forstliche Versuchsanstalt gegründet und in den Jahren 1926 bis 1928 das bisherige Garnisonslazarett zum Forstinsütut umgebaut.
Namen von Weltgeltung ragen hervor aus der Gelehrtenreihe, die den wissenschaftlichen Ruf der Gießener Forstabteilung begründet haben oder wahren mußten. Der klassischen Aera Hundeshagen und Carl Heyer folgte dessen Sohn Gustav Heyer. Dann Männer wie Heß, Wimmenauer und Borgmann, der mit Unterstützung von Staat und Stadt zwölf Jahre lang den Ausbau des Instituts zu einer vollwertigen Forschungsstätte betrieb. Ihnen allen, wie insbesondere auch den letzten Vertretern, die wir schweren Herzens als Kameraden verabschieden mußten, dankt die Ludoviciana am heutigen Tage nochmals herzlichst für ihren vorbildlichen Einsatz im Dienste der Wissenschaft. Dank auch der Staatsforstverwaltung, die die ungeschmälerte Pflege von Lehre und Forschung stets aus innerer Ueber^eu- gung und -in treuer Waffenbrüderschaft verfochten hat! Dank auch der Stadt, die gerade mit der Forstwissenschaft in inniger Beziehung stand und durch Ueberführung des Garnisonlazaretts aus städtischem in den staatlichen Besitz erst den letzten Ausbau bes Forstinstituts ermöglicht hat.
Es spricht für die Vitalität der Universität Gießen, daß sie noch alle Schicksalsschläge zu überwinden und' den Verlust durch produktive Kraft auszuglecchen verstand. Und so ist die Ludoviciana auch gegen- wärttg wieder im Begriffe, in den alten Räumen einen neuen Forschungszweig zu verankern und allen Schwierigkeiten zum Trotz zur Entfaltung zu bringen. . .
Das heuttge Jahresfest ist umschlossen von den Tagen der Hochschulwoche und durch Sondervorträge Mit der Gaukulturwoche verknüpft. Es ist bewußt in diesen Rahmen gestellt, denn es entspricht der Ehrfurcht vor ihrer jahrhundertealten Tradition, daß die Ludoviciana nie versagt, wenn der Geist der Zeit an ihre Pforten um Einlaß pocht. Diese Einsatzbereitschaft hat die Universttät auch in der jüngsten Vergangenheit bewiesen. Die Leitung der Volksbildungsarbeit in Gießen und dem Gesamtgebiet der Kreisleitung Wetterau liegt seit einigen Jahren in den Händen eines Angehörigen der Um- versität und über 80 v. H. der eingesetzten Redner gehören dem Lehrkörper an. Die 14 Dortragsver- anstaltüngen im Halbjahr Oktober/März waren insgesamt von 1700 Hörern besucht. Aus Wunsch der Teilnehmer, die allen Schichten des Volkes entstammten, wurden manche Vorträge wiederholt und in lebhafter Aussprache neue Anregungen für dre Zukunft entgegengenommen. Mit seiner Tätigkeit im Volksbildungwerk steht Gießen z.Z. an der Spitze aller Umversitäten. Die ausgezeichnete Zusammenarbeit von Partei und Hochschule auf diesem Gebiete gewinnt umso größere Bedeutung, als das Volksbildungswerk vor kurzem auf Verordnung des Führers der alleinige von Partei und Staat anerkannte Träger der Erwachsenen-Bildung geworden ist.
Der Widerhall, den ihre Redner gefunden haben, hat die Universität ermuntert, durch die Veranstaltung einer Hochschulwoche die Beziehungen zur Bevölkerung zu verttefen und enger zu knüpfen. Sie soll Einblick in die Tagesarbeit und die Aufgabengebiete der Wehrmacht vermitteln, um die Eigenart wissenschaftlicher Leistung verständlich zu machen. Das Bemühen, die Jugend und die Elternschaft heranzuführen an diese Probleme, bedeutet zugleich Werbung im Dienste der Aufbauarbeit, die dringend des akademischen Nachwuchses bedarf, um bereits fühlbare Lücken zu schließen.
