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llr. 275 Zweites Blatt

Siebener Anzeiger «General-Anzeiger für Mberheffen) Donnerstag. 25. November 19a9

Großzügige Neuordnung am Geiterstor.

Seit einiger Zeit find weitreichende Umbauarbei- ten am Selterstor im Gange. Das Ziel der Neu- qeftalhmg ist. an diesem bedeutsamen Verkehrs­knotenpunkt unserer Stadt ausreichende Stra- ßenoerhält nisse und Parkplätze für Kraftfahrzeuge zu schaffen, die den wesent- lich angewachsenen VerkehrseFlordernissen ent­sprechen. Wer sich die Entwicklung der Verkehrsver- 0 öl treffe in unserer Stadt und besonders an biefem Kreuzungspunkt im Verlaufe der letzten Jahre ver­gegenwärtigt, kann nicht im Zweifel darüber sein, daß die von der Stadtverwaltung nunmehr mit Tatkraft durchgeführte Umgestaltung eine bringende Notwendigkeit ist.

Das Selterstor in seiner bisherigen Gestalt war in einer Zeit geschaffen worden, in der man von der modernen 'Verkehrsentfaltung und namentlich von der starken Motorisierung noch keine Ahnung haben konnte. Für die Zeit der Pferdekutsche und des Pferdeomnibusses, auch für die Zeit der allein den Fahrdamm beherrschenden schienengebundenen Straßenbahn konnten die Straßenverhältnisse lange Jahre genügen. Je mehr aber die Motorisierung des Verkehrswesens und insbesondere auch des Gütertransportes um sich griff, dabei Fahrzeuge geschaffen wurden, die heute als riesige Lastzüge durch die Straßen rollen, und derartige Lastfahr­zeuge mit Anhängern immer zahlreicher wurden, umso mehr mußten zwangsläufig jene Straßen- Verhältnisse unzulänglich werden.

Das kommt u. a. auch darin darin zum Ausdruck, daß auf der Frankfurter Straße und über den Hindenburgwall, bis zur alten Bürgermeisterei an der Gartenstraße, zwei Reichsverkehrsstraßen ge­meinsam laufen, nämlich die Straßen 3 und 49, von denen die erstere über den Hitler wall zur Mar­burger Straße nach Norden weiterzieht, die letztere über die Kaiser-Allee und Grünberger Straße nach Osten führt. Von großer Bedeutung ist auch, daß der starke Nord-Süd-Verkehr auf der Reichsstraße 3 von der Marburger Straße her zur Entlastung des Hitlerwalles und Hindendurgwalles über die Stein-

ftraße und den Horft-Wesiel-Wall umgeleitet wird, am Selterstor aber, gerade an der verkehrsreich­sten Selle, wieder in die alte Fahrstrecke einmündet. Bei dieser gewaltigen Verkehrsbelastung ist die Frankfurter fetra&e mit einer Breite von 9 Meter, einschließlich Straßenbahn, zweifellos stark über­lastet, das gleiche ist vorn Hindenburgwall und dem Horst-WesseU-Wall mit je 7,50 Meter Fahrbahn- breite zu sagen. Praktisch allerdings hat die Frank­furter Straße auch nur 7,50 Meter Breite, weil der starre Straßenbahnkörper für andere Verkehrsfahr- zeuge nicht oder nur gelegentlich zum Ausweichen benützt werden kann. Schließlich ist noch die un­günstige Lage der Kurven in Betracht zu ziehen, nwdurch die aus der abfallenden Frankfurter Stra­ße kommenden Fahrzeuge eine nicht überhöhte, son­dern gerade umgekehrt He/». Kurve und mit kleinem Radius befahren müssen, sodaß die Berei­fung der Wagen die Asphaltschicht der Fahrbahn bisher immer wieder fortschob und infolgedessen die Straße in der Kurve stets in schlechtem Zustand war.

