Nr. 99 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Freitag, 29. April 1938
Wo der Führer in Rom
wohnen wird.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Rom, April 1938.
Italien sieht dem Führerbesuch im kommenden Mai mit herzlicher Freude entgegen. Ganz abgesehen von allen politischen und gefühlsmäßigen Bindungen, die heute zwischen beiden Ländern bestehen, die sich am Brenner die Hand gereicht haben, hat die gastfreie Aufnahme des Duce in Deutschland in allen Schichten der italienischen Bevölkerung einen so großen Eindruck gemacht, daß man den lebhaften Wunsch hat, sich dafür erkenntlich zu zeigen. Die unvergleichlichen Schönheiten Italiens m einem einzigartigen Festschmuck werden den Hintergrund der bevorstehenden Festtage bilden.
Mussolini besuchte den Führer in Deutschland in seiner Eigenschaft als Regierungschef und Führer der faschistischen Revolution — Adolf Hitler kommt nicht nur In diesen Eigenschaften, sondern auch als Staatsoberhaupt, der dem Monarchen eines anderen Landes seinen Besuch macht. Daher wird er in Rom Gast des Königs sein und als solcher im königlichen Schloß auf dem Quirinalshügel leben. Dieser Umstand wird den Festtagen in Rom eine besonders farbenprächtige Note verleihen.
Der Quirinolspalaft ist eine wahrhaft fürstliche Residenz, vor allem durch seine Lage auf der lusti- oen Hohe des QuiriNals, der nach dem Kapitol der Son[temUnb bedeutendste der sieben schicksalschweren Hügel Roms ist. Der Quirinalsplaß mit seiner wei- ten Aussicht über die Ewige Stadt, mit seinem rauschenden Brunnen, dem antiken Obelisken und den berühmten Statuen der Roßbändiger ist von unzähligen deutschen Rom-Reisenden beschrieben ^owen, darunter von keinen geringeren, als Goethe Und Wilhelm von Humboldt.
Im Altertum befanden sich auf diesem Hügel die Thermen des Kaisers Konstantin, auf deren Resten sich heute der weitläufige Pa- !a 3 3 o Rospigliosi erhebt. Im Cinquecento hatte der Kardinal Hippolith von Este, ein Sohn der Lucrezia Borgia, hier seine Gärten, und auf diesem Grund und Boden wurde 1547 unter Gre- gnr XIII. mit dem Bau eines Palazzo begonnen, der den Päpsten als Sommerresidenz dienen sollte, da der in der Tiberniederung gelegene Batikan sich dafür als ungeeignet erwies. Der Bau -an dem die Architekten Fontana, Maderna und Bern,n, mitwirkten, wurde unter Papst Clemens XII. vollendet und bietet architektonisch nicht viel Bemerkenswertes. Unter den Päpsten war er Schau- platz zahlreicher Zeremonien und Staatshandlunqen und sah mehrere Konklave. In ihm starb Papst Sixtus V., und von hier wurde Pius VII. als Gefangener Napoleons fortgeführt.
In die Kapitulation vom 20. September 1870 durch die die Päpste auf die Herrschaft über Rom zugunsten des geeinten Italiens verzichteten, war der Ouirinalspalast zunächst nicht miteinbegriffen. Er wurde noch vom Kardinal Berardi bewohnt, Ser nicht wankte und wich, bis General Lamar- mora den Palast am 8. November 1870 „manu militari“ besetzte. Im Januar 1871 ließ sich der damalige Kronprinz Umberto und die Kron- prinzessin Margherita, die Eltern des jetzigen Königs, darin nieder. König Viktor Emanuel II. machte den Ouirinalspalast erst sechs Monate später, im Juli 1871, zu seiner Residenz, nachdem Rom Hauptstadt des Königreichs Italien geworden war. Heute lebt die Königsfamilie nicht mehr im Quirinal, sondern in der'Villa Savoia, die außerhalb der Stadt in einem großen, stillen Park gelegen ist. Aber der König begibt sich täglich in den Quirinal zur Erledigung der Regierungs- aeschäfte und zur Erteilung von Audienzen, und bei feierlichen Gelegenheiten zeigen sich die Mitglieder des königlichen Hauses auf dem Balkon über dem Berninischen Hauptportal des Schlosses dem aus dem Platze versammelten Volke.
In den 67 Jahren, seit der Quirinalspalast als königliche Residenz dient, hat er viele Festlichkeiten und viele ausländische Ehrengäste gesehen, darunter
Kaiser Wilhelm II., den französischen Präsidenten Loubet, König Eduard VII. u. a. Zur prunkvollen Hochzeit des jetzigen Kronprinzen Umberto beherbergte er den Hof von Belgien und den von Bulgarien. Das letzte Staatsoberhaupt, das Gast des Schlosses war, war der ungarische Reichsoerweser Admiral von Horthy.
