Nr. 85 vierter Vlati
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefsen)
8./Y. April 1959
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Dings auch aus Buchenholz. ^unberte von Tonnen dieses Halbstoffes, noch zu 60 bis 70 v. H. wasserhaltig, harren der Verarbeitung. Es wird ober auch trockener Halb- stoff von den Zellulose- sabriken geliefert, vor allem von jenen Werken, die weit von der Verarbeitungsstätte entfernt sind. (Trocken - Zellulose kostet weniger Fracht.) Im Lagerraum türmt sich die Zellulose zu Bergen. Und vom Lager aus beginnt dann ein weiter Weg durch Maschinen.
Zuerst bemächtigt sich eine Maschine der Zelluloseballen, in der das Material in lauter F^ok- ken gerissen wird. Die Flocken fallen rasch und
dicht in den „Holländer", Das fertige und trockene Papier wird aufgerollt.
während auch schon zu
gleicher Zeit Wasser einschießt, so daß Wasser und Zelluloseflocken sofort einen dicken Brei bilden. Dieser Brei passiert nun in oftmaligem Umlauf einen Mahlgang, durch den die Zellulose immer feiner aufgelöst,' ja die Faser sogar in ihrer Struktur verändert werden kann. Längeres Mahlen führt zu kurzen Fasern und im Endergebnis zu härterem Papier, kürzeres Mahlen läßt die Fasern lang und ergibt geschmeidiges Papier. Im „Holländer" wird dem Werkstoff noch Harzleim zugesetzt, der sich, ausgefüllt durch einen Zusatz von Alaun, der Faser innig mitteilt, sie für den weiteren Verarbeitungsgang untereinander eng verbinden läßt und sie außerdem für die Farbe (Anilin) aufnahmefähig macht. Die verschiedenen Qualitäten der Zellulose, die im „Holländer" gemischt werden, der Zeitraum des Mahlgangs, die Zusätze an Harzleim und Alaun entscheiden letztlich über die Struktur und Art, wie über die Qualität des Endergebnisses. Der Zellulosebrei im „Holländer" wird im weiteren Gang der Verarbeitung aber noch erheblich verdünnt (bis zum 200fachen der Trockensubstanz), um schließlich als dünne Flüssigkeit eine große Zentrifuge zu passieren, in der alle Fremdkörper (Sand, Steinchen, Eisenteilchen usw.) ausgeschieden werden. Und nun kommt erst noch eine Maschine, die alle eventuell vorhandenen Knötchen aus der nunmehr zur Papiermaschine strebenden Flüssigkeit entfernt.
Dann erst tritt die Papierherstellung in ein entscheidendes Stadium. Durch mehrfache Schütze sorgfältig gesteuert fließt die Masse gleichmäßig auf ein breites, feinmaschiges endloses Siebband (aus Kupferbronze) aus'. Sofort beginnt das Wasser durch das Sieb zu fallen, die Fasern bleiben auf dem Sieb, vereinigen sich zu dünner Schicht (zum werdenden Papier), verfilzen sich durch eine ständige und heftige Rüttelbewegung ineinander, das nasse Papierband erhält zwischen Walzen aus Stahl und
Filz mehr Wasser entzogen, wird von endlosen Filz- bändern weitergetragen, trägt sich über kurze ©treffen auch schon selbst, und verliert zwischen nun mit Dampf geheizten Walzen immer mehr an Feuchtig- feit. Am Ende der Maschine läuft das wundervoll gleichmäßige breite Papierband völlig trocken auf Rollen. Der flüssige Stoff ist auf einem Weg von etwa 25 Meter Länge zum Papier geworden. Etwa 20 bzw. 30 Meter lang sind die beiden großen Papiermaschinen, die in Qber-Schmitten unaufhör-
Teil der Papiermaschine — ein komplizierter Mechanismus.
Durch viele dampfgeheizte Zylinder führt der Weg der Papierbahn.
lich — Tag und Nacht — in Betrieb sind. Beide Maschinen können zusammen im Laufe eines Tages bis zu 12 000 Kilogramm Papier Herstellen.
Je nach der Zweckbestimmung des Papieres schließt sich nun ein Satinier-Dorgang an; d. h. das Papier wird maschinell geglättet. Dies geschieht nach vorheriger Anfeuchtung (durch feine' Düsen wird Wasser auf die rollende Papierfahne gesprüht) unter einem ungeheuren Druck. Das Papier passiert auf einer vertikal konstruierten Maschine einen Satz Stahlwalzen und wird nach vollendeter Satinage wieder selbsttätig aufgerollt. Je nachdem es der Kunde verlangt, wird das Papier gerollt oder aber plan-geschnitten geliefert. Das Papier geht zu diesem Zweck noch über eine Rollmaschine, auf der das Papier in großer Festigkeit aufgerollt wird, oder aber es passiert eine vollautomatische Schneidemaschine. Geschnittene Bogen werden noch einmal
Unter großem Druck wird das Papier in der Satiniermaschine geglättet.
