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Nr. 62 Zweites Blatt

Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für (Vberhesien)

Dienstag, 14. Mrz 1939

Begabtenförderung und Kamilienlastenausgleich.

Ausbildungsbeihilfen für Schüler und Studierende.

Dom Landessozialwatt des MK. Schneider, Frankfurt a. M.

Der in der heutigen Zeit bestehende außerordent­liche Bedarf an befähigten Kräften in allen Wirt­schaftszweigen und Berufsschichten lenkt die allge­meine Aufmerksamkeit weiter Kreise auf die vom Reich gewährten Ausbildungsbeihilfen an Schüler und Studierende. Bei dem be­vorstehenden Abschluß des Schuljahres und des Se­mesters ist es von besonderem Interesse, einmal auf die Voraussetzungen und Höhe der Beihilfen ein­zugehen.

Die Einführung der Ausbildungsbeihilfen hat die Erfüllung der bedeutsamen Worte des Führers in seinemKampf" gebracht, die es als Pflicht des völkischen Staates bezeichnen, das Talent auf die Bahn zu bringen, auf die es gehört, und ihm die Tore der staatlichen höheren Unterrichtsanstalten jeder Begabung zu öffnen, ganz gleich aus welchen Kreisen es stammt. Während der Führer es weiter­hin auch für notwendig erklärt hat, daß der Staat mit äußerster Sorgfalt und Genauigkeit aus der Gesamtzahl der Volksgenossen das von Natur aus ersichtlich befähigte Menschenmaterial heraussiebt und im Dienste der Allgemeinheit verwendet, fand er es anderseits unerträglich, daß zum Schaden der deutschen Nation Hunderttausende junger Menschen von guter Begabung ohne jede höhere Ausbildung bleiben müssen, nur weil es die geldlichen Verhält­nisse der Eltern nicht ermöglichen können. Durch die Einführung der Ausbildungsbeihilfen ist diesen For­derungen nunmehr weitgehend entsprochen worden.

Wer ist für den Bezug von Ausbildungsbeihilfen berechtigt?

Die Durchführungsbestimmungen zur Verordnung über die Gewährung von Kinderbeihilfen an kinder­reiche Familien vom 13. März 1938 setzen fest, daß unter bestimmten Voraussetzungen für Kinder, deren besondere Förderung nach nationalsozialistischer Weltanschauung geboten erscheint, ganze oder Teil­freistellen oder Ausbildungsbeihilfen zum Besuch von mittleren oder höheren Schulen oder von Fach- und Hochschulen gewährt werden. Die Ausbildungs­beihilfen werden hiernach in großzügiger Weise allen Volksgenossen ohne Unterschied des Berufes, der Höhe ihres Einkommens und des Alters der zu fördernden Kinder dann gewährt, wenn die Eltern deutschblütig, politisch zuverlässig, würdig und kin­derreich sind und das auszubildende Kind erbgesund und geistig und körperlich entwicklungsfähig ist. Bezüglich der Bedingungkinderreich" ist es wichtig, daß die Familie dann als kinderreich anzusehen ist, wenn mindestens vier Kinder aus der Ehe her­vorgegangen sind und zur Zeit der Antragstellung leben. Mitgezählt werden hierbei alle Kinder ohne Rücksicht auf ihr Alter, Einkommen, Familienstand und Aufenthalt. Stief- und Adoptivkinder sind wie eigene Kinder der Antragsteller mit zu berücksichti­gen. Auch Pflegekinder und Abkömmlinge von Kin­dern usw. (z. B. Enkel) können mitgezählt werden, solange sie zum Haushalt der Antragsteller gehören. Zu beachten ist, daß in den Fällen, in denen die Eltern geschieden sind oder getrennt leben, die Kin­der trotzdem zusamtnenzurechnen sind, auch wenn sie z. T. bei dem einen oder anderen Ehegatten leben oder inzwischen selbständig geworden sind. Be­sonders hervorzuheben ist die für die alleinstehenden Mütter getroffene Regelung, nach der einer Witwe, einer geschiedenen oder ledigen Frau beim Vor­liegen der übrigen Voraussetzungen die Ausbildungs- bei'hilfen auch schon beim Vorhandensein von nur einem Kind gewährt werden können.

