nr.76 Drittes statt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Donnerstag, 51. Marz 1958
15 Männer bereiten in Gießen die Wahl vor.
Zniereffanier Abendbesuch bei dem Wahlamt der Stadt Gießen.
In den Räumen des Gießener Wahlamtes herrscht, seit einigen Tagen Großbetrieb. Während der Tagesstunden sind 15 Männer eifrig dabei, alle Vor- bereitsarbeiten zu der bedeutsamen Volksabstimmung und' Wahl zum Großdeut- schen Reichstag vorzubereiten. Jedoch reichen dazu die Tagesstunden nicht aus, so daß seit Beginn dieser Woche auch die Nacht in weitgehendem Maße zum Arbeitstag gemacht wird, damif alle Vorbe- reitungsarbeiten fristgemäß beendet werden können. Bis jetzt haben diese 15 Männer schon 380 Ueberstunden für diese wichtige Aufgabe leisten müssen. Aber dringend notwendig ist dieser verstärkte. Arbeitseinsatz, wenn alles rechtzeitig, und güt klappen soll.
Schon sofort nach der Ankündigung der Wahl wurde der gesamte Apparat des städtischen Wahlamtes in Gang gesetzt, insbesondere zunächst die Organisation geschaffen. Daß es sich dabei um eine große Aufgabe handelt, zeigte uns der Besuch, den wir am gestrigen Mittwochabend im städtischen Wahlamt machten.
Zur schnelleren Bewältigung und zur übersichtlicheren Herstellung der Abstimmungsunterlagen wird die im Herbst vorigen Jahres von der Stadt angeschaffte Adrema-Anlage unter voller Ausnutzung ihrer Leistungsmöglichkeiten eingesetzt. Es handelt sich dabei um eine maschinelle Einrichtung, mit deren Hilfe die Wählerlisten für die einzelnen Abstimmungslokale, das Wählerverzeichnis für die Stadtverwaltung (Wahlamt) und für die Kreisleitung, sowie die Anschriften für d i e Wahl-Benachrichtigungskarte n im ersten grundlegenden Arbeitsgang mit wenigen Griffen Allesamt hergestellt werden. Von der geprägten Namens-Platte d'er wahlberechtigten Personen wird dann, wieder mit wenigen Griffen, in einem einzigen Arbeitsgang, der Druck hergestellt, und damit ist der bedeutsamste erste Abschnitt der Wahlvorarbeit geleistet. Bei dieser Adrema-Anlage bewältigen vier Arbeitskameraden den ganzen umfangreichen Betrieb durch präzises Zusammenarbeiten so vorteilhaft, daß rund 800 Namensplatten und anschließend. Drucke' für die Wählerlisten usw. in jeder Stunde als Mindestleistung geschaffen werden. Was für eine Gesamtarbeit in dieser Abteilung zu leisten ist, erfenrit man, wenn man weiß, daß rund 25 000 Stimmberechtigte in Gießen in Betracht kommen und dafür die erforderlichen Unterlagen für die Abstimmungslokale, für die Ar
beit des Wahlamtes und der Partei und als Voraussetzung für alles die Bereitstellung des Anfchrif- ten-Materials für die Wahlbenachrichtigungskarten zu liefern find.
Von der Adrema-Abteilung wandern die langen Bogen mit den Anschriften der Wahlberechtigten zu einer anderen Abteilung, in der die Bogen für die Herstellung der Wählerlisten durch Buchbinderarbeit, für' die Zwecke des Wahlamtes und für die Parteiarbeit gruppiert werden. Die langen Papierfahnen mit den Anschriften der Wahlberechtigten werden zur gleichen Zeit wieder einer anderen Abteilung zugeleitet, m der an einem langen Tische eine Gruppe von Männern sitzt, die hier die verantwortungsvolle Aufgabe zu erfüllen haben, mit größter Genauigkeit die Wahl - Benachrichtigungskarten für die einzelnen Wahlberechtigten fertigzumachen, damit der Versand schnellstens erfolgen kann. Was von diesen Mäbnern in verhältnismäßig kurzer Zeit zu bewältigen ist, zeigt die Tatsache, daß allein am Dienstag rund 11 000 dieser Karten versandfertig abgeliefert und der Post zur Zustellung an die Wahlberechtigten übergeben wurden. Die restlichen 14 000 Karten müssen bis zum heutigen Donnerstagabend bei der Post aufgeliefert werden, damit spätestens am morgigen Freitag alle Wahlberechtigten im Besitze ihrer Benachrichtigungskarten sind. Das Sortieren der Namenbogen und' der schmalen Anschriften-Papierstreifen, sowie die genaue Herrichtung der Benachrichtigungskarten stellt eine Unsumme von Kleinarbeit dar, die aber wegen ihrer-weitreichenden Auswirkungen von großer Bedeutung ist.
