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Nr. H9 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwoch, 29.ZuniM8

Aus her Stadt Gießen.

Geheimrat Krüger 76 Jahre alt.

Am heutigen 29. Juni wird Geheimrat D. Dr. Dr. Gustav Krüger, der frühere Vertreter der Kirchcngeschichte an unserer Ludwigs-Universität. 76 Jahre alt.

Unter den Trägern des Geistes, die von der Universität Gießen aus eine Fülle von Energie ins Hessenland und darüder hinaus ausgesandt haben, ist Geheimrat Krüger einer der markantesten und wirtlamsten. Der Jubilar gehört der Hessischen Landesuniversität seit einem Menschenalter an. 'Ehrenvolle Rufe hat er ausgeschlagen, und die Ge­schichte der Universität in den letzten Jahrzehnten ist ein Stück seiner eigenen Lebensgeschichte ge­worden. Unter seiner Mitwirkung wurde manche wichtige Entscheidung getroffen. Er war zweimal Rektor und achtinal Dekan der Theologischen Fakul­tät. Das Amt des Stipendiaten-Ephorus verwaltete er mit allem angeborenen Takte, seiner Menschen­kenntnis und feinem Gerechtigkeitssinn. Eine geniale Art der Menschenbehandlung zeichnet ihn aus. Als Universitätslehrer hat Geheimrat Krüger stets eine starke eigene Note bewiesen. Geistreiche Laune ver­band er rhit einem warmen Herzen und oft be­wahrter menschlicher Güte.

Auf die Geschicke der Hessischen Landeskirche nahm er insofern Einfluß, als ein ganzes Geschlecht von Theologen durch seine Hände ging.

Dem vielverdienten Manne, der sich innerhalb unserer Stadt, über seine Tätigkeit an unserer Uni­versität hinaus, verdient gemacht hat (so z. B. im Evangelischen Kirchenoorstand der Lukasgemeinde, im Konzertverein und im Akademischen Gesang­verein), wird zu seinem 76. Geburtstag im großen Kreise seiner vielen Freunde mancher ehrende Ge­danke gewidmet sein. Dem hochgeachteten Gelehrten wurde bereits vor längerer Zeit die goldene Ehrenplakette der Stadt Gießen zu­teil.

Schicksal?

Gar mancher spricht von Schicksalsschlägen und jammert über ein ihm widerfahrenes Unheil, an­statt die Ursachen dieser Schläge zu ergründen und den Anteil der eigenen Schuld festzustellen. Es ist ebenso billig wie unsinnig, für alles, was geschieht, ein bbses, unheilschwangeres Schicksal verantwort­lich zu machen, sich aber selber um die Verantwor­tung zu drücken. Durch Wehklagen und Berufung au» ein mysteriösesSchicksal" sind noch keine böse Tat und kein schlimmes Ereignis besser geworden. Das mag sich der Autofahrer vor Augen halten, der sich betrunken ans Steuer setzte und später den Un­stern verfluchte, der ihm gerade an diesem Tage einen Verkehrsunfall verschulden ließ. Es war nicht der ungünstige Stern und auch nicht das böse Schicksal, die den Unfall herbeiführten, schuldig war allein der Fahrer, der keine Hemmungen kannte, wenn er unter Alkohol stand, und der nicht, wie es seine Pflicht gewesen wäre, sich erst ausschlief, son­dern der sich unbekümmert ans Steuer setzte, ob­wohl seine Sinne nicht klar waren und sein Reak­tionsvermögen versagte.

Man rede auch nicht vom Schicksal, wenn beim kurzen Einbiegen nach links etwa etwas passiert, oder wenn der in einer Kurve oder an einer unübersicht­lichen Straßenstelle parkende Kraftwagen demoliert wird. Nicht das den Fahrer mit Unheil verfolgende Schicksal trägt die Schuld an solchen Zwischenfällen, sondern immer nur der seine einfachsten Pflichten verletzende Kraftfahrer. Im Rahmen der jetzt statt­findenden Verkehrsunfallverhütungsaktion hat jeder­mann ein Merkblatt erhalten, das seine einfachsten Pflichten aufzeigt.

