Ur. 254 Drittes statt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
2O./5O.(Dftobcr 1938
Reue Gemeinden zum Kreis Gießen.
Die „Laubacher Ecke" wird am Dienstag in den Kreis Gießen eingegliedert.
Willkommen!
Seit dem Frühjahr 1933, der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus, erleben wir eine gewaltige Umwälzung auf allen Gebieten unseres völkischen Lebens, ein starkes Drängen nach vorwärts, keineswegs nach ungewissen, sondern nach den unverrückbaren, durch die nationalsozialistische Weltanschauung ausgestellten Hochzielen. Sicherlich kein Leben für geruhsame Spießer. Diese können sich dabei nicht wohlfühlen. Wohl aber ein Leben für Nationalsozialisten, denen Volk und Vaterland mehr bedeutet, als bas_ kleine Ich. Was früher schwer, wenn nicht unmöglich erschien, heute wird es Wahrheit, und es scheint uns jetzt oft so, als ob alles ganz einfach und leicht zu lösen wäre, und wir fragen uns oft, warum es früher nicht möglich war.
Wir wißen es aber. Uns fehlte früher der Füh- 'rer! Aus innerer und äußerer Unfreiheit hat er uns herausgeführt. 1938 ist der bisherige Höhepunkt feiner Erfolge. Oesterreich und Sudetendeutschland kamen heim ins Reich. Großdeutschland wurde geschaffen! Sind wir nun am Ziel? Nein! Der Nationalsozialismus ist an sich nie am Ziel, sofern wir darunter den Schlußpunkt einer Entwicklung sehen, weil völkisches Leben kein Halten kennt. Völkisches Leben ist kämpfen, ein ewiges Vorwärts!
Was für das Große, für das Reich gilt, gilt auch für den engeren Rahmen eines Landes. Hier treiben die Gefolgsleute des Führers die Dinge nach den von ihm aufgestellten Zielen nach vorwärts — auf allen Gebieten. So auch in Hessen unter Führung unseres Reichsstatthalters Sprenger. Zu den Tagen, die für das Land Hessen und seine Verwaltungsorganisation (aus der Initiative des Reichsstatthalters entsprungen) von historischer Bedeutung sind, gehört sicher der 1. November 1938. Mit diesem Tage scheiden die Städte Mainz, Darmstadt, Offenbach, Worms und Gießen aus ihren bisherigen Kreisen aus und werden selbständige Stadtkreise. Mit diesem Tage haben aber auch die seitherigen Kreise Bensheim, Oppenheim und Schotten zu bestehen aufgehört. Die dazu gehörigen Gemeinden werden den benachbarten Kreisen zugeteilt.
So erhält der Kreis Gießen die Orte Freienseen, Gonterskirchen, Klein-Eichen, Lardenbach, Laubach, Ruppertsburg und Wetterfeld und die selbständigen Gemarkungen Laubacher Wald I, II und III und Stockhäuser Hof und damit einen Zuwachs von 4712 Einwohnern, den er angesichts des Verlustes der Stadt Gießen, sehr wohl gebrauchen kann. Der Kreis Gießen freut sich dieses Zuwachses nicht nur deshalb, well er damit eine der reizvollsten Gegen- den unseres oberhesfischen Landes erhäll, sondern well er weiß, daß die Laubacher Ecke schon seit langem den Wunsch hegt, zum Kreise Gießen zu kommen. Die Gemeinden der Laubacher Ecke werden damit in die Gemeinschaft des Kreises ausgenommen — als vollberechtigte Mitglieder. Denn eine Gemeinschaft, wenn sie wahre Gemeinschaft sein will, kann nur vollberechtigte Mitglieder kennen oder sie ist überhaupt keine Gemeinschaft. Aus dieser Haltung folgt auch die Stellung des Kreises zu den Gemeinden der Laubacher Ecke. Der Kreis Gießen wird sie betreuen, wie seine bisherigen Gemeinden und, wenn sie es nötiger haben sollten, mit um so größerer Liebe — aus allen Gebieten. Die Gemeinden der Laubacher Ecke werden es nicht zu bereuen haben, daß sie zu dem wirtschaftlich stärkeren Kreis Gießen gekommen sind.