Daneben galt es auch noch, die Wahlurnen für die 18 Abstimmungslokale und die beiden sog. fliegenden Wahlbezirke (für die Abstimmung in den Kliniken ' und Krankenhäusern) betriebsfertig samt allem büromäßigen Zubehör herzurichten. Dabei ist tys ins Kleinste, selbst bis zum Bleistift und zum Farbstift, ja bis zur Kordel zum Zusammenschnüren der Wahlakten, alles nach einem genau festgelegten -Plane bereitzumachen. Säbald dann der Vortag der Abstimmung-gekommen ist, wird das gesamte Material auf Lastautos nach den Abstimmun^s- lokalen befördert, wo es am Abstimmungstage selbst vom frühen Morgen an bis zum Abend im Dienste der großen Aufgabe steht. Die Wahlberechtigten, die am 10. April ihren Stimmzettel in die Urne geben, mögen dabei auch einmal daran denken, welche gewaltige Arbeitsleistung schon viele Tage
vorher, sogar unter Zuhilfenahme zahlreicher Nachtstunden, zu leisten war, bis der ganze Apparat zur Entgegennahme des Stimmzettels des Wählers bereitstand. . ,
Zunächst aber motzen die Empfänger der Wahl- Benachrichtigungskarten sich durch genaue. Prüfung der Kartenanschrift darüber vergewissern, baß die Angaben der Anschrift in allen Teilen richtig sind. Ist dies der Fall, dann stimmt auch die Eintragung in der Wählerliste und dann ist das Stimmrecht gesichert. Wenn aber bei einer wahlberechtigten Person die Angaben der Karten-Anschrist nicht stimmen, dann muß sofort beim Wahlamt die erforderliche Berichtigung veranlaßt werden, damit hierdurch das Stimmrecht gewahrt wird. Ebenso müssen sich diejenigen wahlberechtigten Personen, die im Lause des Freitag keine Karte' erhalten, schleunigst beim städtischen Wahlamt melden. Die Wahl-Benachrichtigungskarte ist von allen Wahlberechtigten sorgfältig aufzubewahren und zur Stimmabgabe am 10. April mitzubnngen!
Wann werden Stimmscheine ausgestellt?
Stimmscheine, mit denen man bei zwingenden Anlässen auch außerhalb seines Wohnortes sein Wahlrecht ausüben kann, werden nach Beendigung der Offenlegung der Stimmkartei, vom 4. April 1938 ab, vom Wahlamt ausgestellt. Den Grund zur Ausstellung eines Stimmscheines muß der Antragsteller alaubhaft machen. Heber seine Berechtigung, den Antrag zu stellen, muß er sich ausweisen können. Dies gilt namentlich dann, wenn Dritte mit der Empstmguahme eines Stimmscheines beauftragt werden. Lediglich das Vorbringen, daß man1 am Wahltage abwesend sei, begründet noch nicht das Recht auf Erlangung eines Stimmscheines. Berufliche und persönliche Gründe irgendwelcher Art (Berufs- ober Geschäftsreisen) können die Abwesenheit begründen, doch müssen es zwingende Gründe sein. Das Reichswahlgesetz bringt mit dieser Vorschrift zum Ausdruck, daß die Beziehung des Wählers zu einem bestimmten Wahlbezirk aufrechterhalten werden soll. Diesen Grundsätzen würde es widersprechen, wenn unterschiedslos, „also auch aus nicht zwingenden Gründen", Stimmscheine erteilt würden.
