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nr.5C6 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)Samstag, Zl.Dezember (958

Oie Wiedergeburt der natürlichen Ordnung

Von Otto Eorbach

Man müßte sich über tausend Jahre deutscher und europäischer Geschichte vollkommen Rechenschaft geben und ihren Ablauf für weitere tausend Jahre vorausberechnen können, um die Ereignisse des zur Neige gehenden Jahres in ihrer ganzen Größe zu würdigen. Es ist aber notwendig, den Versuch zu wagen, die gewaltige Zeitwende, die wir in der kurzen Zeitspanne eines Jahres erlebten, sowohl rückschauend als Erfüllung, wie vorausschauend als Verheißung großräumig abzuschätzen, wenn wir ihren Sinn einigermaßen richtig erfassen wollen. Es kommt nicht darauf an, sich die einzelnen Vorgänge in die Erinnerung ^uruckzurufen, die sich zum Zu­sammenschluß von 80 Millionen Deutschen innerhalb eines zusammenhängenden Siedlungsraumes zu einem Staatsvolk von einheitlicher Gesinnung und unter einheitlicher Führung verdichteten; viel wich­tiger ist, sich der Gesamtwirkung bewußt zu werden, die alle überkommenen politischen Werte umwertet, ganz Europa und die ganze Welt in Bann schlägt und noch immer ununterbrochen ihre weltweiten Kreise zieht. Ein Volk, das aus einem Kriege, den es gegen die halbe Welt führen mußte, zwar überwunden, aber äußerlich besiegt hervor­ging, vermochte sich ohne Krieg über die Sieger zu erheben und als Vollstrecker des Weltgerichtes der Weltgeschichte Friedensdiktate aufzuheben, die das Glück der Waffen von Gegnern besiegelte, die nicht mit Gewalt (rufrechtzuerhalten sich getrauten, was sie mit Gewalt durchgesetzt hatten. Daß es so kommen konnte, wirkt wie ein Wunder, aber als vernunftbegabte Wesen müssen wir versuchen, diesesWunder" als naturgesetzliche ge­schichtliche Notwendigkeit zu entschleiern.

Nichts wirkte in den gewitterschwülen Tagen, die dem Frieden von München vorausgingen, be­freiender, als die Wahrnehmung, daß die uner­bittliche Entschlossenheit Adolf Hitlers, die g r o ß - deutsche Frage ganz zu lösen, zugleich in den fremden Staatsmännern, die dabei wohl oder übel Gevatter stehen mußten, ein europäisches Verantwortungsgefühl von einer Stärke weckte, welche hoffen läßt, die in Gang gebrachte großdeutfche Entwicklung werde sich als Motor einer entsprechenden großeuropäischen Bewe­gung bewähren. Der Werdegang des deutschen Führers und Reichskanzlers vom Volksmann zum Staatsmann hatte die sranzösifche und englische Staatsraison entwaffnet. In den entscheidenden Tagen hatte in Frankreich wie in England eine spontane Volksbewegung die Gerechtigkeit der groß- deutschen Forderung erkannt und die leitenden Staatsmänner bevollmächtigt, chren Widerstand gegen einen nicht mehr aufzuhaltenden mittel­europäischen Erdrutsch aufzugeben. Gewiß hatte das Ausmaß der deutschen Wieder­aufrüstung bei diesem Siege der Vernunft seinen unentbehrlichen gewichtigen Anteil, aber ent­scheidend für die friedliche Wendung war doch, daß weder in Frankreich noch in England über das Schicksal des kraft Friedensdiktats zusammengeklam- merten naturwidrigen tschecho-flowakischen Staats- gefüges.die Volksseele zum Kochen kommen konnte. Der Anfang war gemacht, das alteGleichgewicht der Mächte" durch ein Gleichgewicht der Volkskräfte ablösen und zur Grundlage einer neuen europäischen Ordnung werden zu lassen, die seit Jahrhunderten zum ersten Male wieder Gewähr für eine wirklich großeuropäische Entwicklung bieten würde.

