Polen, völkisch unt» staallich gesehen, Äon Or. Paul Rohrbach.
Für die Geschichte des polnischen Staates ist es durch viele Jahrhunderte kennzeichnend gewesen, daß seine politischen Grenzen in den Zeiten der Schwache seiner Nachbarn weit über die Grenzen polnischen Volksbodens hinausreichten. Das sogenannte ethnographische Polen hat seinen Umfang seit dem Mittelalter kaum verändert. Im Osten liegt die Scheidelinie zwischen Polen auf der einen, den WeihrussenundUkrainernauf der andern Seite heute noch eben dort, wo sie zu Beginn der polnischen Geschichte lag, ungefähr auf dem 21. Längegrad. Nur kleine polnische Sprachinseln, wie die um Lemberg und Przemysl, haben sich östlich davon gebildet. Dafür greift auch ukrainischer Volksboden mit ein paar schmalen Zungen weiter nach Westen. Im Süden bilden die Karpathen auch die nationale Grenze, und im Westen ist es seit der Germanisierung Schlesiens, die schon ins 13. Jahrhundert zurückreicht, zu jener verwickelten Verzahnung von Polentam und Deutschtum gekommen, die es so gut wie unmöglich macht, die politische und ethnographische Grenze in Uebereinstimmung zu bringen. Gegen Norden hat polnisches Volkstum nie das Meer erreicht. Die Kaschuben in Pommern und Westpreußen sind ebenso wenig Polen, wie die ostpreußischen Masuren.
Eine ungefähre Berechnung ergibt für das ethnographische Polen einen Umfang zwischen 225 000 und 250 000 Quadratkilometer, also etwa die halbe Größe von Frankreich. Die politischen Grenzen des heutigen polnischen Staates, die nahezu 400 000 Quadratkilometer umschließen, greifen also erheblich, besonders nach Osten, über die ethnographischen hinaus. Die polnische Statistik bemüht sich, dem eignen Volkstum einen möglichst hohen Hundertsatz der Gesamtbevölkerung Huzuschrei- den. Das tatsächliche Zahlenverhältnis von rund 60 v. H. Polen und rund 40 v. H. Nichtpolen entspricht ungefähr dem bevölkerungspolitischen Zustand. Man berechnet die Gesamtzahl der Polen, wenn dabei der ausschließliche oder vorwiegende Gebrauch des Polnischen als Muttersprache zu Grunde gelegt wird, gegenwärtig auf 24 bis 25 Millionen, wovon aber IV2 Millionen in den Vereinigten Staaten von Amerika leben und für das Mutterland praktisch nicht mehr in Betracht kommen. Die Zahl der Polen in Deutschland, Sowjet- rußland, Frankreich und Litauen wird sehr verschie- den angegeben. Sie mag insgesamt auch an IV2 Millionen heranreichen, die kein geschlossenes Sied- lungsgebiet bewohnen. Zahlenmäßig kann also das Polentum keinen Anspruch darauf erheben, das tragbare Fundament für eine politische Großmachtstellung abzugeben, und ebenso wenig ist es dazu auf Grund besonderer Kulturleistungen imstande.
Dis zur Vereinigung mit Litauen, am Anfang des 15. Jahrhunderts, war Polen als europäische Macht unbedeutend. Die litauischen Großfürsten hatten die Schwächung Rußlands durch das Mongolenjoch dazu benutzt, um ihre Herrschaft über die entvölkerten und so gut wie herrenlos gewordenen Gebiete wejt nach Süden, bis jenseits Kiew, auszudehnen. Durch das Aussterben des ukrainischen Fürstenhauses von Halitsch (Galizien und Wolhynien) gegen Ende des Mittelalters und die allmähliche Schwächung der Mongolenmacht wurde auch dies Gebiet eine polnisch-litauische Beute. .Seinen größten Umfang erreichte der polnische Staat um die Mitte des 17. Jahrhunderts. Damals lag die. Ostgrenze Polens nur wenige hundert Kilometer von Moskau, die Südgrenze nahe am Schrvarzen Meer und die Nordgrenze am Rigaischen Meerbusen. Diese gewaltige Ausdehnung über ein Gebiet, auf dem das polnische Volkstum nur einen Bruchteil der Gesamtbevölkerung bildete, war möglich geworden durch die Schwäche der Nachbarn, namentlich des damaligen moskowitischen Staates. Für die Polen von heute bildet die damalige Größe des Staates aber ein Ideal, von dessen erhoffter Rückkehr phantasiert wird, ohne Gedanken.an die Unmöglichkeit, mit
einem so beschränkten eignen Volkstum eine solche Aufblähung der Grenzen über weit überlegene fremdnattonale Mehrheiten festzuhalten.
