Nr. 254 vierter Matt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
20./30. Oktober 1938
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Als Johannes Gutenberg m Straßburg und in Mainz nach jahrelangen Kämpfen, nach Not und Entbehrung, nach Verleumdung und mancher anderen Widerwärtigkeit feiner genialen Idee, der Erfindung der Buchdruckerkunst, zu ersten Formen verhalf mag er aus dem Dunkel und den Wirrnissen des beginnenden 15. Jahrhunderts heraus wohl nur geahnt haben, welches Geschenk er der Menschheit gab Kaum aber konnte er ermessen
haben, wie seiner Idee der unbeschreibliche ßieges- zug über die ganze Welt beschieden war. Dabei geziemt allen jenen, die an der Vervollständigung ferner Idee weiterarbeiteten, die Buchdruckerkunst zur allgegenwärtigen Dienerin des Menschen machten, Bescheidenheit, denn dem Lebenswerk des genialen Erfinders, dem Kunstwerk der 42zelligen Bibel, konnten alle Nachfahren nichts gleich Großartiges gegenüberstellen. Es kann kein Fehler sein, sich aus Anlaß einer „Woche des deutschen Buches" dessen zu erinnern I
Seit Jahrhunderten ist das deutsche Buch ein
gegangen in den Lebenskrels der deutschen Familie Es wirkte in die Breite und in die Tiefe, half mit, dem deutschen Menschen seiner Werte und seiner Verbundenheiten mit dem Volksganzen bewußt werden zu lassen. Mehr als zu jeglicher anderen Zeit gilt dies für die Gegenwart! Das Buch ist einer der wertvollsten Mittler, der bereitwillig u den Quellen unseres Volkstums, unseres Wesens ührt Wie oft erscheinen uns doch in den Werken der Dichter unseres Volkes unsere Vorfahren, gesehen in schemenhaftem Zuge, aus Weiten des Raumes und der Zeiten, und wie oft auch erscheinen uns einzelne Gestalten, greifbar nahe, alt oder jung, und — in ihrem Schicksal meist symbolisch für das Schicksal vieler! Wer hätte nicht schon gelesen von Sitte und Art unserer germanischen Vorfahren, von ihrem Kampf um Leben und Selbstbehauptung? Wer wüßte nicht aus Blütezeiten des deutschen Handwerks und der deutschen Kunst im Mittel- alter, die uns heute nicht nur im gedruckten Wort, sondern auch durch das gute Bild im Buche bewahrt sind für alle Zeiten. Vlutvolles Leben quillt aus den Werken unserer besten Dichter der
Vergangenheit, wie der Gegenwart, und niemanden ist es verwehrt, nach diesen Werken zu greifen. Möchten es viele tun!
Und möchten viele den Wunsch in sich tragen, Bücher besitzen zu w o l l e n ! Einen eigenen Bücherschrank haben zu wollen, sei er nach Form und Größe noch so bescheiden gehalten! Wer wüßte es nicht, wie grundverschieden die Beziehungen sind, die zwischen uns und dem geliehenen, zwischen uns und dem eigenen Buche bestehen. Sicherlich: das geliehene Buch kann dem Leser nichts von seinem Inhalt verweigern; das Buch tut seine Vermittler-Pflicht; aber es wiegt auf eine besondere Art leichter als das eigene Buch. Vor allem ist es unpersönlicher! Vielleicht ging es gar schon durch viele Hände! Dann erfüllt es nur noch seinen Zweck!
Während das aus eigenem, erarbeitetem, vielleicht gar schwer erspartem Gelde gekaufte Buch schon zum Freunde wird, wenn wir es kaum als Besitz in der Hand haben. Wir habön uns dieses ober jenes Buch vielleicht schon seit langem gewünscht! Dieser Freund ist dann immer gegenwärtig, fordert nie und gibt immer nur. Je mehr man sich um das gute Buch bemüht, um so mehr offenbart es seine Schönheit. Ein Buch zwei- ober gar breimal zu lesen, ist keine Schwäche, sondern eher bas Gegenteil. Wer ein Buch zwei- oder drei
Eine gemülliche Leseecke — Schmuckstück für jedes Heim.
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3n unserer Universitätsstadt sind solche Bücherschätze keine Seltenheit.
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Beschauliche Lesestunde. — (Aufnahmen |5J: Neuner, Gießener Anzeiger.)
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mal lesen möchte, muß es besitzen! Dreimal leihen — vielleicht von Freunden oder Bekannten — unmöglich! Um dieser Vertiefung willen gehört das eigene Buch in das eigene Heim.
