Wurst» und Speckproviant für sommerliche Wanderungen nicht das richtige ist. Die neuzeitliche Ernährungsweise läßt sich dank der kleinen, praktischen Alumimumdosen mit Schraubdeckeln auch unterwegs durchführen. Wer aber nicht ganz auf Fleisch verzichten mag, brate ein paniertes Schnitzel oder ein Hackbeefsteak. In Dosen kann man sehr gut geschnittene Gurken, Radieschen, Kartoffelsalat u. ä. mitnehmen. Als Brot wähle man ein saftiges, frisch- Vlerbendes, buntles; die Butter führe man besser in besonderer Büchse mit, die man dann jeweils vor Gebrauch in einem kleinen Wasserlauf kühlen kann. Süßigkeiten, also Kohlehydrate, dürfen nicht vergessen werden. Schotoleüre ist ein ausgezeick- netes Nahrungsmittel, das immer vertragen wird. Obst sollte in keinem Rucksack fehlen, es enthält, ab- gesehen vom Zucker, wichtige Salze, die der Körper im angestrenAen Zustand dringend braucht. Auch wirkt es der durch die Wasserentziehung oft hervor- gerufenen Darmträgheit entgegen. Wer nicht eine Thermosflasche schleppen mag, versäume nicht, einige Zitronen und ein paar Würfel Zucker mitzuney- men, mit denen er sich eine Erfrischung bereiten kann.
Noch ein Wort über das Aeußere: man packe alles in sauberes Butterbrotpapier, möglichst jede Doppelscheibe einzeln, und schrewe den Inhalt auf — so nimmt man immer nur gerade das Gewünschte. Ein paar Papierservietten, ein zusammenlegbares Besteck, ein Trinkbecher sind keine Beschwernis und helfen uns auch im Freien zu einer appetitlichen Mahlzeit. In der äußeren Ruckfack- kasche finden sich Seife in Blätterform und ein kleines Handtuch zum Händesäubern.
Wanderfahrten.
Latzenfurt — Greifenstein — Dianaburg — Leun — Station Braunfels.
Mit Sonntagskarte, die auch zur Rückfahrt von Braunfels berechtigt, fahren wir nach Katzenfurt. Wir überschreiten das Bahngleis und folgen schwarzen Punkten, die uns abwechselnd durch Feld und Bald nach der hochragenden Ruine ©reifen ft ein bringen. Interessant ist die Besichtigung der gewaltigen Durganlage, wie auch der Burgkirche mit schonen Stuckarbeiten. Auf dem Platz vor der Kirche genießt man einen prächtigen Fernblick. Im Ort ist gute Einkehr. Nunmehr fuhren uns blaue Striche auf schönen Waldwegen an der Heilstätte (Elgers- hause» vorüber nach der hochliegenden gastlichen Försterei Dianaburg. Hier verfehlen wir nicht, uns an dem entzückenden Ausblick vom Iagdturm zu erfreuen. Zum Abstieg wählen wir rote Striche, die UNS über den Heisterberger Hof ins Lahntal und durch Leun nach der Station Braunfels leiten, von wo wir nach insgesamt vierstündiger Wanderung heimfahren.
Die; — Schaumburg — Laurenburg — Obernhof — Kloster Arnstein — Jtaflau.
Mit dem Frühzug fahren wir lahnabwärts nach dem malerisch griegenen Diez. Don hier folgen wir roten Strichen hinauf zu dem herrlichen Schlosse Sch a u m b u r g, bas auf einem die Lahn überragen» den Basaltkegel thront. Wir dürfen nicht versäumen, den Turm zu besteigen, von dessen Plattform man eine großartige Rund sicht hat. Wir folgen jetzt dem L hes Lahnhöhenwegs über den Talyof und das Dörfchen Steinsberg, genießen unterwegs prächtige Ausblicke, überschreiten das tiefeingeschntt- tene Rupbachtal und gelangen nach Laurenburg mit seiner, den Ort überragenden Burgruine, der Stammburg des Nassauer Geschlechts. Nach einer Ruhepause benutzen wir die Bahn bis O b e r n h o f, steigen von hier zum Kloster A r n ft e t n empor, dessen Anlagen unb Kirche wir besichtigen können, laben uns an bem prächtigen Blick in das Lahntal und folgen nunmehr blauen Kreuzen, die uns an der Lahn entlang über Berg-Nassau nach unserem Endziel, der freundlichen Badestadt Nassau bringen. Dauer der Wanderung 5 Stunden.
