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Karl Faber 70 Jahre alt.

Am morgigen Freitag, dem 16. Juni, begeht der Spenglermeister Karl Faber, Marktplatz 1, in seltener Rüstigkeit seinen 70. Geburtstag.

Als Hohn des Spenglermeisters C. A. Faber am 16. Juni 1869 geboren, erlernte er bei feinem Vater das Bauspenglerhanbwerk und verbrachte nach seinen Lehrjahren beruflich längere Zeit in anderen Städten.

Wieder daheim im väterlichen Geschäft tätig, ent» faltete er eine fleißige Wandertätigkeit. Sobald es seine freie Zeit erlaubte, durchwanderte er unsere schöne Heimat und lernte so alle Schönheiten in Wald und Flur zu jeder Jahreszeit kennen. Als im Jahre 1908 der Zweigverein Gießen im DM. gegründet wurde, war er einer der ersten Mitglieber und Mitbegründer des Zweigvereins. Hier fand er den Boden zu segenseicher Tätigkeit im VHC. Neben fleißiger Beteiligung an allen Wanderungen versieht er schon über 25 Jahre das Amt des Schriftführers, und die jeweiligen Wanderberichte des VHC. in der Gießener Presse sind sein Werk. Aber auch die regelmäßig imGießener Anzeiger" erscheinenden Wanderfahrten" entstammen seiner Feder, womit er allen Volksgenossen schätzbares Volkstum in Heimatliebe und Wanderlust übermittelt. Seine prachtvollen selbstverfaßten Wanderlieder (im DH(5.» Liederbuch ausgenommen) sind der großen VHC- Familie ein wertvoller Liederschatz und werden auf Wanderungen in fröhlicher Geselligkeit gern gesun­gen. Auch der Gesang ist ihm Herzensbedürfnis, das zeigt seine langjährige Mitgliedschaft imLieder­kranz" Gießen.

Seine Haupttätigkeit im DHE. entfaltet er aber im WBA. (Wegebezeichnungsausschuß). Hier hat er als der älteste Wegemarkierer seit 30 Jahren wert­vollste Arbeit geleistet und besonders im Krofdorfer Forst und im Dünsberggebiet prachtvolle und viel gewanderte Wanderwege erschlossen.

Diesem aufrechten, treudeutschen Manne, diesem wackeren DHC.er bringen alle seine Wanderfreunde die herzlichsten Glückwünsche zum morgigen Ge­burtstag dar mit dem Wunsche, daß Rüstigkeit und Gesundheit es ihm noch viele Jahre ermöglichen möchten, mit den Augen, dem Herzen und der Seele die Heimat zu durchwandern.

Das schönste Gotteshaus auf Erden war stets 'für mich der grüne Wald, kein Dom und keine Kathedrale

* gibt so wie er dem Herzen Halt.

So feierlich ist seine Stille, In alten Eichen singt der Wind das Lied vom Werden und Vergehen; im Wald ich immer Andacht sind. A. B.

Auch wir bringen dem Jubilar unsere herzlichen Glückwünsche zum 70. Geburtstage dar.

Ausweiszwang für Ln- und Ausländer.

Der Reichsstatthalter in Hessen Landesregie­rung teilt mit: Aus gegebenem Anlaß wird erneut darauf hingew'.efen, daß nach dem Paßgesetz von 1867 Reichsangehörige und Ausländer ver­pflichtet sind, sich auf amtliches Erfordern jederzeit über ihre Person genügend auszuweisen. Reichs- angehörige über 15 Jahren kommen dieser Aus­weispflicht zweckmäßig durch Dorzeigen irgendeines gültigen amtlichen Lichtbildausweises nach, da sie sonst Gefahr laufen, bis zur Feststellung ihrer Per­son polizeilick festgehalten zu werden. Für Aus­länder ist diese Ausweispflicht durch die Paßoerord­nung von 1919 zum Paßzwang erweitert worden, d. h. alle Ausländer müssen beim Aufenthalt im Reichsgebiet, wenn sie sich Nicht nach der Paßstraf- orbnung von 1923 strafbar machen wollen, einen gültigen Heimatpaß oder einen nach deutschem Recht anerkannten Paßersatz bei sich führen.