Als das Schloß auf dem Quirinal 1871 vom italienischen König übernommen wurde, zeigte es sich, daß es mehr dazu geeignet war, Kardinäle zum Konklave zu vereinen, als einen modernen Hof zu beherbergen. Es befaß eigentlich nur eine Flucht von Repräsentationsräumen, die auf den Quirinals- platz hinausgingen. Alles übrige mußte neu instandgesetzt werden, und diese Arbeiten nahmen mehrere Jahre in Anspruch.
Das Schloß besteht aus drei leicht zu unterscheidenden Teilen, zu denen die Marställe und die ausgedehnten Gärten kommen, in denen sich ein reizendes „Coffeehouse“ des Architekten Fuga befindet. Das Hauptgebäude besteht aus den vier Flügeln, die den Ehrenhof umgeben. Eine große Doppeltreppe führt in den Piano nobile, in dem die Emp- fängssäle liegen. Der Treppenaufgang ist durch ein
schönes Fresko des Melozzo da Fortli geziert, Christus in der Glorie zwischen den Engeln darstellend. Das Fresko stammt aus der Kirche St. Apostoli und zu ihm gehörten ursprünglich auch die berühmten musizierenden Engel, die sich jetzt im Vatikan befinden. Als erstes betritt man die riesige zweistöckige »Sala dei Corazzieri“ (Kürassiere), früher Saal der Schweizergarde genannt. Der Raum ist reich dekoriert und mit Fresken biblischen Inhalts von der Hand des Lanfranco geschmückt. Auf diesen Saal öffnet sich die Ca pella Paolina, die größte der drei Schloßkapellen, die mit schönen Stuckdekorationen versehen ist. Bis zum Jahre 1910 war die Kapelle ihrer eigentlichen Bestimmung entzogen, da die Päpste das ganze Gebäude mit dem Interdikt belegt hatten, aber bei Gelegenheit der Hochzeit der ältesten Königstochter J»llanda wurde eine versöhnliche Neuregelung getroffen. Auch die Trauung des jetzigen Kronprinzen Umberto und jüngst die Taufe des Söhnchens des kronprinzlichen Paares, des Prinzen von Neapel, fanden hier statt. An den Raum mit dem schon erwähnten Balkon schließt sich eine lange Flucht von Repräsentationssälen, so der Thronsaal (früher Audienzsaal der Päpste), der Botschaftersaal (früher Kongregationssaal), und als letztes ein kleines Gemach im Empirestil, das einst als päpstliches Schlafzimmer diente.
Der gegenüberliegende Flügel des Gebäudes ent- j hält eine weitere Flucht von Prunkgemächern, in denen heutzutage die Empfänge und Banketts des Königspaares stattfinden. Sie haben einen intimeren und weltlicheren Charakter, als die schon erwähnten Räume, wenn sie auch nicht weniger reich ausgestattet sind. Spiegelnde Marmorfußböden, kostbare französische und italienische Gobelins, schwere Seidenvorhänge und Wandbespannungen, venezianische Spiegel und Kronleuchter aus Muranoglas, Gemälde berühmter Meister und vergoldete Rokoko, schnörkel — das alles bringt im Kerzenschein eine äußerst festliche Wirkung hervor.
Aus der „Sala dei Corazzieri“ führt eine Tür in die sogenannte „Manica Lunga“, einen langen einförmigen Flügel, der sich längs der Via Settembre hinzieht und einen Korridor von 232 Meter Längs enthält. An ihn schließen sich wie Zellen die Räume, in denen die Kardinäle zu den Konklaven untergebracht wurden. Der Flügel mündet in die „Pa- lazzina“, ein Schlößchen, in dem das jetzige Königs- paar bis zum Kriegsende lebte. König Umberto und Königin Margherita lebten hingegen in einer i m Nordflügel des Schloßes gelegenen Wohnung — derselben, die augenblicklich neu instandgesetzt wird, um den Führer bei seinem Besuch in Rom zu beherbergen. Es ist die schönste Wohnung des Schloßes, da man von ihren Terrassen einen unvergleichlichen. Blick über d i e Ewige Stadt ge- nießt: frei schweift der Blick von den Pinien des Pincio und Monte Mario bis zum Turm des Kapitols, von der Villa Madama bis zur mächtig aufragenden Peterskuppel, vom Pantheon zum' mar- morschimmernden Nationaldenkmal. Aus den Gär-' ten zu Füßen des Beschauers steigt der Duft aromatischer Kräuter und das Plätschern, der Fontänen auf. Hier wird der Führer gerne weilen.