Für jeden Einwohner eine Adrema-Adressenplatte.
Ein Blick in den Arbeitsraum, in dem die Adressen gedruckt werden.
In den nächtlichen Arbeitsstunden werden die Benachrichtigungskarten mit den Adressen versehen. (Aufnahmen |2]: Neuner, Gießener Anzeiger.)
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Das „Meerrettichweibchen".
Als es heute klingelte und meine Frau erst nach geraumer Zeit in das Zimmer trat, fragte ich: „Wer war denn da?" Sie antwortete: „Das Meerrettichweibchen", und lächelte dabei. .
„So, das Meerrettichweibchen", erwiderte ich, „ist es immer noch so munter?" „Und wie! Sie hat mir wieder so viel erzählt, daß mir der Kopf schwirrt." —
Am Nachmittag traf ich das liebe Weibchen im Wartesaal des Bahnhofes. Es unterhielt sich trift jedem und allen. Ihr Korb war leer. Ihre sprechenden Augen gingen in die Runde, ihr Mund stand nicht stich. Ich mischte mich unter die Zuhörer und betrachtete mit Vergnügen das runzelige, alte Gesicht, das schneeweiße Haar, und freute mich an der Lebhaftigkeit, an dem Humor des alten Frauchens. Sie stehe jetzt im 87. Lebensjahr, sagte sie jedem. Und wie flink läuft sie noch Tag für Tag mit ihrem schweren Korb von Haus zu Haus!
Es sind wohl schon 40 Jahre, daß Jie in unser Dorf kommt und die meisten Haushaltungen mit ihrem gewürzigen „Gemüse" versorgt, denn die Zeiten, in denen fast jeder Bauer noch irgendeinen verlorenen Winkel auf dem Acker hatte, auf dem bas „Unkraut" Meerrettich wuchs, finb wohl vorbei. Die Felber finb rein davon, und so ist das „Meerrettichweibchen" immer willkommen. In einem rechten Baurrnhaus gibt es halt am Sonntag Rindfleisch mit Meerrettich.
Im Zug saß sie mir dann gegenüber. Sie erzählte ununterbrochen weiter. Alle Mitfahrenden hatten ihre Freude an ihr. Als sie in Gießen ausstieg, wollte ich ihr den Korb reichen, aber sie nahm ihn an sich und sagte: „Das kann ich noch allein." Wir waren auf dem Bahnsteig 3.' Deshalb fragte ich: „Und die Treppen, machen Ihnen die nichts aus?" „Behüte? Die kann ich noch gut steigen!" Und sie lief noch wie ein junges Mädchen.
„Und wollen Sie sich nicht auch einmal zur Ruhs setzen: Oder wollen Sie erst hundert Jahre alt werben?" Sie lachte unb sagte: „Ja, bas will ich Aber zu Hause bleiben, bas kann ich nicht. Da weiß ich nicht aus unb ein. Ich muß unter bie Leute."
Auf meine Frage, wo sie wohne, sagte sie:, „In ber Kaiserallee." „Unb ben Weg machen Sie auch noch?" „Nein! Da fahre ich mit ber Elektrischen. Das kostet nur zehn Pfennig. Ein Schiff bringe ich boch nicht mehr aufs Wasser!" Dabei lachte sie wie- ber.
„Ich benfe doch, weyu man so alt ist und noch so gesund und lebensfroh in die Zukunft schaut, bann hat man wohl schon ein Schiff auf bem Wasser, ober nicht?"
Freudestrahlend verabschiebete sie sich. — Wir wünschen bem alten Weiblein noch recht sonnige unb heitere Jahre. Möge es noch oft hinaus auf bie Dörfer roanbern unb ben Leuten ben guten Meerrettich bringen! Möge es aber auch weiterhin allen Freunben unb Bekannten — unb wie viele hat sie! — zeigen, baß man auch noch im hohen Alter frisch unb allzeit froh sein kann! H.