In diesem Sinne rufe ich den Gemeinden, ihren
Lellern und der Bevölkerung der Laubacher Ecke ein herzliches
Willkommen im kreise Gießen zu.
' Heil Hiller!
Dr. Lotz, Kreisdirektor des Kreises Gießen.
Anschluß wird begrüßt.
Don Bürgermeifler Höqy, Laubach.
Auf Vorschlag des Gauleiters Reichsstatthcllter Sprenger wurde durch Reichsgesetz vom 7. April d. I. und der hierzu erlassenen Bekanntmachung vom 8. Oktober 1938 neben den Kreisen Bensheim und Oppenheim auch der Dogelsbergkreis Schotten mit Wirkung vom 1. November 1938 aufgelöst. Die Stadt Laubach mit den 6 umliegenden Orten Freienseen, Gonterskirchen, Klein-Eichen, Lardenbach, Ruppertsburg und Wetterfeld, sowie den vier
vember 1841, wieder zum Kreise Hungen. Nach der Ministerialoerordnung vom 12. Mai 1852 wechselte Laubach mit seinen Nachbarorten erneut seine Kreiszugehörigkeit und wurde in den neugebildeten Kreis Schotten, bei dem es nun über 86 Jahre bis zum 31. Oktober d. I. verblieb, eingegliedert.
Wenn auch öfters mit Recht darauf hingewiesen wurde, dckß zwischen den Gemeindevertretern und der Kreisverwaltung Schotten jederzeit ein gutes, herzliches und freundschaftliches Verhältnis bestanden habe, so darf aber anderseits hier nicht unerwähnt bleiben, daß sich bereits in früheren Jahren, insbesondere in Laubach, Strömungen bemerkbar gemacht haben, die den nunmehr Wirklichkeit gewordenen Anschluß an den Kreis Gießen gewünscht haben. Dies kam ganz besonders bei einer Versammlung des inzwischen aufgelösten Laubacher Bürgervereins im Jahre 1930 zum Ausdruck. Sämtliche Anwesende sllmmten damals der Ueberreichung einer Entschließung an die hessische Regierung in Darmstadt zu, in der der Anschluß
Llebernahme der politischen Organisation des Laubacher Gebietes in den Kreis Wetterau.
Die Eingliederung des Laubacher Gebietes in den politischen kreis Wetterau sollte auf Anordnung des Reichsstatthalters bereits am 1. Oktober 1938 erfolgen. Durch die Gewalt der außenpolitischen Ereignisse wurde der festgesetzte Zeitpunkt um einen Monat verschoben. Die Eingliederung erfolgt nunmehr endgültig zum 1. November.
3d) darf daher jetzt die Hoffnung aussprechcn, daß die enge politische Zusammenarbeit, die seinerzeit schon zwischen der Kreisleitung Gießen und den damals von Gießen aus bearbeiteten Orten Laubachs und seiner Umgebung bestanden hat, nunmehr nach der endgültigen Eingliederung dieser Orte in den Kreis Wetterau sich noch enger und fester gestalten möge. Die Eingliederung ist nach wirtschaftlichen, verkehrstechnischen und politischen Gesichtspunkten, von höherer Warte aus gesehen, erfolgt. Wir freuen uns, daß diesen Gesichtspunkten, die eigentlich schon seit langen Jahrzehnten hätten maßgebend sein müssen, endlich Rechnung getragen worden ist. Es ist an sich gleichgültig, in welchem Kreis die Partei und ihre Gliederungen ihre Arbeit verrichten, denn wir fühlen uns heute nicht mehr als Angehörige eines kleinen Kreises oder eines Landes, sondern in erster Linie als Angehörige des großen deutschen Vaterlandes.
Und so erwarte ich denn sowohl von den Parteidienststellen als auch von den Dienststellen der einzelnen Gliederungen, Organisationen und angeschlossenen Verbände, daß sie nach wie vor restlos ihre Pflicht erfüllen für Führer, Volk und Vaterland. 3n diesem Sinne ein herzliches Willkommen im Kreis Wetterau.
heil Hitler!
