Ausgabe 
1.3.1933 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhaupistadt.

Kreisverbandstag evangelischer Zrauenvereine.

Die Kre.Sverbanbstagung der evangelischen Frauenvereine des Kreises Gießen fährt« 300 Teilnehmer ans den Vereinen Alten-Buseck, An­nerod, Göbelnrod, Gießen (Marknsgemeinde). Rödgen, Saasen, Steinbach und Wieseck in An­nerod zusammen. 3n der Kirche predigte Pfarrer L e u s ch - Leihgestern über der deut.chen Frau und Mutter wichtigste Wahlpflicht. Worin liege sie und wie sei sie )u erfüllen? Die beste Hilfe ;önne sie als Hüterin von Zucht und Sitte im Irren und Wirren unserer Tage dem Volk« fite­ren dadurch, daß sie Christus erwähle. Die Dach- lersammlung im geschmückten Saal von Engel­hardt wurde nach gemeinsamem Lied von der Vorsitzenden Frau E. Kreuder -Dietzen er­öffnet. Sie gab den Jahresbericht, auS dem hervorging, datz die vier Tagungen des Jahres .932 in Alten-Buseck, Geilshausen, Leihgestern und Lich von fast 1600 Mitgliedern besucht waren. Die im letzten Jahr begründete und nicht nur für Vorstandsmitglieder bestimmte Arbeits­gemeinschaft im Kreisverband tritt jeden ersten Mittwoch im Monat im Dartburgverein (Diez- strahe) zu Dietzen zusammen. Die Kassenverhält­nisse sind gesund. Danlbar ausgenommen wurde ein Vortrag von Pfarrer D r e m m e r - Klein- Linden über das Thema:Wer ist mein Räch- ftetT*. Der Redner zeigte aus Erfahrungen aus der Winterhilfe, wie von der Familie aus Volk und Kirche aufgebaut werden. Nachdem noch für das nächste Jahr Steinbach die Tagung über­nahm, wurde unter Dankesworten an den Frauen- verein Annerod mit einem Lied die anregende Tagung geschlossen.

Obst» und Gartenbauverein Gießen.

Der Obst- und Gartenbauverein Dietzen hielt am Sonntag im Saale von Faulstich seine Haupt­versammlung ab. Dem Jahresbericht war zu entnehmen, datz 6 Vorstands- und 5 Mitglieder­versammlungen mit Vorträgen und 2 Gratisver­losungen abgehallen wurden. Bei den Verlosun­gen kamen Sämereien, Pflanzen und Gebrauchs- Degenstände für Dlumenpflege zur Verteilung. Von besonderen Veranstaltungen zur Feier des 20jährigen Bestehens des Vereins sind erwäh­nenswert: eine Besichtigung der Vereins- und an­derer Gärten an der Lahn, sowie die Obst- und Dlumenausstellung am 10. bis 12. September 1932. Ein namhafter Betrag wurde für Schädlingsbe­kämpfung in den Dereinsgärten verausgabt. Der Kassenbestand betrug am 1. Januar 1933 598,32 Mark. Abmeldungen wegen Todesfalls, Weg­zugs usw. erfolgten 13, denen eine Zunahme von 20 neuen Mitgliedern gegenübersteht, so datz der Verein mit einem Mitgliederbestand von 262 in daS neue Jahr trat. Das Ergebnis ist in An­betracht der wirtschaftlichen Schwierigkeiten er­freulich.

Anschließend an die nunmehr beendeten Sam­melbestellungen auf Psirsichbüsche, Beerensträu­cher, Weinreben und Edelreiser hielt Llniversitäts- Gartenbau-Jnspektor L R. Rehnelt einen Vor­trag über »Veredelungen im Obstbau". Bespro­chen wurde die geschichtliche Entwicklung, die verschiedenen Arten von Veredelungen, chre Vor- und Nachteile, die Baumformen für landwirt­schaftlichen und Kleingarten-Obstbau, die Wich­tigkeit in der Wahl passender Unterlagen und das Llmpfropsen älterer Obstbäume als ein Mit­tel, um paffende Sorten durch andere zu ersetzen. Gewarnt wurde vor der Auffassung, im Llmpfrop- fen ein Allheilmittel zu erblicken, durch das es möglich sei, unfruchtbare Obstbäume tragbar zu machen, oder die Fehler gutzumachen, die man in der Wahl von Boden und Lage, oder in der nachlässigen Behandlung der Bäume begangen hat. Richt selten erreiche man sein Ziel durch Aussichten, Verjüngen der Krone, Bodenbearbei­tung und vor allem durch Düngen nachhaltiger und besser, als durch Umpfropfen, das immer als