(Aufnahmen |6j: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Von -er Zellulose zum Papier.
Besuch in der Papierfabrik Moufang in Ober-Schmitten.
hohen wirtschaftlichen Bedeutungen, die einem solchen Werf zu eigen sein müssen.
Dabei ist das Werk — es gibt übrigens zwei Papierfabriken in Qber-Schmitten — nicht etwa auf universelle Produktion, auf die Herstellung vieler verschiedenartiger Papiere abgestellt, sondern vielmehr ganz speziell auf nur wenige P a - piere. in der Hauptsache auf die Herstellung von „Pergamin" und von Durchschlagspapieren. Die jahrzehntelange fachmännische Erfahrung gilt also den wenigen Papiersorten, die natürlich in verschiedenen Qualitäten und Farben hergestellt werden und dabei den vielseitigsten Verwendungszwecken zu dienen haben. Da wird Papier her- gestellt, in das Karamelbonbons eingepackt werden, und es wird Papier gemacht, dem wir in einer künstlichen Blume begegnen könnten. Wieder anderes Papierblatt aus dem gleichen Werke können wir in unserem Photoalbum finden, und zwar jenes Blatt, das zwischen die Kartonblätter eingeschaltet ist. Es würde eine lange Litanei geben, wenn hier alle diese Gegenstände und Waren aufgezählt wer-
Hier liegt die Zellulose und harrt der Verarbeitung.
Das Erscheinungsbild mancher unserer ländlichen Gemeinden in Oberhessen wird eindeutig von Jn- dustriewerken bestimmt. So steht z. B. Heuchelheim im Zeichen der Tabakindustrie, Wölfersheim ist überragt von den technischen Anlagen der Braunfohlenschwelerei, in Ober-Widdersheim ist es das Basalt- werf, in Trais-Horloff die Grube und in Ober- Schmitten— die Papierindustrie. Noch manche andere Gemeinde ließe sich nennen, deren Einwohnerschaft in Landbau und Industrie den Lebensunterhalt verdient.
Ober-Schmitten liegt lieblich im Tale der Nidda. Ein hoher Schornstein verrät zwar, daß Industrie im Orte ist, ober wenn man sich von Nidda her nähert, sollen die Industrieanlagen nicht sonderlich auf. Bis Nidda fährt man zunächst mit der Bahn der Linie Gießen—Gelnhausen, steigt dann um in das Bähnlein Nidda—Schotten, das einträchtig mit Bauernfuhrwerfen auf der Landstraße einherfährt, und zwar ohne sonderliche Eile! Am „Bahnhof" Ober-Schmitten steigt man aus und steht nach wenigen Schritten im Hof der Papierfabrik Moufang.
Wir unternahmen den Ausflug in den Vogelsberg, um unseren Lesern einmal in Umrissen zeigen zu können, wie das alltäglichste Erzeugnis — das Papier — entsteht. Ein Rundgang durch das Werk lohnt und vermittelt einen starken Eindruck von deutscher Technik, von sorgfältiger Werkmanns- arbeit vom Wunder der Organisation und von
Am „Holländer". Zellulose, Wasser, Harzleim und Farbe bilden einen dicken Brei.
den sollten, die in Papiere des Werkes Moufang eingepackt werden. Das in großen Mengen her- geftellte „Pergamin" dient vor allem der Verpackung von Lebensmitteln.
Wenn, man mit dem Betriebsleiter durch das Werk geht, dann muß man höllisch aufpassen, wenn man alles verstehen will. Denn bei der Papierfabrikation stehen Chemie und Physik gemeinsam komplizierte Patenschaften.
Das Ausgangsmaterial für die Papierfabrikation in Ober-Schmitten ist der Halbstoff Zellulose aus dem Rohstoff Holz, aus Fichten- und neuer-
Johann Sebastian Bach:
Oie Matthäus-Passion.
Musikalische Abendfeier in der Johanneskirche.
Wie stark dar Verlangen war, in stiller Andacht das Gedenken der Todesstunde Jesu zu vertiefen, das bewies der überaus starte Besuch der Aufführung der Matthäus-Passion in der Johan- neskirche.
Die Leitung der musikalischen Äbendseiern, die ständig der inneren Erbauung durch die Kirchenmusik dienten, hat mit dieser Aufführung den Willen bewiesen, ein Werk, dessen Darstellung für alle Mitwirkenden eine unendlich mühsame Arbeit umfaßt, den weitesten Kreisen zugänglich zu machen und ihnen Erhebung zu geben.