Eine zweckmäßige, den Verkehrserfordernissen ent­sprechende Lösung konnte nur in der Schaffung ausreichend breiter Fahrbahnen und einwandfreier llebergangsmöglichkeiten für den starken Fußgän­gerverkehr an dieser Stelle geschaffen werden. Die vor einigen Jahren am Selterstor eingerichteten kleinen Inselchen in den. Fahrbahnen waren nur ein Notbehelf, tatsächlich waren sie nicht imstande, bei plötzlich auftretendem stärkerem Verkehr eine grö­ßere Zahl von Fußgängern aufzunehmen. Weiter­hin war es immer dringlicher geworden, an dieser Stelle ausreichende Parkplatzmöglichkeiten zu fchaf- fen und damit den oft geäußerten berechtigten Wün- scheu der Krastfahrzeiigbesitzer Genüge zu leisten.

Die bisherigen unzulänglichen Verhältnisse sollen nun durch die Neugestaltung am Selterstor mit Sicht auf lange Zeit beseitigt werden. Zu diesem Zwecke wurde im Verlaufe des Sommers zunächst die Fasiung des Schorgrabens in große Rohre durch­geführt und alsdann mit der Zuschüttung des tiefen

Grabens selbst begonnen, die mittlerweile fast zu Ende gebracht ist. Ein anliegendes großes Garlengelände wurde von der Stadt erworben. Die beiden Tor­häuser mußten nach ernster und gewissenhafter Prü­fung der Neuordnung geopfert werden. Wenn bet diesen Maßnahmen auch ein den Gießenern lieb ge­wordenes Stadtbild verschwinden mußte, so wird die Neuordnung doch eine wesentliche Verbesserung der Verkehrsverhältnisse bringen, mit der sich jedermann einverstanden erklären wird Dann wird auch sicherlich anerkannt werden, daß die Neuge­staltung zugleich eine Verbesserung des Stadtbildes geworden ist. Im Hinblick daraus kann man wohl auch der Erwartung Ausdruck geben daß die An­lieger des Horst-Wessel-Walls in der Nachbarschaft des Selterstores die im Zuge der Neugestaltung notwendige Abtretung ihrer Vorgärten verschmer­zen werden, da dieser Verzicht im Interesse der Gesamtheit eine unbedingte Notwendigkeit gewor­den ist.

lieber die Einzelheiten der N e u g e ft a l tu ng am Selterstor wird uns auf unsere Anfrage von der Stadtverwaltung folgendes mit ge­teilt: Die wichtigste Aenderung gegen früher ist die Anlage einer großen Insel von 26 Meter Durch­messer. Diese Insel trennt den Verkehr und schafft dadurch die größere Uebersicht. Aus den Zweibahn- straßen werden jetzt Einbahnstraßen mit der glei­chen Breite, und zwar von 7 Meter, so daß neben einer Parkspur eine lleberholungsspur^von 3.75 Mie­ter Breite zur Verfügung steht. An Stelle der bis- hengen, nur etwa 6 Quadratmeter großen Inselchen für die Fußgänger treten jetzt Inseln von rund 200

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Der vorliegende Plan des Stadtbauamtes zeigt, in welcher Form sich der Platz am Selterstor n a ch seiner Umgestaltung darbicten wird. Das Rondell in der Mitte wird Grünfläche. Die breierfförpilgen Flächen werden Gehflächen für Fußgänger. Die

kräftiger gezeichneten schmalen Streifen an den Geh­flächen (nach dem Rondell zu), wie auch die schmalen Streifen an den Bürgersteigen werden Fahrwege für Radfahrer. Links und rechts oben, durch das Park- platz-,,?" bezeichnet, werden große Parkplätze ge­

schaffen. Die beiden bisherigen Straßenlnseln, im Plan noch eingezeichnet, werden entfernt. Im vor- liegenden Plan sind auch noch sämtliche bisher vor- haTibent* Bauten und Straßenführungen mit dünnen Linien eingezeichnet.

Aus her Stadl Gießen.

Hausmusik und Volksgemeinschaft.

33on Crrtx> n Kroll.

