Nr. 59 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhellen)
Mittwoch, 15. Hebruar (939
Mit „Kraft durch Freude" in den Llrlaub.
Das Zahresprogramm 1939 befriedigt jeden Wunsch.
Aus der Stadt Gießen.
Vergeßt die stillen Wege nicht!
Wie vielen möchte man zurufen: Vergeßt die stillen Wege nicht! Vergeßt die Wege nicht, die abseits der großen Heerstraße liegen und in die Stille und Einsamkeit fuhren. Mancher vermag nur noch auf der. breiten Landstraße seines Lebeiis zu marschieren, nur noch das lärmende Trommeln zu vernehmen und weiß nicht, daß er längst verlernt hat, sä"n *cc em)0 en $ieöe ^ner leisen Geige zu lau--
Wandle auf den stillen Wegen, wenn in der Vor- N,i"lgsstunde das leichte Atmen der Felder und Walder beginnt und langsam die Säfte in die Pflanzen steigen. Lausche auf die ersten frischen Gras- halmchen, die grün gewordenen Moospflünzchen, die 111 oem lauen Vorfrühlingsregen bereits anfangen zu schwellen und zu quillen. Achte auf das leise Knistern im Unterholz des Waldes, auf Haselbusch, Weißdorn, Brombeerstrauch und Weidenkätzchen, die dir in geheimnisvoller Weise schon vom baldigen Sprießen und Blüheii zu erzählen vermögen. Und horche auf das sehnsuchtsvolle Kullerii und Rufen des Käutzchens, das sich weder von Meisen, noch von Amseln oder Finken sein Vorfrühlingsrecht in der langsam erwacheiiden Tierwelt nehmen läßt.
Blicke aber nicht nur erd-, sondern auch himmelwärts. Hoch über dir liegt in deii ahnungsvollen Abendstunden der Dreiklang des Lichtes: das Licht des Tages, die langsam hereinbrechende Dämmerung und das verheißungsvolle Helle Vorfruhlings- Ucht. In dieser Natur- und Gotteswelt spürst auch d r-l den Dreiklang in deiner Seele. Ungeahnte Sehn- st-ckst ergießt sich in dein H/rz, Sehnsucht nach Große und Weite, nach Erkenntnis des Wesenhaften und nach gestaltgebender Tat. Ewiges wandelt hier und ergießt sich ftilL in dein Herz, das zum Quell alles Großen und Schönen wird und aus dem -alles Wahre emporsteigt.
Und wenn Gott dir bann nahe ist, gib beseligten und dankbaren Herzens von deiner inneren Kraft, damit auch andere sich herausgehoben fühlen aus den Sorgen des Alltags, aus den Stürmen des Lebens.
„Denn das Volk wird schließlich nur obsiegen im Wettkampfe, das die meisten Menschen besitzt, an denen andere und vor allem die Glieder der eigenen Nation sich bilden können im Sinne eines gläubigen, starken, hellen, werthaften Menschentums." Vergeßt die stillen Wege nicht! L. K.
NSG. Am gestrigen Dienstag gab der Gau- wart der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude", Gauamtsleiter von Rekowski, das Jahresprogramm des Amtes für Reisen, Wandern und Urlaub bekannt, das in den nächsten Tagen bei allen Dienststellen der NSG. „Kraft durch Freude" erhältlich ist. Der Gau Hessen-Nassau, der bereits im vorigen Jahr nicht nur als Aufnahmegebiet eine hervorragende Stellung im ganzen Reich einnahm, wird in diesem Jahr 260 000 KdF.- Urlauber aufnehmen und fast 300 eigene große Urlaubsfahrten nach allen deutschen Gauen und ins Ausland durchführen.
