Hr. 290 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiarr für Oberhessen)
Montag, ll. Dezember t
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Die ASV. sammelt Brotkarten.
91*5(3. Man fyat mit der Brotmarkenverteilung bereits größere Erfahrungen gesammelt und dabei festgestellt, daß viele Haushaltungen nicht alle der ihnen zugeteilten Brotmarken verbrauchen. Anderseits gibt es eine beträchtliche Anzahl von Volksgenossen kinderreiche Familien, Lang- und Nachtarbeitern, die einen besonders starken Bedarf an Brotkarten haben Durch die Brotmarkensammelaktion soll erreicht werden daß alle diese Verbraucher ausreichend mit Brot versorgt werden können. Es wird deshalb erwartet daß alle Marken, für die keine Verwendung besteht den Sammlern des Kriegswinterhilfswerks ausae- handlgt werden. Wichtig ist, daß auch bereits ver- fallene Marken abgegeben werden können.
Jahresrückschau der Verbrauchergenossenschaft Gießen
,,Anekdoten aus dem letzten preußischen Kriege" von Heinrich von Kleist. Mit einer Ballade fand die eindrucksvolle Feierstunde ihren Abschluß.
Einteilung zur vormilitärischen Ausbildung.
Anschließend an die Feierstunde marschierte die Hitler-Jugend des Standortes zum Brandplatz. Dort nahm Bannführer Brandt die Einteilung ber J^!e6ener Hitler-Jugend zur vormilitärischen Ausbildung vor. Die Hitler-Jugend soll einer halb- 1 ahn gen Ausbildung unterzogen werden, die den Z^eck^emer erhöhten Ausbildung der Jahrgänge 1921 bis 1923 im Geländesport und im Schießen verfolgt. Die Ausbildung wird in der Zusammen- mit der Wehrmacht erfolgen. Das Ziel der Ausbildung ist die Erreichung des K-Scheines der x Zunggenofsen bestätigt, daß er mit Erfolg an der Gelandesport- und Schießausbildung der HI teilgenommen hat. Im Bann 116 konnte gestern Mit der Arbeit begonnen werden. Für Butzbach Friedberg und verschiedene Landgefolgschaften werden Die 171 Frage kommenden Jahrgänge zu Lehrgängen in Gießen zusammengefaßt.
waren die Einheiten der.HiUer- ^ugend, des Jungvolks, des BdM. und der Juna- föbrer- Lichtspielhaus zusammengekommen. Dann- Eer. Br« n dt eröffnete die Veranstaltung und J €r Sprache auf die hohe Bedeutung Äe5 Lm hm. Nach der Uebertragung Q-l 2“$ be™ gemeinsam gesungenen
haa -?er ^^heit gehört unser Leben", spielte das Orchester der Gießener Hitler-Jugend eine Ouvertüre von Telemann. Dann las Intendant Dr Brä^^?s0m Stadttheater Gießen Gedichte von S9 ' ^gers und auch eines seiner
'm bxnen 005 Bekenntnis zu ^°-nln ^U9brurf kand. Nach dem Lied „Lasset rm Winde die Fahnen wehen" folgten Lesungen aus „Dre von Bolanden" (Schäfer) und
Ȋugend und Buch."
Feierstunde des Standorts Gießen der Hitler-Zugend.
In Anwesenheit zahlreicher Vertreter der Ver- teilungsstellen^and am gestrigen Sonntagvormittag 171 "Burghof die 38. Vertreterversammlung der Verbrauchergenossenschaft Gießen statt. Aufsichts- ratsvor.sitzender Schneider hieß die Vertreter, insbesondere die im feldgrauen Ehrenkleid, willkom- nien und gedachte dann der im vergangenen Jahre verstorbenen Mitglieder und der Helden, die ihr Leben für das Vaterland gaben.