Es waren, so lehrt uns die Vergangenheit, gute Zeiten für die Musik, als sie unumschränkte Heim- rechte im Hause hatte. Der NameDilettant" galt einst als Ehrenname. Ein Haus ohne Musik war ein Haus ohne Freude. Das wußten Luther und Lach genau fo jnie Herder und Goethe, als sie in­mitten ihrer Familien Gesang und Saitenfpiel .zeirnisch machten. Dann aber zog die Musik in die \t0n3ertftubc, einegroße", sinfonische Kunst ent- tand, Hausmusik wurde ein Mauerblümchen. Der ,Salon" kam auf, und mit ihm die Salonmusik. DasGebet einer Jungfrau" flieg aus tausend geduldigen Klavieren gen Himmel ...

Vergangene Zeiten! Wir haben keinen Salon nehr. Dafür ist im neuen Deutschland die Familie ils Urzelle aller nationalen Kultur zu neuen Ehren gekommen. Man hat wieder erkannt, daß die Musik au den Müttern" zurückkehren müsse, um in ihrem wesen und ihrer Hebung wirklich lebendig und »olksnah zu bleiben. Wie reich ist doch der Segen, )er aus der Andacht des Zusammenmusizierens ntsprießt. Denn die Musikliebhaber, die in der »äuslichen Gemeinschaft heranwachsen, bilden auch ben Kern unseres Konzertpublikums, und wie die Nusikwirtschaft mit den Verlegern, Händlern, In- trumentenbauern und nicht zuletzt den Lehrern )urd) die Hausmusik-Hebung unendlich gefördert vird, so hävgt schließlich der Weiterbestand der ge­samten Tonkunst und ihre schöpferische Erneuerung ?on dem Vorhandensein einer aufnahmefähigen ijörcrgcmeinbe ab. Fast alle unsere großen Meister lammen aus Häusern, in denen viel musiziert tmrhc.

Erscheint heute die Hausmusik ihrer wahren Be- timmung wieder gegeben, so hat sich azzch der "Kreis, ii dem sie Freude spendend und Kmeinschaftsbil- tenb wirkt erweitert. N«cich b"m Vorbild b"s Elternhauses beginnt ein tätiges Gemeinschaftsmusi­zieren auch in unseren Schulen, in den Heimstätten ber Hitler-Iuaend und den NS-G^meinIcha^-'n hf*r Erwachsenen Wurzel zu fassen. Welche Möglich­leiten ergeben sich ferner durch Zusammenarbeit von Musikerziehern mit ihren Schülern, mit den Sing- :tnb Spielscharen der HI., vonKraft birrd) Freude", der NS-Frauenfchaft!

Es fehlt N'cht an musikalischer Hausmannskost. Mich eine Fülle von Musikschätzen erschließt uns i ttein das Klavier! Ob Sinfonie, ob Oper, ob Ora- lorium, es gibt nichts, was dieses vielseftiaste alter 'zausinftrumente uns nicht vermitteln könnte, und ner einmal die Meisterwerke der Tonkunst be'm fterhändiaen Sviel kennenlernte, der hat den Grund iriiter musikalischer Bildung aelegt. Dann aber nmft der köstliche Schatz der Kammermusik aus der Barockzeit, der Sonaten. Trios und Quartette her Nalsiker, der intimen Klovierschöpftmaen und Cie- ter der romantischen Meister und endlich das re'che I.'iausmusikqut der Gegenwart. Gerade in den letz- l?n Jahren ist z. T. unter Anknünfung an die Be­gebungen der einstiai'nIuaendbewoung". aber u« einem neuen, volksverbundenen Geiste heraus ton namhaften Komvonisten eine Fülle von Sing- nb Smelmusiten geschaffen worben, bie allen Wün- j-h"n rini'r musizierend'n G»m"inschaft entfnrechen.

