Nr. ld<) Drittes Blatt
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Aus -er Stadt Gießen.
Reisevorfreude.
Der Zauber eines Maimorgens gibt uns — noch ehe wir unser Tagewerk beginnen — neue Kraft, neuen Mut. Da flüstern die Gräser, das Getreide rauscht feierlich. An den Blüten und Blättern der Pflanzen glänzt der Morgentau. Dann kommt die Sonne durch die Wolken. Ist das ein Funkeln und Leuchten! Die Lerchen steigen in die Himmelsluft ...
Da packt uns uralte Sehnsucht nach der Ferne. Gings unfern Vorfahren nicht ebenso? Sind sie nicht auch hinaus in die weite Welt gezogen, erfüllt von ewiger Sehnsucht? Wer deutsch fühlt, wer sein Vaterland kennen und lieben will, der mutz es sich erwandern; denn Wandern ist Sehnsucht nach Befreiung, ist Entdeckerfreude und Hingabe. Das weite Deutschland wartet auf uns ...
Im Frühling will das menschliche Herz nicht zur Ruhe kommen. Reisen und Wandern, das ist ja die Wiederkehr der Jugend. Mit offenen und beglückten Augen wollen wir hineinschreiten in die schöne Welt. Alle Verpflichtungen lassen wir hinter uns, wir sind frei und ungebunden. Wir freuen uns über die Landschaft, über die Menschen, wir sind glücklich ...
Nun kommen die Tage der Vorbereitung, die Tage der Erwartung, nun kommt der Ausblick auf die Sommerreise. Es ist so, als ob wir auf einem hohen Turme stünden und schauten hinaus in eine weite Landschaft. Ganz drüben, hinter den blauen Bergen, wissen wir ein Plätzchen, am plätschernden Bach, ganz heimelig und lauschig. Da brachten wir ein paar Wochen im vorigen Jahre zu, da fanden wir Erholung und Erquickung, Sorgen und Arbeit waren vergessen ...
Wir holen das Kursbuch mit den vielen Zahlen. Aus den trockenen Zahlen und schwarzen Strichen weht ein geheimer Hauch! Sommerreise! Wir vergleichen und studieren die verschiedenen Züge, versuchen statt der v-Züge beschleunigte Züge zu nehmen, und siehe! es geht! Da haben wir Anschluß, da geht es wieder nicht. Fangen war also von vorne an. Vielleicht geht da ein Auto. Auch darüber gibt uns das Kursbuch Auskunft. Wir stellen fest, daß wir gerade noch Aufenthalt haben, um in M. einen guten Freund zu besuchen. Dann geht's wieder weiter, die letzte Viertelstunde zu Fuß. Dann sind wir an Ort und Stelle.
So ziehen tausend Hoffnungen, tausend Erwartungen durch unser Herz, wie gaukelnde Schmetterlinge umflattern sie uns, erhellen uns den Tag und
Gommer-Fahrplan 4939
des Gießener Anzeigers
AufGrund einer Anordnung desNeichsverbandes der Deutschen Zeitungsverleger vom 8. ds. Mts. ist der Vertrieb von Fahrplänen in Hestform nur gegen Berechnung eines Verkaufspreis es statthast.
Demgemäß kann die Aushänd'gung des neuen Sommer-Fahrplanhefies nur gegen Erhebung von 10 Rpf. erfolgen.
Oie Auslieferung durch unsereAusträgerinnen in derStadt und durch unsere Dertriebsstelleninhaber in den Landgemeinden wird von Samstag, dem 13. Mai, an durchgesührt. '
Verlag des Gießener Anzeigers
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen) Donnerstag, 1L Mai 1959
Jahresfeier der Ludwigs-Universität Gießen.