Von bet llniver
2ln der Universität Gießen en ernannt: zun Dozenten für das Fach Mittlere und neuere Ge> schichte sowie historische Hilfswissenschaften Dr. phil, habil. Dietrich von Gladiß unter Zuweisung an die Philosophische Fakultät; für das Fach Veterinärhygiene und Seuchenlehre Dr. med. vet. habil. Erich Irauh unter Zuweisung an die Veterinärmedf- zinische Fakultät.
Erster Verkaufssonntag vor Weihnachten.
: 3™ weiteren Verlaufe der Versammlung gab Ge-
I schaftsfuhrer Storck, der im Ehrenkleid des Soldaten der Luftwaffe an der Versammlung teilnahm, - eingehende Erläuterungen sowohl zur Bilanz, als , auch zur Gewinn- und Derlustrechnung. Die Bilanz ^^ä^lchnet auf beiden Seiten den Betrag von Im l74'6^ 2ie ®emilTn-' und Verlustrechnung ^106 mit 446 498,48 RM. ab. Der Gewinn aus be£! ^lchaftsiahr 1938/39 beläuft sich auf 14 076,73 m - Ruckoergütungen sind für das abgelaufene Geschäftsjahr 41 000 RM. eingestellt. Aus den Erläuterungen zu der Bilanz und der Gewinn- und Verlustrechnung gewannen die Vertreter einen umfassenden Ueberblick über die Dermögensanlage der Verbrauchergenossenschaft. Die Genossenschaft zählte am 1. Juli 1938 insgesamt 7388 Mitglieder. 257 x ,fc5Il^'erv.traten neu nn. Durch Tod schieden 44, durch Kündigung 221 Mitglieder aus. Zur Bereinigung der Mitgliederlisten wurden 317 Mitglieder ausgeschlossen. Der Bestand belief sich am 1. Juli ^3$ 7°63 Mitglieder. Die Erläuterungen der
Geschäftsführer wurden von der Versammlung mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und dankbar ausgenommen. Geschäftsbericht, Bilanz, sowie die Gewinn- und Verlustrechnung wurden von der Ver- treterversammlung einmütig gutgeheißen.
Aufsichtsratsvorsitzender Schneider erstattete den Bericht des Aufsichtsrats. Er sprach von der harmonischen Zusammenarbeit zwischen Vorstand und Aufsichtsrat und betonte, daß die Geschäftsführung in jeder Beziehung die Sorgfalt des ordentlichen Kaufmanns wahre. Er dankte allen Mitarbeitern und gab dem Wunsche Ausdruck, daß es gelingen möge, auch in der Kriegszeit die Wirt- chaftlichkeit her Genossenschaft aufrechtzuerhalten.
Den Vorschlägen über die Verteilung des Reingewinns wurde von der Versammlung zugestimmt. Der gesetzlichen Rücklage werden 2876,73 RM. zu- gesuhrt. Anderen Rücklagen werden 10 800 RM. zu- geteilt, dem Winterhilfswerk wird der Betrag von 400 RM. überwiesen. Das satzungsgemäß ausscheidende Vorstandsmitglied K r e u h b u rq wurde wie- dergewählt.
