eine segensreiche Einrichtung aus eigener Initiative vorausgegangen. Kreishandwerksmeister Stühler hatte sich schon im Jahre 1933 die Einrichtung einer Schulungsstätte für das Handwerk in Gießen zum Ziel gesetzt, die er mit dankenswerter Unterstützung durch die Handwerkskammer, die Kreishandwerkerschaft, die Handwerker-Innungen, die Stadt Gießen und die Handels- und Gewerbebank in Gießen im Herbst vorigen Jahres mit der Schaffung des Schulungsheims des Handwerks in Gießen ins Leben rufen konnte. In diesem Schulungsheim laufen seitdem zahlreiche Kurse aller Art. die den Handwerksmeistern und denen, die ihre Meisterprüfung ablegen wollen, gute Ausbildungsmöglichkeiten bieten. Die Schulungskurse in diesem Schulungsheim sollen in absehbarer Zeit noch durch die Schaffung von Lehrwerkstätten ergänzt werden. Eine Lehrwerkstatt dieser Art' ist jetzt schon vorhanden, nämlich für das Friseurhandwerk, eine weitere für das Schneider- Handwerk ist im Entstehen begriffen, für die übrigen handwerklichen Berufe werden zur gegebenen Zeit die notwendigen Entscheidungen über die Errichtung von Lehrwerkstätten getroffen werden.
Der Besuch im Schulungsheim des Handwerks zu Gießen war bisher außerordentlich gut. Insgesamt wurden bis jetzt 20 Buchführungskurse und 15 F a ch k u r f e aller A r t durchgefuhrt. Weiterhin fanden Film- und Lichtbildervorführungen fast aller Handwerkszweige für Meister, Gesellen und Lehrlinge statt, um durch diese Vorführungen das Wissen des einzelnen zu ergänzen. Irn Verlaufe des letzten Minters waren die Schulungskurse so stark besucht, daß an manchen Tagen vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein etwa 250 Personen zum Unterricht zugegen waren. Die Kurse finden jetzt an jedem Dienstag- und Freitagabend statt. Sie sind nicht nur für die Meisterprüflinge bestimmt, sondern es werden daneben auch Kurse für Lehrlinge zur Vorbereitung auf die Gesellenprüfung durchgeführt, da heute auch bei den Gesellenprüfungen auf Grund der reichseinheitlichen Richtlinien verstärkte Anforderungen an die Prüflinge gestellt werden müssen. In den Buchführunqskursen sind bisher rund 400 Handwerker für- die Meisterprüfung vorbereitet worden. Die fachliche Schulung, neben der Schulung für die Meisterprüfung, kam bisher etwa 600 jungen Handwerkern in diesem Schulungsheim zugute. Diese hohen Zahlen werden dadurch erklärlich, daß das Hinterland dieses Schulungsheimes bis weit in den Vogelsberg und in die Kreise Wetzlar, Marburg, Biedenkopf und Dillkreis hineinreicht, von wo ständig reger Besuch der Kurse erfolgt. Dies ist ein Beweis dafür, daß das Schulungsheim mit feinen Maßnahmen einem dringenden Bedürfnis entspricht.
Besonders bemerkenswert für die Kreishandwer- kerfchaft Gießen ist auch die Tatsache, daß ihr Schulungsheim in Gießen dasersteindiesergroß- zügigen3lrtinnerhalbderKreishand- werkerfchaften in ganz Hessen ist. Es weist neben der Lehrwerkstatt für die Friseure noch einen großen Unterrichtssaal mit neuzeitlichen Einrichtungen des Schulungsbetriebes, auch hinsichtlich der technischen Einrichtungen zur Vorführung von Filmen auf, ferner besitzt es zwei kleinere Unterrichtssäle und andere Nebenräume, die sich für die Einrichtung weiterer Lehrwerkstätten eignen. Das Heim umfaßt einen ganzen 5>ausblock auf dem Grundstück der Handels- und Gewerbebank, und kennzeichnet sich schon dadurch als eine Leistung für die Gemeinschaft des Handwerkertums, die alle Anerkennung verdient.