eine Operation zu betrachten sei, die, an stark geschwächten Bäumen vorgenommen, versagt. Der beifällig aufgenommene Vortrag schloß mit der Mahnung, sich der Pflicht bewußt zu sein, die je­der Besitzer oder Pächter von Grund und Boden gegenüber der Allgemeinheit hat, damit Sonnen­schein, Tau und Regen nicht ungenützt auf Land fällen, das seiner Arbeit warte.

Die übliche Gratisverlosung, die diesmal be­sonders reich ausgefallen war. beschloß die gut besuchte Versammlung.

Talen für Mittwoch, I.März.

1871: Einzug der Deutschen in Paris. 1929: Der Kunsthistoriker Wilhelm v. Bode in Berlin gestorben.

Bornotizen.

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Heute bleibt das Theater geschlossen. Freitag. 3. März^ 21. Vorstellung im Freitag-Abonnement, erste Wiederholung des FaschingsschwankeSDa stimmt was nicht" von Franz Arnold. Spielleitung: Heinrich Hub. Am Sonntag. 5. März, 18 30 llhr, zum letztenmal als Vollsvorstellung zu kleinen Preisen das Lust­spielBargeld lacht" von Eammerlohr und Eber- mayer. Spielleitung: Peter F a s s o t t. Ende 20.20 Uhr

Die Handels- und Gewerbebank e. G. m. d. H., G i e ß e n , hält am Mittwoch, 8. März, 20.15 Uhr, im Hotel Hindenburg ihre 74. ordentliche Generalversammlung ab. Räheres ist aus der gestrigen Anzeige ersichtlich.

** Sonntagsrückfahrkarten zum Butzbacher Faselmarkt. Am Donnerstag, 16. März, findet in Butzbach der Faselmarkt statt. Mit dem Markt ist eine Prämiierung von Zuchttieren (Pferden, Rindern, Schweinen und Ziegen) verbunden. Zu der Veranstaltung werden von allen Bahnhöfen der Strecken VilbelDie­tzenFriedelhausen, LollarGrünberg, Gießen Mücke, DietzenStockheim, FriedbergHclzhcu- fen, FriedbergHeldenbergen-Windecken und Vil­bel RordSelters Sonntagsrückfahrlarlen ausge­geben. Die Sonntagsrückfahrkarten gelten: zur H i n fahrt vom Mittwoch, 15. März, 12 Uhr ab und am Donnerstag, 16. März, bis 24 Uhr (Ende der Hinfahrt): zur Rückfahrt am Donnerstag, 16. März, und am Freitag, 17. März, bis 12 Uhr (spätester Antritt der Rückfahrt).

* Dezirrslehrerverein Gietzen- Land- In der letzten Versammlung am Sams­tag hielt nach Erledigung geschäftlicher Angele­genheiten Rektor Petri, Wieseck, einen Vor­trag über »Reuzeitlichen Geschichtsunterricht". Im Anschluß an die bestehenden Lehrpläne ging der Vortragende zunächst auf die eigentliche Aufgabe des Geschichtsunterrichts ein und erläuterte dann seine Stellungnahme zu den wichtigsten Punkten. Hauptaufgabe eines guten Geschichtsunterrichtes müsse fein, die Kinder zu befähigen, die Gegen­wart zu verstehen. Die pädagogische Hauptforde­rung vom Deutschen Geschichtsunterricht aber sei die Erziehung zur Volksgemeinschaft. Weiter wurden die einzelnen Methoden der geschichtlichen Unterweisung näher beleuchtet und ausführlich auf Kultur-, Heimat- und politische Geschichte hin- gewiesen. Als oberster Grundsatz müsse von je­dem Geschichtsunterricht gelten, datz er wahr sei. Zum Schluß wies der Vortragende bann darauf hin, daß deshalb immer wieder die Forderung der Lehrerorganisationen unterstrichen werden müsse, daß die Lehrer die bestmöglichste Ausbil­dung erhalten müßten, um einem so schwierigen Unterricht wie dem der Geschichte, gerecht zu werden. Der Ort, wo das geschehen könne, sei nur die Hochschule. Lebhafter Beifall folgte den Ausführungen. Den Dank der Versammlung sprach der Vorsitzende aus. Eine rege Aussprache schloß sich an. Es folgten daraus noch einige Mit­teilungen über die demnächst stattfindende Haupt­versammlung des Hessischen Landes-Lehrervereins in Vilbel, sowie die Wahl der Vertreter.

