!ir. 259 Zweites Blatt
Donnerstag, l2. Oktober 1959
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Aus Der Stadt Gießen.
Sammelt die Wildfrüchte.
Die Wertschätzung des Sammelns von wildwach- stiDen Fruchten, Gewächsen urtb Kräutern hat in ixn letzten Jahren wieder zugenommen. Au den Schätzen, die uns die heimatliche Natur zur Der- stgung stellt, gehören die verschiedensten Pilzarten wn denen eimae Wald- und Feldpilze auch noch iin Oktober gesammelt werden können, während Die größere Masse der eßbaren Edelpilze schon zu einem früheren Zeitpunkt geerntet worden ist. Noch i)on Mitte Oktober bis Mitte November werden hie verschiedensten Blütenblätter, Früchte und Gewächse in Wald und Feld gefunden, die man für hie verschiedensten Gebiete gut gebrauchen kann.
Hierher gehören u. a. die Eicheln und Wildkasta- rtlen, die ein gutes Futtermittel abgeben. Die Roßkastanien werden am besten zur Berfütterung beim großbich angewandt, während die Eicheln ein vor- zjialiches Schweinefutter abgeben. Gerade auf die Schweinemast ist im gegenwärtigen Augenblick erhöhter Wert zu legen, sodaß hier ein zusätzliches Hweißfutter zur Verfügung steht, das nicht unge- lyltzt bleiben darf. Man erinnert sich bei dieser Gelegenheit, daß es Gegenden gibt, wo die Zchweineherden noch in die Wälder getrieben wer- btn, um sich dort selbst ihr Eichelfutter zu suchen. Jas ist bei unserer fortgeschrittenen Forstwirtschaft nicht mehr ratsam und möglich. Deshalb muß auch hier die Jugend zum Sammeln antreten.
Die wichtigste Baumfrucht ist in dieser Hinsicht die Buchecker, die für die Oelgewinnung bedeutsam ist Die Rückstände können für verschiedene Tierarten, mit Ausnahme der Einhufer, als Futtermittel verwandt werden. Das aus Bucheckern ge- Wnnene Oel hat ungefähr die gleiche Eigenschaft me das Olivenöl. Durch eine Anordnung des Rtichsernührungsministers zahlen die Oelmühlen den Sammlern von Bucheckern 25 RM. für den Doppelzentner.
Ebenso wichtig ist das Einsammeln der wild- Mchsenden Heilpflanzen, von denen es zahlreiche Lien gibt. Sachkenner haben geschätzt, daß es W bis 800 verwertbare Kräuter und Pflanzen in ton Waldungen gibt. Die Forftoerwaltung hat durch einen Runderlaß bereits auf die Bedeutung dieser Sammeltätigkeit hingewiesen und betont, daß die wichtigsten einheimischen Heilpflanzen für die Verwertung in den Drogerien sichergestellt werden missen. Es wird besonders darauf hingewiesen, daß frische Brombeerblätter gleich nach dem Einsammln an die dafür zuständige Stelle befördert wer- dm (Fa. Friedrich Kraushaar, Stuttgart-W., S nefelderstraße 20). Vor der Absendung ist bei den örtlichen Forstverwaltungen anzufragen, ob noch Alombeerblätter angenommen werden. Bei Ab- schschwierigkeiten von allen übrigen wildwachsende Heilpflanzen wenden sich die Sammler oder Sllinmelstellen an die Reichsgeschäftsstelle der Rtichsarbeitsgemeinschaft für Heilpflanzenkunde, ' hrilpflanzende schaffun g, Berlin-W. 35, Lützow- siraße 97. Bei Heilpflanzen ist es wichtig, daß sie ordnungsgemäß getrocknet werden. Don den nach- solgend genannten Pflanzen wird jede Menge ab- genommen:
Ackerschachtelhalm (nicht Waldschachtelhalm), Lirkenblätter, Brennesfelblätter, die schon genann- tcr Brombeerblätter, Walderdbeerblätter, Feldstief- mtterchen (Kraut), Feldthymian (Kraut), Finger- iutblätter (giftig, entsprechende Naturschutzvor- schristen beachten), Gänseblumen (Blüten), Hage- hitten (Früchte), Haselnußblätter, Heidekraut (blühendes Kraut), Heidelbeeren, Heidelbeerblätter, -imbeerblätter, Hirtentäschelkraut, Hohlzahnkraut, Holunderbeeren, Huflattichblätter, Immortellen (Aatzenpfötchenblüten), Königskerze (Wollblumeblü- ten), Kornblume, Löwenzahnblätter, Maiblumen- Mett er (giftig, Vorschriften beachten), Rainfarn ^(blühendes Kraut), Schafgarbe (blühendes Kraut), > I Äfitzwegerich (Blätter), Vogelknöterich (Kraut), Awitwegerich (Blätter).
