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Ur. *00 viertes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

30. April/».Mai »938

Der Nationalfeiertag des deutschen Volkes!

Die Veranstaltungen in Gießen.

programmfürSams1ag,30.Apnl

19.00 Uhr: Aufstellung des Maibaumes auf Os- waldsgarten.

Darbietung des BDM.

19.30 Uhr: Maisingen des BDM. an sieben ver­schiedenen Stellen der Stadt.

21.00 Uhr: Maisingen des gesamten BDM. und der J2H. auf dem Brandplah.

Programm für Sonntag, 1. Mai.

6.007.00 Uhr: Decken. Ls wird ausgeführt von dem Spielmannszug und der Musikkapelle der SA.-Standarte 116.

8.309.15 Uhr: Zugendkundgebung auf Oswalds- garten. An dieser Veranstaltung nimmt die gesamte Gießener Jugend teil.

11.00 W)t: Antreten der Teilnehmer zum Umzug. 11.15 Uhr: Abmarsch der Marschgruppen.

11.3011.40 Uhr: Eintreffen auf Oswaldsgarten.

11.45 Uhr: Ansprache des Kreisleiters P g. Backhaus.

Etwa

12.00 Uhr: Beginn der Uebertragung aus Berlin.

Rede des Führers.

Hach der Rede Deutschlandlied und horst- Dessel-Lied. Sieg-Heil auf den Führer.

Ende der Veranstaltung. Abmarsch der Teilnehmer.

Allgemeine Anordnungen.

Vetriebsfeiern dürfen am 1.Mai selbst erst nach Beendigung der Hauptkundgebung abgehalten werden.

Am 1. Mai tragen fämlliche Angehörige der Be­triebe den blauen Festanzug und DAF.-Mühe.

Zeder Hausbesitzer muß als Betreuer der Haus- gemelnschaft zusammen mit seinen Mietern dafür sorgen, daß sein Haus am 1. Mai in würdiger Form mit Fahnen und frischem Grün ausgeschmückt ist.

Anordnungen für den Aufmarsch auf dem Oswaldsgarten.

Die Vetriebsführer und Vetriebsobmänner haben dafür zu forgen, daß alle Gefolgschaftsmitglieder, soweit sie in Gießen wohnen, vollzählig zur Stelle find.

Der Aufmarsch erfolgt in 2 Marschgruppen.

Marschgruppe I:

Marschleiter: Sturmführer Leithäuser.

A u f st e ll u n g : Senckenbergstrahe, Landgraf-Phi- lipp-platz.

Spitze: Ecke Senckenberg sirahe/hit- l e r w a t t (nicht wie gestern angegeben Ecke hitlerwall/Gartenslrahe).

Teilnehmer:

Spitze: Spielmannszug und Musikkapelle der Kreisleitung Wetterau der RSDAP. Fahnengruppe der vier Gießener Orts­gruppen und der DAF.

Lhrenbereitschaft der Politischen Leiter. Abordnung des Arbeitsdienstes.

Die Dienststellen der Wehrmacht mit ihren Gefolgschaften, Zustizbehörden, Kreisamt, Straßenbauamt, Chemisches Untersuchungs­amt, Landes-Alters- und Pflegeheim, Landes-

Heil- und Pflegeanstalt, Polizeidirektion mit Geh. Staatspolizei, Kreisveterinäramt, Vete- rinär-Untersuchungsamt, Eichamt, Arbeitsamt, Gesundheitsamt, sämtliche Krankenhäuser und Krankenanstalten, sämtliche Banken und Kran­kenkassen, Tierzuchtamt sowie Angehörige des Reichsnährstandes, Arbeiterunterkunft Flug­platz, handel und Handwerk, Freie Berufe: Aerzte (außer Kliniken), Zahnärzte, Rechts­anwälte, Versicherungsbüros ufro., Hausgehil­finnen. (Treffpunkt für Hausgehilfinnen am Haus der Deutschen Arbeitsfront, Schanzen- ftrahe 18, bis spätestens 10.45 Uhr.)

Marschweg: Reuen Bäue, Renenweg, Kaplans- gasse, Bahnhofstraße, Reustadt, Oswalds­garten.

A n t r e t e n: 11 Uhr. Abmarsch: 11.15 Uhr.