Vornotizen.
• Tageskalender für Donnerskag.
Stadttheater: 20 bis 23.15 Uhr „Clivia" — Gloria- Palast, Seltersweg: „Sascha Guttry, Roman eines Schwindlers". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der Mann, der nicht nein sagen kann". — Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand. — Evangelischer Bund: 20.15 Uhr im Johannessaal Vortrag mit Lichtbildern von Pfarrer Saal. — Frühjahrsmesse auf Oswalds- garten,
Sichert Euer Stimmrecht!
DNÄ Di,e Stimmlisten liegen im Reichsgebiet (außer Oesterreich) am 2. und 3. April bei den Gemeindebehörden aus. Ohne Eintragung in bie Stimmliste kein Wahlrecht! Wahlrecht ist Wahlpflicht.
Die Schlacht an der Aisne.
Von Sans Zöberlein.
Der Kriegsbichter Hans Zöberlein lieft hier dieser Tage im Rahmen einer soldatischen Feierstunde aus seinen Werken. Wir bringen im Folgenden einen Abschnitt des Kapitels „Die Schlacht an ber Aisne" aus feinem Buche „Der Glaube an Deutschlanb". Wir taumelten in bas ^Stollenloch, voll Dreck und im Gesicht weiß wie Kreibe, bie an uns hing. „Wo bleibt ihr benn, es wird doch Zeit?" fragten sie unten. „Fünf Minuten noch!" „Seid's fertig?" Schon lang waren sie fertig. Der Beni hängte mir die Handgranatensäcke unb ben Karabiner um. Dann stiegen mir hinaus in den Trichter. Die Pioniere trugen bie gestreckte Ladung. Jeder stand an feinem Platz: ich gleich hinter dem'Führer als kurzer Werfer, hinter mir der Girgl als Weitwerfer. Alle hatten einen bangen Zug im Gesicht. Mir lief ein Frösteln hinunter, während ich aus die Uhr blickte. Noch zwei Minuten! Das Feuer des Franzmanns hatte etwas nachgelaffen.
Jetzt, jetzt! Ein MG. beginnt gleich neben uns hölzern zu hämmern. Und da fiel die Feuerglocke unferer Artillerie, grimmig fauchend, über das Grabenstück brühen. Den Einschlägen nach stanben wir recht. „Los!"
Da sausten die Pioniere mit bem Rohr hinüber, schoben es gebückt burch bas Hindernis, unb bann gab einer mit ber Hanb ein Zeichen im Hinwerfen. Wir zählten: Eins, zwei, brei, vier — eine riesige Sprengwolke brüllte, Drahtblöcke flogen. Wir rannten hinüber unb burch die Wolke hindurch in die wirbelnde Welt beim Feind.
Ein fast unversehrter Graben liegt offen; wir sprangen hinein, und schon taumelten die ersten Handgranaten im Bogen den Graben entlang. Französische Handgranaten und Gewehre lagen herum „Los! Der Graben ist ein ganzes Stück meit leer", brüllte der Führer, und wir brüllten nach hinten zu unseren Trägern: „Los!" In duckender Hast sprangen wir von Schulterwehr zu Schulterwehr. Kein Mensch im Graben. Ein schwarzes Loch in der Wand — ein Unterstand —, nichts rührte sich unten. Handgranaten hinunter. Dumpfe Schläge, weiter nichts. Die Pioniere sind auch da; einer von ihnen steigt schnell ein paar Stufen hinab. Dann stürzt er heraus: „Weiter!" Kaum einige Sekunden drauf markt der Boden; ein dumpfer Stoß; gelber Rauch roirb aus der OejfNung gestoßen, die lautlos zusammenrutscht.
