Ausgabe 
22.6.1939
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 143 Zweites Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Donnerstag, 22. Juni 1939

sind Blumen und Mädchenlachen und der rote, glühende Wein? Hier steht der Mensch, der Men­schenzwerg ganz in der Gewalt Hephästos'. Hier ist die Schmiede der Welt, die Wett am Anfang: Ur.

Wir sitzen am Rande des Kraters und sehen der Rauchfahne nach, die über die dunkle Bucht von Neapel zieht. Derselbe warme Wind, der sie treibt, streicht leise auch über uns hin. Rings um den Golf steigen Städte lichtschimmernd und ruhevoll in die Nacht empor.

Da holtest du, Giuseppe, die Mundharmonika aus der Rocktasche und spieltest ein kleines, inniges Lied, damit wir fühlten, daß wir von dieser Erde sind.

Lichtspielhaus:

Katja, die ungekrönte Kaiserin."

Eine Vorbemerkung zu diesem französischen Film, der hier nachsynchronisiert in deutscher Sprache erscheint, besagt, daß nicht eine historisch getreue Reportage beabsichtigt war: dem Drehbuch liegt vielmehr em Roman der Prinzessin Marthe B i b e s c o zu­grunde. Zwar entsprechen die Vorgänge, die hier gezeigt werden, im wesentlichen dem geschichtlich überlieferten Bilde: vorsichtiger könnte man viel­leicht sagen, daß sie diesem Bilde nicht geradezu widersprechen. Indessen tritt in der Gestalt des Zaren Alexander II. von Rußland (1818 bis 1881) die politische Persönlichkeit zugunsten des kaiserlichen Liebhabers sehr zurück: die romanhaft-romantischen Elemente des Films können geradezu darin erblickt werden, wie hier das eine durch das andere bedingt ist, wie nämlich die innerpolitisch sehr einschneiden­den Reformen Alexanders (Aufhebung der Leib­eigenschaft, konstitutionelle Bestrebungen) ausschließ­lich auf weiblichen Einfluß zurückgeführt werden: nicht seiner Gemahlin, der hessischen Prinzessin Maria Alexandrowna, sondern der Fürstin Dolgo- ruki, mit der er sich nach dem Tode der Zarin (1880) vermählte. Glück und Ende dieser Liebe machen den eigentlichen Inhalt des Films aus: die Geschichte beginnt mit einem heiteren Vorspiel, steigert sich zum romantischen Idyll und endet, zwei Tage vor der Krönung der Prinzessin Katja Dolgo- ruki und der Verkündung der Verfassung, mit dem nihilistischen Attentat im März 1881 und der Er­mordung Alexanders. Das alles ist, breit aus­gesponnen, keineswegs von Natur filmisch, aber auf eine menschlich liebenswürdige, manchmal heitere, manchmal rührende Weise dargestellt. Die Schau­spielerin Danielle D a r r i e u x kennen zu lernen, ist entschieden ein Gewinn. Sie entwickelt diese

kleine Katja vom unfertigen Backfisch und enfant terrible zu einer sehr anmutigen Geliebten, die mit großer Naivität, aber mit seinem weiblichen Instinkt einen auch politisch segensreichen Einfluß auf den Zaren ausübt, ihn freilich nur einmal vor einem Attentat zu bewahren vermag. Alexander wird von John Loder gegeben, sehr nobel und sichtlich gewandelt durch das Erlebnis seiner Liebe, nicht nur einschöner Mann", sondern auch, mit Katjas Worten, ein guter Mensch. Unter der mit bedeutenden Mitteln arbeitenden Regie von Mau­rice Tourneur entfaltet sich ein großes, freilich überwiegend repräsentativ wirkendes Ensemble. Immer seien Marie-Helene d ' A st e als Zarin, Georges Flateau (Napoleon III.) und 21 i mos (ein Pariser Arbeiter) genannt. (Metropa-Film; deutsche Fassung: Lüdtke und Dr. R o h n st e i n.)

*

Aus dem Beiprogramm: ein KulturfilmGe­schwindigkeit und Sicherheit" (Flugzeugbau) und ein großer Sonderbericht der Tobis von der Parade der Legion Condor vor dem Führer.