Backhaus, Kreisleiter.
selbständigen Gemarkungen Laubacher Wald Distrikt I, II und III (das sog. Polizeikommissariat Laubach) und Stockhäufer Hof, werden dem Landkreis Gießen zugeteilt. Es handelt sich hier um Ortschaften, die, außer Klein-Eichen, schon seit 1607 das Amt Laubach der Reichsgrafschaft Solms-Laubach bildeten und bis auf den heutigen Tag die gleichen Geschicke getragen haben. Obwohl durch die Mediatisierung im Jahre 1806 die Grafschaft Solms-Laubach die Reichsunmittelbarkeit durch Einverleibung in die zum Großherzogtum Hessen erhobene Landgrafschaft Hessen-Darmstadt eingebüßt hatte, blieb das Amt Laubach doch noch als eigener Verwaltungsbezirk bis zum 23. April 1822 selbständig und gehörte vom folgenden Tage an zum Landratsbezirk bzw. (seit 1832) Kreisamt Hungen. Anp 18. Mai 1837 wurde das Laubacher Gebiet dem Kreise Grünberg zugeteilt und kam dann 4V2 Jahre später, am 16. No-
an den Kreis Gießen gefordert wurde. Auf meinen Hinweis, daß doch einmal mit einer neuen Kreiseinteilung zu rechnen fei, wurde von der Einreichung der Entschließung Abstand genommen.
Die jetzt im Zuge der Verwaltungsvereinfachung erfolgte Eingliederung des Laubacher Bezirkes in den Landkreis Gießen wird von der gesamten Bevölkerung als eine sehr willkommene Maßnahme begrüßt, die von steter Dauer sein wird. Es kann nicht gerade behauptet werden, daß Laubach und seine Umgebung bei dem öfteren Wechsel in der Kreiszugehörigkeit im vergangenen Jahrhundert sich gut entwickelt haben, wenn man in Betracht zieht, daß die Stadt einschließlich des sog. Polizeikommissariats Laubach im Jahre 1826 etwa 2300, im Jahre 1852, d. i. die Zeit des Ueberganges zu dem Kreise Schotten, 2176 und heute nur noch
knapp 2000 Einwohner zählt. Dieser in dem ftäitbi« gen Sinken der Einwohnerzahl zum Ausdruck kommende Rückgana lag neben anderen Gründen auch daran, daß Laubach nicht schon vor 40 oder 50 Jahren mit dem Gießener Wirtschaftsgebiet verwaltungsmäßig verbunden worden ist. Dies zeigte sich ganz besonders in der Zeit nach dem Bau der Bahnlinie Hungen—Laubach (um 1890) und der Fortsetzung dieser Strecke bis Mücke (1902/03), die fast in Nord-Süd-Richtung mitten durch das Laubacher Gebiet zieht und allen dazu gehörigen Gemeinden eine nach zwei Richtungen hin günstige Zugoerbindung mit der Stadt Gießen brachte, während eine solche mit der seitherigen Kreisstadt Schotten über
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Hungen und Nidda nach wie vor sehr umständlich ist. Selbst nach der Instandsetzung der von Laubach nach Schotten durch herrliche Waldungen und schöne Wiesentäler führenden Reichsstraße ist es nicht gelungen, eine Hebung des Verkehrs mit Schotten herbeizuführen, da außer zwei Forschäusern adf der 14 Kilometer langen Strecke keine Ortschaften liegen.
Daß der Anschluß an den Kreis Gießen für Lau« doch und Umgebung nicht eine nachteilige Entwicklung bringen wird, unterliegt keinem Zweifel. Dies hat sich auch schon in seinen Anfängen gezeigt. Neben dem bereits , vorhandenen BDM. -Lager des Kreises Wetterau, das in dem ant hiesigen Schloßpark schön gelegenen Jugendlandheim untergebracht ist, wird anfangs November die in den oberen Räumen der städtischen Turnhalle eingerichtete Bannführerschule eingeweihll Außerdem wird das Laubacher Gebiet als achter Bezirk in das Feuerlöschsystem des Kreises Gießen einbezogen und eine neue Motorspritze mit Dorspannwagen erhalten. Auch wird dann unser Städtchen nach der llebernahme eine stille Alarmeinrichtung bekommen, wie sie bereits einige Städte des Landkreises Gießen besitzen.
