Ur. 201 Zweites Blatt
GichenerAnzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, 20. August 1050
Oer Kamps um d
Von unserem K.
Die wirtschaftliche Sette des Tientsin-Konfliktes.
Interpress Copyright.
London, August 1939.
Das undurchsichtige asiatische Lächeln findet seinen Ausdruck in den Kommuniques, die die Welt über den Verlauf der Tokio-Verhandlungen zwischen Japan und England unterrichten — oder unterrichten sollen. Der Durchschnittszeitungsleser mag sich über die Frage der Auslieferung der umstrittenen vier chinesischen Attentäter an die chinesisch-japanischen Gerichte in Tientsin erregen, die Leitartikler und Stammtisch-Politiker in fünf Erdteilen mögen über das Problem des Endes der „weißen Konzessionen" in China sorgenvoll diskutieren — die Verhandler von Tokio wissen, daß der „papierne Schwerpunkt" ganz woanders liegt: im Kampf zwischen Japan und England um die britische Stützung des „China- Dollar s".
Die Geschichte des China-Dollars bietet die buntesten Kapitel der Währungsgeschichte unserer Zeit. Eine Währung, oder richtiger Währungs-Bezeichnung, hat die andere abgelost, seit man den Caro- lus-Dollar einführte. Die größte Rolle in der Währungsgeschichte des modernen China hat der „M exl - can-Trade-Dollar" gespielt, der an den internationalen Börsen als „Dollar-Mex" zum Begriff wurde, und zwar besonders als vorbildliche Garantie für die Silber-Reinheit der Münzen. Kurz vor seinem Ende hat das kaiserliche China noch eine neue Währung in der Form des „Drachen- Dollar" herausgebracht — das republikanische China brach mit der Tradition auch auf dem Gebiete der Währung. Es führt zu weit, die unendlichen Etappen der republikanisch-chinesischen Währungsgeschichte hier wiederzugeben. Der „China- Dollar" von heute, der „China-Dollar" der Tschiang- kaischek-Regierung ist der sogenannte „Shanghai- Dollar", der „P u a n".
Der Kriegsminister Itagaki, der Führer der japanischen Militär-Partei, ist sich völlig im klaren darüber, daß für den Ausgang des Fern-Ost-Krieges die internationale Bewertung des Puan, der Tschiangkaischek-Währung, eine ebenso große, wenn nicht größere Rolle spielt, wie Luftangriffe und Offensiven. Und deshalb war der japanische Angriff auf den Puan nicht weniger konzentrisch und überlegt. Die Kriegsberichte dieses Kampfes waren in ihrer ersten Etappe abzulesen aus den Valuta-Kurszetteln der Londoner Börse. Roch bis zum März 1938 repräsentierte Tschiangkaischeks Puan den Wert von etwa 1 Schilling, 21/2 Pences. Dann blieb Tschiangkaischek kein anderer Ausweg als allen anderen Staaten in nationaler Not- fituaticm: die Einführung der Deoifen-Be- fchränkung und Devisen-Kontrolle. Die unvermeidliche Folge war, daß der Puan an den ost- asiatischen „Flüster-Börsen" auf einen Kurs von 3 Pences hinabgedrückt wurde. Der Regierung Tschiangkaischek blieb nichts anderes übrig, als den ökonomisch-realen Konsequenzen dieses „Flüster- Kurses" Rechnung zu tragen: im Juni 1938 setzte Tschiangkaischeks Regierung den Kurs des Puan, also den „offiziellen Kurs" selbst auf 8 Pences herab. Dann kam das Jahr 1939. Im Verlauf jener Tientsin-Verhandlungen, deren „papierner Schwerpunkt" eben der China-Dollar der Tschiangkaischek- Rcgierung war, sank der Puan auf 3 Pences angesichts der englischen Nachgiebigkeit herab, er stieg dann wieder unter dem Eindruck der amerikanischen Kündigung des japanisch-amerikanischen Handelsabkommens auf etwa 4^2 Pences. Das sind, kurs- mäßig gesehen, die Etappen des unerbittlichen Währungskrieges Japans gegen die Regierung von Tschiangkaischek.
