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Nr. 100 Dritter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

30. April fflai 1938

Klarheit.

Das tschechische Problem ist nicht von ungefähr das Zentralproblem der Neuordnung im mittel­europäischen Raum geworden. Seit es den Tschechen gelungen war, in den Pariser Friedensdiktaten von 1919/20 den größten Teil ihrer in der Geschichte wohl beispiellos dastehenden alle vernünftigen For­derungen völkischer oder wirtschaftlicher Art weit überschreitenden Ansprüche durchzusetzen, haben sie verflicht, den für sie aus dem mitteleuropäischen Völkerkonglomerat herausgeschnittenen Nationali­tätenstaat, dem seine Väter selbst die Rolle einer südöstlichen Schweiz zugedacht hatten, mit voll­endeter Rücksichtslosigkeit gegenüber den oertrags- und verfassungsmäßigen Rechten der mit ihnen zwangsweise in einem Staate vereinten Völker und unter blinder Mißachtung aller Gebote der politischen Einsicht zu einem Nationalstaat urnzu- sälschen, in dem die Tschechen das alleipige Staats­volk sein sollten, das Politik, Kultur und Wirt­schaft allein von seinem tschechisch-nationalen Stand­punkt aus bestimmen wollte. Man wollte nicht wahr haben, daß man in diesem Staate nicht allein war, daß selbst eine eigene 1930 mit allem statisti­schem Raffinement durchgeführte Volkszählung für die Tschechen nur mit Mühe 51 v. H. der gesamten Staatsbevölkerung herauszurechnen vermocht hatte, daß neben den 7,4 Millionen Staatsbürgern tsche­chischen Stammes mehr als 3,2 Millionen Deutsche, 2,3 Millionen Slowaken, fast 700 000 Ungarn, 550 000 Ruth en en und mehr als 300 000 Polen, Juden und andere Nationalitäten lebten, die in der tschechoslowakischen Republik zwar ohne gefragt zu werden, aber durch den Machtspruch der Pariser Friedensmacher ihre politische Heimat zugewiesen erhalten hatten und nun darauf warteten, ihre natürlichen politischen, wirtschaftlichen und kultu­rellen Rechte, wie sie ihnen die von den Tschechen 1919 feierlich Übernommenen Minderheiten-Ver- pflichtungen verheißen hatten, gesichert zu sehen. Aber nichts dergleichen geschah, mit der gleichen brutalen selbstbewußten und lauten Unverfroren­heit, der die Tschechen schon ihre großen Erfolge im Nationalitätenkampf der alten Habsburger Monarchie zu verdanken hatten, haben sie nun im neuen Staat, den sie als ihr höchst persönliches, ihnen von ihren siegreichen Verbündeten zum Ge­schenk gemachtes Eigentum betrachten, sich das Recht angemaßt, alles allein zu bestimmen.