Wer keine eigenen Bücher besitzt, kann es nicht wissen, welch' feines und unterhaltsames Vergnügen es ist, so in größeren zeitlichen Abstanden den Bücherschrank aus» zuräumen, die Bücherbestände neu zu ordnen, wieder, einzuräumen — eine Arbeit, die notwendig geworden ist, weil vielleicht etliche Bücher dazugekommen sind, die nicht gleich den richtigen Platz erhalten konnten. Das brauchte an sich nicht etwa eine zeitraubende Arbeit zu sein, aber sie ist zeitraubend, weil dabei manches Wie
dersehen gefeiert wird. Da stößt man vielleicht auf Bücher aus der Schulzeit, mit Bemerkungen an den Rändern, und (Erinnerungen an die Jugendzeit werden so lebendig, als sei alles erst gestern gewesen. Dann fällt uns das Gedichtbändchen von Annette von Droste-Hülshoff in die Hände Wie war das doch gleich mit dem Gedicht vom Spiegelbild? (Muß doch mal nachlesen!) Und hier ist das Buch von Hermann Löns „Der Werwolf". Ich weiß noch/ und werde es nie vergessen, von wem ich es geschenkt erhielt! — Dann hier ein Band von Conrad Ferdinand Meyer! Hatte nicht Lucretia Planta den Geliebten, Jürg Jenatsch, erschlagen, damit er (da er schon nicht mehr gerettet werden konnte) nicht in die Hände der betrunkenen Mörder fiel, nicht eines unrühmlichen Todes starb? Nur einige Sätze will ich nachlesen! — Dann sind es wieder die herrlichen Bilder von der Nanga-Parbat-Expedition, die mich aufhalten! So geht das weiter, und es wird spät, ehe sich die Schranktüren vor neuer Ordnung schließen.
Es ist lustig, einmal herumzuhören, wie es Bücherbesitzer mit der Ordnung in ihrem Bücherschrank halten. Da habe ich einen guten Bekannten, der seine Bücher der Größe nach zusammengestellt unb4 dabei mit Geistesschärfe bemüht ist, in dieses starre Schema auch noch eine Ordnung nach Sachgebieten
einzixschmuggeln. Wieder ein anderer kann Seinen nicht neben Halbleder stehen sehen? Gar ein anderer schwört auf die bekannte „organische Unordnung" und behauptet selbstbewußt, daß er jedes Buch seines Bestandes auf Anhieb findet und greifen kann. Der Nächste aber tut es nicht ohne Kartothek, nicht ohne Buchführung, nicht ohne exakteste (Einteilung nach Sachgebieten So prächtig sind tue Menschen untereinander verschieden so glücklich ist jeder Mensch auf seine Art! Wer gar noch einen so schönen Bücher schrank besitzt der auch dem Zimmer Aur Zierde gereicht, kann sich um seiner Schätze willen glücklich greifen.
So ist das eigene Buch im eigenen Heim eben mehr als nur Lektüre, mehr als nur Besitz? Bücher sind nicht nur Freunde, sie sind auch Künder der eigenen geistigen Haltung, denn wer Bücher kauft, wird wählen nach ureigenstem Empfinden. Das Buch führt hinaus in die Welt, macht die Horizonte weit, läßt über die nächsten Kirchtürme hinausblicken Die festlichen Stunden, die uns der Alltag vorenthält, gibt oft genug das Buch. Das soll allen Volksgenossen in Stadt und Land bewußter werden, und deshalb beginnt mit der nächsten Woche die „Woche des deutschen Buches", die ganz unter dem Gedanken stehen soll: „Jedem deutschen Haus ein Heimbücherei!" N.
Bücher ordnen — die Arbeit macht Spaß!
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Das gute Bilderbuch für die Kinder.