Diese unmittelbare Auswirkung großdeutschen Geschehens auf die europäische Völkergemeinschaft ist kein zufälliges Ergebnis jüngster Machtgestal­tung. Die Tragik großdeutschen Einheitsstrebens beginnt nicht umsonst gerade da, wo auch die euro­päische Einheit in die Brüche ging. Fichte meint in seinenReden an die deutsche Nation", ,Ias christliche Europa, das vorher auch ohne fein eigenes deutliches Bewußtsein eins gewesen war und als solches in gemeinschaftlichen Unternehmungen sich gezeigt hatte", habe sich erst nach der durch den Wettlauf um überseeische Beute entfachten Raub­suchtin mehrere abgesonderte Teile zerteilt". Nun erst sei es zum Gewinne für Völker geworden, Völker auch anderer Abkunft und Sprache durch Eroberung oder, wenn die nicht möglich wäre, durch Bündnisse sich einzuverleiben und ihre Kräfte sich anzueignen". Bei aller Uebertreibung ist diese Auf­fassung int Kern richtig.

Jedenfalls unterscheidet sich die o st w artige Ausbreitung, durch die das Deutschtum vom 11. bis zum 16. Jahrhundert der gesamteuro­päischen Entwicklung das Gepräge seines Wesens aufdrückte, vorteilhaft von dem Vorgehen der Konquistadoren", die nach der Entdeckung Amerikas die Länder einerneuen Welt" ausplünderten. Während über See das Siedlungs­werk europäischer Einwanderer vernachlässigt wurde, bis es von denen in Schwung gebracht wurde, die sich, um dazu imstande zu sein, von den Mutter­ländern losrissen, war die Aufschließung neuen Siedlungsraums immer der Haupt­inhalt deutscher Ostkolonisation. Nicht als dienst­bare Knechte, kummervoll und duldend wie die Auswanderer späterer Jahrhunderte, sondern als stolze und gebietende Herren zogen damals deutsche Bauern- und Bürgersöhne in östliche Wildnisse, um, meist von fremden Landesfürsten gerufen, kraft ihrer überlegenen Kulturleistung ver­lassene Landstriche zu kolonisieren oder unterlegene Volksftämme der eigenen Bildung zu gewinnen. Das waren", so charakterisiert treffend Friedrich Kapp dieses Kolonisationswerk,keine bloßen Abenteurerfahrten, gleich den Kreuzzügen, in wel­chen Kraft, Leben und Vermögen der Einzelnen ziemlich nutzlos vergeudet wurden, sondern Unter« nehmungen voll idealen Schwungs und doch m i t einem nüchternen politischen Ziele, welches ein in der mittelalterlichen Geschichte einzig dastehendes Beispiel! durch die vereinigten Anstrengungen, durch die gemeinschaftliche Arbeit des Adels, des Bürgertums und des Bauernstandes erkämpft wurde". Deutschem Handel und Gewerbe- fleitz, deutscher Sitte und deutschem Recht wurde in /den Gebieten jenseits der Elbe, Oder und Weichsel, ja Über das deutsche und baltische Meer hinaus eine heimische Stätte geschaffen; alle nordischen Meere, Buchten und Eilande wurden von unter­nehmenden deutschen Kaufleuten durchspäht, die sich bei den Wenden und Preußen, Finnen und Russen, in Schweden undßtor'egen, in Dänemark und England zu starkem Einfluß und hohem Ansehen zu bringen wußten.

Noch ganz im Banne mittelalterlicher großdeut-

Wellpolitik auf neuen Wegen.

Die Ausländskorrespondenten des Gießener Anzeigers berichten über die weltpolitische Lage zur Jahreswende 1938/39.

Englands Barometer: Veränderlich."

Dr. A. London, im Dezember 1938.

