fnÄ, da die ganze Strecke zugefroren ist, sämk- liche Transportschiffe der Lahnflotte im (Eis eingefroren. Die Schiffe bei Fachin- gen, wo immer eine ganze Anzahl vor Anker liegt, um Kalkstein an Bord zu nehmen, konnten noch rechtzeitig nach dem Anlegeplatz von Bcnouinstein gelangen, wo sie vor dem zu erwartenden Eisgang mit wahrscheinlichem Hochwasser sicher geborgen liegen.
Ausbau des Mainzer Karnevals.
LPD. Mainz, 27. Dez. Der Mainzer Karnevalverein hat fein Programm für die Ausgestaltung des Karnevals für das Jahr 1939 und die Weiterförderung der Karnevaltradition nach dem hundertjährigen Jubiläumskarneval in großen Zügen festgelegt. Der Karneval wird in Mainz noch glanzvoller und volkstümlicher weitergeführt. Man legt in Zukunft beim Rofenmontagszug weniger Wert auf feine Länge, als auf feine Ausstattung. Der kommende Zug wird Meisterleistungen der Künstler und Handwerker bringen. Man wählte für ihn daö Motto: „Deutsche Sprichwörter". Die Rüstkammer des Karnevalvereins wurde mit so wertvollen Stücken bereichert, daß für die Ausgestal
tung des Zuges in künstlerischem Sinne fast alle Möglichkeiten gegeben find.
Das Straßenleben soll weit mehr als in ver- aangenen Jahren ein karnevalistisches Gepräge erhalten. Man will durch besondere Maßnahmen erreichen, daß jeder, der in den Haupttagen die Stadt besucht, eine Kopfbedeckung trägt. Es soll keine eigentlichen Karnevalszentren mehr geben, sondern der ganze Stadtkern soll ein großes närrisches Lager sein.
Auf der Berliner Ausstellung „Werbung im Karneval" ist Mainz ebenfalls vertreten. Die Stadt zeigt eine historische Folge von Plakaten, Prospekten und Modellen von Wagen. Szenenbilder aus dem Mainzer Karneval werden wegen ihrer Volkstümlichkeit allgemeines Interesse erregen.
10500 Mark Eteuerstrafe.
Lpd. Höchst i. O-, 27. Dez. Der Manufakturwarenhändler Georg Vetter V in König (Odenwald) ist durch Unterwerfungsverhandlung wegen Umsatz-, Einkommen-, Gewerbe- und Vermögens- steuerhinterzjchung in Tateinheit mit Verstoß gegen die Zweite Steueramnestieverordnung zu insgesamt 10 500 RM. Geldstrafe verurteilt worden.
Wirtschaft.
Aus dem Gießener Handelsregister.
Im Handelsremfter des Amtsgerichts Gießen wurden folgende Veränderungen eingetragen:
Firma Friedrich Teipel, Gießen: Der Kaufmann Friedrich Teipel ist aus der offenen Handelsgesellschaft ausgeschi^en. Die offene Handelsgesellschaft als solche ist erloschen.
Firma Dampfsägewerk Lollar, B. Nuhn, A. - G., Lollar: Die Vertretung der Ge° sellschast geschieht 1., wenn der Vorstund aus einer Person besteht, entweder durch diese allein oder durch zwei Prokuristen: 2. wenn der Vorstand aus mehreren Personen besteht, entweder durch zwei Mitglieder desselben oder durch ein Mitglied und einen Prokuristen oder durch zwei Prokuristen. Der Aufsichtsrat ist befugt, einzelnen Mitgliedern des Vorstandes die Ermächtigung zu erteilen, die Gesellschaft allein zu vertreten. Demzufolge ist durch Beschluß des Auffichtsrats am 25. Oktober 1938 der Baumeister Hermann S ch e l m in Lollar als alleinvertretungsberechtigtes Vorstandsmitglied bestätigt worden.
Aenderung der Schweinepreise ab r.Lanuar 1939.
Fwd. Mit Wirkung vom 2. Januar 1939 erfahren die Schweinepreise auf den Schlachtviehmärkten den jahreszeitlich vorgesehenen Abschlag von 0,50 NM. aus die seit dem 8. Oktober 1938 gültigen Grundpreise.
Danach kosten vom 2. Januar 1939 bis 28. Mai 1939 auf den Schlachtviehmärkten im Rhein- Main-Gebiet (Frankfurt a. M., Gießen, Mainz, Wiesbaden, Darmstadt und Worms) je 50 Kilogramm Lebendgewicht in RM.: a) 57,50 bis 58,50, bl) 56,50 bis 57,50, b2) 55,50 bis 56,50, c) 51,50 bis 52,50, d—f 49,50, gl) 57,50, g2 und h) 51,50, j) 56,50 RM.
