Verbilligung der Speisefette für die minderbemittelte Bevölkerung und zur Sicherung des Bezuges von Konsummargarine getroffenen Maßnahmen für die Monate April, Mai und Juni im bisherigen Umfange fortgeführt. K r ri
Der Kreis der Bezugsberechtigten umfaßt die Empfänger von Arbeitslosenunterstützung, Notstands- und Fürsorgearbeiter, von der öffentlichen Fürsorge unterstützten Personen, Empfänger von Dersorgungsbezügen nach dem Reichsversorgungsgesetz, Sozialrentner, Empfänger von Vorzugsrenten und von Familienunterstützung. Es kommen ferner Personen in Frage, deren Einkommen den Richtsatz der öffentlichen Fürsorge nicht wesentlich übersteigt, wobei als äußerste Grenze der doppelte Richtsatz der allgemeinen Fürsorge gilt, ferner kinderreiche Familien, die besonders weitgehend berücksichtigt werden sollen, und Anstalten der Wohlfahrtspflege.
Margarinebezugsscheine erhalten Personen, die keinen Anspruch auf Fettverbilligungsscheine haben, noch ihrer wirtschaftlichen Lage jedoch auf den Bezug von Konsummargarine angewiesen sind. Juden sind vom Bezug der Fettverbilligungsscheine ausgeschlossen, dagegen nicht von den Margarinebezugs- k--beinen.
Ausgerückt.
Die Jüdin Sarah Jenny Strauß aus Vilbel sollte sich am heutigen Dienstag wegen Devisenver- gehens vor der Großen Strafkammer in Gießen verantworten. Heute früh wurde jedoch bekannt, daß die Angeklagte es vorgezogen hatte, einfach auszurücken und der Vorladung keine Folge zu leisten.
Gießener wochenmarktpreife.
G i e ß e n, 7. März. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Markenbutter, kg 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier, deutsche, Klasse A 12%, B 12, C 11%, ausländische, Klasse B 11^, Wirsing, 54 kg (gelb) 15, (grün) 18 bis 20, Weißkraut 12 bis 13, Rotkraut 14 bis 16, Karotten 14 bis 15, rote Rüben 10 bis 12, Spinat 30 bis 35, Unterkohlrabi 8 bis 10, Feldsalat 1 bis 1,10 Mark, ‘/io 15 Pf., Tomaten, kg 30 bis 45 Pf., Zwiebeln 15 bis 17, Meerrettich 40 bis 70, Schwarzwurzeln 20 bis 40, Rhabarber 40 bis 60, Kartoffeln, % kg 5 Pf., 5kg 45, 50 kg 3,60 bis 3,95 Mark, Aepfel, % kg 35 Pf., Blumenkohl 20 bis 35, Endivien 10 bis 25, Lauch 5 bis 12, Rettich 10 bis 15, Sellerie 10 bis 35, kg 30, Radieschen, das Bündel 15 Pf.
** Reifeprüfung. An der Oberschule für Mädchen in Gießen fand die praktische Reifeprüfung unter dem Vorsitz von Oberstudiendirektor S ch e l - Horn und die mündliche Reifeprüfung unter dem Vorsitz von Ministerialrat G l ü ck e r t statt. Alle zehn Oberprimanerinnen bestanden die Prüfung.
Verkehrssünder. Die Polizei schritt in der Zeit vom 24. Februar bis 2. März ein: gegen Kraftfahrzeugführer mit 15 Anzeigen; gegen sonstige Fahrzeugführer mit 1 Anzeige; gegen Radfahrer mit 7 Anzeigen und 1 gebührenpflichtigen Verwarnung.
Fwd. Zur Einführung des Wochenmark t a u s w e i s e s. Der Vorsitzende der HD. der deutschen Gartenbauwirtschaft veröffentlicht im Verkündigungsblatt des Reichsnährstandes Nr. 17 eine Berichtigung zur Anordnung Nr. 3/39 betr. Wochenmarktausweis für Erzeuger von Gartenbauerzeugnissen vom 15. Februar 1939. Hiernach ist die Abgabe von Gartenbauerzeugnissen auf Wochenmärkten (Kleinmärkten) an Verteiler und Verarbeiter unzulässig, Verteiler und Verarbeiter dürfen diese Erzeugnisse auf Wochenmärkten (Kleinmärkten) nicht aufkaufen.