Die innere Front tut ihre Pflicht?
Deutsche Männer und Frauen!
INit der ersten Reichsstrahensammlung für das kriegswlnlerhilfswerk, die von der Deutschen Arbeitsfront durchgeführt wird, wollen wir ebenfalls dem Führer den Dank für feine großen Taten ab- statten. Ats Leitspruch sollen uns dabei die Worte des Führers dienen, die er des öfteren schon ausgesprochen hat:
„Wer sein Volk liebt, beweist es einzig und allein durch die Opfer, die er bereit ist, für dieses Volk zu bringen."
Unsere Parole soll lauten:
Die innere Front tut ihre Pflicht!
heil Hitler!
kahenmeier, Backhaus,
Kreisobmann. Kreisleiter.
Jede Spende ein Beweis der Treue.
NSG. Mit der ersten Reichsstraßensammlung am Samstag, 14., und Sonntag, 15. Oktober, eröffnet die Deutsche Arbeitsfront im gesamten Reichsgebiet das Kriegs-Winterhilsswerk 1 9 3 9/40. Im Gau Hessen-Nassau werden Arbeiter der Stirn und der Faust, Walter der DAF., KdF.-Warte, Betriebsführer, Vertrauensratsmän- ner und die Werkscharen wie alljährlich auch an diesem Wochenende wieder mit ihren Sammelbüchsen im Dienst des bedeutendsten sozialen Hilfswerkes aller Zeiten stehen. Darüber hinaus stellen sich im Rhein-Main-Gebiet KdF.-Sportgruppen, Volkstanzgruppen und KdF.-Singgemeinschasten im Rahmen der großen Sammelaktion freiwillig zur Verfügung.
Durch die jüngsten politischen Ereignisse ist der Aufgabenkreis des Winterhilfswerkes gewaltig erweitert worden. Aber ebenso gewaltig wird sich das deutsche Volk in die Arbeit für die Gemeinschaft emschalten. Sammler und Spender werden der Welt beweisen, daß auch die „Innere Front" in ihrer Einsatzbereitschaft für das Volk unüberwind
lich ist. Das feindliche Ausland wird durch die Größe des Opfergeistes unseres Volkes die lieber- zeugung gewinnen, daß das deutsche Volk fanatischer und geschlossener denn je zusammensteht. Die Erfolge der letzten Sammlungen für das Winterhilfswerk werden nicht nur gehalten, sondern vergrößert werden. Jede Gabe ist e i n Beweis der Treue dem Führer gegenüber und ein Zeichen der Zugehörigkeit zur großen deutschen Volksgemeinschaft.
Am Samstag und Sonntag lautet die Parole: „Die innere Front tut ihre Pflicht!"
Sonderanweijung
für die Gießener Betriebe.
Betr.: Sammelaktion der Deutschen Arbeitsfront am 14. und 15. Oktober 1939.
Für die Betriebssammlung ergehen folgende Richtlinien:
Die Büchsenausgabe für öle Gießener Betriebe erfolgt am Freitag, 13. Oktober, in der Zeit von 14 bis 16 Uhr bei der Kreisamtsleitung der NSV., Gießen, Goetheftraße 34.
Die Abrechnung muß am Samstagvormittag bis 12 Uhr bei der Bezirksfparkaffe, Johannes- ftraße 5, erfolgen.