Am Dienstagnachmittag gab Gauamtsleiter von N e k o w s k i das umfangreiche Programm des Amtes für Reisen, Wandern und Urlaub bekannt, das in diesem Jahr in jeder Hinsicht wieder eine außerordentliche Bereicherung der Urlaubsfahrten bringt. Die landschaftlichen Schönheiten des Gaues Hessen-Nassau, die in den wenigen Begriffen: Rhein, Bergstraße, Taunus, Westerwald, Odenwald und Vogelsberg umrissen sind, haben in der kurzen Zeit, in der sich die Urlaubsfahrten der NSG. „Kraft durch Freude" ihre Beliebtheit errungen haben, zu einem Aufnahmegebiet entwickelt, welches von keinem anderen deutschen Gau übertroffen wird. Sogar die Gesamtheit der nach der Ostmark gehenden Urlauberzüge erreicht nicht die Summe der Urlauberzüge, die unsere Heimat an Rhein und Main aufsuchen wird. 260 000 Arbeitskameraden und Arbeitskameradinnen werden im Jahre 1939 mit Zügen, Omnibussen und auf Wanderfahrten die Schönheiten unseres Gaues und seine Bevölkerung kennenlernen. Aber der Gau Hessen-Nassau ist nicht nur als Reiseziel beliebt, sondern ebenso gern fahren die Hessen-Nassauer hinaus in das weite Deutsche Reich, in seine jüngsten Gaue, auf die See uyd in fremde Länder. Die gute Vorbereitung, der für jeden erschwingliche Preis und die schönen Reiseziele haben unseren Gau hinsichtlich der Betriebs
fahrten an die Spitze der drei besten Gaue im Reich treten lassen. Die Zahl unserer Betriebsfahrten liegt höher als die der Gaue, die durch die Zusammenballung der Industrien naturgemäß höhere Zahlen aufzuweisen haben.
In den Wochen, in denen wir gewohnt find, die ersten Pläne für die kostbaren Urlaubswochen zu schmieden, ist das Jahresprogramm in einer überaus ansprechenden und geschmackvollen Form erschienen, das die Vielzahl aller Urlaubsfahrten enthält und vielleicht die endgültige Wahl nur zu schwer macht. 193 Urlauberzüge gehen in die schönsten Gegenden des großen Deutschen Reiches, (j Seefahrten führen hinaus auf die Weiten des Meeres, 61 Wanderfahrten geben Gelegenheit, die Schönheiten unserer Heimat und unseres Gaues zu erwandern, und zum erstenmal werden Urlaubsfahrten an die Riviera durchgeführt. Sie bieten zehn Tage Erholung an den sonnigen Gestaden des Mittcl- meeres und ermöglichen ein enges Kennenlerncn unserer italienischen Freunde. Besonders zahlreiche Urlauberzüge fahren in die jüngsten, die ostmärki- schen Gaue unseres Reiches, in das vielen bereits liebgewordene Bayern uni) das Mittelgebirge. Wer aber die See liebt, hat auch dorthin genügend Reisemöglichkeiten. Da sich die Urlaubsfahrten in unseren eigenen Gau, die nicht weniger reizvoll und sogar wesentlich billiger sind, außerordentlich gut ein geführt haben, werden sie in diesem Jahr verstärkt durchgeführt. Besonders der .Vogelsberg mit seinen reizenden Städten Schotten, Büdingen und Orten berg wird aufgesucht, aber auch Westerwald und Spessart werden nicht vergessen.
In 260 Zügen werden die Urlauber aus den fremden Gauen nach Hessen-Nassau geführt, von denen allein 120 Züge an den Rhein gehen, dessen Schönheit und Lage immer wieder zmn Besuch reizt. Aber auch die Notstandsgebiete im Vogelsberg, Westerwald und Odenwald werden gern ausgesucht, da die Gastfreundschaft der Menschen am Rhein und Main überall bekannt ist und der Gau Hessen-
Nassau — wir können es ohne Ueberheblichkeit sagen — • zu den beliebtesten Aufnahmegauen Deutschlands geworden ist. Außer diesen 260 Zügen wird etwa die vierfache Zahl von Menschen in Kurz- oder Omnibusfahrten mit dem Nhein-Main- Gebiet Bekanntschaft machen und den Ruf seiner Schönheit weiter verbreiten.
