Nr. Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Donnerstag, 3s. März 1938
Sie Sprache der Tatjachen.
Während wir alle im Bewußtsein der geschichtlichen Tage leben, die mit der Heimkehr Oesterreichs zum Reich angebrochen sind, macht auch die übrige Welt die Erfahrung, daß das Rad der Weltgeschichte sich immer schneller zu drehen beginnt. Niemand kann sich heute noch der Tatsache verschließen, daß die europäische Entwicklung stärker denn je in Fluß gekommen ist. Die Wirklichkeit, die harten Tatsachen reden eine nicht mehr zu überhörende Sprache, und die Verhältnisse verlangen immer gebieterischer nach einer neuen europäisch e n P o l i t i k, die fähig und bereit ist, jene Aufgaben zu meistern, die sich mit elementarer Wucht von selbst auf die Tagesordnung gesetzt haben:
Es kann nicht ausbleiben, daß solche Zeitenwende in den europäischen Zentren eine schwere Krise auslöst, deren geistige und politische Kräfte immer noch überwiegend rückwärts gewandt und dem zerbrechenden Weltbild von gestern verhaftet sind. Man braucht in diesen Tagen nur einen Blick in die französischen Zeitungen aller Schattierungen zu werfen, um nicht nur das Ausmaß dieser ganz zwangsläufigen Krise zu erkennen, sondern auch die Größe der Widerstände zu ermessen, die sich einer befreienden Wendung der französischen Politik entgegenstemmen. Gewiß gibt es jenseits des Rheins Persönlichkeiten, wie etwa F l a n d i n oder Laval, die die Zeichen der Zeit zu erkennen beginnen. Sie haben sich sogar mit beachtlichem Mut gegenüber jenen gefährlichen, teils aus weltanschaulichen Haßkomplexen, teils aus sturem Versailler Gewaltdenken gespeisten Strömungen eingesetzt, die immer noch nicht umlernen, sondern im Gegenteil mit verstärkter Gewaltanwendung sich der Entwicklung in den Weg stellen wollen.
Aber, gemessen am Gesamtbild der gegenwärtigen französischen Politik, sind sie einsame Rufer. Die herrschenden und beherrschenden Kräfte gehen einen anderen Weg, und seit der völlig in Genfer Theorien befangene Paul-Boncour Herrn Delbos abgelöst hat, verzichtet man in Paris nicht einmal darauf, die bislang als unantastbar angesehene Solidarität mit England erheblichen Belastungsproben auszusetzen. Ob Deutschland oder Italien und Japan, ob Mitteleuropa oder Spanien — das Rezept ist in allen Fällen das gleiche und völlig negative: Koalitionen gegen den „Angreifer", Gewaltanwendung und Intervention im Namen eines verlogenen Rechtes zugunsten von Unrecht und Gewalt. Auf dieser Ebene treffen die antifaschistischen Volksfronten Frankreichs und Englands mit den ärgsten Versailler Reaktionären einträchtig zusammen und ebenso einig ist man sich in der unsinnigen, öden Parole, daß. es heute nur noch die Wahl zwischen offenem Aufbegehren einerseits und Kapitulation gegenüber der „deutschen Gewalt" andererseits gäbe. Ist es wirklich zu hart, hier von einem geistigen und moralischen Bankrott zu sprechen?
Unter diesen Umständen hat sich Herr Chamberlain ein europäisches Verdienst erworben, indem er sich von diesem Treiben, ttotz allerlei Erpressungsversuchen nicht einfangen läßt und jenen gefährlichen Parolen seinen Glauben an die Möglichkeit einer Entwicklung zum Guten entgegensetzt. Gewiß mußte seinem Unverständnis in der Lösung der österreichischen Frage ebenso widersprochen werden wie der von ihm geübten unangebrachten moralischen Kritik. Aber darüber soll nicht vergessen werden, daß der britische Premierminister in den Konsequenzen betont ruhig geblieben ist und insgesamt einen Kurs verfolgt, der der Weiterentwicklung der Befriedung Europas zumindest nicht unbedingt den Weg verbaut.