In diesen Tagen, wo die^seit langem hervor* getretene Forderung nach Neueinteilung der hessischen Kreise erst durch die von der nationalsozialistischen Regierung in Hessen durchgeführte Straffung der Verwaltung verwirklicht wird, richten die dem Landkreis Gießen neu zugeteilten Gemeinden und insbesondere ihre Vertreter den freudigen Blick auf das große Ziel, auch im neuen Kreisverband die besten Kräfte mit der nötigen Einsatzbereitschaft und in Treue für die Arbeit des Führers einzusetzen.
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Personenzug überfährt Lastkraftwagen
Von drei Schwerverletzten starben zwei.
LPD. Mainz, 28. Okt. Ein schweres Verkehrsunglück ereignete sich Donnerstag abend an dem Ueberroeg der Straße von Gau-Odernheim nach Worms bei Kilometer 1,4 der Eifenbahnstrecke Gau-Odernheim — Hillesheim — Domdürkheim. Der 19.30 Uhr von Gau-Odernheim abgehende Personen« zug P 4279 überfuhr an dieser Stelle einen Lastkraftwagen ohne Anhänger. Hierbei wurden die drei Insassen des Lastwagens schwer verletzt, so daß sie in das Kreiskrankenhaus Alzey verbracht werden mußten. Dort sind inzwischen der Fahrer des Lastkraftwagens, Friedrick B r a u n w e l l aus Ober-Hilbersheim, und ein noch Unbekannter gestorben. Der Lastkraftwagen wurde vollständig zertrümmert Der Ueberroeg der Straße ist durch Kennzeichen vorschriftsmäßig gezeichnet. Die Wegübersicht ist einwandfrei. Das Wetter war gut. Vermutlich trifft die Schuld an dem bedauerlichen Unfall den Fahrer des Lastkraftwagens.
Gießener Gtadtiheaier.
Beethoven: „Fidelio."
Beethovens einzige Oper „Fidelio" wurde in chrer dreimaligen Bearbeitung zu einer Auseinandersetzung mit Brauch und Geist der zeitgenössischen Oper. Dem Symphoniker Beethoven bedeutete sie einen Vorstoß, ein Bühnenwerk mit den Gegebenheiten der Symphonie zu erschließen'. Dieses symphonische Drama wurde zum Gegenpol für die Entwicklung zum Musikdrama hin. In der Eroica-Symphonie hatte Beethoven das Drama des Helden zur musikalischen Tat werden lassen. In dem Buch zu „Fidelio" sand er nun einen Opern- ftoff, der seinem Ringen um sitlliche Ideale ent» gegenfam und ihn durch seine Lebensnähe fesselte.
Bouilly, dessen Libretto zu Eherubinis „Master- träger" übrigens von Beethoven als vorbildlich geschätzt wurde, griff mit dem Grundgeschehen zur Oper „Fidelio" auf eine wahre Begebenheit zurück, die er während der Schreckensherrschaft der französischen Revolutton als Administrator eines Departements bei Tours erlebt hatte; nur mußte aus naheliegenden Gründen der Schauplatz der Handlung nach Spanien verlegt werden. Zur Zeit der Entstehung von Beechovens Oper war der Bouillysche Stoff bereits zweimal vertont; durch Pierre Gaveaux und in italienischer Fassung durch F. Paer. Beethovens Textdichter Josef Ferdinand Sonnleithner folgte der französischen Vorlage.
Die erste Aufführung des Werkes in Wien am 20 November 1805 (kürz nach der Besetzung der Stadt durch die Franzosen), führte nicht zu dem erhoftten Erfolge, zumal viele entscheidende Musik- verständige die Stadt verlassen hatten und der Hörerkreis vornehmlich aus französischen Offizieren bestand. Eine Umarbeitung der Oper, durch teilnehmende Freunde Beethovens veranlaßt, vermochte auch der nunmehr zweiaktigen Fassung bei Publikum und Presse im Jahre 1806 nicht den erforderlichen Widerhall zu verschaffen. Erst als die großen politischen Ereignisse der Befreiunaskärnvie das Volk auf gerüttelt und zu innerer Selbstbesinnung geführt hatten, war der Boden zu intensivere^ Auswirkung des Werkes gegeben; dazu hatte Beethoven durch feine Schlacytenfymphonie über Wellingtons Sieg bei Vittoria das allgemeine Interesse auf sich gelenkt. Diesmal stand dem Musiker in dem Regisseur und Theaterdichter Georg Friedrich Treitschke ein bewahrter Bühnenfachmann zur Seite, und so erhielten 1814 die „verödeten Ruinen
eines alten Schlostes", die dem Meister „die Märtyrerkrone erwarben", Form und Gestalt, um sich endgültig durchsetzen zu können. Warb schon die erste Leonore Anna Milder-Hauptmann für die Oper, so begründete ein Jahrzehnt später Wilhelmine Schroder-Devrient den europäischen Ruf des Werkes.