England ist nervös geworden. Es hat seine Sicher­heit verloren. Die zahllosen Anfragen über außen­politische Angelegenheiten im Parlament, die Reiz­barkeit, der Presse, die Empfindlichkeit der Börse ... das sind alles Anzeichen für die Unruhe, die Un­sicherheit, mit der Großbritannien den Ereignissen in der Welt jenseits des Aermelkanals gegenüber« steht.

Das Jahr 1938 ist für das Britische Imperium kein glückliches gewesen. Man empfindet, daß es sehr wohl der Anfang vom Ende einer Epoche in der englischen Geschichte fein kann. In Europa hat das Jahr mit derBalance of Power", dem Mächtegleichgewicht in der Form, in der es jahrhundertelang die traditionelle Grundlage der englischen Europapolitik gebildet hat, ein Ende gemacht. Großdeutschland hat die Machtstellung, die ihm nach' Zahl und Leistungsfähigkeit des deut­schen Volkes und auf Grund seiner historischen Leistung zukommt, mit zwei großen entscheidenden Schlägen ein für allemal erreicht. Damit ist das Spiel desTeile und herrsche!", durch das England sich so lange die entscheidende Stellung in den An­gelegenheiten des europäischen Festlandes gesichert hatte, zu Ende.

Der englische Ministerpräsident persönlich hatte schon frühzeitig diese Entwicklung kommen sehen. Sein persönliches Eingreifen in die Liquidation der Tschecho-Slowakei hatte wohl das Ziel, die eng­lische Politik auf ein neues Gleis zu bringen, und zwar von der Erkenntnis bestimmt, daß es aus­sichtslos und vom rechtverstandenen englischen In­teresse nicht einmal erwünscht sein würde, ber na­türlichen Entwicklung der deutschen Macht in Mittel- unb Osteuropa Hindernisse in den Weg zu legen. Chamberlains Bemühen um einen friedlichen Aus­gleich mit Großdeutschland war neben praktischen cluch wohl von idealistischen Gesichtspunkten be­stimmt. Aber das moralische Kapital, das er durch seinen Anteil an der Herbeiführung einer friedlichen Lösung der sudetendeutschen Frage erworben hatte, wurde allzu rasch durch die Haß- und Nüstungs- propaganda verspielt, die sofort nach München in England einsetzte. Sie stellte die Ehrlichkeit des Friedenswillens, wenn nicht Chamberlains, so doch der hinter ihm stehenden politischen Kräfte in Frage und mußte das englische Eingreifen aus Furcht und Schwäche geboren erscheinen lassen. Sie hatte auch in England selber die Wirkung, daß das anfängliche Gefühl der Freude über den gesicherten Frieden in gewissen Kreisen einer Katerstimmung wich, in der man die Einigung in München als eine englische Niederlage ansah.

Aber die englischen Sorgen erschöpfen sich an dieser Jahreswende nicht in Mitteleuropa. Auch im Mittelmeer, dem Hauptverbindungsweg Englands zwischen dem Mutterlande und den öst­lichen Besitzungen, herrscht dicke Luft. Die spanische Frage ist zwar durch das englisch-italienische Ab­kommen einigermaßen entgiftet, aber noch nicht aus der Welt geschafft. Än P a l ä st i n a tastet man nach jahrelanger Schaukelpolitik zwischen Arabern und Weltjudentum noch unsicher nach einer Lösung, die auch, im besten Fall nur ein Provisorium sein kann. Der Handelsvertrag mit den Ver­einigten Staaten, mehr aus politischen, als aus wirtschaftlichen Erwägungen abgeschlossen, um sich im Kriegsfall Amerika als Rohstoffquelle und Arsenal zu sichern, hat die unangenehme Nebenwir­kung, Englands Politik von Washington abhängig zu machen. Das macht sich nicht nur in der Palä­stinafrage nachteilig bemerkbar, sondern erschwert auch Chamberlains Bemühungen um einen euro­päischen Ausgleich. Der Vertrag mit Washington durchlöchert ferner das in Ottawa aufgebaute Sy­stem der Präferenz im Empire. Die Selbständigkeit der Dominien ist gerade in der europäischen Sep­temberkrise zutage getreten, und wenn es auch falsch wäre, von einem Zerfall des Empire zu reden, so ist doch die außenpolitische Leitung durch London unzweifelhaft schwieriger geworden. Der Ferne Osten braucht nur angedeutet zu werden, um zu zeigen, wie größ und vielseitig die Sorgen der britischen Außenpolitik an dieser Jahreswende find. Sorgen, die die anfangs erwähnte Nervosität verständlich er­scheinen lassen.