Den Abschluß der Versammlung bildete ein Vor- trag des Leiters der Hauptabteilung III her Lan- I
Anschließend erstattete Geschäftsführer Schenck >en Geschäftsbericht. In grundsätzlichen Darlegungen prach er zunächst über den 'beispiellosen Aufschwung unseres Vaterlandes in den vergangenen 6 Jahren, childerte, wie sich die Verbrauchergenossenschaften in ihrer Gesamcheit innerhalb der großen Volksgemeinschaft bewährten, gab an Hand von Zahlen emen Ueberblick über die wirtschaftliche Bedeutung der deutschen Derbrauchergenossenschaften und betonte, daß es bei den V erb rauche rgeno fs en schäften m- darauf onkom, Pr°ftt.qeftllschaft-N zu sein. Dann wandte sich der Redner im einzelnen der tage ber Verbrauchergenossenschaft Gießen ju. Er Betonte, frag die Berforgungsfage innerhalb der Genossenschaft befriedigend sei und daß den notwen- oigen Einschränkungen auf dem einen oder anderen Gebiet von den Mitgliedern alles Verständnis ent- gegengebracht werde. Erfreulicherweise sei auch in diesem Jahre wieder eine Umsatzsteigerung zu ver- zeichnen. Der Gesamtumsatz stieg um 6,3 ^H. und belief sich auf 1 761 854,84 RM. Die Bäckerei und Konditorei brachte höhere Umsätze. Es wurden für 203 355 90 RM. Backwaren verkauft. Die Brennstoffabteilung verzeichnete ebenfalls erhöhte Umsätze. In den Grundbesitzverhältnissen ist keine Aenderung eingetreten. Die Zahl der Derteilungs- stellen (37) ist unverändert geblieben. Die Einrichtungen der Verteilungsstellen wurden verbessert. Der Personalbestand wurde von 99 auf 105 erhöht. Die G ?lgschastsmitglieder bewährten sich selbst in Zeiten stärksten Arbeitsanfalls. Geschäftsführer Schenck gab noch eine Reihe weiterer Einzelheiten aus dem Ablauf des Geschäftsjahres bekannt. Die Geschäftsführung werde auch weiterhin bemüht sein, ihre Aufgaben gerecht und sorgfältig zu erfüllen.
Der gestrige Kupferne Sonntag brachte unseren, Gießener Geschäften den ersten sonntäglichen Verkaufsbetrieb vor Weihnachten. Wenn auch das Menschengedränge in unserem Geschäftszentrum in Lesern Jahre am ersten Verkaufssonntag nicht so groß war, wie in Friedensjahren, da sich der Kriegszustand natürlich auch hier auswirkte, so konnte man doch die Feststellung machen, daß oer- haltmsmaßig starker Betrieb her kauffrohen Mengs aus der Stadt und her Umgegend herrschte
Bereits- um hie Mittagsstunde setzte lebhafter Zu, ström vom Bahnhof her ein, da die Landbevölkerung mit den frühen Mittagszugverbindungen gekommen war, um beizeiten am Nachmittag wieder heimkeh- ren zu können. Nicht viel später machten sich auch zu Fuß oder mit her Straßenbahn die kauf- unö schaulustigen Männer, Frauen und Kinder aus Gießen selbst und seinen Vororten auf den Weg. Und nun herrschte im Handumdrehen während der Nach« mittagsstunden großer Betrieb in den Geschäften.
Diesmal machte sich her Käuferandrang besonders m Den Geschäften mit bezugsscheinfreien Waren be- merfbar unh hier war her Anhrang zeitweise so ’ ’n ^wissen Abständen die ßahentüren
verschlossen werden mußten, um den Käuferandrang nach bester Möglichkeit bewältigen zu können. Bei
^<ir^en Nachfrage fanden in manchen Geaasten gewisse Waren so flotten Absatz, daß bet' Borrat in kurzer Zeit stark erschöpft, ja zum Teil sogar ausverkauft wurde. In den Geschäften mit bezugscheinpflichtigen Waren herrschte dagegen in ziemlichem Ausmaß Ruhe; zwar konnte man auch hier einen gewissen Geschäftsgang bemerken, im ganzen gesehen blieb aber das Weihnachtsgeschäft hinter dem Vorjahr zurück, eine Erscheinung, dis nach Lage her Dinge nur natürlich ist.
Dennoch kann man die erfteuliche Feststellung
Aus der Stadt Gießen.