Die Polen denken nicht daran, daß ihr Staat deshalb zugrunde ging, weil in ihm eiNe vollkommene völkische Zersetzung eingetteten war, und daß er nur darum neu begründet werden konnte, weil unter dem hundertj äh r i g e n Regiment der drei Teilungsmächte — Deutschland, Oesterreich, Rußland — eine gewisse nationale Gesundung zustande gekommen war. Zur Zeit der Teilungen gab es in Polen nur ein versklavtes Bauerntum und einen korrupten Adel, der nur eigensüchtige Standesinteressen kannte und sie über das Wohl und die Ehre von Volk und Vaterland stellte. Das Königtum war ein machtloser Schatten, und an Stelle eines gesunden Handwerks und Bürgertums gab es Mische Händler, die nichts nach Polen fragten, sondern nur nach ihrem Geld und einem kümmerlichen Dasein. Ein besitzendes und gebildetes Bürgertum, eine politisch gebildete, national denkende führende Schicht ist in Polen erst in dem Jahrhundert vom Wiener Kongreß bis zum Weltkrieg dadurch entstanden, daß es in den drei Teilgebieten Polens endlich eine geregelte Staatsverwaltung, ein systematisch aufge- bautes Schulwesen, gleiches Recht für alle Stände und eine vernünftige Pflege der Wirtschaft gab. Dazu kam schon früh die Bauernbefreiung. Durch all
diese erzieherischen Wirkungen konnte der polnische Volkskörper erst bis auf seinen heuttgen Stand gesunden.
Polen hat außerdem einen Vorteil davon gehabt, daß in der Zeit der mehrhundertjährigen Union mit Litauen d i e ganze Oberschichtdes litauischen Volkstums polonisi ert wurde. Das Litauertum wurde dadurch geschwächt, das Polentum gestärkt. Wilna ist ursprünglich keine polnische, sondern eine litauische Stadt, aber die Polen wollten es nicht ertragen, daß Wilna bei Litauen blieb, weil so viele heute sich als Polen fühlende Geschlechter von dort herstammen. Auch der Marschall Pil- sudski stammte aus dem Wilnaer Gebiet, aus ursprünglich litauischem Adel. Die Schule für die heutige polnische Staatsverwaltung hat in Galizien gelegen. Die österreichische Regierung übergab die Landesverwaltung in Galizien den Polen, und im Laufe eines halben Jahrhunderts bildete sich dort nach österreichischem Vorbild ein tecbnisch-admini- strativ geschulter Beamtenstand, den das neue, in Versailles gegründete Polen fertig übernehmen konnte. Was es im heuttgen Polen an vorgeschrittener Landwirtschaft gibt, stammt a 1F5 deutscher Schule, und auch die polnische Großindustrie in Lodz wurde von Deutschen aufgebaut. Es wäre den Polen nützlich, etwas darüber nachzudenken, daß sie, völkisch gesehen, einigen Grund zur Bescheidenheit habens
Sozialpolitik und Kriegswirtschaft.
Neber die sozialpolitischen Absichten der vom Ministerrat für die Reichsperteidigung erlassenen Verordnungen erfährt die „Frankfurter Zeitung" folgendes:
Die Lenkung des Arbeitseinsatzes durch die Arbeitsämter war in den letzten Jahren schon nahezu vollständig. Jetzt werden die noch vorhandenen Lücken geschlossen. Arbeitskräfte jeder Art, Arbeiter, Angestellte, aber auch Praktikanten, Volontäre und, Lehrlinge können künftig nur noch mit Genehmigung des Arbeitsamtes kündigen oder gekündigt werden. Diese Besttmmung gilt für sämtliche Betriebe und Haushaltungen. Es greift also überall die Regelung Platz, die in einigen besonders wich- ttgen Industriezweigen schon seit längerer Zeit bestand. Für die Landwirtschaft, das Handwerk, den Einzelhandel ist es wichtig, daß diese Besttmmung auch für mithelfende Familienangehörige gilt, ohne Rücksicht darauf, ob sie formell in einem Vertragsverhältnis stehen oder nicht. Nur wenn die Trennung im beiderseitigen Einverständnis erfolgt, wenn der Betrieb oder die Baustelle st i l l g e l e g t wird, wenn es sich um eine A n - stellung zur Probe ober Aushilfe bis zu einem Monat ober schließlich, wenn es sich um unwesentliche, nicht krankenkassenpfkichtige Beschäfti- gungen handelt, wie etwa bei Aufwarte- und Reine- lnachefrauen, fällt die Kündigungsgenehmigung fort.