Hauptversammlung des Hausbesihervereins Gießen.

Lediglich die Vermögenssteuer werde nach dem Einheitswert erhoben. Die Vermögenssteuer selbst sei um 20 Prozent gesenkt worden. Das Reichs­mietengesetz, das Gesetz Über Mieter­schutz und Mieteinigungsämter wer­den am 1. 2 prll 1933 außer Kraft treten, so­fern bis zu u.efem Zeitpunkt nicht einGesetz über die Miete nach sozialen Gesichtspunkten" erlassen werde.

In seinen weiteren Ausführungen berichtete der Redner noch Über das System der Steuergut­scheine und ihre Bedeutung ür den Hausbesitzer, sowie über die Reichszuschüs e zur Instandsetzung des Althausbesitzes und zur Durchführung von Wohnungsteilungen. Der Redner gab die wesent­lichsten Bestimmungen wieder.

Im welleren Verlaus der Versammlung be­schäftigte man sich mit einigen Derbandsangele- genheiten. Der Zentralverbandstag der deutschen Haus- und Grundbesitzervereine habe in Ham­burg stattgefunden. Der Gietzener Verein sei vertreten gewesen. Am Derbandstag deS Hessi­schen Landesverbandes in Vilbel nahmen drei Herren des Vereins teil.

Zu dieser Tagung habe Gietzea einen Antrag auf Herabsetzung des Brandkassenbeitrage» ein­gebracht. Der Erfolg sei nicht ausgeblieben. Rück­wirkend ab 1. 3anuar 1932 sei der Beitrag von 1 Mark auf 70 Pf. pro 1000 Mark Brandver­sicherungswert herabgesetzt worden.

Die nächste Landesverbandstagung soll in Die­tzen stattfinden. Der Hausbesitzerverein Gießen habe im vergangenen Jahre die Feier seines 25jährigen Bestehens begehen können. Die Jubiläumsfeier habe man aber nur in klei­nem Rahmen abgehalten. In der Geschäftsstelle sei infolge der vielen Rotverordnungen und in Anbetracht der Unkenntnis über deren Bestim­mungen das ganze Jahr über lebhafter Verkehr gewesen. Reben der Erteilung von Ratschlägen war man den Mitgliedern bei der Ausfertigung von Steuererklärungen, bei Eingaben an die Be­hörden. mit Berechnungen über die Verteilung von Gebühren u. a. m. behilflich. Der Wohnungs­nachweis wurde von Mietern und Vermie­tern stark in Anspruch genommen. Ein großer Dortell sei eS, datz eine Anzahl Mitglieder deS

Der HauSbesitzervereln e. V. Gie­ßen hielt im Hotel »Hindenburg" seine Haupt­versammlung ab.

Der l.DorsitzeÄe, Stadtratsmitglied Laun- spack, erstattete den Jahresbericht. Er gab zunächst einen Ueberblick über die politische Lage und betonte in Verbindung damit, daß der einst so starke Mittelstand, der das Rückgrat des Reiches, der Länder und der Kommunen ge­wesen sei, durch eine falsche Steuerpolitik zer­mürbt am Boden liege. Alle bisherigen Ver­sprechungen hätten an deren Undurchführbarkeit scheitern müssen. Von Tag zu Tag seien die Verhältnisse schlechter geworden, die Arbeits­losigkeit sei gestiegen, die Zahl der Steuerzahler zurückgegangen, während sich die Wohlfahrts­lasten ständig erhöht hätten. Trotz alledem hätten die Führer der Organisation der Hausbesitzer in der Vertretung der Interessen der Mitglieder eine rege Tätigkeit entfaltet Daß die wirtschaft­liche Lage der Hausbesitzer sehr ungünstig sei, gehe schon auS Dem Anwachsen der Zwangs­versteigerungen und dem Rückgang der frei­willigen Verkäufe hervor.