Die Durchführung der Hochschulwoche wurde ermöglicht durch die bereitwillige Unterstützung der Landesregierung. Ich versichere sie und alle Stellen von Partei und Staat, die sich werbend um den Erfolg bemühten, am heutigen Tage unseres herzlichsten Dankes. Das Entgegenkommen der Kreisleitung und der höheren Schulen sei noch besonders hervorgehoben. Es liegt im Bestreben des Reichswissenschaftsministeriums, die Kraft der deutschen Stämme und der Landschaft heranzuziehen, um das Gesicht der deuffchen Hochschule zu formen. Möge der hessische Raum seiner ehemaligen Landesuniversität die Treue bekunden, deren sie bedarf! Die Hochschule ist redlich bemüht, dafür die Voraussetzungen zu schaffen und, ihrer volkstümlichen Grundhaltung enffprechend, ihre Pflicht zu tun.
Der Festvortrag.
Dann betrat der Direktor des Zoologischen Institutes der Universität,
von Professor Dr. Schmidt
das Vortragspult zu seiner Festtede über „ D i e Lehre vom zelligen Aufbau desTrer- körpers einst und jetzt". Der Vortragende ging in feiner Rede von der vor etwa 100 Jahren auf dem Gebiete der Biologie errungenen Erkenntnis der Wissenschaft aus, daß Tiere und Pflanzen aus wesensgleichen kleinsten Lebenseinheiten, den Zellen, bestehen, und daher wählte er als Zoologe diesen Gegenstand zum Festoortrag bei der Jahresfeier. Er beschäftigte sich sodann mit der Skizzierung dessen, was die Zellenlehre der Biologie gab: auf Fortpflanzung, Formbildung und Leistung des Organismus hat sie helles Licht geworfen und mit der Vererbungslehre ist sie so innig verwachsen, daß die Grenzziehung schwer fällt. Daran anschließend gab er eine geschichtliche Betrachtung van Botanik und Zoologie, Anatomie und Physiologie, von zahlreichen Zweigen der angewandten Biologie, in Heilkunde, Tier- und Pflanzenzucht, ohne die eine eingehende Würdigung der Zellenlehre für das letzte Jahrhundert nicht denkbar ist.
Bei der Schilderung der Entwicklung auf diesem
Gebiete der Wissenschaft gab der Vortragende einen sehr eingehenden Ueberblick über die Arbeiten der Fachwissenschaft etwa seit Beginn des 19. Jahrhunderts, wobei er die verschiedenen Stufen der Forschungsarbeit erkennbar machte und ihre Bedeutung für die Ganzheit der. Zellenlehre unter Beweis stellte. Bei diesem Ueberblick über den Entwicklungsgang der Lehre vom zelligen Aufbau des Tierkörpers trat von selbst der große Anteil hervor, den die deutsche Wissenschaft auch an der Fortentwicklung der Zellenlehre hat. Man sah auf diesem Felde d i e Seiten unseres Wesens sich bewähren, die auch sonst der deutschen Naturwissenschaft Weltgeltung verschafft haben: zäher Fleiß und vollständige Hingabe an die zu lösende Aufgabe, tief eindringende Beobachtungen, die auch dem kleinsten und letzten liebesvolles Bemühen schenkt, und zugleich damit die Fähigkeit, unter strengster Beachtung der Tatsachen die großen Zusammenhänge zu erfassen. \
Dabei blieben aber auch der Zellenlehre trotz ihrer gewaltigen Erfolge mancherlei Angriffe nicht erspart, mit denen sich der Redner am Schlüsse seines Festvorttages in einigen wesentlichen Gesichtspunkten auseinandersetzte.
Nach einem Zwischenspiel des Collegium musicum nahm das Wort
Sludentensührer Frank:
Seit drei Jahren steht nunmehr das gesamte deutsche Studententum unter der einheitlichen Führung des Reichsstudentenführers Dr. Scheel. Ebenso ist es gelungen, das gesamte Altakademiker- tum im NS.-Altherrenbund zu einen und unter eine Führung zu stellen. Gleichzeitig wurde Dr. Scheel die Leitung der großen Förderungseinrichtung der studentischen Jugend, das Reichsstudentenwerk, übertragen, so daß nunmehr die vier Säulen der Organisation des deutschen Studententums, der NSD.-Studentenbund, die Deutsche Studentenschaft, der NS.-Altherrenbund und das Reichsstudenten- werk in einer Hand vereint sind und eine einheitliche Ausrichtung erfahren haben.