Aus Grund vielerlei Unterstützungen im Betrieb, der unermüdlichen Tätigkeit der vielen Orts- und Betriebswarte der No.-Gemeinfchaft „Kraft durch Freude", der vielseiligen Sparmöglichkeiten durch Reisesparkarte und mancherlei betriebliche Unterstützungen war es möglich, besonders im vorigen Jahr die Betriebsfahrten stark zu erhöhen; auch in diesem Jahr wird kein Betriebsausflug ohne „Kraft durch Freude" denkbar fein.
Durch die unübertrefflichen Leistungen von „Kraft durch Freude" und die umsichtige Auswahl der schönsten Urlaubs- und Fahrt'enziele tonnte im Jahre 1938 rund 1,2 Millionen Menschen unseres Gaues eine Urlaubsreife, Fahrt oder Wanderung ermöglicht werden. Eine Zahl, die nicht nur einen
Spiegel der großartigen Tätigkeit der Deutschen Arbeitsfront auf diesem Gebiet abgibt, sondern die auch zeigt, daß jedem delitschen Arbeiter die Möglichkeit zu einer wirklichen Gestaltung seiner Ur» laubszeit gegeben ist und daß kein Deutscher zurückzustehen braucht, wenn die Urlaubstage angehen. „Kraft durch Freude" läßt uns diese ein ganzes Jahr hindurch ersehnten Urlaubstage zu einer wirklichen Erholung und zu einem einzigartigen Erlebnis werden, an dem wir noch lange während unserer täglichen Arbeit zehren.
Aerzilicheund kmderärziliche Fragen imDriiienReich
Vornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
Stadttheatcr, 21.30 Uhr: Erstaufführung Minna von Barnhelm. — Gloria-Palast, Seltersweg: „Heimat". — Lichtspielhaus Bahnhofstraße: „Zwischen Strom und Steppe — Pußtaliebe". — Ortsverein Gießen der Deutschen Kneipp-Bewegung, 20 Uhr, Vortragsabend im Katholischen Vereinshaus.
Erstaufführung „Minna von Barnhelm".
Heute abend findet die Erstaufführung des klaffi- fchen Lustspiels „Minna von Barnhelm" von ,G. E. Lessing statt. Spielleitung Hannes Räzum. Bühnenbilder Karl Löffler. 19. Mittwoch-Miete.
Vortrag über Wien fällt aus.
Der Goethe-Bund und der Kaufmännische Verein teilen mit, daß der für heute angefetzte Vortrag über Wien ausfällt.
Bann und Untergau 116 Wetterau.
Bekr.: HZ.-Thealerring.
Die nächste Montag-Vorstellung im Rahmen des HJ.-Theaterringes findet am 20?Februar statt. Es gelangt zur Aufführung „Minna von Barnhelm". Die Karten können ab sofort auf der Verwaltungsstelle des Bannes und Untergaues, Seltersweg 52, Hinterhaus, abgeholt werden.
Gießener Gtaditheater.
Richard Ltrausz: „Der Rosenkavalier."
Nachdem seit der Uraufführung des „Rosenkaoa- I liers (26.1.1911 in Dresden) über ein Vierteljahr- j hundert verflossen ist, ermöglicht sich eine Beur- | teilung dieses Werkes sowohl in seiner Stellung Sin dem Gesamtschasfen von Richard Strauß, wie auch in seiner Bedeutung für die musikalische Welt. Mit den beiden symphonischen Bühnendichtungen ■ „Salome" und „Elektra", die extremstem Trieb- \ leben Raum gaben, hatte Strauß das Problem ; des Musikdramas im Wagnerschen Sinne bis zur ! .letzten Konsequenz persönlich verfolgt und durchge- } .bildet. Es galt für ihn jetzt, neue Ansatzpunkte zu j igeroinnen.