Diesmal etwas zeitiger im Jahr beging die Ludwigs-Universität am gestrigen Mittwoch in Verbindung mit der Hochschulwoche ihre 3 3 2. Jahresfeier. Nach dem Einmarsch des Senats und der Fahnen leitete der Akademische Gesangverein unter Mitwirkung von Gustav Bley und unter Stabführung von Musiklehrer Schüttler den Festakt mit dem Vortrag eines Chores aus Schillers „Lied von der Glocke" in der Vertonung von Max Bruch ein. Danach betrat
Se. Magnifizenz der Rektor Pros. Br. Seifer:
dgs Podium, um in herzlichen Worten die Ehrengäste der Universität zu begrüßen, an ihrer Spitze Staatssekretär Reiner von der Landesregierung, Kreisleiter Backhaus, den Kommandierenden General des IX. Armeekorps, General der Artillerie Dollmann, Seine Magnifizenz den Rektor der benachbarten Philipps - Universität zu Marburg, Professor Dr. G i e s e k i n g , und Oberbürgermeister Ritter. Dann führte der Rektor folgendes aus:
In das laufende Studienjahr fällt die 332. Wiederkehr des Gründungstages der Universität. Die wechseloolle Geschichte ihrer ruhmreichen Vergangenheit zieht an diesen Tagen im Geiste an uns vorüber. Ein kleines Kulturzentrum im hessischen Raume, hat die Ludoviciana wie andere Kulturstätten auf deutschem Boden im Laufe der Jahrhunderte eine Kraft entfaltet, die den Rahmen ihrer regionären Bedeutung sprengte und hervorragenden Gelehrten aller Wissensgebiete in Gießen eine dauernde oder vorübergehende Heimstätte bot. Ich erinnere nur an allbekannte Namen wie den Physiker Röntgen, der in Gießen zur Ruhe gebettet ist, und Justus Liebig, den Begründer des Weltrufes der deutschen Chemie, der 57 Semester in Gießens Mauern wirkte und hier seine grundlegenden Arbeiten schuf.
Schon im 18. Jahrhundert hatten die Naturwissenschaften und deren angewandte Disziplinen einen bedeutenden Auftrieb erhalten. Die vielfach führende Stellung Gießens entsprang der Gegenwartsnahe, die richtunggebend für die Entwicklung und den Ausbau der Ludoviciana war. 1720 wurde die Anatomie errichtet, 1767 das chemische Laboratorium im botanischen Garten, der, dts einer der ersten in Deutschland, schon 1609 erstanden war. 1765 führten sich in Gießen die ersten geologischen Exkursionen auf Deutschlands Hochschulen ein. Die 1777 begründete einzigartige ökonomische Fakultät umfaßte bereits die Disziplinen der Forstwissenschaft und der Tierheilkunde. Seit dem Jahre 1828 ist die Tierheilkunde ohne Unterbrechung vertreten, seit 1914 als selbständige Fakultät. Der Anspruch auf Einführung des Unterrichts in der Landwirtschaft wurde von der philosophischen Fakultät schon 1860 erhoben, um dann 1870 befriedigt zu werden.
Für die fortschrittliche und lebensnahe Geisteshaltung der Universität war besonders bezeichnend ihre positive Einstellung gegenüber den Forderungen der aufblühenden Technik an die Wissenschaft. 1819 wurde eine Professur für Technologie, Eisenhütten- und Bergwerkskunde errichtet, womit für Hessen die Universität Gießen auch die Funktionen einer technischen Hochschule übernahm. 1820 begannen die Vorlesungen, verbunden mit Führungen durch Werkstätten und Fabriken. 1838 folgte ein Lehrstuhl für chemische Technologie, und noch 1864 ein Institut für Bau-, insbesondere Jngenieurwissen- schaften. Von 1819 bis 1874 konnten die Poly- techniker nur in Gießen den Doktorhut erwerben. Das Institut für Bau- und Jngenieurwissenfchaft mußte 1874 mit der Verlegung dieser Lehrstühle nach Darmstadt die Pforten schließen, das technologische 18§2. Das architektonische Kabinett wurde von Hugo von Riethgen, dem letzten Vertreter des Baufachs und dem Wiederhersteller der Wartburg, als kunstwissenschaftliches Institut der Universität weitergeführt. So war es der Ludoviciana von einem schnöden Schicksal mißgönnt, die moderne Universitas restlos zu entwickeln. Es ist nicht überflüssig, zum Ruhme Gießens auf die Priorität dieses Gedankens und seine erste Verwirklichung hinzuweisen.
Es sind also nicht immer unabwendbare Katastrophen gewesen, die die Universität heimgesucht und ihr Gefüge erschüttert haben. Umso schmerzlicher ist es, daß auch das vergangene Jahr wieder eine Bresche schlug und die Forstabteilung der Universität einem Auflösedekret zum Opfer fiel. Schon 1777 nach Errichtung der ökonomischen Fakultät
hatte der bedeutende Staatswissenschaftler und Kameralist Schlettwein die Forstwirtschaft in den Lehrplan eingefügt. Aber erst 1788 mit der Berufung Friedrich Ludwig Walthers begann der reguläre Vorlesungsbetrieb. Am 10. Oktober des vergangenen Jahres konnte somit die Ludoviciana als einzige Universität einer 150jährigen lückenlosen Pflege der Forstwissenschaft gedenken. 1800 wurde der forstbotanische Garten eingerichtet und 1825 nach dem jetzigen Forstgarten am Schiffenberg ver-
Man kann jetzt auf 2 Arten braun werden:
1 Allmählich an die Sonne gewöhnen, was dos vernünftigste ist. Dann nimmt man die bewahrte NIVEA-CREME!
2. Vom ersten Tag an lange in der Sonne bleiben und - schnell braun werden I Dann braucht manNIVEA-ULTRA-OLmit dem verstärkten Lichtschutz.