Die Schulungsarbeit im Winter 1939/40 wird das Schulungsheim wieder mit bedeutsamen Ausgaben auf dem Plan finden. Neue Schulungsarbeite^n und Ausbildunqsmaßnahmen sind bereits in Vorbereitung und werden in Kürze von der Kreishandwerkerschaft über die Innungen an die einzelnen Handwerksmeister herangebracht werden. B.
Horttofhen.
Tageskalender für Samstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Verliebtes Abenteuer".
Tageskalender für Sonntag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Verliebtes Abenteuer". — Heimatvereinigung Schiffenberg: 14.30 Uhr im Saale des Schiffenbergs Hauptversammlung; 16 Uhr auf dem Schiffenberg Heimatfest verbunden mit Jubiläumskonzert. Obst- und Gartenbauverein: 15.30 Uhr im Saalbau, Liebigstraße 20, Lichtbilder-
Das Rathaus zu Schotten.
+ Schotten, 15. Juli. Bald 400 Jahre sind es her, da faßte der Rat der Stadt Schotten den Beschluß, ein Rathaus zu erbauen. Offenbar haben das Rathaus zu Alsfeld, verschiedene ähnliche Bauten in näherer und weiterer Umgebung als Vorbild gedient. Vielleicht hat man auch den gleichen Baumeister zu Rate gezogen, denn die Aehnlichkeit in der Bauweise ist auffallend. Aus mächtigen Eichenstämmen unserer heimischen Wälder wurden die breiten Balken und Pfosten gezimmert und mit künstlerischem Verständnis zusammengefügt. Das Haus sollte ein Sinnbild äußerer Kraft, echten
• la T'Il
(Aufnahme: Neuner. Gießener Anzeiger)
Bürgersinns und heimischer Handwerkskunst fein. Dieser Zweckbestimmung hat das Rathaus nunmehr bald 400 Jahre gedient. Stürme find darüber hinweggebraust, sie haben es nicht aus seinen Fugen rütteln können. Kräftig und dauerhaft für Jahrhunderte baute man damals, aber auch mit Gefühl für künstlerische Wirkung.
Aber eine spätere Generation verstand das edle Werk ihrer Vorfahren nicht mehr. Um das Jahr 1800 entstellte man durch bauliche Veränderungen und kleinliche Anbauten das Gebäude und verhüllte endlich durch Verputz und Tünche die alte Schönheit. Hundert Jahre lag das Haus unter der Schminke im Schlummer, da fing der Verputz an abzubröckeln und nun trat das alte, wertvolle Balkenwerk wieder in feiner Schönheit hervor. Ein
altes Bild auf dem Rathaus gibt davon Zeugnis.
Nach dem früheren Zustand nahm eine große Halle, deren Decke von einem sehr kräftigen Pfosten mit Unterzug (heute noch zu sehen) das ganze untere Erdgeschoß ein. Der Eingang zu dieser Verkaufshalle befand sich auf der nordwestlichen Gie- belseite. Ein lose eingehängter Treppenturm vermittelte den Verkehr zu dem Obergeschoß. Hier befand sich der Ratssaal mit einem Dorraum. Die südliche Giebelwand grenzte an das angebaute kleine Wachthäuschen und dieses an die vorbeifließende Stadtbach.
Unter Mitwirkung des hessischen Staates, des Denkmalpflegers Professor Bronner (Mainz) ging die Stadt um 1900 an eine grundlegende Renovierung. Die Pläne entwarf Regierungsbaumeister Jost. Eine den neuzeitlichen Bedürfnissen entsprechende Erweiterung wurde vorgenommen.
„als man tausend neunhundert zählt und zwei dazu, ist in solcher gestalt nach alter weise des rotes Hous erneuert und vergrößert von gründe aus."
