Ausgabe 
30.11.1938
 
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desliberalen" Amerika gegen die Reaktion". Es scheint nicht, daß Roosevelt solche Absichten hat. Er wird seine Partei und die große Parteiorganisation nicht aufgeben; die Folge seines Ueberwechselns wäre nur der Zerfall der Demokratischen Partei und ein sicherer Sieg der Republikaner. Deswegen versucht Roosevelt jetzt, in Versöhnung zu machen, aus daß die neu erstarkte Opposition im Parlament ihm die nächsten beiden Jahre (bis zu den Wahlen im No­vember 1940) nicht das Leben zu schwer mache, und daher hat er sich zu bem ungewöhnlichen Schritt entschlossen, den nominellen leader of the Opposition, den Leiter der Republikanischen Partei, seinen direk­ten Gegner im Wahlkampf von 1936, Alfred Landon, zum zweiten Delegierten für die Große Panameri­kanische Konferenz in Lima zu ernennen, und Lan­don hat das geschmeichelt angenommen. Parole ist jetzt: innere Einheit auf der Basis star- ker Rüstung und enger Freundschaft mit Latein-Amerika. Ob diese innere Ein­heit sich Herstellen läßt, wird die im Januar 1939 zufömmentretende Tagung des neuerwählten Bun­desparlaments zeigen.

Chamberlains Nomreise.

Die Reise Chamberlains nach Italien, von der schon anläßlich der Münchener Begegnung gespro­chen wurde, ist nnn für Januar von London aus formell angekündigt worden. Diese Mitteilung er­folgt in einer Zeit, wo sich eift gemeinsames Inter­esse Englands und Italiens abzeichnet: das Inter­esse an einem Frankreich, das nicht Tummelplatz der Moskowiter und ihrer französischen Freunde ist. Wir haben bereits über die Besorgnis berichtet, mit der die englische Presse die Lahmlegung der wirt­schaftlichen Leistungsfähigkeit, ja sogar der staatlichen Funktionen Frankreichs durch den Kommunismus verzeichnet; Italien weiß aus dem Kampfe gegen Rotspamen her, wie störend sich die kommunistischen Beeinflussungen der französischen Politik für seine nächsten Interessengebiete auswachsen! Es ist übri­gens interessant, daß Italien in den letzten zwei Jahren auch die Londoner Regierung kräftig war­nen mußte, Sowjetrußland zu starke Zugeständnisse zu machen: Die eine Gelegenheit war der Abschluß des neuen Dardanellen-Abkommens, das im Juli 1936 in Montreux ohne Italien ver­handelt wurde und das-den sowjetrussischen See­streitkräften des Schwarzen Meeres die Einfahrt m das Mittelmeer erlaubte; und die andere Gelegen­heit ergab sich 15 Monate später, als in Nyon, ebenfalls ohne Italien, aber in Anwesenheit Sowjetrußlands, die Seepatrouillen gegen diePiraterei" im Mittelmeer eingerich­tet wurden. Eine Aufhellung der Situation trat erst ein, als sich Chamberlain von dem damaligen Außenminister Eden trennte an jenem 20. Fe­bruar 1938, an dem der Führer seine Rede hielt und in ihr die10 Millionen Deutschen" in der unmittelbaren Grenznachbarschaft des Reiches in fei­nen Schutz nahm. Damit wurde erst der Weg frei, das Anfang 193F geschlossene englisch-italienische ©entfernens Agreement in demOsterabkommen" vom 16. April 1938 gegenständlicher zu gestalten. Dieses Osterabkommen ist am 15. November endlich in Kraft getreten und damit war der Weg zu dem Besuch Chamberlains in Rom frei, den der britische Erftminister nach seiner persönlichen Unterredung mit Mussolini in München bereits angekündigt hatte.