legt. Die 1825 gegründete und seither mit der Universität in einer gewissen Personalunion verbundene Forstlehranstalt wurde 1831 gleichberechtigtes Universitäts-Institut, Die gleichzeitige Eingliederung der Forstwissenschaft in die philosophische Fakultät, die von der Forstabteilung bis in die letzten Tage als die glücklichste Lösung vertreten wurde, sicherte die enge Verbindung mit den Grundwissenschaften. Anläßlich der 100-Jahrfeier dieser Ereignisse konnte der damalige Rektor mit Stolz betonen, daß damit Hessen als erstes Land der Welt einen Schritt vollzog, der für die Zukunft der Forstwissenschaft Dort grundlegender Bedeutung war. 1882 wurde eine
Reichsappell der schaffenden Jugend.
Am Montag, 15. Mai, früh 7 bis 7.45 Uhr, findet der 2. Reichsappell der schaffenden Jugend des Großdeutschen Reiches statt. Im Rahmen dieses Appells spricht der Leiter des Jugendamtes der Deutschen Arbeitsfront, Berlin, Oberbannführer Schroeder, zu den überall in Stadt und Land versammelten Jungen und Mädeln, ebenso wie zu den Betriebsführern, Ausbildern, Handwerksmeistern und Erziehern.
Im Rahmen dieses Reichsappells ist in allen größeren Betrieben ein diesbezüglicher Betriebsappell der Jugendlichen (einschließlich der in kaufmännischen Abteilungen beschäftigten Jungen und Mädel!) anzusetzen. Für die in Kleinbetrieben und in Handel, Handwerk, freien Berufen und in der Hauswirtschaft beschäftigten Jugendlichen ist ein Gemeinschaftsempfang angeordnet worden, über dessen Durchführung örtlich von den Dienststellen der Deutschen Arbeitsfront entsprechende Bekannt- machungen ergehen.
Es wird erwartet, daß die Jugendlichen sich restlos beteiligen und daß sie hierzu von ihren Be- triebsfuhrern und Meistern angehalten werden. An alle in der Betreuungs- und Erziehungsarbeit der schaffenden Jugend stehenden Volksgenossen und Volksgenossinnen ergeht die Aufforderung, dem Gemeinschaftsempfang beizuwohnen.
Bann-, Iungbann- und DOM.-Sozialsten«.
Am Montag, 15. Mai, von 7.15 bis 7.45 Uhr, findet der zweite Reichsappell der schaffenden Jugend statt. Alle Jungarbeiter und Jungarbeiterinnen haben in ihren Standorten an diesem Appell teilzunehmen. Die näheren Anweisungen ergehen noch durch die Standortbeauftragten. Sind größere Betriebe vorhanden, die Gefolgschaftsappelle abhalten, so haben die Jg. und Jgn. hieran teilzunehmen.
die Arbeit. Leicht und beschwingt gehen wir unfern Geschäften nach. Nachts kommen Reiseerinnerungen in unsere Träume. Wir versäumen keinen Zug, ärgern uns nicht über unangenehme Nachbarn. Noch ist alles rosig überdeckt mit dem Schleier der Vorfreude.
Aber Geduld müssen wir noch haben. Der Sommer ist ja noch nicht da. Wir wollen gern warten, und wenn wir einen vorbeifahrenden O-Zug sehen, dann wird unser Herz schneller klopfen, und wir werden ihm mit erwartungsvollen Augen nachschauen und denken: Nur noch ein paar Wochen, dann kann ich auch reifen. Dann sollen die schönsten Tage des Jahres für mich anbrechen.
Die Vorfreude aber soll inzwischen unser Herz erfüllen und uns bei der Arbeit helfen. Sie ist vielleicht das schönste an der ganzen Reise. Wir müssen sie genießen wie die Kinder die Tage vor dem Weihnachtsfest. H.
Dornotizen.