Reisewmke.
Bad Soden am SüdtammS.
Den zahlreichen Besuchern des Heilbades fallen die in diesem Jahre vorgenommenen Erneuerungen und Verbesserungen angenehm auf. Abgesehen von bem neuerbohrten Sprudel und der Neugestaltung des umgebenden Parkteiles erhielten das Badehaus,
das Rathaus und andere öffentliche Gebäude ein neues Außenaewand. Es wurden Sttaßenverbesse- rungen und Verschönerungen vorgenommen, so besonders an den Tennisplätzen, beim Kurhaus und in der Hauptstraße vor dem Quellenpark. Auch der neue Parkplatz an der Königsteiner Straße bewährt sich sehr gut. Das Schwimmbad zeigt sich in völlig neuer Aufmachung.
Neuer Gipfelwanderweg im Mittelschwarzwald.
Wo im Mittelschwarzwald der gewaltige Norb- bogen der Etz das Massiv des Rohrhards- b e r g e s umfließt, erstellt der Schwarzwaldoerein durch seinen Zweig Etzach einen neuen Wanderweg, der als Westweg auf den genannten Gipfel einen Höhenunterschied von rund 900 Meter überwindet. Der Rohrhardsberg ist die höchste Erhebung des Nordteils des Mittelschwarzwaldes, er steht mit 1152 Meter dem Brendgipfel im Süden gleich. Auf drei Seiten ist er von tiefgerissenen
Stelltälern umgeben, die 500 bis 700 Meter Höhenunterschied ausmachen. Infolge der entfernter liegenden Bahnen und großen Straßen ist das Massiv ziemlich unberührt geblieben und zähtt zu den größten Waldbereichen, in denen vor allem, eine Ausnahme im Schwarzwald, die Buche in prachtvollen Beständen vorkommt. Die bisherigen Zugänge aus dem Tal sind alle steil und von Westen her auf Umwegen geleitet. Der neue Westzugang von Etzach geht über Nach und von dort direkt auf einen nördlichen Dorgipfel des Rohrharbsberges, auf den Baschk, wo schon 1078 Meter Höhe erreicht sind. Der weitere Verlauf des Gipfelweges ist flach mit unmerklicher Steigung. Der neue Westaufstieg ist wie der ganze Berg außerorbentlich reich an Fernblicken. Südlich leitet eine leichte Kamm- manberung von anderthalb Stunden durch Hochwald auf den Haupthöhenweg West bei der Mar- tinskapelle (1094 Meter) über, von wo bann in dreiviertel Stunde der Südgipfel des ganzen Gebietes, der Brend, leicht erreicht wird.
150 Lahre blauweißrot.
Bon unserem Dr. W.-Korrespondenien.
Paris, 14. Juli.
„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" sind die Worte, die in diesen Tagen in vielen Festreden aus Anlaß des 150jährigen Bestehens der französischen Republik am häufigsten wiedertehrten. Sie fanden sich ebenso in der Rundfunkbotfchaft des 14. Präsidenten der französischen Republik, Albert Lebrun, an bas französische Volt, wie in der Ansprache des letzten Dorfbürgermeisters an seine Gemeinde. Die alternde Marianne hat noch einmal das reiche Arsenal der chr zur Verfügung stehenden Schönheitsmittel angewandt, um eine Jugend vorzutäuschen, die sie nicht mehr besitzt. Aber im Grunde genommen sah jeder, der an dieser 150. Geburtstagsfeier teilgenommen hat, daß ihre Reize stark verblichen durch keine künstlichen Propagandamittel mchr völlig aufzufrischen sind.