Kriegsmäßiger Fliegerangriff zu Ehren des Führers.
Rom, 28. April. (Europapreß.) Anläßlich des Besuchs des Führers und Reichskanzlers wird in der Nähe von Rom eine großartige kriegsmäßige Hebung der Luftwaffe durch- geführt werden. Ein ganzes Luftgefchwaüer aus zehn Staffeln mit 300 Militärflugzeugen jeder Gattung, wird eingesetzt, um dem Führer den hohen Grad der Ausbildung-sowie der vollkommenen Ausrüstung der italienischen Luftwaffe vor Augen zu führen. Der Höhepunkt der Uebung wird die Born- bardjerung bestimmter Ziele sein. Diese werden Hafen anlagen darstellen, in denen Schiffe vor Anker liegen und Speicher und sonstige Gebäude für die Verschiffung von Truppen usw. errichtet worden sind. Der Angriff wird unter der Voraussetzung durchgeführt, daß diese Hafenanlagen von der Artillerie des Landheeres und der Kriegsflotte nicht erreicht werden können, so daß nur die Luftwaffe eingesetzt werden kann. Nacheinan- der treffen die verschiedenen Fliegerdivisionen ein, die die Bombardierung genau wie im Kriegsfall durchführen. Zunächst werden die Angriffsflugzeuge „Breda 65" zu einem überraschenden Angriff vorgehen. Dann folgen in Abständen von einer Minute die Angriffs- und Jagdflugzeuge, sowie die schwe- ren Bomber. Große Mengen von Bomben und Sprengkörpern werden über den Hafenanlagen ab- geworfen und damit ein wahrheitsgetreuer Eindruck eines Luftangriffs im Ernstfälle vermitteln.
Reichsminister Dr. Goebbels empfing den zum Studium von Partei und Staat in Deutschland meidenden jugoslawischen Minister Jan kowitsch und unterhielt sich mit ihm über die grundsätzlichen Pro- bleme der politischen Propaganda in Deutschland. 5m Anschluß daran besichtigte Minister Jankowiisch Einrichtungen des Reichsministeriums für Volksauf- klarung und Propaganda. Er besuchte die Kund- gebungsstätte für die Feier des Nationalfeiertages und zeigte besonderes Interesse für die dort eingesetzten technischen Fahrzeuge des „Reichsautozuges Deutschland".
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Anläßlich des Staatsbesuches des Führers in Italien erschien in Rom eine Sondernummer -des »Italienischen Beobachters", der diese Darstellung der Einzugsstraße mit den bekannten Statten des alten und neuen Roms entnommen wurde. — (Scherl-Bilderdienst-M)
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22 Pala^o ‘VciKjia ; 23 Quirinal-Ihkwt
Fäden hin und her.
Vornan von Hedda Westenberger.
Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 35.
9- Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
Aber das stört den Doktor- nicht im geringsten. Er murmelt etwas von Setzen — Noch nie dagewesen, n'chwahr? Wohl nich zuständig hier, wie?, und läßt sich krachend hinter seinem Schreibtisch nieder, während Marga auf dem Stuhl an der Seite Platz nimmt. Eine kleine Pause entsteht, während der Doktor emsig Papiere auf dem Schreibtisch durcheinanderschiebt und Bleistifte gerade legt, die schon vorher ziemlich gerade gelegen haben. •
Dann wirft er der Fremden einen kurzen Blick Zu: „Also, wo fehlt's?" Marga Montwill legt behaglich beide Arme bis zum Ellenbogen auf des Doktors geheiligten Schreibtisch, schiebt den einen Zeigefinger respektlos zwischen die schöne Unordnung von Papieren und Notizblöcken und fragt freundlich zurück: „Danke — wo fehlt's selbst?"
Eine Sekunde erstarrt der Doktor. Dann faßt er sich, setzt die Brillenstege etwas fester über die Ohren und zieht die Brauen auf: „Sie heißen? Wohnort?"
Marga lächelt fromm: „Sie heißen Gottfried, nicht wahr? Hatten Sie früher mal einen Bart? Sie sahen sooo nett aus mit dem Bart — wie ein Weihnachtsmann. Nicht wahr, Sie hatten mal einen? Warum haben Sie sich den nur abschneiden lassen?"
