über dem Führersitz des Bus. Der Onkel sollte recht viel vom Verkehr sehen. Onkel Seebär staunte mit offenem Mund und packte mich jedesmal, wenn ein Kleinauto unter uns verschwand, am Arm, weil er glaubte, daß wir das Töfftöff überfahren hätten.
Plötzlich fing Onkel Seebär an zu schlucken. Er sah käsig aus und stierte mit runden Augen immer geradeaus. Nach unten mochte er wohl gar nicht mehr sehen. Jedesmal, wenn der Bus stoppte und wieder anfuhr, stöhnte Onkel Seebär. Ich staunte —
Dann druckste der Onkel: „Wollen wir nicht lieber mit der Straßenbahn weiterfahren?" Dabei griff er sich an den Kragen, als ob der ihm plötzlich zu eng geworden sei. Uebrigens hatte der Onkel hochdeutsch gesprochen — richtiggehend hochdeutsch, worüber ich erst recht nicht aus der Verwunderung herauskam.
Das Ziel wieder, ja der meisten auswärtigen Besucher der Internationalen Automobil-Ausstellung in Berlin ist d i e Viktoria auf dem Großen Stern im Tiergarten. Bis auf wenige Reste am Sockel der Siegessäule ist das Gerüst bereits abgetragen, so daß sich das goldene Wahrzeichen der Reichshauptstadt in seiner erneuerten Pracht dem bewundernden Auge des Besuchers darbietet. Aber noch eine andere Ueberraschung gibt es für die Besucher des größten Schmuckplatzes in Berlin. Es sind die drei Riesen, die man ebenfalls vom Königsplatz nach dem Großen Stern überführte: Bismarck und Roon (in Bronze) und Moltke (in Marmor). Ein seltsames Gefühl beschleicht den Betrachter dieser auf den Rasen gebetteten Statuen. Erst jetzt wird man d e r Größe dieser Denkmäler so recht inne. Am ge- waltigsten wirkt Bismarck, dessen buschige Augen- brauen überlebensgroß unter dem wuchtigen Kü-
Unversehens stand Onkel Seebar auf, quetschte sich an mir vorbei in dem schmalen Gang und torkelte die Treppe hinunter. Ich folgte ihm fassungslos. Wir waren doch noch lange nicht am Ziel!?
Wie Onkel Seebär die Treppe heil runter kam. ist mir rätselhaft geblieben. Aufatmend und frische Luft schnappend, stand er auf der Straße, fah dem Bus nach und stöhnte: „Jung — bat ischa furchter- bar! As wer ick dat irst Mol op See!"
Ihr werdet es nicht glauben, aber mein Onkel Seebär war tatsächlich auf einem Berliner Omnibus seekrank geworden! Na — denn kann ja die christliche Seefahrt gar nicht so toll sein! Was?""
Worüber das Pimpfenvolk natürlich tüchtig grinste.
rassierhelm hervorlugen, und dessen Zeigefinger die Länge eines ausgewachsenen Unterarms hat. Schweigend steht man neben dem Riesen aus dem Sachsenwalde. Ganz nahe ist man ihm. Fast ist es, als sei einem eine Audienz bei dem Eisernen Kanzler bewilligt worden. Dann gleitet der Blick hinüber zu M o l t k e, dessen Schweigsamkeit durch das stumme Liegen noch unterstrichen wird. Ein würdiger Platz ist diesen Riesen Berlins ausgesucht worden. Schon werden die Fundamente der Denkmalsfiguren gemauert. Und wenn der April gekommen ist, werden die Drei — wie einst im Leben — hochaufgerichtet beieinander stehen, umgeben von dem sprossenden Grün der Bäume und Büsche, das Sinnbild ist für das Auferstehen des Zweiten Reiches in dem nun vollendeten Großdeutschland.