Tageskalender für Donnerslag.
Gaukulturwoche: 10 bis 13 Uhr und 15 bis 18 Uhr im Oberhesfischen Museum (Altes Schloß) Son- derausstellung „Das Haus- und Dorfbuch". — Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr, Gastspiel Lil Da- gouer „Spiel im Ernst". — Gloria-Palast (Selters- weg): „Der Florentiner Hut". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Das Abenteuer geht weiter".
Lil Dagooer im Sladtlheater.
Staatsschauspielerin Lil D o g o v e r gibt heute ein einmaliges Gastspiel im Stadttheater. Die bekannte Bühnen- und Filmkünstlerin gastiert mit Berliner Ensemble in „Spiel im Ernst", Komödie von G. T. Buchholz. Die Spielleitung hat Karl-Heinz Martin, Bühnenbild Karl Löffler. Es wirken ferner mit Camilla Weber, Heinz Könnecke, Henry Rübesam, Edu
Wefener. Dieses einmalige Gastspiel findet außer Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr.
Achtet auf den Fahrplanwechsel.
Lpd. Wer in diesen Tagen verreisen will, tut gut daran, sich rechtzeitig in den Reisebüros ober an den Auskunftsschaltern der Bahnhöfe über die Fahrpläne genau zu unterrichten. Denn in der Nacht vom 14. zum 15. Mai, ober genauer am 15. Mai 0 Uhr, tritt bei der Deutschen Reichsbahn der Sommerfahrplan in Kraft. Er bringt roieber zahlreiche Fahrplanänberungen und vor allem eine Fülle neuer Verbindungen und Anschlüsse, so daß es sicher in manchen Fällen ratsam erscheinen kann, eine dieser Tage geplante Reise erst nach dem Fahrplanwechsel anzutreten.
Aufgaben und Ziele der Deutschen Filmakademie. Ein Vortrag von Wilhelm Müller-Scheld.
Im großen Saale des Frankfurter Saalbaues sprach gestern abend in einer Kundgebung der Gau- kulturwoche der Präsident der Deutschen Filrnaka- bemie, Wilhelm Müll er-Scheld, über Aufgaben und Ziele der Deutschen Filmakademie. Nach einerh musikalischen Vorspiel des Rhein-Mainischen Landesorchesters unter Leitung von Gaumusikinspizienten Fritz Cujä hieß Landeskulturwalter S t ö h r im Austrage des Gauleiters die Anwesenden willkommen. Er begrüßte insbesondere die Vertreter von Partei und Staat, Wehrmacht und Behörden sowie den Redner des Abends, Pg. Müller-Scheld, und gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß dieser auch nach seiner ehrenvollen Berufung in fein jetziges Amt immer mit seinem alten Gau und mit Frankfurt (vornehmlich durch Uraufführungen feiner Stücke) in Verbindung geblieben sei.
Darauf ergriff Präsident Müller-Scheld das Wort. Er erinnerte an den Erlaß des Führers vom 18. März 1938, durch den die Film-Akademie gegründet wurde, womit der Film allen anderen Künsten als gleichberechtigt an die Seite gestellt ist, und an bas Wort bes Führers, baß bie Kunst eine heilige, zum Fanatismus verpflichtenbe Mission sei. Die Aufgaben bes Films habe Dr. Goebbels dreifach umschrieben mit den Sätzen, daß Kunst von Können komme; daß Wirtschaft und Technik der Kunst untergeordnet seien; und daß der Dienst am Volke das vornehmste Anliegen des Films fei. Aus der im Vergleich zum Drama ungeheuren Breitenwirkung des Films ergebe sich eine außerordentlich hohe Verantwortung. Der Film fei heute das, was früher das Volkstheäter war; er könne alle Schichten des Volkes erfassen — als Kulturbringer wie als Erzieher. Eingehend auf bie Wirkungsmöglichkeiten bes Films mürbigte ber Präsibent bie filmischen Funktionen ber Aufklärung, ber Meinungsbilbung, ber Sprachpflege. Es habe lange gebauert, fo fuhr er fort, bis ber Film ernst genommen und gesellschaftsfähig würbe; erst seit 1933 habe der beutsche Film ein Programm unb ein eigenes Gesicht bekommen. Ein Aufschwung ber Entwicklung sei nicht zu leugnen, aber ber Erfolg einer entschlossenen Film-Kulturpolitik werbe sich erst später zeigen. Wir brauchen für ben ibeaten Film Persönlichkeiten: bie sollen auf ber Film-Akademie ausgewählt und erzogen werden. Aufklärung tue not: bie meisten
Kinobesucher hätten keine Ahnung bavon, wie eigentlich ein Film entsteht. Es gebe allein 23 Berufsgruppen, die an ber Entstehung eines Filmes beteiligt seien. Präsibent M ü l l e r - S ch e l b zählte sie im folgenben auf und und kennzeichnete einige der wesentlichsten: den Lektor, den Dramaturgen, den Autor — „die Erneuerung des Films kann nur über den Autor kommen" — aber die Autoren verhielten sich vielfach (unb nicht ganz ohne Grunb) ablehnenb gegen ben Film, ba sie von diesem schlecht behandelt würden. Die Bildung eines Stammes von Filmschriftstellern, womöglich, sogar von Dichtern, sei eine der schönsten Aufgaben.