Wie hoch sind die Ausbildungsbeihilfen?

Die Beihilfen sind nach Art und Höhe verschieden, je nachdem ob es sich um einen Schüler oder Stu­denten handelt. Die Ausbildungsbeihilfen zum Be­such von mittleren oder höheren Schulen zerfallen

in Beihilfen für das Schulgeld, für die Kosten der Lebenshaltung des Kindes und für die Beschaffung von Lehrmitteln. Sie werden je nach dem Einzel­fall entweder einzeln oder nebeneinander gewährt. Bezüglich des Schulgeldes kommt die Beihilfe in Höhe des tatsächlichen Betrages in Frage, d. h. unter Berücksichtigung einer etwa gewährten Geschwister- ermäßigung. Für die Lebenshaltung des Kindes wird eine Beihilfe nur dann gewährt, wenn sich am Wohnort selbst keine geeignete Ausbildungsmög­lichkeit befindet, und das Kind daher außerhalb des elterlichen Haushaltes leben muß. Auch bei der

Der erste Jahrestag des großen geschichtlichen Er­eignisses der Wiedereingliederung der Ostmark in das Reich wurde gestern abend durch die Kreis­leitung Wetterau der NSDAP, mit einer Kund­gebung und Feier im Cafe Leib würdig begangen. Partei- und Volksgenossen waren dazu eingeladen. Der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt. Politische Leiter, SA., ff und HI. nahmen in geschlossenen Abordnungen und mit Fahnen teil. Mit dem Badenwiler Marsch und der Einbringung der Fahnen wurde die Feier eröffnet. Der Kreis­musikzug der NSDAP, und Lieder der HI. verschön­ten den Abend. Ein Hitlerjunge sprach einen Sinn- spruch, in dem der Glaube an die Idee des Führers zum Ausdruck kam. Die Verlesung eines Briefes, den einer der gefallenen Freiheitskämpfer der Ost­mark an feine Mutter schrieb, machte einen tiefen Eindruck. Ein Gedichtvortraa, aus berufenem Munde roiebergegeben, ehrte die Mütter der gefallenen Hel­den. Ein Trauermarsch vertiefte den Eindruck gerade dieser beiden Darbietungen. Jungvolk trug mit einigen Fanfarenrufen zur Ausgestaltung des Abends bei. Im Mittelpunkt der Feier stand die An­sprache des Kreisleiters, der allen Zuhörern die großen Ereignisse der Märztage des vergangenen Jahres in die Erinnerung zurückrief.

Sreiskifer Backhaus

sprach zunächst davon, wie der Nationalitätenstaat Oesterreich schon vor dem Kriege keine Lebensbe­rechtigung in sich trug und nur durch die Güte eines Kaisers Franz Joseph mühsam zusammengehalten wurde, ohne je einer ernsthaften Belastungsprobe gewachsen zu fein. Im Weltkriege kämpften die Deutschästerreicher, die Deutschen aus Tirol, aus Kärnten und aus der Steiermark, heldenmütig Schulter an Schulter mit den Kameraden aus dem Reich. Aber nach dem Kriege habe vom alten Oester­reich nicht viel übrig bleiben können. Der damalige Beschluß, mit 6% Millionen Deutschen dem Reich beizutreten, sei durch den Vertrag von St. Germain unmöglich gemacht worden, obwohl sinnfällig war, daß dieser Staat Oesterreich nicht lebensfähig fein konnte. Not und Elend habe denn auch Einzug ge­halten, Schlendrian in der Staatsführung fei ein­gezogen, das Volk habe nur vegetieren können, hin und wieder unterstützt durch Anleihen der ehemali­gen Feindbundmächte. An der Spitze des Staates aber standen Abhängige von Rom, Jesuiten, deren ganzes Sinnen und Trachten gegen das national­sozialistische Deutschland gerichtet gewesen sei. Der Klerus und die Juden bestimmten das Schicksal Oesterreichs. Der Nationalsozialismus sei mit allen Mitteln unterdrückt worden; seine Verfechter schmach­teten im Gefängnis oder im Straflager. 1934 fei