Nicht, um ihn zu ärgern oder um ihn mit er­hobenem .Zeigefinger zu belehren, sondern um ihn

Schuljugend lernt Verkehrsdisziplin.

Die Polizei hält Schulunterricht.

Unsere hiesige Polizei, die sich in den vergangenen Tagen mit vielen Kräften und mit allem Eifer für die wichtige Sache darum bemüht hat, die, Verkehrs­disziplin zu fördern und der Reichs-Derkehrserzie- Hungs-Woche zum Erfolg zu verhelfen, hat sich nun heute morgen noch mit einer besonderen Aktion in den Dienst der Sache gestellt.

Mit dem großen Dienstwagen und den nötigen Beamten machte man sich heute morgen zu früher Stunde schon auf den Weg, um in den Schulen unserer Stadt, zunächst in den vier Volksschulen, durch anschauliche Vorführungen der Schuljugend den Begriff der Verkehrsdisziplin nahez: bringen. Die Art der Vorführungen war dabei sehr glück­lich gewählt. Auf einer großen und besonders für diesen Zweck geschaffenen Tafel waren Straßen und Straßenkreuzungen ausgezeichnet, zum Teil auch plastisch durch Häuserblocks dargestellt, und Äßu gab es nun in kleinen Modellen alle möglichen Fahrzeuge, die heute die Straße in Anspruch neh­men und bei Leichtfertigkeit des einen oder anderen Verkehrsteilnehmers schwere Gefahren heraufbeschwören können.

An Hand von Tafel und Modellen wurde nun den Kindern in einer leicht faßlichen Art eine Fülle von Situationen dargestellt, wie sie sich zu jeder Minute im Straßenverkehr auch einer mittleren

Stadt wie Gießen ergeben können und damit wurde auch dargetan, welche Gefahren immer Unacht­samkeit, Leichtfertigkeit oder fahrlässiges Vergalten der Verkehrsteilnehmer vorausgesetzt sich in jedem einzelnen Fall ergeben können.

Da war es denn kein Wunder, daß die Kinder mit größter Aufmerksamkeit den Vorführungen der Polizeibeamten folgten und ganz diesen Belehrun­gen zwischen Ernst und Spiel hingegeben waren. Da sah man viele gespannte Gesichter vor der Tafel, auf der die Modelle der Fahrzeuge fast ge­heimnisvoll durch magnetische Kraft festgehallen waren und doch hin und her bewegt werden konn­ten; da war keines der Kinder, das nicht erkannt hätte, daß es im Ernstfall um Leib und Lieben geht und um den großen Kummer, den sie ihren Eltern bereiten würden, wenn sie auf der Straße nicht so vorsichtig wären, wie es notweildig ist, wenn man nicht zu Schaden kommen will. Auch für die Polizeibeamten, die diese Belehrung durch­führten, war diese Arbeit im Verkehrserziehungs­dienst eine Freude, denn nicht immer finden sie so dankbare und aufmerksame Zuhörer, wie gerade auf den Höfen unserer Schulen.

Neben dieser Belehrung vor der Modelltafel gab es aber noch eine weitere Belehrung, die nicht we­niger anschaulich war. Die Polizeibeamten zeich­

neten mit Kreide auf dem Schulhof eine ganze Straßenkreuzung auf und fuhren nun mit ihren mitgebrachten Fahrrädern richtig und falsch, sie bogen richtig und falsch ein, gaben Zeichen oder auch keine, überholten einander, so wie es sein muß und zur Anschauung auch so, wie es nicht sein darf und ließen immer wieder in der Gegenüberstellung wissen, wie man sich verhalten muß, daß nichts passieren kann. Schließlich mußten die Kinder als Fußgänger noch die so einfach geschaffenen Straßen­kreuzungen überschreiten und sie waren auch hier mit jugendlichem Eifer bei der Sache.

So wurden heute im Laufe des Vormittags von den Beamten unserer hiesigen Polizei die vier Volks­schulen ausgesucht, zuerst die neue Pestalozzischule, dann die Schillerschule, von dort aus ging es dann zur alten Pestalozzischule und zum Abschluß des Vormittags wurde noch in der Goetheschule die gleiche Derkehrsbelehrung durchgeführt.