Schutz des

aldes vor Brandgefahren

Oie Gliederungen der Partei helfen bei der Ueberwachung des Waldes.

NSG. Wie in keinem anderen Lande der Erde ist das Holz für uns eine der stärksten Stützen ein. heimischer Rohstoffversorgung. Andere Völker ver­fügen über kaum vorstellbare Reserven an Erd- schätzen. In Deutschland hat die Genialität deutschen Erfindergeistes im Holz zum großen Teil einen Ausgleich für nicht vorhandene Rohstoffe gefunden, und darum ist heute in Deutschland jeder Baum ein Teil kostbarsten unersetzlichen Volksgutes. Wer die­sen kostbaren Besitz aus Leichtsinn oder Unverständ­nis gefährdet, z. B. sich nicht an das Rauchverbot im Walde hält, ist ein Volksschädling. Harte Strafe ist ihm sicher, auch dann, wenn die Mißacktung bestehender Verbote noch keinen schweren Schaden im Gefolge hatte.

Der größte Teil aller Waldbrände ist durch Brandstiftung oder Fährlässigkeit entstanden. Um dem deutschen Volk die großen Werte zu erholten

und zu beschützen, übernehmen auch in diesem Jahre wieder unsere jederzeit bereiten und erprobten Kämpfer in der SA., ff, RSKK. und die Technische Nothilfe gemeinsam mit den behördlichen Forste- reien den Kampf und Schutz gegen die Waldbrand­gefahren. Diese treuen Beschützer durchziehen ver- eint das Waldaelände, um leichtsinnige Besucher auf die großen Gefahren und die bestehenden Vor- schriften aufmerksam zu machen und nun auch dort einzugreifen, wo Gefahren drohen. Die Reichs- arbettsgemeinschaft Scyadenverhütung bittet die Be­sucher des Waldes, den Anweisungen und Auf­forderungen der mit Ausweis versehenen Dienst» streifen Folge zu leisten. Jedem, der gegen die zum Schutze unseres Waldes erlassenen Bestimmungen verstößt, droht fofertige Verhaftung und strengste Bestrafung.

Gefahren des Blumenpflückens.

Der Sommer schenkt uns -eine Fülle der prächtig­sten Blumen. Der Kinder höchste Freude ist das Blumenpflücken auf den Wiesen. Doch ist es mit Gefahr verknüpft, da viele Wiesenblumen Gifte ent­halten, die bei zarteren Kindern Hautausschläge und Fieber, Erbrechen und fonftige Störungen ver­ursachen. Deshalb lasse man kleinere Kinder nicht ahne Aufsicht beim Blumenpflücken und belehre sie, auch die größeren Kinder, über den Giftgehalt man­cher Blumenarten.

Da ist z. B. vor . allen Hahnenfußarten zu war­nen. Sie haben einen ätzenden Saft, der Hautaus­schläge und Geschwüre verursacht. Tausendschönchen, Goldköpfchen und Sumpfdotterblumen zählen auch zu dieser Art. Der ebenfalls gelbblühende Gistlattich wirkt durch seinen Saft betäubend, erregt Schwin­del, Erbrechen und Schlafsucht. Die reizende Wald­anemone verursacht durch ihren Saft auf zarter Haut brennende Blasen. Als Gegenmittel kommen Zitronensaft oder Essig äußerlich, ober Wein ober schwarzer Kaffee innerlich angewendet, in Betracht. Sehr giftig finb die lehmartigen blauen Blüten und Blätter des Eisenhutes. Sie erzeugen Fieber, Kolik und Delirien, ja selbst Krämpfe. Wein, Essigwasser, schwarzer Kaffee lindern bfe Erscheinungen.

Beim gefleckten Schierling sind die Fruchtkapseln die Giftträger. Hiergegen wendet man Milch, Ri­zinusöl ober Zitronensaft an, hole aber sofort den Arzt, wenn Verdacht vorliegt, daß die Pflanzen in den Mund gesteckt worben sind, denn dadurch sind schon Todesfälle verursacht worden. Dasselbe gilt vom schwarzen Bilsenkraut, den Blüten des Gold­regens, sowie vor allem vom roten Fingerhut, der mit seinen prachtvollen traubenförmigen Blüten die Kinder entzückt. Sein Stengel birgt starkes Gift, das eine nachhaltige Nervenschwäche zeitigt. Schließlich sei noch vor der im Herbst blüheiü»en Herbstzeitlose aewarnt, die man von Kindern niemals pflücken lassen sollte.