Marschgruppe II:

Marschleiter: Sturmhauptführer Bender. Aufstellung: Ludwigstraße, Gartenstraße.

Spitze: Ecke Ludwigstraße, Bleichstraße.

Teilnehmer:

Spitze: Spielmannszug und Musikkapelle der SA.-Standarte 116.

Fahnengruppe der SA. und des RSKK. Lhrenstürme der S2L und des RSKK.

Sämtliche Privatbetriebe, außer handel und Handwerk, sämtliche Dienststellen der Reichs­bahn mit Biebertalbahn, Reichspost und Tele- graphenbauamt, Stadtverwaltung und städt. Betriebe, Universität und Institute mit ihren Gefolgschaften einschließlich Kliniken und Ve- terinärkliniken. (RS.-Sludentenbund mar­

schiert mit der Fahne vor der Universität. Die Angehörigen der Universität ufro. treffen sich bis spätestens 10.45 Uhr in der Goethestraße, an der Reuen Aula.) Sämtliche Lehrer der Gießener Schulen einschließlich Handelslehr­anstalt und Vogtsche Handelsschule. (Die Lehrer der Schulen treffen sich bis spätestens 10.45 Uhr im Hof der Langemarckschule.) Finanzamt, Hauptzollamt, Versorgungsamt, Gießener Forstämler und Zagdbehörden, In­dustrie- und Handelskammer, Gewerbeauf­sichtsamt, Hochbauamt, Kulturbauamt, staat­liches Vermessungsamt.

Marschweg: Bleichstraße, hindenburgwall, Horst- Wessel-Wall, Oswaldsgarten.

A n t r e t e n : 11 Uhr. Abmarsch: 11.15 Uhr. Eine Ehrenkompanie der Wehr­macht marschiert direkt auf Oswaldsgarten und nimmt dort bis 11.25 21i)t Aufstellung.

Aufmarschletter der hauplkundgebung in Gießen ist SA.-Standartenführer Pg. Lutter. Den An­ordnungen der SA.-Männer (kenntlich durch weiße Armbinde) ist unbedingt Folge zu leisten.

Bis auf die uniformierten Abteilungen wird in Achterreihen marschiert. Für die Ehrenabordnungen und -bereitschaften gelten die jeweiligen Dienstvor­schriften.

Eitte bestimmte Reihenfolge in der Aufstellung der Betriebe und der zivilen Teilnehmer besieht nicht. Die Aufstellung erfolgt vielmehr in der Reihenfolge der Ankunft.

Die mitgeführten Fahnen marschieren nach An­kunft auf dem Oswaldsgarten vor der Tribüne auf. Kreisleitung Wetterau der RSDAP.

Aus der Gtadi Gießen.

Kleines Falterspiel.

Der schmale Wiesenpfad hinter den Gärten der Stadt ist überflutet vom tiefen Blau des wolken­losen Himmels, in dem die jungbelaubten Bäume wie grüne Fackeln lodern. Zwei Bussarde umspielen einander in zärtlicher Werbung. Der Flug der stol­zen Vögel durch den lichten Raum vollzieht sich in ruhigen Schraubenlinien und eleganten Schleifen, ist ein Bild kraftvoller Anmut, wie alles Leben, zur Liebe erwacht, sich voller Schönheit entfaltet.

Da ist die überschwenglich aufgeblühte, bräutlich prangende Weißdornhecke, und da sind die ersten Wiesenblumen, weiß und gelb, rötlich und lila, deren Strahlenblüten und Rispen, Glocken und Dol­den mit leise wehenden Düften ihre große Sehn­sucht und Liebesbereitschaft aushauchen und er­wartungsvoll nach Erfüllung lechzen. Da summen und brummeln Hummeln und-Bienen, berauscht von süßem Nektar, der ihnen verschwenderisch aus frei­gebigen Kelchen kredenzt wird, weil sie in emsigem Eifer tausendfältiges Hochzeitsglück verwirklichten. Und da krabbeln und schweben in seltsamer Auf­geregtheit winzige Käfer und Insekten im Gras­wald der Wiese und suchen einander.