Die Straßensammlung innerhalb der Stadt Gießen beginnt für sämtliche Ortsgruppen am Samstag, 14. 10., um 13 Uhr, und am Sonntag, 15. 10., vormittags 9 Uhr. Alle Betriebsführer, Betriebsobmänner, KdF.-Warte, sowie Vertrauensmänner werde-n durch die zuständigen Ortswaltungen benachrichtigt, wann die Sammelbüchsen in Empfang genommen werden können. Die Abrechnung erfolgt für die Straßensammlung in folgenden Lokalen:
Gießen-Mitte: Württemberger Hof, Bahnhofstraße, Inh. Pg. Ruhl.
G i e ß e n - O st: Ortsdienststelle der NSV., Kaiserallee 34.
Gießen - Süd: Ortsdienststelle der NSV., Erednerstraße 24.
Gießen-Nord: Ortsdienststelle der NSV., Walltorstraße.
DAF., Kreiswaltung Wetterau.
BorläuslgeVerbrauchsregelllllg sürNscheim Gau.
NSG. Mit Rücksicht auf die naturbedingten unregelmäßigen Anlieferungen und um eine gerechte Verteilung der für die Bevölkerung zur Verfügung stehenden Fische durchführen zu können, wird vom Landesernährungsamt im Gau Hessen- Nassau bis zum Erlaß einer einheitlichen Regelung im Reich eine Verbrauchsregelung eingeführt.
Die Abgab- von Fischen erfolgt nur auf Grund einer Voranmeldung mit der Reichsflei sch- farte bei dem Fischhandel. Die Anmeldungen haben unter Vorlage sämtlicher Fleischkarten zu erfolgen und gelten nur, wenn die Abstempelung auch auf sämtlichen Fleischkarten durch den Fischeinzelhandel auf der Rückseite in der Mitte erfolgt. Alle bisherigen vom Fischhandel auf Grund anderer Unterlagen ausgestellten Ausweise verlieren hiermit ihre Gültigkeit. Eine Abrechnung der Abgabe von Fischen auf die Fleischkarte erfolgt nicht. Zur Vereinfachung soll die Anmeldung nur bei einem Fischgeschäft erfolgen. Der Fischhändler nimmt bei der Anmeldung die Eintragung des Verbrauchers in einer Kundenliste vor, wobei die genaue Kopfzahl nach der Anzahl der Reichsfleischkarte einzutragen ist. Die Anmeldung hat in der Zeit vom Donnerstag, 12. Oktober bis Mittwoch, 18. Oktober 19 3 9, zu erfolgen.
Der Fischhändler stellt jedem Kunden einen Kundenausweis aus, in dem die Kopfzahl des Verbrauchers vermerkt ist und der allein zum Bezug von Fischen berechtigt.__________________
Die Ausgabe von Fischen an den Verbraucher erfolgt nur gegen Vorzeigung des Ausweises, wobei der Bezug durch Abstempelung vermerkt wird. Die Ausgabe von Frischfischen erfolgt Montags, Mittwochs und Freitags.
Die von dem Fischhändler abzugebende Menge richtet sich wöchentlich nach der sich ergebenden Versorgungslage in Fischen. In der Ausgabemenge können neben Frischfischen auch Räucherwaren, Marinaden und Fischkonserven usw. einbegriffen werden.
Die Ausgabe von Fisch wird durch Aushang in den Schaufenstern der Fischhändler bekanntgegeben, die in der laufenden Woche bei der Zuteilung berücksichtigt werden können. Bei den geringen zur Verfügung stehenden Mengen an Fischen muß damit gerechnet werden, daß nicht sämtliche in die Kundenliste eingetragenen Verbraucher in einer Woche beliefert werden können. Es ist deshalb zweckmäßig, wenn sich die Verbraucherschaft immer über das Eintreffen von Fischen bei ihrem Fischhändler unterrichtet.
Dornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Robert und Bertram". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Unsterblicher Walzer".
(Nachdruck verboten.)
!3. Fortsetzung.