Begegnung mitWehrmachtskrastwagen

Der Kraftfahrer steht in Deutschland unter dem gleichen Recht wie jeder andere Verkehrsteilnehmer. Alle Kraftfahrer haben dieselben Bestimmungen zu beachten und unterliegen den gleichen Strafen für den Fall, daß sie gegen diese verstoßen. Wohl ge­merkt, das gilt für alle privaten Kraftfahrer, und zwar sowohl für Fahrer von Personen-, als auch für Lastwagen. Für Fahrzeuge der Wehrmacht,

der Polizei und anderer Verbände bestehen einige Sondervorschriften. Jeder Verkehrsteilnehmer tut gut daran, sich diese ab und an ins Gedächtnis zurückzurufen, um nicht unnötig gefährliche Lagen heraufzubeschwören, oder gar einen Unfall herbeizu- führen. Die Straßenverkehrsordnung enthält fol­genden Absatz:Geschlossene Verbände der Wehr­macht, der Polizei, der -Verfügungstruppen und -Wachverbände, des Reichsarbeitsdienstes, der NSDAP, und ihrer Gliederungen, Leichenzüge und Prozessionen dürfen nur durch die Polizei und Fahrzeuge im Feuerlöschdienst unterbrochen ober sonst in ihrer Bewegung gehemmt werden."

Diese Bestimmung gilt sowohl für das Ueber- holen, als für das Cinbiegen, ebenso für das Ver­halten an Kreuzungen. Sie sagt also eindeuttg aus, daß die obenbezeichneten Verbände beim Fahren nicht nur nicht unterbrochen werben dürfen, auch sonst dürfen sie in ihrer Bewegung in keiner Weise gehemmt werben. F. G. (RAS)

Türe auf und 'raus!

Das ist kurz und klar gesagt und gilt auch für jeden Kraftfahrer, der es eilig hat. Nur darf es ein Mann am Lenkrad eines Autos niemals so eilig haben, daß er die Türe aufspringen läßt, ohne überhaupt hinzusehen, ob er sie nicht jemand an den Leib knallt.

Ganz besonders gilt das natürlich für die linke Tür, die ja nach der Straße zu geöffnet wird. Durch eine plötzlich aufgeschlagene Autotür ist schon man­cher Radfahrer von seinem Fahrzeug geschlagen worden und erst viel später im Krankenhaus wieder aufgewacht. Ebensogut kann es natürlich geschehen, daß im Augenblick des Türaufreißens nach der Straße zu kein Radfahrer, sondern ein Omnibus oder Lastwagen angerollt kommt und die Autotür abrasiert. Dann hilft das Schimpfen gar nichts! Besser ist schon, zunächst einmal festzustellen, ob und welche Fahrzeuge vorbei wollen. Wenn der Blick in den Rückspiegel nicht ausreicht, die Sage zu klären, wird der Fahrer die Tür offnen, um einen vollen Ueberblick zu gewinnen. Aber langsam, bitte, und nur gerade eben so viel, daß man einen Ueberblick hat, sonst bleibt die Lage ja dieselbe wie vorher.

Es ist schon richtig, Türe auf und 'raus! Aber nicht beides schnell tun, sondern langsam Tür auf, bann allerdings schnell 'raus, denn eine weit offen- stehende Autotür bildet immer eine Gefahr für den Verkehr. (RAS)

Gießener Dochenmnrrkpreise.