Jetzt schillern zwei Falter goldgelb über den Pfad. Wie duftige Blütenblätter, irgendwo fort­geweht und vom Atem des Windes beflügelt, schaukeln sie lautlos in stummer Seligkeit, fliegen um einander nahe sein zu können. Unermüdlich locken und necken, jagen und umflattern sie sich, hinauf und hinab, einer so dicht bei dem andern und einer so gleichförmig dem andern in jeder klein­sten Bewegung, als wäre es dessen Spiegelbild.

Manchmal fliegen sie in raschem Zickzack Zeinen gol­denen Blitz, manchmal treiben sie wie winzige Seg­ler von Wellen gewiegt, und wieder einmal schrei­ben sie hasttg einen bizarren Schnörkel in die Luft. Bald scheinen sie in eines zu verschmelzen, bald stieben sie weit auseinander, als wollten sie sich aufgeben. Aber um so stürmischer huschen sie nach solcher Scheinflucht wieder zueinander hin und gän­geln und Hetzen sich, bis sie, wie zwei fallende Fun­ken kaum noch sichtbar in der Bläue, auf einer Blüte Hochzeit feiern.

Auch die beiden Bussarde am hohen Himmel sind verschwunden. Die Natur jubiliert in tausendfälti­gem Hochzeitsglück. Nicht mit lauten Stimmen, son­dern in einer leidenschaftlichen Zwiesprache, die sich stumm versteht. Spürbar branden die Wogen der Lebensfreude in den Pfad und verebben. In endlos wiederkehrendem Wechsel folgen Spannung und Entspannung auseinander, Sturm und Sttlle, Rausch und Ruhe. So will es das Leben, das nicht stirbt, sondern ewig ist wie das Meer, das im regelmäßigen Rhythmus von Flut und Ebbe seine Kräfte verschäumt und immer wieder neu gebiert.

Was sind zwei Menschenleben in diesem Meer? Ein kleines Falterspiel ... P. B.

Bund Deutscher Mädel.

Gruppe 1/116.

Alle Mädel der Gruppe treten am Samstaa um 20 Uhr zum Mai singen amHessischen Hof^ an. Zur Jugendkundgebung am Sonntag treten wir um 7.30 Uhr ebenfalls amHessischen Hof" an. Er­scheinen ist Pflicht!

Gauleiter

AeichsflaMaller Sprenger

Schirmherr des 3. Hess. Gausängerfestes in Gießen.

Wie bereits gemeldet, wird als größte Sänger- Veranstaltung im Gau vom 8. bis 11. Juli d. I. in Gießen das 3. Hessische Gau-Sängerfest stattfinden. Die Vorbereitungen sind eifrig im Gange. Von Rhein, Main. Neckar und Lahn, aus dem Oden­wald, Taunus und Vogelsberg, von Starkenburg, Rheinhessen und Wetterau werden die Sangeskame­raden in Gießen im deutschen Lied ein gewaltiges Treugelöbnis für Volk, Vaterland und Führer ab­legen.

Zur großen Freude der im 12. Sängergau zu­sammengeschlossenen 40 000 Sänger hat Gauleiter Reichsstatthalter Sprenger einer ihm von Gau­führer, Ministerialrat Ringsh ausen, vorge- tragenen Bitte entsprochen und die Schirmherr­schaft für das Fe st übernommen. Der Gauleiter erweist sich hiermit erneut als Betreuer der künstlerischen Belange unseres Gaues und der kulturellen Aufgaben, die dem Deutschen Sängerbund im besonderen gestellt sind.

Vornotizen.

Tageskaleijtder für Samstag.

Veranstaltungen am Nationalfeiertag des deut­schen Volkes siehe Bekanntmachung der Kreis­leitung. Stadttheater: 20 bis 22.30 UhrDas Land des Lächelns". Gloria-Palast (Selters­weg):Olympia, Fest der Völker". Lichtspiel-

Kopfschmerzen, Druck über den Augen und andere Beschwerden. Vielleicht liegt ein Sehfehler vor ? Eine Brille hilft! Augenarzt). Verordnungen finden meine

ganz besond. Beachtung. R33D

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haus (Bahnhofstraße):5 Millionen suchen einen Erben". Oberhessischer Kunstoerein: 17 bis 18 Uhr, Ausstellung im Turmhaus am Brand. Gießener Ruder-Klub Hassia 1906: 20.30 Uhr, Mit« glieder-Versammlung mit Maikneipe.

Tageskalender für Sonntag.