Herr Chamberlain steht heute jedenfalls schon mitten in der Liquidierung der unglücklichen Eden- schen Erbschaft. Ein schwieriges Unterfangen, wenn man allein nur folgende Passivposten in Betracht zieht: die unnatürliche Gegnerschaft zu Italien und das ebenso unnatürliche Zusammengehen mit der Sowjetunion. Beides war Herrn Edens Werk, beides widersprach offensichtlich allen geschichtlichen Erfahrungen Englands ebenso wie seinen wirklichen Interessen. Die schneidende Absage an Litwinows jüngsten Dreh, die „Konferenz gegen die Angreifer", wie der Fortschritt der englisch-italienischen Verhandlungen beleuchten bereits den Wandel auf beiden Gebieten. Ueberflüssig zu betonen, daß uns dies nur willkommen fein kann. Denn in dem Maße wie England wieder zu einer realistischen, auf die Belange des Weltreiches ousgerichteten Jnteresfenpolitik zurückfindet, schwinden auch die Reibungsflächen im deutsch-englischen Verhältnis.
Daß die Sicherheit Frankreichs und Belgiens zu den lebenswichtigen britischen Interessen gerechnet wird, kann uns um so weniger stören, als damit tatsächlich offene Türen eingerannt werden. Etwas undurchsichtig werden die Dinge erst bei der jetzt so viel erörterten „Rolle Englands in Mitteleuropa". Gewiß lehnt die britische Regierung es ab, dem Drängen gewisser Kreise nach Uebernahme automatischer Verpflichtungen, sowohl gegenüber Paris wie gegenüber Prag, nachzugeben.' Aber das geschieht leiber nur aus einem begrenzten, typisch englischen Gesichtswinkel heraus, aus der erklärten Abneigung gegen jede Politik, die England die Hände binden und ihm feine Urteils- und Handlungsfreiheit nehmen müßte. Es wäre besser gewesen und hätte bedeutend mehr zur Klärung und Bereinigung der Verhältnisse bei- getragen, wenn Herr Chamberlain noch einen Schritt weitergegangen wäre. Notwendig war nämlich nicht nur die Feststellung, daß derartige automatische Verpflichtungen und Garantieerklärungen von England abgelehnt werden, weil sie ihm unbequem sind und seiner ganzen Tradition widersprechen, sondern vor allem deshalb, weil der Garantiegedanke an sich grundsätzlich falsch und völlig unbrauchbar gerade im Hinblick auf die Zielsetzung ist, die England heute für Mitteleuropa proklamiert. Um so mehr vermißt man in der englischen Politik die Einsicht, daß das von der Prager Regierung aufgeworfene Problem derart ist, daß es mit Garantieerklärungen überhaupt nicht gelöst, sondern gerade umgekehrt nur verschärft und noch mehr kompliziert werden kann.
Hätte der britische Premierminister sich zu dieser Einsicht durchgerungen und ihr offen Ausdruck gegeben, dann wären zum Beispiel Mißverständnisse und Ausdeutungen gar nicht möglich, wie sie jetzt in Prager Blättern auftauchen und von denen man wohl ännehrnen darf, daß sie nicht im Sinne Chamberlains liegen. Die Behauptung nämlich, England habe deshalb von besonderen Garantieerklärungen abgesehen, weil man in London vor- aussetzte,' „daß Deutschland nichts gegen die Tschecho
slowakei unternehmen werde". Das ist eine Verdrehung und Verfälschung des Problems, der Chamberlain gewiß nicht hat Vorschub leisten wollen. Um so weniger, wenn man die Warnung an die Prager Adresse in Betracht zieht, die doch wohl nicht die unwesentlichste Absicht seiner Erklärungen gewesen ist. Jedenfalls liegt hier wieder einmal ein Schulbeispiel dafür vor, wie eine an sich gutgemeinte Politik durch Anwendung falscher Mittel ganz entgegengesetzte Wirkungen Hervorrufen kann.