Blickt man in die Berliner Zeitungen und Wohnungsanzeiger, so sieht man eine Fülle von halben Zimmern angeboten: es wimmelt von VA-, 2/4», und sogar von ^/--Zimmer-Wohnungen! Eine wahre ^-Zimmer-Manie ist in Berlin ausgebrochen. Was ist überhaupt ein halbes Zimmer? Nun, anfangs war ein halbes Zimmer, wie man heute noch feststellen kann, wirklich ein halbes Zimmer, denn es hatte nur ein halbes Fenster, das hart an die Zimmerwand stieß, so daß man annehmen konnte, als ob tatsächlich ein ganzes Zimmer halbiert worden sei. Das daneben liegende Zimmer war aber keineswegs ein halbes, sondern ein regelrechtes ganzes Zimmer. Später hat man dann auch mit dem Widersinn gebrochen, das Fenster des „halben" Zimmers nur halb zu bauen und hat es in die Mitte oder wenigstens von der Wand gerückt, so daß heute ein halbes Zimmer nichts anderes ist als ein kleines Zimmer oder, wie man früher sagte: eine Kammer. Vielleicht ist diese Halb-Zimmer-Mame noch ein Ueberbleibfel des einst so berühmten Berliner Hängebodens, der auch ein ^-Zimmer war, allerdings in der Horizontale halbiert. Wie dem auch sei: es ist in Berlin zur Zeit ein Streit ausgebrochen, was ein ^-Zimmer sei. Man ist sogar vor das Gericht gegangen, um diese Frage zu lösen. Und da hat das Arbeitsgericht geurteilt: daß als Zimmer nur ein Raum anzusehen sei, der für Wohnzwecke geeignet ist, also zumindest ein normales Fenster hat und geheizt werden kann; auch ein halbes Zimmer müsse diesen Ansprüchen genügen. Woraus hervorgeht, daß ein halbes Zimmer, wie es jetzt üblicherweise gebaut wird (mit einem normalen Fenster und mit Heizung), ein — eben — ein Zimmer ist! Mögen nach diesem salomonischen Urteil nunmehr die Herren Mathematiker das Rätsel des Vi» und ^-Zimmer lösen!*
Ahnungslos wandelt man durch die Straßen Berlins und wirft dabei einen Blick auf die An- fchlagsfäule. Plötzlich stutzt man. Wie ist es möglich?? Ist es wirklich schon so weit mit uns gekommen? Man sieht sich das Plakat, das fast ein Viertel der Anschlagsäule einnimmt, noch einmal genau an, muß bann aber kopfschüttelnd feststellen, daß
man richtig gelesen hat: die Berliner Leih» Häuser empfehlen sich in einer Gemein» schaftswerbung als beste Gelegenheit, zu Gelb zu kommen. Daß bies nur auf bem Wege des „Der« fetzens" vor sich gehen kann, versteht sich bei Leihhäusern von selbst. Für einen kurzen Augenblick kommt es im Gehirn zu einer Gedankenverbindung „Fasching — Leihhau s". Man erinnert sich, gehört zu haben, daß es in den deutschen „Faschings» gegenben" üblich sei, zur Fastnacht das letzte Bettlaken zu versetzen. Aber bann muß man lächeln: wo ist in Berlin Fasching oder Karneval, ber zum Versetzen Anlaß geben könnte? Bleibt nur ber Schluß übrig, baß bie Berliner Leihhäuser infolge ber überaus günstigen Wirtschaftslage ber Bevölkerung in Bedrängnis geraten, weil die Kunden fortbleiben. Was tut aber der rührige Geschäftsmann, wenn die Kunden wegbleiben? Er treibt Werbung! So weit ist es also tatsächlich schon mit uns gekommen: die Pfandleihen müssen sich er- gebenft in Erinnerung bringen. Wenn das so weiter geht, werden nächstens auch noch die Gerichtsvollzieher inserieren...
Nach diesen Ausführungen ist es nicht mehr nötig, zu wiederholen, daß die Faschingszeit in Berlin — außer auf zahlreichen Kostümbällen — keine großen Wellen geschlagen hat. Dafür wurden aber in Berlin Berge von Fastnachts-Pfannkuchen, sogenannte „Berliner Pfannkuchen" verzehrt. Diese Berliner Pfannkuchen babcr es in sich! Sie find mit den herrlichsten Leckereien gefüllt; mitunter allerdings auch mit Papierschnitzel oder Senk. Nur eine Füllung sucht man in den Berliner Pfannkuchen vergebens. Das hängt damit zusammen, daß man eben in Berlin keine närrischen Rosenmontagszüge und Fastnachtstollheiten kennt: es gibt keine Berliner Pfannkuchen mit — — Aschermittwoch- Füllung. Und das ist der Grund, wesbalb die Berliner Pfannkuchen so besonders schmackhaft sind.
Sprechstunden der
11.30 bis 12.30 Uhr. 16 bis 17 Uhr Samstagnach- mittag geschlossen
Bries aus der Reichshaupistadt.
Zwischen den Riesen Berlins. - Halbe Zimmer. - Leihhäuser werben. - Berliner Pfannkuchen.
Von unserer berliner Schristleiiung.
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Josef Steib'Berlin
Oelgemälde
Radierungen
Zeichnungen
Dauer der Ausstellung vom 26. Febr. bis 19. März
Besuchszeiten: Sonntags von 11-13Uhr Werktags (außer Samstags) v.l7-18Uhr
Eintritts Für Mitglieder frei, für Nichtmitglieder 0.30 RM, für Soldaten, Studenten und Schüler 0 10 RM.
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