Was ist aus den ßo jungen „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" geworden, die vor 150 Jahren als menschheitsbefremderÄe Thesen in der großen französischen Revolution verkündet wurden? Je mehr die französische Republik alterte, um so mehr wurde der Begriff Freiheit zur Rechtfertigung der liberalisttschen Willkür des einzelnen. Die Gleichheit besteht heute zwar vor dem Gesetz, aber auch nur da. In Wirklichkeit hat der Hochkapitalismus der III. Republik mit feinen starken sozialen Unterschieden von einer tatsächlichen Gleichheit wenig übergelaffen. 21n Brüderlichkeit denken aber weder die klasfenkämpferisch eingestellten marxistischen Arbeiter der Pariser Vororte, noch die internattonal oder jüdisch versippten Bankiers und Großindustriellen.
lieber alles das hat sich das französische Volk in diesen Festtagen nicht genau Rechenschaft gegeben. Zwar brachten die royalistischen Kreise vereinzell Plakate an, in denen bargestellt wurde, daß alles das, was heute noch die Größe Frankreichs aus» mache, nicht ein Verdienst der III. Republik, sondern des vorhergegangenen Königtums sei, aber die breiten Massen wurden von diesen Rufen, die aus dem Kreise der Anhänger der „Action Franxaise" erschollen, nicht erreicht. Der Franzose besitzt ein leicht erregbares Temperament unb begeistert sich gern. Mit Vergnügen hat er sich dem festlichen Treiben hingegeben, das in dieser Woche ganz Frankreich und besonders die französische Hauptstadt erfüllte.
Seit Wochen hatte die framösische Regierung mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung standen — Rundfunk, Presse, Film —, eine lebhafte Agitation getrieben, um den diesjährigen 14. Juli innerhalb des französischen Volkes fttmmungsmäßig vorzubereiten. Er fallt« den Franzosen selbst ein Beweis für die innere Niederer st arkung des Volkes fein und darüber hinaus der Wett die neugewonnene militärische Stärke Frankreichs vor Augen führen. Die Feier, die sich am Nach- mittag des 14. Juli auf bem weiten Gelände des Marsfeldes abspielle, galt in erster Linie der De- monftration der Einigkett und Einhett aller Franzosen. Auf die Ansprachen des Ministerpräsidenten
D a I a b i e r und des Staatspräsidenten Albert Lebrun, die die Rundfunkwellen um den ganzen Erdball trugen, antwortete ein Metallarbeiter aus bem Elsaß, ein Angestellter aus einem Lyoner Seidenwerk und ein Weinbauer aus Mittelfrankreich. Ebenso gab der Kapitän des großen französischen Passagierdarnpfers „Normandie" von Bord seines Schiffes auf die Botschaft Lebruns eine Antwort ab. Auf den Appell des Präsidenten antwortete gleichfalls ein (Eingeborener aus Tunis, einer aus Franzöfifch-Westasrika und einer aus Indochina mit „hier".
Das eigentliche Schwergewicht lag aber am 150. Jahrestage der französischen Revolutton nicht auf der Kundgebung, die am Freitagnachmittag auf dem Marsfelde stattfand, sondern auf der großen Militär p arad e am Vormittag. Schon in den frühesten Morgenstunden hatten die ersten Zuschauer ihre <5tanbquartiere rings an der Pariser Pracht- straße, den Champs-Clysses, aufgeschlagen, soweit die zahlreichen Tribünen ihnen hierzu noch die Möglichkeit ließen. Besonders interessierten selbst- verständlich die französische Oesfentlichkeit d i e englischen Truppen, die zum ersten Male an dieser Parade in ihren in Frankreich gänzlich ungewohnten Paradeuniformen tettnahmen. Kaum war bas tiefe Dröhnen der Motoren der englischen und stanzösischen Flugzeuge verklungen, die die Champs^Elysöes überflogen, als Sportabteilungen verschißener Militärschulen, wie in jedem Jahr, die Parade eröffneten. Auf die Musik der Repu- blikanischen Garde folgten die Schüler der verschiedenen Kriegsakademien, die in ihren historischen Uniformen aus der Zeit des zweiten Kaiserreiches wie in allen Jahren zuvor mit Beifall begrüßt wurden. Dann marschierten britische Truppen her- an. Die Marine an der Spitze und hinterher Abteilungen der Grenadiere, der irischen, schottischen und der Walliser Garde. Und dann kam die fron- zösische Infanterie, Regiment auf Regi- ment.