Heber uns rneg peitscht ber Schauer von Ge- rnehrkugeln. „Die Hunbe haben ben vorderen Graben geräumt", brüllte ber Martl. Wir hasten roeiter, bie Handgranaten murfbereit, unsere Träger mit ber Faust am Kolbenhals bes Karabiners. Wieber ein Unterftanb. Ich schreie hipab in fingenbem Ton, mie ich es von den Franzosen gehört habe: „Les Allemands! — allons allons!“ Nichts regt sich. Ein Schriftstück ist an das oberste Brett genagelt: „Alarme de gaz“ steht darauf. Em Griff, ich reiße es ab und stecke es zerknüllt in bie Tasche. Wieber steigt ber Pionier hinab mit einem viereckigen roten. Paket, unb gleich barauf ist er wieber oben: „Weiter!" Unb wieber wankte nach einigen Sekunben ber B^ben, unb ber Stollen sinkt ein.
Ich stelle eine andere Kiste an bie Deffnung unb räume Steine unb Sanb mit ber Hanb weg. Lange bauert bas nimmer, bas könnte nach alter Erfahrung schon ber Sprubel ber Feuerwalze sein. Draußen spritzt Dreck aus ziehenbern Rauch. „Trumm — trumm — trumm rr —", haut es verbammt nahe, wenn das nicht schon direkt in das Steinaeröll geht über unferer Decke. Gott fei Dank nur leichte Kaliber, durchschlagen ... „Wwupp — pp!"--
Schattenspiel.
Geschichte von Peter Mattheus.
Die Nacht war sehr still und sehr dunkel. Plötzlich fuhr Fiebelkorn mit einem Ruck aus dem Schlaf und setzte sich im Bett auf. Irgendwo hatte etwas geklirrt.
.Er hielt den Atem an und lauschte. Der Gedanke, ganz allein im Hause zu sein, jagte ihm ein unangenehmes Prickeln über bie Haut. Die Wirtschafterin, bie sonst im Dachgeschoß schlief, hatte sich tags zuvor Urlaub geben lassen unb war zur Hochzeit einer Verwanbten in bie Stabt gefahren. Er horchte angespannt. Nichts rührte sich. Trotzbem würbe er bas Gefühl nicht los, baß bas Geräusch von unten gekommen war.
Leise ftanb er auf unb trat auf ben Balkon hinaus. Von bort führte eine schmale Steintreppe hinunter auf die Terrasse, die sich vor dem Hause hinzog. Der Garten lag in tiefer Dunkelheit. Kein Laut war zu hören. Fiebelkorn faßte sich ein Herz und schlich die Treppe hinab.
Unten spähte er vorsichtig um die Ecke. Er sah die Steinplatten der Terrasse bleigrau durch die Finsternis schimmern. Sonst sah er nichts Nach einigem Zögern entschloß er sich, zu feiner eigenen
Beruhigung einmal die Runde um bas Haus zu machen. Langsam, Schritt für Schritt, tastete er sich an ber Mauer entlang.
Er kam bis etwa zur Mitte der Terrasse. Plötzlich sank er mit einem erstickten Aufschrei gegen bie Wanb unb blieb regungslos stehen. Sein. Herzschlag setzte für eine Sekunbe aus.
Aus bem schwarzen Schacht eines halbgeöffneten Fensters schoß jäh -ein Arm hervor — ein Arm, an bem ein viereckiger bunfler Gegenstanb baumelte.
„Nimm, Mensch, lyib türme!" zischelte eine heisere Stimme.
Der Arm verschwanb, so schnell wie er gekommen war. Der bunkle Gegenstanb blieb in Fiebelkorns Hanb zurück. Es schien eine Tasche zu fein.
Fiebelkorn machte kehrt. Mit schlotternben Knien eilte er bie Terrasse entlang, tappte bie Treppe hinauf unb stürzte in fein Schlafzimmer. Er machte bie Balkontür fest hinter sich zu unb brehte ben Schlüssel zweimal herum. Dann ließ er sich schwer- atmenb auf bas Bett sinken. Dicke Schweißtropfen ftanben ihm auf ber Stirn.
Einige Augenblicke später huschte ein Schatten vom Garten her über bie Terrasse. Noch ehe er bas Haus erreicht hatte, schwang sich ein zweiter Schatten aus einem ber Fenster unb glitt auf ben ersten Zu.