Glückliches Schenken
wirklich solche Umstand- mit Bern <sÄn" n* hatte es für richtiger, wenn man h»r 3d) Ät» Lrss ”*■ 2 ^rde. Die dritte Frau hatte während br
-7 Z t .ruhig zugehört. Schließlichgriff sie em: „3n meiner Familie ist es bisher Sitte a - wesen, jeden Angehörigen zum Weibnachtsspst mit miVm,Är auVrrafU ZÄfi Uch°n Lg- zu° ton?°L-'^bt°nichto sSTah "-NN es L in54
Das Gespräch wurde noch eine Weile fortaeleht und wir haben die Hoffnung, daß die hritteftrau punk"b?kebr/ besseren Stand-
Sr« er cfcpr! W* Denn es gibt keine trostlosere Sluffaffung als die, daß man am besten qar nichts ch-nk^Gew,ß -s ist sthr bequem, nicht/ u (Z h/'^rk,?ar‘ bie Mühe des Ueberfegens, man hat keine Besorgungen zu machen und schließlich gibt es dann auch keine finanziellen Aufwendungen Unverbesserliche Phlegmatiker und schäbige Geizkragen mögen ruhig diesem Standpunkt huldigen, denn an ihnen ist sowieso Hopfen und Malz verloren. Wir andern aber haben nur ein Bedauern dafür übrig bas weihnachtliche Schenken fooiel Gluck m sich birgt, daß wir es um keinen Preis her Wett missen möchten.
i-v. 1.-1 ..^x seM. Das
rechte Schenken aber hat weder eine dicke Brieftasche noch den unbegrenzten Bezugschein zur Voraussetzung. Vielmehr kommt es beim Schenken faSS? an' f na5 ^emüf unö den Herzenstakt ^tzn zu lassen. Das Geschenk soll den Funken her Freude bei dem Beschenkten entfachen. Dieses Ergchn'is kann Mit jeher lieben Aufmerksamkeit er- wicht werden, wenn sie nur mit Geschmack gewählt r[t unh eine persönliche Note trägt. Dabei können kleine und bescheidene Dinge mitunter eine viel bessere Wirkung erzielen, als großartige Wertgegenstände, die zur Beurteilung der Kostenfrage geradezu herausfordern. ä a
Wer aber mit Liebe und Bedacht sein Geschenk zu finden versteht, der spürt auch das Glück, das dem rechten Schenken innewohnt. Das Bewußtsein anderen eine Freude zu bereiten, ist eine Quelle ständiger herzlicher Fröhlichkeit. Und wenn in diesen Wochen tm ganzen Volke diese Fröhlichkeit ledendig ist, so empfinden wir eine tiefe Genug- tuung darüber, daß soviel seelische Schwingung das Wesen unseres Volkes auszeichnet. H. W Sch
Sestrigen Sonntag fand aus Anlaß des all nÖ UTS ^Ud)" eme Feier statt. Ueber-
^?r die Hitler-Jugend angetreten, um ühpr^nH» ^^^^A"^bs'ührers, der in Kattowitz pmnfnJL deutschen Sender sprach, in Gemeinschafts- empfang zu Horen. 1 7 1
Keinen Abend vergessen:
Chlorodont
wirkt abends am besten!
desbauernschast, Wörner (Anspach i. T.), her! grundsätzlichen Ausführungen über die Marktr lang sprach und in klaren Darlegungen deren ü ragende volkswirtschaftliche und ernährungspolitt Bcheutung umriß. Die Teilnchmer her Versa lang dankten mit anhaltendem Beifall. Mit deNs Gedenken des Führers wurde die Versammlung ge» schlossen.
Bornottzen.
Tageskalender für Montag.
NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude", r dienststelle Gießen, Deutsches Volksbildu» 20.15 Uhr, Vortrag, Oberstleutnant Rit' derne Luftstreitkräfte als ausschlaggebenM^^ läge her Wehrpolitik". — Gloria-Pal'-' weg): „Irrtum des Herzens". — (Bahnhoftttaße): „Drei blaue I- blondes Mädel". — Oberly "
bis 16 Uhr Ausstellung im
dnd.
Christine begegnet dem Wunder.
Von Olaf Hinz.