Um diesem Herrschaftsanspruch fachliche Grund­lagen zu geben, haben die Tschechen sich nicht ge­scheut, eine Nationalist erungs Politik zu betreiben, die kein Gebiet des öffentlichen Lebens unberührt ließ und der jedes Mittel recht war, wenn es nur dazu helfen konnte, die nichttschechischen Nationalitäten aus ihren politischen Rechten, ihrem kulturellen und wirtschaftlichen Besitzstand zu ver­drängen. Darüber teilte für das sudetendeutsche Gebiet, das ja seinen überragenden Bedeutung nach unter der tschechischen Nationalisierungspolitik weit­aus am meisten zu leiden gehabt hat, auf der durch die Verkündung der acht Programmpunkte Konrad Henleins berühmt gewordenen Karlsbader Tagung der Sudetendeutschen Partei Dr. Sebekowsky eine Reihe erschütternder Tatsachen mit.Unser Gebiet", so sagte er,ist seit 20 Jahren von einer systema­tischen fremdvölkischen Zuwanderung durchsetzt worden. Diese vollzieht sich nach einem klar erkennbaren geopolitisch-strategischen Erobe­rungsprogramm. Der Hauptangriff gilt unseren Sprachinseln, weiterhin dem Brüx-Duxer Kohlen­gebiet, dem oberen Egertal, dem Gebiet um Reichen­berg und Gablonz, um Mährisch-Schönberg, Trop- pau und endlich der südwestmährischen Weinbau­gegend zwischen Neubistritz und Nikolsburg. Mehr als zweihunderttausend Tschechen sind in diese Gegenden seit der Gründung der tschecho­slowakischen Republik eingedrungen. Besonders stark hat die Eroberung deutschen Gebiets durch die Bodenreform, d. h. die Wegnahme deutschen Grund und Bodens durch das T'schechentum, ge­wirkt. Mehr als 239 000 Hektär haben die Tschechen auf diese Weise enteignet. Das Sudentendeutsch­tum hat durch die Bodenenteignung mindestens 1,3 Milliarden Kronen und damit wichtigsten Lebensraum verloren. Die Zahl der selbständigen Landwirte und Pächter in den sudetendeutschen Gebieten ist um 3520 zurückaegangen, während 18 000 tschechische Pächter, Landwirte und 'Siedler in diesen Gebieten angesetzt wurden." Ein neuer überaus brauchbarer und deshalb mit größter Rück­sichtslosigkeit angewandter Hebel der Tschechisie- rungspolitik ist das berüchtigte St aatsv er­töt digungs- und Republikschutzgesotz, das die Sudetendeutschen, die ja vorwiegend die Randgebiete der Republik bewohnen, unter Aus­nahmerecht stellt und dazu mithelfen soll, auch die Gebiete noch in tschechischen Besitz zu bringen, die die Bodenreform übriggelassen hat.

In dem hier schon eingehend besprochenen aus­gezeichneten Buch von Hans Krebs und Emil Lehmann:Wir Sudetendeutsche" (Verlag Ed­win Runge, Berlin) wird als erschütterndes Bei­spiel für dieErfolge" der tschechischen Wirt­schaftspolitik im sudetendeutschen Raum an­geführt, daß eine tschechische Behörde eine karten­mäßige Darstellung der Arbeitslosigkeit be­schlagnahmte, weil sie diese für eine deutsch-tschechische Sprachenkarte hielt. So sehr decken sich die nationalen Gebiete mit denen der geringeren und stärkeren Arbeitslosigkeit. Von 850 000 Arbeits­losen im gesamten Staatsgebiet entfielen im Jahre 1936 mindestens 520 000 auf die Sudetendeutschen. Das ist die Folge der tschechischen Bemühungen, die sudetendeutsche Wirtschaft, einst das Rückgrat des böhmischen Wohlstands, systematisch zu zer­schlagen. Sie mußte zwangsweise tschechisches Ka­pital aufnehmen, um die Werke unter tschechischen Einfluß zu bringen. Aber wenn sie auch ungleich höhere Steuern zahlen muß, als die tschechische Wirtschaft, so ist die Möglichkeit, sie zu verdienen, für volksbewußte Unternehmer immer geringer ge­worden. Denn bei den Heereslieferungen, die einen erheblichen Prozentsatz aller öffentlichen Aufträge des Landes ausmachen, werden nur d i e fudeten- dcutfchen Unternehmer bedacht, die eine von den tschechischen Behörden festgesetzte Anzahl von tsche­chischen Arbeitern und Angestellten einstellen. So rollen täglich trotz der oben schon durch Zahlen belegten, zum Himmel schreienden Arbeitslosigkeit unter Sen Sudetendeutschen lange Arbeiterzüge aus den tschechischen Siedlungen in die deutschen Ge­biete, um hier tschechischen Arbeitern auf Kosten der deutschen Arbeit und Brot bei allen Bauauf­trägen der öffentlichen Hand zu verschaffen.