20 Lahre unabhängiges Island.

Am 1. Dezember 1918 wurde die Unabhängigkeit und Neutralität des isländischen Königreichs ver­traglich feftgelegt. Dieses Eiland im hohen Norden, das kleinste skandinavische Staatswesen mit nur 120 000 Einwohnern, ist durch Personalunion an das dänische Königshaus gebunden. Dänemarks Kö­nig ist auch König Islands. Da König Christian, d;r fließend isländisch spricht und häufig auf dieser mit 1100 heißen Quellen gesegneten, hauptsächlich aber vom Fischfang und der angeschlossenen Fischindustrie lebenden Insel weilt, sehr beliebt ist, besteht bei den Isländern, die noch unabhängiger werden möch­ten, kein Anlaß, gegen den König Opposition zu machen.' Sie möchten lediglich die letzten Neste der dänischen Verwaltung beseitigt wissen, um sich .n jeder Beziehung durch ihr Althing, das älteste Par­lament der Welt, regieren zu lassen. Das Jahr 1940 gibt die Möglichkeit, den Vertrag mit Dänemark zu lösen.-Doch sieht es so aus, als wird man alles so lassen, wie es bisher ist, wenn auch schon bei den Befürwortern einer noch weitergehenden Unab­hängigkeit Pläne für einen ausgedehnten diploma­tischen Außendienst herumgereicht werden. Aber Island kann sich trotz des wachsenden Wohlstandes seiner Bevölkerung einen Apparat mit Gesandten und Konsularvertretungen nicht leisten. Zudem :ft noch gar nicht zu übersehen, ob nicht eines Tages, wenn es überhaupt keinerlei Bindungen zu Däne­mark mehr gibt, nicht eine andere nahe liegende Macht die isländische Selbstbestimmung in Frage stellt. Druckmittel gegenJsland gibt es in ausreichender Menge. Die Insel kann sich von ihrer Scholle nicht ernähren, sie ist auf Einfuhren angewiesen. Was an Landwirtschaft vorhanden ist, ist merklich zu- fammengeschrumpft. Die Bevölkerung verstädtert mehr uni) mehr, wobei ein Hang zum Amerikani­schen in den Städten deutlich in Erscheinung tritt, während das Landvolk an alten, aus den germani­schen Zeiten überlieferten Sitten und Bräuchen fest­hält. Die Verstädterung, namentlich die Hercmzüch- tuna eines in den Fischbetrieben tätigen Industrie- Proletariats, hat auch dem Marxismus ein Sprung­brett verliehen. Sozialdemokraten und Kommunisten sind zahlenmäßig recht stark. Die Insel mit ihren Steilküsten, Fjorden und Vulkanen ist in steigendem Maße audj-Don deutschen Reisenden besucht worden. Die Hauptstadt ist Reikjavik.

Belgien nimmt die Beziehungen zu Tlationaispanien auf.

Brussel, 29. Nov. (Europapreß.) Der belgische Ministerpräsident Spaak hat im Senat den Ent­schluß der Regierung bekanntgegeben, die Be­ziehungen zu Nationalspanien aufzunehmen und sich anderseits nicht mehr an den Be­ratungen des Nichteinmischungsaus­schusses zu beteiligen. Der Ministerpräsi- bent erklärte, die Regierung fei der Ansicht, daß, wenn sie auch weiterhin vollständig die Entscheidun­gen achten werde, die gemeinsam von dem Londoner Nichteinmischungsausschuß getroffen würden, so sei doch ihre Zusammenarbeit mit diesem Ausschuß nicht mehr gerechtfertigt. Spaak wies auf die wirt­schaftlichen Interessen ^Belgiens in Nationalspanien W, wo belgisches Kapital in Hohe von 1250 Mil- belgischen Franken investiert sei und sprach er aus, daß in Bälde eine Dermittlungs- aktlon der Großmächte gelingen möge.

Finanzwunder"

vor dem Wirtschastsrat

Berlin, 29. Nov. (DNB.) Bei einem Empfang des Wirtschaftsrates der Deutschen Akademie hielt Reichsminister Reichsbankpräsident Dr. Schacht einen Vortrag überFinanzwunder" undNeuer Plan" Dr. Schacht kennzeichnete die Verfallser­scheinungen der Wirtschaft feit 1931, die ihren zwangsläufigen Niederschlag in einem beispiellosen sozialen Elend fanden. Die Wirtschaftskrisis von 1931 war nichts anderes als der wirtschaftliche Schlußstrich unter sinnlose politische Gewaltmaß­nahmen. Infolgedessen konnte auch nicht die Wirt­schaft helfen, sondern nur b i e Politik. Sie half Deutschland mit der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus.