Im Schatten der hohen Kastanie stand die kleine Christine und sah hinüber zum Eingang von Huse- beers Gasthaus, der hell erleuchtet war, und durch den nun immer häufiger die kommenden Besucher verschwanden.
Es war ein Ereignis für das Dörfchen, denn heute abend spielte eine Theatertruppe ein Stück. So etwas hatte es noch nicht gegeben, höchstens daß in dem Saal einmal Tanz war — aber Theater? Nein, das war noch nie geschehen. — Was es für ein Stück war, das aufgefüi)rt werden sollte, wußte Christine nicht, aber schön royrhe es sicher fein, vielleicht noch schöner als die wunderbaren Geschichten, die der alte Rubeckow, her Schäfer, ihr dann und wann erzählte.
Ähr ^rz klopfte, immer mehr Menschen kamen und gingen lachend durch die lockende Tür. Auch Ollenkamps Emma an der Hand des Vaters sah sie hinein gehen.
Der Einlaß kostete fünf Groschen — so viel hatte Christine nie besessen.
Sie stand und guckte, bis die Haustüre geschlossen und die Vorhänge vor die großen Saalfenster gezogen wurden, und das Licht erlosch.
Lautlos ging sie näher, aber ob sie sich auch reckte und spähte, sie konnte nichts sehen von den Vorgängen hrinnen. Die Vorhänge waren dicht und sperrten sie aus. — Sie hörte eine Glocke klingeln, lang und ungeduldig, und bann, nach einer Pause, noch eine kurz und hell. Eine seltsame Sttlle war im Saal. Christine lauschte — aber nichts war zu vernehmen. Ein Weilchen wartete sie noch und schaute nach den Fenstern, aber die blieben starr und abwehrend. Da ging sie langsam fort. — Doch nach ein paar Schritten stutzte sie. Das kleine Fenster an der Hinterfront des Gasthauses war schwach erhellt, und kein Vorhang wehrte dem Blick.
Sie ging näher, das Fenster war gar nicht so hoch. Wenn sie auf einer Kiste oder auf einem Schemel stehen könnte, würde sie sicher heranreichen — dann würde sie vielleicht doch etwas von dem ^Geheimnisvollen da drinnen sehen können. — Sie blickte sich um, es war alles still, dunkel, und der kleine Lichtfleck oben lockte. Sie suchte nach einer Kiste, nach etwas, das sie zum Aufsteigen benutzen konnte. Mit vorsichttgen Schritten ging sie umher, ba — sie hätte jubelnd aufschreien mögen — an der Ecke des Hauses lag ein Baumstumps. Sie lief hin und versuchte ihn fortzuschieben, aber er lag fest und schwer auf dem Boden. Sie stemmte ihren
mageren Körper dagegen, stöhnte und stieß gegen Die harte Kante. — Langsam, ganz allmählich gab Der Klotz nach. Unendlich weit erschien ihr der Weg vis zur Mauer, aber sie schaffte es. Heiß, und heftig atmend, richtete sie sich auf, als sie den Baumstumpf an der richtigen Stelle hatte. Mit klopfendem Herzen flieg sie hinauf.
Atemlos blickte sie durch das trübe Fensterglas. Das war nicht der Saal, das war nur ein ganz kleiner Raum, aber seltsam, wunderbar sah es darin aus. Da war ein kleiner Tisch und viele bunte, unbekannte Dinge lagen uncher, Tücher, Schächtelchen und Dosen, und ein kleiner zerbrochener Spiegel stand gegen die Wand gelehnt. Aber an einem Haken, dicht neben der Tür hingen — Christines Augen hatten so etwas noch nie gesehen — herrliche, schillernde Gewänder, purpurrot und himmelblau, aus Setdtz und Samt.