Im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts war der Drang und der sehnsüchtige Wille nach dem Reich so groß geworden, daß ein Patriot wie Bismarck endlich es erreichen konnte, was uns nahezu 600 Jahre versagt geblieben ist. Und wir sind stolz darauf, daß in diesem Ringen der deutsche Student in vorderster Linie kämpfte. Das Zweite Reich war geschaffen, schien stark und unbesiegbar, aber dennoch, das wissen wir alle, fehlte ihm die Einheit, die es gebraucht Hätte, um länger zu leben, als diese gewiß an Erfolgen und Taten reichen 50 Jahre.
Die Prücke zwischen dem Zweiten und dem Dritten Reich haben auch wieder deutsche Studenten bauen helfen. Und auch daran wollen wir denken, daß ein großer Teil bester nationalsozialistischer Vorkämpfer deutsche Studenten waren. Nicht Gruppen und Einzelinteressen haben Deutschland frei gemacht, sondern der eiserne Block der Gemeinschaft.
So hat auch der Reichsstudentenführer seine Aufgaben, die er vom Führer erhalten hat, angesehen, und weil er wußte, daß im deuffchen Studententum und Altherrentum beste Kräfte der Natton liegen, darum wandte er sich an alle und die meisten kamen freiwillig und sind bereit, das zu tun, was Führer und Staat heute von uns verlangen. Auch meine Studentenschaft in Gießen hat diesen Ruf gehört und verstanden. 95 v. H. der ersten bis dritten Semester stehen als Jungkameraden in den Kameradschaften als den harten Erziehungsgemeinschaften des NSDStB. Durch diese faft restlose Erfassung war es uns möglich, zu Beginn dieses Semesters eine 8. Kameradschaft zu gründen. Darüber hinaus stehen meine Kameraden zu etwa 80 v. H. in den Gliederungen der Partei, oder sind als Polittsche Leiter tätig, oder tun als ehrenamtliche Helfer Dienst im Luftschutz, der NSV. usw. Der weitaus größte Teil der unteren Semester meiner Kameraden ist Reserveoffizieranwärter und zum Teil schon Offizier der Reserve. Ich mache diese Angaben, um uns daraus Kraft zu holen für unsere kommende Arbeit und unseren Gästen zu zeigen, daß
sie wiederum stolz auf die Studenten sein können, wie dies zu allen Zetten der Fall war und gar nicht anders sein darf.
Das deutsche Altakademikertum hat sich im NS.- Altherrenbund zusammengefunden. So haben sich in Gießen aus 12 Alcherrenverbänden acht starke Altherrenschaften des NS.-Altherrenbundes entwickelt, die uns acht ehemalige Korporationshäuser zur Verfügung stellten. Die katholischen Altherren- verbände sind im letzten Jahr aufgelöst worden und das Vermögen wird dem eigens deshalb errichteten Reichszweckoerband zugeleitet. Ebenso wurden in den letzten Monaten einige kleine Altherrenverbände, die glaubten, aus irgendwelchen Gründen nicht mithin zu können, aufgelöst, und das Vermögen wird ebenfalls dem Reichszweckoerband, der studentischen Belangen dient, überwiesen.
Der NSDStB. ist eine Gliederung der Partei. Es tritt also der Student nicht in die Kameradschaft X ein und ist damit Mitglied des Studentenbundes, sondern er tritt ein in den NSD.-Studen- tenbund und. wird alsdann in eine Kameradschaft überwiesen. Es kann sich zwar jeder Student eine bestimmte Kameradschaft wählen, der er zugeteilt wird, soweit durch die Zusammensetzung unsere politische Arbeit nicht darunter notleidet. Andernfalls kann der Studentenführer von sich aus Zuweisungen vornehmen.