Der Nationalsozialismus habe die Wiederan- kurdelung der Wirtschaft, nirgends aber nach einem vorgefaßten theoretischen Wirtschafts­programm, durchgeführt. Von vornherein wurde alle staatliche Hilfe auf die Steigerung der Produktion verwendet. Für die Finanzierung waren keinerlei verfügbare Kapitalien vorhanden, vielmehr mußte hier mit der Geldschöpfung nachgeholfen werden. Die Tatfache der staatlich gelenkten Wirtschaft, die es ermöglichte, Preis- und Lohnsteigerungen zu verhindern, zer­streute eines der Hauptbedenken gegen die Produk­tionsfinanzierung durch Kredit. Ferner war es klar, daß die Rüstung endgültig nicht durch Geldschöp­fung, sondern nur durch Ersparnisbil­dung finanziert werden kann und daß. erst eine Brücke zu diesen normalen Finanzierungen durch Ersparnisse geschlagen werden mußte. Infolge­dessen war der einzig richtige Weg der, daß die Notenbank die zur Arbeitsbeschaffung und Auf­rüstung notwendigen Kredite vorerst zur Verfügung stellte, und zwar solange, bis die Wirtschaft wieder Erträge abwarf, die eine ausreichende Ersparnis­bildung und Konsolidierung ermöglichten. Erst dann konnte dann mußte aber auch auf die Finanzierung durch Steuern und An­leihen übergeleitet werden.

Die zahlreichen Maßnahmen der Folgezeit haben sämtlich den Sinn gehabt, den Ablauf der Kred-it- ausroeitung scharf zu kontrollieren, ein Ausein­anderklaffen zwischen Geld- und Güterseite zu ver­hindern und endlich überflüssige Gelder in Rüungs- anleihen festzulegen. Das Zusammenspiel der Maß­nahmen hat die Aufrechterhaltung der 3m Schutz britisch»

Häusersprengungen und Erschi«

Kairo, 29. Nov. (DNB.) Trotz der strengen Zensur, durch die die britischen Mandatsbehöroen die Wahrheit über Palästina vor der Weltöffent­lichkeit zu verbergen suchen, sind hier wieder Nach­richten durchgesickert, die ein erschütterndes Bild von den furchtbaren Leiden der unglücklichen ara­bischen Bevölkerung geben. So wurde in Beith Hanina ein 65jähriger schwerkranker Araber ohne Gerichtsverfahren vom britischen Militär wegen Waffenbesitzes erschossen. Bei derWaffe" handelte es sich um eine alte Jagd­flinte, für die ein ordnungsmäßiger Waffen­schein vorlag. Ferner wurden in Bethlehem zahlreiche Häuser, an denen in der Nacht Aufrufe der Freischärler angeklebt worden waren, in die Luft gesprengt. Darunter ein Gebäude, das knapp 100 Meter von der der ganzen Christenheit heiligen Gebetskirche Christi entfernt liegt.

Besonders empörende Vorgänge fpielten sich in einem Gefangenenlager in der Nähe von Jerusalem ab. Als nach Ablauf des Faften- monats, am Beiramfest, einem der höchsten moham­medanischen Festtage, die Familien von 800 verhaf­teten arabischen Freiheitskämpfern in dieses Ge­fangenenlager kamen, um ihren Angehörigen Essen zu bringen, wurde dieses vor den Augen Der hung­rigen Gefangenen durch britisches Militär fortgeschüttet. Ein ähnlichesMuster"- Ge­fangenenlager besindet sich bei Jaffa. Dort sind mehrere hundert verhaftete Araber in einem viel zu kleinen Raum zusammengepfercht, so daß die unglücklichen Menschen weder sitzen noch liegen, sondern nur zusammengekauert hocken können. Wenn einer der von dieser unnatürlichen Stellung

Aus all

Oie Autoräuber fünfmal zum Tode verurteilt.