Mit der Komödie für Musik „Der Rosenkavalier" ' llenkte er in die Bahnen der Oper ein. Es erscheint ; «nicht gerade als ein Zufall, daß Richard Strauß Lils der geniale Mozart-Interpret durch Mozart zu | Liner Neubildung des modernen musikalischen Lust- 5 Äpieles gelangte. Hatte er beispielsweise in der . ..Salome" Oskar Wildes Drama fast unverändert kn die Musik übersetzt, so wuchs jetzt unser seiner maßgeblichen und entscheidenden Mitarbeit ein ; regelrechtes Libretto heran, das auf die Stilmomente i der Buffooper nicht verzichten konnte. So rollt vor /den Augen des Hörers ein Zeitbild des altöster- j -eichifchen Therefianifchen Wien ab. Folgerichtig in ' *>em Kulturhistorischen verankert, entfaltet sich das - ißiener Milieu in der Buntheit seiner Bevölkerung, mit ihrem urtümlichen persönlichen Sich-Geben, voll Anmut und Sentimentalität; voll Galantheit und ; Derbheit; ein Spiegelbild der ständischen Gliederung mit ihren mannigfachen Zwischenformen. Aus der Bedingtheit dieser Umwelt heraus entwickelt sich ■' las handelnde Geschehen, unaufdringlich mit einer ! ewissen Behaglichkeit. Dabei prägt sich das Lokal- iolorit in wirksamen Kontrast schon an den Schauplätzen der drei Akte ab. Das Heim der Feldmar- l schallin repräsentativ und traditionsgebunden; da- iegen1 erscheint das Haus des Kriegsgewinnlers faninal entpersönlicht, krampfhaft gewollt, dem ; ireuadel Geltung gebend. Der Letzte Akt führt in |u)ie Wirtshausalltäglichkeit, als Schauplatz grotesker lÄomöbie; aber zum Schluß erhellt durch den See-, gnadet menschlichen Fühlens — Menschen von hoher S ultiir stehen solchen von Ungehobeltheit und charakterlicher Minderwertigkeit gegenüber —die feinen $ outrafte in der Zeichnung der einzelnen Gestalten, ikie sie sich etwa in der Feldmarschallin und Sophie im ahnenden Wünschen des einen und im Besitz ö’s anderen gegenüberstehen, Frau und Jungfrau; ODer die Welt des Adels in ihrer Vollendung in Oktavian, in ihrer Verzerrung in Ochs von Ler- d-enau und Faninal.
Vortrag im Neichsbund der Kinderreichen.
Der Reichsbund der Kinderreichen hatte vor einigen Tagen feine Mitglieder im „Burghof" versammelt. In der Eröffnungsansprache begrüßte Kreisabschnittswart Pg. Professor Kliewe die zahlreich erschienenen Mitglieder, vor allem aber den Redner des Abends, Pg. Professor Dr. Keller, Direktor der hiesigen Universitäts-Kinderklinik, der zu den Kinderreichen über „Aerztliche und k i n d erärztliche Fragen im Dritten Reich" sprach. Der Vortragende führte u. a. folgendes aus:
Der Kinderarzt hat heute eine besonders große und schöne Aufgabe zu erfüllen, weil er das wertvollste Gut des Staates, das Kind, gesund erhalten bzw. -machen soll. Es ist der Kinderheilkunde gelungen, die Säuglingssterblichkeit ganz erheblich herabzusetzen. Seit einigen Jahren werden alljährlich 75 000 Säuglinge gerettet, die früher gestorben wären. Damit ist aber'das erstrebte Ziel noch nicht erreicht.
Eine Hauptschwierigkeit, die sich weiteren Erfolgen hindernd in den Weg stellt, sind die irrigen Meinungen, auf die gerade der Kinderarzt so häufig .stoßt. Von den Eltern oder Großeltern wird z. D. gesagt: „Unsere Kinder sind groß geworden, ohne daß wir ihnen Vigantol ober andere Vitaminpräparate ober ähnliches gegeben haben, wir brauchten
Diese Vielfältigkeit in ihrer gegenständlichen Treue mußte den Tat- und Wirklich'keitsmenschen Richard Strauß fesseln, und so erblüht aus dieser Sphäre ein üppiger Reichtum musikalischen Lebens mit einer geradezu sublimierten Feinheit musikalischer Durchdringungskraft: Nicht allein in den zugeordneten Themen werden die Gestalten plastisch lebendig, sondern in zwingender Unmittelbarkeit wird das Ahnende des inneren Geschehens offenbar in der Abwandlung, Gegenüberstellung und Verknüpfung ber mufifalifdjen Leitgedanken. Nicht aber in verstandesmäßiger, intellektuell geführter Reflektion, sondern mit gefühlsgebundener Innerlichkeit, menschlich-ursprünglicher Anteilnahme.