Hans Thyriot

Hochschulnachrichten.

Professor Dr. Heinrich Lüders, lange Jahre Vertreter der Indischen Philologie an der Universität Berlin, begeht seinen 70. Geburtstag. Lüders habilitierte sich in Göttingen, folgte 1903 einem Rufe als Extraordinarius nach Rostock, wo er zwei Jahre später zum Ordinarius befördert wurde. Seine größte wissenschaftliche Leistung ist die Bearbeitung und Herausgabe der in Ostturkestan aufgefundenen Sans­krithandschriften. Seit L. F.Kielhorns Tode, des ausgezeichneten Kenners der grammatischen Litera­tur der Inder, dessen Schüler er war, gibt Lüders, zusammen mit I. Wackernagel, denGrundriß der indo-arischen Philologie und Altertumskunde" heraus. Lüders ist Mitglied der Preußischen Aka­demie der Wissenschaften, korrespondierendes Mit« §lied der Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen, nhaber der Friedensklasse des Ordens Pour le- rite.

Geh. Rot Professor- Dr. B o r st, Ordinarius für Pathologische Anatomie an der Universität M ü n - dien, wurde von der Medizinischen Akademie in Neuyork zum korr. Mitglied gewählt. Geh. Rat Borst begann seine akademische Laufbahn 1897 in, Würzburg, wurde 1904 dort zum Extraordinarius ernannt und ging im gleichen Jahre als Ordinarius nach Köln. 1905 übernahm er den Lehrstuhl in Göt­tingen, 1907 siedelte er nach Würzburg über und kam 1910 nach München.

Gommergewitter zwischen 14uni>12 Uhr.

Suni und Zuli sind die Gewittermonate. Neue Forschungen über den Blitz. Keine Gefahr mehr für die Fliegerei.

andere van der Wolke nach oben. Die Letzteren, die sich nach oben entladen, haben keinen Donner im Gefolge. Der Donner ist wesentlich einfacher zu erklären: er ist nichts anderes als der Knall, der bei der Entladung hoher elektrischer Spannungen zustandekommt. Da der Donner die ganze Blitzbahn entlang rollt und der Schall sich mit nur 300 Meter

Nach den neuesten statistischen Feststellungen ist für alle deutschen Landschaften eine mittlere Ge­witterzahl von 2 5 bis 30 im Jahr errechnet worden. Die weitaus meisten Gewitter entladen sich in den Monaten Mai bis August, die größte Ge­witterhäufigkeit tritt in den Monaten Juni und Juli auf. In der Zeit vom Oktober bis März sind Gewitter so selten, daß jährlich nicht einmal eines auf den Monat fällt. In den Monaten De­zember und Januar enttädt sich nur alle 5 bis 10 Jahre ein Gewitter in Deutschland. Wir haben Professor Dr. Linke, den Leiter des meteoro­logischen Instituts der Universität Frankfurt, den bekannten Gewitterforscher, der vor 30 Jähren den deutschen Gewittermeldedienst begründete, nach sei­nen neuesten Forschungen befragt.

Wie entsteht ein Gommergewitter?