Wenn ich heute am Jahrestag der Universttät unsere Kameradschaften betrachte, so bin ich noch nie so zuversichtlich gewesen, wie dies heute der Fall ist. Acht Kameradschaften mit Mitgliedern, die es freiwillig auf sich genommen haben, durch diese Schule zu gehen, und dahinter ebenso acht starke Altherrenschaften, die Willens sind, den akademischen Nachwuchs ideell und materiell zu unterstützen. Dies macht mich um so glücklicher, da ich weiß, wie unlösbar eine positive Entwicklung des NSDStB. mit seinen Kameradschaften sich mit der Entwicklung der Universität deckt. Genau wie früher wird heute der Alte Herr feinen Sohn wieder an die Stätte schicken, wo auch er seine. Studienjahre verbracht hat. Diese Frage und ihre erfolgreiche Durchführung wird ein wesentlicher Faktor für den Bestand der Universität in der Zukunft sein. Daß diese Arbeit einer erfolgreichen Entwicklung unserer Hochschule in diesem Sinne nur in engster Kampfgemeinschaft von Dozentenschaft und Studentenschaft durchgeführt wird, ist unsere feste Ueberzeugung: Nur in der Einigkeit und Geschlossenheit liegt unsere Stärke!
Das Ergebnis der preisaufgaben.
Der Prorektor Professor Dr. Dietz berichtete dann über die Ergebnisse der für das Jahr 1938/39
ausgeschriebenen akademischenPreisaufgaben.
Die Aufgabe der Medizinischen Fakul. tät lautete: „Gibt es einen hormonal gesteuerten Scheidenzyklus beim Neugeborenen?" Die hierzu von Hans Hermann Weber, Med.-Prakt., Gießen, eingereichte Arbeit wurde mit einem vollen Preis bedacht.
Die Aufgaben der Philosophischen Fa- kultät und ihre Preisträger sind:
a) Aus dem Gebiet der Griechischen Philologie: „Die Reste der verlorenen Werke des Hesiodös sind zu sammeln, zu ordnen und zu erklären." Preisträger: Wilhelm G l e n z, cand. phil. dass., Darmstadt.
b) Aus dem Gebiet der Englischen Philologie: „Das Problem der Heranwachsenden Jugend im Spiegel des zeitgenössischen englischen Romans." Preisträger: W. I a r r a s ch , cand. phil., Darmstadt.
c) Aus dem Gebiet der Wirtschaftswissenschaften: „Die Versuche zur Schaffung eines gesamtdeutschen Wtttschastsraumes seit Friedrich List." Preisträger: Walther S ch ü ck i n g, Dipl.-Volkswirt, Gießen.
d) Aus dem Gebiet der Landwirtschaft: „Rationelle Eiweißverwertung durch neuzeitliche Mechoden der Tierzüchtung und Derernährung." Preisttäger: Werner V o r m s ch l a g , cand. agr., Gießen.
Alle genannten Preisträger erhielten einen vollen Preis.
Der D i e z p r e i s wurde dem Studienreferendar Kurt Zeiger aus Lich zuerkannt für die von ihm vorgelegte Arbeit „LAT. Laborare (und arare) im Französischen".
Preisaufgaben der Osann-Beulwih-Stiftung.
1. für Studierende. Die von cand. med. Josef Frink aus Düsseldorf eingereichte Arbett „Untersuchung kleinster Joddvsen bis zu homöopathischen Verdünnungen auf den Stoffwechsel" wurde mit einem vollen Preis bedacht.
2. für andere wissenschaftlich gebildete Bewerber: Der zu dem Thema „Das Siedlungsgebiet im west, lichen Vogelsberg nach Boden, Klima und Besitz. Verhältnissen betrachtet" von Dr. Karl Löw, Assistent am Geographischen Institut der Ludwigs- Universität vorgelegten Arbeit wurde der volle Preis zuerkannt.
Nachdem der Rektor in begeisterten Worten ein dreifaches Sieg-Heil auf den Führer ausgebracht hatte, beschloß der Ausmarsch der Fahnen und des Senats die Feierstunde.
Vernichtungskrieg gegen den Kartoffelkäfer.