Angesichts solcher Veränderungen und Schwierig­keiten muß die englische Politik nach neuen W e - gen suchen. Es ist ein tastendes Vorfühlen. Wie oft in der Vergangenheit, wenn England auf dem Fest­lande Enttäuschungen erlebte, mehren sich heute wie­der die Stimmen, die dafür eintreten, daß England seine Interessen in Europa scharf abgrenzen und sich ganz der Sicherung und Entwicklung seiner Welt­

reichsinteressen widmen solle. Eine solche Selbstbeschränkung würde nicht mit einer völligen Abwendung von Europa gleichbedeutend sein. Denn auch chre Befürworter betrachten die Aufrechterhal­tung der militärischen Verpflichtungen gegenüber Frankreich und Belgien und die Verteidigung Hol­lands als Teil ber eigenen Landesverteidigung und beziehen die Türkei und Griechenland als Vorfeld der englischen Stellung am Suezkanal in die Welt­reichsinteressen ein. Die Anhänger dieser Betrach­tungsweise sehen in der Ausbreitung des deutschen Einflusses im Osten und Südosten Europas, solange nicht die englische Stellung in der erwähntenIn­teressensphäre" beeinträchtigt wird, eine natürliche, vielleicht sogar wünschenswerte Entwicklung. Ihnen steht die Front der Ewiggestrigen entgegen, die allerdings in sich keineswegs einige Front der Churchill, Duff Cooper, Eden und Genossen, die wei­

terhin Europa von London her beherrschen und der natürlichen Entwicklung des deutschen Volkes und Reiches wenn nicht anders, dann mit Hilfe eines Präventivkrieges entgegentreten wollen und zu diesem Zweck bemüht sind, das englische Volk und die Weltöffentlichkeit mit allen Mitteln gegen Deutschland aufzuhetzen.

Zwischen diesen beiden Extremen sucht Minister­präsident Chamberlain einen Weg. Er hat einen schweren Stand, denn die große Volkstümlichkeit, die ihn nach der Rückkehr von München empfing, ist verblaßt. Offizielle Opposition und mehr noch Kritik und Intrigen im eigenen Lager haben feine Stellung geschwächt. Zu der Ungeklärtheit der po­litischen Meinungen kommt also ein persönliches Element der Ungewißheit an der leitenden Stelle Englands: Das außenpolitische Barometer steht in London an dieser Jahreswende aufVeränderlich".

Italien und die Aeuordnung Europas.

RG. Rom, ich Dezember 1938.

Als Mussolini am 28. Oktober 1937 das XVI. Jahr der faschistischen Zeitrechnung mit einer Ansprache vor 100 000 Hierarchen der Partei einleitete, da stellte er dieses Jahr unter das Zeichen des schöpferischen Friedens". In jenem Augenblick dürfte der Duce kaum vorausgesehen haben, welch tiefen Sinn sein prophetisches Stich­wort durch die Ereignisse des Jahres erlangen sollte und wie bald er selbst berufen sein würde, entscheidend bei ber Ingangsetzung der Bewegung mitzuwirken, die auf einen Neuaufbau Europas auf ber Grund­lage eines gerechten Ausgleichs und damit auf die Verwirklichung jenesschöpferischen Friedens" hin- ftre'bt.