Anderseits wird auch eine Einstellungs- genehmigung für sämtliche Arbeitskräfte ein- geführt. Ausgenommen bleiben hiervon die Landwirtschaft, der Bergbau und die Einstellung von Kindern unter 14 Jahren im Haushalt, wobei aber wieder die Einschränkung gemacht wird, daß auch Einstellungen im Bergbau und im Haushalt genehmigungspflichtig sind, wenn die betreffenden Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft kommen. Um den Arbeitsämtern einen vollständigen Ueberblick zu ermöglichen, tritt überall, wo eine Genehmigung nicht erforderlich ist, eilte Meldepflicht in Kraft, der persönlich oder schriftlich genügt werden kann. Es bedarf keines Hinweises, daß mit diesen Bestimmungen keine allgemeine Kündi- gungs- und Einstellungssperre erstrebt wird. Die Genehmigungsfreiheit von Kündigungen im beiber- seittgen Einverständnis und noch nicht die Freisetzung von Arbeitskräften bei den unvermeidlichen Stillegungen im Bereich der nicht lebensnotwendigen Industrie werden vielmehr praktisch eine keineswegs geringe Fluktuation der Arbeitskräfte zur Folge haben. Das Ziel ist lediglich eine totale Lenkung; durch sie wirb auch die Entstehung von
Arbeitslosigkeit, wie sie 1914 zunächst einttat, verhindert werden können. Die Maßnahmen liegen also auch im Interesse der Arbeitnehmer, nicht nur in dem der Gesamtheit.
Aehnliches gilt für einige Aenderungen, die im allgemeinen Arbeitsrecht burch eine besondere Verordnung vorgenommen werdep. Hier wird unter anderem bestimmt, daß die Einberufun g zum Wehrdienst ein bestehendes Beschäfti- gungsverhältnis nicht aufhebt. Rechte und Pflichten aus dem Arbeitsvertrage richen. Dementsprechend bleiben auch Abmachungen über eine Werkwohnung in Kraft, so daß kein Arbeitnehmer, der einberufen wird, den Verlust seiner Heimstätte zu befürchten hat. Die Jugendschutz- gesetze gelten unverändert fort, während die Ar- beitszeitovdnung für männliche Arbeitskräfte über 18 Jahren aufgehoben wird, wobei allerdings nach wie vor größte Aufmerksamkeit darauf verwendet werden wird, eine übermäßige Beanspruchung der Arbeitskräfte zu verhindern.
Die Bestimmungen über Kriegslöhne, die eine Ermäßigung üb erh öhter Löhne und Gehälter zum Ziele haben, bilden einen wesentlichen Bestandteil der Kriegswirtschaftsver- ordnung. Alle Arbeitnehmer, vom ungelernten Arbeiter bis zum Generaldirektor, die aus der Knappheit an Arbeitskräften in den letzten Jahren Gewinn ziehen konnten, werden auf Grund dieser Vorschrift einen fühlbaren Beitrag xur Kriegsfinanzierung zu leisten haben, der für die breite Schicht der Arbeiter und der Angestellten allerdings durch die Tatsache gemildert wird, daß Einkommen bis zu 2400 Reichsmark von dem Einkommensteuerzuschlag befreit bleiben. Praktisch bedeutet dies, daß das Bruttoeinkommen bis zu 234 Reichsmark monatlich und Stundenlöhne bis zu 90 Pfennig keiner verstärkten Steuerbelastung unterliegen, während höhere Einkommen unter Umständen in doppelter Weife, nämlich durch die Ge- haltssenkung und durch die Steuererhöhung betroffen werden.