Der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft hat am 9. Mar 1939 die 7. Verordnung über die Abwehr des Kartoffelkäfers erlassen, in der unter Auswertung der bisherigen Erfahrungen alle Maßnahmen geregelt sind, die bei der Bekämpfung dieses gefährlichen Schädlings getroffen werden müssen. Neben der allgemeinen Verpflichtung, auf das Auftreten des Kartoffelkäfers zu achten und bei Feststellung des Befalls oder verdächtiger Erscheinungen Anzeige zu erstatten, ist das Absuchen der Kartoffelfelder in dem befallenen und bedrohten Gebiet angeordnet worden. Außerdem sind alle im Bekämpfungsgebiet vorhandenen Kartoffelfelder vorbeugend mit amtlich anerkannten Spritz- ober Stäubemitteln zu beharüleln, um den Kartoffelkäfer daran zu Hindern, sich auf diesen Pflanzen festzu- setzen und zu ernähren.
Der Kartoffelkäferabwehrdienst des Reichsnährstandes, dem die Ueberwachung dieser Maßnahme obliegt, hat durch intensive Aufklärungsarbeit die Grundlage für die Durchführung der Maßnahmen aefchaffen. Um die Einschleppung des Kartoffelkäfers aus Ländern, in denen er auftritt, zu verhüten, ist die Einfuhr von Befallspflanzen und der Erzeugnisse, mit denen der Schädling einge- schleppt werden kann, verboten oder nur unter den Beschränkungen zugelassen, die eine Einschleppung verhindern. Aehrliche Maßnahmen mußten für den Versand bestimmten Erzeugnisse aus dem deutschen Befallsgebiet in das sonstige Inland vorgesehen werden. Es ist jedoch dafür gesorgt, daß diese Beschränkungen zu keiner unbilligen Belastung der betroffenen Kreise führen. Durch das Zusammenwirken dieser Maßnahmen und die verständige Mitwirkung aller Beteiligten muß es gelingen, das weitere Vordringen des Kartoffelkäfers zu verhindern.
Hine Frau mit Herz
Roman von Hedda Lindner
Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin 24 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Und damit war sie wieder bei ihm angelangt. Er hatte fast die ganze Zeit während des Tanzens leise abgerissene Worte mit seiner zärtlichen melodischen Stimme gesprochen. Nur einmal hatte er sich jäh unterbrochen, und als sie überrascht aufgesehen, war fein Gesicht verändert gewesen: das Lächeln war verschwunden, er hatte viel älter und böse ausgesehen. Unwillkürlich hatte sie sich umgeblickt, was diese Veränderung verursacht haben könnte, aber sie hatte nur einen behäbig lächelnden älteren Herrn gesehen.
Sie mußte sich wohl geirrt haben, denn als sie Joe gleich darauf wieder angesehen, hatte er den liebenswürdig-heiteren Ausdruck wie immer gezeigt und von den Zeiten weitergesprochen, an die sie nicht erinnert werden wollte, weil jedes Zurückdenken gefährlich war.
Dina warf abermals ihre Decke zurück und machte Licht. Sie entsann sich eines Schlafmittels, das ihr der Arzt gegeben hatte, falls sie sich nicht gleich an die Höhenluft gewöhnen konnte. Es war sehr milde, aber in genügender Menge würde es helfen. Sie nahm mehrere Tabletten — so, das würde reichen. Und war es zuviel, dann war es auch egal.
Allmählich wurde sie ruhiger, das Mittel begann zu wirken. Auch der Föhn schien nachzulassen, sein zorniges Tosen war sanfter geworden, klang fast wie Musik — wie eine Geige — wie ein Menuett. — Als Dina am nächsten Tage sehr spät erwachte und ans Fenster ging, sah sie, daß es heftig geschneit hatie; die zahlreichen Schispuren, die den großen Abhang vor dem Hotel kreuz und quer durchschnitten hatten, waren völlig verschwunden. Pulverschnee. Es mußte heute ein herrliches Laufen fein, zumal die Sonne schon wieder durchgekommen war. Aber Dina hatte dennoch keine Lust. Sie fühlte sich müde, leer, wie ausgepumpt nach dieser Nacht. Sie ging wieder ins Bett und bestellte den Kaffee aufs Zimmer.
Als sie endlich angezogen war — es ging schon gegen Mittag —, meldete sich Margit und schlug vor, noch ein Stück die Dorfstraße entlang zu bummeln, ehe man zum Essen ging. Als sie wieder zum Hotel zurückkehrten, begegnete ihnen Mikeny, die
Schier auf der Schulter — er hatte inzwischen mit dem Lernen angefangen —, in Begleitung des älteren behäbigen Herrn, den Dina am Abend vorher im Hotel gesehen hatte. Man blieb beieinander stehen.