Die Viererkonferenz in München, auf ber biefe Bewegung geboren wurde, wird nicht nur in ber Entstehung des Großdeutschen Reiches ein ewiger Markstein bleiben, sie bildet auch in ber Geschichte bes faschistischen Italiens einen Höhe­punkt: Sie zeigte der ganzen Welt, daß Italien seinen Aufttieg inz die vorderste Reihe ber Groß­mächte vollendet hat und fein Gewicht bei der Ent­scheidung über die großen Fragen der europäischen Neuordnung wenn es sein muß, auch über Krieg und Frieden ausschlaggebend in die Waagschale werfen kann und will.

Das Grundelement der italienischen Außenpolitik und zugleich die Voraussetzung für ihre diplomati­schen Erfolge bildete auch im abgelaufenen Jahre die Achse BerlinRom, die gerade in die­sem Zeitraumzu Stahl gehärtet" wurde. Der Anschluß Oesterreichs an das Reich im März hat entgegen gewissen Erwartungen zu einer weiteren Kräftigung der Achse geführt. Im Mai ver­ankerte der Besuch Adolf Hitlers in Ita­lien die Freundschaft zwischen den zwei Völkern noch tiefer und dauerhafter durch die Festigung bes herzlichen und vertrauensvollen Einvernehmens, das ihre beiden Führer miteinander verknüpft. In den schicksalhaften Wochen der tschechischen Krise bewies Mussolini, indem er sich mit eiserner Ent­schlossenheit für die Erfüllung berechtigter deutscher Interessen und damit für die Erhaltung des Welt­friedens einsetzte, daß fein auf dem Berliner Mai­feld abgegebenes Versprechen, mit Deutschlandbis ans Ende" zu marschieren, keine leere Redensart gewesen war. Das unerschütterliche Zusammen­stehen der beiden Männer und ihrer Völker hat, wie Grap Ciano in seiner Kammerrede vom 30. Novem­ber ausrief,aus der Achse ein sicheres und mäch­tiges Instrument geformt, das sein Gewicht in ent­scheidender Weise in ber Entwicklung ber Geschichte geltend macht", ja, einem ganzen Zeitalter seinen Stempel aufdrückt.

Das Ereignis bes verflossenen Jahres, bas neben München mit größter Eindringlichkeit ber Welt den Gipfel ber Macht und des Ansehens vor

Augen führte, den Italien erstiegen hat, war die Inkraftsetzung ber italienisch-englischen Abkommen, deren Bedeutung durch den erwar­teten Besuch Chamberlains in Rom unterstrichen werden soll. Graf Ciano sagte darüber in seiner Rebe:Diese Abkommen find eine Gesamtheit von Vereinbarungen unter Berücksichtigung der neuen Tatsachen in Europa, im Mittelmeer und in Afrika auf der Grund­lage ber absoluten moralischen, politischen und mili­tärischen Parität, die die Beziehungen zwischen den beiden Imperien regelt. Das Inkrafttreten Des Oster-Paktes hat einen tatsächlichen und konkreten Beitrag zur Festigung des Friedens gebildet. Diese Festigung ist und mir^das hohe Ziel unserer Poli­tik sein, und wir werden es mit jener Hartnäckig­keit, jenem Wirklichkeitssinn und jener Umsicht ver­folgen, die unerläßlich sind, wenn man die Belange und natürlichen Ansprüche des italienischen Volkes mit unbeugsamer Festigkeit sicherstellen will."

Noch kurz vor Jahresende ist die Debatte über biefenatürlichen Ansprüche" in ber Presse, eingeleitet durch einige Zwischenrufe während einer Rede bes Außenministers Graf Ciano, entbrannt. Die Regierung hat sich noch nicht dazu geäußert. Trotzdem hat man in Paris und London bereits für nötig gehalten, Erklärungen dazu abzugeben, die der Schärfe nicht entbehren. Das Verhältnis Italiens zu Frankreich hat sich daher am Jahresende trotz der Wiederbesetzung des römischen Botschasterpostens durch Franxois-Poncet eher verschlechtert als gebes­sert. Dagegen hat Italien seine bereits freundschaft­lichen Beziehungen zu den meisten Staaten bes euro­päischen Ostens und Südostens, auch zu denen, die man früher zumfranzösischen Bündnissystem" zu rechnen pflegte, noch enger gestalten können, wofür die im Laufe bes Jahres erfolgten Besuche Der Außenminister Rüschdi Aras (Türkei) und B e ck (Polen) sowie ber Ministerpräsidenten Stojadi- nowitsch (Jugoslawien) und Imredy (Ungarn) Zeugnis ablegten.