Im glutvollen Durchleben dieser gefühlsgetränkten Welt wird die menschliche Stimme wieder zum vornehmlichen Träger der seelischen Aeußerung, das gesangliche Moment zum Künder des Herzens. So strebt Richard Strauß hier wieder geschlossenen musikalisch-gesanglichen Szenen zu in ariosen Gebilden, lyrisch durchlebten Monologen, wie im resignierten Selbstgespräch der Feldmarschallin. Wo die Handlung zur Entscheidung drängt, auf der Höhe des Geschehens, hat der Gesang das letzte Wort wie in dem Terzett, in dem das hochherzige Entsagen der Feldmarschallin und ein glückliches, vor innerer Seligkeit überfließendes Paar sich zuscümnen- finden.
Der Dialog entwickelt sich bei Strauß zu einem geistvollen Konversationsstil in Leichtigkeit und treffender Schlagfertigkeit, stets aber beleuchtet vom Orchester mit charakteristischen ergänzenden illustrativen Einwürfen und Zwischenspielen; dabei wird das Einzelinstrument in solistischer Prägung ebenso bestimmend, wie die kammermusitalische Zeichnung in delikater Abgewogenheit dem Gelockerten, Gelosten, ursprünglich Nahen zustrebt. Ader über allem wird wieder die individuelle Melodie herrschend; strahlt das Orchester in harmonischem Glanz auf, so schwebt darüber wie eingebettet, wie auf wogender Welle die menschliche Stimme in schönster gesanglicher Linie. In Innerlichkeit findet Strauß den Weg zu einer fast mozartifch, ja volksliedhaft anmutenden Schlichtheit im Schlußduett.
Jn^seiner musikalischen Durchdringung klammert sich Strauß nicht eng an einen historisch gebotenen Stil; die Arie des Sängers bet dem Lever der Feldmarschallin würde vielleicht dem Milienzeitalter entsprechen. Für ihn wird der Walzer das treffendste Charakteristikum der Wiener Sphäre; er läßt ihn zum dramatischen Element werden. In niannig- fachen Abstufungen ist er der Handlung verknüpft und wird fast überall belebend spürbar. In seiner Geschliffenheit, graziös,, werbend, schmachtend, flirtend, aber auch wieder bis zum Grob-Sinnlichen und Grotesken hin; eine Vielfältigkeit als Mittel des Ausdrucks und eine innere Wandlungsfähigkeit,
auch keine Schutzimpfung gegen Diphtherie usw." Man möge aber bedenken, daß mit der fortschreitenden Zivilisation und Kultur die dem Kinde drohenden Gefahren ständig zugenommen haben. Schon die Verkehrsunfälle sind heute erheblich zahlreicher als früher. Auch beobachten wir heute ganz neue Krankheiten, die man früher nicht kannte; manche, die früher selten waren, treten jetzt häufiger auf. Wiederum andere Krankheiten sind dank der ärztlichen Kunst ganz geschwunden.
Der fortschreitende Verkehr hat—vor allem dem Ausbruch der sogenannten Zivilisationsseuchen (Masern, Scharlach,- Diphtherie, Kinderlähmung usw.) Vorschub geleistet. Wir haben heute sicher wirkende Mittel, um viele dieser Erkrankungen leicht zu bekämpfen. Wir konnten auch die so häufig auftretende Rachitis ausrotten. Was steht dem aber im 'Ißege? Die Geldfrage ist nicht allein maßgebend. Wenn es notwendig wäre, würden Staat und Partei helfen, wie das ja kürzlich der Fall war, als dem Führer zur Bekämpfung der Rachitis im Sudetengau große Mengen Vigantol zur Verfügung gestellt wurden. Die -Gründe liegen anderswo.