* Gießen, 15. Juni. Auf dem heuttgen Wochen, markt kosteten: Markenbutter, kg 1,60 Mark. Matte 25 bis 50 Pf., Käse, bas Stück 4 bis 10, Wirsing, % kg 18 bis 20, gelbe Rüben, neue, das Bündel 12 bis 20, Spinat, % kg 18 bis 20, Römisch, kohl 20, Bohnen, grün, 25 bis 40, Spargel, 1. Sorte 50 bis 55, 2. Sorte 45 bis 50, 4. Sorte 20, Erbsen 20 bis 33, Tomaten 45 Pf. bis 1 Mark, Zwiebeln 15 bis 18, Rhabarber 15, Kartoffeln, neue, V» kg 13 bis 14 Pf., alte, kg 5 Pf., 5 kg 45 Pf., 50 kg 3,40 bis 4 Mark, Aepfel, % kg 60 Pf., Kirschen 60 bis 65, Stachelbeeren 35, Erdbeeren 60 Pf. bis 1,15 Mark, Blumenkohl, das Stück 5 bis 50 Pf, Salat 5 bis 15, Salatgurken 20 bis 45, Oberkohlrabi, bas Bünbel 15, das Stück 10 bis 15, Lauch 5 bis 10, Rettich 10 bis 20, das Bündel 10 bis 20, Radieschen 10 Pf.

* E i n Fünfundsiebzigjähri ger.An! morgigen Freitag, 16. Juni, kann unser Mitbürger Konrad Wagner, Mittelweg 24, im Kreise von fünf Kindern, 9 Enkelkindern und 3 Urenkeln seinen 75. Geburtstag feiern. Der hochbetagte Mann er freut sich noch aller körperlichen und geizigen Frische. Wir beglückwünschen herzlich.

** Ueberprüfung der Großalarmge. röte. Die Polizeibirektion gibt bekannt, daß an, heutigen Donnerstag unb am morgigen Freitaz bie Großalarrngeräte (Luftschutzsirenen) einer PrL funa unterzogen werben. Da es sich um eine probt, weise Inbetriebsetzung handelt, besteht zu irgend, einer Beunruhigung keine Ursache.

* Bauten an b er Lahn st raße. Die Lahnstraße, die bisher einen wenig günstigen AnbliS bot, hat in den vergangenen Monaten eine Wand hing zum Besseren erfahren. Gegenüber der Müller scheu Badeanstalt wurde, an Stelle eines baufällige, Hauses, ein stattliches Mehrfamilienwohnhaus im Auftrag des Elektrizitätswerkes gebaut, das bereits bezogen werden konnte. Die Umgebung des Haus« hat eine gärtnerische Ausgestaltung erfahren, so baß ber Gesamteinbruck sehr gut geworden ist. Wenige Schritte davon entfernt, wurde eine Kraftwagen« unterstellhalle gebaut, die mit einiger Großzügigkeil und in schönen Größenverhältnissen errichtet wurde Ein älteres Haus, das rückwärtig in einem Garten steht und bisher keinen sonderlich guten Anblick bot erfahrt gegenwärtig eine Ueberyolung, so daß nun auch die Lahnstraße so aussieht, wie es dem Gesamt« charakter unserer Stadt entspricht.

Wegen Amtsunterschlagung ins Gefängnis.

Dorn Landgericht Gießen wurde am 9. Dezember v. I. der am 8. Februar 1864 geborene Leo K. aus Ober-Mörlen wegen schwerer ArntsunterschlaHMiz und Untreue zu einem Jahr sechs Monaten Gefäng« nis unb zu einer Geldstrafe von 500 Mark verur« teilt. Dieses Urteil hat nunmehr Rechtskraft erlangt, nachdem der 1. Strafsenat des Reichsgerichts die von dem Angeklagten hiergegen eingelegte Revision mit einer auf das Strafmaß einflußlosen Maßgabe als unbegründet verworfen hat.

K. war seit dem Jahre 1923 als Rechner bei ber Feldbereinigung tätig. Er verstand es sehr geschickt, sich das Vertrauen der ihm übergeordneten Stellen

da» neue

MannnMiifcnöanöm

Roman von Konrad Trani

Copyright by ctarl Ouncker Verlag, Berlin W35

16. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Nein! Ich habe nicht einmal den Ortsnamen auf dem Poststempel entziffern können."

Sehen Sie noch einmal nach!" riet Nase. Manchmal schreiben Leute bie Absenberadresse in ben Bries."

Ich habe mir ben freundlichen Brief meines Onkels daraufhin genau angesehen ... Wiederholen kann ich das Experiment nicht, weil ich den Brief weggeworfen habe!"

Eine schlechte Gewohnheit", rügte der Zwerg.

Richtig und ich teile sie mit einer Menge Menschen!" sagte Gottfried gereizt.Sie sehen, daß ich meines geliebten Anverwandten habhaft werden muß."