Der Kirchenchor der Gesamtgemeinde, dem die musica sacra das eigentliche Betätigungsgebiet bedeutet, konnte auf Grund feiner entwickelten Fähigkeiten berechtigt an diese Aufgabe herantreten. So wurden besonders die zahlreichen Choralstrophen zum zusammenfassenden Stimmungsbild der vorausgegangenen Szenen, gewährleistet durch das Dabeisein und die Hingegebenheit seiner Sänger. Ganz besonders aber gab der große Schlußchor dem erlebten Geschehen nachhallenden Ausklang.
Walter B o d*e l (Kassel) -hatte den äußerst schwic- rrigen Evangelistenpart übernommen. Seine leicht .ansprechenden stimmlichen Mittel wurden mit iihrem ausgedehnten Umfang durchaus den Anfor- fcerungen gerecht. In seiner Deklamation folgte er fsinngemäß seiner Aufgabe sowohl in dramatischer Bewegtheit wie auch in dem Eingehen auf das Persönlich-Menschliche der lyrischen Stellen. In seiner Arie „Ich will bei meinem Jesus wachen" spannte oer den gesanglichen Bogen mit artikulierter Gliederung der Linie.
Maria Reinhold-Schaefer (Kassel) verband mit stimmlicher Wärme besondere Ausdruckskraft, zumal in den Rezitationen der Geißelung und 13er Golgathaklage. In der Arie „Erbarme dich" mischte sich die Stimme aufs innigste mit der Solo- Violine,
Der Anteil für Solobaß wurde von Ernst Fleischhauer (Frankfurt a. M.) und Erwin B u g g c (Gießen) bestritten. Die Worte Jesu fang Ernst Fleischhauer mit andächtiger Einfühlungsfähigkeit und besonderem Eingehen auf die Ausdruckswelt Bachs; arios entfaltete er sich in der Abendmahlsszene, während Erwin B u g g e mit Akzent die Einwürfe der Einzelpersonen erfüllte.
Mit schlichter Innigkeit ließ Maria N e b e l i n g die Sopranarien erklingen; in dem Duett nach der Gefangennahme fand sie sich mit der Altistin in sauberem Zusammenklang.
Im Orchester hörten wir die bewährten Kräfte unseres Stadttheaters. In dem reichlich bedachten Soloanteil bestätigten sie aufs neue, ganz besonders in den Holzbläsern, ihr wiederholt bezeugtes Können.
Anscheinend liegt die Hauptfähigkeit des Dirigenten Johannes Nebeling auf dem Gebiet der reinen Chormusik. Auf Grund feiner bisher bewiesenen Leistungen und angesichts des Schlußchores ist es zu erhoffen, daß sich ihm Bachs instrumentale Ausdrucksfymholik noch voll in ihrer ausgeprägten plastischen Akzentuierung erschließen und ihm der Blick für die Struktur des Bachschen Satzes mit feiner innerlich bedingten Tempogestaltung zu eigen wird.
Dr. Hermann Hering.
„Wasser für Camioga."
Lichtspielhaus.
Wir haben vor längerer Zeit das Schauspiel „Wasser für Canitoga" von G. Turner Krebs auf der Bühne gesehen. Es handelt sich, wie die Besucher von damals sich erinnern werden, um den Bau einer Wasserleitung für die kanadische Stadt Canitoga, die wegen Mangels an Trinkwasser von Epidemien bedroht wird. Der Bau der Leitung wiederum wird bedroht durch eine Reihe von schweren Sabotageakten. Es stellt sich heraus, daß einer kapitalkräftigen Jnteressentengruppe mehr an der Lieferung von Alkohol als an der Zufuhr von Trinkwasier gelegen ist, und daß diese Gruppe durch den Bau der Leitung ihr einträgliches Geschäft bedroht sieht. Der Kampf gegen die Saboteure
macht den eigentlichen Inhalt der Fabel aus, die der Film (Bearbeitung von Dr. Emil B u r r i und Peter F r a n ck e) im wesentlichen vom Schauspiel übernommen hat. Im Kern des Konfliktes entspricht die Filmhandlung der Bühnenhandlung ziemlich genau; wys der Film über das Drama hinaus vermochte, mar, wie gewöhnlich in derartigen Fällen, eine Ausweitung des Schauplatzes: der Film konnte zum Beispiel, was dem Theater nicht möglich mar, den sehr spannenden, entscheidenden Schlußakt unmittelbar miterleben lassen. Man sieht nämlich, wie der Mann, der die Seele des Kampfes gegen die Saboteure ist (obrnohl er selbst dabei in ein zrneideutiges Licht und in schlimmen Verdacht gerät), in den Senkkasten hinuntersteigt, um unter Lebensgefahr die dort angebrachten Sprengladungen zu entfernen. Allerdings ist fein vom Alkohol geschwächtes Herz dem im Caisson herrschenden Ueberdruck nicht gewachsen, und als der Mann wieder ans Tageslicht kommt, hat er gerade noch so viel Atem und Lebenskraft, den Leitungsbau gerettet und sich vor aller Welt feierlich rehabilitiert zu sehen. Dann bricht er zusammen, und über den Toten sinkt langsam die Flagge feines Landes.