Mag man hoffen, daß diese Belehrungen auf fruchtbaren Boden gefallen sind- mag es dereinst erreicht werden, daß die Jugend, die jetzt inmitten des gesteigerten Verkehrs aufwächst und frühzeitig lernt, sich richtig zu benehmen, das Ziel erreicht, das der Reichsverkehrs-Ersiehungswoche zu erreichen aufgegeben ist: den Straßenverkehr ohne Opfer dieKameradschaft der Straße" zu schaf­fen und jene selbstverständliche Verkehrsdisziplin, die dem deutschen Volke das Leben tausender Volks­genossen und Milliarden des Volksoermögens er­halten hilft.

Links: Mit gespannter Aufmerksamkeit folgen die Kinder den anschaulichen Belehrungen des Polizeibeamten. Rechts: Mit Hilfe einer Tafel und hübschen, bunten Modellen werden viele Verkehrssituationen dargestellt. (Aufnahmen [2|: Neuner, Gießener Anzeiger.)

aufzufordern, auch zu seinem Teil an der Ver­ringerung der Verkehrsunfälle beizutragen. Es wäre ja so einfach zu sagen: Das böse Schicksal reißt in Gestalt des Verkehrstodes jedes Jahr achttausend Volksgenossen aus unserer Mitte, und das tut uns bitter leid, aber lehne sich einer gegen das Schicksal aus!

Nein, nicht das Schicksal nimmt uns die Kame­raden! Unser Leichtsinn, unsere eigene Unachtsam­keit sind schuld! Die aber können wir bekämpfen und das wollen wir tun. Nicht der Kraftfahrer allein, auch der Fuhrwerkslenker wie der Radfahrer und der Fußgänger, jeder an seinem Platz und jeder zu seinem Teil. (F. G. RAS.)

Vornoiizen

Tageskalender für Mittwoch.

Gloria-Palast, Seltersweg:Heiraten aber wen?"

Hitler-Jugend Bann 116

Velr.: SfanborfappeUe vom 29. Juni bis 3. Juli 1938.

In der Zeit vom 29. Juni bis 3. Juli 1938 finden folgende Standortappelle statt:

Mittwoch, 29. Juli 1938: Von 20.30 bis 22.30 Uhr in: Inheiden, Trais-Horloff, Utphe, Bellers­heim, Obbornhofen, Mufchenheim, Birklar, Betten­hausen, Langsdorf, Heuchelheim, Klein-Linden, Allendorf (Lahn), Großen-Linden, Leihgestern.

Donnerstag: 30. Juni 1938: Von 20.30 bis 22.30 Uhr in: Treis, Allendorf (Lumda), Londorf, Keffelbach, Allertshausen, Climbach.

Freitag, 1. Juli 1938: Von 20.30 bis 22.30 Uhr in: Hungen, Langd, Rodheim, Steinheim, Ra­bertshausen, Villingen, Nonnenroth, Lollar, Daub- ringen, Mainzlar, Staufenberg, Odenhausen, Rut­tershausen.

Die Einheiten haben um 20.30 Uhr anzutreten. Die Appelle werden im HJ.-Heim durchgeführt.

Sonntag, 3. Juli 1938: Von 8 bis 11 Uhr in: Großen-Buseck, Oppenrod, Burkhardsfelden, Hatten­rod, Reiskirchen, Lindenstruth, Bersrod, Beuern, Weitershain, Odenhausen (Lumda), Geilshausen, Lumda, Reinhardshain, Beltershain, Stangenrod.

Sonntag, 3. Juli 1938: Von 10 bis 13 Uhr in: Saasen, Göbelnrod, Harbach, Queckborn, Lau­ter, Grünberg.

Die Standortführer haben dafür Sorge zu tra­gen, daß die Jgg. zu den Appellen restlos ange­treten sind.

Deutsch-brasilianischer medizinischer Wanderkongreh besucht (ließen.

Lpd. Auf Einladung der Deutsch-Jberoamerika- nischen Aerzteakademie in Berlin findet in den nächsten Wochen in Deutschland ein deutsch-brasilia-

Aus dem gotischen Wien.