WsuMöerMöe
Roman von wallher kloepstr Wright öy Carl Duntfer Verlag - Berlin w 62
der rechte Ausdruck —, apart sieht sie aus und ziemlich erholt. Dor allem die Augen, Teufel noch- m'al! Diese Augen können Unglück stiften. Sie schwadroniert:
„Am Morgen weckt mich immer so ein kleiner Hahn, der das Krähen erst lernt. Dann gucke ich erst mal eine Weile an die Decke und beginne mich, was los ist. Ich bin ein Schlafratz; Sie auch, Doktor? Dann trainiere ich ein bißchen, Rumpfbeugen, Armrollen und so. Keine Angst, es ist das reinste Säuglingsturnen, ich gebe schon acht. Dann trappt Ihr Hausmeister über den Hof. An seinem Absatz muß ein Eisen los fern; man müßte ihm das mal sagen. Und dann wasche ich mich. Baden ift tyter eine recht furchtbar umständliche Sache. In der Wanne hat eine große Spinne ihre Zelte aufgeschlagen. Ich habe sie Valerie getauft, und ste kommt immer wieder. Es stört Sie hoffentlich mcht, wenn ich mich ein bißchen ausguatsche? Aber es ist so langweilig bei euch, und da verfällt man aus solchen Unsinn. Mit den Schwestern kann man sich auch nicht unterhalten, die reden bloß vom Himmel, die Harlander ist jetzt auch wieder weg; blecht nur Doktor Severin, nicht? Was bieten Sre mir heute?"
Dr Severin, auf diese hübsche, tändelnde Konversation nicht geeicht, stottert etwas von „Umgebung ieiqen" Solche Munterkeit im Sprechen imponiert ihm, aber er selbst kann sie sich nicht so rasch zu C’9'Unwebung? Auch gut", sagt die Fabri verschmitzt. „Fanden Sie unsere Teestündchen nett?
Ich mag das sehr gern, wirklich. Man trinkt ja öfter Tee, aber mit Ihnen ist das etwas Besonderes Sie reden anders, Sie denken anders — wie soll ich mich ausdrücken? — nun, Sie sind eben ganz verschieden von den Leuten hier. Sie verkörpern d.e Stadt gewissermaßen. Stößt der Wagen sehr.
wo' Ich bin doch nicht aus Glas. Was glauben Sie was man beim Film alles aushalten muß? ^n den „Bohrtürmen von Nebraska sind wir mal, Joe Eichler und ich, per Auto in eine Schaufensterscheibe hineingefahren; das war eine wilde Sache und gehörte eben so dazu. Sie nehmen da immer so ausrangierte Wagen ... was ist das.
, Der Vogel? Eine Rohrammer. Wir fahren jetzt einen Bogen und kommen bann m den Wald. Mo- ^^^Oh'^fehrO Warum Sie nicht schneller?"
"Lucki kann leider nicht rascher', erläutert er bei$)mL arme Tierchen. Ist Lucki ,ehr alt?"
"Das kann man wohl sagen. Ich kann mich von dem Wagen" schwer trennen". erzÄlt Senerm der Wahrheit zuwider. Dann führt er ,m einzelnen auf.
r „Seid ihr fertig, ihr kleinen Dreckbären?" ..Gleich, Paps, nur die Nippel noch", vertröstet
Mio. Man sieht nur die Beine von ihm, alles cm- itre liegt unter dem Auto. Luis steckt unter der Motorhaube und gießt aus einem Kännchen Oel tuj ein Bremsgelenk. Schließlich tauchen zwei strah- kröe, schmutzverkrustete Indianer auf, um ihr Fünfzig - P fen nig-Stück in Empfang zu nehmen, das bit feste Taxe für solche Dienstleistung ist.
..Putz dir die Nase, Alto. Brrr! Nicht mit dem Andrücken, du hast doch ein Taschentuch , rügt Seoerin.
..Das habe ich für die Nippel gebraucht; sie sind licht gleich durchgegangen." .
ii- ,So voll", versichert Luis und blast die Backen «ij.
„Na, bann los. Adieu, Kinder. Macht keinen zu Pchen Radau!"