Im Gegensatz zu Mozart mit seiner ursprünglichen Begabung für das Bühnenschaffen, der selbst das scheinbar Unmögliche erreichbar, war, blieb die Oper für Beethoven als geborenen Symphoniker ein Sondergebiet. Weniger das Spiel der Szene wird für ihn zum Schaffensantrieb; er entzündet sich mit seinem Innern im Verfolg des Sieges der sittlichen Kräfte, seine Musik erscheint vom unmittelbaren persönlichen Erleben hineinprojiziert in die Bühne. Nicht das Sinnlich-Schöne allein ist für ihn bestirnrnend; er schreibt nur für die Gebildeten, Verstehenden, die Wahrheit und Echtheit des Ausdrucks aber werden mit dem Durchbruch des Menschlich-Großen zu höchster Offenbarung in Ein» maligkeit.
Die opernhatten Eingangsszenen mit ihrem kleinbürgerlichen Milieu lassen um so größer und gigantischer das damalige Geschehen in feinem Fort- fchreiten und feinen von höchster Spannkraft erfüll- ten Gipfelpunkten hervorwachsen, gerade aber auf dem Hintergründe des Alltags zeichnet sich das übergroße heldenhafte Erleben, die höchste sittliche Kraft des Weibes mit ihrer unbedingten Opferbereitschaft in schärfster Deutlichkeit und hehrster Größe ab.
Dieser von Beethoven beschrittene Weg mußte den Zeitgenossen zunächst ungewohnt, unfaßbar erscheinen. Das bestätigt Carl Mar>a von Weber nach seiner Prager Aufführung des „Fidelio": „Es sind wahrhaft große Sachen in der Musik; aber — sie verstehens nicht —. Man möchte des Teufels werden! ... Kasperle, das ist das Wahre für sie."
Das Leonoren-Drama fesselte den Symvhoniker immer wieder aufs neue; drei Leonoren-Ouvertü- ren wurden Wegweiser für die kommende symphonische Dichtung. Die eigentliche „Fidelio"-Ouoer- türe gleicht sich in ihrer Anlage mehr der gebräuchlichen Form an; sie will als eigentliches Vorspiel nicht das Drama vorausnehmen '(wie etwa die ,,Leonoren"-Ouvertüren), sondern den Hörer innerlich vorbereiten und ihn hinführen auf das sich entwickelnde Drama mit feinem Auf und Ab der inneren Spannungen.
Mit der Aufführung des „Fidelio" als erster Oper der neuen Spielzeit hatte sich die Intendanz eine Aufgabe gestellt, die angesichts des starken Wechsels in den beteiligten Kräften dennoch mit höchst erfreulichem Gelingen gelöst wurde. Ja, es
ist geradezu erstaunlich, mit welcher Adgerundetheit das Werk erschien. Die Spielleitung des Intendanten Hermann Schultze-Griesheim hatte auch diesmal die bühnenmäßige Bewegung der Gestalten zu einem sinnvoll Bedingten herauswachsen lassen. Jeder entfaltete sich, und alles fügte sich zur geschlossenen Einhett im Dialog, der die dramatischen Bindungen betonte, und in der szenischen Durchbildung des Ensembles in seiner bedingten Stellung im Gesamtwert. Herausgehoben sei hier die Kanonszene und das ganze Finale des ersten Aktes.
Die Gestalt der Leonore wurde durch Anni A s s i o n von der fraulichen Seite her zum Heldischen entwickelt. Mochte ihr Spiel im ersten 21 ft noch leicht befangen erscheinen, um so natürlicher und gelöster war sie im zweiten. Ihre sttmmlichen Mittel sind reich und ausgiebig, voluminös und füllig ausladend in der Mittellage und im Forte der Höhe. Ihr gesangliches Können wird beherrscht von einem sorgfältigen musikalischen Wollen, und so fügen sich alle dieje Faktoren zu einem gerundeten Gesamtbild, das für die Darstellerin einzunehmen vermag.