„Mr. Grisfin aus USA.", stellte Mikeny ihn den Damen vor, woraus Mr. Griffin sich feierlich verbeugte. Zu einer längeren Unterhaltung kam es nicht; Mikeny berichtete nur kurz, daß er seit drei Tagen an einem Schikurs teilnehme und daß am heutigen Abend kein Tanz, sondern Wunschkonzert im Claridge fei; die Damen möchten sich rechtzeitig über ihre Lieblingsstücke klarwerden.
Dann trennte man sich mit Schiheil, Mr. Griffin machte abermals eine feierliche Verbeugung, und Dina überlegte während der nächsten zehn Schritte, was ihr an diesem Manne aufgefallen war; irgend etwas hatte sie befremdet, aber sie wußte nicht, was es war. Es lohnte auch kaum, darüber nachzudenken. —
Holk war tatsächlich verhindert gewesen. Er hatte sogar sein möglichstes versucht, sich frei zu machen, und die Mißstimmung darüber, daß es ihm nicht gelungen war, hatte feine Stimme bei der telefonischen Absage etwas weniger herzlich klingen lassen als sonst. Es paßte ihm durchaus nicht, die Frau, die er heiraten wollte, dort oben in Gesellschaft ihrer Kusine und ihres früheren Mannes zu wissen. Ueber Margit hatte er sein Urteil fettig. Die halbe Stunde ihrer Bekanntschaft, unterstützt durch das, was Dina ihm erzählt hatte, genügte ihm, und daß ein Mann, der aus sah wie Mikeny, immer eine Gefahr war, darüber gab er sich feiner Täuschung hin.
Um so mehr drängte es ihn zur Entscheidung. Ein HinuNdherziehen lag feiner energischen Natur ohnehin nicht, und außerdem lenkte ihn die Ungewißheit von seiner Arbeit ab. Neulich hätte er um ein Haar Mist gemacht bei der Einteilung, als die Wiener Maschine plötzlich ausfallen mußte, weil der Motor nicht klar war. Das hätte eine schöne Schweinerei geben können, und es war ziemlich unwahrscheinlich, daß der Bezirksleiter Verliebtheit als genügende Entschuldigung angenommen hätte.
Er war bereits entschlossen, bei nächster Gelegenheit wieder nach Arosa zu fahren, als ihm am Montagfrüh Dinos Airruf mitgeteilt wurde. Er Heß sich sofort verbinden. „Man sagte mir, daß am Samstag von Arosa angerufen wurde, ist etwas passiert?" fragte er besorgt, als er sie am Apparat hatte.
„N—nein", tarn es zögernd zurück, „mir fiel nur ein, daß Sonntag ein großes Schichilbi auf der
Camennahütte war, und da dachte ich. Sie könnten sich vielleicht doch frei machen."
„Sonst hatten Sie keinen Grund, mein Kommen zu wünschen?" Einen Augenblick blieb es still, bann: „Sie wissen, daß ich wich immer freue, wenn Sie kommen."
„Um höfliche Reden auszutauschen, brauchten wir uns eigentlich nicht über die Landesgrenzen zu unterhalten", kam es ironisch zurück.
„Es wäre gut, wenn Sie kommen könnten", sagte Dina nun, „ich — ich fühle mich augenblicklich nicht wohl."
„Dann mache ich mich auf alle Fälle zum Wochenende frei."
„Cher können Sie Nicht?" Jetzt lag offenes Drängen in ihrer Stimme.
„Frühestens Donnerstag abend, wenn ich Urlaub anfordere. Dina, sagen Sie doch, ist etwas geschehen?"
Der Draht Übertrug das Lachen, aber nicht, wie mühsam es erzwungen war. „Nichts ist geschehen, ich freue mich auf unsere nächste Schitour. Auf Donnerstag abend bann."
Dennoch wurde Holk die quälende Unruhe in diesen Tagen nicht los. Weil er Dina liebte, fühlte er die Gefahr, die ihr und bannt seinem Glück drohte, ohne sie verstandesgemäß zu erfassen. Leider, denn dann hätte er wahrscheinlich um sofortigen Urlaub gebeten: zum Ordnen feiner Privatangelegenheiten.