Zum zweitenmal erstarrt Doktor Hammerbachers Gesicht. Dann schiebt er sich mitsamt seinem Stuhl heftig vom Schreibtisch ab, und es sieht aus, als wolle er feiner Unsicherheit durch ein kleines Donnerwetter Luft machen. Ein Donnerwetter, das kann ja schließlich bei Frauenzimmern nie schaden, auch nicht, wenn sie wirklich verrückt sind, wie offenbar die da.
Aber Marga kommt ihm zuvor. Sie legt beide Hände gegen die Ohren, steht auf und sagt laut und klagend: „Nicht brüllen, guter Doktor, nicht brüllen — sonst schrei ich, daß Sie Ihr blaues Wunder erleben. Und das glauben Sie mir wohl unbesehen, daß eine Frau, wenn sie will, viel lauter schreien kann als der kräftigste Mann."
Die Finsternis in des Doktors Antlitz lichtet sich ein bißchen: „Das erste vernünftige Wort, das Sie
reden. Aber jetzt mal raus mit der Sprache! Was wollen Sie nun eigentlich? Um was handelt sich's?" Marga fetzt sich wieder: „Es handelt sich darum, ob Sie Gottfried heißen oder nicht. Wenn Sie nicht Gottfried heißen, dann geh ich wieder. Wenn Sie aber Gottfried heißen..."
Die Faust des Doktors fällt dröhnend auf den Tisch, und sein Gesicht läuft lilarot an: „Ja, sagen Sie mal, sind Sie wahnsinnig? Ich soll Sie wohl hier rausschmeißen, wie? Wenn Sie alberne Witze machen wollen, so suchen Sie sich gefälligst andere Lokale aus, verstanden? Und wenn Sie jetzt nicht augenblicklich einen handfesten Grund vorbringen, warum Sie mich aufgesucht haben, dann..."
„Brüllen Sie, bitte, nicht so", brüllt Marga, und das kaum noch unterdrückte Lachen gibt ihrer Stimme einen glucksenden, vom Hoch ins Tief umschlagenden Ton. „Ein anständiger Arzt läßt seine Patienten ausreden, und wenn ich womöglich schon von Natur verrückt bin, so machen Sie einen mit Ihrem Gebrülle nur noch verrückter. Warum sagen Sie mir denn nicht, ob Sie Gottfried heißen! Vielleicht ist das wichtig für mich? Vielleicht fjab ich irgenb’nen Komplex, wobei es gerade auf den Gottfried ankommt, nicht wahr? Und ob Sie früher einen Bart hatten, das muß ich auch wißen. Eher kommen wir nicht weiter. Und wenn Sie wirklich so ein weit und breit berühmter Arzt sind, dann sollten Sie nicht mit mir herumbküllen, sondern Antwort geben und ..."
Da winkt der Doktor ab. Und er schnappt dabei nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Nein, so was wie diese Person hat er wahrhaftig noch nicht erlebt, in seiner ganzen langen Praxis nicht. Wie die mit ihm umspringt! Wie die ihn anschreit! Wie die mit den Augen rollt! Aber verrückt, so richtig verrückt sieht sie eigentlich nicht aus. Auch nicht eigentlich hysterisch. Ader normal kann sie doch auch nicht sein. Doch am Ende betrunken?
Der Doktor schnuppert leise und unauffällig. Aber es weht ihm nur eine Welle guten und erfrischenden Parfüms um die Nase, und wenn er auch im Prinzip gegen Parfüme ist, so rührt ihn doch dieses irgendwie sympathisch an, und mit der vermuteten Trunkenheit, das stimmt also auch nicht.
„Also ja doch", sagt der Doktor nach einer ziemlich langen Pause ungewöhnlich sanft, „ja doch: ich heiße Gottfried, und ich habe früher mal einen Ban getragen, einen sehr langen sogar. Aber was geht Sie das an?"
Da springt Marga Montwill fo heftig auf, daß der Stuhl hintenüberpurzelt und der Doktor, er
schreckt über diesen neuen, megarenhaften Ausbruch, nervös zusammenfährt. „Was mich das angeht?" fragt sie laut lachend. „Mehr als Sie denken, lieber Onkel Hammerbacher. Ich bin nämlich Marga Montwill aus Berlin!"
Der Doktor fetzt mit zitternden Händen die Brille ab und reißt beide Augen auf: „Montwill aus Berlin? Paul Montwills Tochter?"
„Paul Montwills Tochter!"
„Ja, da fall doch... ja, da bin ich ja wie aus allen Wolken gefallen! Das ist ja ... und schneit hier rein und führt ’nem alten ehrlichen Onkel so 'ne Affenkomödie vor! Paul Montwills Tochter, ausgerechnet Paul Montwills Tochter!"