Diese Worte in altgotischer Schrift sind in einen Eichenbalken im Saal eingeschnitten worden. Die Erweiterung des Hauses wurde durch Ueberwöl- bung der vorbeifließenden Stadtbach vorgenommen und der Ostgiebel hierdurch um 6 Meter vorgeschoben. Sehr glücklich war auch der Gedanke, durch Vorziehen eines kleinen Erkers die lange Straßenfront künstlerisch wirksam zu unterbrechen und damit an die alte Tradition anzuschließen, nach der die alten Rathäuser jeweils mit Erker und Türmchen verziert waren.
Im unteren Erdgeschoß ist ein großer hallenartiger Raum, den die Stadtverwaltung neuerdings zu einem Ratskeller, einem repräsentativen Versammlungsraum Herrichten ließ. Auch der HI., dem BDM. und anderen Organisationen steht der Raum zur Verfügung. Beim altbekannten Sommermarkt wird hier ein edler Tropfen ausgeschenkt. Nach hinten zu liegt ein Wachtraum und einige andere Räumlichkeiten. Im oberen Stockwerk, zu dem eine schöne, massive Wendeltreppe führt, liegt der Ratssaal, der im dunklen Holzton gehalten ist. Kunstvolle Bilder zeugen von vergangenen Tagen und Männern. Besonders anheimelnd und gemütlich ist das Zimmer des Bürgermeisters mit geschmackvoller Kassettendecke und warmer Holzvertäfelung, Ein sehr wertvoller geschnitzter Eichenschrank fällt besonders in die Augen. Ringsum stehen Altertümer, Stadtlaterne, Vogelbauern u. dgl. Dinge, die an die alte Zeit erinnern. Die Umbaukosten seinerzeit 1902 beliefen sich auf 22 000 Mark.
In diesen Tagen hat das Rathaus wieder ein neues festliches Kleid erhalten, die Fachwerke wurden frisch geweißt, die Balken glänzen in kräftiger, dunkler Oelsarbe, das Dachgesims blinkt in weiß, die grauen Kandeln heben sich bunt ab, kurzum, mit dem neuen Anstrich, den das Haus bekommen hat, kommt so recht wieder die alte Schönheit zutage.
üortrag. — Oberhessische Versicherung-Anstalt: 15 Uhr im Gasthaus „Zum Burghof", ordentliche Mitglieder-Versammlung.
HI , Bann und Zungbann 116.
Befr.: Einsahbefehl für die Erntehilfe der Hiller-Jugend.
Die Standortbeauftragten der HI. mache ich hiermit nochmals auf den Gebietsbefehl B. 14/39 aufmerksam. Während des Wochenendes in den Monaten Juli, August und September sind die Angehörigen klar zum Ernteeinsatz zu halten. Die näheren Anweisungen kommen 24 Stunden vorher vom Arbeitsamt. Ein entsprechendes Rundschreiben folgt in den nächsten Tagen.
Verbot des Verkehrs mit Gefangenen und Schuhhästlingen.
Lpd. Der Reichsstatthalter in Hessen — Landesregierung — hat für das Land Hessen folgende Polizeiverordnung erlassen:
Wer unbefugt mit (Befangenen oder Schutzhäftlingen in Verkehr tritt oder sich mit ihnen durch
Worte, Zeichen oder auf andere Weise zu verständigen versucht, wird mit Geldstrafe bis zu 150 Reichsmark bestraft, an deren Stelle im Unvermögensfalle Haft bis zu 14 Tagen tritt. Die von den Landräten und staatlichen Polizeiverwaltungen erlassenen Polizeiverordnungen über das Verbot des Verkehrs mit Gefangenen und Schutzhäftlingen werden gleichzeitig aufgehoben.
Gießen-Klein-Linden.
In dem neuen Schwimmbad wird gegenwärtig ein Kursus zur Erreichung des Grundscheines der Deutschen Lebensrettungs-Gesellschaft durchgeführt. Lehrer Ernst Jung von hier hat es übernommen, die jungen Leute, mehr als 20 an der Zahl, in die Hebungen einzuführen. Die Prüfung wird in Gegenwart von Herrn Sauer (Gießen) abgehalten. Es wird im hiesigen Schwimmbad auch weiterhin Gelegenheit geboten sein, den Grundschein zu erreichen.