Auf den kurhefsischen Märkten (Kassel, Fulda, Marburg und Wetzlar) liegen die Preise in der gleichen Zeitspanne in der jeweiligen Schlachtwertklasse 1,00 RM. niedriger, also a) 56,50 bis 57,50, bl) 55,50 bis 56,50, b2) 54,50 bis 55,50, c) 50,50 bis 51,50, d—f) 48,50, gl) 56,50, g2 und h) 50,50, i) 55,50 RM.
Die obere Preisgrenze darf bei allen Schlachtwertklassen nicht überschritten werden. Soweit eine untere Preisgrenze festgesetzt ist, darf diese nicht unterschritten werden.
Die Preise für Rinder und Kälber bleiben unverändert, die für Schafe bis zum 3. April 1939.
Mein-Mainische Börse.
Mittagsbörfe freundlich.
Frankfurt a. M., 27. Dez. Das Geschäft kam nach der Feiertagspause nur langsam in Gang. Es lagen weiterhin nur wenig Kundsch stsaufträge vor,
da aber anderseits auch keine nennenswerten Abgaben erfolgten, gestaltete sich die Grundtendenz wieder überwiegend freundlich.
Am Aktienmarkt stellten sich daher größtenteils Erhöhungen meist unter 1 v. H. ein. Stärker erhöht waren Scheideanstalt, die nur zum Einheitskurs bei 25 v. H. Zuteilung mit 1.96 (194) notiert wurden. Ferner gewannen Metallgesellfchast 1,25 v. H. aus 119, und ebensoviel fester setzten Daimler mit 133 ein. Am Montanmarkt befestigten sich Vereinigte Stahl auf 105,75 (105,40), Rheinftayl auf 132,50 (132) und Mannesmann auf 107,75 (107,50), während Hoesch 0,65 v. H. abbröckelten auf 107,40. IG. Farben lagen mit 151 bis 151,13 (151,50) nicht ganz behauptet und ziemlich ruhig. Am Elektromarkt gingen Gesfürel etwas lebhafter mit 133 bis 132,50 (131,50) um, AEG. gewannen 0,25 v. H. auf 114,75, hingegen ermäßigten sich Betula um 1 v. H. auf 158. Sonst kamen noch zur Notiz: Reichsbank 186,75 (187,50), AG. für Verkehr 118,25 (119), Westdeutsche Kaufhof 103,50 (103,75), andererseits Ce- ment Heidelberg 147 (146), Adlerwerke 105,25 (104,75), Feinmech. Jetter 92 (91).
Der Rentenmarkt lag recht ruhig und im allgemeinen wenig verändert. Von unnotierten Werten wurden 5 v. H. Ewald mit 99,50, 5 v. H. Rhein- Main-Donau mit 100, 4Vz v. H. DEW. mit 95,25 gefragt. Kommunal-Umschuldung stellten sich aus unverändert 92,05. Don öffentlichen Anleihen blieben Reichsaltbesitz mit 127,90 und Reichsbahn-Vorzugsaktien mit 124 unverändert. Liquidationspfandbriefe bröckelten z. T. leicht ab, Frankfurter Hyp. 100,25 (100,40), Rheinische Hyp. 100,30 (100,50). Industrie- Obligationen lagen uneinheitlich, schwächer 6 v. H. IG. Färben mit 118,13 (119,25). Staats- und Stadtanleihen wiesen kaum Veränderungen auf.
Im Verlaufe schrumpfte das Geschäft stark zusammen, und teilweise bröckelten die Kurse etwas ab. Vereinigte Stahl 105,50 nach 105,75, Bemberg 134,50 nach 134,75, Rheinstahl 132,25 nach 132,50, IG. Farben 151 nach 151,13, dagegen Hoesch 107,75 nach 107,40. Bei den später notierten Werten, die allerdings meist nominell waren, überwogen Erhöhungen von durchschnittlich 1 v. H. Niedriger nach Pause lagen Deutsche Linoleum mit 152 (155).
Der Freiverkehr hatte nur wenig Geschäft und kaum veränderte Kurse. Dingler etwa 99 bis 100, Elsäss. Bad. Wolle 89,50 bis 91,50, Rastatter Waggon 53 bis 55, Ufa 82,75, Ada-Ada Schuh ungefähr 110 bis 113. Tagesgeld unverändert 2,50 v. H.