Die Wissenschaft unterscheidet zweierlei Arten von Gewittern: das Front- oder Wintergewitter und das Wärme- oder Sommergewitter. Wenn kalte Luftmassen in wärmere eindringen, wenn also das Gleichgewicht der Luftmassen gestört ist, entstehen Front- oder Wintergewitter, die meist nachts auf­treten und nicht auf einen Ort beschränkt bleiben, sondern über weite Strecken wandern. Sommer­gewitter entstehen dadurch, daß die Luft auf der Erde zu stark erhitzt wird, infolgedessen nach oben steigt, in kältere Luftschichten gelangt und hier das Gleichgewicht stört. Dadurch kommt es dann zu Wolken- und Gewitterbildungen. Diese sommerlichen Gewitter treten fast stets in der Mittagszeit zwischen 14 und 17 Uhr auf, wenn die Luft über der Erde die stärkste Erhitzung erreicht hat. Erforderlich für das Zustandekommen eines solchen Gewitters ist eine Temperaturabnahme von einem Grad auf hundert Meter. Die Luft in tausend Meter Höhe muß also um 10 Grad- kälter sein als die Luft auf der Erde. Diese Sommergewitter dehnen sich nach oben in eine Höhe bis zu 10 000 Meter aus. Es ist also einem Flieger unmöglich, diese Ge­witter zu überfliegen. Da die Sommer­gewitter aber nicht ziehen, sondern selten einen Radius von zehn Kilometer überschreiten und am Ort selbst auch wieder absterben, kann der Flieger sie leicht umfliegen. Will der Flieger aber das Gewitter durchfliegen, so gilt für ihn die mittlere Höhe von 2000 bis 3000 Meter, weil unter dieser Höhe meist starke Böen anzutreffen sind. Im Ge­gensatz zu den Sommergewittern sind die Winter­gewitter wesentlich flacher und können überflogen werden. Allerdings sind die Wintergewitter nicht auf einen Ort beschränkt, sondern wandern mit einer Stundengeschwindigkeit von 30 bis 40 Kilo­meter, so daß der Flieger mühelos dem Gewitter wegfliegen kann.

Gewittermeldedienst seit 4909.

Als 1909 auf der Internationalen Luftfahrtaus­stellung in Frankfurt (Jla) Professor Dr. Linke zum erstennmal den Gewittermeldedienst praktisch vorführte und ihn damit begründete, ahnte niemand, welche Bedeutung diese Einrichtung bei der ungeheuer schnellen Entwicklung der Fliegerei einmal haben würde. Heute wird je-des Gewitter von den Gefehrenmeldestellen (Postanstalten, Förste­reien usw.) der zuständigen Wetterwarte sofort ge­meldet, die es dann auf einer besonderen Karte ein­trägt und aus den ersten wenigen Meldungen be­reits ersehen kann, welchen Umfang das Gewitter hat und in welcher Richtung es sich bewegt. Diese Ergebnisse der Gewittermeldungen werden an alle Flieger weitergegeben, so daß heute jeder Flie­ger von jedem Gewitter Kenntnis erhält und die Möglichkeit hat, ihm auszuweichen oder es zu über­

fliegen. Damit hat das Gewitter für die Fliegerei jede Gefahr verloren.

Blitze nicht im Zickzack und oftmals ohne Donner.

Wohl weiß die Wissenschaft heute, wie der Blitz entsteht, aber wie die elektrische Spannung zustande- kommt, ist bis heute noch ungeklärt. Viele Theorien gibt es, die den Versuch gemacht haben, diese Vor­gänge zu erklären. Viele wurden zurückgezogen, kor­rigiert oder verworfen. Alle sind falsch. Bei dem Zustandekommen der elektrischen Spannung handelt es sich um Vorgänge, die eintreten, wenn aus dem Wasserdampf ein Tropfen wird, also bei der Kon­densation. Es kann nur so sein, daß bei der Kon­densation Elektrizität frei wird, die vorher schon in dem Tropfen war. So wird also ein Wolke mit Elektrizität geladen. Es ist nun durchaus nicht so, daß alle Blitze von der Wolke in die Erde gehen. Die meisten Blitze entladen sich von Wolke zu Wolke, andere von der Wolke zur Erde und wieder

pro Sekunde fortbewegt, also wesentlich langsamer als das Licht des Blitzes, vergeht nach dem Blitz stets eine kleine Spanne Zeit, bis der Donner hör­bar wird. Weit verbreitet ist auch der Irrtum, daß Blitze Zickzack-Form haben. Die elektrische Span­nung, die sich von Wolke zu Wolke, zur Erde oder nach oben entlädt, bohrt sich stets einen geraden Kanal, den Blitzkanal, durch die Luft. Nur wenn der Blitz eine außergewöhnliche Länge hat es wurden Blitze bis zu zehn Kilometer Länge errech­netnimmt der Blitzkanal die Form eines Bogens an. Die eigentliche Entladung dauert nicht länger als Vsoo bis Vooo Sekunde. Wenn wir einen Blitz sehen, werden wir meist den Eindruck haben, daß der Blitz wesentlich länger dauert. Diese durchaus richtige Beobachtung ist so zu erklären, daß in dem gleichen Blitzkanal mehrere, oft viele Blitze hinter­einander zur Entladung kommen. So gesehen, ver­liert der Blitz seinen Schrecken und das Gewitter wird zu einem notwendigen "Naturvorganq, der in der sommerlichen Ueberhitze für Ausgleich sorgt und uns nach dem Aufruhr der Elemente Ruhe und Abkühlung bringt. Mr.