Cpb. Mannheim, 29. Nov. Das Mannheimer Sondergericht verurteilte den 18jährigen Reif und den 19jährigen Horn, die auf der Reichsaulo­bahn bei Heidelberg den Bäckermeister Müller aus Offenbach in seinem Aulo niedergeschlagen und zu berauben versuchl hallen, als gefährliche Ver­brecher wegen 5 Verbrechen des Straßenraubes mittels Autofallen nach der Verordnung vom 22. Juni 1938 fünfmal zum Tode, wegen Mordversuches zu je 10 Jahren Zuchthaus, lebenslänglichem Ehrverlust und zur Sicherungsver­wahrung.

In der Begründung des Todesurteils heißt es, in fünf Fällen habe das Gericht als festgestellt er­achtet, daß beide die Wagen mit der räuberischen Absicht zum Anbalten gebracht hätten, um im ge­gebenen Augenblick ihr Vorhaben auszuführen. Das Autofallengesetz" fei aus dem Leben genommen und kenne keine Gesetzessprache. Es werde jedes Mit­tel zum rechtswidrigen Anhalten als Beginn der Autofalle angesehen und es setzte voraus, daß gegen den Willen des Autofahrers die Weiterfahrt be­hindert werde.

Der letzte Fall fei besonders schwer gewesen und charakterisiere die Gesinnung der Angeclagten. Der Verletzte habe unter seinem Eid ausgesagt, daß Reif hinter ihm Platz nahm und Horn neben dem Steuersitz. Reif fei zum Zuschlägen bestimmt gewe­sen und -sollte Müller ,^ur Strecke" bringen, wäh­rend Horn das Steuer zur Weiterfahrt ergreifen sollte. Der Wagenführer befand sich in einer regel­rechten Autofalle und konnte feinem Schicksal nicht mehr entrinnen. Daß Müller mit dem Leben baoon- fam, sei den Zeugen zu verdanken, die die Ver­folgung der Täter aufgenommen hätten. Land­gerichtspräsident Wickel unterstrich am Schluß

int>neuer plan".

ent Or. Schacht

»er Deutschen Akademie.

deutschen Währung bewirkt. Das Frühjahr 1938 bedeutet einen Einschnit in unsere Finanzie­rungspolitik, weil mit ihm die deutsche Wirtschaft den Zustand der Vollbeschäftigung erreicht habe. Am 1. April 1938 wurde die Krediftchöpfung der Notenbank eingestellt und die Finanzierung der staatlichen Aufträge nunmehr allein aus den Weg Der Steuern und Anleihen verwiesen.' Die im Aus­lande kolportierten Ziffern über die deutsche Gesamtverschuldung übersteigen erfreu­licherweise Lanz beträchtlich die wirklichen Schulden.

Zum handelspolitischen Fragenkomplex übergehend, wies Dr. Schacht das Herumkritisteren an den sog. Autarkiebestrebungen Deutschlands als lächerlich zurück. Die Förderung der eige- nenRohftofferzeugung habe herzlich wenig mit einer Ablehnung des Außenhandels zu tun. Der Neue Plan" baute auf der Ueberlegung auf, nie­mals mehr z u kaufen, als man bezahlen kann, und dort zu kaufen, wo die eigenen Waren abgenommen werden. Alles in allem lag diesem einfachen, primitiven Wirtschaftsgedan­ken die Hauptfrage zugrunde, ob die übrige Welt willens und in der Lage fei, auf einen Markt von damals fast 70, heute 80 Millionen Menschen zu verzichten, oder ob man sich diesen Markt zu er­halten wünschte. Es habe sich erwiesen, daß nicht der Produzent, sondern der Konsu­ment der beherrschende Faktor im Wirt­schaftsleben ist. DerNeue Plan" fei aus den Not- verhältniffen entsprungen, in die Deutschland durch das Ausland hineingezogen wurde. Sein Erfolg lasse sich an Hand weniger Zahlen nachweisen. In Mengen ausgedrückt wurde zwischen 1934 und 1937 die Einfuhr von Fertigwaren um 63 v. H. gedrosselt. Dafür konnte erhöht werden die Einfuhr von Erzen um 132 v.H., von Erdöl um 116 v H., von Getreide um 102 v. H. und von Kautschuk um 71 v. H. Wertmäßig ist der Passiosaldo der Handelsbilanz, der 1934 284 Mil­lionen Mark betrug, 1936 einem Aktivsaldo von 550 Millionen Mark, 1937 von 443 Millionen Mark gewichen. Die sogenannten neuen Warenschulden schließlich sind innerhalb von zwei Jahren auf un­gefähr die Hälfte zurückgeschraubt worden. Der Neue Plan" erfordere zwar Opfer, aber er ver­bürge auch den Erfolg und habe gezeigt, daß wir in der Lage sind, unser Wirtschaftsleben selber zu gestalten.