Veranstaltungen am Nationalfeiertag des deut­schen Volkes siehe Bekanntmachung der Kreis« leitung. (Antreten der Körperschaften bzw- Organi­sationen siehe heutige Anzeigen.) Gloria - Palast (Seltersweg):Olympia, Fest der Völker". Licht­spielhaus (Bahnhofstraße):5 Millionen suchen einen Erben". Oberhessischer Kunstverein: 11 bis 13 Uhr, Ausstellung im Turmhaus am Brand. Gießener Ruder-Klub Hassia 1906: Alle Mitglieder im Bootshaus.

Stadttheater Gießen.

Heute, Samstag, 20 Uhr, Wiederholung des großen Erfolges,Das Land des Lächelys", Roman­tische Operette in drei Akten von Franz Lehar. Musikalische Leitung: Heinz Markwardt. Spiel­leitung: Karl-Ludwig Lindt. Tänze: Irmgard Zen­ner. Bühnenbild: Karl Löffler. Die Vorstellung fin­det gleichzeitig für die KdF.-Miete, Gruppe II (15. Vorstellung) statt. Ende 22.30 Uhr. Freier Kar­tenverkauf.

Sonntag, 1. Mai, am Nationalfeiertag des deut­schen Volkes, bleibt das Theater geschlossen.

Dienstag, 3. Mai: Die Vorstellung der Dienstag- MieteEin Glas Wasser" ist auf Donnerstag, 5. Mai, verschoben.

Mittwoch, 4. Mai, Anfang 19.30 Uhr, Ende 21.30 Uhr, zum letztenmalParkstraße 13", Kriminalstück von Axel Jvers. Spielleitung: Hans Geißler. Mitt­woch-Miete. 30. Vorstellung.

Donnerstag, 5. Mai, Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr,Ein Glas Wasser", Lustspiel nach Scribe von

Gießener Stadttheater.

Dtto Stockhausen nach Scribe:

Ein Glas Wasser."

Wir erinnern uns noch mit Vergnügen des Gast­spiels von Hermine Körner mit diesem Stück (1929); wir erinnern uns zugleich, daß es erst kürzlich, in $mer blendenden Ausführung mit Gründgens, am Berliner Staatstheater wieder austauchte. Wenn wir uns endlich entsinnen, daß diesesGlas Wasser" immerhin aus dem Jahre 1840 stammt, so ist wohl die Ueberlegung gestattet, daß eine Neuinszenierung dn so hervorragender Stelle nicht mit dem Mangel an guten modernett^Stücken zu begründen sein kann, sondern damit, daß hier ein brillantes Dokument glanzvollen französischen Theaters mühelos zu neuem Leben zu erwecken war.

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Eugene Scribe (1791 bis 1861) hatte eine außerordentlich gut gehende Schriftstellerei, die un­ter anderm etwa vierhundert Theaterstücke heroor- gebracht hat. Von dieser enormen Zahl ist heute nicht mehr viel übrig: außer etlichen Operntexten (auchAdrienne Lecouoreur" wurde ganz kürzlich als Oper in Berlin wieder gegeben) eigentlich nur Le verre deau.

Ein vollkommen unverwüstliches Stück. Mit einem Inhalt, den man gar nicht erzählen kann und auch nicht zu erzählen braucht, denn auf den Inhalt kommt es hier am wenigsten an. Son­dern auf die Dramaturgie; eine Dramentechnik mit uralten, aber unfehlbaren Mitteln. Scribe hat die für feine Schauspielfabrik unbezahlbare Kunst, die Mechanik des Theaterspiels gewissermaßen um ihrer selbst willen souverän zu machen, meisterhaft be­herrscht und damit eine typisch französische Technik begründet, deren Nachwirkungen bis weit in unser Jahrhundert hinein spürbar geblieben sind, und von der man sogar heute noch manches lernen kann ... wenn man zu lernen versteht.

Das Lustspiel ereignet sich am Hofe der Königin Anna von England und ist eine Mischung aus Lie­besstück und Staatsaktion, aus Intrige und Ver­wirrung, mitgroßen Szenen" und einer unaufhör­lichen Spannung, mit Auftritten aufs Stichwort, knallenden Pointen und rauschenden Abgängen. Die Mittel, mit denen die Handlung eingefädelt, geführt, verwirrt und gelöst wird, sind ganz alt wir sag­ten es schon, aber sie werden mit einer so naiven Unbekümmertheit und routinierten Selbstverständ­

lichkeit angewandt, daß der Zuschauer zugleich ent­waffnet und amüsiert ist.