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Roman von Kurt Riemann
Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
19. Fortsetzung. (Nachdruck oerbotenb
„Siebe Frau Gertrud", lächelt er und legt seine Hand auf die ihre, die rot und ein wenig verarbeitet ist, „wie könnte ein Mensch jemals vergessen, was ihr hier Gutes an mir tut? Ich bin aus der Fremde gekommen und habe geglaubt, das rachen zu müssen, was mir ein Mann einmal angetan hat. Und es ist rein wie verhext — öas Vaterland hat mich ausgenommen wie den verlorenen Sohn, es hat mich mit seiner Siebe geradezu überschüttet. Ein Mädchen liest mich von der Landstraße auf und pflegt mich gesund. Eine Frau Sie, Frau Gertrud — öffnet mir mütterlich den Kreis ihrer Familie — und die Folge davon ift, daß ich alle Rachepläne lasse und meinem bessern Ich folge, das niemals Rache und Vergeltung geliebt hat — sondern nur seine Arbeit —
Wissen Sie, mir will da ein kleines Erlebnis nicht aus dem Kopf. Ich ging in Niederau einmal spazieren — es war einer der ersten Tage, an denen ich das Zimmer verlassen durfte — und da kam ich auch an der Schule vorüber. Der Herr Kantor hatte die Fenster weit auf und sang mit seinen Kindern eines jener kleinen Liedchen, die man kennt und felbft hundertmal gesungen hat, ohne daß sie einem irgendwie etwas gesagt hätten. Aber plötzlich erkennt man in den einfachen Worten einen tiefen Sinn, plötzlich geht einem das Geheimnis der Schönheit einer Weife auf. So ging es mir damals. Mit einemmal war mir, als hätte mir das Lied etwas zu sagen, gerade mir."
„Und welches Lied war bas?"
„(Ein ganz schlichtes, kleines: ,Kein Hälmchen wächst auf Erden ..
. der Himmel hat's betaut!* — Ich kenne es."
„Sehen Sie, und da geht's in der letzten Strophe so ähnlich: .. dann sproßt, was dir indessen als Keim im Herzen lag, — so ist kein Ding vergessen, es kommt fern Blütentag.. Können Sie verste
hen, daß mir plötzlich so zumute war, als sei dies Lied und diese Strophe eigens für mich erdacht?"
„Ich glaube. Aber was wollen Sie mit der kleinen Geschichte sagen?"
„Daß ich soviel Grund habe, der Heimat, dem Vaterland und seinen Menschen dankbar zu fein, daß es keine Zeit in meinem Leben geben wird, in der ich das vergessen könnte."
„Na —" meint Wernicke trocken, „und außerdem ist ein Patent noch keine Lebensversicherung. Man kann davon nichts abbeißen. Wer wird dein Patent finanzieren? Daß deine erste Erfindung, die Urform der jetzigen, ein Reinfall war, weiß nicht nur die ,Union ÄG.', sondern alles, was irgendwie mit der Branche zu tun hat. Man wird also nicht gerade schreien: »Herrgott! Der Karajan ist mit einem neuen Patent da? Her zu uns?* — Man braucht einen tüchtigen Batzen Geld, ehe die Sache anfangen kann, rentabel zu werden, verdammt viel dteü) sogar —" setzt er nachdenklich hinzu. „Doch das nur nebenbei. Dafür wird Schorsch schon sorgen! Der kennt ja halb Berlin! Also — zum Abschluß — laßt uns austrinken? Und dann — ins Bett! Ja, ja, Gertrud, und wenn du auch ein Gesicht ziehst! Karajan muß morgen frisch fein. Patentverhandlungen sind keine Kaffeeunterhaltungen." _
Der Abschied von den stillen freundlichen Leuten in Magdeburg füllt ihm schwer. Sie waren alle so gut zu ihm, halfen, ohne zu fragen. Es gibt einen herzhaften Abschied von den drei Buben, der jüngste will den „Onkel Karja" überhaupt nicht fortlassen, und Karajan muß sich überall mit großen Versprechungen auslösen.
Wernicke ist schon im Werk. Er ist nicht für großen Abschied. Er hat ihm noch einmal kräftig die Hand geschüttelt und bann geknurrt: „Schreib, wenn was los ist! Du weißt, von Gelbsachen verstehe ich nicht viel. Aber wenn's gilt, beine Maschinen zu bauen — bann packen wir hier unfern Laben zusammen unb kommen mit bir! Also —•"
Frau Gertrud möchte chn nicht fortlaffen, weil sie meint, er sei noch nicht genügend herausge- futtert, und in Berlin kümmere sich niemand um ihn.
„Lassen Sie nur, Frau Gertrud", lacht er. „Mit mir haben Sie doch wenig Glück, ich gehöre^zu der Sorte, die die Natur nicht fett werden laßt.
Sollen mal sehen, wie schnell wieder irgend etwas kommt, was mir die dünne Speckschicht, die ich Ihnen verdanke, wieder herunterholt Mich kriegen Sie nie so, wie Sie es gern möchten!"
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„Dann sproßt, was dir indessen als Keim im Herzen lag, so ist kein Ding vergessen, es kommt sein Blütentag —"
Die Melodie begleitet chn während der ganzen Fahrt. Gestern abend ist sie wieder lebendig geworden und nun ift sie da und läßt ihn nicht los. Komisch, wie so etwas einen Menschen packen und festhalten kann, sogar einen Mann, der sich auf dem Wege zu feinem Patentanwalt befindet. Ach Gott, er wird nie ein tüchtiger Geschäftsmann werden, denn Geschäftsleute leiden kaum daran, daß ein kleines Lied ihr Herz ausfüllt.