** I n Haft genommen. In Zusammenhang mit dem Scheunenbrand auf dem Schifsenberg wurde ein junger Mann festgenommen und in gerichtliche Untersuchungshaft verbracht. Die weiteren Ermittlungen sind im Gange.
’ ** Brand auf dem st ä d t i s ch e n Müll- platz. Am gestrigen Montag gegen 19 Uhr wurde die Feuerwache nach dem Schiffenberger Weg gerufen. Dort stand auf dem städtischen Müllplatz eine Bretterbude, die für Arbeitszwecke benutzt wurde, in Flammen. Die Feuerwehr hatte etwa eine
Stunde zu tun. Gegen 20 Uhr ruckte sie wieder in das Depot ein.
** Beim Ballspiel in ein Auto hinein g e l a u f e n. Am gestrigen Montag gegen 17 Uhr ereignete sich in Klein-Linden in der Frankfurter Straße ein Derkehrsunfall. Dort vergnügte sich die acht Jahre alte Thea Vieh mann beim
Ballspiel, wobei der Ball auf den Fahrdamm rollte. Das Kind sprang hinterher und bemerkte dabei ein herannahendes Auto nicht. Es wurde von dem Kraftwagen, ein Auto aus Weilburg, erfaßt und zu Baden geworfen. Das bedauernswerte Mädchen mußte mit Kopf- und Beinoerletzungen der Chirurgischen Klinik zugeführt werden.
Mrerschulmig des Vannes 116 (Wellerau)
Die mittlere Führerschaft des Bannes 116 wird für die Arbeit der kommenden Monate einheitlich ausgerichtet.
Am Samstag und Sonntag fand auf der Bannführerschule in Laubach eine Schulung sämtlicher Stellenleiter, Stammführer und Gefolgschaftsführer des Bannes 116 statt.
Nachdem am Samstag Uly 18 Uhr alle Teilnehmer eingetroffen waren, folgte zunächst eine kurze Besichtigung der Schule, die manchen Führern noch unbekannt war. Darauf erfolgte eine kurze Begrüßung durch Bannführer Rohrbach. Die nocy verbleibende Zeit bis zum Abendessen wurde zu einer regen Aussprache der Stellenleiter mit den Einheitsführern benutzt. Im Anschluß an das Abendessen hielt der Leiter der Stelle „Weltanschauliche Schulung", Obergefolgschaftsführer Berg- Höfer, einen Muster-Heimabend. Dieser stand unter dem Motto „Deutscher Schicksalskamvf im Osten". Nach einer kurzen geschichtlichen Einleitung las Obergefolgschaftsführer Berg Höf er die erhabensten und mitreißendsten Stellen aus Hans Friedrich Bluncks neuestem Werk „Wolter von Plettenberg , in dem er den Heldenkampf der Ordensritter m Livland schildert. Mit einer kurzen Aussprache wurde der Heimabend geschlossen. Die noch
bleibende Zeit des Abends gehörte dann den Stellenleitern Presse und Propaganda, Organisation und Verwaltung, die kurz über ihre Arbeitsgebiete referierten und sich dann mit den Einheitsführern aus- fprachen.
Der Sonntagmorgen stand im Zeichen der praktischen Ausbildung. Um 7 Uhr marschierte die Führerschaft zum Geländedienst aus, der unter Leitung von Obergefolgschaftsführer Körner und des Schulleiters der Bannführerschule, Obergefolgschaftsführer R u p p e l, stand. Don 9 bis 10.30 Uhr unterwies Bannführer Rohrbach feine Unterführer in der Abhaltung einer Turnstunde und dem systematischen Aufbau eines Uebungskurses der verschiedenen Zweige der Leibesübungen. Hiernach fand noch ein kurzes Formalexerzieren unter Aufsicht von Oberstammführer Schneider statt.