Der fernöstliche Konflikt geht nicht um „Prestige- Fragen", wie liebenswürdige Kommuniques es erscheinen lassen wollen, er geht um nackte wirtschaft-
en China-Dollar.
-Korrespondenten.
liche Realitäten — und deshalb sind die Kurven seines Auf und Ad an dem Kursstand seiner Währungen abzulesen. Die Tatsache, daß „Währung" nichts anderes ist als der Ausdruck politischen und wirtschaftlichen Machtwillens, ist in unserem Jahrhundert vielleicht nie so augenfällig klar geworden, wie in diesem Fern-Ost-Kanslikt. Drei Währungen kämpfen in dem China, das die Japaner erobert haben und zu erobern hoffen, gegeneinander. Gin Pen, den die Japaner in den chinesischen Gebieten in Umlauf brachten und der von der „Federal Reserve Bank" in Nord-China herausge- geben wurde, hatte allerdings den Nachteil, daß die Noten weder in Gold noch in Silber eingelöst wer- den konnten. Die von den Japanern abhängige Nanking-Negierung brachte den Hua-Hsing auf den Markt, das waren also die beiden "big bad wolves“, die den Puan jagen sollten.
Der Versuch der Japaner, ihre Währung und die der von ihr abhängigen Nanking-Regierung durchzusetzen, hatte im besetzten nordchinesischen Gebiet im Frühling 1938 noch keinen Erfolg. Das Ansuchen der japanischen Okkupationstruppen, daß die Bauern der besetzten nordchinesischen Gebiete ihre landwirtschaftlichen Produkte gegen Hua- Hsings verkaufen, ja sogar ihre Puans gegen die beiden anderen Währungen umtauschen sollten, fand ausgesprochenen Widerstand. In diesem Stadium war das chinesische Gebiet, in dem Japan die eigene bzw. die Währung der Nanking-Regierung durchsetzen wollte, noch keineswegs so befriedet, daß die Bauern nicht fürchten mußten, daß wenige Tage später Tschiangkaischeks Truppen das Gebiet zurückeroberten, und daß damit nicht nur ihre Pens oder Hua-Hsings wertlos, sondern sie selbst wegen des Besitzes so verdächtiger Scheine an die Wand gestellt werden würden.
Aus all
Abschluß des 6. Internationalen Kongresses für Archäologie.
Der letzte Kongreßtag brachte noch einige Vorträge über Olympia und die neuen Forschungen in Olympia. Der Altmeister der deutschen Altertumswissenschaft Wilhelm Doerfeld, dessen Name durch sein Lebenswerk gerade an der geweihten Stätte von Olympia für immer mit ihr verbunden sein wird, eröffnete als Ehrenvorsitzender diese Sitzung. Geheimrat Prof. Dr. Heinrich Bulle (Würzburg) sprach über das Thema „Der Ostgiebel des Zeustempels zu Olymvia", Professor Dr. Joses Liele, der Direktor des Münzkabinetts Berlin, im Lichte einer Neuerwerbung des Münzkabinetts über das Thema „Der Zeus des Phidias". Das mit Spannung erwartete Schlußreferat über die Olympia-Grabungen der letzten Jahre hatte Direktor Dr. Walter Grebe (Athen) übernommen, der im einzelnen über die wertvollen Funde gerade auch der letzten Kampagne berichtete. Um 12 Uhr fand dann der Ausklang des 6. Internationalen Kongresses für Archäologie in einer feierlichen Schlußsitzung in der großen Aula der Universität statt.
Zwei Todesurteile vollstreckt.
Am 26. August 1939 wurden die am 6. Dezember 1893 geborene Marie Mrazek und der am 6. Dezember 1920 geborene Vinzenz Iurasek hingerichtet, die vom Schwurgericht in Mährisch-Schönburg wegen Mordes zum Tode und zu dauerndem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt worden sind. Jurasek hatte auf Anstiften und unter Mitwirkung der Mrazek, mit der er ehebrecherische Beziehungen unterhielt, deren Ghemann ermordet.