jungen auf der Tagesordnung.

ermüdeten Gefangenen sich aufrichten oder hinlegen will, so erhält er, wie Augenzeugen bestätigen, von dem bewachenden britischen Militär Kolbenstöße oder Fußtritte.

Das Gefecht bei Lnimazzinat.

43 arabische Freiheitskämpfer gefallen.

London, 30. Nov. (DNB. Funkspruch.) Wie in Jerusalem amtlich bekanntgegeben wurde, sind bei den Kämpfen, die sich am Dienstag südlich von Haifa bei Ummazzinat abgespielt haben, 43 arabische Freiheitskämpfer gefal« I e n. Reuter meldet dazu aus Jerusalem, daß es sich um eines der größten Gefechte während der gegenwärtigen Palästina-Auseinandersetzungen ge­handelt habe. Nach unbestätigten Berichten füll sich unter den Toten auch der Araberführer A b u d u r a befinden. Bei Ummazzinat fielen die arabischen Freiheitskämpfer den überlegenen eng­lischen Streitkräften zum Opfer. Nach dem Reuter- Bericht scheinen die Araber von britischen Truppen völlig umzingelt worden zu fein. In einem verzweifelten Versuch, den Ring zu durch­brechen, kämpften die arabischen Freischärler helden­mütig mit dem blanken Schwert. Es ent­spann sich ein verzweifelter Kampf von Mann zu Mann, doch war die Ueberlegenheit der Engländer mit ihren modernen Maschinenwaffen so stark, daß es nur wenigen Arabern gelungen fein soll, dem mörderischen Gemetzel zu entkommen.

?r Weit.

feiner Urteilsbegründung, daß die Behinderung der Autofahrer auf LaNdstrecken, insbesondere auf Auto­bahnen, einen Bruch der öffentlichen Ordnung des Rechtsfriedens darstelle. Die Volksgemeinschaft ver­lange, daß mit Rücksichtslosigkeit gegen diese Ver­brecher oorgegangen werde.

OaS Grubenunglück bei Waldenburg

Waldenburg, 29. Nov. (DNB.) Die mit Nachdruck fortgeführten Rettungsarbeiten im Hans- Heinrich-Schacht der Fuchsgrube haben bis zur Mittagsstunde des Dienstag zur Bergung eines weiteren Opfers des Grubenbrandes geführt. Entgegen der ursprünglichen Annahme werden jetzt nur noch zehn weitere Hauer vermißt, da eine Nachprüfung ergeben l)at, daß insgesamt nur 20 Bergleute in dem brennenden Flöz arbeiteten. Das Oberberg amt Breslau teilt mit: Trotz auf­opferungsvollen Einsatzes der Grubenwehr ist es leider nicht gelungen, die noch im Unglücks­streb befindlichen zehn Bergmänner zu bergen. Da es feststeht, daß sich keiner von ihnen mehr am Leben befindet, wurde die Rettungsmannschaft, um sie nicht unnötig zu gefährden, zurückgezogen. Um den Brand zu ersticken, wird das Brandfeld zur Zeit abgedämmt. Der Chrenausschuß der Stiftung für Opfer der Arbeit hat für die Hinter- bliebenen der tödlich verunglückten Bergleute 10 0 0 0 Mark zur Behebung der ersten Not zur Verfügung gestellt. Maßnahmen für die Weiter­betreuung der Hinterbliebenen sind sofort eingeleitet worden.

Reichswirtfchaftsminister Funk hat dem Be- triebsführer und der Gefolgschaft der Zeche Fuchs­grube zu dem schweren Unglück auf der Zeche fein aufrichtiges Beileid übermittelt und gebeten, den Angehörigen der verunglückten Bergleute feine herz­lichste Anteilnahme auszusprechen. Reichsorgam- sationsleiter Dr. Ley traf in Waldenburg ein und begab sich nach dem Hans-Heinrich-Schacht, wo ihm Generaldirektor Tintelnot den Hergang des Unglücks schildert^.