Es ist selbstverständlich, daß die Schule als stärkstes Bollwerk des Volkstums wie überall so auch im sudetendeutschen Raum im Mittelpunkt des Nationalitätenkamxfes steht. Gegenüber dem Stand

Das Ergebnis der Londoner Besprechungen.

Die amtliche Mitteilung.

London, 29. April. (DNB.) Entgegen feinen ursprünglichen Absichten ist der französische Außen­minister Bonnet zusammen mit Ministerpräsident D a l a d i e r nach Abschluß der englisch-französischen Besprechungen nach Paris zurückgeflogen. Auch die übrigen Mitglieder der französischen Ab­ordnung haben die Rückreise nach Paris ange­treten. lieber die englisch-französischen Besprechun­gen wurde eine amtliche Mitteilung aus- gegeben, in der es heißt:

Die französischen und britischen Minister prüften das englisch - italienische Abkommen. Die ftanzösischen Minister haben diesen Beitrag zur Befriedung in Europa gebilligt. Die eng­lischen Minister haben ihrerseits der Hoffnung Aus­druck gegeben, daß die Besprechungen, die d i e französische Regierung soeben mit der italienischen Regierung gehabt hat, zu eben­solchen befriedigenden Ergebnissen führen werden. Die französischen und englischen Minister waren der Ansicht, daß die Beruhigung im Mittelmeer, die sich aus diesem Abkommen er­geben würde, zur Durchführung der Entschließung vom 4. November 1937 über die Zurückziehung von Ausländern, die sich am spanischen Bürgerkrieg beteiligen, beitragen und den Abschluß eines Abkommens für die Zurückziehung von Kriegsmaterial erleichtern würde.

Sie haben ihre volle Aufmerksamkeit der Lage in Mitteleuropa zugewendet, und sie st i m - men im allgemeinen über d i e Aktion überein, die wahrscheinlich sich als die b e ft e erweisen würde, um die Probleme dieses Gebietes friedlich und gerecht zu lösen. Sie haben ferner ge­wisse Fragen geprüft, welche die Lage im Fernen Osten betreffen, und haben die Ge­legenheit ergriffen, gewisse Fragen zu erörtern, die zur Zeit auf der Tagesordnung für die nächste Sitzung des Genfer Rates erscheinen.

Die beiden Regierungen haben beschlossen, f o - weit als erforderlich die Kontakte zwischen den General st äben fortzu­fetzen, die gemäß den Abkommen vom 19. März 1936 geschaffen wurden. Nach den sehr freien und vollständigen Erörterungen, die stattgefunden haben, wird wieder einmal anerkannt, daß Großbritannien und Frankreich durch eine enge Gemein­schaft der Interessen vereint werden, und die französischen und britischen Minister sind übereingekommen, daß es unter den gegenwärtigen Umständen von höchster Bedeutung ist, daß die beiden Regierungen ihre Politik der Konsultation und Zusammenarbeit, was die Verteidigung anbe- trifft, fortfahren zu entwickeln, nicht nur in ihrem gemeinsamen Interesse, sondern auch in dem Interesse der Ideale des nationalen und inter­nationalen Lebens, die diese beiden Länder einen.

Deutschland und Italien unlemchlel.

Keine neuen Verpflichtungen Englands.

London, 29.April. (Europapreß.) Der deutsche Geschäftsträger Dr. kordt und der italienische Botschafter Gras Grandi statteten dem engli­schen Außenminister Lord Halifax nach Be- endigung der englisch-französischen Besprechungen einen Besuch im Foreign Office ab. Die beiden Diplomaten wurden über den Inhalt der englisch- französischen Besprechungen unterrichtet. Lord Hali­fax versicherte, zwischen Frankreich und England seien auf militärischem Gebiet keine Abma­chungen hinzugekommen, die nicht schon nach der Fühlungnahme der beiden Generalstäbe am 19. März 1936 von Frankreich und England der deutschen und der italienischen Regierung zu­geleitet worden seien. Ferner wurde von englischer Seite ausdrücklich erklärt, daß auch in den Bespre­chungen über die Tschechoslowakei engtischer- seits keinerlei neue Verpflichtungen auf sich genommen worden sind.