„Was'n los? Was krebst bu hier noch rum?" grunzte eine heisere Stimme. ,
„Dachte, es murfelt jemand am Gartentor", brummelte eine andere.
„Blödsinn!", das war wieder die heisere Stimme. „Vorwärts — ab!"
Die beiden Gestalten verschwanden unter den Bäumen, kletterten über den Gartenzaun und liefen gebückt durch die Felder.
Am Waldrand machten sie halt.
„Nun rück mal raus", sagte der Mann mit der heiseren Stimme und wischte sich schnaufend die Stirn.
Der andere nuschelte etwas vor sich hin.
„Los, gib die Tasche her", wiederholte der Heisere.
„Was für ’ne Tasche?" fragte der andere verblüfft.
„Na, Mensch — die Tasche! Ich hab dir doch die Tasche gi geben!"
„Du hast mir 'ne Tasche gegeben? Du — mir?" Die Stimme bes anderen klang schrill. „Du spinnst wohl, was?"
Der Heisere sperrte eine Sekunde lang sprachlos den Mund auf. Dann machte er einen Schritt auf den andern zu und hielt ihm die geballte Faust unter die Nase.
„Du! Gib mir bie Tasche raus!" zischte er drohend. „Du willst mich wohl begaunern, was?
Ich sag dir, du kriegst Dresche wie noch nie im Leben!"
„Ich dich begaunern? Du willst mich begaunern!" heulte der andere voller Wut. „Du hast die Tasche wohl versteckt, • um sie nachher alleine abzuholeu, he?"
Im nächsten Augenblick schlugen sie zu. Es war ein Boxkampf ohne besondere Regeln. Die Fäuste wirbelten wild herum und hieben und stießen, wie es gerade kam. Beide keuchten. Zum Schluß gerieten sie ins Stolpern, schlugen krachend mit den Schädeln zusammen unb rollten ins @ras.
Eine Weile blieben sie ächzenb liegen. Enblich rappelten sie sich auf.
Der Heisere bückte sich, nahm seine Mütze und spie im Bogen vor bem anberen aus.
„Du Schuft!" sagte er giftig.
Dann brehte er sich um unb ging bavon.
„©meiner Lump!" krächzte ber anbere unb schüttelte bie Faust hinter ihm her.
Dann -machte er auch kehrt unb verschwand irt der entgegengesetzten Richtung.
Fiebelkorn stand um diese Zeit vor dem T:sch in seinem Schlafzimmer unb betrachtete tief erstaunt die Dinge, bie er ber Tasche entnommen hatte. Da war bie kleine Stahlkassette aus seinem Schreibtisch, in ber er bas Bargelb aufzuheben pflegte Dann war fast sein gesamtes Silber ba — bis auf zwei Löffel, bereu Echtheit nicht ganz feftftanb. Unb bann war ein Bunb Dietriche ba, ein Pechpflaster unb ein Glasschneiber.
Er schüttelte immer heftiger ben Kopf. -
Er verstaub es nicht. Er verstaub es absolut nicht.
Schutz der Wachtel.
Die Bemühungen des Internationalen Jagdrates um den Schutz ber Wachtel haben nach einem Bericht bes „Deutschen Jägers" überall ben gewünschten Erfolg gehabt, abgesehen von Aegypten. Es haubelte fick) vor allem darum, den-Einfang ber Wachtel mit Netzen unb bas Verbot ber Jagb in Nordafrika im Frühjahr zu erreichen. In Aegypten, wo man nur lokalen Beschränkungen zugestimmt hat, werben nur wenig Wachteln gegessen; sie werden vielmehr ausgeführt, unb es' kam darauf au, die Ausfuhr nach Italien, Frankreich unb England ZU verhindern, wo sie am meisten verbraucht werden. Frankreich hat die Einfuhr bereits verboten, Italien wird bald ein Verbot erlassen, unb in Euq- lanb ist burch ein Gesetz die Einfuhr lebender Wachteln untersagt, so daß die Wachteln jetzt internatio. nal geschützt sind, und wir in Deutschland auf eine Zunahme ihres Bestandes rechnen können.