Raubmörder hingerichtet.
Am 26. August 1939 ist der am 15. Mai 1914 geborene Ewald Anding aus Düsseldorf hin- gerichtet worden, der am 13. Juli 1939 durch das Sondergericht in Dortmund wegen Mordes in Tat-
Jn dieser Situation hat natürlich die Produktion der Bauern in den besetzten nordchinesqchen Gebieten keinerlei Auftrieb erhalten — einige Statistiken sprechen sogar von einem Sinken des Exportes um 60 d. H. aus diesen Gebieten — richtig oder nicht richtig, sicher ist jedenfalls, daß das Interesse des Bauern, über die eigenen primitivsten Lebensnotwendigkeiten hinaus zu produzieren, gering sein muß, wenn man ihm das Aequioalent nicht in einer Währung bietet, die er in jedem Falle als „s p a r - f ä h i g" ansieht.
Nachdem diese Währungs-Offensive den gewünschten Erfolg aus den oben genannten Gründen nicht gezeitigt hatte, versuchte Tokio erfolgreicher einen neuen Vorstoß: die Nanking-Regierung erklärte sich bereit, den Puan Tschiangkaischeks Z u m selben Kurse w i e ihren Hua-Hsing umzuwechseln. Dadurch hat naturgemäß in den besetzten nordchinesischen Gebieten, deren Produktion für die japanische Kriegführung von überragender Bedeutung ist, der Hua-Hsing, also die Währung der anhängigen Nanking-Regierung, an Bedeutung und Sympathie gewonnen. Allerdings ließ sich das auf die Dauer nicht durchhalten, denn im Verfolg der englisch-japanischen Verhandlungen und des britischen Nachgebens sank der Puan, wie gesagt, bis auf beinahe 3 Pence herab, so daß die Umwechslung des Puan zu gleichem Kurs gegen den staatlich gestützten Hua-Hsing nur noch ein Akt der Nächstenliebe war. Deshalb hat die'Bank der Nanking-Regierung es in diesen Tagen ab gelernt, weiterhin Puans gegen Hua-Hsings zu pari zu wechseln.
So liegen die Fronten des Währungs-Krieges, um dessen Waffenstillstand man in Tokio augenblicklich verhandelt. Die Japaner wissen, daß die endgültige Zerschlagung von Tschiangkaischeks Puan für den Marschall den Todesstoß bedeutet, der Puan lebt, solange England ihn stützt — und deshalb liegt der in diesem Falle „papierne Schwerpunkt" des Tientsin-Konfliktes im Kampf um den China-Dollar.
;r Wett.
einheit mit besonders schwerem Raub zum Tode und zum dauernden Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt worden ist. Anding, ein arbeitsscheuer Mensch, hat am 26. Juni 1939 in Witten (Ruhr) den 79 Jahre alten Christian Bielefeld i n seiner Wohnung ermordet und beraubt, um sich Geld für seinen leichtsinnigen Lebenswandel zu verschaffen.
Auf dem fahrenden Motorrad Selbstmord begangen.
Eine Gendarmeriestreife hielt bei einer Kontrolle der Verkehrsteilnehmer auf der Bitburger Landstraße einen Motorradfahrer fest, der weder einen Führerschein noch einen anderen persönlichen Ausweis bei sich trug. Die gleichfalls motorisierten Beamten forderten den Mann auf, ihnen langsam nach Bitburg voranzufahren. Kurz vor Oberweiß drehte der Motorradfahrer plötzlich auf und versuchte, in Höchstgeschwindigkeit zu entfliehen. Die Beamten waren jedoch schneller. Als sie den Flüchtenden erreicht hatten, und dieser trotzdem weiterfuhr, gab einer von ihnen einen Warnungsschuß ab. Der Motorradfahrer zog darauf während der Fahrt einen Revolver aus der Tasche und schoß sich eine Kugel durch den Kopf. Der Schuß traf die Schläfe; der Mann stürzte von der weiterrasenden Maschine und starb wenig später. Die Kölner Kriminalpolizei nahm die Ermittlungen auf und stellte fest, daß es sich um einen 23jährigen Mann aus Wattenscheid handelt, der Motorraddiebstähle ausgeführt hatte.