Zu den verschiedenen Punkten der Besprechungen wurde englischerseits ferner folgendes erklärt: Die britischen Minister hätten ausdrücklich klargestellt, daß die Generalstabsbesprechungen keinerlei neue Verpflichtungen Englands dar- stellten oder darstellen könnten. Lord Halifax habe den deutschen Geschäftsträger und den italienischen Botschafter verständigt, daß die in Aussicht ge­nommenen Generalstabsbesprechungen keinerlei Wechsel in der britischen Politik dar­stellten.

Zur Frage der deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei fei erklärt worden, daß Groß­britannien sich voll und ganz auf der Seite des Friedens einsetzen würde. Es fei aber weiter festgestellt worden, daß Großbritannien auch hier keine Verpflichtungen übernehmen könnte, die über das hinausgingen, was der Pre­mierminister in feiner Erklärung vor dem Unter­haus ausgeführt habe. Großbritannien und Frank­

reich würden aber ihren Einfluß dahin einfetzen, daß eine Bereitschaft bei allen betrof­fenen Parteien erzielt wird, die Frage freundschaftlich zu regeln. Es fei nicht unwahrscheinlich, daß fpäter Großbritannien und Frankreich vielleicht auch direkt an Deutschland herantreten würden, um diese Fragen zu lösen. Auch die Frage des wirt­schaftlichen Beistandes für die Tschecho­slowakei und für andere mitteleuropäische Länder sei von den Franzosen aufgeworfen worden. Man sei jedoch der Ansicht gewesen, daß es sich um eine höchst komplizierte technische Frage handele und daß beide Länder daher hierin selbständig oorgehen sollen.

In der spanischen Frage sei französisch er- feits auf die große Besorgnis hingewiesen worden, die Frankreich wegen der Errichtung eines faschistischen Staates jenseits der Pyrenäen verspüre. Die französischen Minister hätten Vor­schläge zur Wiedererrichtung der Kontrolle und in der Freiwilligenfrage gemacht. Englischerseits habe man darauf dem Wunsche Ausdruck gegeben, daß es Frankreich möglich sein möchte, hier einen weite­ren Beitrag zur Zurückziehung von Freiwilligen und Kriegsmaterial zp machen, sobald es ein Übereinkommen mit Italien abgeschlossen habe; dem habe man fran- zösischerseits zugestimmt. In der abessinischen Frage habe man gemeinsam festgestellt, daß die Mitglieder der Genfer Liga aufgefordert werden sollen, sich ihre freie Hand zurückzuneh­men in der Frage der Anerkennung der italieni­schen Eroberung. Die englische Anerkennung der italienischen Souveränität werde erst nach der Völ­kerbundsratssitzung erfolgen. In der Frage der Schweizer Neutralität sei eine Formel an­genommen worden, die als Entschließung auf der nächsten Völkerbundsratssitzung vorgebracht werden soll, um der besonderen Lage der Schweiz Rechnung zu tragen, die neutral zu bleiben wünscht. Endlich sei die fernöstliche Frage kurz gestreift wor­den. Insgesamt sei festzustellen, daß die Konferenz

zwar keinerlei epochemachende Entscheidungen mit sich gebracht habe, es habe sich jedoch feststellen laf* sen, daß die Ansichten der beiden Länder über viele internationale Fragen ähnlich sei. Die Konferenz habe damit weiter das ihrige zur Förderung der Freundschaft zwischen England und Frankreich bei­getragen.

DieTimes" über das Ergebnis.