Als er schließlich am Donnerstag erschien, war Dina Wegner vier volle Tage länaer dem Einfluß des Mannes ausgesetzt gewesen, der einmal ihre große Liebe war und nun — darin unterschieden sich diese Tage von den vorhergehenden — bewußt alle Register zog, um sie wieder zu gewinnen. Im geheimen unterstützt von Morgtt und angefeuert durch die Anwesenheit des Mister John W. Griffin, der seine Rolle so vollendet spielte, daß er trotz Mikenys geheimem Widerstand in dem Roederschen Kreis Einlaß fand.
Mr. Griffin wirkte sehr harmlos und manchmal foaar ein klein wenig lächerlich; er war der typische ältere Junggeselle, der seine besten Jahre den Geschäften gewidmet hatte und nun vor Toresschluß noch etwas vom Leben mitnehmen möchte. Dina fand ihn nicht sonderlich sympathisch, obwohl er zu ihr von ausgesuchter Höflichkeit war. Sie wußte jetzt auch, was ihr beim ersten Zusammentreffen an ihm aufgefallen war: sein Blick hatte manchmal etwas Scharfes, Stechendes, was nicht zu seinem biederen, gemütlichen Aussehen paßte und ihm ein
ganz anderes, fremdes Gesicht gab. Sie war immer nur sehr kurz, diese Veränderung, kaum Sekundenbruchteile — und Dina wahrscheinlich die einzige, die es beobachtet hatte.
Holk fand Dina sehr viel weniger frisch als vor vierzehn Tagen und von einer nervösen Reizbarkeit, die er bisher nicht an ihr gekannt hatte. Es ergab sich von selbst, daß er nun ebenfalls dem Kreis ein gefügt wurde, was ihm nur recht war; ihm lag daran, die Leute um Dina etwas näher zu betrachten. ,
So lernte er Mikeny schon am ersten Abend kennen, und sofort war auch die Gegnerschaft zwischen den beiden Männer da. Gegnerschaft nicht nur wegen der Frau, Gegnerschaft auch aus der Verschiedenheit ihrer Natur heraus. Holk war fein Philister; er hatte während feiner Motenzeit in Columbien sich oft genug als Draufgänger gezeigt, denn an schwierigen und gefährlichen Untern^« mungen hatte es dort nicht gefehlt. Aber er war ein grober und klarer Mensch, das Schillernde, Unangreifbare in Mikenys Wesen stieß ihn ab. Er roitierte hinter der glatten Außenseite Dinge, die erheblich weniger glatt waren, und es empörte ihn, daß dieser Mann es wagte, sich Dina aufs neue zu nähern.
Denn das tat er ganz offenkundig, tat es mit einer gewissen lächelnden Ueberlegenheit, die Holk bei sich eine Unverschämtheit nannte. Allein die Tatsache, daß Mikeny Dina mit der französischen Form ihres Namens nannte — als einziger — reizte ihn jedesmal, wenn er es hörte. Es schuf ein Band zwischen den beiden — und gleichzeitig entfernte der ungewohnte Name unwillkürlich die Frau von ihm. Und daß ihre Nervosität irgendwie mit ihrem früheren Mayne zusammenhing — es brauchte nicht allzuviel Kombinationsgabe, um das herauszufinden.
Mikeny seinerseits begriff auf den ersten Mick, daß Holk ein ernst zu nehmender Rivale war; ein Mann, der in so kurzer Zett zum zweiten Male in Arosa austauchte — er hatte ihn sofort wiedererkannt — den zog mehr als nur ein flüchtiges Gefallen. Hatte er bisher in erster Linie an Dinas Vermögen gedacht — von dessen Umfang er nur nebelhafte Vorstellungen hatte — nun er Holks Interesse merkte, wurde sein Mannesinstinkt a* reizt; jetzt ging.es auch ihm um die Frau. Vielleicht hat der schöne und verwöhnte Joe Mikeny niemals vorher so die Eifersucht kennen gelernt, wie in diesen wenigen Tagen in Arosa.
(Fortsetzung folgt.)