Was zunächst die Tarifordnungen anbelangt, so ist keine völlige Umgestaltung geplant. Die Urlaubsbestimmungen sind bereits durch die Kriegswirtschaftsverordnung vorläufig außer Kraft gefetzt worden, desgleichen die Zuschläge für Mehrarbeit, für Sonntags-, Feiertags- und Nachtarbeit, was zur Folge hat, daß künftig für Mehrarbeit nur die sonst üblichen Stundenlöhne bezahlt werden. Dabei ist übrigens zu beachten, daß nur die ausdrücklich genannten Zuschläge beseitigt werden.
Echte Leistungszuschläge zum Stunden- lohn, Zuschläge für Schwerarbeit oder schmutzige Arbeit werden nicht berührt. Auch der Akkordlohn bleibt, wenn er richtig errechnet ist, ohne jede Rücksicht auf seine Höhe, unangetastet. Dagegen dürfte es allerdings notwendig fein, die Berechnungsgrundlagen in Einzelfällen daraufhin zu prüfen, ob in ihnen nicht versteckte Lohnerhöhungen verborgen sind. Die Treuhänder der Arbeit werden in den beiden nächsten Wochen die Tarifordnungen der wichtigen Gewerbezweige, vor allem der Eisen- und Metallindustrie, der Elektrizitätswirtschaft, der Landwirtschaft, des Verkehrs und des Bergbaus, der chemischen Industrie, des Nahrungs- und Genußmittelgewerbes, der Textil- und Glasindustrie in entsprechender Weise ergänzen. Dabei ist weder eine Nivellierung, noch eine Herabsetzung des Lohn- und Gehaltsnive- aus auf den Krisen ft and beabsichtigt. Man wird versuchen, ein neues Lohngebäude zu errichten, das einem natürlichen Lohngefälle nach der Leistung entspricht und rmier- halb dessen die Bergarbeiter wieder an die Spitze rücken dürften. Ueberall dürfte die Zahl der in einzelnen Gruppen zusammengefaßten Arbeiterkategorien verringert und so eine Auflockerung erreicht werden, damit die Leistungsunterschiede auch innerhalb eines Industriezweiges genügend berücksichtigt werden können.
Bei den Angestellten bestehen im allgemeinen, abgesehen vom öffentlichen Dienst, wo aber ganz andere Verhältnisse vorliegen, keine verwendbaren Tarifordnungen. Es ist auch ausgeschlossen, für die zahllosen Abstufungen, die hier vorhanden find, Tarifordnungen zu schaffen. Auf diesem Gebiete wird es also Sache der Betriebsführer sein, das eigene Einkommen und das Einkommen der Angestellten zu überprüfen und ausgesprochene U e b e r ft e i gerungen rückgängig z u machen. Wie bei den Tarifordnungen wird ts dabei aber darauf ankommen, nur solche Ge- haltssteigerungen zu beseitigen, die nicht auf einer erhöhten ßeiftung, nicht auf einer Aenderung der Stellung, des Lebensalters oder des Familienstandes beruhen, sondern die als Folge der Spannungen auf dem Arbeitsmarkte feit Erreichung der Vollbeschäftigung eingetreten sind. Auch hier ist nicht beabsichtigt, auf den Stand von 1932 zurückzukehren.
Zum Verständnis dieser sozialpolitischen Bestimmungen bleibt noch zu berücksichtigen, daß alle Ersparnisse, die die Unternehmungen auf diese Weise machen, unter keinen Umständen ihnen zugute kommen dürfen, sondern zu Preissest- kungen zu verwenden sind. Dieser Preisabbau soll zur Kriegsfinanzierung beitragen. Die Arbeitnehmer bringen nicht den Betrieben, sondern der Allgemeinheit ein Opfer. Durch den auch bei den Verbrauchsgütern zu erwartenden Preisdruck dürfte die Lohnsenkung zum Teil wieder ausgeglichen werden. Der Hauptvorteil muß aber dem Reich bei der Deckung des kriegswirtschaftlichen Bedarfs zugute kommen.
Wie das Verwundeten-Mzeichen verliehen wird.