Die Zeit nach dem Mittagessen gehörte be,n restlichen Stellenleitern, der Hauptstelle/ Personalstelle und Sozialstelle, bis dann Bannführer Rohrbach die Tagung mit einer kurzen Ansprache schloß.
Sch.
Generalversammlung der Volksbank Gießen.
Die Volksbank, e. G. m. b. H., Gießen, hatte .ihre Mitglieder für Samstagnachmittag in das Cafe Leib zur Generalversammlung eingeladen. Die Versammlung war sehr gut besucht. Der Vorsitzende des Aufsichtsrats, Rechtsanwalt Zimmer, begrüßte die Mitglieder und gedachte der verstorbenen Kameraden, deren Andenken in üblicher Weise geehrt wurde.
Direktor Hartmann .
gab sodann einen Rückblick auf die Geschichte der Bank seit der Gründung und auf die 20jährige Arbeit, die geleistet worden ist. Auf Grund von Zahlenmaterial konnte er von einer stetigen erfreulichen Aufwärtsentwicklung berichten. Anschließend gab er einen umfassenden Bericht über das ab- gelaufene Geschäftsjahr, dem folgendes entnommen sei:
Das Geschäftsjahr 1938 brachte wiederum einen starken Aufschwung. Die Zahl der Genossen hat sich von 644 auf 680 erhöht. Der Umsatz auf beiden Seiten des Hauptbuches betrug 96 Millionen RM. gegenüber 64 Millionen RM. im Rj. 1937 und 17 Millionen RM. im Jahre 1932. Gerade aus diesen Zahlen ersieht man deutlich den wirtschaftlichen Aufstieg. Die Bilanzsumme hat sich um 25 Prozent auf 1 748 142 RM. erhöht. Die flüssigen Mittel sind wesentlich gestiegen. Barreserve, Bankguthaben und Effekten belaufen sich auf 700 000 RM. und betragen 45 Prozent der gesamten Verbindlichkeiten. Die ländliche Kundschaft war mit neuen Krediten sehr zurückhaltend. An 66 Genossen wurden 136 000 RM. neu bewilligt Die alten Kredite sind um 100 000 RM. zurückgegangen. Die Außenstände bei Genossen (ohne Wechsel) verteilen sich wie folgt:
240 Kreditnehmer bis 1000 RM. =113 956,81 RM. 101 „ 1000— 2000 „ ~ 143 894,59 „
128 „ 2000— 5000 „ = 388 459,27 „
35 „ 5000—10000 „ =258 663,01 „
504 „ Summe: 904 973,68 RM.
Auf 429 409 RM. Kapital an Darlehn, Hypotheken und Zessionen betrug der Zinsenrückstand am Jahresschluß noch RM. 4376 = 1 Prozent. Gewiß ein günstiges Zeichen?
Der Wechselbestand von 95 918,53 setzt sich aus 184 Abschnitten zusammen; wertmäßig sind 75 Prozent reichsbankfähig. Die eigenen Wertpapiere haben sich durch Zukäufe von Reichsanleihen und Schatzanweisungen auf 354 848,25 RM. erhöht. Auf das Bankgebäude wurden wieder 2000 RM. abgeschrieben. Es steht noch mit 38 000 RM. zu Buch. Zur Rettung einer Forderung wurden landwirtschaftliche Grundstücke zum Taxwert von 000 RM. erworben. Die, Geschäftseinrichtung hat sich durch die Anschaffung einer Buchungsmaschine und verschiedener Gegenstände im Werte von 5048 RM. erhöht. Es wurden 1548 RM. abgeschrieben, so daß der Buchwert noch 4000 RM. beträgt. Die Beteiligungen bei anderen Genossenschaften blieben mit 1335 RM. unverändert. Die gesamten Einlagen sind um 350 000 RM. = 25 Prozent gestiegen und betrugen am Jahresschluß 1529 851 RM. Bei den Kontokorrent- und Kündigungseinlagen war der Zuwachs höher als bei den reinen Spareinlagen. Es wurden 109 neue Sparbücher ausgegeben. Der Kleinsparverkehr wird durch Ausgabe von Sparbüchsen gepflegt.