Heinrich Durst als Florestan gab der Kerkerszene verinnerlichte Töne bei weicher mezza voce und akzentuierender Höhe. Man wird der Entwicklung dieses Sängers mit berechtigtem Interesse entgegensetzen können.
Sehr bedacht mit sorgsamer Summierung und Einfügung der Einzelzüge war Gustav Bley als Pizarro. Abweichend von dem sonst üblichen tobenden Theaterwüterich wirkte er gerade durch die innere Verhaltenheit und berechnende Selbstbeherrschung geradezu unheimlich drohend. Dieser geistigen Durchdringung seiner Rolle ordnete er sein bewährtes musikalisches und sttmmliches Vermögen organisch ein.
Erwin Bugge verkörperte den Minister Don Fernando mit menschenfreundlicher Würde, angemessener Haltung in Gebärde und gesanglicher Linienführung.
Herbert H i r ch e s Rocco war von fürsorglicher Väterlichkeit erfüllt und wußte die gesanglich stili- sttschen Anforderungen bei sattem Stimmklang vollauf zu erfüllen. Vielleicht wäre es seiner Darstellung zum Vorteil, wenn im Fortschreiten der Szene seine innere Haltung Pizarro gegenüber mehr Selbstbewußtsein gewänne.
Gert B u ch h e i m als Jaquinv und Friedel F o r n a l l a z als Marzelline waren ein hoffnungsvolles Paar mit fein abgestimmtem Spiel und Einpassung von Gesang und Darstellung in die Gelöstheit der Szene.
Die Chöre unter Heinz Markwardt waren beim Beginn des Finale von ergreifender Wirkung und verliehen in der Schlußszene dem Jubel stark austzallende Resonanz.
Das Ganzem erwies unter der Leitung von Paul Walter feinsinnige Wohlabgewogenheit in der Durchbildung und in der Beziehung zu den bra« malischen Gegebenheiten. Das Orchester selbst leistete besonders in den Bläsern (Hörnern) Ausgezeichnetes. Die E-dur=£)uDertüre war der verheißungsvolle Auftakt, und die verschiedenen Stilbedingtheiten zum Opernhaften bzw. zum Symphonisch-Dramatischen hin fanden ihre volle Ausdeutung; nur bei der Begleitung der Singstimmen müssen die Bläser stärkere Zurückhaltung üben. Die Ouvertüre Leonore Nr. 3 wurde nach der Kerkerszene zu einer grandiosen musikalischen Zusammenfassung und zum Eingangstor zu dem. lichten C-ckur-Jubel des Schlußbildes, das noch viel mehr flutendes Szenenlicht vertragen konnte. Denn gerade die szenische Durchgestaltung des Gefängnisyofes war so werkangemessen ent« wickelt, daß hier durch die Beleuchtung im letzten Bild ein neuer Geist sich symbolisch erschließen kann. (Karl Löffler.)
Die Hörer waren sichtlich gepackt von dem tnufh kalischen Schicksalsdrama.
Dr. Hermann Hering.
Hochschulnachrichten.
Auf feinen Antrag wurde der Ordinarius für angewandte Mathematik, Professor Dr. Max Win« kelmann von der Universität Jena, von den amtlichen Verpflichtungen entbunden. Winkelmann ist besonders als Mitarbeiter an der Enzyklopädie der mathematischen Wissenschaften bekannt geworden. Seine Hauptarbeitsgebiete sind Fehlerrechnung und harmonische Analyse.
Wegen Erreichung der Attersgrenze tritt der Ordinarius der Systematischen Theologie an der Leipziger Universität, D. Horst Stephan, in den Ruhestand. Seine Schriften behandeln befon« bers bas Gebiet der systematischen Theologie und der neuen deutschen Geistesgeschichte.
Professor Dr. Eduard Wahl» Extraordinarius in der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen, ist zum Ordinarius er« nennt worden.
Professor Dr. Eduard Precht, Ordinarius für Zahnheilkunde an der Universität Hamburg, ist im 46. Lebensjahre gestorben.