Inzwischen enthüllt allerdings die harte Sprache der Wirklichkeit mit großer Schnelligkeit den wahren Charakter des sudetendeutschen Problems immer deutlicher auch für jene, die ihm bis gefterck ein ganz falsches Gesicht geben wollten. Selbst französische Blätter müssen heute angesichts der völkischen Gärung in der Moldau-Republik bekennen, daß „nicht die Drohung von außen im Vordergrund stehe, sondern daß vielmehr der tschechoslowakische Staat Gefahr laufe, der Zersetzung anheimzufallen oder gar von innen heraus zu zerplatzen". Selbst der „Temps" muß jetzt zugeben, daß es die Gärung unter den verschiedenen Nationalitäten und die Zuspitzung der inneren Auseinandersetzung ist, die den Kern des Problems ausmacht und die Prager Regierung vor eine Zwangslage stellt. Erkennen, daß diese Zwangslage in keiner Weife auf Druck oder gar Drohungen des Reiches zurückgeht, sondern einzig und allein aus
den vergangenen Sünden des Prager Regimes erwachsen ist und erwachsen mußte, sollte auch heißen, den richtigen Schlüssel zur Lösung dieser brennenden Frage finden.
Manches deutet darauf hin, daß man sich in Prag über die Verantwortung, die sich aus der heutigen Lage ergibt, keine Illusionen mehr macht. Tatsächlich muß ja jeder, der auch nur ein Mindestmaß an Empfinden für die Zeichen der Zeit hat, erkennen, daß die Dinge heute an einen Punkt angelangt sind, wo bloßes taktisches Lavieren sich als ein in jeder Hinsicht untaugliches Mittel erweisen muß. In Versailles ist der neugeschaffene Moldaustaat von verblendetem Siegerwahn in eine ganz unmögliche und gefährliche Position gebracht worden. Die antideutsche Funktion, die er erfüllen sollte, und die ihm das negative Ziel setzte, einen Pfeiler im alten Einkreisungssystem abzugeben, muß endlich in der inneren und äußeren Politik fallen gelassen werden. Schließlich liegt Versailles heute zwanzig Jahre zurück, und die Welt hat sich in ihren geistigen Grundlagen wie in ihren macht- mäßigen Gegebenheiten gründlichst gewandelt. Die Pflichten, die sich daraus ergeben, sind so eindeutig, die Verantwortlichkeiten vor der Geschichte so klar, daß keine noch so geschickte Dialektik sie aus der Welt schaffen oder an die falsche Stelle verlagern kann. Dr. Hans von Malottki.
drücken und bewegt sich mit der Unbefangenheit eines Naturkindes, dem die Verstädterung weniger als anderen Großstädterinnen anhaben konnte. Und wie in allem andern, so hat die Wienerin auch in der Liebe ihre eigene Note. Als Naturkind nimmt sie auch die Liebe von der unbefangen natürlichen Seite, und es stellt ihr kein schlechtes Zeugnis aus, wenn sie von ihren eigenen Landsleuten ebenso wie von Fremden und Fremdesten als Frau begehrt und verehrt wird. Dr. Buresch.
Kunst und Wissenschaft.
Neue Forschungsergebnisse in der inneren Medizin.
Die Beratungen des zweiten Tages der 50. Jubiläumstagung der Deutschen Gesellschaft für innere Medizin in Wiesbaden befaßte sich zunächst mit der Funktion und Erkrankung der Nebenniere. Referenten waren die bekannten Internisten Professor von Bergmann (Berlin) und Professor Baumann (Basel). Den Ausführungen Professor von Bergmanns war u. a. zu entnehmen: Die Nebenniere besteht aus Mark und Rinde. Den Stoss im Mark sand man bald: er wurde als Selbstfabrikat des Organismus erkannt. Man nennt solche Stoffe Hormone. Dieser Stoff des Nebennierenmarkes, Adrenalin genannt, konnte auch bald von der Industrie chemisch rein dargestellt werden. Unendlich viel leistet dieses Adrenalin. Es hat für die Krankenbehandlung Bedeutung, weil es durch die Zusammenziehung der mikroskopisch kleinsten Arterien örtlich blutstillend wirkt und den Blutdruck steigert. In noch geringerer Menge, die den Blutdruck nicht beeinflußt, ist es für die Blutverteilung von Bedeutung. Die Forschung ermittelte, wie ein chemisch jetzt endlich wohlbekannter Körper lebenswichtige Umsetzungen in alle möglichen Gewebe vollzieht.