Die Geschäftsguthaben der Genossen haben sich wenig verändert und betrugen 120 091 RM. Die gesetzlichen Reserven betragen 33 000 RM. Jahrelang hat man sich aus rein genossenschaftlichen gründen mit kleinen Zuweisungen begnügt. In den nächsten Jahren sollen die Reserven etwas mehr gestärkt und damit der erhöhten Bilanzsumme angepaßt werden. Das Wertberichtigungskonto von 10 000 RM. deckt die etwaigen Risiken in den Außenständen. Die Zinssätze für Darlehn und Hypotheken wurden am 1. Januar 1939 ermäßigt und bewegen sich zwischen 5 und 5,5 Prozent. Für Einlagen werden die zulässigen Höchstsätze vergütet. Die Unkosten sind naturgemäß etwas gestiegen. Nach Abzug der Ersatzposten betrugen die Unkosten 24 631 RM., das sind 1,41 Prozent der Bilanzsumme. Dieser Satz liegt weit unter dem Reichsdurchschnitt. Der Reingewinn ist durch die günstige Entwicklung höher als in den Vorjahren. Der Generalversammlung wird folgende Gewinnverteilung vorgeschlagen: Zuweisung zu den Reserven 5500 RM., 5 Prozent Dividende 5886 RM., Rest auf neue Rechnung 48 RM. Der gesamte Reingewinn betrug also 11 434 RM.
In seinen weiteren Ausführungen gab Direktor Hartmann Aufschluß über die Bedeutung der Kreditgenossenschaften sowie des Genossenschaftswesens tni deutschen Wirtschaftsleben. Er umriß hierbei klar die Aufgaben der Genossenschaften und stellte demgegenüber die Aufgaben der Großbanken, der öffentlichen Kassen und der Hypothekenbanken heraus. Der Vorq sitzende des Aufsichtsrates, Rechtsanwalt Z i m m e r, dankte Direktor Hartmann für feine Ausführungen. Sein Dank galt ferner den Gefolgschaftsmitgliedern für ihre treue Mitarbeit.
Die Bilanz wurde genehmigt, der Vorschlag hin^ sichtlich der Gewinnverteilung wurde angenommen, der Verwaltung wurde Entlastung erteilt, das günstige Ergebnis der gesetzlichen Prüfung bekannt* gegeben und verschiedene Statutenänderungen beschlossen. Die satzungsgemäß ausscheidenden Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder Sommer (Gießen), Zimmer (Gießen), Metzger (Röthges) und Fritz (Heuchelheim) wurden wieder-
ern mrwzAHN-
gewählt. Sparkassenrechner Stein (Beuern) und der Vertreter der Oberhessischen Viehversicherung, Schwalb (Alten-Buseck), wurden neu in den Aufsichtsrat gewählt. Zum Schluß sprach Rechtsanwalt Zimmer über die Beziehung von Grund und Boden zur Familie im Lause der Jahrhunderte deutscher Geschichte. Der Vortrag wurde mit großem Interesse ausgenommen.
Generalversammlung
der Eierverwerkungsgenossenschast.
Die Eierverwertungs = Genossenschaft hielt int „Württemberger Hof" ihre ordentliche Generalversammlung ab. Den Vorsitz führte Schäfer (Annerod). Geschäftsführer D i 11 m a r erstattete den Geschäftsbericht. Der Bezirk erstreckt sich auf 255 Landorte sowie die Städte Gießen, Wetzlar. Bad-Nauheim, Butzbach. Der Eierumsatz betrug im Jahre 1938 6,7 Millionen Stück gegenüber 6,Z Millionen Stück 1937. Davon wurden 1,9 Millionen Stück im Bezirk erfaßt, während 4,8 Millionen Stück vom Eierwirtschaftsverband zugeteilt worden sind. Die Genossenschaft ist finanziell gesund. Nach Zuweisung des Reingewinns zu den gesetzlichen Reserven betragen diese 18 000 RM. Die satzungsgemäß ausscheidenden Mitarbeiter G ö r l a ch (Eberstadt) und Schäfer (Annerod) wurden wieder- gewählt. Die von Herrn D i 11 m a r geleitete Eierkennzeichnungsstelle erhielt kürzlich von der Hauptvereinigung Berlin den 2. Preis für Hessen-Nassau. Die Eierverwertungs-Genossenschaft Gießen ist umsatzmäßig die größte im Gau Hessen-Nassau.
