Ausgabe 
27.5.1939
 
Einzelbild herunterladen

ttr.122 viertes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

2L/28. Mai 1939

Reichsautobahn-Landschast lockt zum pfingstausflug.

/¥ /

Ein schöner Rastplatz bei Oppenrod.

Die Zeiten, da mit dem BegriffNeichsautobahn" untrennbar die Vorstellung von Bagger und Feld­bahn, von Brückenbau und Betonmischmaschine ver­bunden mar, sind zunächst wenigstens vorbei. Die Reichsautobahn in Oberhessen ist Landschaft ge­worden, sie ist hineingewachsen in Feld und Wald, ist eän.umgrüntes Band geworden, schwungvoll und elegant. Samtige Rasen sind gewachsen, wo noch vor wenigen Monaten Erdreich wild aufgewühlt

war, um neu angepslanzte junge Bäume und Büsche spielt der Wind. Scl)afgarbe und Hahnenfuß, Sauer­ampfer. Löwenzahn und Wiesenschaumkraut nelgen Halme und Blüten über die Ränder der harten Fahrbahn und überwuchern bald die Kilometer­tafeln und die Rückstrahlblinker Natur und moderne Technik haben sich verbrüdert! Die Landschaft an der Reichsautobahn ist schön geworden! Ja, an vielen Stellen ist der Schwung der Bahn selbst an die natürliche Landschaft übergegangen. Ueberall da, wo Wald weichen mußte, folgen nun die Linien der gebliebenen Bestände dem Zuge der Bahn, und die Waldsaume schwingen so wie das weiße Band. Das ist neu und schön! Das istReichsautobahn- Landschaft"! Es ist deshalb kein unmöglicher Ge­danke, die Neichsautobahn einmal als Ziel eines Pfingstausfluges aufzusuchen ..

Wenn man von Gießen kommt im Kraftfahr­zeug vorausgesetzt, dann muß man sich an den letzten Häusern von Steinbach entscheiden: entweder nach Süden, und damit zum Taunus, oder aber nach Norden über die nordwestlichen Ausläufer des Vogelsberges in der Richtung nach Alsfeld zu fahren! Und dementsprechend muß man die Auf­fahrt wählen! Wenn man sich schon auf dem weißen Band der Bahn befindet, sehen die zwingenden Verkehrsvorschriften den Willen und die Laune außer Kraft. Umkehren auf der Fahrbahn ist eine Todsünde?

Es ist kein Geheimnis, daß die Strecke Alsfeld- Frankfurt a. M. mit zu den schönsten Abschnitten der Reichsautobahn in unserem deutschen Vaterlande zählt. Wenn schönes Wetter dem Reisenden günstig ist, dann offenbaren sich ihm alle Schönheiten, die der Vorsommer in Wald und Feld auszubreit^i hat.

Verfolgen wir zunächst die Neichsautobahn in nördlicher Richtung! Rasch bleibt Steinbach breit und behäbig zu linker Hand zurück, und von rechts herüber grüßen die.roten Dächer von Albach. Nach wenigen Kilometern fesselt der eigenartige Kirchturm von Burkhardsfelden, der frei vor hellem Himmel steht, den Blick. Weit dehnt sich das Tal bei Reis­kirchen, nahe zur linken Hand sieht man Oppenrod liegen. Noch manches freundliche Dörfchen bietet sich in neuem Blickpunkt von der Reichsautobahn aus, und immer wieder empfindet man den Anblick dieser Dörfck)en als Symbol ländlichen Friedens. Oftmals

Viele solcher Ausblicke bieten sich bei einer Fahrt auf der Reichsautobahn. (Aufnahmen [5j: Neuner, Gießener Anzeiger.)

- '

wX

Noch blühen die Apfelbäume...

leuchten die Häuser hell und freundlich herüber immer ist das Bild, das sich dem Auge bietet, anders! Schöne deutsche Heimat?

Lebhafter auf und ab schwingt nun, von Reis­kirchen aus, das Band der Reichsautobahn. Der Wald tritt näher heran und gestattet für die nächste halbe Stunde sel­ten einen weiteren Aus­blick. Dafür gibt es an­dere Schönheiten! Hell­grün stehen mit frischem Laub die Buchen zwi­schen dunklen Fichten und Tannen, und die Fahrbahn verläuft wie in grünen Schluchten. Bei Neinhardshain gibt der Wald, über das Kirchlein Wirberg hin­weg, den Blick zum Vogelsberg frei. Und an dieser Stelle wird die

Raststätte gebaut, von deren Dachstuhl gerade eben die Bänder vom Richtfestkranz flattern Dann sind es Felspartien, die sich zum Teil wildromantisch und zu stattlicher Höhe links und rechts der Fahr­bahn auftürmen und das Auge fesseln.