Professor Baumann von der Kinderklinik Basel berichtete über die Bedeutung der Nebenniere bei Infektionskrankheiten in seinem Fachgebiet. In der Sitzung am Nachmittag wurde über neue Wege in der Insulinbehandlung gesprochen. Seit einigen Jahren ist man bemüht, ein Insulin herzu- stellen, das eine längere anhaltende Wirkung hat und küimit bei Zuckerkranken eine seltenere Injektion notwendig macht. Durch die Zusammenarbeit zwischen Aerzteschaft und chemisch-pharmazeutischer Industtie wurden auf diesem Gebiet beachtliche Erfolge erzielt.
Die Bedeutung der Vitamine.
Mit den neuen Erkenntnissen über die wichtigen Vitamine B 1 und B 2 befaßte sich der drttte Sitzungstag der 5 0. Jubiläumstagung der deutschen Gesellschaft für innere M e - dizin in Wiesbaden. In seinem Referat ging Geheimrat Professor Dr. E. Abderhalden (Halle) nach einer Uebersicht über die Entwicklung der Vi- tamine-Forschung im allgemeinen auf die chemische Struktur des Vitamin B 1 ein und setzte auseinander, wie es zur Aufdeckung der chemischen Struktur und zur Synthese kam. Das Vitamin spielt eine große Rolle im Zucker- und Eiweiß-Stoffwechsel. Besonders die deutsche Forschung hat einen großen Anteil an den grundlegenden Entdeckungen. Durch eine neue Methode ist es möglich, den genauen Gehalt an B 1 im Körper festzustellen. Auf diese Weise werden uns in den kommendem Jahren neue Erkenntnisse beschert werden. Als zweiter Berichterstatter legte Dr. Schröder (München) die klinische Bedeutung des Vitamin B 1 dar, mit der sich die Münchener medizinische Klinik seit Jahren beschäftigt. ,
Aus aller Wett.
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Mädchen aus dem Zillertal, einem rechten Seitental des Jnntals in Tirol, das roeaen seiner landschaftlichen Schönheit berühmt ist und viel besucht wird. — (Ausn.: Scherl-M.)
„Sie hat das Herz einer Deutsch««!"
Das „schöne Geblüt" der Wienerin einst und heute.
Zu den vielen erfreulichen Dingen, die die Wiedervereinigung Oesterreichs und des Reiches mit sich bringt, zählen wir als eins der schönsten, daß wir nun einen Frauentypus von besonderem Liebreiz in den Reigen von Anmut und Schönheit einreihen dürfen, den die deutschen Landschaften stellen: die Wienerin.
Schreibt doch schon der wackere Schwabe Wilhelm Ludwig W e k h e r I i n , Schriftsteller und Reisender, der sich von 1767 bis 1777 in Wien aufhielt, höchst freimütig: „Im Ernste, das Geblüt ist sehr schön unter diesem Himmelsstriche!" Es mögen dieser sachlich-gelehrtenhasten Feststellung mancherlei Studien am lebendigen Objekt vorangegangen sein, und wir wissen heute nicht, welche der beiden Grundtypen der Wienerin, die blauäugige und blonde ober die kastanienbraune mit dem rehbraunen Auge, es dem bedächtigen Berichterstatter von 1777 am meisten angetan hat. Er muß jedenfalls ein Frauenkenner gewesen sein, denn er vergleicht die Wienerin nicht nur mit feinen eigenen Landsmänninnen, er findet auch, daß sie nicht „f o rot und n e r o i g t" wie die Engländerinnen sei, und ebensowenig nennt er sie „schmächtig" wie die Französin. Sie geht ihm auch über die Neapolitanerin, und die Quintessenz seines Urteils und seiner Studien faßt er zusammen in die bedeutungsvollen Worte „sie hat das Herz einer Deutschi n!"