Unterbringung in einem Schülerheim wird die Bei­hilfe dann gewährt, wenn dieses nach der Erklärung der Schulaufsichtsbehörde zur Unterbringung von Kindern geeignet ist. Die Höhe der Beihilfen für die Kosten der Lebenshaltung beläuft sich auf monatlich 50 RM. Wenn das Kind im elterlichen Haushalt lebt und Fahrtkosten zwischen Elternhaus und Schule entstehen, so können diese bei besonderer Be­dürftigkeit erstattet werden. Für die Beschaffung von Schreibmaterialien, Heften, Schulbüchern usw. wird beim Vorliegen besonderer Bedürftigkeit eben­falls eine Beihilfe genehmigt, die bis zu 30 RM.

es dann, so fuhr der Redner fort, zu einem natio­nalsozialistischen Befreiungsversuch gekommen, dem aber der Erfolg versagt geblieben fei. Mancher Kämpfer habe dabei sein Leben gelassen, und für die deutschen Nationalsozialisten sei es bitter ge­wesen, untätig zusehen zu müssen, den Kameraden nicht helfen zu können, weil die politische Lage noch nicht dazu angetan, die Zeit noch nicht reif gewesen sei. Schweren Herzens sei darauf verzichtet worden, vom Reiche aus Beistand zu leisten. Das verlogene System Dollfuß fei abgelöst worden durch ein glei­ches System Schuschnigg. Damals habe es den An­schein gehabt, als sei Oesterreich dem Nationalsozia­lismus verloren!

Aber doch: die Bewegung lebte illegal und kämpferischer weiter als je zuvor! Verfolgung, Gefängnisstrafen, Terror und Konzentrationslager haben 'die österreichischen Nationalsozialisten nicht irre machen können. Vier bittere Jahre seien ver­gangen, während denen ein Schuschnigg und feine Gesinnungsgenossen hofften, daß die Welt über das nationalsozialistische Deutschland herfallen werde. Unaufhörlich habe der politische Katholizismus in getarntem Kampfe gegen das nationalsozialistische Deutschland gewütet.

Mit der Schaffung der Achse BerlinRom habe sich die politische Situation geändert. Oesterreich entglitt dem Machtbereich der Feindbundmächte. Der Verrat Schuschniggs und sein Wahlbetrug besie­gelten den Zusammenbruch des herrschenden Systems in Oesterreich. Deutsche Truppen marschierten in die Ostmark ein, und sechseinhalb Millionen Deutsche kehrten heim in das Reich!

Mit der Wiedereingliederung der Ostmark in das Reich seien, so fuhr Kreisleiter Backhaus fort, zwei Punkte des Parteiprogramms ihrer endgültigen Verwirklichung nähergebracht worden: die Schaf­fung Großdeutschlands und der Schutz der Deut­schen in aller Welt. Die Wiedereingliederung der Ostmark, wie auch des Sudetenlandes, fei nur dem zwanzigjährigen Kampf des Führers um die Er­neuerung Deutschlands und feinem politischen Genie zu verdanken, nicht zuletzt aber auch den Helden der Bewegung, die Blut und Leben für die großen Ziele gaben. Aller Welt sei klar geworden, daß nie­mand einen Deutschen ungestraft beleidigen dürfe. Mit freudigem Ausblick in die Zukunft, mit einem Bekenntnis zur Gemeinschaft aller Deutschen und mit der Aufforderung, immer in unwandelbarer Treue zum Führer zu stehen, schloß Kreisleiter Backhaus seine mit anhaltendem Beifall aufgenom­mene Ansprache.

Mit dem LiedeAuf hebt unsre Fahnen", von der Hitler-Jugend gesungen, mit dem Gedenken des Führers und den Liedern der Nation fand die Feier ihren Abschluß.