Lucki ist aus einem unklaren Anlaß ungehalten N donnert mit Fehlzündungen davon. Der Hund i; hOi umkreist ihn bellend. Wenn Lucki heute nur hhe Geschichten macht, nur heute nicht, denkt Dr. hierin besorgt. Es ist auch ohnedies blamabel Pug, daß er mit diesem Karren anrucken mutz, w dem Krankenhaus wird die Fabri emgebootet. Mi Schwester Sekunda steht mit Decken und K>s- Im da, aber die Fabri lacht nur darüber. „Ich bin t-ch kein Baby, Herrschaften!" Dr. Seoenn ent- jhleßt sich zu einem miserablen, aber uienfchen teren Umweg, damit er nicht durch das St
muß. Nur jetzt nicht anhalten und m em Ns gerufen werden! Diesen Nachmittag, diest (przierfahrt will er für sich haben. Er freut s ch W gestern darauf. ____
Es ist ein wunderbarer Tag mit viel Sonn, Jciengrün und hochtrillernden Lerchen. Zuweilen j-lht ein Eichhörnchen über den Weg, ?°un man «lick hat,Rehe äsen Detbotenerroei|e tn e>n-mAcker, y es herrscht ein Ueberfluß an gaukelnden Schmet «tl ngen. Und dann, die Hauptsache, etwas ganz um «air[d)einlid)es: keine Telephonanrufe, kem Patlen nurns, kein Jod. Sogar Luck.-man dar es mcht trchen - benimmt sich hoch °nst°nd.g, D-e Fabn, dunkle Kappe auf dem komisch
'»zelt in die Sonne, und leichter Kam.ll ngeruch von ihr herüber. Fesch — nein, das ich ch
was Lucki schon alles hinter sich hat. Diese Moritaten hören sich wenigstens amüsant und flüssig an und leiten zu der beschwingten Redeweise der Fabri über. Severin geht regelrecht aus sich heraus, lacht und scherzt, verliert seine Schwere, über die er vorhin so unglücklich war.
Die Fabri sitzt infolge der veralteten Konstruktion von Lucki etwas zu dicht neben Severin. Sie weiß schon die ganze Zeit über nicht recht, wo sie mit ihrer linken Hand hin soll, und legt sie jetzt kurz entschlossen auf Severins Knie, was nach Aufforderung und Hingabe aussieht, aber nur eine Folge des Platzmangels ist. Immerhin erregt diese warme kleine Hand den Doktor in besorgniserregender Weise. Es durchzuckt ihn gefährlich. Mein Gott, ich bin ja regelrecht verliebt, am liebsten möchte ich den Wagen anhalten und du sagen und sie küssen, gesteht er sich. Von dieser Erkenntnis ein wenig benebelt, fährt er mangelhaft in die nächste Kurve, gibt zu viel Gas und hat die Augen nicht vorschriftsmäßig auf der Straße. Er schweigt, schaut stur geradeaus und versucht, mit sich ins reine zu kommen. Schöne Geschichten das, denkt er unzufrieden. Ich merke schon ein paar Tage, daß was los ist mit mir; aber daß es so arg ist, weiß ich erst jetzt. Mit diesen verdammten Teestunden hat es angesan- gen. Man muß sich besser zusammennehmen, und dieses abwegige Gefühl zurückpfeifen. Wo soll denn das hinführen? Sie ist Patientin, ich bin Arzt, sie ist Dame von Welt und Komtesse, ich bin ein schlichter Feld-, Wald- und Wiesendoktor; nein, es geht nicht, es führt zu nichts. Er hat plötzlich eine Menge Gegengründe, Hemmungen, Minderwertigkeitsgefühle. Und außerdem ist seine Art überhaupt nicht draufgängerisch sondern bedächtig und schwerfällig. Der Elan fehlt, vor dem Hemmnisse wie Streichhölzer zusammenknicken, die Courage fehlt, die Frechheit. Kurz, es kommt zu keiner Eroberung, obzwar der Boden bestens vorbereitet ist durch Teestündchen, durch gefährlich lange Blicke der Fabri und durch eine geradezu sündhafte Einsamkeit ringsum.