Um denjenigen Leuten, die tagsüber keine Zeit haben, die Segnungen des Schwimmbades zuteil werden zu lassen, wurde aus von privater Seite zur Verfügung gestellten Geldmitteln eine schöne Be
leuchtungsanlage im Schwimmbad errichtet, so daß jetzt auch abends Gelegenheit zum Baden geboten ist. Ferner wurde eine Radioanlage mit Lautsprecher an der Durchgangspforte aus denselben Mitteln eingebaut.’
Dein Kt>F ?Wagen kommt
Am kommenden Montag wird in Gießen der KdF.-Wagen, der Volkswagen, gezeigt, der allen, die sich dafür interessieren, zu einer eingehenden Besichtigung zur Verfügung stehen wirä Der Wagen wird an der Ecke Dammstraße-Walltor. straße auffahren und in der Zeit von 10 bis 12 Uhr zur Besichtigung bereitstehen.
Schwere Schlägerei.
Wichtiger Zeuge gesucht.
Die Kriminalpolizei teilt mit: In der Nacht zum 9. Juli gegen 0.30 Uhr fand auf dem Marktplatz vor dem Hause der Engel-Apotheke eine Schlägerei statt, bei der der 28jährige Schuhmacher Christian Dietz am Kopfe schwer verletzt wurde. Dietz, der seine'Wohnung noch aufsuchen konnte, mußte am 11. Juli in bewußtlosem Zustande in die Klinik eingeliefert werden. Ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben, ist er dort heute morgen ge- fto r b e n. ■
Die Kriminalpolizei, die erst am 14. Juli, also gestern, von der Schlägerei Kenntnis erhielt, konnte noch im Laufe des gestrigen Tages den Täter, den 20jährigen Friedrich Haßler von Gießen, ermitteln und f e ft n e h m e n. Ein Zeuge, der den Vorgang aus nächster Nähe mit angesehen und den Täter auch aufgefordert hat. von seinem Opfer ab- zulasfen, und der über diese Wahrnehmung mit anderen bereits vernommenen Personen gesprochen hat, wird dringend ersucht, sich umgehend bei der Kriminalpolizei zu melden.
Gießener Dochenmarktpreise.
* Gießen, 15. Juli. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Markenbutter, Vi kg 1,60 Mark, Matte 25 bis 50 Pf., Käse, das Stuck 4 bis 10, deutsche Eier, vollfrisch, Klasse S 13, A 12)4, B 12, C 11%, D 1014, holländische 10, Wirsing, J4 kg 14 bis 15, Weißkraut 10 bis .14, Rotkraut 20 bis 23, gelbe Rüben 18 bis 20, das Bündel 10, rote Rüben, 10 bis 15, Römischkohl 10 bis 15, Bohnen, grün 50 bis 55, gelb 40 bis 45, Erbsen 15 bis 25, Tomaten, italienische 22, deutsche 60, Zwiebeln 1'4 bis 15, das
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Bündel 10 bis 15, Rhabarber, % kg 10 bis 16, Pilze 50, Kartoffeln, neue, % kg 9 bis 11 Pf., 5 kg 92 Pf., 50 kg 8 bis 8,50 Mark, Pfirsiche 35 bis 50 Pf., Himbeeren 40 bis 50, Kirschen 25 bis 45, Heidelbeeren 44 bis 50, Stachelbeeren 15 bis 35, Johannisbeeren 20 bis 25, Erdbeeren 40 bis 52, Aprikosen 45 bis 50 Pf., junge Hähne 1,20 Mark, Suppenhühner 90 Pf., Tauben, das Stück 55 bis 65, Blumenkohl 10 bis 60,*Salat 5 bis 10, Salatgurken 20 bis 45, Einmachgurken 3 bis 8, Oberkohlrabi 5 bis 10, Rettich 5 bis 10, Radieschen, das Bündel 8 bis 10 Pf.