SOS-Rufe im Eismeer.

Forscherschicksaie im ewigen Eis. Opfer der Polarnacht. Was wurde aus der Echröder-Gtranz-Expedition?

Weit oben hinter dem Polarkreis, in einer welt- verlassenen Bucht Spitzbergens, sitzt ein pflicht­getreuer Funker Tag für Tag in feiner kleinen Bretterbude und schreibt die Schreckensmeldungen nieder, die ihm der Hörer in die Ohren singt. Da funkte ein Robbenfänger SOS. Aber es kann ihm niemand helfen, denn er treibt irgendwo im Packeis herum. Ein Eisbrecher ist an der sibirischen Küste gesunken: die Mannschaft fordert ein Flugzeug an. Ganz leise wimmern ein paar Morsezeichen aus Grönland. Da fitzen zwei Fangleute an ihrem Kurz­wellensender und flehen um Proviant.

So geht es immerfort, nur Schlimmes weiß der Draht zu melden. Wie unbarmherzig doch die Arktis ist!

Ein rätselhafter Fall.

Vor gar nicht langer Zeit ankerte wieder ein norwegisches Fangschiff vor der kleinen Funk­station. Der Kapitän begab sich in das Bretter- Haus, um eine neue Meldung zu geben. Oeftlich von Spitzbergen hatte er eine ebenso unheimliche, wie geheimnisvolle Entdeckung gemacht. In einer Bucht des sagenhaften Nord-Oft-Landes der Wahlen- berg-Bai wurden zwei Pelzjäger tot in ihrer verbrannten Hütte aufgefunden. Es handelt sich um zwei bekannte Norweger, die vor einem Jahr nach dem Nord-Ost-Land gebracht wurden, um dort den Winter über Fuchs fang zu betreiben.

Jeder Unfall scheint so gut wie ausgeschlossen. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß sich im Dunkel der Polarnacht ein ebenso furchtbares wie geheimnisvolles Drama abgespielt hat. Wahrschein­lich sind selbst diese rauhen Nordmänner Opfer ihrer nervenzermürbenden, einsamen Umgebung geworden. Die lange Finsternis und Abgeschlossenheit, der Mangel an Gesellschaft zehrten an ihren seelischen Kräften. Es ist leicht verständlich, daß die Männer einander überdrüssig wurden. Aus der ehemaligen Freundschaft entwickelte sich im Laufe der trostlosen Winternacht bittere Feindschaft. Im jäh aufflam­menden Rausch der Polarkrankheit fand die Tragödie ihren blutigen Abschluß.

Aber da tauchen neue Rätsel auf. Fast die gesamte Fangausbeute ist verschwunden. Demnach müßten

fremde Leute an diesen Ort gekommen fein; aber das ist fast unmöglich, denn im Winter kann kein Schiff sich der Küste nähern. Das aufgefundene Tagebuch enthält keine ungewöhnlichen Mitteilun­gen. Es wurde bis zum 27. Januar d. I. geführt. Kurz danach muß sich also die rätselhafte Tragödie ereignet Haden, die wohl niemals geklärt werden wird. Die Besatzung des Fangschiffes tat das einzig Mögliche: Sie schaufelte den beiden Pelzjägern ein Grab... Jetzt mahnen nur zwei schlichte Holzkreuze an den geheimnisvollen Vorfall hier oben im ewigen Eis.

Das Drama von Quade Huk.