Um ein paar Pfennige niedergeschossen.
Zwei rumänische Bauern, die sich auf dem Wege von Orhei nach Kischinew befanden, wurden abends unweit von Kischinew von Wegelagerern überfallen und mit vorgehaltener Schußwaffe zur Herausgabe ihres Geldes aufgefordert. Die beiden Bauern flohen, aber die Räuber schossen hinter ihnen her und trafen einen von ihnen so schwer, daß er niederftürzte und in einer großen Blutlache
Große Deutsche in Danzig.
Von Hans Sturm.
Wenn her deutsche Astronom und Frauenburger Domher Nikolaus Kopernikus auch nicht aus Danzig stammte, so hat er doch dort Verwandte besessen, die er in jungen Jahren von Thorn aus öfter besucht hat; Anna Schillings, die Tochter seines Danziger Großonkels, wurde später seine Wirt- chafterin. 1499, ein Jahr vor seiner Romrejse, un- r-ernahm Kopernikus in der Danziger Bucht seine ersten größeren Himmelsbeobachtungen; 1539 war er mit seinem Freunde und Mitarbeiter Rhätikus, dem Wittenberger Professor, noch einmal in Danzig, tno beide erdkundliche und botanische Studien trieben.
Im zweiten Drittel des sechzehnten Jahrhunderts brandeten wieder einmal schwere Kämpfe um die Mauern der alten Hansestadt. Da erhob sich aus Oem Volke ein schlichter Handwerksmeister und ichrieb, während er von einem Mauerturm nach dem Feinde spähte, den Danzigern den markigen Weckruf: „O Dantzig, halt dich feste / Du weitberühmte =>taöt!" Er rät seinen Landsleuten, nicht lange zu il adeln, denn:
Mit vielem Kontrahieren, Wird es nit werden gut;
Der Feind will dich vexieren, t Drum tu nit mehr traktieren/ Und faß' eines Mannes Mut!
Eindringlich warnt er Danzig, sich nicht weiter mit den Feinden einzulassen ober ihren leeren Worten zu glauben, denn „es wird dir bringen Zein!"
Das wirstu wohl erfahren, Wenn du halb türkisch bist; Dafür wall' dich bewahren Zu vielen tausend Jahren Der große Herre Krist!
Der Handwerksdichter mit dem merkwürdigen tarnen Hans Hasentödter ist um das Jahr j L577 gestorben, aber sein Kampf- und Weckruf, der ,^um Singen beim Marschieren" gedacht war, nurbe weiter gesungen, benn er kam aus deutscher Seele.
Die letzten Jahre seines wechselvollen Lebens verbrachte Martin Opitz, der Begründer her schlesischen Dichterschule, in Danzig, wo er als „Poet und .Historiograph" wirkte. Die 1639 in Danzig wütende 'Aest warf auch ihn auf das Krankenlager. Cinfam lag er auf der Pritsche und überdachte seinen Weg
und seine Arbeiten; gewiß, sein „Büchlein von der teutschen Poeterey" wurde noch gelesen, seine Lieder und Sonette lasen die Frauen, übdr seine Sinnsprüche disputierten die Gelehrten, die Oper und den Schäferroman hatte er auf deutschen Boden verpflanzt, nun war er dabei, noch mancherlei aus dem Griechischen und Italienischen in ein mundgerechtes Deutsch zu übertragen, da nahm ihm der Tod die Feder aus der Hand. Freunde betteten den erst Zweiundvierzigjährigen auf seinen Wunsch in „Danzigs deutscher Erde".