*
** Gießener Tänzerin nach Müncken engagiert. Einer jungen Tänzerin aus Gießen, Gisela Kern, wurde dieser Tage die Freude ziU"il, an das Gärtnerplatz-Theater in München engagier/ zu werden. Dieses Engagement bedeutet für die be= gabte junge Tänzerin einen schönen Erfolg. ihrem Lebensweg ist zu berichten, daß sie in Gießen Volksschule und Lyzeum besuchte, frühzeitig schon in der Kindertanzgruppe unseres Stadttheaters mit» wirkte, mit Wh Jahren in die Tranzgruppe unse- res Theaters ausgenommen wurde und durch die Ballettmeisterinnen Schultheiß und Zenner eine gründliche Ausbildung erfuhr. Im Dezember 1936 bestand sie in Frankfurt ihre Eignungsprüfung und erbrachte im März 1938 im Opernhaus zu Frankfurt ihren Leistungsnachweis für Tanz. Mährend einer Spielzeit war sie an das Stadttheater Fürth als Solotänzerin engagiert, und nun folgt sie einem Ruf nach München, um als Tänzerin in der Staatsoperette am Gärtnerplatz-Theater mitzuwirken. Nebenher hat sie sich zur Filmarbeit verpflichtet. •
Liebe zweifelt.
Von Hedwig Forstrevier.
Erika kam atemlos die Treppe herab, knöpfte noch im Gehen den Mantel zu und lief an dem Nachtwächter vorbei. Er fuhr verschlafen von seinem Stuhl auf und sah mit etwas verglasten Augen der Frau nach, die eben die Hoteltür hinter sich zu- schnappen ließ. Wie merkwürdig war das! Sonst ging die junge Frau abends niemals allein fort. Er schaute auf die Uhr und beschloß, sich die Zeit zu merken. In der nächsten Minute war er wieder eingeschlafen.
In angstvoller Hast war Erika den abschüssigen Laubengang des Hotels heruntergelaufen, jetzt überquerte sie die Allee und eilte über die Oosbrücke. Wind hatte eingesetzt; warm und föhnia kam er vom Gebirge heran und trieb strichweise Regen vor sich her. Er peitschte der Frau Haarsträhnen ins Gesicht und blendete ihr die Augen mit schnellen Tropfen. So geschah es, daß sie an einer Kreuzung ohne viel nach rechts und links zu sichern, über die Straße hastete und einem Auto gerade vor den Kühler lief. Es stoppte scharf vor ihr mit quietschenden Bremsen, eine bekannte Stimme rief sie an.
,|Wohin so eilig in diesem Wetter?" — der Schlag öffnete sich, der „Fremdling vom Walde", seit kurzem öfter Teegast in ihrem Hotel, steckte den schmalen Kopf heraus. Seine lachende Miene wurde ernst, als er ihr Gesicht sah: „Was ist? Wie geht es Ihrem Mann?"
„Für ihn will ich zur Apotheke. Seine Halsentzündung hat sich verschlimmert. Er fiebert stark."
.^Schnell, steigen Sie ein. Ich fahre Sie."
feie lief um den Wagen herum, er öffnete den Schlag für sie und sagte etwas das einer Begrüßung gleichkam und zugleich Bedauern ausdrückte, dann wendete er und fuhr in die Stadt zurück, aus der er eben gekommen war.
Ihre Unterhaltung floß spärlich, Erika erinnerte sich später, daß sie niemals längere Gespräche gehabt hatte mit diesem neuen Freunde, den Rolf und sie scherzend den Fremdling nannten, weil er sie als wildfremder Mann eines Tages höchst liebenswürdig begrüßt hatte, als sie an seinem Gartentor vorüberkam. Wie ihre Bekanntschaft mit dieser wortlosen ehrfurchtsvollen Begrüßung begann io hatte sich ihr Verhältnis zueinander weiter entwickelt. Sie saßen nebeneinander auf der Hotelterrasse und lasen Zeitung, tauschten die BläUer
aus, ohne viel zu reden und.doch froh in der Gegenwart des anderen, sie spielten Tischtennis oder Ringwerfen auf dem Rasen, immer gute Freunde, aber unbewußt auf jene Distanz bedacht, die das Zusammensein so entspannend und wohltuend macht.