Oer Mann mit Tee und Kräuterwein.
LPD. Lauterbach, 5. März. In mehreren Gegenden Oberhessens tauchte in den letzten Tagen ein Mann auf, der „guten Tee und Kräuterwein, für Kranke" als Heilmittel anbot, Verkäufe oorncchm, Bestellungen notierte und vor allem Geld kassierte. Hinterher merkten die Leute bald, daß sie hereinaesallen waren. Auf Anzeigen hin leitete die Polizei die Verfolgung des Tee- und Kräuterwein- Mannes ein, der inzwischen das Feld feiner Tätigkeit von der Wett er au in den Vogelsberg verlegt hatte. Hier fand er ebenfalls gute Kundschaft, bis schließlich in der Gegend von Lauterbach der „geschäftstüchtige" Verkäufer und Kassierer von der Polizei fest genommen werden konnte.
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Homan von Mlthec kloepffer.
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13. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Später verließ Tinser die Hausmeisterwohnung und ging zu seinem Wagen. Als er anfahren wollte, vernahm er in seinem Rücken Gelaufe und Geschrei. Ein Arbeiter eilte vom Neubau zum Krankenhaus hinüber und einige Maurer riefen ihm etwas nach.
„Was gibt es denn?" erkundigte sich Tinser bei einem Vorübergehenden.
„Soeben ist einer in die Betonmaschine geraten!" „Furchtbar."
„Es muß ihm alle Rippen eingedrückt haben. Sie holen gerade eine Bahre und einen Arzt. War so ein Neuer. Ein Hilfsarbeiter mit Namen Scheuer!."
„Kenne ich nicht", murmelte Tinser erschüttert und gab Gas.
*
Die Straßen des Alpenvorlandes verführen ungefestigte Charaktere zum Schnellfahren. Das erfuhr auch der Mann Tinser an sich mit seinem Rasse- „Pourquoi pas“", in dem man selbst bei großer Geschwindigkeit wie in einem Lehnstuhl saß. Auch sonst benahm sich Tinser auf dieser Rückfahrt ausgefallen und verrückt. Wenn er durch Ortschaften fuhr — und man kommt in Oberbayern alle nasenlang durch eine Ortschaft —, dann jodelte er mit überkippender Stimme den Mädchen zu, mochten sie jung fein ober alt. Und auf offener Chaussee gar sang er zuchtlose Lieder, nicht schön, aber laut. Seit dem Geschäft mit dem Argentinier war eine Schraube bei ihm locker, und zwar eine beträchtliche. Den Mann mit den eingedrückten Rippen hatte er bereits in Sendling vergessen. Als er vor der Garage der „Neuen Post" ein melodisches Hupenkonzert hinlegen wollte, wunderte er sich über die vielen aufgeregten Leute im Hotelgarten, die alle an der Kaimauer lehnten und auf den See starrten
„Nanu, was ist denn hier zu sehen?" rief er einer Kellnerin zu.
„Dem Fräulein Paula fein Boot ist umgestürzt. Ein paar mit Kähnen sind schon unterwegs", erhielt er zur Antwort.
Tinser sprang flugs aus dem Wagen, lief zum Anlegeplatz der Boote und zwängte sich durch eine Mauer von Neugierigen, die lebhaft disputierten und auf das Wasser zeigten. Er sichtete einige Ruderkähne, schwere Dinger, die nicht recht vorwärts
kamen. Tinser, ein Mensch voller Hilfsbereitschaft und Beweglichkeit, krähte erstaunt:
„Warum nimmt denn niemand das Motorboot da? Ich sehe, der Zündungsschlüssel steckt. Mit diesen Holzpantinen da draußen dauert es ja eine Ewigkeit, bis sie an das Unglücksschiff herankvm- men, und rudern können die Brüder auch nicht. Herrschaften, laßt mich mal durch, ja?"