Wenn man genau zusieht, wird man bemerken, daß die Uebertragung des Stosses aus der Bühnenform auf die Leinwand keiner künstlerischen Notwendigkeit entsprang. Den Vorzügen, welche die Beweglichkeit der an kein festes «Spielfeld gebundenen Kamera schafft, steht im Theater die stärkere Konzentration der Handlung gegenüber. Der Film hingegen hat ausgedehnte Partien, die lediglich stimm'ungsmäßig zu werten sind und die Handlung nicht nennenswert weiterbringen. Erst gegen Ende setzen die dramatische Aktion und die unmittelbare Spannung wieder ein, mit denen der Film begann. Unbestreitbar ist indessen, daß die Rolle des Mannes Oliver Montstuart, der hier die Hauptperson ist und eigentlich alle Szenen entscheidend beherrscht, Hans Albers geradezu auf den Leib geschrieben mar: sie liegt genau auf der Linie aller seiner früheren Rollen, mit denen er seinen Erfolg begründete, und deren volkstümliche Anziehungskraft, wie man sieht, unerschöpflich ist. Montstuart ist eine völlig unkomplizierte Natur, er ist, auf die einfachste Formel gebracht, ein Mann unter Männern, ein Kerl. Diesem Mann und Kerl verleiht Albers all bie sympathischen Züge, die ihn zu einer runden, kraft
strotzenden Persönlichkeit machen. Er ist, man muß es eigentlich bei jedem seiner Filme und bei jeder neuen Rolle wiederholen, ein Mann mit Muskeln und ein Mann mit goldenem Herzen, schlagfertig sowohl mit der Faust wie mit dem Mundwerk und trocknem Mutterwitz; ein Mann, der weiß, was Recht und Pflicht ist, und wie man sich in einem kanadischen Barackenlager zu benehmen hat; ein Mann, der den Frauen gefällt: auch Dies gehört dazu, und alles vereinigt Alders mühelos zur Einheit, er singt sogar diesmal einen herzhaften und dennoch gefühlvollen Song, eine Art kanadischer Filmballade. Herbert Selpin führte Regie und sorgte für Stimmung, für Spannung und Steigerung zum Schluß; es geht hier fast allenthalben sehr laut und lärmend zu, Der Alkohol fließt in Strömen, Das Wasser vorerst nur an Den Durch Die Sabotage verursachten Einbruchstellen. Das Silvefterfeuerwerk von 1906, Dynamit und Revolver knallen, und es ist, alles in allem, eine rauhe und männliche Geschichte. Charlotte Susa und,Hilde S e s s a k sind die beiden einzigen charakterlich pointierten Frauengestalten in dieser Welt der Kerle, in der neben Albers Peter Voß, Josef Sieder und Heinrich K a l n b e r g die darstellerisch ergiebigsten Rollen besetzen. — (Bavaria.)
Zuvor sieht man die neue Todis-Wochenschau mit einem Bildbericht vorn Stapellauf des Schlachtschiffes „Tirpitz". Hans Thyriot.
Hochschulnachrichten.
Der Ordinarius für Chirurgische Zahnheilkunde an der Universität Berlin, Professor Dr. Georg Axhausen, wurde auf eigenen Antrag von den amtlichen Verpflichtungen entbunden. Professor Ax- hausen, Der im 63. Lebensjahre steht, stammt aus Landsberg a. d. W., habilitierte sich 1909 an Der Universität Berlin, wo er 1912 zum Leiter Der Poliklinik ernannt rourDe. Zwei Jahre später wurde er stellvertretender Direktor der Chirurgischen Klinik der Charite, tat ab 1916 im Felde als Chirurg Dienst und kehrte nach dem Kriege auf seinen Posten an der Charite zurück. 1924 schied er aus dieser Stellung aus. 1928 wurde er an Der Universität Berlin zum Orbinarius für Zahn-, Mund- und Kieferchirurgie ernannt.