Richt Finanzierungsmatznahmeu der verschieden- steu Art, sondern allein eine weitgehende stever-

Uche Entlastung könne wandel schaffen.

Don besonderer Bedeutung seien die Verordnung über die außerordentliche Mietkün­digung im Januar 1932, die Verordnung über die Mietsenkung, die Durchführungsverord­nungen über die Zinsfenkung auf dem Ka­pitalmarkt und die neuen Vorschriften auf dem Gebiete der Zwangsvollstreckung, die im August 1932 erlassen wurden, gewesen. Die Mie­ten für Altwohnungen mußten anfangs vorigen Jahres um 10 Prozent gesenkt die Reubaumieten im Verhältnis zu den gesenkten Hypothekenzinsen reduziert Werdern Die Sonder st euer konnte infolge einer Rotverordnung abgelöst werden, und zwar mit dem 3- bis 3'^fachen Betrag des Mrlichen Steuerbetrages. Die Steuer selbst sei mit dem 1. April um 20 Prozent ermäßigt wor­den. Die Festsetzung der Einheitswerte für Grundstücke habe zu vielen Zweifelsfragen Und Streitfällen Veranlassung gegeben.

3u steuerlicher Hinsicht habe der Linheitswert bis jetzt noch keine praktische Bedeutung gehabt

Vereins im Siabtparlament feien und die Rechte und Wünsche der Hausbesitzer nach jeder Lich­tung zu wahren sucyen. DaS müffe auch in Zu­kunft so bleiben. Die Stadt Dietzen habe di« Straßenreinig.ungsgcbühren ermä­ßigt und zwar von 32 auf 28 Pf., fite Ka­nalgebühren von 1,20 Wk. auf 1 Mk. je 1000 Wk. Brandversicherungswert. Seitens des Hausbesitzervereins werde ein Antrag auf wei­tere Ermäßigungen gestellt.

AuS dem Kassenbericht, den Dauinspektor Matheis erstattete, ging hervor, datz die Kas- senverhältnille des Vereins als sehr günstig zu bezeichnen sind. Kasse und Bücher wurden von Oberinspektor M i l b r a d t und Elektrotechniker

Weißbäcker eingeßenb geprüft und in bester Ortmung befunden. Die ausscheidenden Vor­st andSmllglieder wurden einstimmig wiederge­wählt.

3m Anschluß an die geschäftlichen Angelegen­heiten eröffnete StadtratSmllglied 2lrchitekt Ri­co l a u S eine

Aussprache über aktuelle Tagevsragen des hausbesitzc».

An der Aussprache beteiligten sich die Herren Gastwirt Klar!, Kaufmann Sondheim, Dautechniker Decker, Druckereibesitzer Klein, Etadtratsmitglied Schmidt und der 1. Vorsit­zende, Stadtratsmitglied Launspach.

Das

- hin wird's Ereignis

Tatsachenberichte aus dem Reich des Okkulten.

Gesammelt und nacherzählt von $ "K Schlichters.

in.

Waljrträume.

Sind Träume immer Schäume? Dicht immer: das läßt sich beweisen an Hand einer Fülle von Deispiäen, aus der wir, vom Altertum bis aus unsere Tage, wenigstens die prägnantesten aus- wähien wollen.