Wie groß der Anteil der farbigen Truppen in der französischen Armee ist, wurde hierbei deutlich sichtbar. Die marokkanischen Scharfschützen wechselten ab mit Dunisiern in ihren gestickten Jäckchen, den algerischen Tirailleuren in ihren Pluderhosen folgten wiederum die ebenhotzschwarzen Senegalneger. Den Söldnern der Fremdenlegion, die zum erstenmal mitmarschierten, schritten Maschinen- gewchrabteilungen kleiner, zierlicher Jndochinesen unb wendiger (Eingeborenen aus Madagaskar Daraus. Dann und wann unterbrach das ernste Schwarz der Soldaten von der Maginot-Linie ober das Dunkelblau der Alpenjäger die farbigen unb heiteren Uniformen der Eingeborenen-Truppen. Bei- fall fanden auch die stanzösischen Marine • soldaten in ihren kleidsamen, weißen Gamaschen. Die zahlreichen englischen General» st ä b l e r, die zusammen mit dem englischen Kriegsminister Hore-Belisha unb dem Generalstabschef der englischen Armee, Lorb Gort, auf der Präsidententribüne Platz genommen hatten, inter»
Nationale Kunst.
„Die Kunst verlangt ein Vaterland,* Theodor Körner.
Ein altes Schlagwort lautete: ,Iie Kunst ist international! Das — sachlich unbegründete — Wort entstammt der Zeit des unentwegten Libera. lismus, der im Kosmopolitismus ein höchstes Menschheitsglück sah unb die nationalen Besonderheiten der Völker als Fesseln empfand. Längst haben wir die volkliche Individualität als unseren besten Daseinsboden erkannt, längst wissen wir, bas gesunde Lebenskraft — also auch alle Kunst- blüte — bodenverwurzelt ist. Wir wandeln also jene Phrase von der Jnternationalität der Kunst in dieses Axiom um: „Alle Kunst entsprießt voll- licher Eigenart: gesunder Menschensinn aber ver- mag auch, sich volkssremder, wenn artgemäßer Schönheit zu erfreuen. Drum ist die nationale Kunst eine ttagfahige Brücke des gegenseitigen Verständnisses artgesunder Völker."
Meister Simon Dach schreibt anno 1652 m seiner Dichtung „Besser Kunst als Gut":
„Muß gleich die Kunst nach Brod jetzt gehen, wie man von ihr verächtlich schwätzt, so wil ich dennoch bey jhr stehen, weil sie mich inniglich ergetzt."
Magister Simon Dach war ein nicht mit Reichtum, aber mit Herzensgröße gesegneter Mann, der in den verwüsteiwen Jahren des 30jährigen Krieges es gelernt hatte, vergängliche und ewige Werte gegeneinander abzuwägen. Er steht mtt seinem schlichten Urteil über die Bewertung der Kunst neben anderen Denkern und Dichtern Deutschlands. Jean Paul sagt in seinem ansprechenden Haus- backenen Idealismus, der sich auf reale Erkenntnis gründet: „Die Kunst ist zwar nicht das Brot, aber der Wein des Lebens!" Dieser Ausspruch bezeugt auch die Wichtigkeit der Kunst für die National- wirtschaft. Ist nämlich der Wein des Winzers Brot, so ist die Kunst das Brot des Künstlers und zugleich volkswichtiges Werterzeugnis für das Ge« meinwohl! Schon König Ludwig I. von Bayern, der der heutigen Kunsthauptstabt Deutschlands wett- wirkend fein Gepräge gab, sagte sehr schlicht, sehr landesherrlich und volksliebend: „Als Luxus bars die Kunst nicht betrachtet werden! Sie gehe über ins Leben — nur bann ist sie, was sie sein soll!*
Robert Schumann, unser großer Tonkünst- ter, sagte: .Licht senden in die Tiefen des menschlichen Herzens ist des Künstlers Beruf!" Unb Goethe — ein warmer Förderer der bildenden Künste! — bekannte: „Selbst in Augenblicken des höchsten Glückes und der höchsten Not bedürfen wir des Künstlers!" Der tiefschürfende deutsche Schrifttumsforscher G e r d i n u s erkennt den sittlich-seelischen Wert der Kunst freudig an: „Die Kunst hat es eigen, daß sie den Menschen stille, ruhig und friedlich macht!^ Welche wahre Humanität sttahlt also nach solchem wohlbegründeten Werturteil die Kunst für den Menschen aus, der doch letzten Endes immer, ja täglich wieder Ruhe und Herzensfrieden braucht, um schaffensfroh unb lebenskräftig zu fein!