Ostmark ein Jahr im Reich!

Feier und Kundgebung der Kreisleitung Wetterau.

Aus der Stadt Gießen.

Morgengruß.

Ich fahre jeden Morgen mit der Straßenbahn. Mein Weg zur Arbeitsstätte verlangt das nun mal, wie andere mit der, Eisenbahn fahren müssen ober mit dem Omnibus. Man gewöhnt sich daran, wie man sich auch an die Leute gewöhnt, die um diese Zeit ebenfalls fahren. Denn da die Fahrt mit regel­mäßiger Pünktlichkeit angetreten werden muß, sind es im allgemeinen dieselben Gesichter, die man um sich sieht. Gesichter, die man kennt und deren Namen man doch nicht weiß.

In der Morgenfrühe ist die Unterhaltung ge­wöhnlich spärlich. Die meisten verhalten sich still ober gähnen noch verstohlen hinter der vorgehal­tenen Hanb. Einige junge Leute erzählen sich die Erlebnisse des vergangenen Abends, unterhalten sich über einen Film ober sprechen von fommenben Sportereignissen. Nur jetzt, wo es von einem Tag zum anberen heller wirb, gilt der Gesprächsstoff häufiger den Vorgängen draußen in der Natur. Wie schön sich schon das Rasenstück ausnimmt, an dem man eben vorbeifährt, welch pralle Knospen die Büsche bereits haben, und wie schön es erst fein wird, wenn die Welt wieder in Blüte steht.

Seit kurzem aber beherrscht ein Vorgang die Ge­meinschaft der Fahrtteilnehmer, der sich jeden Mor­gen wiederholt. Ein junges Mädchen, das sich an den Unterhaltungen sonst kaum beteiligt, stellte es zuerst fest. Die Straßenbahn hielt gerade an einer Einsteigstelle, als das Mädchen plötzlich halblaut sagte:Ach, eine Drossel!" Die Köpfe wandten sich zunächst alle fast automattsch dem Mädchen zu, aber dann vernahm jeder den schonen, vollen Gesang. Wahrhaftig, es war der Ruf der Drossel, der von einem Baum an der Straße prachtvoll ertönte. Schott als die Straßenbahn wieder in Fahrt war, konnte man ihn noch ein Stück weit hören.

Und nun begibt es sich jeden Morgen, daß nahezu alle Insassen der Elektrischen darauf achtgeben, ob wiederum die Drossel singt. Kurz vor der Haltestelle verstummt die Unterhaltung regelmäßig, und alle machen ein vergnügtes Gesicht, wenn der vertraute Vogelgesang erschallt. Es ist, als fei die Gemein­schaft dadurch um einige Grade kameradschaftlicher geworden, und bis jetzt hat die Drossel noch nicht einmal enttäuscht. Ob bas Wetter gut ist ober schlecht, ob sich ber Himmel klar ober bunftig zeigt: immer sitzt bie Drossel oben in dem Baum unweit der Haltestelle und singt ihr fröhliches Lieb. Für alle Insassen bes Wagens ist dieses Lied ein be­glückender Morgengruß und noch ein bißchen mehr. Denn das Lieb tünbet ben baldigen Frühling. Und wen würde dieser erfreuliche Hinweis nicht froh stimmen, vor allem aber, wenn er am frühen Mor­gen zur Arbeit fährt? H. W. Sch.

Vornotizen.

Tageskalender für Dienstag.

Nordische Gesellschaft und Dolksbildungswerk in der NSG.Kraft durch Freude": 20.30 Uhr im Großen Hörsaal ber Universität Vortrag Professor Kummer:Der Machtkampf zwischen Volk, König unb Kirche in ber norbischen Geschichte bes Mittel­alters". Stabttheater: 20 bis gegen 23 UhrDie anbere Seite". Gloria-Palast, Seltersweg:Ge­brandmarkt". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Die Nacht der Entscheidung". Oberhessischer Kunst­verein: 17 bis 17 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand.

Stadttheater Gießen.

