußte die Entscheidung fallen. Der König und seine Begleiter reiten mit geschlossenem Visier auf den Kampfplatz. Die kleinen Abteilungen französischer Kommandos in den Landkreisen waren ungefährlich für den neuen Sitz der preußischen Regierung. Wer aber mehr zu fürchten war, sind die im ganzen Lande unermüdlich tätigen Spitzel der französischen Polizei, die immer wieder versuchen, mit Judaslohn Verrat unter den Mitgliedern des gehaßten Tugendbundes zu säen. Er kannte nur zu gut den Spürsinn der gefährlichen Meute, die vor nichts zurückschreckt. Wenn in den nächsten Tagen die Regierung in Breslau ihren Einzug hält, wird die kleine Schar der geheimen Beamten, als deren Haupt er Rambeaux kennt, um das vielfache wachsen und die Stadt und alle öffentlichen Stellen mit einem Netz von Spitzeln überziehen, das für die Sache der Freiheit zur riesenhaften Gefahr werden kann. Jetzt heißt es schnell und mit doppelter Vorsicht handeln.
*
Abendliche Stille liegt über Schloß Löbau. In weißem Glanz ragen die jahrhundertealten, wehrhaften Mauern mit ihren steinernen Häuptern in das wehende Schneetreiben. An den knorrigen Ranken des Efeu wachsen groteske Gebilde, Tannen und Strauchwerk tragen geduldig die weiche Last der Flocken.
Ein Märchenbild fast aus längst vergangenen Tagen, träumt das Schloß in den Winterabend. Die festen Tore sind geschlossen, die Wachtposten eingezogen. Lautlose Stille deckt alles ringsum.
Im Gesindehof bringt aus der Wachtstube tm Erdgeschoß schwacher Lichtschein, der draußen auf dem Schnee zu wandern beginnt, wenn einer in der Stube mit der Oellampe umhergeht. Heute hat der Korporal Landry die 'Schloßwache — da wagen sie nicht viel Lärm und Worte zu machen. Wer von den Posten nicht die Ehre hgt, zum Kartenspiel seines Korporals hinzugezogen zu werden, hat in der farmen Ofenecke still zu sitzen und das Maul zu f) ulten.
(Fortsetzung folg! >
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Die amtsgerichtliche Verfügung ist an der Ortstafel, Bergstraße 20, Stadthaus, zur Einsicht ausgehängt.
Gießen, den 29. Mai 1933.
A. des Hess. Amtsgerichts Gießen. Leo, Ortsgerichtsoorsteher.