Vom Einzelnen znm Ganzen.,

Goethe zumTag der Nationalen Solidarität

Es ist natürlich nicht so, daß in der Fülle goethi- scher Dichtungen plötzlich orphische Urworte entdeckt worden sind, die sich unmittelbar auf den Tag der Nationalen Solidarität, dem wir aber­mals entgegensehen, beziehen. Immerhin kann sich jeder von uns, der an diesem Tage auf dieSam­melbüchsen der Prominenten" stößt, getrost des goetheschen GedichtesWie du mir, so ich dir!" er­innern:

Mann mit zugeknöpften Taschen, Dir tut niemand was zu lieb.

Hand wird nur von Hand gewaschen;

Wenn du nehmen willst, so gib!

Vielleicht möchte der eine oder der andere ein« wenden, daß in diesen Versen allzupraktische" Wohltätigkeit ihr Wesen triebe, denn wir sollen ja bei unseren Gaden für die Winterhilfe nicht an un­seren Vorteil denken, der bei einem derartigen Händewaschen" herausspringen könnte. Wenn aber jemand von solchen nutzbringenden Spenden je mei­lenweit entfernt gewesen ist, dann Goethe. Wie er nämlich innerlich zur Wohltätigkeit stand, das sagt ein schönes Wort von ihm, das er an Frau von Stein gerichtet hat:Auf diesem beweglichen Erd­ball ist doch in der wahren Liebe, der Wohl­tätigkeit und den Wissenschaften die einzige FreudeundRuhe!" Aber auch in feinem Lust­spielDer Großkophta" (1792) steht ein Satz, der Goethes Stellung zum Wohltun kennzeichnet:In jedes gute Herz ist das edle Gefühl von der Natur gelegt, daß es für sich allein nicht glücklich fein kann, daß es fein Glück in dem Wohl der an­dern suchen muß".

Zeigen diese drei angeführten Worte Goeches seinen tiefen Sinn für Wohltätigkeit auf, so treffen sie dennoch nicht ganz den Kern dessen, um was es zuletzt am Tage der Nationalen Solidarität geht. Denn es geht ja an diesem Tage wie überhaupt bei der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt nicht um jene Wohltätigkeit, der man einst zu Goethes Zeiten huldigte. Es geht vielmehr um die nationale Solidarität des ganzen Volkes., Es ist aber nicht ohne Reiz zu wissen, daß auch der große Olympier in einem Gegensatz zu der einst üblichen Wohltätigkeit gestanden hat. Das erhellt aus einem anderen Wort, das er an Frau von Stein schrieo: Man soll tun, was man kann, einzelne Menschen vom Untergang zu retten. Dann ist aber noch wenig getan. Vom Elend zum Wohlstand sind unzählige Grade."

Wer sich in dieses Wort vertieft, dem wird klar, daß Goethe sehr wohl um b$n Unterschied wohl­tätiger Handlungen an Einzelpersonen und an der Gesamtheit Bescheid wußte; daß nämlich Wohlstand oder wie wir heute sagen: Wohlfahrt nicht aufkommen kann, wenn von der Rettung des einzel­nen, des Individuums ausgegangen wird, sondern nur, wenn der Blick auf Das Ganze, auf die Gesamtheit des Volkes gerichtet ist. Das aber find Gedanken, die dem Wesen des Winterhilfswerks be­reits sehr nahe kommen. Doch noch näher rückt uns Goethe, wenn wir einmal nachlefen, was imUr- götz" geschrieben steht; mit einer Offenheit aller­dings, die vielleicht starkes Rafenrümpfen Hervor­rufen könnte. Indessen sind wir ja beim Ritter Götz von Berlichingen schon manches gewohnt! So sei denn hier der Ausspruch Goethes, der zeigt, wic sehr er der unfrige ist, unverhüllt wieLergegeben: Wohltätigkeit ist eine Tugend, aber sie ist nur das Vorrecht starker Seelen. Menschen, die aus Weichheit wohltun, sind nicht besser als Leute, die ihren Urin nicht halten können." In der Tat: ein offenes Wort! Und ein harter Schlag gegen jede rührselige Wohltätigkeit, wie sie nur zu ojt im An­blick oün Armut und Elend kritik- und wahllos aus- geübt wird. Gar mancher hat schon an feiner Woh­nungstüraus weichem Mitleid" wohlgetan, anstatt den Bittsteller mit sanftem Nachdruck zur nächsten Ortsgruppe der NS.-Volkswohlsahrt zu begleiten.