Da tut es mir besonders leib, baß ich Ihnen nicht behilflich fein kann. Herr von Dilben hat mich seit vierzehn Tagen mit keiner Nachricht beehrt. Er bürfte schon lange aus Hollanb abgereift sein. Wahr­scheinlich ist er irgendwo in Italien. Oder Spanien. In Spanien sind auf Dachboden und in alten Truhen noch wahre Schätze vergraben, Herr von Dilben ..." Der Schnurrbart zuckte aufgeregt, unb bie blaue Brille rutschte die Nase herunter unb wurde nervös zurechtgeschoben.Schade, schabe ... Vielleicht kann ich mich bald mit ihm in Verbinbung setzen."

Inzwischen geht mir ber Amerikaner burch bie Lappen!" sagte ©ottfrieb.Sehr lange kann so eine verrückte Idee nicht vorhalten."

Ich beb au re sehr und werde mich bemühen", sagte kurz angebunden ber Zwerg.

Von draußen klang ein scharfes Klopfen an die Tür. Der Zwerg bekam einen roten Kopf unb riß bas Fenster zur Auslage auf. Zwei ältere Herren standen davor unb sahen verdutzt in bas zornige Gesicht.

Haben Sie keine Uhr?" keifte der Zwerg. Wissen Sie nicht, daß ich um sechs Uhr Schluß mache?"

Damit knallte er das Fenster wieder zu, zog ben grünen Seibenvorhang liebevoll zurecht, ©ottfrieb hatte sich mißmutig eine Zigarette angezündet.

Rauchen verboten!" sagte Nase streng.

Dann behüte Sie der Himmel, Herr Nase... Unb wenn durch Ihr Verschulden das Geschäft nicht zustandekommt, werde ich Sie gerichtlich be­langen. Und wenn ich bis zur obersten Instanz gehen muß!"

Gottfried wandte sich grußlos ab, riß die Tür auf und ging rasch fort. Er sah nicht die verwun­derten Gesichter des Bankiers Voigt unb des wür­digen Mr. Rutby, die noch lange den Laden be­trachteten, vor ben eben ein Mann mit einer Schnapsnase, offenbar ber Portier, ein Stahlgitter oorschob. *

Am anderen Ende der engen Gasse bog eben Gottfried von Dilben raschen Schrittes um die Ecke

12.

Gottfried hatte gemeint, er werbe in Neukirchen die Sensation des Tages fein. Das war ein Irr­tum. Er fand den Freundeskreis im und um das Haus Voigt in großer Erregung.

Als Peter zur gewohnten Stunde wieder in dem Betrieb erschien, mit ber festen Absicht, so zu tun, als wäre überhaupt nichts Außergewöhnliches vor­gefallen, mußte er feststellen, baß Gretelchen nicht mehr erschien. Er schickte einen Boten in ihre Wohnung. Auch in der Wohnung war sie nicht. Sie hatte die Nacht sicher nicht in ihrem Bett verbracht, behauptete die Mietfrau.

Peter begnügte sich mit einer kurzen sachlichen Meldung bei der Polizei. Er war zwar beunruhigt, wünschte aber mit dieser Sache nichts, aber schon gar nichts zu tun zu haben! Es tat ihm leid um Gretelchen, sie war eine tüchtige Arbeiterin, aber da er sie gegen den lauten Protest feiner Gattin ohnehin nicht hätte behalten können, so beschränkten sich feine Gefühle auf bie rein menschliche Anteil­nahme und Verwunderung.Hoffentlich ist ber Kleinen nichts Boses widerfahren", äußerte er dem Kommissar gegenüber.

Hans und Hilde berieten lange hin und her, ob sie nun verpflichtet wären, ihre Beobachtung vom Vortag der Polizei ntitju teilen. Am Abend hatten sie keine Gelegenheit gefunden, Peter ins Vertrauen zu ziehen.

Entweber hat der rabiate Mensch sie schon er­würgt oder erschlagen", meinte Hans,dann haben wir Zeit ober sie ist davongefähren unb hält sich vor ihm versteckt dann möge man sie freundlichst in Ruhe lassen!"