Noch schrecklicher verlief ein Unglücksfall auf West- Spitzbergen. Ein Deutscher Dr. Stoll war damals Leiter der geophysikalischen Station von Quade Huk. Im Winter 1921/22 wurde hier in der Nähe ein Fangmann vermißt. Dr. Stoll rüstete sofort eine Rettungsexpedition aus. Zwei Leute der Station, erfahrene norwegische Polarfahrer, waren bereit, die Suche aufzunehmen. In einem offenen Ruderboot verließen sie Quade Huk und wurden von Stund an nicht mehr gesehen.

Erst ein Jahr später fand man ihre Leichen. Nor­wegische Marineflieger entdeckten zufällig auf Nord­west-Spitzbergen die Ueberrefte der verschollenen Hilfsexpedition. Neben den Toten lag das Tagebuch.

Aus' den Aufzeichnungen geht hervor, daß die Fangleute in ihrem Boot vom Packeis fortgetrieben wurden. Erst weit im Norden formten sie wieder Land erreichen, ohne jedoch zu wissen, wo sie waren. Der Polarwinter mit allen seinen Schrecken füllt über die hilflosen Menschen her. Um etwas Schutz vor den furchtbaren Schneestürmen zu haben, kriechen die Norweger in eine Höhle. Und während sie drin­nen hungern und frieren, fährt an der Küste ein Schiff vorbei.

In der Ausgucktonne steht Dr. Stoll und späht voller Sorge nach den Vermißten. Jeder Winkel wird abgesucht, jedoch ohne Erfolg. Schon hat das Schiff gewendet, da treten die Fangleute aus der Höhle heraus. Sie schreien und winken, schießen ihre ganze Munition in die Luft... Umsonst! Niemand bemerkt sie es ist zu spät!

Der Robbenfänger biegt in eine Bucht und ist verschwunden. Dumpfe Verzweiflung überkommt da die Menschen. Sie wissen, daß es keine Rettung mehr für sie gibt. Ihr Proviant ist aufgezehrt, ditz Kälte hat ihnen die Glieder zerstört. Müde kriechett sie auf ihr Lager, und während Dr. Stoll noch immer die Küste absucht, ereilt sie der Tod.

Als man darauf die beiden Leichen fand und Dr. Stoll das Tagebuch bekam, brach er zusammen. Ob­gleich ihm niemand einen Vorwurf machen konnte, glaubte er doch die Schuld zu tragen. Das düstere Polarland hatte seinen Lebensmut geschwächt. Es wurde ihm zur letzten Ruhestätte.

Spurlos verschwunden.

Zu den unbekanntesten und rätselhaftesten Gebieten der Arktis gehörte von jeher das wilde, eisgepanzerte Nord-Oft-Land. Pelzjäger, Forscher und Eismeer­fahrer sind hier spurlos verschwunden oder auf feit« |ame Weise ums Leben gekommen.

Völlig ungeklärt ist noch heute das Schicksal der deutschen S ch r ö d e r - S t r a n z - E x pe d i « tion, die im Jahre 1912 zu einer Schlittenreiss über das Inlandeis aufbrach. Leutnant Schröder- Stranz hatte sich die Aufgabe gestellt, das Innere des fast unbekannten Nord-Ost-Landes zu erforschen, und ließ sich mit drei deutschen Begleitern dicht an der Küste auf dem Packeis absetzen. Man hat nie wieder von den tapferen Männern gehört. Von dem Augenblick an, wo sie das Schiff verließen, blieben sie verschollen. Erst im Sommer 1937 nach 25 Jah­ren! konnte ein verlassenes Lager der Expedition gefunden werden. Doch über das Schicksal der deut­schen Forscher ist auch heute nichts Genaues bekannt. Wahrscheinlich wird es nie gelingen, in das Geheim­nis dieser düsteren (EisinjeIn einzudringen. Die ein­samen Kreuze und verfallenen Hütten an der Küste gemahnen an die vielen nutzlosen Bemühungen und Forschertragödien, die sich still und unbemerkt in den Eiswüsten der Arktis abgespielt haben.

Rudolf Jacobs.