Möglichkeiten. ein Instrument tu erlernen, gibt (5 heute »ahlreicheee denn je Deutschland hat mehr (unb bessere) Mustklebrer aufzumhlen als irgend dn and"ies Cond Unsere Sckmlen vermitteln illigen Nri"nhniterr'cht. und in betr neu gegrün­deten NS.-Musikernehunasstätten wird für Jugend ind Volk vortrefslicli gesorgt. Dabei ist man be- 1 r»bt, neben dem Klavier auch Geige. E>llo und ^föte als Heim'nstrumente w'-der tu Ehren xu e ringen Die N"iaung mm Selbstmusiüeren steckt tef in unserem Volke. Das hoben uns eben w'eder vifere Frontsoldaten gezeigt, die sich nicht mit dem rnbören von Wunschkonzerten" begnügen, sondern ft'thuf. auf Bittruf in die Heimat senden, man möchte ihnen Instrumente schicken_________________

Roman von Meta Brix

CARL DUNCKER VERLAGBERLIN

9. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Sonntagmorgen. Luise öffnete weit die breiten (Masfenfter in ihrer Mansardenwohnung in der Lubapester Straße. Dieses kleine Heim in luftiger Hohe hatte ihr Doktor Mainz vermittelt. Eine ihm b. fannte Bildhauerin war nach München verzogen inb hatte Luise ihre Wohnung überlassen. Sie fanb, bis Wohnen hier oben mit bem Blick auf das tief unten braufenbe Leben gab eine Abgeschlossenheit, b*e ihr nur lieb war.

Luise trat an bps breite Glasfenster. Drüben lag dr Zoo.

Sie faltete bie Haube um bas Fensterkreuz unb dickte hinaus über die Kronen der Bäume hin- Heg' und über die bunten Dächer..

Die Straße unten war sonntäglich still. Ab und zi nur glitt ein schneller Wagen vorbei. Am Ein- ging des Zoo kamen unb gingen Menschen. Es Haren bie Brunnengäste Leute, bie auch hier ir Berlin ihre Trinkkur burchsührten.

Luise fürchtete sich plötzlich vor bem Alleinsein.

Sie ging in bas Zimmer zurück und sank in ben

i fl-inen Sessel.

Plötzlich sehnte sie sich schmerzhaft in bas laute ö ben jener Zeit zurück, ba sie im Licht ber Schein- ntrfer gestanden sich hineingelebt hatte in bie Gestalten ihrer Rollen ein fröhliches ober auch eh leichtfertiges Lieb trällern mußte ober in leib- i) Ile Gefühle versinken

.Konm Brehm, bu lieber Kerl mit beiner Herr- : Illhen Grobheit bu leichtsinnige Obilö über- iritiqe Sylvia ach, ihr liebe, fröhliche Banbe

"Unb Moravitzky? Auch er gehörte boch wohl in ! biefen Kreis ?

5) ja, auch biefe Erinnerung- war ba Gerabe b«ite. Luise wußte, baß ber Schauspieler Franz )rn Moravitzky nicht mehr filmte. Wegen Disziplin- o igkeit hatte man ihn aus ber Fachichaft gewiesen. 8ppo Brehm hafte es Luise erzählt

Aber sie hatte boch alles Vergangene aus ihrem Lden gestrichen! Alles dis auf Iohann-Ehristian, ü)ren Jungen Hm ben wollte sie ben Kampf noch thmal aufnehmen.

Sie war nicht ohne Nachricht über ihn. Da war

in Magbeburg bie Kinberpflegerin, bie man bei ber Geburt bes Kinbes in das Haus genommen hatte. Ein liebes, freundliches Mädchen, das Luise sehr zugetan und ergeben war. Die Pflegerin war längst nicht mehr im Hause Rückstein, war in Magdeburg verheiratet. Sie stand mit Luise in Verbindung Sie hatte in Magdeburg ihre Beziehungen und gab an Frau Dornkat regelmäßig Berichte über Johann- Ehristian. Ein großer Junge war er nun schon unb war wohl boch nicht ganz ein Rückstem geworden.

Luise stand auf. Es war gut, an bas Kinb zu denken. Nun war auch wieder ber Mut zum Kampf ba. Die Arbeit, die helfen foUtc, ben Kampf zu gewinnen, war längst nicht mehr nur Mittel zum Zweck. Sie war ber frohe unb befebenbe Inhalt aller Tage geworben.

Luise straffte sich. Der Sonntagmorgen mürbe roieber Heller.