Auf Grund der Verordnung des Führers über die Stiftung des Verwundetenabzeichens hat das Oberkommando der Wehrmacht Durchführungsbestimmungen erlassen. Danach sind die Voraussetzungen für eine Verleihung nicht gegeben bei Krankheit und Unfällen, auch wenn sie vor dem Feinde — jedoch ohne Einwirkung von feindlichen Kampfmitteln — eintreten. Mehrere gleichzeitig erlittene Verwundungen gelten als eine Verwundung. Das silberne Abzeichen kann ohne Rücksicht auf die Zahl der Verwundungen verliehen werden, wenn ein in den Durchführungsbestimmungen näher angegebener Grad der Schwere der Verwundung vorliegt. Das gleiche gilt für das goldene Abzeichen. Es darf nur die zuletzt verliehene' Stufe des Verwundetenabzeichens getragen werden.
Oer lachende Oriiie.
Äon Karl Robert Popp.
Der Frühling war von den Bergen gestiegen, das Dorf lag blitzblank und zufrieden in dem Blühen der Obstbäume, und die Iieb,e Sonne lachte bis in den späten Nachmittag hinein über die sauberen Dirndeln und die strammen Burschen, denen der Lenz in Kopf und Herzen rumorte. Das war die Zeit, in der sich der Windhund-Seppl seinen Spitznamen ehrlich erworben hatte, denn ihm machte der Mai mehr als allen anderen zu schaffen. War schon hinter mancher Schürze her gewesen, der Sepp, und ein hübscher Kerl war er auch, das mußte ihm der Neid lassen. Das fand auch die Gandner Rest, bei der er öfter als notwendig vorbeikam, und als er sie endlich zu einem Frühlingsspaziergang einlud, da sagte die Rest nicht nein. „Alsdann pfüat di Gott Reserl, und in drei Tagen am Kreuzberg!" Selig machte sich der Herzensbrecher auf den Heimweg.
Weniger selig war schon der Gandnerbauer, der dem. erbaulichen Gespräch als stiller und unbemerkter Zuhörer beigewohnt hatte. Da aber vom väterlichen Erbteil her, eine gute Portion Schlauheit sein eigen war, pfiff der Gandner nichts weg und schmiedete nur im Stillen einen Plan, wie er den Schaden, den der Seppl da .wieder einmal anrichten wollte, verhüten könnte. Der Treffpunkt der beiden bildete alsbald die Grundlage dieses Planes. Am Kreuzberg ging nämlich im Mai die weiße Frau um, und der Gandnerbauer beschloß, an dem bewußten Abend als die weiße Frau, eine Gastrolle zu geben, um den beiden Sakramentern einen höllischen Schreck einzujagen. Der Seppl, das wußte der Gandner, war im Grunde genommen ein ausgemachter Angsthas, der würde laufen, was die Beine hergeben und die Rest stehen lassen. Dann aber — so kam der alte Schlaukopf zum Schluß — wäre er bei dem Dirndl aus und vertan. Ja, so mußte es gehen. Gradweg verbieten, das war bei dem Reserl so eine Sache, denn das Maderl hatte die Energie ihrer seligen Mutter geerbt, und der Bauer merkte noch allemal, daß er mit der Schlauheit weiter kam. Scheinheilig ging der Alte darauf ein, als die Rest am Abend meinte, in drei Tagen müsse sie mal zum Vronerl schauen, ja, er redete ihr noch gut zu, diesen Besuch auf keinen Fall auszuschieben.
Weil nun das Reserl auch einen Spritzer vom väterlichen Verstand abbekommen haben mochte, fiel ihr auf, daß der Bauer so gute Miene zu ihrem Fortgänge machte, und mit einemmal wußte sie: Der Bauer hat gelauscht und will den Sepp verprügeln. Sie machte sich noch über mittag frei und
huschte zum Seppl hinunter, dem sie mit ein paar kurzen Worten die Gefahr erklärte. Der Seppl trat erst erschrocken einen Schritt zurück, faßte sich aber, als ihn die Rest scharf ansah und dachte lange nach. Endlich fand er das Richtige und Gefahrlose. „Am Kreuzberg soll's doch umgehen in der Zeit. Woaßt, Reserl, i häng -mir a Laken um, und wann dein Vater zu uns aufikraxelt, nachher derschrick ich ihn, daß er die Boaner in'd Hand nimmt und hoam- fauft wia ang'stochne ..." Das letzte Wort untek- drückte er im Hinblick auf die Rest zartfühlend, und das Dirndl — zu ihrer Schande fei es gesagt — fand diesen niederträchtigen Plan ganz in der Ordnung. Sie ging am Abend des dritten Tages so seelenruhig auf den Kreuzberg, als hätte sie nie etwas vorn bösen Gewissen gehört.