Fußbodenheizung:

Oie Heizung der Zukunst.

Die Deutsche Akademie für Baufor­schung hielt soeben in Bad Salzschlirf eine Arbeitstagung ab. Die bautechnischen Aufgaben, die der Führer gestellt hat, sind so gewaltig, daß sich dies auch auf den Baustoffoerbrauch auswirken muß und dazu zwingt, nicht nur haushälterisch mit den Vorräten umzugehen, sondern auch völlig neue Wege zu gehen. Hier sieht die Akademie, wie b^ren Präsident Professor Steg.emann erklärte, ihre große Aufgabe. Von besonderem Interesse war des­halb ein Vortrag von Regierungsbaumeister a. D. Brause über die neuzeitliche Fußbodenhei- z u n g. In Anlehnung an Beheizungssysteme der römischen Kaiserzeit wurde unter völliger Abkehr von komplizierten Raumluftheizsystemen eine Um- laufheitzung geschaffen, deren Wärmeträger die Luft ist. Die Wärmeabgabe erfolgt durch die Fußboden-- släche, während als Wärmequelle ein Eisernes Heiz­register dient. Der Transport der Wärme geschieht durch Kanäle, die einzeln den Zimmern zugeführt werden und in die Hohlräume der Decken münden. Der Wert der Konstruktion liegt darin, daß Eisen und Holz vollständig gespart werden können, letzteres vor allem dadurch, daß man unter Berücksichtigung der Fußbodenerwärmung statt der Dielen Massiv­fußboden verwenden kann. Die Heizung selbst hat noch den Vorzug, daß auch eine erhebliche Erspar­nis im Koksoerbrauch eintritt. Weitere Vorträge befaßten sich mit den Verwendungsmöglichkeiten von Leichtbaumetallen im Hochbau und von Kunststof­fen im Bauwesen. So werden neue Fußbodenbeläge, Holzfaserplatten und Hartpapierplatten, in der In­stallation Porzellan und andere Stoffe größere Be­deutung erhalten. Weitere Holzersparnisse im Hoch­bau wären durch die stärkere Verwendung des Stahlfensters möglich.

Notturno im Vesuv-Kraier.

Don Werner Schumann.

An einem milden Abend brachen wir nach Pug- fiano auf. Wir waren froh, dem Staub und Lärm Neapels entronnen zu sein. Für den Neapolttaner ist es nichts Ungewöhnliches, zum Vesuv hinauf­zufahren. Er hat ihn ja jeden Tag, jede Stunde vor Augen, er kennt seine Wandlungen: die steil aufsteigende und sich langsam über Meer und Insel ausbreitende Rauchfahne, die freundlich qualmende Behäbigkeit in ruhigen Zeiten, den rosa glühenden Kamm der Nacht. Und endlich die donnerlosen Ge­witter hier oben.

Für uns aber war alles neu und erregend schon von Pugliano an, wo wir die Zahnradbahn bestiegen. Die Fahrt fuhrt durch die paradiesisch fruchtbare Campagna felix. Glückliches Gesild! Welch eine Gelassenheit liegt in jenem Wort, das der Vesuv- dewohner für seinen Berghang fand, der Tod und Tränen sah wie kaum ein anderer Landstrich der Erde. Vierzehnmal verbrannte und erstickte Torre bei Greco, das heiter strahlende: vierzehnmal rich­tete es sich wieder auf aus der Asche der Zerstörung. Aber nun, da kein löblicher Strom zur Tiefe quillt, blüht alles herrlich wie je.

Blühender Ginster versperrt uns den Weg, Kak­teen und Feigenbäume säumen ihn. Aus den heißen Rebhängen tauchen die schwarzen Köpfe junger Burschen auf; und aus den Olivenhainen treten wiegenden Ganges dunkeläugige Mädchen, schwer beladen mit der violetten Frucht. Hier schwellen die edlen Trauben des rasch berauschenden Lacrimae Christi, hier wachsen die saftigsten Artischocken, die man in jedem italienischen Reiseftuhstucksbeutel findet. So fruchtbar ist uralter Aschenboden.