Die zweiseitige Methode bewährt sich.,

London, 30. April. (DNB. Funkspruch.)£i< mes" betont, daß die Besprechungen in allen bet sprochenen Problemen in voller Uebereinq ft i m m u n g zwischen den beiden Regierungen get endet hätten. Nicht nur die französischen Minister! hätten außerordentlich zufrieden London verlassen^ sondern man sei auch auf englischer Seite im gleichen Maße befriedigt. Eine a'lte Freunde schäft sei bestätigt worden. Man Habs neue Wege der Zusammenarbeit get

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funden, ohne daß eines der beiden Länder seins Politik zu ändern brauche. Neue Maßnahmen der Gleichschaltung der Streitkräfte beit der Länder würden in naher Zukunft in Form von Sachverständigen-Beratungen folgen. Weiterhin solle eine neue und entschlossenere Anstrengung von Frankreich und England gemacht werden, um eine friedliche und geregelte Bereinigung in Mit­teleuropa und in der T s ch e ch o s l o w a» fei zu finden. Man habe eingesehen, daß das ganze Problem der deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei weit davon entfernt sei, Benesch allein anzugehen. Man fei daher übereingekommen, daß neue diplomatische Annäherungsversuche besonders in Deutschland und Polen gemacht werden.

Im Leitartikel schreibt dieTimes": In London seien die Rollen Englands und Frank, reichs geklärt worden; andere ebenso wicht t i g e Rollen müßten aber a u ch n o ch g e s p i e l t werden. Zwei hervorragende Führer Europas wür­den in der nächsten Woche in Rom Zusammen­treffen. Beide hätten ihren Beitrag zu leisten. Eine allgemeine Zusammenarbeit scheine sich wirksamer zu gestalten, wenn man zweiseitig oder in fleu nen Gruppen beginne und dann den Kreis er­weitere, anstatt die Illusion einer scheinbaren Univer­salität an den Anfang zu stellen.

Daily Telegraph" betont, daß die gestrige Bespre, chung sich fast ausschließlich um die Tschechoslo wakei gedreht habe. Die französischen Minister wollten gern irgendeine Verpflichtung Dort England erhalten. Die britischen Minister hätten je­doch erklärt, daß sie über die Unterhaus-Erklärung Chamberlains nicht hinausgehen könnten.

Daily Mail" schreibt, die Minister hätten sich ausführlich mit Beneschs Plan befaßt, der den Sudetendeutschen keine politische oder ter­ritoriale Autonomie zugestehe. Aus diesem Grunde seien die britischen uqj) französischen Mi­nister der Ansicht gewesen, daß der Plan unzu­reichend sei, um als Grundlage für Verhand­lungen zu dienen und Erfolge bringen zu können. "Man glaube, daß seine Unnachgiebigkeit gegebenen­falls zu persönlichen Schwierigkeiten und schließlich zu seinem Rücktritt führen müßten. Im übrigere fjabe England klar gemacht, daß es auf feinen Fall neue Verpflichtungen im Ausland übernehmen könne, das fei ein Beschluß, d"en- das englische Volk sehr begrüßen werde.

von 1914 sind den Deutschen 284 Volks- und Bür­gerschulen (davon im Hultschiner Ländchen allein von 42 Schulen 39) und 34 höhere Schulen genommen worden, letztere sanken allein im Jahre 1934 von 104 auf 70 und seither noch weiter. Dagegen wur­den mit größter Freigebigkeit für die tschechische Minderheit im sudetendeutschen Gebiet 228 Bürger­und 1171 Volksschulen errichtet. Eine besondere, und zwar durchaus unerfreuliche Rolle spielt im Nationalitätenkampf ferner die Beamten- frage. Die tschechoslowakische Republik hat einen ungeheur aufgeblähten und deshalb durchweg mäßig bezahlten Beamtenapparat geschaffen, der zu einem guten Teil dem Wettbewerb der parlamentarischen Parteien, ihren Anhängern Posten an der Staats­krippe zu verschaffen, sein Dasein verdankt. Häufig genug ist ihre tschechische Muttersprache ihr ein­ziger'Befähigungsnachweis, aber er genügt, um im sudetendeutschen Gebiet nicht nur die Beamten deut­scher Abstammung rücksichtslos aus ihren Stellungen zu verdrängen (durch Beamtenabbau verlor das Su­detendeutschtum über 33000 Lebensstellungen für feine Volksgenossen), sondern den ganzen sudetendeutschen Siedlungsraum mit tschechischen Beamten geradezu zu überschwemmen, die hier natürlich einen mächtigen, sich einem wilden Chauvinismus hingebenden Jnteressentenhaufen" bilden aus Angst, bei einem Erfolg des Sudetendeutschtums im Kampf um feine Lebensrechte, zwar schlecht bezahlte aber auch mühe­lose Staatsstellungen zu verlieren. Diese Entwick­lung ist auch für das tschechische Volk selbst ungesund und bedauerlich, weil es eine ausgesprochene Nei­gung zu gewerblicher und industrieller Betätigung hat, die durch das Abdrängen so vieler Tschechen in die Beamtenlaufbahn immer mehr verkümmern muß.