Der Gandnerbauer kroch etwas tiefer zwischen die Fichten, als er das Reserl kommen hörte. Zeigen durfte er sich noch nicht. Der Gandner hatte nicht nur ein Laken um, sondern obendrein noch eine Teufelslarve von der Fastnacht vor sein Gesicht gebunden. Konnte nur ein bisserl sehr schlecht sehen dadurch.
Der Seppl war längst auf der Höhe. Er ließ sich erst eine Zeitlang vom Reserl anschauen um), bewundern, zog dann das Laken ganz fest um seinen Leib und roartete auf den Bauern
Mittlerweile glaubte aber der Gandner, da er Stimmengemurmel des verliebten Paares hörte, es fei nun die höchste Eisenbahn für fein Auftreten und stürzte gröhlend aus dem Gehölz. Als ihm aber ein Blick aus der Maske gelang, sah er zu seinem namenlosen Entsetzen hinter seinem Madel die weiße Frau stehen, die ihn sicherlich für seine Anmaßung strafen wollte. Da wandte er sich um wie der Blitz und verschwand mit zitternden Knien im Gebüsch.
Seine Angst war indessen nicht geringer als die des unglücklichen Pärchens. Mit gesträubten Haaren sauste der Sepp den Berg hinunter, fiel über sein Laken, raffte sich wieder auf und rannte weiter. Er war völlig taub gegen das Angstgeschrei der Rest, die mit seinen langen Beinen nicht Schritt halten konnte und die Teufelsfaust förmlich schon im Genick verspürte. Der Seppl gewann indessen bald einen Vorsprung von mehreren hundert Meter und verschwand, das Laken von sich werfen, auf der Dorfstraße. Das Reserl wagte es, sich überm Laufen umzudrehen und atmete auf, als der furchtbare Geist verschwunden war.
Dann fing sie an bitterlich zu meinen und zu schluchzen, und eine große Wut gegen die Lett- feigen, den Angsthasensepp, kam in ihr auf. So starb in dieser Nacht der Keim einer jungen Liebe, und so geschah es, daß der Jagerfranzl, der eben seines Weges kam, das Glück fand. Denn der Franzl hatte das Reserl von Herzen gern und hätte
sie gegen alle Teufel der Hölle verteidigt. Er bewies seinen Mut, indem er die Zitternde sorgsam durch den Wald zurückführte. Mußte sie dabei sehr stützen ...
Und der Franzl, wurde auch mit dem Geist des Grandnerdauern fertig, der jämmerlich aus dem Walde herausstöhnte, weil er über eine Wurzel gestolpert war und sich das Bein verstaucht hatte.
So kam denn um die Mitte dieser Mainacht der Gandnerbauer zu einem Schwiegersohn, das Reserl zu einem kreuzbraven Mann, und der Seppl zu einem neuen Spitznamen, denn er hieß von der Zeit an nur noch der Windhund-Angsthas-Seppl.
Der Berg.
Äon Josef Friedrich perkonig.
In einem Museum fiel mir häufig ein alter, nur noch mühsam gehender Herr auf, den ich gewöhnlich an einem Bergrelief sitzend antraf. So oft ich in das Museum kam, war er auch da, und ich konnte eine deutliche Verklärung an ihm beobachten, mit der er das Bildnis des Berges anstarrte. Ich hätte es niemals gewagt, feine offenkundige Andacht zu stören, doch eines Tages sprach er mich selber an, und da erfuhr ich denn die rührende Ursache seines häufigen Besuches.