„Der Eigentümer ist mit ein paar Damen im Ort und sieht sich die Kirche an", erklärte jemand.
„Sehr löblich. Soll mich aber nicht hindern, die Nußschale auszuborgen", sagte Tinser, turnte mit einem Satz in das fabrikneue Kleinod aus Mahagoni und Chrom, stellte die Zündung an, gab Gas und fuhr los.
Die beiden ersten Kähne hatte er bald überholt. Gegen Süden zu trieb auf dem empörten Wasser ein dunkler Fleck mit zwei Schiffbrüchigen.
Tinser, immer noch nicht völlig zu Ende mit seinen Landstraßenmanieren, brüllte dem Motor zu: — „Ein bißchen fixer, du Trantute! Geh', laß dich nicht lumpen, mein goldener ..." Die Nase des hübschen, schnellen Schiffes zeigte jetzt haarscharf auf den Kirchturmkegel von Sankt Quirin. Nun waren die beiden Punkte schon recht deutlich; man unterschied eine Frau, die ein Kind umschlungen hielt — Paula und das Mannderl.
„Ahoi!" jodelte Tinser.
„Ahoi", wehte es zurück. Die beiden winkten. Der Himmel mar immer noch wie mit Blei über,zogen und ein abscheulicher Wind zerrte den See bei.den Haaren. Manchmal schoß ein silberner Spritzer ins Boot. Tinser fuhr in dem Bestreben, möglichst bald zur Stelle zu sein, der „Liesel II" etwas unsanft in die Seite, was die beiden Boote mit einem Gekrach und das Mahagonipüppchen noch eigens mit einer Schramme quittierten. Hoppla, da wird der gute Onkel Doktor aber schon schimpfen, dachte Tinser und warf Paula die Leine zu. Dann sagte er besorgt:
,Hst etwas passiert? Nicht? Gott sei Dank. Na, ihr schaut ja heiter aus, ihr zwei gebadete Mäuschen. Geben Sie mir vor allem den Buben herüber."
Er griff nach dem Mannderl, das bleich und verstört dreinfah, nahm das Kind wie eine Katze beim Genick und hob es in das Motorboot. Dann half er der Paula herüberklettern, die einen bitterlichen Zug um den schmal gemachten Mund hatte und nur das Nötigste sprach.
„Kann ich jetzt los? Was ist denn mit eurem Kahn da? Säuft der nicht ab?"
Die Paula schüttelte den Kopf und murmelte, sie würde nachher mit dem Käptn nochmal herfahren
und das Schiff flottmachen. Sie murmelte auch etwas von einer Bo, und das klang wie eine Verteidigung. Und dann sagte sie nichts mehr und war auf dem ganzen Rückweg stumm wie ein Fisch. Sie umfing das Mannderl mit dem einen Arm, und mit der anderen Hand zupfte sie wie abwesend den angeklebten Stoff von der Brust, es war eine Gebärde von großer Unschuld. Das Mannderl, noch ganz eingehüllt in die Schrecknisse der verflossenen Stunde, streichelte tröstend ihre Wange.
„Mußt dir nichts drausmachen, Paula. Für den Sturm kann kein Mensch was, für den damischen."
Die Paula versuchte zu lächeln, aber es fiel kümmerlich aus. Wem würde man die Schuld geben, wenn nicht ihr; sie kannte die Menschen. Und sie strich dem Buben das verwirrte Haar aus der Stirn. Tinser blickte sich um, da ihm das lange schweigen nicht geheuer war, und er stellte fest, daß Paula Giescke fror und mit den Zähnen klapperte. Da riß er sich das Jackett vom Körper und warf es nach hinten. Paula empfand diese Gabe des Mitleids mit übertriebener innerlicher Dankbarkeit, hüllte sich und das Mannderl darein und schnüffelte ganz zart das Parfüm ein, das aus dem warmen Futter wölkte.
Am Steg stellte sich heraus, daß der Bub doch recht mitgenommen war und nicht laufen konnte. Tinser schob lächelnd die vielen bereitwilligen Hände zur Seite und lud sich das Kind auf den Arm. War gar nicht so schwer, so ein t Kind wie das Mannderl.