Don Anton Melchart.

Auch in Wien ist es weiten Kreisen unbekannt, daß sich unter den Kostbarkeiten des Diözesan­museums eine befindet, deren sich kein anderes Museum der Welt rühmen kann: das älteste gotische Fürstenporträt, das denBauherrn" der Stadt, Herzog Rudolf IV., den Stifter darstellt. Er, der als der eigentliche Erbauer des Stephans- d o m e s und als Begründer der Wiener Universität gilt, starb 1365 in Mailand und wurde in derHerzogsgruft" von St. Stephan bei- gesetzt. Sein Porträt wurde im Chor der Kirche angebracht. Hundert Jahre später wird es zum ersten Mal in der Chronik des Chorherrn Thomas Ebendorfer erwähnt, der eine Schilderung des Do­mes gab.

Das Bild ist nicht sehr groß, ist auf ein Perga- mentblakt gemalt und so in die Unterlage des Fich­tenbrettes eingefügt, daß man es bei flüchtiger Ueberficht leicht für eine der mittelalterlichen Ta­feln halten könnte, deren Farben unmittelbar dem Holz aufliegen. Es zeigt den gut erhaltenen Kopf des Herzogs, dessen Augen braun, dessen Haar und Bart dunkelblond waren. Vom Halse fällt ein ziegel­rotes Untergewand, dessen oberer Rand von einem karminroten Streifen begrenzt ist. Das herzogliche Kleid besteht aus orientalischem Brokat: dem braun­gelben Grunde liegt ein elfenbeinweißes Ornament auf. Das nämliche Ornament füllt auch die unge­fügen, großen Zacken der Zinkenkrone, die zugleich den roten Herzogshut sehen läßt. Den Bügel der Krone besetzen Edelsteine von smaragdgrüner und ziegelroter Farbe, die von einem Kreuz gekrönt werden. Auf der oberen Rahmenleiste steht in goti­scher Schrift:Rudolfus. Archidux. Austriae et cetri.

Das Bild, das zu den größten Schätzen deutscher Tafelmalerei gehört, stammt wahrscheinlich von der Hand des Malers Theodorich von Prag, der ein berühmter Hofmaler Karls IV., des Schwie­gervaters von Herzog Rudolf, gewesen ist.

Mit dem Grab dieses Fürsten im Stephansdom hängt nod) eine andere Kostbarkeit zusammen. Als man es am 3. März 1933 öffnete, fand man darin Gebeine und eine schwarze Kuhhaut, in welche sie eingenäht gewesen waren, ferner ein großes doppel- schneidiges Schwert, ein bleiernes Kreuz, das eine auf die Person des Herzogs bezügliche Inschrift trug, und ein Totengewand aus Seidenbrokat. Wäh­rend die Gebeine und Beigaben nach der Unter­suchung wieder in das Grab zurückgelegt wurden, behielt man das Totengewand für das Diözesan­museum zurück, zu dessen bedeutendsten Stücken es nunmehr gehört.

Es handelt sich um einen der ältesten aus dem Mittelalter stammenden Stoffe. Das Kleid zeigt keinerlei Naht, nur in der Taille ist ein Stückge- endelt": der Rock ohne Naht ist ja ein uraltes Zei­chen des erwählten Herrschers. Der Seidenbrokat enthält teils auf rötlichem, teils grünlichem Grund eine reich verteilte Ornamentik in vergoldetem Sil­berdraht. Man sieht Tierftreifen, geometrische Figu­ren, Blumenranken und ein breites Band mit arabi­schen Schriftzeichen.

In der Bemühung, die Herkunft zu bestimmen, glaubte man zuerst, es mit einem vorderasiatischen Gewebe zu tun zu haben. Da diesem Kulturkreis aber Ornamente mit springenden, gehörnten Tieren nicht angehören können, so mußte es der ostasiati­schen Welt zukommen, vor allem: Persien. In eimnr Bericht des Marco Polo, der nach dessen Rück­kehr aus Asien im Jahr 1295 geschrieben ist, findet sich ein Königreich Gujaret im nordwestlichen In­dien ermähnt, woselbst ähnliche Stoffe hergeftellt wurden. Sie enthielten Vögel aus Golddraht. Die endgültige Bestätigung der Herkunft ergab sich schließlich aus der Entzifferung der arabischen In­schrift, die auf den letzten Herrscher derJlchane" verwies: Abu Sacid Bahadur, Chan von Persien, der von 1316 bis 1335 regiert hatte.