Es ist ein undeutsches Wort, das besagt: „L’art pour l’art!", d. h. „Die Kunst ist nur für die Kunst da! Solch „Geist" ist mit deutschem Geisttum unvereinbar! „Ehrt eure deutschen Meister!" Unb der Begriff der „Meisterschaft" hat seit dem deutschen
effierten sich besonders für den Schluß der Parade, bei dem die motorisierten Einheiten der französischen Armee, vom leichtesten Motorrad bis zum Riesentank, anrollten.
Diele Zuschauer, die beretts im Morgengrauen ihre Plätze an den Ehamps-Elysses bezogen hatten, um sich auf jeden Fall eine Aussicht zu sichern, waren ftoh, als die Parade endlich in den Mittagsstunden zu Ende gegangen war. Aber nach wenigen Stunden der Erholung war die Pariser Bevölkerung wieder auf den Beinen. Unter Gesang und Tanz auf den meisten öffentlichen Plätzen ging dann dieser Tag, wie schon so mancher 14. Juli vorher, zu Ende. Den sorglos Tanzenden war hierbei das Feuerwerk vom Eiffelturm sichtlich wichtiger als der Geburtstag der Republik und die englisch- französische Freundschaft. Sie gaben sich einfach dem Vergnügen hin, das man bann ergreift, wenn man es findet.
Wer bist du?
Don Karl Heinrich Waggerl.
Diese Wett ist wie ein Meer, denkt der Mann, wie ein ungeheures, in sich ruhendes Wasser. Gottes Atem führt darüber hin unb roirft Wellen aus der Fläche. Wellen von unendlicher Dielgestatt, sie türmen sich schäumend auf, umschlingen sich kämpfend und stehen eine Weile mit tausend Farben unb Formen im Licht. (Einige sind klein und armselig unb sterben schon im Werden. Andere schwingen sich hoch auf, ihre Krone mirft sich göttlich gegen den Himmel, aber auch sie finken zurück unb vergehen, bis Gott sie von neuem aus bet Tiefe reifet
Unb ein anderes Mal meint der Mann, die Wett sei ein Haus, ein ungeheurer Palast mit vielen Türen, unb hinter jeder Tür hält Gott eines seiner Geheimnisse verborgen. Da läuft nun der Mensch durch dieses Haus, er hält einen Schlüssel in der Hand unb sucht nach der Tür, für die sein Schlüssel paßt. Anfangs ist dieser Mensch noch leichtsinnig unb fröhlich, fein Leben dehnt sich grenzenlos vor ihm, darum liegt ihm gar nichts daran, wenn er jetzt em paar von Gottes Türen hinter sich läßt Er sieht ja immer wieder eine Tür vor sich, von der er alles erroartet, und auf diese Weise ^erät der Mensch allmählich in die Irre, gerät in Verzweiflung, und die Not beginnt
(Er ist vielleicht längst an der richtigen Tür vorbeigelaufen, die war nur klein unb ganz unscheinbar, nur eine Luke in der Mauer, kein mächtiges Tor mit Säulen unb goldenen Angeln. Unb nun ist alles verloren, er muß wandern unb suchen, sein Schritt wird müde, sein Haar wird grau. Er schreit auch nicht mehr und tobt nicht gegen die Wand, unb am (Enbe gelangt er wirklich an bie letzte Tür. Da sitzt ein (Engel auf ben Stufen, ein Riese in brennenden Tüchern. Auch der hält einen Schlüssel in der Hand, unb das ist der Schlüssel, der alle Türen öffnet
«Wer bist du?" fragt der Mensch und greift an fein Herz.
„Ich bin der Tod?" antwortet der Riese ...