Trotz des polnisch klingenden Namens ist Daniel Chodowiecki ein „Ürdeutscher" — so nannte ihn Goethe — und hat dies nicht nur durch sein in gewissem Sinne bürgerliches Leben, sondern besonders durch sein reiches Lebenswerk erwiesen. Gr wurde 1726 in Danzig geboren, sollte das Geschäft des Vaters übernehmen, kam jedoch nach feinem frühen Tode als Lehrling in ein Spezereigefchaft. In den Mußestunden vervollkommnete er sich in der oom Vater erlernten Kunst des Miniaturenmalens; die Motive entnahm er dem häuslichen Leben oder seiner Vaterstadt und ihrer Umgebung. 1743 ging er nach Berlin, begann mit 28 Jahren seine Ausbildung und gehörte bald zu den gesuchtesten Zeichnern und Kupferstechern. Seinern Wunsche, nach Jahren (1773) noch einmal seine hochbetagte Mutter in Danzig zu sehen, verdanken wir dem (früher in unseren Spalten schon ausführlich gewürdigten) Zyklus „Von Berlin nach Danzig"; er selbst hielt von den 108 Blättern diejenigen für die besten, die seine Heimatstadt spiegeln.
Nur die ersten Jugendjahre verlebte der Philosoph Arthur Schopenhauer in Danzig, wo er 1788 geboren wurde. Wie er die Stadt seiner Kindheit liebte, geht aus manchem seiner Briese hervor Gr wäre in seinem späteren Leben sicherlich hm und wieder einmal dahin besuchsweise zuruckgekehrt, wenn man „auf Öen Flügeln der Windsbraut hatte hinkommen können". , . „ ,
Erst langsam erholte sich Danzig von den Notjahren 1807 bis 1814, und die Bevölkerung stand noch lange unter den Nachwehen dieser Zeit So sah Joseph von Eichendorfs, der Dichter der Romantik, die alte Stadt mit den vielen Türmen, den mächtigen Festungswällen mit den schmalen Toren hinter tiefen Gräben, als er 1821 dorthin versetzt wurde. Die winkeligen Gassen, die hohen Giebelhäuser mit den seltsamen Vorbauten, den architektonisch berühmten Beischlägen mit Plattformen und zierlichen Brüstungen, und den an den Treppenseiten stehenden Figuren oder großen Steinkugeln
vervollständigten ihm das Bild der alten deutschen Stadt, die er in dem Gedicht „In Danzig" schildert:
Dunkle Giebel, hohe Fenster, Türme tief aus Nebeln sehn, Bleiche Statuen wie Gespenster Lautlos an den Türen stehn.
Träumerisch der Mond drauf scheinet, Dem die Stadt gar wohl gefällt, Als läg* zauberhaft versteinet Drunten eine Märchenwelt.
Ringsher durch das tiefe Lauschen, lieber alle Häuser weit, Nur des Meeres fernes Rauschen — Wunderbare Einsamkeit.
Und der Türmer wie vor Jahren Singet ein uraltes Lied:
Wolle Gott den Schiffer mahnen. Der bei Nacht vorüberzieht.
Eichendorff wohnte in her Langgasse, wo er das Gedicht zum Lobe Danzigs geschrieben hat; auch folgende Verse, die einen „Gang vor die Stadt" schildern, dürften hier entstanden sein:
O wunderbarer Nachtgesang: Von fern im Land der Ströme Gang, Leis Schauern in den dunklen Bäumen — Wirrst die Gedanken mir, Mein irres Singen hier
Ist wie ein Rufen nur aus Träumen.