„Nu hör dir das bloß wieder an!" sagt draußen in der Diele Tante Martha zu dem Teckel. „Heute treibt er's ja wieder mal... daß der Mann überhaupt noch Leute in feiner Praxis hat, das verf-teh ein anderer."
Fünf Minuten drauf erlebt Tante Martha noch ganz andere Sachen, die sie nicht versteht: es tut sich nämlich plötzlich die Tür des Sprechzimmers auf, und heraus kommt Arm in Arm mit einer jungen Dame — ihr Schwager Gottfried. Er steuert auf die gegenüberliegende Wohnzimmertür zu und legt — hast du Worte? — während er sie öffnet, sogar seinen Arm um die Hüfte der jungen Dame. Unö die junge Dame läßt sich's gefallen, jawohl, sie läßt sich's gefallen.
„Gott s-teh mir bei!" sagt Tante Marthchen.
9. ?????
»Du kannst da nicht hinein", sagt Tante Martha eine Viertelstunde später zu Monika, die mit einem Tischtuch unter dem Arm aus der Küche kommt.
Monika macht verblüfft halt und zieht die Brauen hoch: Was ist denn los? Warum steht Tante Martha so aufgeregt hier draußen im halbdunklen Korridor? Vorhin hat sie schon so ängstlich die Küchentür zugezogen, die sonst immer offensteht, und jetzt stellt sie sich an, als märe da drinnen im Eßzimmer sonst was los.
„Warum soll ich denn nicht rein? Ich muß doch den Tisch decken. Papa knurrt wieder, wenn das Essen nicht pünktlich dasteht."
Tante Martha reckt sich so hoch, daß sie Monika fast bis an die Nasenspitze reicht. „Aber, liebes Kind, wenn ich dir sage, daß du nicht hineinkannst, so wird das wohl seine Gründe haben. Glaubst du, ich sage das zum S-paß?"
„Ja, dann sag doch wenigstens, was da drin los istl"
„Dein Vater ist drin, liebes Kind."
Monika lehnt sich gegen die Korridorwand und lacht: „Na und?"
„Er ist mit einer Dame drin, liebes Kind." „Na und?"
Tante Martha ringt die Hände: „Aber so ver- s-teh doch! Mit einer Dame, mit einer ganz fremden Dame!"
.Aber Monika zuckt nur mit den Achseln, schiebt die Tante, die sich vor die Eßzimmertür gebaut hat, als dürfe nur über ihre Leiche der Weg gehen, ziemlich unsanft beiseite, klopft an und tritt im selben Augenblick auch schon ein. Nichts, das Eßzimmer ist leer.
»Na also", sagt Monika laut und legt das Tischtuch auf der Kredenz ab, während Tante Martha auf Zehenspitzen näher kommt.
Das nebenanliegende Wohnzimmer ist übrigens auch leer. Aber die große Flügeltür, die vom Eßzimmer hinaus in den Garten führt, steht weit offen, und da draußen im Garten ..
Tante und Nichte wechseln einen schnellen Blick.
»Ach die!" sagt Monika dann langsam und geringschätzig.
Tante Marthas Spitzmausgesicht fährt hastig her- um: „Kennst du sie? Er wird sie doch um Gottes willen nicht zum Essen einlad^en. Wo es bloß Würstchen und Löffelerbsen gibt! Wer ist es denn wo kommt sie denn her? Ich habe sie jedenfalls noch nie gesehen. Und ich finhe, dein Vater sollte nicht so lange mit ihr im Garten herums-pazieren Erstens tut es seinem Rheuma nicht gut, und außerdem hat er sie uns noch nicht vorges-tellt. Weißt du, ich werde einfach zu ihm hinausgehen und ihn auf sein Rheuma aufmerksam machen: dann muß er sie mir ja vors-tellen. Findest du nicht?"
Aber Tante Marthas Sorgen erweisen sich als unnötig, denn inzwischen hat draußen der Doktor mit der jungen Dame kehrtgemacht und hält wieder auf das Haus £u. Die beiden Hammerbacherschen Damen ziehen sich vorsichtig zurück, Monika deckt mit Hingabe den Tisch, Tante Martha sinkt vor dem Büfett in die Knie, um für den Nachmittagskaffee die guten Tassen herauszustellen. Dabei warten sie zitternd vor Spannung auf den Augenblick, da der Doktor mit der Fremden das Zimmer betreten und sich vor seinen Damen zu verantworten haben wird.
Aber siehe da, er kommt allein.
(Fortsetzung folgt)