Fast zwei Jahrzehnte hindurch haben die Tsche­chen diesen Vernichtungskampf gegen das Sudeten­deutschtum mit unmenschlicher Brutalität führen können ohne Rücksicht auf feierlich übernommene Verpflichtungen und unter sturer Mißachtung des eigentlichen Charakters ihres Staates als eines aus­gesprochenen Nationalitätenstaates, in dem sie selbst bei Licht besehen nur eine Minderheit darstellen. Sie haben die Lebensrechte des Sudetendeutschtums mit Füßen treten können, einmal weil der große deutsche Nachbar schwach und hilflos und in eigenen Sorgen befangen war und die Tschechen, von den Westmächten als nützlicher Sturmbock gegen eine Wiedererhebung des Reiches gehätschelt und ge­päppelt, glaubten, sich im Schutze so mächtiger Pro­tektoren .auch die schändlichsten Uebergriffe gegen ihr- sudetendeutschen Mitbürger herausnehmen zu

können, zum andern weil das Sudetendeutschtum selbst unter dem Einfluß der liberaliftisch-demokra- tifchen Tendenzen dieser Jahre in sich zersplittert und führerlos war und gewisse Gruppen durch ihre Teilnahme der Prager Regierungen zwar ver­gebens hofften, die Lage ihrer Landsleute zu bessern, aber in Wahrheit den Tschechen einen Deckmantel boten, hinter dem sie ungestört ihre Nationalisie- rungspolitrk treiben konnten. Diese Uneinigkeit des Sudetendeutschtums hat schon in den Denkschriften eine Rolle gespielt, in denen die Tschechen in Paris und London 1918/19 ihre Forderungen vertraten. In einer Denkschrift Masaryks, des Begrün­ders und ersten Präsidenten der tschechoslowakischen Republik, an den damaligen britischen Premier­minister Lloyd George hieß es zur Begrün­dung der Entziehung des Selbstbestimmungsrechts der Sudetendeutschen,daß die Deutschen in Böh­men kein geeintes, organisiertes und in der Rich­tung auf ein bestimmtes Ziel geleitetes Element darstellen, daß sie keine Führer haben, denen die Masse der Bevölkerung Vertrauen entgegenbrächte, und daß es in Böhmen keine Volksbewegung von wirklicher Kraft gibt, die berechtigt wäre, sich auf bas Rechtsprinzip, über ihr Schicksal selbst zu be­stimmen, zu berufen".