Durch einen Bergspalt leuchtet plötzlich tias Meer mit zierlichen Segeln darauf. Und wie ein Amphi­theater erhebt sich in der Tiefe Neapel. Kleine, würfelartige Häuser in Weiß, Tavernen vielleicht oder Alberghi, werden schier erdrückt unter der Last blühender Magnolien. Der Duft ist stark. Langsam versinkt die Sonne im Meer und flammt durch die dunklen Häupter der Pinien.

Als der Schaffner kleine, versiegelte Glasröhrchen mit der AufschriftVesuvasche und Lapilli vom großen Ausbruch 1906" von Hand zu Hand wan­dern läßt, wird die Landschaft von erschreckend toten Intervallen unterbrochen: erstarrte, grau=b'Ieierne Lava, zu Hügeln getürmt oder sich wie Wüsten des Mondes weit ausbreitend, erinnert uns daran, daß wir dem Vesuv langsam näherrücken, Unwidersteh­

lich hat hier der Tod aus feurigen Zungen den Bergrücken überwuchert, Aus verlassenen Schluch­ten grinst er uns entgegen. Keine noch so dürftige Pflanze erhebt sich mehr aus den Lava-Panzern. Eine atemlose Stille ist in der Luft. Dort steht das Observatorium, seht, niemals hat es der glühende Schlamm auch nur gestreift. Wenn die Sphären widerdonnerten von der Gewalt der Eruption, die Erde sich hemmungslos erbrach und am Saume des Berges Dörfer und Menschen verkohlten, saß hier noch ein Gelehrter über dem Seismogramm.

Noch einmal müssen wir umsteigen, in die Draht­seilbahn. Und während tiefunten auf der blauen Fläche des Wassers winzige Segelschiffe sich schneckenlangsam bewegen und wir von oben schon dumpfes Grollen zu hören meinen, trillert hier ein einbeiniger Riese auf zwei Fingern fein einziges Lied: Santa Lucia...

Es find die letzten beklemmenden Minuten. Nie­mand spricht mehr. Wie wir der Bahn entklettern, trennen uns noch sieben Minuten schmalen, an­steigenden Pfades vom Kraterrand. Das unter­irdische Rumoren ist nun ganz nah, anschwellende und abklingende Wirbel der Erderschütterung. Der Himmel hat die tiefe, angedunkelte Bläue vor der Nacht.Der Vesuv!" sagt eine ehrfürchtige, ge­dämpfte Stimme neben mir, nichts weiter. Was gäbe es auch hier zu schwatzen? Dann erbietet sich ein Führer, ein guida, mich sicher angefeilt hinabzuführen in den Kraterschlund.

Mit jedem Schritt, den es abwärts geht in den 200 Meter jäh abstürzenden Krater, wahrhaft höllentalwärts, wächst die Schwüle, wird zur Hitze, zum flimmernden Luftbad; wachsen die don­nernden rhythmischen Entladungen aus der Tiefe des Eruptionskegels im Kraterschlund, die Gestein im Innern lossplittern, das durch den ungeheuren Druck zersprengt in feinen Körnchen auf uns nieder­regnet. Mit dem entschwindenden Tageslicht wird auch das Feuer des unablässig brodelnden Rauchs sichtbar, einer Feuersbrunst ähnlich, die den Nacht­himmel mit flammenden Schwaden füllt.

In wahrer Backofenhitze springen wir vorsichtig von Lavaplatte zu Lavaplatte, dih wie große Schild­krötenpanzer den Kraterboden bedecken. Wir gleiten über Schwefelballen, die noch unter dünner Schale glühen und aus vielen Spalten dampfen. In der Nähe des Auswurfshügels quillt ein breiter Lava- ftrom aus den harten Schollen und versickert in unzähligen Spalten und Riffen. Der Donner ist ohrenbetäubend. Schwefeldampf kitzelt die Nafe. Und wenn wir uns gegenseitig ins Gesicht schauen, zieht der Höllenschein flackernd drüber hin.

Wo ist der Himmel, der blaue, fternüberfäte Himmel des Südens? Wo find die Menschen? Wo