Das hören wir heute mit besonderer Genugtuung. Man hat uns die Wienerin oft genug französieren wollen, um sie damit in Gegensatz zu ihren Stammesschwestern zu bringen. Man hat die beschwingte Eleganz, die ihr eigen ist, umbeuten wollen in pariserischen „Chic", wobei man übersah, baß gerade die Wiener Mobe eine ausgesprochen eigene Note unb unabhängig von Paris, ja i n betontem Gegensatz zur Haute Couture an ber Seine einen eigenen Stil — eben bas Wienerische — herausgearbeitet hat.
Was ist bas nun — bas Wienerische? Es ist eine Summe von Eigenschaften, bie wir selten sonst in biefer Vielzahl "in einem Frauentypus vereinigt finben. Schon bie Tatsache, baß bie Wienerin sich nicht auf bestimmte äußerliche Merkmale festlegt, baß sie ebenso häufig blonb unb blauäugig ist wie bunkel, ohne baß eine ber beiben etwa „wienerischer" wäre als bie andere, erlaubt uns nicht, sie in ein festes Schema einzuordnen. Wir kennen bie Wienerin auch nicht, wenn wir sie mit gewissen Operettenoorstellungen umkleiden, ewig walzertanzenb, ewig tänbelnb und mehr als andere Frauen an ben kleinen Eitelkeiten bes Lebens hängenb.
Die Wienerin ist Weib im besten unb vollsten Sinne dieses Wortes. Sie ist eine ausgezeichnete Hausfrau, die Küche unb Haus in
mustergültiger Weife regiert. Wenn Wien seit jeher in besonderem Rufe einer guten Küche, vorzüglicher Backwaren unb leckerer „Mehlspeisen" gestanden hat, so verdankt es bas ber Begabung und dem Können seiner Hausfrauen, die eine große Zahl von Spezialgerichten weltberühmt gemacht haben. Aber das will nicht sagen, daß die Wienerinnen im Kochen und Wirtschaften ihre einzige Aufgabe sähen. Sie ist nur die Grundvoraussetzung für ein Leben, das sich stärker als anderswo im Häuslichen vollzieht. Das Heim der Wienerin ist ihre Welt, ihr Rahmen, in dem sie sich mit Anmut und mit großer Natürlichkeit zu bewegen weiß. Damit sind die drei Eigenschaften schon genannt, die der Wienerin ihren liebenswürdigen Ruf verschafft haben. Grazie nicht nur der äußeren Erscheinung, sondern des Sichgebens, der Art sich zu kleiden, Gäste zu empfangen und eine Unterhaltung zu führen.
Diese Grazie wäre hohle Geziertheit ohne die herzhafte Anmut, die auch die einfache Frau aus dem Volke umgibt und die ihre geheime Wurzel in der Musikalität ihres Volkes und ihrer Landschaft hat, einer Musikalität, die noch dem armen, nackten Alltag sein Lied gönnt und die dem Zugereisten den Aufenthalt in Wien so ungemein reizvoll erscheinen läßt. Kaum ein Heim, in dem nicht musiziert wird, aber nicht in dem qualvollen Sinne, der die Hausmusik zuweilen leider in Verruf bringt, sondern in einer künstlerischen, anspruchsvollen Art. Nirgends gibt es so viele überdurchschnittliche Liebhaberquartette, nirgends so viel Interesse für alles, was Musik heißt, wie in Wien. Und die Wienerin ist an dieser Musikliebe hervorragend beteiligt. Wer längere Zeit in Wien als „Untermieter" gelebt hat, wird schwerlich die Erinnerung an die Abendstunden missen wollen, wo bie Hausfrau an bas Stübchen des Mieters klopfte und ihn hinüber bat, „weil grab a Musi' g'macht wird". Sie selbst saß dann am einfachen Klavier oder am eleganten Flügel- und spielte und begleitete, ganz wie es verlangt wurde.