Und nun — ihr Herz schlug bis zum Halse hinauf — ging die Tür des kleinen Raumes auf. Sie wollte schon ängstlich von ihrem Lauscherstand hin- uMerspringen, aber da sah sie etwas, das sie wie gebannt an dem Fenster festhielt. Durch die offene Tür trat eine Gestalt, fo schön, so über alle Maßen wunderbar, wie Christine auch noch keine im Traum gesehen. — Ein schlanker junger Herr war es, aber aus einer fremden Welt. Er war in helle Seide gekleidet, in ein Wams, das glitzerte und mit hauchdünnen Spitzen verziert war. Die Hosen reichten nur bis zum Knie, aber er trug lange, zart- meiße Strümpfe, und schmale Schuhe, die mit goldenen Spangen besetzt waren. In korngoldenen langen Locken fiel das Haar bis auf die Schultern. Doch das für Christine Wunderbare waren die klaren Augen in dem schönen Gesicht. Die Augen, die wie helle Sterne strahlten und so freundlich und gut aus sah en. Sie schluckte, und starrte diesem Wesen zu, entrückt aus ihrer Welt. Ihre Lippen sagten, ohne daß sie es merkte, leise, als flüsterten sie ein Geheimnis:
„Wie ein Märchen ... ein Prinz--"
Die Gestalt war an den Tisch getreten, und weiße, schmale Hände griffen nach dem zerbrochenen Spiegel. — Wie geschoben von einer unsichtbaren Hand, drückte Christine ihr Gesicht noch dichter an das Glas — aber da, hatten ihr Finger das Glas berührt? Plötzlich sah das schone Gesicht direkt zu ihr hin. Die Augen schauten sie an, daß es ihr fast wehe tat, so tief tauchte her Blick in ihr Herz. Und dann lachten diese unbegreiflichen Augen, die Lippen öffneten sich, und Zähne, weiß wie frischer Schnee, leuchteten ihr entgegen, und feine Hand winkte ihr zu. Sie war wie erstarrt und — sah — festgehalten wie durch einen Bann.
Als die Gestalt sich nun dem Fenster näherte, fprang Christine wie gestoßen herunter. Sie lief davon, dunkle, schmale Wege entlang, bis sie vor
her Hütte des Großvaters auf der Türschwelle nie- dersank. Sie lchnte sich eng an den Pfosten und drückte die Hände auf die hämmernde Brust.
Lange saß sie in dem Türwinkel und schaute gegen den Himmel, der mit viettausend goldenen Lichtern auf sie heruntersah. Au- chren Augen rannen Tränen, aber sie lächelte, als sähe sie ein stilles, schönes Wunder, das tief in ihre Seele tauchte.
„Argonnerwald um Mitternacht.. /'
Von Hans Walther.
Es war an einem naßkalten, diesigen Novembermorgen, da erhielt die zweite Kompanie des dritten Rheinischen Pionier-Regiments Nr. 30 den Befehl, in den weiten Wäldern der Argonnen Winter-Unter- stande zu bauen. Dies war nicht ganz einfach, denn im Schatten her Maasberge lag der Feind und spähte nach jeder Veränderung oder Bewegung aus, die im Argonnerwalh vor sich ging; hoch unsere Pioniere zeigten, haß sie auch Hier auf dem Posten waren.