In ber Innenpolitik hat bas faschistische Italien im vergangenen Jahre ebenfalls gewaltige Arbeit geleistet. Der Kampfumbie wirtschaftliche Unabhängigkeit hat zu bemerkenswerten Er­folgen auf vielen Gebieten geführt. Eine strenge Rassegesetzgebung strebt ben Schutz und die Hebung ber italienischen Rasse an. Der faschistische Staatsaufbau würbe durch die Schaffung der Kammer der Fasci und Korporatio- n e n" abgeschlossen. So steht das Italien Mussolinis Ende 1938 im Innern geeinigter und entschlossener, nach außen mächtiger und stärker denn je da, ge­willt, mit faschistischer Dynamik, auch in Zukunft gestützt auf die Achse, seine außenpolitischen Ziele im Rahmen ber allen Hindernissen zum Trotz sich lang­sam durchsetzenden europäischen Neuordnung mit ruhiger Mtschlossenheit weiterzuverfolgen.

Frankreich ohne Volksfront.

EF. Paris, im Dezember 1938.

Frankreich hat die Illusion der Volksfront ab- gefchrieben. Das gange Jahr 1938 war ausgefüllt von dem schmerzlichen Prozeß, den die Ablösung von ber Volksfront bedeutete. Dies gilt für die Innenpolitik wie für die Außenpolitik. Am 30. No­vember ist durch die Vereitelung Des Generalstreik- Versuchs die unheilvolle Machtstellung gebrochen worden, die der kommunistisch verseuchte Allge­meine Gewerksschaftsbund jahrelang innegehabt hatte. Zwei Monate vorher war am 29. September in München das Bild der überkommenen franzö­sischen Außenpolitik ausgelöscht worden, das im Zeichen der Volksfront durch die Vertiefung des Moskauer Bündnisses und die Verstrickungen ber

sogenannten SicherheitspoMk seine Verhängnis» vollsten Ausprägungen erfahren hatte. Nach der Zertrümmerung der Volksfront, so wie sie von Daladier in Marseille verkündet worden ist, schickt Frankreich sich an, ben neuen Weg zu beschrei­ten, der in eine Aera des nationalen Aufbaus führen soll. Er will seine Kräfte anspannen, um all das nachzuholen, was im Zeichen der Volksfront auf dem Gebiete der Arbeit, der ftnanziellen und militärischen Rüstung versäumt morden ist; .aber die Stellung, die Frankreich einnehmen soll, soll fern von uferlosen außenpolitischen Träumen sein und sich harmonisch den Gegebenheiten ber Wirk­lichkeit anpassen. Die Anbahnung der Verstän- bigung mit Deutschland liefert hierfür

scher Kraftentfaltung tat Ulrich von Hutten an der Schwelle der Neuzeit den Ausruf:Wenn die Deutschen so vielen politischen Verstand wie Kraft hätten, so hätten sie längst die Welt unter­worfen." Aber aus dieser wie aus aller späteren Litanei Über deutscheMichelei" sprach doch nur ohnmächtiger Perdruß über weltwirtschaft­liche S ch w e r p u n k t s v e r s ch i e b u n g e n , die die politische Auswertung großdeutscher Kraft­entfaltung jäh unterbrachen und für Jahrhunderte lahmlegten, ohne daß irgendwelcher deutscher poli­tischer Verstand viel daran zu ändern vermochte. Portugal, Spanien, Frankreich, die Niederlande und schließlich England wurden in eben dem Maße durch den ozeanischen Großverkehr begünstigt, wie Italien und Deutschland dadurch benachteiligt wur­den, und schließlich gewann England bas Ren­nen um Die Ausbeutung überseeischer Länder nur deswegen, weil es sich aus ben Wirren auf dem europäischen Festland heraushalten, ihnen aber immer neuen Haderstoff liefern und sich immer einseitiger als Seemacht entwickeln torfnte. Niemals vermochte sich England zu jener großeuropäischen Gesinnung burchzuringen, die bas Deutschtum im Mittelalter ben eigenen Vorteil darin suchen ließ, ben ganzen Erdteil vorwärts zu bringet;. Mitpoli­tischem Verstand" hat solche gierige Ausnützung zeitbedingter Vorteile nichts zu tun. Als das Deutschtum schließlich Gelegenheit schielt, auf