Hier entwarf der Dichter auch seine bekannteste Erzählung, „Aus dem Leben eines Taugenichts", an deren Fortgang sein Vorgesetzter und Freund von Schön regen Anteil nahm. Besonders gern arbeitete Eichendorff auf her Besitzung Silberhammer (in her Nähe des heutigen Langfuhr), hie ihm Graf Fabian von Dohna als Sommeraufenthalt zur Verfügung stellte. Damals begann Eichendorff die heute vergessene, oft beißeiide Märchensatire „Krieg den Philistern". Zerstreuung und Erholung fand er in der kurz zuvor gegründeten „Danziger Liedertafel", an der er nicht als Sänger, sondern als Liederdichter teilnahm. „Trinken und Singen", „Gleich wie Echo frohen Liedern", „Horcht! Die Stunde hat geschlagen" und andere Gedichte hat er für die Runde verfaßt. Eine besondere Aufgabe sahen Eichendorff und Schön in der Wiederherstellung der Marienburg. Sie war damals nur deshalb nicht völlig abgetragen worden, weil die Abbruchskosten zu groß geworden wären! Die beiden Freunde wiesen auf das Verwerfliche des Abbruchs hin, und bald begannen die Wiederherstellungsarbeiten. 1823 konnte der Kronprinz und spätere König Friedrich Wilhelm IV, den erneuerten
liegenblieb. Der andere entkam. Den Niedergeschos- jenen durchsuchten die Uebeltäter, um ihn zu be« rauben, fanden aber bei ihm nur eine Leu-Münze (2x/2 Pfennig). Später fanden Passanten den Unglücklichen und veranlaßten seine Ueberführung ins Krankenhaus, wo er in hoffnungslosem Zustand barnieberliegt.
kleines Abenteuer eines Zwölfjährigen.
Wieder glücklich im Elternhaus gelandet ist der kürzlich als vermißt gemeldete 12jährige Schüler aus der Akademiestraße in Hanau. Sein spurloses Verschwinden sollte eine bestimmt nicht ganz alltägliche Aufklärung finden. Der kleine Kerl hatte sicher so manches von dem Ernteeinsatz unserer Jugend gehört und sich daraufhin kurzentschlossen a l g „Erntehelfer" zu einem Landwirt in Kesse l st a d t begeben, der ihn denn auch etwas allzu sorglos aufnahm. Elternhaus und Schule hatten keinerlei Kenntnis von dem eigenmächtigen Schritt des Jungen, dessen Aufenthalt schließlich durch die Vermißtenmeldung in den Zeitungen bekannt werden sollte. Erst jetzt ging nämlich bent Landwirt ein Licht auf, daß es mit feinem jugendlichen Helfer doch nicht ganz in Ordnung gehen könne. Schleunigst sorgte er daraufhin für die Rückkehr des Jungen ins Elternhaus, wo man sich schon schwere Sorgen um den kleinen Burschen gemacht hakte.
Ein kalb fraß 2000 Reichsmark.
In dem zwischen Altenahr und Dümpelfeld get legenen Ort Obliers fraß ein Kalb buchftäd- li l 2 000 R M., den Hauptteil des Erlöses, den ein Landwirt durch den Verkauf eines Teiles feines Besitzes erzielt hatte. Der Landwirt beabsichtigte, diesen Betrag zur Kreissparkasse zu bringen. Aus irgendeinem Grunde verzögerte sich das Vorhaben, leichtsinnigerweise behielt er das Geld, das für ihn ein Vermögen bedeutete, in einem Briefumschlag mit anderen Papieren in seiner Rocktasche. Den Rock ließ er auch beim Füttern des Viehes an« Zwei Tage später stellte er zu seinem Schrecken fest, daß her Briefumfchlag mit den 2000 RM. verschwunden war. Alles Suchen war zunächst vergebens. Schließlich entdeckte er im Trog eines Kalbes letzte Reste des Briefumschlages und der darin enthaltenen Geldscheine. Offenbar 'hat der Landwirt den Briefumschlag beim Füttern verloren, und das Kalb hat sich dann darüber hergemacht.
Seltsame Laune eines Huhns.
Tiere haben manchmal seltsame Gewohnheiten, besonders Haustiere, die nach und nach jede Scheu vor den Menschen verlieren. So kann man in einem Gehöft in der Nähe von Adenau (Eifel) die sonderbare Laune eines Haushuhns bewundern, das sich jeden Morgen durch die meist offenstehende Hoftür in das Haus der Besitzern begibt. Gackernd begrüßt es die Hausbewohner, läuft dann in die Wohnstube und fetzt sich hier stolz und im Bewußtsein feiner hohen ernährungswirtschaftlichen Bedeutung i n den Sessel der ältlichen Besitzerin, um nach einer Weile regelmäßig ein blitzsauberes Gi zu hinterlassen. Sorgsam wachen die Hausbewohner, denen das seltsame Gebaren des Huhnes viel Freude macht, darüber, daß das Tier nicht gestört wird.