Nun, die Ereignisse der letzten Wochen haben die Welt eines besseren belehrt. Der ebenso hemmungs­lose wie blinde Chauvinismus der Tschechen, die gewaltige einigende Kraft der nationalsozialistischen Idee und das Erlebnis der Wiedergeburt des Großdeutschen Reiches unter der genialen Führung Adolf Hitlers haben zusammengewirkt, daß sich das Sudetendeutschtum in der Sudetendeutschen Partei Konrad Henleins zusammenfand, der sich nun als einzigen machtvollen Vertretung der 3V2 Millionen Sudetendeutschen die Prager Re­gierung in einer wenig beneidenswerten Rolle ge- genübersieht. Denn nicht nur der Schleier ist zer­rissen, den die Mitarbeit sudetendeutscher Splitter­gruppen im Prager Kabinett über die tschechische Nationalisierungspolitik gebreitet hatte, das in der Sudetendeutschen Partei unter kraftvoller und ziel- bewußter Führung geeinte Sudetendeutschtum hat auch seine nationalen Forderungen in ein ganz bestimmtes, fest umrissenes Programm gebracht, an dem sich reicht drehen noch beuteln läßt. In Karls- bab hat Konrab Henlein bas klare Verlangen gestellt, baß bie Tschechoslowakei auf eine Außenpolitik verzichte, bie sie in bie Reihe der schärfsten Gegner bes Deutschtums führte unb sie zum Sturmbock bes Bolschewismus in Mitteleuropa machte. Jnnen- politstch hat er die vorbehaltlose Anerkennung der

Persönlichkeit des deutschen Volkstums gefordert mit allen notwendigen Folgerungen auf staats- und verwaltungsrechtlichem, kulturellem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiet, um das Sudetendeutschtum zum gleichberechtigtem Mitträger der Republik zu machen. Beide Forderungen gehen von dem Wunsch nach Herstellung einer wahren Friedensordnung in Mitteleuropa aus, die auf den von der Natur ge­gebenen Grundlagen der nationalen Besiedelung alle Kräfte zusammenfaßt.

Die Prager Regierung hat sich vorerst einmal taub gestellt, aber mit verdoppeltem Eifer eine rege diplo­matische Tätigkeit in Paris und London ent­faltet, wohl in der Hoffnung, wie in der guten, alten Zeit nun auch heute bei ihren einstigen hohen Protektoren Rückendeckung und Halt zu finden. Und sie hat iBmerhin schon erreicht, daß das tschechische Problem in den Verhandlungsprogrammen der eben in London gewesenen französischen Minister an wich­tigster Stelle stand. In den Besprechungen werden die französischen Staatsmänner gewiß versucht haben, die englische Regierung, die durch Chamberlain be­reits ihre Abneigung gegen irgendwelche Ausdeh­nung ihrer Verpflichtungen auf dem Festland zum Ausdruck gebracht hat, trotzdem auf eine Erklärung zugunsten der Tschechen festzulegen. Aber bei nüch­terner Betrachtung der Dinge mußten beide Ver­handlungsparteien in London sich sagen, daß sie der Konsolidierung des Friedens in Mitteleuropa, bie soeben erst burch bie Wieberoereinigung Oesterreichs mit dem Deutschen Reich in voller Ruhe und ohne fremde Interessen zu verletzen einen bedeutsamen Fortschritt gemacht hat, einen schlechten Dienst er­weisen, wenn sie durch zweideutige Erklärungen der Prager Regierung in ihrer intransigenten Haltung gegenüber dem Sudetendeutschtum den Rücken stärken, statt sie mit allem gebotenen Ernst auf ihre Verpflichtung hinzuweisen, den Forderungen der Sudetendeutsthen auf ihr natürliches Mitbestim- mung'srecht im tschechoslowakischen Staat zu ent­sprechen. Das ist das Gebot der Stunde, dem sich die Regierungen Frankreichs und Englands auf die Dauer nicht werden entziehen können, mag auch besonders in Paris die Erkenntnis schwer fallen, daß der Ring um Deutschland, den das Bündnissystem der französischen Nachkriegspolitiker geschlungen hatte, nicht mehr zu halten ist, und daß Frankreichs Sicherheit", wenn sie kein Phantom bleiben soll, nur auf freimütiger Verständigung gleichberechtigter Nachbarn begründet werden kann.

Dr. Fr. W. Lange.