Wieder taucht, wenn wir die Bibel unberück­sichtigt lassen, zunächst einmal der Dame Ci­cero als der eines bekannten Gewährsmannes auf. Er erzählt von dem Dichter Simonides: der fand eines Tageis am Straßenrand die Leiche eines Unbekannten, verharrte, ward von Mit­leid mit dem verwesenden Körper ergriffen und sorgte dafür, daß der Tote anständig bestattet wurde. Am Tag darauf wollte Simonides sich zu Schifi nach einer fernen Stadt begeben. 3n der Rächt zuvor aber träumte er: der Tote stand vor ihm, sah ihn an und warnte ihn dringlich, diese Reise zu unternehmen; er werd« Schiff­bruch erleiden. Simonides erwachte und ent­schloß sich, feine Reife zu verschieben. Kurz darauf erfuhr man: das Schiff, das er benutzen wollte, hatte Schiffbruch erlitten; gerettet wurde von Besatzung und Passagieren niemand ...

Ein klassisches Zeugnis dafür, datz gewissen Menschen die Gabe gegeben ist. zukünftige Er­eignisse im Traum vorauszusehen, finden wir bei Goethe im ersten Buch seiner Lebens- gesch'chte, wo er von seinem Großvater T « x t o r erzählt:

Was jedoch die Ehrfurcht, die wir für diesen würdigen Greis empfanden, bis zum Höchsten steigerte, war die lleberzeugung, daß derselbe die Gabe der Weissagung besitze, besonders in Din­gen, die ihn selbst und sein Schicksal betrafen. Zwar lieh er sich gegen niemand als gegen die Großmutter entschieden und umständlich aus; aber wir alle wußten doch. b""i er durch bedeutende Träume von dem, was s ch ereignen sollte, unier- r.chtet werde. So versiche..^ er z. D. seiner Gat­tin zur Zeit, als er noch unter die jüngeren Ratsherren gehörte, daß er bei der nächsten Vakanz auf der Echöfsenbank zu der erledigten Stelle gelangen werde. Und als wirllich bald darauf einer der Schöffen, vom Schlage gerührt, starb, verordnete er am Tage der Wahl und Kugelung, daß zu Hause im Stillen alles zum Empfang der Gäste und Gratulanten sollte ein­gerichtet werden? und die entscheidende Kugel ward wirklich für ihn gezogen. Den einfachen Traum, der ihn hiervon belehrt, vertraute er seiner Gattin folgendermaßen: Er habe sich in voller, gewöhnlicher Ratsversammlung gesehen, wo alles nach hergebrachter Weise vorgegangen. Auf einmal habe sich der nun verstorbene Schöfs von seinem Sitz erhoben, sei herabgestiegen und habe üjm auf eine verbindliche Weise das Kom­pliment gemacht, er möge den verlassenen Platz einnehmen, und sei darauf zur Tür heraus- gegangen.

Ein Jugendfreund Goethes ist Jung-Stil- ling gewesen, den Goethe u. a. in die deutsche Literatur einführte. Dieser Jung-Stilling weiß in demMuseum des Wundervollen", einer Zeit­schrift gegen Ende des 18. Jahrhunderts, folgen­des zu berichten:

Kurz vorher, ehe die Fürstin R a k o h k h von Warschau nach Paris reifte, hatte sie diesen Traum: sie träumte, daß sie sich in einem un­bekannten Zimmer befinde, wo ein gleichfalls ihr unbekannter Mann mit einem Decher zu ihr kommt und ihr daraus zu trinken anbietet. Sie erwidert, daß sie keinen Durst hätte und dankt ihm für sein Anerbieten. Der unbekannt« Wann wiederholt seine Ditte und setzt hinzu, sie möchte es chm nicht weiter abschlagen, denn dies sei der letzte Trank ihres Lebens. Sie erschrak heftig hierüber und erwachte. Im Oktober 1720 langte diese Fürstin munter und gesund in Paris an und bezog ein Hotel garni, wo sie bald nach ihrer Ankunst ein heftiges Fieber überfiel. Sie schickte sogleich zu dem berühmten Arzt des Kö­nigs, dem Pater Helvetius. Der Arzt kam, und die Fürstin geriet in ein auffallendes Erstau­nen. Wan fragte nach der Ursache desselben, und fie gab zur Antwort, daß der Arzt voll­kommen dem Wanne gleichsähe, den sie zu War­schau im Traum erblickt hätte.Doch diesmal werde ich noch nicht sterben", setzte sie hinzu,denn dies Zimmer ist nicht dasselbe, das ich damals zugleich im Traum sah." Die Fürstin wurde bald darauf völlig wiederhergestelll und schien ihren Traum ganz vergessen zu haben, als sie durch einen neuen Umstand wieder mit der größ­ten Lebhaftigkeit daran erinnert wurde. Sie war mit ihrem Logis im Hotel nicht zufrieden und verlangte daher, daß man ihr eine Wohnung in einem Kloster zu Paris zubereiten möchte, wel­ches auch geschah. Die Fürstin zog ins Kloster ein; allein, kaum war sie in das für sie be­stimmte Zimmer getreten, als sie überlaut zu schreien anfing:Es ist um mich geschehen; ich werde nicht wieder lebendig aus diesem Zimmer hinauskommen, denn es ist ebendasselbe, das ich zu Warschau im Traum gesehen habe." Sie starb, in der Behandlung des Arztes Helvetius, wirklich nicht lange daraus, zu Anfang des Jahres 1721, und zwar in dem nämlichen Zimmer, an einem Halsgeschwür, das durch die Heraus­nahme eines Zahnes entstanden war ...

