Nr. 21 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhessen)
Mittwoch. 25.Zanuar 1939
Aus der Stadt Gießen.
Geheimnisvolle Einbahnstraße ...
Es ist noch nicht lange her. da zeigten uns die Zeitungen und Zeitschriften Bilde?, auf denen zu sehen war. wie die Arbeitslosen der Londoner City einen „Hungersarg" durch die Straßen trugen, woran sie durch die Londoner Polizei unter starkem Aufgebot gehindert wurden. Auch aus manch anderen ausländischen Hauptstädten sahen wir Bilder. die immer wieder zeigten, wie sich die Polizei dem Andrang demonstrierender Volksmassen ent- gegeystellen mußte.
Wenn nickst alles täuscht, werden wir auch in Deutschland in allernächster Zeit erleben, wie sich die Polizei des stürmischen Andranges auf den Straßen und Plätzen des Reiches zu erwehren haben wird. Wenn aber das Ausland glaubt, daß wir in Deutschland darüber sehr bestürzt sein werden, so ist darauf zu erwidern: solche Szenen stürmischen Andrangs sind wir von jedem „Tag der Polizei" gewohnt. Und so werden wir uns auch am nächsten Sonntag, 29. Januar, dem diesjährigen „Tag der Polizei", nur von Herzen über das Gedränge auf den Straßen freuen.
Daß es lebhaft zugehen wird, wenn die deutsche Polizei, angefangen vom höchsten General bis zum jüngsten Polizeianwärter, für das Winterhilfswerk sammelt, kann heute schon um so mehr vorausge- fagt werden, weil die von der Polizei an diesem Tage zum Kauf angebotenen WHW.-Abzeichen rundheraus als „Schlager" gekennzeichnet werden müssen. Findig, wie die deutsche Polizei nun einmal ist, hat sie nämlich Abzeichen ausfindig gemacht, um Vie sich viele reißen werden. Was stellen diese Abzeichen dar? Es sind buntfarbige Miniaturausgaben der allen von der Straße her bekannten Verkehrsabzeichen. Aus der großen Anzahl dieser polizeilichen Verkehrszeichen hat man zehn Zeichen ausgewählt. So zum Beispiel das Sperrzeichen für Kraftwagen, das Zeichen „Parkverbot", das „Vorsichtszeichen" und unter den übrigen sieben auch das an vielen Straßenecken angebrachte pfeilförmige Zeichen „Einbahnstraße". Für den, der diese buntfarbigen Verkehrszeichen im Kleinformat bereits sehen durfte, ist es gewiß, daß jeder Volksgenosse den Ehrgeiz haben wird, sich eins dieser Zeichen (oder gar mehrere) in das Knopfloch zu stecken. Da überdies auf jedem Zeichen vermerkt ist, was es bedeutet, liegt n dem Kauf dieser kleinen Verkehrszeichen bereits ?ine willkommene Vorübung für den künftigen KdF.- Wagen-Besitzer! Die Polizei schlägt also zwei Fliegen mit einer Klappe: sie belehrt und sie hilft dem deutschen Winterhilfswerk und seinen Betreuten zugleich.
Das Ausland aber wird von neuem den Kopf darüber schütteln, wie es nur möglich ist, daß die deutsche Polizei sich einer so großen Beliebtheit im Volke erfreut, daß sie auch für das Wiyterhilfs- werk „eingesetzt" werden kann. Und man wird dem Gebeimnis nachspüren wollen, das eine solche Verbundenheit von Polizei und Volk herbeiführt. Wir wollen das Geheimnis ein wenig lüften, zumal es mittelbar mit dem Verkehrszeichen „Einbahnstraße" zufammenhänat. Dieses Zeichen ist nämlich nicht nur für den Straßenverkehr gültig. Es ist auch im übrigen Leben für das ganze deutsche Volk gültig, seitdem es unter seinem Führer Adolf Hitler ae- eint auf der — Einbahnstraße des völkischen Willens marschiert, in der es nur eine Richtuna und nur e i n Ziel gibt: die deutsche Volksgemeinschaft, die es auch unnötig macht, in Deutschland „Särge" b°rumzutragen mit der Aufschrift: „Er bekam keine Winterhilfe!"