Es läßt sich nicht gut sagen, wie merkwürdig es tft fo vieles gleichzeitig geschieht Daß in
biefem Augenblick hunderttausend Schreie zum Himmel auffteigen, Schreie der Lust, der Klage, Schreie des letzten und des ersten Atemzuges. In dieser Mimtte kniet ein Hirt in der Wüste aus seinem Teppich unb verneigt sich neunmal vor Gott. Anderswo steht jemand vor einer Tür und denkt an Mord, es ist ein Mensch mit einem blonden Bart unb mit
einer grünen Halsbinde, genau so. Städte liegen jetzt strahlend in der Sonne, aber im Norden, mitten im (Eis, kämpfen ein Mensch unb ein Rudel Hunde um das Leben, dort ist Kätte unb erbarmungslose Nacht. Unb das alles geschieht wirklich und wahrhaftig jetzt, bedenkt das einen Augenblick, und dabei ist doch jeder Mensch allein, feine Not und seine Freude ist das Einzige, das Wichtigste in der Welt Ja, diese Wett ist unermeßlich grob _<r aber halten unsere Grenzen für die chren. Wir sind so wahr in uns selbst wie ein Saum, wie ein Kornhalm, allein nun wollen wir die Wahrheit wissen, darin liegt das UebeL Denn wir sollen die Wahrheit nicht suchen, wir sollen sie sein. Der Mensch ist ein zertrümmerter Spiegel, aus den Scherben notdürftig wieder zusammengeflickt, und darum verwirrt sich alles in ihm. Ja, denkt der Mann, so ist der Mensch ...
Flöiendueii im Chiemgau.
Don Hans Brandenburg
Wer kennt nicht die schlimmste Störung und Plage des Sommeraufenthalts: die Geräusche der Nachbarn und ihrer musikalischen Apparate? Aber um so mehr darf man sich gesegnet glauben und Dank sagen, wenn aus bem nächsten Hause, bem unsichtbaren, hinter Obstbäumen versteckten, mor- gens ober abends zwei Flöten bringen, die Bach, Haybn und Mozart singen.
Ihre Stimmen begleiten und verschlingen sich, und die Wett wird Harmonie, Duett, Geschwister- schaft, Umarmung. Mein kleiner, hölzerner Balkon ist eine Laube, geflochten aus einem Rebstock mit schon leicht erblauenben Trauben und einem Apfelspalier. Drunten bas Bauerngärtchen wölbt bie violette Brücke eines Klematisbogens über ben Mittelweg zwischen ben Gemüsebeeten, und diesen Weg säumen tiefrote unb hellrote Rosen, zu Sträußen hochgeschossen um die aufgesteckten bunt blitzenden Glaskugeln.
Die Melodie schweigt mit einem Schluß oder auch mit einer Fermate. Sie hat zum Wandern gelockt, aber mein Ort, über dem sie noch im Schweigen singt, ist so schön, daß ein anderer ihm nur Ent- gegnung und Begegnung sein dürfte. Und „Antwort" heißt denn auch das nächste Dorf, es heißt wirklich so, es ist die tiefe zweite Flöte zu meinem hohen. Und doch liegt es leicht erhöht über dem hier längst verlandeten See und gibt keine Antwort mehr, schickt keinen Nachen mehr nach bem „Hol
über!" des sehnsüchtig fernen Siiberftreifens. Don ihm trennt es das braune Moor, darin nur das Schilf noch berüberbringt, Schilf, an dem die lange Winde empor klettert, unb darin die Erlen in Bündeln stehen, bis zum Boden umlaubt. Der See selbst führt das Schiff mit den Weiden zu einem ewigen Zusammenklang unb zu einem noch anbeginnlicheren bas Wasser mit den Bergen.
Welcher Schöpfungsvorgang aber hat meinen kleineren See von bem großen getrennt? Welche Gewalt urzeitlicher (Eisftrome hat einen Schotterbarren zwischen sie geschoben unb aufgestaut? Ich bin gegen Abend aus Bad und Boot auf meinen Balkon heimgekehrt. Die beiden Flöten, emst- geschäftig, verrichten das Schöpfungswerk der Ratzinger Höhe vor mir; sie wälzen den Schub von Alpengeröll heran, aber sie bewalden und besiedeln ihn auch. In bie Wälder lassen sie ben heißen Sommer leuchten, Sonnenwimpel sind die Fähnchen des Wachtelweizens, und Sonnengesträhne ist das ver- zwirnte Gold des Kreuzkrautes. Zu den Bauernhöfen sttahlen schon herbstlich die prunkenden Häupter der Dahlien hoch, Bienenkörbe stehen auf eigenen Söllern, mit ben Menschen unter einem Dache. Höher gehoben sieht man bie letzten Kornfelder in bie blaue Tiefe des Jnntales stürzen, und ganz droben hat man nach der anderen Seite den großen See unter sich mit ben beiden Inseln, die 'sich sehn- süchtig nach einander ftretfen und sehnsüchtig nach der Mutterbrust der Buchten.