Man muß immer wieder beobachten, daß dem Arzt oder Facharzt Schwierigkeiten in der Behandlung bereitet werden, und zwar ist das darauf zurückzuführen, daß zu viele Mittel öffentlich an-
gepriesen werden, ohne daß der Laie über- die zck ihrer Anwendung nötige Kritik verfügt. Ferner versuchen Angehörige des Kindes, Verwandte, Nachbarn usw. ihren Rat an- den Mann bzw. an die Frau zu bringen und loben bald diese, bald jene Behandlungsmethode. Man möge aber bedenken, daß zur Ausübting der ärztlichen Kunst als erste Voraussetzung eine entsprechende Ausbildung gehört, über die eben nur der gewissenhafte Arzt ober Facharzt verfügt.
Voraussetzung für das Heilen ist die Erken- n u n g der Krankheiten. Die Kunst des Arztes besteht vor allem darin, den Fehler zu finden; ist er erkannt, so ergibt sich die Behandlung innerhalb gewisser Grenzen von selbst. Die Diagnosenstellung bereitet beim. Kind, das ja nichts sagen f-ann, oft große Schwierigkeiten und erfordert auch bei dem geübten und erfahrenen Arzt und unter Zuhilfenahme moderner technischer Hilfsmittel Zeit und Geduld. Wenn es notwendig ist, wird der gewissenhafte Arzt auch einmal Untersuchungsmethoden anwenden müssen, die dem Kinde nicht angenehm sind. Denn nicht der Arzt ist der beste, der dem Kinde am wenigsten weh tut.
Große Triumphe hat die Medizin seit Anwendung der Pockenschutzimpfung gefeiert. Der Kinderarzt des Dritten Reiches muß die Eltern immer wieder auf-
allerdings auch im modernen harmonischen Gewände, wie sie vor und auch nach dem „Rosenkavalier" von keinem wieder erreicht werden konnte.
Die Aufführung unter der Spielleitung von Hans Geißler ließ die Handlung als ein werkgetreues Kulturbild sich entfalten, betont in den Einzel- zügen, aber auch wiederum der Geschlossenheit zustrebend. Die Verschiedenheiten der Lebenskreise mit ihren typischen Vertretern und im Spiegelbild ihrer Dienerschaft wirkten sich in plastischer Eindringlichkeit aus. Besonders aber die Pantomime der spukhaften Gestalten des dritten Aktes ließ bewußtes Mitgehen mit den Forderungen des Werkes er^ kennen. Dazu wurden die Kostüme ebenso bestimmende Helfer wie die bis zur letzten Einzelheit bedachten Bühnenbilder (Karl Löffler), die in historischer Treuheit den Hintergrund der Handlung lebendig werden ließen.
Im Orchester unter Paul Walter blühten die kammermusikalische Feinschmeckerei, die mannigfachen solistischen Pointierungen, die gesättigte Farbigkeit des Klanges ebenso auf, wie sich in den selbständigen Orchestersätzen (Vorspiel, Fugato- Einleitung zum dritten Akt) das Zeichnerische zu plastischer Gestalt erhob und besonders die Aktschlüsse in Stimmungsgebundenheit entschwebten. Schlagfertig, treffsicher, beherzt verfolgte er und vertiefte bie szenische Entwicklung, prickelnd, sprühend den Walzerrhythmus dramatisch erfüllend, und in abgetöntem Kolorit klganglichen Schmelz aufstrahlen lassend, folgte er immer im großen Zuge dem dramatischen Kern. Dem Gesanglichen gewährte er nachgiebig unterstützende Hand und führte die Ensemblesätze zu vornehmer Ausgeglichenheit und Geschlossenheit, das Schlußterzett aber zum musikalischen Höhepunkt des Ganzen.