Eitlen 3tiA<>nb Standort Gieken.
Zur Jugend-Filmstunde am 29. 1. treten alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen um 10.30 Uhr in der Schanzenstraße an. Antreten in folgender Reihenfolge: Jungmädel, BDM., Jungvolk, Hitler- Jugend. Spitze: Bahnhofstraße. Um 10.35 Uhr erfolgt Meldung an den Jungbannführer. Es wird nur auf Befehl des Jungbannführers eingerückt.
Gendarmerie im Dienst - Feuerwehr in Bereitschaft.
Zum „Tag der deutschen Polizei". — Eindrücke von einer Rundfahrt.
Sim kommenden Samstag und Sonntag werden sich Polizei, Gendarmerie, 77 und Feuerwehren in öen Dienst des Winterhilfswerkes stellen. Am gestrigen Dienstag wurde den Vertretern der heimischen Presse bei einer Rundfahrt Gelegenheit gegeben, das Wirken der Gendarmerie in' den ländlichen Bezirken und außerdem jene Arbeit der Feuerwehr näher kennenzulernen, die in der Stille geschieht. Die Fahrt gestaltete sich ungemein anregend und ließ erkennen, welche große und vielseitige Aufgaben insbesondere die Gendarmerie zu bewältigen hat. Die Fahrt war für die Gendarmeriebeamten (Leitung: Gendarmerie-Obermeister Schuhmacher) und den Verkehrs- und Gewerbedezernenten des Landrats (Regierungsrat Dr. Fuhr) gleichzeitig eine Kontrollfahrt.
Lollar war die erste Station! Schon auf dem Wege dorthin gab es zu tun! Einige Fahrzeuge mußten wegen nicht ausreichender Kennzeichnung angehalten werden. Im Interesse der Ordnung blieb nichts anderes übrig, als „gebührenpflichtige Verwarnung". Das kostete jedesmal eine Mark! In der Hauptstraße von Lollar traf man gleich einen der Beamten der Gendarmerie. Er erstattete stramme Meldung über die Vorkommnisse der letzten Stunde. Er hatte sich gerade mit einem jungen Mann zu beschäftigen, der sichtlich kein Zuhause hatte, sehr schlecht gekleidet war, keine Papiere bei sich trug und in Gewahrsam genommen werden mußte. Diese Fälle sind glücklicherweise sehr selten geworden!
Der Beamte warf einen Blick in das Fahndungs- buch: wird der junge Mann vielleicht gesucht?! Dann wurden in einigen Lebensmittelgeschäften die Preisbeschilderungen kontrolliert. Dabei konnte fest- gestellt werden, daß es die Geschäftsinhaber damit ernst nehmen. In regem Frage- und Antwortspiel erkannte der kontrollierende Beamte schnell, ob der Geschäftsmann „im Bilde" über die mannigfachen Bestimmungen ist, die für die Lebensmittelgeschäfte geschaffen werden mußten. Nur eines schien noch nicht ganz durchgedrungen zu sein: es soll nicht mehr Vv, % Liter heißen, sondern die amtlichen Maßeinheiten sind für Flüssigkeiten Liter und Zentiliter.
Dann führte die Fahrt weiter über Mainzlar und Daubringen nach A l t e n - B u s e ck. Immer wieder wurden Aufenthalte notwendig. Hier fuhr ein Vauer auf dem Fahrrad und hätte seine Mistgabel ohne jeglichen Schurz mit den Zinken nach vorne an das Rad gebunden, sich und anderen zur Gefahr! Und dann mußte das Fuhrwerk eines Müllers genauer angesehen werden. Er hatte die Pferde nicht sachgemäß ausgesträngt, das Besitzerschild fehlte am Wagen, die Lampen waren zerbrochen ... Unterwegs wurde auch einmal mit einem Schäfer gesprochen, der am Straßenrand seine Schafe weidete. Aber die Gendarmerie erlebte keine besondere Freude an ihm. Er hatte seine Papiere nicht bei sich. Vor allein nicht den Ausweis, in dem die viehseuchenpolizeilichen Untersuchungen seiner Herde ein
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Oben links: Bei der Feuerwehr Grünberg: Einordnung der gereinigten Schläuche in Regale. — Oben rechts: Aus der Tätigkeit der Gendarmerie: Ein Landstreicher wird festgehalten. — Unten links: Gendarmerie und Förster gemeinsam auf Wildererstreife. — Unten rechts: Preisbeschilderungskontrolle! — (Aufnahmen |4|: Neuner, Gieß. Anz.)