Schließlich ist es auf der rechten Seite ein Aus­sichtsturm, der, noch auf einer Halde stehend und um«

Ein Aussichtsturm in reizvoller Landschaft unmittelbar über der Reichsautobahn.

geben von schönen Baumgruppen, den Wunsch aus­löst, hinaufzusteigen und von hoher Worte aus mit den Augen den Verlauf der Neichsautobahn zu ver­folgen. Noch blühen im nördlichen Oberhessen die Apfelbäume.

Es ist im einzelnen nicht zu schildern, was sich allenthalben zu beiden Seiten der Neichsautobahn an Schönheiten bietet. Hier öffnet sich ein schönes Tal, von vielgestaltigen Baumbeständen ab­wechslungsreich ausgefüllt, da und dort stoßen Schneisen auf die Autobahn und gestatten dem Reisenden kurzen Einblick in den Waldesdom, dann wieder begleiten Spazierwege für eine kurze Strecke die große Verkehrsstraße, um sich schließlich im Wald zu verlieren. Auf einer langen Brücke wird das Ohmtal überquert. Ein herrlicher Fernblick öffnet sich bei Ehringshausen. Romrods schöner Kirchturm und das Schloß fesseln den Blick. Bald' sieht man Alsfeld liegen.

Auf einer Fahrt von Alsfeld nach Frankfurt a. M. lernt man unsere oberhessische Landschaft in aller

ihrer Vielfalt kennen. Eindrucksvoll ist der Wechsel im Landschaftsbild, wenn man im Raume von Steinbach, Garbenteich und Dorf-Gill die stärker be­waldeten Gebiete verläßt und sich, bei gutem Wetter weithin zu übersehen, die Wetterau öffnet. Münzen­berg, Butzbach, ganz nahe das Dorf Gambach, und manches andere Dorf gerät in das Blickfeld. Bis dann wieder, westlich von Bad-Nauheim, die weit­läufigen Wälder der Taunusberge die Reichsauto­bahn aufnehmen, auf stattliche Hohe führen, bis sich dann bei Bad Homburg der große und der kleine Feldberg, breit hingelagert und massig, dar­bieten und immer wieder das Auge zur Bewunde­rung der großen Linien der Höhenzüge aufsordern.

Das alles verdient insbesondere während zweier geruhsamer und hoffentlich vom Wetter be­günstigter Pfingstseiertage die liebevolle Betrach­tung. Viele Parkplätze angelegt an den schönsten Punkten machen es leicht, die Fahrt ungefährdet zu unterbrechen und der Ruhe zu pflegen Und während der Fahrt selbst müssen es auch nicht 100 Kilometer Stundengeschwindigkeit sein, denn wer sich heroisch zu einem 60-Kilometer-Tempo ent­schließt (der Wagen würde auch n o ch langsamer fahren), hat mehr von einem solchen Psingstausüug in die Landschaft der Neichsautobahn in Oberhessen.

N.

Mächtige Felsformationen fesseln verschiedentlich im nördlichen Oberhessen den Blick des Reisenden.

MM

, -

fin Wann n»ic taufenö anöcce

Roman von Konrad £ranf

Copyright by Carl Ouncker Verlag, Serltn W35

1. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Ein Motorrad mit Beiwagen tutete aufgeregt um die Ecke. Der Schlosser Herzog hatte sich wirk­lich beeilt. Der Schreibtisch wurde weggehoben, um Platz zu schaffen für die Werkzeuge und den breiten Mann. Der Schlossermeister betrachtete eingehend die glatte Stahlfläche, die wie aus einem Block ge­schnitten schien und es wurde ihm ungemütlich zumute.

Können Sie die Kombination einstellen?" fragte er.

Wernig nickte. Er schob ein Holzpaneel, das an die Stahlkammer angrenzte, zur Seite und drehte an einem kleinen Apparat, der dahinter versteckt war: Maria der Name der Frau des Chefs. Und Herzog ging an die Arbeit. Zuerst bedachtsam, dann immer zögernder. Der blasse Gehilfe, der dicht hinter ihm kauerte, reichte ihm eine Feile, eine Stahlspindel nach der anderen.