Vom 13. Jahrhundert bis zum 15. waren nun diese Stoffe, die unter dem Namen .,panni tartarici in den Handel kamen, sehr beliebte Einfuhrartikel aus dem fernen Orient Wie aber kam Herzog Ru­dolfs Leiche zu diesem Gewebe?

Rudolf starb am 27. Juli 1356 in Mailand an infektiösem Fieber. Die Leiche wurde in die Kuh­haut eingenäht und über Verona nach Wien ge­bracht, wo sie im Stephansdom bestattet wurde. Nun wurde vor nicht langer Zeit bei der Deffnung des Grabes von Chanarande Francesco Skali- g e r, dem berühmten Fürsten von Norditalien, btr 1329 zu Verona starb, das Gegenstück zu dem Stoff gefunden, das heute im Museo Civivo in Verona ausgestellt ist. Daraus ergibt sich, daß das Leichengewandt aus Seidenbrokat wohl als Geschenk dem berühmten toten Fürsten vom Herrscher von Verona mitgegeben wurde.

Herzog Rudolf der Stifter hat auch noch an an­deren Orten Wiens seine unveraänglichen Spuren hinterlassen. So enthält das im Nordchor des Ste- phansdomes befindliche Grabdenkmal, das aus dem Jahr 1390 stammt, die Figuren Rudolphs und seiner Gemahlin Katharina. Ferner findet man den Her­zog in einem Glasaemälde von Wiens zweitgrößter aotifcher KircheMaria am Gestade" in der Stifterfcheibe, aus dem Jahr 1360. Und auch die Stifterfiguren des sogenanntenSingertores" von St. Stephan zeigen ihn.

Ueberrafchend ist, daß sogar noch ein lebendiges Zeuanis vom Wirken des Herzogs in Wien besteht, das Palmenhaus besitzt eine sonderbare, an Urbäume

erinnernde Farnpflanze, die Todea barbara aus Polynesien, deren Wipfel unserem heimischen Wald­farn völlig gleicht; ihre Zweige zeigen dieselben oft grotesk anmutenden eingerollten Formen, die wir im Sommer zwischen Lattich, Moos und Zyklamen antreffen. Der Unterschied besteht nun darin, daß sie hier nicht unmittelbar aus dem Boden, sondern aus einem dunklen, vom Alter schon dick bemoosten Baumstamm hervorwachsen. Dieser Baumfarn stammt noch aus der Sammlung Herzog. Rudolf des Stifters und ist somit das älteste Stück des Palmenhauses.

Blumenfreund.

Don Werner Schumann.

Es will schon etwas heißen, wenn die Post einen Brief mit der AufschriftAn den Mann im grauen Hut" zu bestellen unternimmt, ohne an der unvor- schriftsrnäßigen, ja herausfordernden Adresse An­stoß zu nehmen. So wenigstens erzählte uns Charlott, die Enkelin des längst in seinem Grabe in Pommern ruhenden Blumenzüchters, der mit Vorliebe graue Anzüge, graue Schirme und eigens für feinen gewaltigen Schädel angefertigte maus­graue Hüte mit genau neun Zentimeter breiter Krempe trug. Blumenzüchter sind oft Sonderlinge, nicht immer im Aeußeren,- aber in ihrem Herzen. Ihr Blumenreich ist ihre Welt, in der sie sich wunschlos glücklich fühlen.

Ungewöhnlich wie der Mann selbst war auch unsere erste Bekanntschaft mit ihm. Charlott hatte uns eingeladen, aus dem Radio musizierte es leise in den jasminduftenden Abend, und auf der Garten- terraffe funkelte in kristallenen Kelchen Bet gold­gelbe Wein, als die junge Gastgeberin sich plötzlich erhob und mit einer Gebärde unser Gespräch ver­stummen ließ:Ssst! Das ist doch..., ja, wahr­haftig, das ist die Serenade meines Großvaters!" Sie summte ein paar Takte der Melodie mit. Eigentlich war er ja Blumenzüchter, aber er kom- nonierte auch. Nie habe ich seine Musik durch den Rundfunk gehört. Ist das nicht ein seltsamer Gruß aus dem All, den mir da der alte Herr schickt?"