Hier wohnen Lachen und Weinen nah beiein­ander, hier fließen Blut und Tränen, hier gibt es Duell und Erbschaft, Protektion und Erpressung, politischen Kuhhandel und galante Verabredungen. Briefe sind dazu da, um aus dem Busen gezogen und vorgelesen zu werden, und der Dialog ist ge­schmückt mit vielen Verzierungen, mit Beiseitespre­chen, Hofknicksen, Kniefällen und Umarmungen, mit Wie Sie wissen", undSie hier?" undIch. die Königin" undDa ist er ja selbst". Was aber das geheimnisvolle Glas Wasser betrifft, so ist es eine intrigante Umschreibung für die kurzen,- aber inhalt­schweren WorteIch erwarte Sie, kommen Sie" und also der Anlaß für einen fürchterlichen Skan­dal und eine der effektreichsten Szenen in diesem glänzend gemachten Stück.

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Wenn man die Fassung Stockhausens mit dem Original Scribes nicht vergleichen konnte, läßt sich nach dem immerhin flüchtigen Theater­eindruck nur vermuten, daß er den alten Text be­hutsam modernisiert hat, ohne auf die Qualitäten zu verzichten, die, wie man sieht, noch nach einem Jahrhundert den blanken Erfolg garantieren. Die Spielleitung, Herr Geißler, hatte eine überaus dankbare Aufgabe. Das Stück läuft ja, einmal los­gelassen, nahezu von selbst. Die Regie hatte die eigentümliche Atmosphäre, das höfische Klima, das glitzernde, sich übertrumpfende Spiel, Tempo, Pau­sen und Dialogstil stilgerecht und amüsant heraus­gearbeitet. Alles geschah, vier Akte lang unverän­dert, in einem von Herrn Löffler geschmackvoll hergerichteten Jnnenraum.

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Für Else Monnard ist die Herzogin vgn Marlborough eine Paraderolle ersten Ranges. Große Dame, große Intrigantin, große Liebhabe­rin, elegant, kalt, hochmütig, rachsüchtig und mit allen Salben gesalbt. Ihre Szenen mit Bolingbroke und Masham waren unbezahlbar bis in die kleinste Geste und die leiseste Schwankung des Ton­falls hinein berechnet und von unmittelbarer Wir­kung. Helga R e t f ch y : Queen Ann, in einem bezaubernden weißen Kostüm, mit mühsam be­wahrter Würde und Fassung, ein großes ahnungs­loses Kind, ein schmollender Backfisch mit plötzlichen Launen, ein liebenswürdiges Werkzeug, jedem Ein­fluß wehrlos preisgegeben. Anneliese Garbe war die kleine Abigail, frisch und natürlich, in

vielen Nöten und Aengsten um ein gefährlich be­drohtes Liebesglück.

Für Herrn v. Gschmeidler war der Graf von Bolingbroke offenbar ein Vergnügen: man sah einen lächelnden und überaus erfahrenen Mann von Welt, der nie die Kontenance verliert und, wenn er ein­mal eine Niederlage erleidet, geistesgegenwärtig und im richtigen Augenblick mit noch besseren Trümpfen die Scharte auswetzt. Herr Schorn spielte mit jugendlichem Temperament den Fähn­rich Masham, der zum Hauptmann avanciert, ohne zu ahnen, wie das zugeht: er tut überhaupt das Wenigste, er ist eine Figur auf dem höfischen Schachbrett, und es schadet ihm nichts, im Gegen­teil; ein guter, verliebter, ehrgeiziger und mühelos zu gewinnender Junge, dem die Uniform reizend zu Gesicht steht.

Die Leute unterhielten sich höchst angeregt. Für den reichen Beifall konnte sich mit den Hauptdar­stellern auch der Spielleiter bedanken.

Hans Thyriot.

Ein Vermeer im Wäscheschrank.