Wohltätigkeit ist das Vorrecht starker Seelen! Wer denkt nicht bei diesen Worten Goethes an den Aus­spruch des Hauptamtsleiters der NS.-Volkswohl- fahrt, Hilgenfeldt, den er nicht müde wird zu wie­derholen:Nicht mitzuteilen, mitzukämpfen find wir da!" Oder an ein anderes Wort Hilgen- feldts, das er auf dem letzten Parteitag gesprochen hat:Die uns vom Führer gelehrte Joee ist die Lehre der starken Herzen!" Starke Herzen starke Seelen! Wen verblüfft nicht dieser Gleich­klang? Wie dicht steht Goethe plötzlich bei uns am Tage Der Nationalen Solidarität, wenn sich das Führerkorps des deutschen Volkes einsetzt, um mit­zukämpfen!

Aber noch stärker können wir die Stellungnahme Goethes zur Volkswohlfahrt, wie wir sie heute pflegen, umreißen! So, wenn Goethe inWilhelm Meisters Lehrjahren" sagt:Was soll es heißen, Besitz und Gut an die Armen zu geben? Löblicher ist, sich für sie a 14 Verwalter betragen. Dies ist der Sinn der Worte Besitz und Gemein­gut!" Und abermals in dem LustspielDer Groß- kophta":Jede Art von Besitz soll der Mensch feft« Halten, er soll sich zum Mittelpunkt machen, von dem das Gemeingut ausgehen kann; er soll Egoist sein, um nicht Egoist zu werden, zusammen­halten, damit er spenden könne!" Wem spenden? Nun: dem Winterhilfswerk, das Verwal­ter von Besitz und Gut ist, Das Den Armen und Hilfsbedürftigen zugedacht ist!

Schauen wir uns nun noch einmal das Gedicht- chenWie du mir, so ich birr genauer an, Dann er­hält dasHändewaschen" einen ganz anderen Sinn wie auch Der VersWenn Du nehmen willst, so gib!" Die Hand nämlich, die wir waschen sollen, diese Hand ist die--Volksgemeinschaft!

Geben wir ihr, so gibt sie auch uns! Darum laßt uns am Tage der Nationalen Solidarität goethifch handeln! Sei keiner von uns ein Mann mit zu­geknöpften Taschen?

Vorhersage für Donnerstag: Stellen­weise Frühnebel, sonst veränderlich mit Aufheiterung und nur vereinzelte Regenfälle bei lebhaften süd­lichen Winden. Tagsüber milder.

Vorhersage für Freitag: Wechselhaft, im wesentlichen aber trockenes Wetter, tagsüber mild.

Hauptschriftleiter Dr. Friedrich Wilhelm Lange. Stellvertreter des Hauptschriftleiters: Ernst Blum- schein. Verantwortlich für Politik und für die Bilder: Dr. Fr. W. Lange; für Feuilleton: Dr. Hans Thyriot; für Den übrigen Teil: ErnftBlumfchein. Anzeigenleiter: Hans Beck. Verantwortlich für den Inhalt Der An­zeigen: Theodor Kümmel. D. 21. X. 38: 10 013. Druck und Verlag: Brühlsche Unioersitätsdruckerei R Lange, K.'G., sämtlich in Gießen Monatsbszugspreis RM. 2,05 einschließlich 25 Pf. Zustellgebühr, mit der Illu­strierten 15 Pf. mehr. Einzeloerkaufspreis 10 Pf. und Samstags 15 Pf., mit Der Illustrierten 5 Pf. mehr. Zur Zeit ist Preisliste Nr. 4 vom 1. September 1937