getragen find! Er machte sich damit strafbar! Gerade jetzt, da die Maul- und Klauenseuche die Viehbestände so in Mitleidenschaft zieht!
Im weiteren Verlaufe der Fahrt begegnete marl einer Wilderer-Streife. Hier arbeitet die Gendarmerie eng mit der Försterei zusammen. Nach ganz bestimmten und klar verabredetem System streiften Gendarmeriebeamte und Förster durch den Wald. Karabiner und Gewehre scharf geladen!
In Grünberg wurde Besuch bei der beritte» nen Gendarmerie gemacht. Zwei prächtige Pferde stehen im Stall. Sie werden sorgfältig gepflegt und dienen den Beamten besonders Sann, wenn die Wege durch anhaltenden Regen schlecht geworden, wenn große Entfernungen zu überwinden sind.
Schon diese kurze Uebersicht, die sich um viele Beispiele au5 der Tätigkeit der Gendarmerie erweitern ließe, läßt wissen, daß der Gendarmerie-Beamte ein umfangreiches' Arbeitsgebiet hat. Er muß Univer- salift sein! Er muß die Gesetze über den Verkauf non Lebensmitteln ebenso gut kennen, wie die Verkehrsvorschriften, er muß über viehseuchenpolizeiliche Vorschriften genau so gut im Bilde sein, wie über die Maßnahmen, die im Falle eines Verbrechens, eines Diebstahls usw. zu treffen sind. Er ist nicht nur ein Hüter der Ordnung, sondern auch der Kriminalist des flachen Landes. Jedes Jahr muß sich der Beamte Leistungsprüfungen unterziehen, muß in Schulungskursen, Schulungsabenden. Dienstversammlungen sein Wissen immer neu ergänzen, immer wieder auch an Schießübungen teilnehmen usw. Die 87 Gemeinden des Kreises Gießen werden von neun Gendarmeriestationen und drei Gendarmerieposten mit insgesamt 28 Beamten betreut, denen in zwei Abteilungen zwei Obermeister vorstehen. Aus aller Arbeit der Gendarmerie ist zu erkennen, daß sie nicht ihren Zweck darin sieht, möglichst viele Leute zur Anzeige zu bringen, sondern darin, Ordnung zu halten.
Bei der Feuerwehr zu Besuch.
Die gestrige Rundfahrt wurde auch dazu benutzt, einmal einer Freiwilligen Feuerwehr einen Besuch abzustatten, um Einblick in die stille Arbeit zu gewinnen, die von der Feuerwehr geleistet wird. Der Besuch galt diesmal den vorbildlichen Einrichtungen der Grünberger Wehr. In reger Aussprache hörte man davon, welch vielseitige Verpflichtungen der Feuerwehr aufgegeben sind im Interesse der Erhaltung der steten Bereitschaft. Da gibt es unmittelbar nach einem Brande viel Arbeit. Da müssen die Schläuche gereinigt, auf Schäden untersucht, die Kupplungen überprüft, die Schläuche getrocknet, dann aufgerollt und nach bestimmten Nummern in Regalen untergebracht werden! Nach jedem Brande müssen auf die Schlauchhaspeln andere Schläuche aufgezogen werden. Da gilt es ferner, den Motor für den Dorspannwagen und die Motorspritze mit neuem Betriebsstoff zu versorgen, alles sauber zu putzen und in jene peinliche Ordnung zu bringen, die allein einen tatkräftigen Einsatz der Feuerwehr und ihrer Geräte gestattet. Man hörte ferner von der schwierigen Behandlung der gummierten Schläuche, von den in reaelmätzi- gen Abständen stattfindenden Hydrantenprüfungen, von der Kennzeichnung der Lage der Hydranten für den Fall, daß sie unter Schnee und Eis lieaen, und hörte von einer Fülle weiterer technischer Einzelheiten, die hier wiederzugeben kaum möglich ist.