Demnächst wird in der Vier-Jahrhunderte-Kunst- ausstellung im Boymans-Museum in Rotterdam zum ersten Male ein Meisterwerk von Jan Ver­meer van Delft, dem großen holländischen Maler des 17. Jahrhunderts, zu sehen sein, das erst kürz­lich in Paris unter merkwürdigen Umständen ent­deckt worden ist. Eine holländische Familie, die unter den bescheidensten Verhältnissen in der fran­zösischen Hauptstadt lebt, stand plötzlich vor der überraschenden Entdeckung, daß ein altes Bild, das seit vielen Jahren ungerahmt im Wäscheschrank ge­legen hatte, einen Kunstschatz darstellte, dessen Wert rund 750 000 Mark betrug. Die Tatsache, daß es sich um eins der seltenen Werke des holländischen Meisters handelte, kam ans Licht, als die Familie vor der Notwendigkeit stand, einiges von ihrem Eigentum zu verkaufen. Das Bild wurde zu dem berühmten holländischen Kunstsachoerständigen Dr. Bredius gesandt, der feststellen sollte, ob es künstlerischen Wert hätte. Bredius erkannte alsbald, daß er einen echten Vermeer vor sich hatte, und er entdeckte auch die Signatur des Malers in einer Ecke, nur durch eine dicke Lackschicht verdeckt. Um den Kunstschatz für Holland zu retten, wandte er sich an bekannte reiche Kunstfreunde, die das Bild für rund 750 000 Mark kauften und es dem Boymans-Museum schenkten, wo es jetzt der Oefsent- lichkeit zugänglich gemacht werden soll.

Das Bild, das 110:90 Zentimeter mißt, stellt Christus mit seinen Schülern in Emmaus" dar. Alle Sachverständigen, die es bisher gefehen haben­stimmen darin überein, daß das um 1660, in der besten Zeit des Meisters, gemalte Pild zu seinen hervorragendsten Werken gehört. Es ist ausge­zeichnet erhalten und braucht nicht restauriert zu werden. Besonders leuchten die prachtvollen, ge« sätttgten Farben in alter Klarheit. Die gute Er­haltung erklärt sich aus der Tatsache, daß das Bild iiymer in' derselben Familie geblieben ist, die ur­sprünglich in Delft lebte und später nach Paris übersiedelte. Der enorme Preis, der jetzt für das Werk gezahlt wurde, würde auch seinen Schöpfer in das höchste Erstaunen versetzt haben, der, als er 1675 im Alter von 43 Jahren starb, seine Witwe und seine acht Kinder in so bedrängter Lage zurück­ließ, daß sie zwei von den wenigen Bildern, die er gemalt hatte, beim Bäcker als Pfand lassen mußten. Zugleich mit dem Vermeer wird auch ein Bild von Rembrandt:Mann mit roter Kappe , in der Ausstellung zu sehen sein, das erst vor kurzem für Holland mit Mitteln der Rembrandt- Gesellschaft für nahezu 400 000 Mark erworben worden ist. Es stammt aus einer Pittsburgher Sammlung und war auf der Rembrandt-Ausstellung in Rotterdam. 1935 ausgestellt.

Zeitschriften.

Die Schlacht am Aschangisee, die vor nunmehr zwei Jahren mit der Besetzung von Dessie ihren Abschluß fand und den großen italienischen Kolo- nialfeldzug in Abessinien entscheidend beeinflußte, wird den Lesern derI l l u st r i r t e n Zeitung Leipzig" in der neuesten Nummer noch einmal von Marschall Badoglio in all ihren Phasen vor Augen geführt. Ein Lebensbild Ulrich v. Huttens, dessen Geburtstag sich am 21. April zum 450. Male jährte, zeichnet der historische BeitragIch hab's gewagts" Die Röntgenologie im Dienste der Krebsbehandlung wird durch eine Reihe von an­schaulichen Bildern aus dem neuen Krebsforschungs­und Behandlungs-Institut im Rudolf-Virchow- Krankenhaus zu Berlin erläutert.

Sockschulnachrichten

Der Führer und Reichskanzler hat den Dozenten für analytische Chemie an der Universität Erlan­gen Dr. Alwin M e u w s e n zum außerordentlichen Professor ernannt Mit Wirkung vom 1. März 1938 ill ihm die freie Planstelle eines außerordentlichen Professors für spezielle anorganische und analytische Chemie verliehen worden.