„Als ich noch jünger war", erzählte mir der alte Herr mit einer dünnen, das Erzählte doppelt wehmütig machenden Stimme, „da stieg ich jedes Jahr wohl zwanzigmal und öfter auf diesen Berg. Es ist mein Berg, feit meiner Jugend übt er einen merkwürdigen Zauber auf mich aus. Ich lernte auf seinem Gipfel meine Frau kennen, sie starb, weil sie auf ihm krank geworden war, mein einziger Sohn stürzte in seinen Felsen ab, er hat mir den einzigen Ruhm meines Lebens gebracht. Ich habe nämlich ein Buch über diesen Berg geschrieben, und dieses Relief hier wurde nach meinen Lichtbildern, Aufnahmen und Messungen gemacht. Seit Jahren kann ich nicht mehr auf den Berg steigen, ich kann nur noch zu diesem Relief kommen, aber es genügt mir auch. Ich kenne jede Runse und jeden Stein, ich weiß, wann triefe und jene Stelle auf dem Berge grün oder weiß ist, ja, ich höre die Steinchen rie- eln und die Lawinen rollen, wenn ich die Augen chließe. Der Berg lebt mir auch in diesem kleinen, cheindar toten Bild aus Gips. Ich bin glücklich, ich brauche nicht mehr. Ach, man muß sehr alt werden, bis man weiß, wie wenig man zum Glück braucht ..
Und er wandte sich wieder ab und sah mit seinem müden, etwas tränigen Greisen äuge hin zu dem Berg im Glasschrank. Ich aber beneidete ihn um die wunde taare Kraft seines Herzens ünd wünschte mir und allen meinen Mitmenschen: „Ach, könnten
wir zuletzt doch alle so wie dieser zerbrechliche alte Herr vor dem Bilde unseres Lebens stehen und uns begnügen mit einer letzten, wunschlosen Erinnerung, mit der wir nichts bedauern, nichts herbeisehnen, in der wir nur atmen."
Hochschulnachnchten.
Zum außerplanmäßigen Professor ernannt wurde ber Dozent für Augenheilkunde Dr. med. habil. Ench Zeiß (Würzburg); zu Honorarprofessoren der Oberbürgermeister i. R. Dr. Theodor G 0 er - l i tz, der Ministerialrat Karl Kasper, der Ministe- rialrat a. W. Dipl.-Jng. Dr.-Jng. Hans S t e i d l e, der Direktor des Statistischen Amtes der Stadt Köln Dr. Albert Zwick; zu Dozenten für Anorganische und Analytische Chemie der Dr. phil. habil. Her- mann Josef Antweiler (Universität Bonn), für Klassische Philologie der Oberassistent Dr. phil. habil. Franz Borner (Universität Bonn), für Innere Medizin der Dr. med. habil. Fritz Büh- le r (Universität Bonn), für Mittlere und Neuere Kunstgeschichte der Dr. phil. habil. Hermann B u n- j e s (Universität Bonn), für Neutestamentliche Exegese und Theologie der Dr. theol. habil. Joseph Gewieß (Katholisch-Thelogische Fakultät der Uni- versität Breslau), für Vor- und Frühgeschichte der Dr. phil. habil. Paul Grimm (Universität Halle- Wittenberg), für Physikalische Chemie der Dr. rer. nat. habil. Wilhelm Groth (Universität Hamburg).
herbsineuerscheinungen.
— Die Deutsche Verlags-Anstalt Statt- gart/Berlin wird im Lause der nächsten Monate folgende Werke veröffentlichen: Hans Brandenburg: Das Zaubernetz. Der Liebesroman des jungen Eichendorff. Paul Fechter: Die Gärten des Lebens, Roman. Anton Graf Knyphausen: Sebastian am Seitenwege. Ein vorwiegend heiterer Roman. Ger- hart Pohl: Der verrückte Ferdinand. Ein schlesischer Roman aus der Gründerzeit. Jakob Schaffner: Kampf und Reife. Roman. Ellen Soeding: Das Höfchen. Die Geschichte einer Liebe. Maria Wafer: Gedichte. Josef Winckler: Das Mutter-Buch. Eine Dichtung. Ernst Zahn: Die tausendjährige Straße. Roman. Waldemar Bonsels: Mario. Ein Leben im Walde. Neue zufammengefaßte Ausgabe der drei Mario-Bücher. Weitere Werke: Erich Marcks: Bismarck und die deutsche Revotation 1848—1851. Michael Prawdin: Das Russenreich. Tausend Jahre zwischen Europa und Asien. Thomas Ring: Das Sonnensystem — ein Organismus. Thomas Ring: Das Lebewesen im Rhythmus des Weltraums. Fritz Schumacher: Träumereien. Ernste und heitere Gedankenspiele. Kurt Ziemte: Als deutscher Gesandter in Afghanistan.