Heute um 20 Uhr findet eine Wiederholung ber AufführungDie anbere Seite", Drama von R. C. Sherriff, statt. Spielleitung Hannes Razum, Büh- nenbilb Karl Löffler. Die Vorstellung finbet gleich­zeitig als 23. Vorstellung ber Dienstag-Miete statt. Ende gegen 23 Uhr.

Gießener Konzertverein.

Nächsten Samstag, 18. März, Lieder- und Arien­abend der Kammersängerin Erna Sack.

Märzsonne Über München.

Borfrühlingsträume

rings um die Frauentürme.

Noch schlummern Münchens Brunnen, ohne deren munteres Rauschen es in dieser Stadt keinen Früh­ling gibt, unter den groben, frostabwehrenden Holz- verschlägen, und am Abend, wenn du zu später Stunde auf dem Heimweg bist, kannst du hier unb dort noch in eine,m Torweg bei trübem Laternen­licht ein altes Weiberl treffen, das für die frösteln­den Summier auf seinem Tonnenöftein wohlig heiße Maroni röstet ...

Doch an manchem Vormittag schon wölbt sich in diesen Märztagen über den Frauentürmen, der Theatinerkirche, dem Siegestor und weiter noch jener tiefblaue Himmel, unter dem München erst München wird, und aus ben schräggespannten Silbersaiten ber Sonnenstrahlen tönt erste Früh- Ungsmusik.

Auf bem Kleinhesseloher See ist bas Eis so dünn geworben, baß selbst bie watschelnben kleinen Enten darauf einbrechen, aber sie lassen sichs nicht ver­drießen unb rubern vergnügt über bie grüne Was­serfläche, bie von Stunde zu Stunde großer wird. Die Wege im Englischen Garten find noch weich von dem vielen Schnee, ber eben erst in ihrem Bob en versickert ist, unb mancherorts leuchtet bir eine blit- zernbe Wasserlache entgegen. Dennoch sinb überall die ersten rointermüben Sonnensucher unterwegs, sie hocken auf ben Bänken mit hochgeschlagenem Man­telkragen, unb am Chinesischen Turm wirb an einer Hanbvoll frischgebeckter Tische ber erste Kaffee im Freien serviert. Etwas weiter nördlich, im Bieber- fteiner Park, siehst bu bie Buben sich burch kahle Gebüsche pirschen unb scharfen Blicks mit ihren Flitzebogen schießen, unb bie rauschenbe Isar hinauf unb hinab ziehen die vielen jungen Muttis mit ihren Kinderwagen, lustig trällernd und kosend, die­weil auf dem Nockherberg die Männer am Starklncr ihre Kräfte messen ...

*

Ueberall merkst du, wie sich die Stadt mit In­brunst bem Frühling entgegen reckt, bod) nirgenbs mehr, als wenn bu um bie frühen Nachrntttags- [lunben an ber Neuen Pinakothek unb am König­lichen Platz vorübergehst. An ber Pinakothek ist es nur eine Reihe von Menschen, bie ba, Schulter in Schulter wie Stare auf einem Telegraphenbraht, jon ber langen Steinbank aus mit lächelnbem Ge­