Als nächsten Gewährsmann nennen wir Blü­cher. Der Feldmarschall schreibt am 16. April 1815 aus Coblenz an seine Frau:Da ich nun den Rhein passiert, sitze an seinem Ufer, blicke zurück in die Vergangenheit und denke an die Zukunft; recht was troWches will mich nicht einleuchten. Wein Franz (fein Sohn) steht mich beständig vor Augen, und ich habe den 13. des RachtS im Traum eine Erscheinung von chm gehabt. Von diesem

Augenblick kann ich mich nicht deS Gedankens er­wehren, daß Franz tot ist; gib mich gleich Rach- richt" Run, der Oberst Franz von Blücher war nicht tot; er wurde ein Jahrzehnt älter als der Vater. Aber er ward um die Zeit des Trau­mes am Kopf verwundet und blieb gemütskrank...

2m Wahrtraum den eigenen Tod datumsmätzig Senau voraussehen, obschon man kerngesund ist, avon haben wir manches Beispiel. Das prä­gnanteste erzählt der Philosoph I. H. Fichte. Lohn des durch seineReden an die deutsche Ra­tion" berühmt gewordenen Philosophen. Dieser Fichte war ein Schüler von August Ferdinand Dernhardi, Direktor des Friedrich-Wilhelm- Gymnasiums zu Berlin. Er blieb auch nach seiner Schulzeit noch in Verbindung mit seinem Lehrer. Run erzählte Bernhardt, fünfzigjährig und voll­kommen gesund, zu Ende Mai 1820 dem früheren Schüler, er habe in der letzten Rächt einen seltsa­men Traum gehabt: Blätter seien auf ihn herab- gerieselt, von denen habe er eines ergriffen und darauf seinen Ramen und darunter die Zelle ge­lesen:Gestorben am 2. Juni 1820." Weder Bernhards noch Fichte kümmerten sich viel um die­sen Traum. Am 3. Juni ging dann Fichte, sei­nen Lehrer zu besuchen, und erfuhr: gestern plötz­lich verschieden,. . .

Einen erschreckenden Wahrtraum weiß General Prinz Kraft zu Hohenlohe-Ingelfingen in seinen 1897 erschienenen DenkwürdigkeitenAus meinem Leben" zu berichten: Am 1. Oktober 1850 sollte wieder eine Parforcejagd stattfinden. Am 2lbend des 30. September fühlte ich mich nicht wohl. Ich sandte deshalb zu den Kameraden und ließ sagen, ich würde nicht mitreiten. Dann legte ich mich frühzeitig zur Ruhe. In der Dacht träumte mir, auf Der Jagd wäre das Pferd mit mit durchgegan­gen, ich mit dem Kopf gegen einen Baum ge­schleudert worden und läge mit zerschlagenem Schädel auf dem Erdboden. Der Traum war so lebhaft, daß ich darüber aufwachte und dann in wachem Zustand« mich selbst neben meinem Bett mit blutendem Gesicht auf dem Fußboden liegen sah. Ich richtete mich auf und sah mich unverwandt an. Dach einiger Zeit verschwand das Traum- gesicht allmählich. Endlich schlief ich wieder ein. Aber da träumte mir dasselbe zum zweitenmal. Als ich wieder erwachte, war es schon so hell, daß ich im Morgengrauen die Gegenstände in mei­nem Zimmer erkennen konnte. Wieder sah ich mich selbst am Bett auf dem Fußboden liegen, und wieder verschwand dieses Bild nach und nach. Jetzt schlief ich nicht wieder ein. Mein Aerger darüber, daß mir der Traum so viel Eindruck machte, war so groß, daß ich beschloß, mich prak­tisch von solchem Aberglauben zu heilen.