Römisches Brandgräberfeld entdeckt.
Westlich von Pfeddersheim bei Worms wurden in diesen Tagen wieder wertvolle Funde bei Grabarbeiten gemacht. So stellte man ein ausgedehntes römisches Brandgräberfeld aus dem ersten Jahrhundert nach Chr. fest. Eines der Gräber war reich ausgestattet und enthielt mehrere Urnen, einen Tränenkrug, einen Faltenbecher und zwei prächtige, emailleverzierte Bronzefibeln. Der schönste Fund aus dem Gräberfeld ist eine Sigillata- schüssel, die sehr gut erhalten ist. Man fand auch einen eisernen Bootshaken, einen kleinen Bronze- (öffei und geschmolzene Glas- und Bronzereste. Man nimmt an, daß die Brandgräber zu eine villa rustica, einem römischen Gutshof gehörten.
Maul- und Klauenseuche in England.
In der Grafschaft Hampshire in England wurde die Maul- und Klauenseuche festgestellt. Das Landwirtschaftsministerium hat weitgehende Vorsichtsmaßnahmen angeordnet, um eine Ausbreitung auf andere Grafschaften zu verhindern.
Remter weihen, wozu Eichendorff den Feftspruch schrieb, her begann:
„Nun hebt sich wieder fröhlich Dein Haus im Morgenschein, Die Jungfrau, minneselig Schaut weit ins Land hinein."
1824 wurde Eichendorff versetzt, kam aber 1843 noch einmal nach Danzig, um ein Werk über die Marienburg zu verfassen; 30 Bände Akten und 7 Bände Notizen wälzte er, daneben benutzte er noch viele andere Quellen. Einem Freunde schrieb er, ganz im Banne dieses Bauwerks: „Wozu wäre eben das Hohe auf der Welt, als um das Gemeine in allen seinen Gestalten und Larven zu bekämpfen und niederzuwerfen!"
Im Jahre 1832 wurde in Danzig Ernst Victor Leyden geboren, der einer der bedeutendsten Kliniker Deutschlands wurde. Er wirkte an der Medizinischen Klinik in Königsberg, in Straßburg und von 1876 bis zu seinem Tode (1910) in Berlin. Von ihm stammt die ehrfurchtsvolle Erkenntnis des geheimnisdunklen Wirkens der Natur: „Nicht her Arzt, die Natur heilt die Krankheit."
Zeitschriften.
— „Das Innere R e i ch". Herausgeber: Paul Alverdes. Verlag Albert Langen/Georg Müller, München. — Mit dem vollen Klange eines gedankenschweren Gedichtes an Danzig von Agnes Stiegel hebt das Augustheft an; Erich Mafchke führt dann in die wechselvolle, immer deutsche Geschichte Danzigs ein. Den Kern des vielseitigen Heftes machen zwei große Prosabeiträge junger Erzähler aus: Franz Turniers Bericht vom ersten Schultage eines Landlehrers, lebendig und der Sache wie den Menschen nahe, — und Willi Steinborns Erzählung „Der Eroberer", voll tiefer Einsicht in kindliches Seelenleben, von leichtem Humor umspielt. Einen Schmuck des Heftes bedeuten die drei neuen Gedichte Josef Weinhebers, unvergeßlich das „Gello", heiter und lockend die „Ziehharmonika", bedeutend und wuchtig die „Orgel". Weiter ist Wilhelm Schäfer vertreten mit „Drei Kapiteln vom Niederrhein", mustergültigen Landschaftsbeschreibungen; Kurt La- merhins „Streifzug durch das Instrumentarium der musizierenden Jugend" ist eine Abwehr unberechtigter Vorwürfe und zugleich ein Hinweis auf kulturelle Arbeit von größter Wirkungsmöglichkeit. Ueberhies wären noch Gedichte von Adolf Beiß, Fritz Knöller und Georg von der Bring und die hervorragenden Abbildungen altgermanijcher Schmuckfunde zu er* wähnen.