Das Flötenduett, zu meiner hängenden Laube langend, verdämmert mit bem Abend. Es schmilzt in den Mond, der über den Rand der Höhe heraufschwillt. Erst vergittert er sich hinter dem scharfen, schwarz-klaren Gespinst der höchsten Bäume, bann rollt er frei auf dem Kamm dahin.
Zeitschriften.
— Das Rassenproblem in USA. wird in der Jllustrirten Zeitung vom 13. Juli auch einmal im Bild einörutfsnoll behaichell. Die photographischen Aufnahmen sowie der aufschlußreiche Text werden ergänzt durch eine graphische Darstellung der Rassenverteilung in Neuyork, die in ihrer wirkungsvollen Gestaltung für sich spricht. Die folgenden Bildseiten führen uns landschaftliche Schönheiten Norwegens vor Augen. Aus dem wei- teren Inhalt des Heftes erwähnen wir noch Beiträge über deutsche Soldatenbenkmäler in Italien, „Altdeutsche Kunst im Donauland" und „Altdeutsche Städteromantik", diesmal gezeigt an dem Beispiel Heilbronn.
Was heißt eigentlich »Strohwitwer^?
In dieser Reisezett, wo der Mann häufig in feinem Beruf festgehatten wird, während Frau und Kinder in der Erholung weilen, ist die Zahl der Sttohwitwer groß, blühen ihre Freuden und ihre Leiden. Gar mancher, der als Strohwitwer ein paar Wochen mehr oder meniger vergnügt durchs Leden wandert, so manche Sttohwitwe, die das ehemannslose Dasein deshalb doch nicht zu Hause vertrauert, werden sich schon die Frage vorgelegt haben, woher diese wunderliche Bezeichnung kommt, was sie, wenn auch feine Frau oder ihr Mann verreist sind, deshalb gerade mit Stroh zu tun haben. Die Gelehrten wissen auch nicht recht, von wo sie diese Bezeichnung herleiten sollen, die bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts in dem Wörterbuch von Adelung verzeichnet wird. Lange Zeit hat man geglaubt, daß das Wort Sttohwitwe, das früher aufgekommen ist als die Benennung des männlichen Teils, mit dem Strohkranz zusammenhängt, ben solche Mädchen im Dolksgebrouch tragen müssen, die den bräullichen Myrthenkranz durch ihr Vorleben verwirkt haben. Wie man aber von diesem Strohkranz auf die Sttohwitwe kommen soll, hat niemand recht erklären können. Der Sprachforscher S ch r a d e r hat daher die ansprechende Deutung gegeben, daß die Bezeichnung mit dem Wort Stroh für Bett zusammenhängt. In den einfacheren Zeiten der Vergangenheit, da man noch keine Roßhaarmattatzen kannte, war der Sttohsack bie selbstverständliche Unterlage des Schlafenden. Allmählich aber wurde das Stroh doch nur noch von armen Leuten im Bett verwendet, und „auf dem Stroh liegen" war gleichbedeutend mit „in Not undArrnutfein". Man spricht auch vorn „Sttoh- tob", ben man im Bett erleibet, im Gegensatz zu bem ehrenvollen Reiteriob auf grüner Heide, ben ber Deutsche so gern in feinen Liebem verherrlicht. Der Mann, ber seine Frau verließ, brachte sie ins Unglück, ließ sie auf bem Sttoh liegen. Die Sttohwitwe ist also eine verlassene Frau. So sagt Frau Marthe im „Faust":
„Gott verzeih's meinem lieben Mann. Er hat an mir nicht wohl getan. Geht er stracks in bie Wett hinein, Unb läßt mich auf bem Sttoh allein."
Sttohwitwe ist also zunächst etwas sehr Trauriges, inbem es bas Los ber Frau, beren Mann in der Ferne weilt, als ein unglückliches schildert. Erst später haben Sttohwitwe unb Strohwitwer ihren heutigen lustigeren Beigeschmack bekommene