Blumen und Musik", sagte einer der Gäste, welch schöner Zusammenklang. Es ist beides wie der lichte Tag."

Da kreischte aus dem Nebenzimmer, als erinnere ihn die Melodie der Serenade an seinen verstorbe­nen Herrn, laut ein Papagei, den der Blumen­freund einmal aus Mexiko mitgebracht hatte. Und bei so mannigfacher Beschwörung feines Geistes lag es wohl nahe, daß die Stunde dem Gedenken an den erlauchten Ahnen geweiht wurde. Denn der zauberisch von Lampions erleuchtete Garten trug ja noch auf allen Wegen die Spuren seines uner­

müdlichen Waltens. Sanft glühte das Sieben­gestirn am unendlichen Himmelsgewölbe.

Damals war ich-Hoch ein Kind", begann Charlott leise.Ich ärgerte mich, wenn alle Leute über das komisch-gravitätische Exterieur meines Großvaters heimlich lachten. Sie begriffen ihn nicht, und er verabscheute ihre Skat- und Billardabende. Der zarte Bau edler, empfindlicher Pflanzen, und das Schwarz der Blütenblätter der Rose, das ihn fein ganzes Leben beschäftigte, interessierte ihn eben mehr als alle materiellen Vergnügungen. Und abends spielte er mir immer vor ..."

Charlott senkte lauschend den schönen, schmalen Kopf.Eines Tages hieß es dann: Dpa will über den Ozean! Ein Bruder meines Vaters, der in Mexiko wohnte, hatte ihm das Reisegeld geschickt und geschrieben, das Land dort sei ein einziger großer Wundergarten. Und der Fünfundsiebzig­jährige rüstete sich für die weite Reise. Es war ihm, als führten die Pfade feines jahrzehntelang gehegten Hausgärtleins direkt in den mexikanischen Zauber- garten. Nur seine geliebten Blumen gaben ihm das Geleite. Wie hätte er ohne sie weiterleben sollen? Aber Blumen brauchen Nahrung wie die Menschen, und da sie am salzigen Meerwasser zugrunde ge­gangen wären, transportierte der alte Herr wahr­scheinlich zur Erheiterung der übrigen Schiffs­passagiere mächtige Bottiche voller Regenwasser über den großen Teich. Die große Gesellschaft er­freute sich am unendlichen Wasser. Er aber plantschte . selig im kleinen herum. Sagen Sie selbst, ist das nicht doch ein bißchen närrisch?"

,-Bewahre! Ein vortrefflicher Gedanke! Welch ein wunderbarer Mensch!" ertönte es in der Runde, und noch immer flatterte die- Radiomusik hell durch die warme Nacht wie die sommerlichen Kleider der Frauen.

Charlott öffnete ein Fach ihres Sekretärs und schwenkte ein Blatt Papier.Das Beste hab ich Ihnen noch vorenthalten! Die lange Ueberfahrt war ja für den alten, anfälligen Herrn kein Wochen­endausflug. Meine Eltern waren ruhelos während der Reife, sie fürchteten alles Mögliche und legten ihm ans Herz, sofort zu telegraphieren, wenn er in Vera Cruz mexikanischen Boden betreten habe. Er telegraphierte auch richtig. Und was stand drauf? Hier, Niels, lesen Sie!"

Drei $age Wassermangel. Sonst alle Blumen wohlauf."

Welch ein Dpa!" rief Niels heiter aus.

Nein", sagte Charlott, und es klang wie ein sanfter Verweis,welch ein seltener Blumenfreund."

Es war still geworden, das Radio verstummt, und nur der Sommerwind rührte an die leise auf­rauschenden Blätter dek alten Bäume. In (Ebrfurd)t gedachten wir des verlachten, alten Herrn im maus­grauen Hut.