Aber — er freut sich. (Er liebt das Lied.
Kann er es leugnen, daß auch er einmal vergessen und abseits stand, verbittert und enttäuscht, ein einsamer Mensch, der die Welt haßte? Ist ihm sein Blütentag gekommen?
Kam nicht ein Mädchen, ein ganz einfaches Mädchen, bas nichts weiß von all bem Getriebe, bas sich Leben, Geschäft, Kampf ums Dasein nennt? Das nicht berechnet und untersucht, das nur einfach seinem Herzen folgt, ihn mit sich nimmt und ihn gesunden läßt an ihrer eigenen herben Klarheit, an ihrem eigenen gesunden jungen Geist? — In Berlin findet er das Nest leer. Schorsch ist nicht da, die Wirtin meint, er käme erst morgen zurück; er hat gestern einen Rohrpostbrief erhalten und sei daraufhin Hals über Kopf abgereift. Er sei ja viel unterwegs, der Herr Hausmann, wegen der Zeitung und so.
„Wohin ist er denn gefahren? Hat er feine Anschrift hinterlassen?"
„(Eben nicht. Das wundert mich auch. Sonst tut er bas immer."
Karajan ist ein wenig enttäuscht. (Er hat sich auf bas Wiebersehen gefreut .Hallo, Schorsch, bin ba! Hier sind die Pläne! Jetzt geht's los! Komm!" Na, damit ist's nun nichts. 2Iber er tröstet sich Das Patent unterbringen kann er schließlich auch allein. Er hat da noch einige Beziehungen zu einem sehr fixen Kerl, einem Rechtsanwalt, der mit Patenten umzugehen weiß.
(Er hat ihm auch sein erstes Patent eingereicht
Dasselbe, das später der Herr Dr. Meßdorfs — na, Schwamm drüber!
Herr von Wangenheim ist ein Herr in den Fünfzigern, äußerlich ganz alte Schule, im Beruf einer der tüdjtigften Männer von Berlin. Dazu nicht nur dem Namen nach Aristokrat. Karajan hatte sehr gern nut ihm zusammengearbeitet. Er hielt ihn vom ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft an für einen anständigen Kerl.
Wangenheims Kanzlei liegt dicht am Potsdamer Bahnhof in einem der großen Geschäftshäuser. Fräulein Scheck im Vorzimmer erkennt ihn sofort wieder, obwohl es sechs Jahre sind, daß er nicht hier gewesen ist. „Ah — Hetr Doktor Karajan! Soll ich Sie anmelden?"
„Sie meinen, der Herr Iustizrat würde sonst vor Schreck von seinem Stuhl fallen, was? Weil der tote Karajan doch noch lebt? Besser ist's jedenfalls, Sie bereiten ihn schonend vor. Ist viel zu tun?" setzt er leise hinzu mit einem schnellen Blick auf die zehn, zwölf Menschen, die da mit ihm warten.
„Äeine sehr wichtigen und eiligen Sachen! Sie wollen den Herrn Iustizrat auf längere Zeit sprechen?"
„Wenn ich bei ihm bin, kann er sich für heute nichts anderes mehr vornehmen!"
Nach knapp einer Viertelstunde sitzt Karajan vor dem breiten Schreibtisch, den er noch gut kennt. Er ist noch immer mit Tintenklecksen bedeckt, ein unwahrscheinliches Erbstück, das schon einigen Juristengenerationen gedient hat.
„Also, Sie leben? Und wie mir scheint, sogar recht intensiv!" lacht der Iustizrat und schiebt die Horn- brille nut dem kleinen Finger der rechten Hand auf die Stirn. (Es ist das sicherste Zeichen, daß er interessiert ist. Sogar beim Gericht weiß man, was es bedeutet, wenn Wangenheim die Hornbrille hochschiebt. Dann hat's ihn gepackt, und die Richter seufzen heimlich, weil er bann zäh wirb unb boshaft.
Herbert sieht biese kleine vertraute Handbewe- gung mit heimlicher Freube. Sie ift ihm ein Zeichen, baß ber Iustizrat sofort hinter bem Besuch etwas Besonderes wittert, sie ist ihm auch zugleich wie ein Willkommensgruß jener Welt, der er den Rücken kehrte, und die er doch so liebt: die seiner Arbeit« (Fortsetzung folgt)