Auch jetzt empfand es Erika angenehm, nicht viel erklären und sprechen zu müssen, denn da war immer Rolfs vom Fieber gerötetes und aufgedunsenes Gesicht vor ihr, dies geliebte Gesicht, das sich so vielfach verändern konnte im Ausdruck und das jetzt fast erstarrt schien in der Maske von Unrast. Gerade mitten in der besten Arbeit mußte ihn das Fieber überfallen, da^ ihn hemmte und nie so störend war als augenblicklich, wo jede Schaffensstunde nötig war für seine Pläne. Der große Auftrag für das Landhaus am See lag Rolf so sehr am Herzen, und enthob sie aller Sorge für mindestens ein Jahr.
Das Auto glitt leicht und federnd über den Asphalt, nahm geschmeidig die Kurve. Eben jetzt bremste der Fremdling scharf, wil unvermutet ein Wagen vor ihm aus einer Seitenstraße schoß. Erika wurde etwas nach vorn geschleudert, sie sah das Schild einer Apotheke und bat, zu halten.
Doch die Avotheke hatte keinen Nachtdienst, sie mußten weit^rfahren und an vielen Türen vergeblich fragen, bis sie hinter dem Bahnhof einen Avotheker fanden. der ihnen . nach kurzer Wartezeit das Medikament bereitete. Als Erika wieder in den Wagen stieg, froh, das leichte Päckchen in der Hand zu fühlen, das Hilfe versprach, schaltete der Fremdling einen Augenblick die Lampe ein, sah auf die Uhr, bann beugte er sich zu Erika hinüber und blickte ihr in das nervös-gespannte Gesicht, bas unter ben schmalen Augen Schatten zeigte.
„Recht abgemattet sehen Sie aus, — immer diese Sorge mit Ihrem Mann. Ich weiß, wie gern Sie alles für ihn tun, aber manchmal kränkt es mich, daß Sie Ihr Leben so hinbringen."
Er hatte Gas gegeben, der Wagen fuhr an, sie waren am Bahnhof vorüber und bogen in die Stadt ein. Erika sah neben sich bas strenge Profil bes Mannes unb eine Falte am gepreßten Mundwinkel, die sie noch nicht kannte. Hier zitterte Erregung, nur so war der Bruch der Zurückhaltung zu erklären, die sonst so sorglich von dem Fremdling eingehalten wurde. Erika bezwang sich, um ruhig zu antworten. In ihrer Stimme klangen Abwehr und Stolz mit.
„Das braucht niemanden zu kränken, am allerwenigsten Sie, wie ich mein Leben hinbringe. Man kann sehr glücklich sein, sehr ausgefüllt und froh, auch wenn man Opfer bringt. Und dann, was sieht
ein Außenstehender schon? Es gibt ein geistiges Zueinanderstirnrnen, ein starkes inneres Glück, das alle kleinen Zugeständnisse aufwiegt."
Der Fremdling seufzte ergeben, das war es ja, gerade dies mit dem geistigen Zueinanberstimmen hatte er erwartet. Wohl, er verstand sie und begriff auch die Macht des Mannes über die Frau. Einen feinen durchgearbeiteten Kopf hatte dieser Architekt, die Klarheit seines Wesens und seine oft übersprudelnde Laune mußten eine empfängliche Frau fesseln. Doch dabei war er übernervös, empfindlich wie ein weibliches Mesen. Und Erika? Er spürte ihr starkes gesundes Leben neben sich, sie war ganz gespannt von Energie und Kraft, das war ihm damals gleich wie ein elektrischer Strom durch die Glieder gefahren, als er sie an seinem Garten vorübergehen sah. Sein spontaner Gruß war eine Huldigung an diese Lebenskraft gewesen.
„Das ist schon recht", sagte er mit gepreßter Stimme, „ich war tapsig, wollte Sie nicht kränken. Ich bewundere Sie ja."