Nun scheint gerade bei den Pionieren nicht nur der Sinn für Humor, sondern auch für alles Gemütvolle, z. B. has Singen, besonders gepflegt zu werden; vielleicht Hängt dies mit ihrer meist handwerklichen Tätigkeit zusammen. So entstand bei den Pionieren im Argonnerwalh in hen ersten Dezembertagen bes ersten Weltkriegsjahres bas Argon- n e r l i e d. Bei her Gruppe bes Unteroffiziers Jakob Schott befand sich ein Pionier aus dem Rheinischen, namens Nießen, der zuerst „Argonner- wald um Mitternacht — Ein Pionier steht auf der Wacht" vor sich hinsummte; eines Abends wurden die Kameraden darauf aufmerksam und fragten ihn woher er das habe.'„Das fiel mir kürzlich in einer Nacht, als ich auf Posten stand, plötzlich ein", meinte Pionier Nießen, „und die Melodie habe ich zu Haufe oft gehört von meinem Vater, her in China gewesen ist und hort bei hem Boxeraufstand mit» gekämpft hat." Bald waren die Kameraden begeb
Iü,rbie Berse, sie setzten sich abends zusammen und halfen alle, weitere Verse „anzuleimen"; end- !ad)t Strophen zusammen, die gemein» gastlich gefangen wurden, wozu Unteroffizier Schott auf der Mundharmonika die Begleitung spielte Am Spätabend des 11. Dezember 1914, also oor fünfundzwanzig Jahren, spielte die Gruppe Schott das wohleingeübte „Argonnerlied" zum ersten Male ihrem Leutnant im Unterstand vor unD hoben es damit gewissermaßen aus der Taufe.
Immer wieder fang die Gruppe das Lied, bald
darauf kannte es hie Kompanie, und nicht viel spater horte man aus allen Quartieren und Unterstanden:
Argonnerwalh, um Mitternacht,
Ein Pionier stand auf der Wacht,
Gin Sternlein hoch am Himmel stand. Bringt Grüße aus dem fernen Heimatland. D^ Text wurde auf kleinen Zetteln weitergeae. den, dann brachten die Feld- und Armeezeitungen ihn, die MelMe war hier und da schon bekannt es ist dieselbe, nach der einst deutsche Matroseitz das Lied von Kiautschou gesungen hatten.
Nach und nach übernahmen auch die anderen Truppenteile das „Argonnerlied", nur wurde für? das Wort Pionier jeweils Kanonier, Artillerist, Infanterist oder sonst eine Truppenbezeichnunq eingesetzt. Als es an der Weftftont überall gesungen wurde und dann im übrigen deutschen Heere/da schlief der Verfasser, der Pionier Meßen aus Her-« zogenrath im Soldatengrab an der Maas; er war im Januar 1915 bei einem Brückenbau ' gefallen.
Sein Lied ist in den Volksliederschatz aufgenom* men worden und wird heute noch von unseren Soldaten gelungen. Manche falschen Ansichten über jeme Herkunft waren noch vor wenigen Jahren verbreitet, heute wissen wir, daß es von dem Pionier Nießen erdacht und von der Gruppe Schott in einem Unterstand mitten im dunklen Argonnerwalh Zum erstenmal gesungen worden ist.
Zeitschristen.
~ "D '-Kun st" Monatsschrift für Mal-r-k. Plastik und Wohnkultur, Dezember 1939. Verlag! g: Bruckmann, München. Im Dezemberheft wird Isabella d Este, die schone Marchesa von Mantua, die als Kunstsammlerin die hervorragendste Stellung eingenommen t)at, in einem kurzen Aufsatz gezeichnet Eine hervorragende Reproduktionstechnik tritt uns
£r b€n beiden ganzseitigen Abbildungen: Ja- tob Kaschauer „Maria mit Kind" 1443 und Meister von Kefermarkt „Hl. Florian" entgegen. Ernst Seutler macht interessante Ausführungen über bat Ceben und Werk des aus der Schweiz stammenden
Johann Heinrich Füßli, dessen Schaffen Goethe mit leidenschastlicher Anteilnahme verfolgte. Der erste Teil des Heftes schließt mit einer „Erin- nerung an August Gaul, dem liebenswerten Tier- bildner. Der weitere Inhalt des Heftes bringt Landhausbauten der Architekten Emil Schuster und Sep Ruf. Unter dem Motto: „Anregungen für hen Weihnachtstisch" fmhen wir Schöpfungen bes Rosenthal- Porzellans, neue Uhren her Kienzle Uhrenfabrik, Neuheiten der Vereinigten Lausitzer Glaswerke Sil- berarbeiten, kunstgewerblichen Schmuck und roizendes Spielzeug
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