Die Feldmarschallin wird zum ungewollten Lenker der Geschicke; sie umschließt ein Frauenschicksal, das sich entsagungsbereit zu innerer Größe, zur Selbstaufgabe erhebt. Anni A s s i o n durchlebte diese Gestalt mit Innerlichkeit und einem Zug der Resignation, des „nahen Abends" gewiß. Mit Zartgefühl mrd einer Mischung von persönlicher und mütterlicher Liebe zu Octavian, mit vornehmem Takt als Dame von gesellschaftlichem Range, selbst menschlichen schwächen gegenüber ließ sie im Laufe der Handlung die innere Entwicklung und das Sich-Durchringen zum edelmütigen Verzicht unmittelbar werden. Dafür zeugte auch ihre musikalisch-gesanglische Leistung mit warmen Tönen innerlichen Erlebens, im besonderen im Monolog des ersten Aktes und in der Schlußszene; ein Höhepunkt in ihrem bisherigen Gießener Wirken.
Ein Octavian voll Temperament, Schelmerei, Ausgelassenheit und doch Kavalier war Eva Eckert; gewandt und anpassungsfähig in jeder Lage, mit
gewinnender Gesanglichkeit und in Tonschönheit im Mitgehen mit der Szene; bei reiner musikalischer Entfaltung im Klang und dynamischer Abstufung die innere Entwicklung vom jünglinghaften Liebhaber zum echten Liebenden in stetem inneren Wachsen überzeugend gestaltend..
Jii froher Natürlichkeit, mit offenem Blick und empfänglichem Herzen, von jungfräulicher naiver ahnungsloser Unerschlossenheit zur echten großen Liebe aufblühend, war Friedel F o r n a 11 a z als Sophie; in inniger Herzlichkeit dem Stimmlichen Ausdruck gebend, mit besonderen Momenten im Duett des zweiten Aktes, im Terzett und in dem hingebungsvollen Schlußduett.
Für den gesangliche» Darsteller sicherlich die interessanteste Ausgabe ist der Ochs von Lerchenau (Bernhard Schmitz a. G.). Zwar adlig von Geburt, ist er doch ein egoistischer Mitgiftjäger, dem die Frau mehr Zeitvertreib als inneres Erlebnis bedeutet. Zudringlich, sinnlich, ohne jedes Zartgefühl, in plumper Zutraulichkeit, berechnend, skrupellos, verschlagen, aber nicht gewitzt, grob und prahlerisch, so stellte Schmitz diesen Liebenden „aus Prosession" hin. Alle diese Züge faßte er zur persönlichen Einheit in Miene, Gebärde und Toncharakteristik zusammen mit besonderer Gewandtheit in der Beherrschung des schwierigen Parlandostils feiner Rolle; ein Kabinettstück edler Buffokunst.
Den neugeadelten Parvenü Faninal gestaltete Gustav Bley mit der ihm eigenen Fähigkeit des Einlebens. Aengstlich bemüht um die Wahrung der Etikette, weil Üebung und Inhalt fehlen; innerlich hohl, geltungsbedürftig, aber unterwürfig gegen seinen adligen Schwiegersohn; im Aufwallen des Affekts unbeherrscht die Haltung verlierend, so ließ Gustav Bley ihn mit bestimmender stimmlicher Charakterisierung lebendig werden.
Ein behendes, in allen Sätteln gerechtes Jntrigan-, ten-Paar in lauernder, durchtriebener Anpassungsfähigkeit waren Ilse W i n h o l d und Ernst August Waltz; eine besorgte Duenna Aenne Mayr- El g g. Als Sänger in der Morgenszene wartete Heinrich D u r st mit schon geschwungenem Kanti- lenenbogen auf, nur im reichlichen Gebrauch der Mezzavoce vom Orchester leicht überschattet. In typischer Haltung und Gebärde fügten sich, von dem Akzent ihrer Aufgabe durchdrungen, die vielen. Nebenpersonen dem Ganzen harmonisch ein. Für die trefflichen Chorsätze hatte Heinz Markwardt mit Erfolg gewirkt.
Das voll besetzte Haus folgte dieser bis zum letzten bedachten und. gründlichst vorbereiteten Aufführung mit hingebungsvollstein Interesse und dankte mit begeistert ausbrechendem Beifall allen, die an diesem Ehrentage unseres Stadttheaters Anteil hattem
Dr. Hermann Hering* .