Es war des weiteren bie Rede von der Notwendigkeit einer originalen Filmmusik, von ber Berufung zum Spielleiter, vom dornenreichen Beruf des Darstellers, über dessen Tätigkeit noch immer völlig falsche Vorstellungen im Umlauf seien. In der Filmakademie müsse jede einzelne Berufsgruppe in der Ausbildung harmonisch auf das große Ganze abgestimmt fein; für jeden Schüler muffe auch ein lleberblicf über alle Zweige und Funktionen ebeiifo gefordert werden wie die weltanschauliche Voraussetzung. Es sollen keine Spezialisten gezüchtet, sondern Persönlichkeiten geformt werden. Die Ausbildung an der Akademie solle nicht mit Angstzuständen, sondern mit Lustgefühlen vor sich gehen; keine Referate und Zettelkataloge — sondern Substanzvermittlung: d. h. beispielsweise, der Schüler solle in Literatur nicht nur über Kleist und Shakespeare etwas hören, sondern gleichzeitig von ihnen, damit er eine lebendige Anschauung bekommt.
Nach einem interessanten Exkürs über bie Frage ber Diskussion unb ber Meinungsäußerung im Unterricht gab ber Präsibent eine Uebersicht über Lehrplan unb Methoben ber Akabemie. Es gibt brei Fakultäten, bie künstlerische (unter Lieben- einer), bie technische unb bie wirtschaftliche. Der gesamte Stoff ist auf vier Semester verteilt, bie organisch aufeinanber aufbauen. Erst kommt die allgemeine Uebersicht, bann bie spezielle Ausbildung, dann die praktische Ausbildung, zuletzt die Generalleistungsprobe oder das „große Herbstmanöver": bie Akabemie breht mit lauter eigenen Kräften einen eigenen Film. Wer soll aufgenommen werden? Die Zahl der Schüler ist beschränkt, bie Zahl ber Angebote riesengroß. Entscheibenb sind nicht „Beziehungen", sondern ganz außergewöhnliche Begabung. Die Arbeitsweisen und Auslesemethoden der Akademie schilderte Präsident Müller-Scheld temperamentvoll und anschaulich an Hand sehr interessanter Beispiele aus der Praxis; er schloß mit dem wiederholten Hinweis auf die ungeheuer verantwortungsvolle Arbeit, die an der Akademie zu
leisten fei: man müsse die Reichweite und Wirkungsmöglichkeiten des Filmes bedenken. Aus jährlich 430 Millionen Besuchern würden in zwei Jahren 600 Millionen geworden fein! Und wenn man auch nicht behaupten könne, daß ein Film gut oder schlecht macht — besser oder schlechter (es sei wie mit den Büchern) mache er bestimmt.
Nach dem mit starkem Beifall aufgenommenen Vortrage erklärte Landeskulturwalter Stöhr, man könne mit Genugtuung feststellen, daß in Müller- Scheld ein echter Nationalsozialist an der Spitze ber Akademie stehe. Mit dem Gruß an den Führer und dem Gesang der Nationalhymnen wurde die Kulturkundgebung geschlossen. hth.
Meisterleisiungen des deutschen Kulturfilms.