sicht der Sonne zublinzeln. Am Königlichen Platz aber, wo selbst die Architektur bie Illusion vom sonnigen Süben früher als anberswo heraufbe- fchwört, ist es eine kaum übersehbare Menge. Nicht nur auf ben steinernen Bänken ringsum, fonbern auch auf bem Sockel und ben Stufen ber Glypto­thek ist ber kleinste Sitzplatz besetzt. Hier, auf, ben Stufen eines Baues, in bem bie antike Tempelform der Griechen weiterlebt, triffst du das Volk selbst, wie kaum irgendwo sonst in dieser großen Stadt, und du darfst dir getrost vorstellen, daß es einst, im alten Griechenland, auf den Stufen eines Tempels nur wenig anders ausgesehen hat. Du erkennst hier die zeitlose Form allen Lebens: das junge Liebes­paar, das bei lässigem Geflüster auf einem ausge­breiteten Mantel nahe beisammenhockt: die junge Mutter, die, ein Jäcklein strickend, mit Wohlgefallen das schlummernde Kind betrachtet; der strebsame Studiosus, ben nichts von seinem Buch abzulenken vermag; bie Großmutter, bie in unbeholfener Herz­lichkeit mit bem jauchzenden Enkel spielt, und der Alte, der sein Hündchen bellend nach dem Holzstück springen läßt jeder erste Frühlingstag, solange die Welt steht, sah sie alle irgendwo auf steinernen Stufen sitzen unb sich sonnen; unb es barf bich auch nicht rounbern, daß selbst auf diesem Platz, dem die Sarkophage der sechzehn Toten seine Weihe geben, das Spiel der Kinder unbekümmert sich entfaltet; daß hier die Kleinen, emsig läutend und tretend, mit ihren Rollern umhersausen und die Größeren, ein Paar klappernde Rollschuhe an die Füße ge­schnallt, heißen Atems einander jagen unb bis in bie äußersten Ecken ber (für sie so herrlich weiten und glatten) Steinfläche ihre Bogen ziehen. Denn was bu hier siehst, ist gesunbes, seiner selbst gewis­ses Leben. Wie aber könnte bies bie Würbe von Toten unb eines ihnen geweihten Platzes antasten? Ist es nicht vielmehr so, baß sie, bie Toren, bie unter freiem Himmel bie Wache halten, unb bie ßebenben, bie sich, ganz in ihrer Nähe, bem Glanz ber Früh­lingssonne zuversichtlich und daseinsfroh erschließen daß sie beide zusammen erst die wahre Ewigkeit ihres Volkes versinnbildlichen?

Mit solcherlei Gedanken magst du dich tragen, wenn du weiterschlenderst, dem Alten Botanischen Garten und der Innenstadt zu, und streckst dich in dem milden Licht und nimmst wohl auch aufatmend deinen Mantel über den Arm, doch wenn du nun irgendwo zwischen den Fugen des Pflasters etwas Grünes und Buntes schimmern siehst, und darob ein überschwengliches Loblied auf den schon beginnen­den Frühling anstimmen möchtest, dann wisse, baß

hier noch nicht ein erstes Grashälmchen unvorsich­tig sein grünes Spitzlein emportreibt, fonbern baß bich bloß ein bisferl Konfetti narrt, bas seit ben (ach! noch so nahen) Faschingstagen bem Reisigbesen des Straßenkehrers entwischen konnte! ...

Sochschulnackrichten.

Der frühere Ordinarius für Mathematik an der Universität München Geheimrat Professor Dr. Ferdinand von Lindemann ist in München, 82jährig, gestorben. Ihm gelang es zum ersten Male, mathematisch zu beweisen, daß die Quadratur des Kreises unmöglich ist. Lindemanns Abhandlung über die sogenannte Ludolphsche Zahl erschien 1882 in denMathematischen Annalen" und wurde von der Preußischen Akademie der Wissenschaften mit dem Steiner-Preis gekrönt. Lindemann war damals gerade 30 Jahre alt. lieber Würzburg, Freiburg unb Königsberg kam Linbemann 1893 an bie Uni- verfikät München, wo er bis zu feinem Tobe wirkte.

Professor D. Georg Grützmacher, em. Ordi­narius für Kirchengeschichte unb neutestam"ntliche Theologie unb Exegese an ber Universität Mün - ft e r (Evang.-Theol. Fakultät), ist im Alter von 72 Jahren g e ft o r b e n. Er wirkte seit 1914 in Mün­ster. Seine Ernennung zum Geh. Konsistorialrat erfolgte 1917. Nach Erreichung ber Altersgrenze würbe er 1934 emeritiert, hat aber auch später noch seine Lehrtätigkeit ausgeübt Unter seinen Werken sind vor allem bie breibänbigen biographischen Stu- bien zur Alten Kirchengeschichte,Hieronymus", zu erwähnen. Die Universität Heibelberg ernannte ihn 1914 zum Ehrendoktor ber Theologie.