Die Fabri, ohne Ahnung, was in ihrem Begleiter alles geschieht, schwatzt munter drauflos und erhält als Antwort lediglich kurze Ausrufe. „Was Sie nicht sagen?" „So?" „Allerdings." In einer kleinen Bauernschenke, abseits vom Verkehr, wird eine bescheidene Mahlzeit eingenommen, wird Lucki hinterstellt, werden harmlose Gespräche geführt. Dann schlägt die Fabri einen Spaziergang in den nahen Wald vor, den Severin verantworten zu können glaubt. Sie wandern ein paar Schritte, ersteigen einen Hang, Severin raucht eine Abstand schaffende Zigarre; auf einmal sind Bäume da, Buchen, und die Fabri hängt sich bei ihm ein. Es
Georg Todt 86 Jahre alt.
Unser Mitbürger Georg Todt kann am heutigen Donnerstag, 12. Oktober, bei bester Gesundheit feinen 86. Geburtstag begehen. Der alte Herr ist eine in weiten Kreisen geschätzte Persönlichkeit. Be- sonders in Kreisen der Sänger erfreut er sich besonderer Wertschätzung, denn er ist nunmehr seit 65 Jahren aktiver Sänger im Bauer- schen Gesangverein in Gießen und zählt auch heute noch zu den eifrigsten Besuchern der Singstunde.
Georg Todt wurde in Gießen geboren, besuchte hier die Schule, erlernte das Schuhmachechandwerk und ging dann nach altem Brauche auf die Wanderschaft, die ihn bis nach Sttahburg, Konstanz und Zürich führte. In den Jahren 1873/74 genügte er seiner Militärdienstpflicht bei den 116em und noch als Soldat trat er als aktiver Sänger dem Bauer- schen Gesangverein bei, dem er nun ununterbrochen seit 65 Jahren dient. Im Jahre 1893 wurde er als Bibliothekar in den Vorstand des Vereins berufen, von 1901 ab wirkte er als zweiter Vorsitzender und im Jähre 1908 wurde ihm die Vereinsführung übertragen, die er eine Reihe von Jahren beibehielt. Auch nachdem er dieses Amt in jüngere Hände gegeben hatte, blieb er weiterhin aktiver Sänger.
Bei der Feier des 60jährigen Bestehens (1924) wurde er in Anbetracht seiner damals 50jährigen Zugehörigkeit zum Verein zum Ehregoorsitzenden ernannt. Gleichzeitig errichtete der Verein die „Georg-Todt^Stiftung", deren Zinsen in Not geratenen aktiven Sängern zugute kommen. Schon vor Jahren erhielt Georg Todt die goldene Sängernadel. Darüber hinaus besitzt er alle vom Deutschen Sängerbund zu vergebenden Ehrungen. Für seinen Verein hat er „Ernste und heitere Erinnerungen aus der Geschichte des Bauerschen Gesangvereins" geschrieben. Zahlreiche Gedichte, deren einige auch vertont wurden, sind in dieser Schrift enthalten und auf den Grundton der Liebe zur Heimat und der Freude am Gesang abgestimmt. Georg Todt gilt mit Recht als die „lebende Chronik" des Bauerschen Gesangvereins.
Der Jubilar hat sich durch sein charaktervolles und schlichtes Wesen in unserer Stadt viele Freunde erworben. Zu seinem 86. Geburtstag entbieten auch wir ihm unsere herzlichsten Glückwünsche!
Geh. Zustizrat iRömfoclb 80 Jahre alt.