Mit der Anmut verbindet die Wienerin eine Heiterkeit und Beschwingtheit des Wesens, die nicht selten als Leichtsinn und Oberflächlichkeit mißdeutet werden. Aber sie entspringen einer inneren Ausgeglichenheit, die ihre Wurzeln ebenso in einer alten Kultur wie in der Bodenständigkeit des Wieners hat, dem mehr als jedem andery Großstädter immer noch etwas Ländliches anhaftet. Wien ist nicht Wien ohne die Donau unb den Wiener Wald, schon in alter Zeit haben sich die Wiener Vorstädte weit ins Land hinausgeschoben. Und auch die verfeinerte Wienerin hat deshalb immer noch etwas Ländliches an sich, sie spricht in einer Unzahl von sehr reizvollen mundartlichen Aus
Die deutschen Rekordflieger in Rio de Janeiro begeistert begrüßt.
Das Dornier-Flugboot Do 18 wasserte am Mittwoch im Flughafen von Rio de Janeiro, Santos Dumont. Die Rekordflieger wurden begrüßt und beglückwünscht vom deutschen Botschafter Ritter, Landesgruppenleiter v. C o s s e l, der Leitung bes Conbor-Synbikats sowie Vertretern bes Reichsver- banbes ber Deutschen Luftfahrt unb ber Junkerswerke. Außerbem waren zur Begrüßung erschienen ber Direktor bes brasilianischen Amtes für Zivilluftfahrt Trajano Reis, Fliegergeneral Newton Braga sowie ber Präsibent bes brasilianischen Aeroklubs. Deutsche unb brasilianische Kinber überreichten ben Fliegern Blumensträuße. Beim Verlassen bes Flughafens brachte bie Menge, unter ber sich die fast vollzählig erschienene beutsche Kolonie befanb, ben erfolgreichen beutschen Rekorbfliegern begeisterte Ovationen bar.
Die brasilianische Presse gibt ausführliche Beschreibungen über ben Flug unb bie ßanbung ber deutschen Rekordflieger. Von Engel erklärte sich gegenüber bem DNB.-Vertreter außerordentlich befriedigt über ben Flugoerlauf. Die Organisation unb vor allem bie bauernbe Funkverbindung mit Hamburg hätten s i ch glänzend bewährt. Das amtliche Ergebnis des von Do 18 erzielten Langstreckenrekords für Seeflugzeuge werde in grober Linie 8 3 0 0 Kilometer überschreiten und in gebrochener Linie werde der Rekord voraussichtlich noch großer fein. Der Rückflug wird in ber nächsten Woche unternommen.
Wunschkonzerte
für bas Whw. erbrachten 237 961 Reichsmark.
Das 5. Wunschkonzert, das der Deutschlandsender zugunsten des Winterhilfswer- k e s 1937/38 durchführte, hat einschließlich Devisen- und Sachspenden einen Betrag von 40 282 RM. ergeben, so daß die bisherigen Ergebnisse weit übertroffen wurden. Damit vermehrt sich die Summe, die der Deutschlandsender durch seine Wunschkonzerte dem WHW. überweisen konnte, auf 237 961 Reichsmark. Dieser Betrag ist um so höher zu bewerten, als er sich nicht aus wenigen großen Spenden, sondern zum überwiegenden Teil aus kleinsten Summen, ja selbst aus Pfennigbeträgen, zusam- mensetzt. Dazu kommt, daß selbstverständlich nur die Spenden jener Hörer berechnet wurden, deren Wünsche bereits erfüUt werden konnten. Nach einer Berücksichtigung der außerdem eingegangenen unb der NSV. überwiesenen zahlreichen Beträge, für die der Deutschlandsender bisher keine Gegenleistung bieten konnte, würde sich das Endergebnis noch be- deutend erhöhen.
Von einem Stier getötet.
In Niederbrombach war vor einigen Tagen ber 70jährige Landwirt Jakob Schmidt von einem wütenden jungen Stier angefallen und schwer verletzt worden. Im Birkenfelder Krankenhaus ist ber alte Mann jetzt seinen Verletzungen erlegen.