Ich ritt mit zur Jagd. Bei der Zusammenkunft am Stern erzählte ich meinem Bruder Friedrich Wilhelm den Traum, und wir scherzten darüber. Sobald angelegt war, ging mir mein Pferd durch. Ich geriet in immer dichter zusammenstehende Bäume und schlug endlich mit dem Kopf gegen einen. Als ich wieder zu mir kam, lag ich im Wald auf dem Moos, auf der rechten Seite des Gesichtes hatte ich keine Haut mehr, aus dem rechten Auge floh das Blut aus dem erfdatierten Gehirn. Ich mußte geschleift worden fein, denn der Kopf war teilweise skalpiert. Der Schädel war geborsten. Man trug mich in einen Wagen, der mich nach dem nahen Potsdam führte, während ich das Bewußtsein verlor. In Potsdam legte mich mein Bruder in sein Bett und behielt mich vier Wochen bei sich, bis ich nach Berlin reifen konnte. Als ich in Potsdam nach drei Tagen das Bewußtsein zurückgewann, verlangte ich einen Spiegel: soweit sich trotz dem Verband feststellen ober aus ihm folgern lieh, hatte das Traum- gesicht mir meinen beschädigten Schädel ganz rich­tig vor ausgezeigt. ..

Das größte Interesse beansprucht ein Wahr­traum, der in unsere Zeit führt und ein weltge­schichtliches Geschehnis auf das Genaueste voraus- raelbet. Darüber berichtet als Gewährsmann Professor Ludwig in denPsychischen Studien. Es handelt sich um den Bischof von Grohwar- betn Dr. Joseph v. L a n y i, ber an seinen Bru­der, den Pater Lanyi in Fünfkirchen, folgenden Brief schreibt:

Am 28. Juni 1914, halb vier llhr früh, er­wachte ich aus einem schrecklichen Traum. Mir träumte, daß ich in den Morgenstunden an me nen Schreibtisch ging, um b.e eingelangt« >>ost butdjjufeben. Ganz oben lag ein Brief mit schwarzen Rändern, schwarzem Siegel und dem Wappen des Erzherzogs. Sofort erkannte ich die Schrift meines unvergeßlichen höchsten Herrn. Ich öffnete den Brief und sah am Kopf des Briefpap ers in' himmelblauem Ton ein Bild wie auf einer Ansichtskarte, welches eine Straße und eine enge Gasse darstellte. Die Hoheiten saßen in einem Automobil, ihnen gegenüber saß ein General, neben dem Chauffeur ein Offizier. Auf beiden Seiten der Straße eine Menschen­menge. Zwei junge Burschen springen hervor und schießen auf die Hoheiten. Der Text deS Brieses beginnt mit den Worten:(Sure bischöf­liche Gnaden! Lieber Dr. Lanyi! Telle Ihnen hiermit mit, daß ich heute mit meiner Frau in; Sarajewo als Opfer eines politischen Meuchel­mordes falle. Herzlich grüßt Sie, Särajewo, 28. Juni 1914, halb vier llhr morgens, Ihr Erzherzog Ferdinand." Um halb vier ilfir nachmittag brachte mir ein Telegramm die schreck­liche Dachricht, daß die Hoheiten um 10 Uhr vor­mittags in Sarajewo ermordet wurden"

Dieser Wahrtraum ist nicht nur durch diesen Brief belegt. Doch bevor das grausige Ereignis ber Ermorgung ber beiben Fürstlichkellen ein­trat, hat ber Disck^ den Traum allen Einzelheiten seiner Mutter, einem Diener und einer Freunbin ferner Mutter erzählt .....

(Fortsetzung folgt)