Ich muß es mit Schlössern versuchen", murmelte er.Mit dem Gebläse brauche ich einen halben Tag."

Vor dem Bankhaus staute sich eine dichte Men­schenmenge. Was war geschehen? Herr Voigt, der reiche Herr Voigt, war ermordet worden? Die ganze Bank ausgeraubt? Nein, Unsinn! Man sieht ja den Schlosser Herzog wie einen Wilden arbeiten, um die Kasse aufzusperren? Das kleine Kind von Herrn Voigt hat sich in der Stahlkammer versteckt, und die Tür ist zugefallen. Ein Kind erstickt! Ach, Unsinn, Herr Voigt hatmur einen Sohn, und der studiert in England! Seidem die Bank besteht, hat kein Kind die Schwelle überschritten. Eine Bank' ist ja keine Spielschule ...

Ein Auto fuhr vor, eine Dame im schwarzen Pelzmantel stieg aus.

Bitte, lassen Sie mich durch", bat sie, und ihre Augen waren voller Tränen.Ich bin Frau Voigt ... Mein Mann ..

Von der Ecke kamen zwei Wachleute gelaufen, um die Menmenge zu zerstreuen. Das Auto samt

dem Chauffeur war von gestikulierenden und er­regten Menschen umbrandet. Der Chauffeur wollte der Herrin zu Hilfe kommen, er konnte nicht ein­mal von seinem Sitz herunter. Ein. paar junge Burschen hatten die Trittbretter erobert, hofften von der erhöhten Warte mehr zu sehen, .mehr zu erfahren.

Die Leute waren besten Willens, sie wollten Frau Voigt ja Platz machen, aber die andern drängten vor, schoben nach. Neben der Dame mit den schsteebleichen Lippen und den verzweifelten Augen stand ein Mann im grauen Ulster. Instink­tiv machte er von seinen Ellbogen kräftig Gebrauch, um der Dame Platz zu schaffen.

Ist ein Unglück geschehen?" fragte er halblaut und weich. Es war jene Stimme, die einen Eis­block schmilzt und zu einer Antwort zwingt.

Nein, bitte nein ... fein Unglück", stammelte die Frau.Aber sie fürchten, daß mein Mann in der Stahlkammer eingesperrt ist. Und der Schlosser scheint nicht zu wissen ... Mein Mann ... keine Lust ..."

Der Herr sah die Dame an, die an ihm vorbci- brängte. Was war das für ein gütiges Gesicht! Und sie meinte.

Scharfe Kommandos ertönten. Die Polizei ging daran, Ordnung zu machen. Die Menge wollte sich nicht stören lassen. Der Klumpen ballte sich immer dichter.

Rücken Sie ein wenig zur Seite!" befahl ge­lassen und heiter der schlanke Herr.Es geht schon, kleines Fräulein, so schlank wie Sie ... Hoppauf, junger Mann! Wir müssen die Dame da durch- kriegen! Gnädige Frau, bleiben Sie dicht hinter mir!" sagte er zu Frau Voigt.

Mit guten Worten und Ellbogenstößen bahnte er den Weg, klopfte energisch gegen die Glasscheibe. Das blasse Gesicht des alten Kassiers sah heraus.

Die Chefin", murmelte er und drehte mit un­sicherem Griff den Schlüssel.

Der Herr trat hinter ihr in den Bankraum und hielt sich bescheiden im Hintergrund. Wieso und warum der Fremde zu ihnen gehörte, das konnte niemand erklären aber die Beamten gaben wil­lig Auskunft, wenn sie nicht zum Telephon springen mußten. Die Apparate klingelten ohne Unterbre­chung. Kunden, Freunde, Bekannte, wildfremde

Leute riefen an und wollten roijfen, was los fei in der Firma Voigt & Sohn.

Dem Schlosser Herzog sland der Schweiß auf der Stirne. Nun plagte er sich seit fast einer halben Stunde und kein Schloß rührte sich. Wie immer er es anstellte, seine Werkzeuge faßten nicht!

Der Fremde hatte eine Zigarette angeraucht und betrachtete nachdenklich den Handwerker, dann warf er einen raschen Blick auf die Dame, die still wie ein Stein neben Wernig stand. Wenn die einge­stellte Kombination richtig war ... Er drückte die Zigarette aus und gab sich einen Ruck.

Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mein Glück versuche, Meister?" fragte er höflich.

Sie? Wer sind Sie denn?" fragte verblüfft der Handwerker.

Der Wachmann betrachtete den Eindringling miß­trauisch. Er hatte nicht viel übrig für Leute, die sich wichtig machten. Noch weniger für solche, die sich als Spezialisten in Safes und Kassenschränken aus- gaben, ohne hierzu befugt zu fein.

Ich erzeuge selbst Präzisionsapparate und Si­cherheitsschlösser", murmelte der Herr.Vielleicht er­kenne ich das System."

Selten hatte Meister Herzog so bereitwillig einem Konkurrenten das Feld geräumt.

Bitte, Herr ..."

Ilke, Peter Ilke", sagte der Fremde und kauerte sich bereits nieder, um die Werkzeuge zu betrachten, die herumlagen. Dann zog er seinen Rock aus und legte ihn achtsam über ein Stuhllehne. Leise vor sich hinsummcnd, prüfte er die blitzenden, glitzernden otablfeilen, Stecher und Haken. Die anderen schau­ten ihm verwundert zu. Sie schienen wie hypno­tisiert. Niemand rührte sich. Es war totenstill in dem großen Raum. Nur von draußen klang das aufgeregte Rufen und Fragen.

Endlich hatte er sich entschieden. Er nahm den feinsten Nickelhaken und schob ihn in das kreisrunde kleine Loch, zog ihn wieder heraus. Eine blattdünne Stahlfeder wurde eingehend betrachtet, ein neuer Versuch damit gemacht. Und das leise Summen riß nicht ab. Der Haken schob sich nach, wie er den überhaupt da hineinbrachte, das war dem biederen Schlosser ein Rätsel!

Fasziniert verfolgten sie die sparsamen Bewe­gungen der schlanken kräftigen Hände. Es schien,

als verschwänden sie in der Stahlplatte, so stark war der Wille zu helfen.

Eine Viertelstunde verging, in der niemand sich zu rühren wagte, in der kein Atemzug laut wurde.

Ein einziges Mal unterbrach Peter Ilke sein Summen, aber nicht seine Arbeit, und sagte halb, laut:Es wäre gut, einen Arzt zu rufen."

Frau Voigt zitterte an allen Gliedern, nur ihre Augen hafteten starr und unbeweglich an der stähi lernen Tür.

Hörte man nicht das wilde Schlagen der Herzen?

Nein, nur das leise Knacken von Stahl gegen Stahl.

Auf einmal sprang der Fremde auf, drehte an dem Knauf und zog rasch die Türe auf. Während er sich vorneigte und einen Bewußtlosen, er waC blau im Gesicht und rang nach Atem, heraus bob, sagte er nachdenklich:Eigentlich eine Schleuder- arbeit für den Batzen Geld, den der Kram gekostet haben muß. Ich würde mich schämen ..."

Dann sank Frau Voigt weinend neben dem Gat­ten in die Knie, Peter Ilke riß weit die Tür und das Auslagenfenster auf. Und ein Arzt drängte sich durch die Beamten.

Danke, danke tausendmal", stotterte die Fram Sie haben ihm das Leben gerettet ... Gott hak Sie uns geschickt ..."

Ach nein", sagte Peter Ilke und lachte. Auf einmal sah er viel jünger aus.Was Peter am packt, das klappt!"

2.

Herr Voigt wurde von feiner Gattin und berrt Arzt in die Wohnung geschafft. Das Bankhaus schloß für diesen einen Tag feine Pforten. Dis Beamten waren viel zu aufgeregt, um arbeiten ziH können und wären auch beim besten Willen zci keiner Arbeit gekommen, da die ganze Stadt das? Bedürfnis fühlte, sich nach dem Kurs der seltsamstes Währungen zu erkundigen und so nebenbei zu! erfragen, wie es eigentlich zu dem Anschlag gegent Josef Voigt gekommen märe ...

Als das Auto vor dem Haufe hielt, als Henk Voigt die Treppe in fein Schlafzimmer hinauf« geschafft worden mar, stellte sich heraus, daß int Wohnzimmer bereits zmei Besucher warteten. Eur Kriminalbeamter und ein Reporter.

(Fortsetzung folgt.)