Ein schöner Tag zu schön, um ihn hier oben zu verleben Doktor Mainz hatte sie gestern ein- gehoben, mit ihm in seinem Wagen irgendwo hin­aus zu fahren. Es mar nicht das erste Mal, daß er sie darum bat. Sie hatte eine solche Einladung ein­mal angenommen. Der Mann' war niemals von bem freunblid) höflichen Ton ohgeroidien unb trotzbem nein, Luise wollte keine Wieberholung eines solchen Zusammenseins. Sie hatte babel ein unbehagliches Gefühl. Es war besser, man sah von jeder privaten ober persönlichen Beziehung ab.

Sie fuhr an biefem Sonntag von Waimsee mit bem Dampfer nach Potsbam ging zur Terrasse des Palast-Hotels hinüber unb nahm dort bas Mittag essen ein Mancher Blick folgte ber schönen Frau im geschmackvollen Sommerkleib, mit bem schim- mernben Haar unter bem weißen, breitranbigen Hut.

Sie zünbete sich nach bem Essen eine Zigarette an unb lehnte sich behaglich in ben bequemen Stuhl mrück. Ihre Gebauten gingen schon roieber zu ben Aufgaben des kommenden Tages. Du* Vorberei- hingen zur Ausstellung, bei ber bie Parfümerie Heitfelb mit einem eigenen großen Pavillon ver­treten fein mürbe, waren im Gange.

Ein mittelgroßer, schlanker Mann betrat bie son- nige Terrasse Die gutgewachsene Gestalt im ele­ganten Sommeranzug, ben hellen Hut in ber Hanb, stieg langsam bie breiten Stufen abwärts, bie zu ben Tischen unmittelbar am Wasser Hihrten.

Der Aufdruck in bem schöngeschnittenen Gesicht oeränberte sich plötzlich unb mürbe zur gespannten Aufmerksamkeit Franz von Morav.tzky hatte Luise erkannt Sie wanbte ihm ben Rücken zu unb batt- ben Hut abgenommen, ber leichte, warme Wind spielte mit bem tupferbraunen Haar.

In den graublauen Augen des Mannes erglomm verschleiert noch eine Leidenschaft ein wil­des Verlangen nach dieser Frau, die er so lange vergeblich gebucht hatte und nun hier so unerwartet traf.

Er zwang ein ruhig-verbindliches Lächeln i auf sein Gesicht und trat neben Luise:Servus, Muschi! Das ist wirklich ein Ueberraschung"

Luise fuhr bei dem Klang dieser Stimme zu­sammen. Sie fühlte, wie eine nebelhafte Benom­menheit ihr Deuten lähmte. Mechanisch murmelte sie ein Wort der Begrüßung.

Mit ber Selbsiverstänblichkeit eines guten Be­kannten nahm Moravitzky Luise gegenüber Platz. Er legte ben Hut, bie hellen Handschuhe auf ben Stuhl neben sich unb sagte:Enblich sehe ich bich roieber! Du schaust blenbenb aus! Es geht bir also gut, Muschi!"

Sein Blick glitt über ihr Gesicht, über ihre Ge­stalt im buntblumigen Kleib.

Luise hatte sofort nach ihrem Hut gegriffen. Sie setzte ihn auf und sagte hastig:Danke es geht mir gut. Ich hoffe, bir auch ... aber entschulbige... ich muß jetzt gleich weg ..."

Sie winkte dem Kellner, der aber rief entschulbi­ge ud herüber:Moment bitte, gnä* Frau .. ich oin gleich ba ...

Unb ich hoffe, bu wirst nicht eher fortgehen, bis wir miteinanber gesprochen haben!" sagte ber Mann.

Luise zwang sich zu einer ruhigen Antwort.Wir haben nichts miteinanber zu sprechen, Moravitzky! Ich will nur In Ruhe gelassen werben."