Klar ließ sich aber auch hier der Eindruck gewinnen, daß die zuständigen Männer und die Kameraden dafür sorgen, daß sie jederzeit eingesetzt werden können, um deutsches Volksgut zu schützen. Auch die Feuerwehr wird am Tag der deutschen Polizei aktiv im Dienst des Winterhilfswerkes stehen.
Verhexte Nacht.
Von Werner p. Töfflinger.
Mitten auf dem wippenden Laufsteg machte Jimmy Ward halt und schnupperte mißbilligend m die Dunkelheit. Genau so hatte er sich das Wiedersehen vorgestellt. Die Luft, die nach faulen Bananen und schlechtem Del roch, und die eingeschlagenen Kailaternen — das war Freetown, das elende kleine Hafenloch Freetown, zwei Tagesreisen von den Luxusbädern Floridas entfernt.
Jimmy Ward seufzte, steckte seine Pfeife in Brand und schlingerte verdrossen an Land,, als er von irgend woher angerufen wurde.
Die Stimme war so leise, so himmelsfern und sanft, daß er verdutzt den Hals reckte und in alle vier Winde starrte. Aber dann lenkte bas Schicksal feinen Blick dorthin, wo die Dunkelheit zwischen zwei Kailaternen am schwärzesten war. Und don schimmerte etwas, hell wie weißer Mohn — ein Kleid. Und als er darauf zu peilte, erkannte er ein Mädchen.
Seine Lippen verengten sich. Wenn das Mädel dort drüben auf ihn wartete, auf den rechtschaffenen und soliden Steuermann Jimmy Ward von der „Adelaide":
Mißtrauisch linste er herüber. Allein sein Verdacht zerschmolz schnell, denn beim Nähertreten entpuppte sich die einsame Hafenbummlerin als eine recht sittsam aussehende junge Dame. Sichtlich verlegen, trat sie an den Laufsteg und fragte nach dem Namen des Schiffes.
„Diese Schrottkiste hier? Wie die heißt?" murmelte Jimmy Ward, um einiges wohlwollender gestimmt, „Adelaide", menn’s Ihnen recht ist, Fräulein."
„Und wann sind Sie hier angekommen?"
„Am Spätnachmittag mit der Flut."
„Schon — am Nachmittag?" Die Frage kam gedehnt, und die Stimme der jungen Dame zitterte ganz merkwürdig, als kämpfe sie gegen Tränen an. „Dann ist wohl niemand mehr an Bord?" erkundigte sie sich leise. „Ich wollte mich nämlich hier mit zemandem treffen — mit Eharly Brown ..."
„Mit Charly Brown?" echote Jimmy Ward, und fein Gesicht verzog sich, als habe er auf ein Pfefferkorn gebissen. „Das ist allerdings eine dumme Geschichte. Ausgerechnet mit Charly Brown .. " Er schabte sich das Kinn und stierte fassungslos zu Boden. „Dann sind Sie die Tänzerin aus dem ,Tro- cabero‘ drüben?"
„Tänzerin?" bekam Jimmy Ward mit einem strafenden Blick zurück. „Ich heiße Polly Garvins und bin Kontoristin beim Hafenamt hier in Freetownl"
„Ader Sie kennen jedenfalls Charly Brown näher?"
Das kleine Fräulein Garvins errötete. „Damals, vor der Ausreise der „Adelaide", versprach er mir, hier am Kai bei feiner Rückkehr auf mich zu warten."
„Und diesen Schwindel haben Sie ihm aeglaubt?" lachte d'er Steuermann grimmig. „Da läßt er Sie hier Anker werfen, während er sich drüben in Trv- cadero längst großartig amüsiert?"