Du bist ein roher Lümmel", sagte Hilde über­zeugt.Wenn du das Herz auf dem rechten Fleck hättest, tätest du alles, um ein unschuldiges junges Mädchen aus furchtbaren Gefahren zu befreien... Wenn ich einmal spurlos verschwinde, wirst du auch so überlegen sein?"

Da nahm sie Hans energisch in den Arm und küßte sie. Nach diesem überzeugenden Argument gab Hilde klein bei, unb sie beschlossen, vorderhand zu schweigen.

Gottfried war ein wenig enttäuscht, daß so viel von Peter Jlke und einer völlig unbekannten Grete die Rebe war. Er wollte ber strahlende Mittel­punkt dieses Kreises fein! Niemanden schien es auf­zufallen, daß er eine Menge zu erzählen hatte. Wozu mar er in London gewesen? Dagegen siel Hans etwas anderes auf. Gottfried gab viel mehr Geld aus und rauchte viel teurere Zigaretten als sonst.

Woher stammt dein plötzlicher Reichtum?" er­kundigte er sich eines Abends, als sie mit den Turachmädchen in ber schattigen Laube faßen.

Gottfried schien keinerlei Schwierigkeiten zu ha­ben, die Zwillinge zu unterscheiden. Er hatte sich mit seltsamer Geschwindigkeit an Irmgard heran- gemalt. Auch jetzt saß er dicht neben ihr. Gelegent­lich streifte seine Hand die ihre, aber das war sicher nur ein Zufall.

Onkel Otto hat Geld aus gebürt", Jagte Gott­fried.Unb als Draufgabe einen Brief, in dem er in bekannter Liebenswürdigkeit mich für einen

Nichtstuer und Schwachsinnigen erklärte und an Mutter kein gutes Haar ließ/

Ich hätte ihm unter diesen Umständen das Geld sofort zurückgeschickt", sagte Hilde Turach.

Erstens hat er vorsichtshalber keine Adresse an­gegeben, zweitens beweist Ihr Ausspruch, daß Sie noch nie cchne Geld dagestanden haben, Beneibens- werte."

Wieviel hat er dir geschickt?" fragte Hans.

Tausend Emmchen, nette vollwertige tausend Märker", antwortete ©ottfrieb.Begeistert war ich von den Begleitumständen ja auch nicht. Aber ich habe mir gesagt, daß ich die Grobheiten bereits zur Kenntnis genommen hatte und mich ärgerte. Weshalb noch das einzige Pflaster dafür mutwillig abreißen?"

Ist von dieser Seite noch mehr zu erwarten? Sonst würde ich dir raten, mit dem Geld doch nicht so nobel umzugehen ..."

Die Bonbonniere, die Sie uns heute mitge­bracht haben, kostet mindestens zehn Mark!" warf Irmgard vorwurfsvoll ein.

Gottfried machte eine wegwerfende Handbewe- gung. Was finb zehn Mark!

Eigentlich ist er ein Erbonkel, den man schön pflegen muh", berichtete er.Er läßt sich bloß nicht pflegen. Und ein launenhafter Mensch war er immer, sagt Mutter. Sie haben sich nie vertragen. Aber wenn er einmal das Zeitliche segnet, dürfte ich wohl zu Macht unb Reichtum kommen. Außer er vermacht fein ganzes Geld einem Fond für ver­armte Sammler. Daß ihm jede einzelne Zeichnung in feinen Mappen lieber ist als ich, dürfte als er­wiesen angenommen werden."

Dann spare!" sagte Hans streng.

Gottfried lächelte. Woher sollte Hans wissen, was für ein ungeheures Vergnügen es bereitete, einmal nicht jeden Pfennig dreimal umdrehen zu müssen? Einem Mädchen Blumen unb Bonbons und Bücher schenken zu können! Morgen früh zum Beispiel würde Irmgard unb nur Jrmgarb ben schön­sten RSsenstrauß vorsinben. Ohne Namensnennung natürlich, sie würde bestimmt wissen, wer der Spen- ber war ...

Die vier jungen Leute sprachen nicht viel. In halblauten Worten machten sie Pläne. Unb für bie Zukunft, die schön unb voller Freude war. Die schönste Freude war die, neben einem Menschen zu sein, dem man von Herzen zugetan war.

Plötzlich wurde es unruhig im Garten.Mutter wird uns zum Abendessen holen", meinte Hans.