Er schüttelte ben Kopf, heiter unb verbindlich. Wer zu ben beiben hinschaute, konnte bie srieblichste Unterhaltung vermuten. Der Mann sagte:Wes­halb um alles in ber Welt tust bu mir so geheim­nisvoll, Mpschi? Daß bu Brehms Südsee-Film nicht mitmachst, weiß ich ohnedies. Wo filmst du denn jetzt r

Ich filme überhaupt nicht!"

Sieh an! Das ist allerdings interessant ... Du hast dich vielleicht inzwischen wieder verheiratet ...? Oder gar mit Herrn Rückstein ausgeföhnt ... wie?"

Nein Ich arbeite, ich habe umgesattelt, wie man bas wohl nennt. Ich arbeite in einem ganz qnberen Wirkungskreis. Einem Kreis, ber bich kaum inter­essieren bürste."

Was man nie wissen kann, meine Liebe ..."

Der Kellner war an ben Tisch getreten unb legte vor Moravitzky bie Karte hin. Luise wollte zahlen. Moravitzky schob bie Karte zurück ...Nein, banke, ich möchte jetzt nicht essen . "

Er legte seine Hand mit leichtem Druck auf

Luises Arm unb sagte:Wir gehen gleich ... was macht die Rechnung ber gnäbigen Frau ...?"

Es blieb Luise im Augenblick nichts übrig, als ihn gewähren zu lassen. Und als fio ihm nachher einen Geldschein aus ihrer Börse reichte, nahm er einfach ihr Handtäschchen unb legte bas Gelb zu­rück. Er lachte:Mach dich boch nicht lächerlich, Muschi ..."

Er blieb auch an ihrer Seite, als sie sich schnell erhob und dem Ausgang des Hotels zuschrftt, unb sagte neben ihr leise, aber nachdrücklich:Du barfft bich barauf verlassen, bah bu mich nicht sofort roie­ber los wirst!"

Und dann:Wohin befiehlst bu jetzt? Sanssouci.. ober mit bem Auto nach Berlin zurück ... dort kommt eine Taxe ..."

Luise bebte vor Zorn.

Sie war bereits über bie Brücke zur anderen Seite gegangen. Unten am Restaurant Havelhof lagen Die Dampfer. Sie sah zu Moravitzky auf, streng unb ernst, unb sagte:Ich möchte allein fahren. Ich sage bir bas klipp und klar."

Sie standen jetzt oben an ber breiten Treppe, bte zum Landungsplatz hinunterführte. Um sie war bas sonntägliche Treiben ber Potsdamer unb ber Aus­ter, bie ankamen ober abiahren wollten.

ie junge Frau sprach weiter. Schnell und leise:

Unsere Wege haben sich getrennt. Schon lange und für immer!"

Moravitzky hielt ben Kopf geneigt. Mit liebens- roürbigem Gesicht hörte er zu. Ja, er nickte sogar zu ihren Worten. Und wieder sah es aus, als wären die beiden Menschen im schönsten Einverständnis.

Wie du willst, Muschi. Ich bebaure cs. Unb ich bitte bich ... mach boch nicht ein so trotziges Gesicht, Liebe! ... Ich bitte bich, laß uns lieber bem Zu­fall bankbar sein, ber uns heute zusammensührte. Ich lasse bich auch nachher beines Weges gehen aber tu mir bie Liebe, laß uns noch eine Stundo plaubern. Wie cs bir geht und mir ..."

Ich sehe keine Notwendigkeit dazu", sagte Luise. Sie neigte leicht den Kopf.Laß es dir gut gehen." Unten tutete ein Dampfer. Schrill unb mahnend. Luise hatte die Rückfahrkarte nach Wannsee in ber Tasche. Sie lief eilig die breite Steintreppe hinunter. Der Jung-Matrose wollte eßen ben Laufsteg ein- ziehen. Er winkte unb lachte:Dalli, dalli, Fräu­lein chen! Wir sind immer pünktlich auf die Minute!"

Luise sah sich gar nicht mehr um. Sie ging über den Laufsteg und gleich weiter bis vorn zum Schiff. Da war noch eine ganze Bank frei. Um diese frühe Nachmiftagsstunbe mar der Betrieb zurück nach Wannsee noch nicht so stark.

lFortjetzung folgt.)