Eine der wertvollsten Veranstaltungen der Gau- kulturmoche war eine Kulturfilm-Vorführung im Frankfurter Gloria-Palast, zu der der Landesleiter Hessen-Nassau der Reichsfilmkammer, Aloys H i l d - m a n n, eingeladen hatte. Landeskulturwalter S t ö h r wies nach einem musikalischen Vorspiel in einer Einführung darauf hin, daß man einen Film- Tag, wie er in jeder Kulturwoche üblich ist, nicht mit einem Starfilm-Programm und Autogrammjägerei habe begehen wollen; vielmehr wolle man einem Stiefkinds des deutschen Films, dem Kulturfilm nämlich, eine Würdigung zuteil werden lassen, die er verdient. Wir haben heute, so führte der Landeskulturwalter aus, noch keineswegs den mustergültigen nationalsozialistischen Spielfilm; die Schwierigkeiten seien hinlänglich bekannt, aber mancher Spiölsilm müsse doch vom nationalsozialistischen Standpunkt abgelehnt werden. Was den Kulturfilm betreffe, fo fei eine solche Ablehnung nicht oder nur ganz selten erforderlich. Hier sollen nun eine Reihe von Kulturfilmen gezeigt werden, die als vorbildlich und in hohem Maße volksbildend und volkserzieherisch zu gelten haben. Der deutsche Kulturfilm habe allenthalben, auch vor dem Forum einer strengen internationalen Kritik (Biennale in Venedig!) die höchste Anerkennung gefunden. Der Landeskulturwalter schloß mit der Bitte an die Presse, sie möge dem Kulturfilm (dessen Bewertung meist hinter der bes Spielfilms zurücktrete) künftig eine eingehenbere Würbigung zuteil werben lassen.
Daß diese Aufforderung gerechtfertigt erscheint, erwies die kleine Folge ber Kulturfilme, bie anschließend vorgeführt wurden. Man sah hier eine
Auswahl ber deutschen Kulturfilmproduktion (Ufa, Terra, Tobis), die samt und sonders als Spitzenleistungen auf diesem Spezialgebiet angesehen werden dürfen und eine Auszeichnung mit hohen Prädikaten verdienen. Einige von ihnen sind übrigens, wie wir uns entsinnen, bereits früher bei uns in Gießen gelaufen. Eine ausgezeichnete Arbeit ist der Film von der Heeres-Reit- und Fahrschule in Hannover, der Meisterschule der deutschen Reiterei. Der Film zeigt die Arbeit in den verschiedenen Abteilungen (Dressur, Springstall, Rennstall, Fahrschule) und ihre Anwendung in ber Praxis der deutschen Wehrmacht. Die Photographie ist künstlerisch hervorragend und kann in keinem Spielfilm vollkommener sein. Besonders die Zeitlupenaufnahmen der edlen Pferdeleiber in der Versammlung der klassischen hohen Schule oder in der freien Aktion des Sprunges vermitteln einen reinen ästhetischen Genuß. Uebrigens sind auch Landschaft, Kostüm und Architektur' in historischen Episoden mustergültig in die Bildfolge hineingearbeitet. — Naturkundlich sehr interessant ist ein Kulturfilm „Riesen in der Käferwel t", ber ebenfalls vorzügliche Aufnahmen in starker Vergrößerung bringt und so belehrend wie stellenweise fast aufregend anmutet. Das Duell zweier Hirschkäfer beispielsweise ist so spannend wie ein kleiner Kriminalfilm. Ein sehr hübscher Einfall brachte ben Kulturfilm „G r o ß ft a d t - Ty p e n" zustande: man sieht (und hört) den „Mann auf der Straße" in Berlin — vorn Briefträger bis zum Schupo, von der Blumenfrau bis zum Bolle-Mädchen, vom Zeitungsfahrer bis zum Straßenmusikanten; ein guter, lebensnaher Stoff, an dem man sieht, daß ber Kulturfilm auch Humor haben kann. — Einen Kulturfilm von großer volkserzieherischer Wichtigkeit, der zugleich aufklärend, warnend und abschreckend wirkt, bringt die Terra unter dem Titel „W e r w a r e s?" Hier wird der Zuschauer in anschaulich-volkstümlicher Form über die ungeheuren Gefahren des, fahrlässigen Landesverrates unterrichtet. — ^Jungens, Männer undMotoren" ist ein Film, der in vortrefflichen Bildern das hohe Lied ber Sportkameradschaft kündet und von der Arbeit in den NSKK.-Motor-Sportschülen und schweren Geländefahrten im Har; berichtet, die an Menschen und Material die höchsten Anforderungen stellen. — Einen glanzvollen Abschluß bildete der Film „Das Buch des deutschen Volkes": er schildert in vorzüglichen Ausnahmen den hand- werkskünstlerischen Werdegang der monumentalen Peraament-Ausgabe von Adolf Hitlers „Mein Kampf", welche die deutsche Beamtenschaft dem Führer bargebracht hat. Hans Thyriot.