Professor Dr Auaust Leonharb Bernoulli, Drbinarius für Physikalische Chemie an ber Uni­versität Basel, ft a r b im 60. Lebensjahre. Er habilitierte sich 1907 in Aachen. 1910 habilitierte er sich nach Bonn um, und feine weitere akabemische Laufbahn führte ihn bann nach Basel. Bernoulli ist Verfasser bes bekannten Lehrbuchs für das Physi­kalisch-Chemische Praktikum

Von ben amtlichen Verpflichtungen würben wegen Erreichung ber Altersgrenze entbunden: der ao. Professor Staatssekretär a. D. Dr August Müller (Genossenschaftswesen) an der Universität Berlin; der o. Prvfefsor Dr. Maximilian Streck (Semi­tische Philologie, Türkisch und Neupersisch) an der Universität Würzburg; der o. Professor Dr. Karl Zieler (Haut- unb Geschlechtskrankheiten) an ber Universität Würzburg.

Lichtspielhaus:

Die Nacht der Entscheidung/"

Das Drehbuch zu diesem Film schrieben H. G. Pe­te rsson und L. Mayring nach einer Idee von Rolf E. Vanloo. Es wird geschildert, wie die äußerlich glückliche oder doch nicht ernstlich gefährdete Ehe des Konsuls Brückmann dadurch in die Brüche zu gehen droht, daß eines Tages ein schon halb vergessener Jugendfreund der Fran Tessa Brückmann wieder auftaucht, mit dem sie vor Jahren in ihrer peruanischen Heimat eine mehr als flüchtige Neigung verband. Die unerwartete Wiederbcgegnung mit diesem Herrn Alvarez läßt in beiden die alte Liebe neu erwachen. Die ohnehin bedenkliche Situation verschärft sich da­durch, daß der Konsul aus geschäftlichen Gründen seiner Gemahlin nicht so viel Zeit widmen kann, tote er wohl sollte, daß ihm aber, toiederum aus geschäft­lichen Gründen, an einer Pflege gesellschaftlicher Be­ziehungen zu Alvarez viel gelegen ist. Alvarez, der sich mit südländischem Temperament zuvor schon vergeb­lich der siebzehnjährigen Gisela, Tessas Stieftochter, zu nähern versucht hat, benutzt eine vorübergehende Abwesenheit Brückmanns, um Tessa aufs neue an sich zu fesseln und zur Flucht mit ihm zu bestimmen. Im letzten Augenblick gelingt es Gisela, die hellhörig und mit dem geschärften Instinkt der Jugend eine Katastrophe wittert, das Verhängnis abzuwenden. Tessas freimütiges Geständnis und Brückmanns Ein­sicht tun ein übriges, die sorgenlose Gemeinschaft der drei zu retten. Die das eigentliche Thema mit allerlei sportlichen und gesellschaftlichen Episoden verbrä­mende Spielleitung von Nunzio Malasomma kommt etwas umständlich in Gang, gewinnt aber gegen Ende eine kräftige Spannung, die überdies durch die Nach­richt von einem Eisenbahnunglück (Brückmann könnte ihm zum Opfer gefallen fein) noch verschärft wirb. Die Rolle ber Frau Testa gab Pola Negri Gelegen­heit, ihre darstellerischen Möglichkeiten mit halblauter, verhaltener Eindringlichkeit zu entfalten. Von be- fonderm Reiz war die Gegenüberstellung mit der jungen Sabine Peters, die stch früher schon in ähnlichen Ausgaben bewährte und auch hier hinter der Maske des unbekümmerten Sportmädels ein Zartes und waches Gefühl bewahrt. Den Alvarez gibt Ivan Petrovich mit weltmännisch gedämpfter Ver- führungskunst, den Konsul diskret und verständnisvoll Hans Zesch-Ballot. (Märkische-Panorama- Schneider-Südost.)

Das Vorprogramm bringt die neue Tobis-Wochen­schau und einen Aufklärungsfilm über Diphtherie- Schutzimpfung. Hans Thyriot.