Am morgigen Freitag, 13. Oktober, kann der in NidÖa im Ruhestand lebende früher« Oderamts- vichter, Geh. Justtzrat Römheld in bester körperlicher und geistiger Frische sein 80. Lebensjahr vollenden. Der alte Herr ist weit über die Grenzen non Nidda hinaus bekannt. Mehr als die Hälfte seines Lebens, nämlich 41 Jahre, hat er in Nidda verbracht, davon allein etwa 27 Jahre als leiten» her Richter des Amtsgerichts Nidda. Um das griffige Leben dieser Stadt, aber auch um ihre wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung hat er sich als Mann von vorbiMichem Gemeinsinn viele Jahre lang in hervorragender Weise erfolgreich bemüht. Sein Wissen und seine Arbeitskraft hat er u. a. lange Jahre als Vorsitzender des Kur- und Der-- kehrsoereins Nidda - Bad Salzhausen in den Dienst der Allgemeinheit gestellt, zum Segen nicht nur der Stadt Nidda, sondern auch zum Nutzen des Kurortes Bad Salzhausen. Daneben gatt feine tatkräftige Förderung allen Belangen der Heimatgeschichte, die er u. a. in zahlreichen Abhandlungen in der „Heimat im Bild" des Gießener Anzeigers der breiten Oeffentttchkeit darstellte. Seine Unterstützung ließ er ferner allen Bestrebungen zuteil
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ist eine von jenen natürlichen Bewegungen, mit tunen sie die Männer fängt. Sie macht sich etwas schwerer als nötig, atmet rascher, und ihre nahe Wärme und ihre Seidenglätte sind für Severin eine uneingestandene Beglückung. Er tritt die Oigarre aus und beiden schweigen. Dann wird die abri mit einemmal ganz schwer, hängt hilfsbedürftig in seinem Arm, und er muß zufassen, daß sie ihm nicht zu Boden fällt. Das ganze sieht verdammt nach einer Ohnmacht aus.
„Nanu, was ist denn los?" fragt er erschrocken.
„Bißchen schwindlig", stammelt sie mit geschlossenen Augen. Die Lust, das Steigen sind schuld, auch etwas Mache ist dabei; sie kann das selbst nicht so auseinanderhalten. Sie läßt ihre Stirne an Severins Rockaufschlag sinken und haucht: „Es wird schon besser; verzeihen Sie, daß ich mich so scheußlich benehme."
Nun hat er ihren Kopf, ihren Duft, all dies Aufstachelnde ganz nahe, viel zu nahe. Sie ist kleiner als er uno in ihrem reduzierter? Zustand sehr schutzbedürftig und rührend. Ein Stückchen Wärme und Seide, ein Stückchen Weichheit und Frau sind ihm da überantwortet, und er weiß nicht recht, wohin damit in diesem Wald ohne Bänke. Endlich entschließt er sich zu einer Aktion, für Buchenlaub und Moos. Er nimmt das zitternde, nach einem unbekannten Parfüm riechende Seidenbündel auf feine Arme, trägt es auf einen netten Platz in der Nähe und läßt es sanft zu Boden gleiten. Die Fabri läßt die Lider zu und flüstert: „Danke! Ich habe gar nicht gewußt, daß Sie so stark sind! Es ist schön, getragen zu werden. Setzen Sie sich neben mich, bitte."
Es ist eine ungewöhnliche Situation für Severin, aber er ist gar nicht unzufrieden damit. Er ist aufgestöbert und durcheinandergebracht, und seine guten Vorsätze sind verflogen. Ihm ist merkwürdig leicht zumute, und er hat das starke Verlangen, etwas zu tun, das eine Wendung bringt. Und plötzlich ist fein Mund auf dem der Fabri.
„2)as war gut", sagt die Fabri langsam, und öffnet schläfrig die Lider. Dann ist sie mit einemmal erstaunlich wach und lebhaft und reißt Severin in einen Strudel von Küssen, in dem sein Verstand untergeht. Als sie endlich erschöpft in die Höhe tauchen, flüstert sie: „Mit dir hat es mich schrecklich erwischt, hörst du?" Si« nimmt ihn bei den Ohren, und ihr Blick fällt ganz tief in den feinen. „Wie machst du das eigentlich? Rein verhext hast du mich, du Strolch! Du Bandit! Damals bei dem ersten Besuch, ja schau nur, hat es angefangen, Franz. „Wo tut's weh, bitte?" hast du mich gefragt. Weißt du noch?"
(Fortsetzung folgt)