Nein, das waren fremde Stimmen. Männer­stimmen ... Gottfried richtete sich unruhig auf. War nicht sein Name genannt worden? Er loste sanft seinen Arm aus dem Irmgards. Da kam schon eine laute Stimme.Hans! Herr von Dilben!" Das war Mutter, dachte Hans. Worüber regt sie sich nur auf? Die jungen Männer eilten den ©artenpfab hinab, unb die Mäbchen folgten ihnen langsam. Der Zauber dieser schonen Dämmerstunde war zerstört.

Frau Voigt war blaß. Die beiden Herren einer von ihnen war ber Kommissar Ruhle machten strenge Gesichter.

Wir mochten Herrn Gottfried von Dilben um reinige Auskünfte bitten", sagte Rrchle.

Und da müssen Sie knapp vor dem 'Abendessen zu uns kommen, statt Herrn von Dilben zu etwas passenderer Zeit vorzulaben?" begehrte Hans auf. Sein Bedarf an Polizei war durch die Aufregung um Peter Jlke reichlich gedeckt.

Hans, halt den Mund!" befahl bie Mutter.

Gottfried war verlegen geworben unb fuhr Mi der Hand durch den blonden Schopf. ,Lch sich Ihnen natürlich jeberzeit zur Verfügung."

Frau Voigt öffnete ruhig die Tür zum Arbeit!' zimmer ihres Mannes unb ließ die Herren ein- treten. Hans schlüpfte rasch hinterdrein.

Ihr ständiger Aufenthalt ist Berlin, Kaiser« dämm 48?"

Gottfried nickte.

Wann haben Sie sich dort aufgehalten?"

In ber letzten Zett nicht viel... Ich bin zuerst bei Freunden auf Gut Obersenke gewesen. Dam war ich bevor ich nach London fuhr einen Tag in Berlin. In London war ich etwa drei laat. Auf der Rückkehr hielt ich mich vier Tage in Benin auf unb bann fuhr ich nach Neukirchen."

Was haben Sie in Berlin gemacht?"

Gottfrieds Gesicht war auf einmal sehr hart worben.Bisher habe ich angenommen. Sie wuß­ten mich auf diese höchst ungewöhnliche Art davon verständigen, daß unser Dienstmädchen, bevor st auf Urlaub ging, den Wasserleitungshahn nicht db* gedreht hat. Ober daß bei uns eingebrochen nnnfr- roas mich nicht weiter kränken würde, weil n? nichts haben... Unb jetzt mochte ich um AuskM bitten, was Sie von mir wollen. Vorher fag< fein weiteres Wort mehr.

Sie haben der Behörde gegenüber jede wünschte Auskunft zu geben", sagte Ruhle fOT- Und wenn Sie ein gutes Gewissen haben, wird Ihnen bas nicht schwer fallen."

Der andere mischte sich ein und sagte begütigend: Es handett sich um Herrn Otto von Dilben. Wir suchen ihn."

Ich auch", knurrte Gottfried.Wenn Sie ihn halben, schreiben Sie mir eine Ansichtskarte mtt Adresse!"

Ich verbitte mir diesen Ton!" fuhr Ruhle auf Wenn er etwas nicht leiden konnte, fo diesen schnoddrigen Ton ...

Wann haben Sie das letztemal von ihrem Herrni Onkel gehört?" fragte der Fremde. Gottfried zuckt«: resigniert die Schütter.

Ich werde unseren Rechtsanwalt anrufen u^1 ihn bitten, sofort hierherzukommen", fiel Hans ein. Er wollte dem Freund so gerne helfen, und <r wollte gegen das in ihm auf steigende Unbehagen« angehen.

Gottfried machte eine abwehrende Bewegung- Nicht nötig, Hans. Vielleicht läßt sich die hochno'" peinliche Fragerei abkürzen, wenn ich den Herre" Auskunft gebe."

Werden Sie von ihrem Onkel finanziell unter­stützt?" fragte ber mit den hellen Augen.

Nein, eigentlich nicht... Nur in der letzten hat er mir ausgeholfen..." Gottfried schwieg wie­der. Er wurde rot. Hans fixierte gereizt die Ver­treter ber Behörde.

In welcher Form?"

(Fortsetzung folgt.)