Sekundenlang blieb alles still. Nur das Wasser gluckerte trübsinnig, und das Laufbrett scheuerte sich leise auf der Kaimauer.
Es war, als habe ihr der Schreck alle Kraft genommen. Verzagt knüllte sie ihr Taschentuch. Drüben lag die „Adelaide", ein schmieriger alter Tramp- bampfer, viel kleiner, als Cbarly ihn bamals beschrieben hatte. Sicher hatte er sie belogen. In allem beloaen! Und plötzlich warf sie den Kopf zornig n den Nacken. „Ich werde Charly suchen!" erklärte rie. „Ich gehe ins Trocadero. Und wenn ich ihn dort finde .."
„Dann bauen wir dem Windhund die Jacke voll", schnaufte Jimmy Ward kampflustig. „So eine hübsche junge Dame einfach sitzen zu lallen. ." Er verschluckte den Rest seiner Rede und stampfte entschlossen uff er den Platz.
Im Trocadero herrschte Hochbetrieb. Der winklige Kellerraum dampfte wie eine Waschküche. An der Bar lümmelten sich Neger und Mexikaner. Wie ein unter Volldampf gesetzter Eisbrecher bahnte sich Jimmy Ward seinen Weg. Und überall, wo sich ein blonder Haarschopf zeigte, schlingerte er mit gespreizten Ellbogen darauf zu. Doch nach einer Weile legte er eine Verschnaufpause ein.
Plötzlich reckte sich sein Hals aus der Friesjoppe. „Dort achtern — der Galgenvogel mit dem kleinen rothaarigen Satan im Arm — das ist Charly Brown!" keuchte er.
Polly Garvins starrte hinüber, und ihr Atem stockte. „Aber das ist doch nicht..." Sie riß Jimmy Ward zurück. Drüben saß ein völlig Fremder, ein riesenhafter blonder Kerl. „Das muß ein Irrtum sein!" rief er. Doch Jimmy Ward hatte schon Kurs genommen. Wie ein rächender Gott schob er sich durch die Tanzenden. Und gleich darauf passierte das Malbeur.
Eine Donnerstimme brüllte den Namen Charly Brown. Der riesenhafte Kerl rekelte sich vom Sitz hoch, blickte sich giftig um. Worte flogen hin und
| her. Fäuste reckten sich. Und noch während Polly , dieses Mißverständnis verzweifelt aufzuklären versuchte, fühlte sie sich zur Seite gedrängt und gleich ; danach zur Tür, und als sie die Tür offen fand, flüchtete sie entsetzt ins Freie. Sie horte noch hinter sich erdbebenartigen Krach. Dann stand sie allein in ’ber dunklen Gasse. Eine Katze sprang maunzend hinter einem Kellergitter vor Fremd und unheim-
1 Uch schimmerten die Sterne, und verzweifelt schleppte i sie sich zum Hafenplatz zurück, als ihr auf der Ufer- nromenabe ein Trupp Matrosen entgegenkam,
■ stramme, kräftige Burschen. Auf ihren blauen blitzsauberen Sweatern leuchtete der Name „Adelaibe"
Polly Garvins verschluckte ihre Tränen und starrte zornig hinüber. So ähnlich wie bie jungen Seeleute brühen sah Charly Brown aus, ber wirkliche echte Charly Brown, ber sie in biefer Nacht so schmählich verraten hatte. Unb trotzig wollte sie vorbei Aber ba geschah bas zweite M'inber in die- ser verhexten Nacht: Einer von den Matrosen kam auf sie zu, rief ihren»Namen und breitete lachend seine Arme aus.
Wie elektrisiert fuhr Polly herum. Und vlotzlich vergäll sie ihren Zorn. Alle trotzigen Vorsätze schwanden dahin.
„Charly", flüsterte sie, und diesmal füllte bie : Freube ihre Augen mit Tränen. Unb noch ehe -Charly Brown eine Frage stellen konnte, flüchtete sie an feine Brust und erzählte hastig von ihrem schrecklichen Erlebnis.