„Ein wenig Platz, meine Herschaften. Danke, wir kommen schon zurecht. Sie sehen ja, daß nichts geschehen ist und daß wir alle ganz mobil sind. Morgen lachen wir darüber. Das Fräulein ist in eine Bö geraten; das kann dem besten Seemann zustoßen", nahm Tinser die unglückliche Segellehrerin in Schutz. Er legte Munterkeit in feinen Ton, und alle drei, sogar das Mannderl, dem zum Umfallen war, lächelten. Es war eine heldische Bemühung, sich mit Anstand aus einer peinlichen Lage zu ziehen. Dann schritten sie voll Haltung durch das Spalier der Neugierigen und Teilnehmenden und gingen zu Paulas Häuschen.
Tinser trug das Mannderl die schmale Stiege empor, setzte es auf den Tisch und machte sich daran, ihm die Kleider auszuziehen. Das hatte er heute bei jemand anders schon einmal besorgt. Der eine war betrunken und der andere fast ertrunken — ein kleiner Unterschied. Es gab auch sonst noch allerhand zum Nachdenken. Als der Bub im Bett stak, sagte Tinser zu Paula:
„Und nun kommen Sie daran. Sofort umkleiden, 'wenn ich weg bin, und etwas Heißes trinken. Ich
suche jetzt den Käptn, überlassen Sie das mir. Svr* gen Sie sich nicht. Heute ist Ihr Pech Tagesgespräch, morgen kräht kein Hahn mehr danach. Auf Wiedern schauen."
Paula nickte folgsam und stammelte ein paar Dankesworte. Ihr Gesicht tat allen Zwang von sich ab und wurde weich.
In diesem Augenblick trat Doktor Holl in die bescheidene Stube und begann:
„Wie geht's denn allerseits? Abenteuer gut überstanden? Umziehen, Fräulein Paula, sofort umziehen! Fräulein Hegemann steckt auch schon im Bett. Was macht denn unser Mannderl, unser Großwildjäger? Der Bursch hat ja ganz heiße Backen; gib mal deine Hand her. Der Bub hat Fieber. Was ist denn los mit dir?"
Das Mannderl schüttelte den Kopf, denn es fürchtete Aerzte, und vergrub sich unter die Bettdecke.
„Lassen wir das für heute", sagte Holl, „abet morgen sehe ich wieder nach. Gehen Sie mit, Herr von Tinser?"
Als die beiden im Flur standen, flüsterte Holl: „Seien Sie froh, nicht dabei gewesen zu fein. Ich kann mir etwas Schöneres denken als so ein unfreiwilliges Bad."
„Das Mädel ist ein richtiger Pechvogel. Es tut mir leid. Menschen, denen alles so grundschief geht, tun mir immer leib", raunte Tinser betrübt.
„Da haben Sie recht. Dieser Unfall auf dem Wasser wird auch nicht gerade für sie werben. Zum Glück ist ja alles noch leidlich abgegangen."
„Was macht Maxie Hegemann?" An sie hatte er bisher noch gar nicht gedacht.
„Es geht ihr ordentlich, soviel ich weiß", erwiderte Holl abgekühlt und sperrte sich zu.
„Muß mich nach ihr erkundigen", murmelte Tinser und verabschiedete sich rasch.
Er traf Hegemann im Bierstüberl, wo dieser auf Lorinser und noch etliche Kartenbrüder wartete.
„Bei Ihnen geht es ja heute wild auf, Tinser. Erst München, habe es bereits gehört, man hat mich angerufen, und dann dieser Unglückswurm Paula. Maxie vertreibt sich die Zeit mit Aspirin und Glühwein. Wenn das kein Schnupfen wird, will ich Hans heißen. Wenn das Mädel so winzige Augen macht, mein lieber Tinser, ich kenne das, dann ist bei ihr was im Anzug. Hoffentlich sind's nicht die Mandeln. Das habt ihr nun von dieser verwünschten Segelei. Kommen Sie, wir wollen hinter diesem Schrecken einen Schnaps herjagen", polterte Hegemann.
„Gerne. Schnaps schadet nie."
(Fortsetzung folgte