„Ach —"
Dies kleine gedehnte Ach fuhr ihm ans Herz, er mußte sich zusammennehmen, um den Wagen richtig durch den Hohlweg am Hotelgarten hinauf zu steuern, er biß die Zähne aufeinander in Sehnsuckt und Zorn und streifte nur einmal leise werbend, halb bittend, die Hand der Frau, ehe der Wagen hielt. Da war der Hoteleingana erleuchtet, und neben dem NacÄtportier stand Rolf, einen Mantel über ben Schlafanzug ■aeroorfen, sehr groß unb etwas gebückt und sah ihnen aus fieberglänzenden Augen zornig entgegen.
Erika lief mit einem Ausruf bes Schreckens die Stufen empor.
„Wie konntest du hier herauskommen? Die Nachtluft schadet dir."
Er sah sie hochmütig an unb streifte den Fremdling mit einem ebenso kalten Blick.
„Wenn du so lange fortbleibst. Ich hielt es vor Unruhe nicht mehr aus. Aber ich sehe, der Herr vom Walde hat dir Gesellschaft geleistet."
„Er nahm mich im Wagen mit, damit ich schneller zurück sein konnte, sonst wäre ich noch nicht hier."
„Damit bu schneller zurück sein konntest? Fast eine Stunde bist du fort gewesen" stellte er vorwurfsvoll fest.
Fassungslos sah sie ihn an, sehr erschreckt und blaß, sie wollte heftig antworten und biß doch nur auf die Unterlippe in schmerzlichem G^i-änktsein. Wellen wechselnder Empfindungen zogen über ihr Gesicht. Meinte Rolf das wirtlich? Konnte er ihr
mißtrauen? Mit aller Kraft stemmte sie sich gegen diesen Gedanken. Dann wurde ihre Miene hell unb zuversichtlich im Triumph ihres gläubigen Gefühls. Während sie sich zum Gehen wandte, winkte sie dem Fremdling ein Lebewohl zu mit einem Lächeln, das den Freund in noch tiefere Verwirrung stürzte als es die Vorwürfe ihres Mannes getan hatten. Er glaubt das alles gar nicht! sagte dies Lächeln. Ich kenne ihn-besser, nur das Fieber macht ihn ungerecht!
Sie ging mit dem schweigenden Kranken die Treppe hinauf, und die beiden Männer, die in ratloser Bestürzung dem Paar nachblickten, sahen, wie Rolf, der wohl nicht an die Zurückbleibenden dachte, mit einer schnellen. Bewegung den Arm um ihre Schulter legte. Sehr zart und sacht schien diese Gebärde; sie hatte etwas Zärtliches und Besitzergreifendes zugleich unb drückte alles aus, was zwischen den beiden Menschen lebte unb was sie sonst wie etwas sehr Kostbares vor den Augen der Menschen verbargen.
Grdkröte und verzauberte Prinzessin.
In unseren Märchen erscheint häufig die Kröte als verzauberte Prinzessin. Wie diese merkwürdige Beziehung zwischen den Prinzessinnen und den häß- lichen Tieren entstanden ist, dafür gibt W. Herms in der Zeitschrift „21 u s der Natur" eine einleuchtend klingende Erklärung. Er beruft sich habet auf eine eigene Beobachtung. Er hatte aus feinem Bienenstände gearbeitet und dabei eine gewöhnliche graugrüne Erdkröte gefunden. Diese nahm er in seinem Rucksack mit, weil er sie in seinem Garten in Erdbeerbeeten aus setz en wollte. Plötzlich erklang ganz in feiner Nähe ein Schrei wie von einem verängstigten jungen Mädchen, während doch niemand zu erblicken war. Der Schrei wiederholte sich jedoch, und nun erkannte er, daß er von der Kröte her» rührte, die in seinem Rucksack ganz ängstlich schrie. Der Klang dieses Schreies war einem menschlichen Angstschrei so ähnlich, daß Herms die alte Verbindung zwischen Kröten unb verzauberten Prinzessinnen auf eine solche Wahrnehmung zurückführt.
Hochschulnacknchten
Professor Dr. phil. Bruno Liebich, der von 1922 bis zu seiner Emeritierung Ordinarius der Indologie an der Universität Breslau war, ist im 78. Lebensjahr gestorben.