Eine Ewigkeit lang sagte ber blonbe Charly Brown kein Sterbenswörtchen. Aber bann konnte er sich nicht mehr halten und schickte ein Lachen m die Nacht hinaus, so herzhaft und befreiend, daß Polly ungewollt mitlachen mußte.
„Der dreckige kleine Steamer brühen heißt auch .Adelaide'", rief er vergnügt
„Auch?" fragte Polly begriffsstutzig.
„Na, wir sinb doch eben erst hier eingelaufen", bekam sie fröhlich zurück. „Außerdem schreibt sich ! unsere Adeleide mit ,ei‘! Und an Bord haben wir ■ bei uns drei Mann, die Brown heißen. Es gibt nun einmal auf dieser Welt vieles doppelt, Polly! Alles
: war nur eine merkwürdige Verwechslung."
Polly Garvins schloß die Augen, so gewaltig war diese Botschaft.
„Und dann hättest du doch nur nach dem Aus- ' gangshafen zu fragen brauchen", fügte er lachend 1 hinzu. „Wir kommen aus Liver'wol. Die alte Blechkiste drüben schafft es doch höchstens bis zum nächsten Leuchtturm!", und er faßte sie sanft unter.
Ein schlechtes Jahr fürnnsereBoaelwelt
Im Jahre 1938 sind die Bruten vieler unserer Vogelarten sehr wenig günstig verlaufen. Der Grund lag daran, daß auf die sommerlich warmen Tage des März während des ganzen April sehr kaltes Wetter mit manchen Nachtfrösten herrschte, das bis in den Mai anhielt. In der Vogelschutzwarte in Seebach im Kreise Langensalza sind nähere Beobachtungen darüber gemacht worden, über die Dr. K. M a n s f e I b Mitteilungen veröffentlicht. Einzelne frühbrütenbe Vögel hatten, wie bie Frankfurter Wochenschrift „Die Umschau" seinem Bericht entnimmt, burch bie günstige Märzwitterung schon mit 1 bem Legen begonnen. Amseln flogen in Seebach schon am 1. Mai aus. Die Jungenaufzucht fiel baher in die Kaltwetterperiode, unb in biefer gingen fast in jebem Nest einige Junge ein. Im Durchschnitt flogen nur brei Jungamseln aus gegen sonst fünf. Besonbers schlecht m^ren bie Brutergebnisse büm Star; bie Zahl ber Brutstare war schon burch ben Winter 1937/38 stark dezimiert worden, so baß im Seebacher Gebiet ebenso wie an anberen Orten nur bie Hälfte zur Brut schritt Auch die Zahl der Jungen blieb weit unter dem Durchschnitt ber letzten nähre zurück. Ebenso würben bei ben Kohl- und ! Blaumeisen in ber zweiten Maibälfte eine Reihe i abgestorbener Bruten gefunben. Nur die Strauck)- ; brüter konnten ihre Bruten besser burrhbringen. ba sie ihre Nester gut decken und so vor Nässe schützen konnten.
Sochschulnachnchten.
Professor Dr. Karl Kleist, Ordinarius für Psychiatrie unb Neurologie an ber Universität Frankfurt, vollenbet am 31 b M fein 60. Lebensjahr. Nach mehrjähriger Assistenten- tätigkeit in Halle arbeitete Kleist von 1909 bis 1916 als Oberarzt an ber Psychiatrischen Klinik in Erlangen; 1909 habilitierte er sich an ber dortigen Universität. 1916 folgte er einem Ruse als 0. Professor an die Universität Rostock. Vier Jahre später wurde Kleist nach Frankfurt berufen wo er die Leitung der Klinik für Gemüts- und Nervenkrankheiten übernahm.
Professor Dr. Friedrich Andrae an ber Universität Breslau ist im 60 Lebensjahre g e - st 0 rben. Er vertrat das Fach der Mittleren unb Neueren Geschichte. Professor Anbrae mar einer ber besten Kenner ber Geschichte Schlesiens und auch der Universität Breslau; viel Beachtung faru ben z. B. feine „Schlesischen Lebensbilder".