kleinbeutscher Gründlage eine m o - berne Großmacht zu werden, bewährte sich Bismarcks Zuversicht:Man setze Deutschland nur in ben Sattel, reiten wird es schon können."

Das deutsche Volk, bas nach Anbruch ber Neuzeit an der Reformation fast verblutete, das im Dreißig­jährigen Kriege den Rest seiner früheren Welt­stellung verlor, konnte trotzdem alle Blutverluste überwinden, alle Verwüstungen seiner Landschaften wiedergutmachen, in politischer Ohnmacht den Ruf desVplkes der Dichter und Denker" erwerben, zum stärksten einheittichen Bevölkerungsblock Euro­pas anwachsen, für die Ausschließung neuer Sieb- hmgsräume in Osteuropa wie über See die unter­nehmendsten Pioniere stellen und nach dem Anbruch des industriellen Zeitalters in ber Anwendung mo­derner Technik Engländern und Nordamerikanern den Rang ftreitig machen.

Diese Volkskraft konnte nur so lange daran gehindert werden, den ihr angemessenen politischen Ausdruck großdeutscher Machtgestaltung zu suchen und zu finden, wie die Erschütterungen der Grund­lagen der abendländischen Kulturgemeinschaft dem Angelsachsentum Zeit ließen, sie einem immer stär­keren äußeren Druck auszusetzen. Dieser Druck mußte trotz der deutschen Niederlage nach dem gro­ßen Kriege sich je länger je mehr vermindern, weil dieAlliierten" ihrenSieg" mit einer viel zu großen Krafteinbuße an den übersee­

ischen Fronten ihrer Weltreiche erkauft hatten. Italien konnte unter Mussolinis Führung zuerst den Bann brechen, in den bas Zeitalter unbeding­ter britischer Seeherrschaft alle natürliche fontinen» taleuropäische Entwicklung geschlagen hatte. Aus einem Gefängnis, zu dem England die Schlüssel in Händen hielt, verwandelte sich das Mittelmeer seit­dem zusehends in einen Ring von Ausfallstellungen zur Macht- und Handelsentfaltung nach dem In­dischen und Atlantischen Ozean. Das deutsche Volk brauchte nur den ihm von der Vorsehung bestimm­ten Führer Aböls Hitler zu finden, um zuer­wachen", die Fesseln der Friedensverträge zu spren­gen, ben jahrhundertealten großdeutschen Traum zu verwirklichen und in fruchtbarer Wechselwirkung mit dem Weltgeschehen am Mittelmeer die europä­ischen Dinge um dieAchse BerlinRom" kreisen zu lassen.

Das ist der tiefere Sinn bes großdeut- schen Jahres, das die europäischen Dinge mit der erstmaligen Verwirklichung des großdeutschen Ideals aus einer künstlichen in ihre ursprüngliche natür­liche Ordnung zurückgekehitt find und nunmehr unter dem freien Pulsschlüg in Schwung kommen kann, die trotz aller Gegenbewegungen mit ber Zett den ganzen abendländischen Kulturkreis erneuern und zu einheittichen Kraftanstrengungen zwecks Ab­wendung gemeinsamer Gefahren befähigen wirb.