Abendbörse still.
Da die Kundschaft in der Erteilung von Aufträgen weiterhin starke Zurückhaltung zeigte, kam es auch an der Abendbörse nur in wenigen Papieren zu kleinem Geschäft, so daß die Mehrzahl der Notierungen nominell erfolgte. Dabei war die Entwicklung weiterhin nicht ganz einheitlich, im ganzen war die Haltung gegenüber dem Mittags-
MWMUKWM
Roman von Hubert Rausse.
Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München.
16. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
Nein, nein! Er mußte das schon recht vorsichtig anfangen. Vielleicht schlich er sich an Trebbin heran und pfiff abends vor ihrem Fenster?
Jago war ganz allein im Büro. Er steckte zwei Finger in den Mund und pfiff so zur Probe vor sich hin, daß es durch alle Räume gellte. Die Sekretärin streckte ihren Kopf durch die Tür und machte tieferschrockene Augen.
Nein, nein, er winkte ab. Es habe gar nichts zu bedeuten! Aber wo bleibe das Gespräch mit Schwerin?
Jago wartete und war in diesem Augenblick glücklich!
Eine betrübte Elisabeth, eine sorgenbedrückte, jawohl, die brauchte er. Er würde sie in Watte einwickeln, soweit sich Elisabeth wickeln ließ, er würde sie in Gold fassen ...
Gold!
Das war das entsetzliche Dilemma: weil er Gold hatte, konnte er helfen; aber weil er Gold hatte, zeigte ihm Elisabeth wiederum die kalte Shutter. ©& haßte seine Peseten!
Vielleicht, daß dieser Haß vorüber war! Vielleicht, daß sie eines Bessereen belehrt war! Seit jenem Umschlag mit den tausend Peseten mußte auch mit ihr ein Umschwung erfolgt sein. Nun hatte sie doch selber kennengelernt, daß es glücklich macht, helfen zu können; hatte gesehen, daß man mit Geld auch Gutes tun kann, und daß die Devisen nicht nur dazu da seien, den Ausverkauf ganz Deutschlands zu besorgen.
Seine unglückliche Elisabeth!
Das Telephon meldete sich.
Jago bestätigte den Erhalt des Briefes. Die Sache mit den tausend Peseten gehe in Ordnung, aber er freue sich über die peinliche Berichterstattung. Er erbitte auch weiter genaue Auskunft über Trebbin. Und zwar mündlich!
Mündlich?
Jawohl, denn er werde einige Tage in Plöns verbringen, in seinem Jagdhäusl, das er noch gar nicht kenne, und er bäte, den Jäger zu verständigen. Ja, und er hoffe, daß er einen guten Bock vor die
Büchse kriege, und daß er das Neueste über Trebbin erfahre. Er komme also morgen abend mit dem Hamburger O-Zug in Schwerin an und wohne wie das letzte Mal im „Stern".
So! Und jetzt: auf zu Elisabeth. *
Als Jago in dem Köln—Hamburger l)-Zug den Speisewagen betrat, begann eine leise Dämmerung fühlbar zu werden. Im Raucherabteil brannten schon die Lampen.
Jago wollte essen.
Der Kellner ging voraus und knipste mit einem „Pardon, Madame^ im zweiten Abteil das Licht an.
Die Dame legte wie schützend die ringgeschmückte Hand vor die Augen, die in das dämmernde Land hinausgeträumt hatten. Man sah schon Lichter in den Häusern und Fabriken, und die Feuer der Hochöfen florierten' einen rötlichen Schein. Der Zug fuhr durchs Ruhrgebiet.
„Verzeihung!" sagte auch Jago. Aber schließlich konnte er nicht wegen einer sentimentalen Reisenden seinen Hunger verschieben oder in dem rauchigen Abteil essen.
Im aufschnellenden Licht sieht er einen Madonnenscheitel, schmale Hände mit einem Gefunke! von Ringen, dann in einem kleinen, weißgepuderten Gesicht große, prachtvolle, dunkle Augen ...
Das ist ...?
„Ole", sagt die Dame, „Don Jago?"
Natürlich ...
Es war die Argesilla, Spaniens berühmteste Tänzerin, auf der Reise von Zürich nach Berlin. Wenn Jago ganz ehrlich hätte fein wollen: da wäre ihm fast der Hunger noch lieber gewesen. Aber er trat mit kastilischer Grandezza an ihren Tisch und bat um die Erlaubnis, bei ihr Platz nehmen zu dürfen.
Sie sähe fabelhaft aus, sagte Jago und tat begeistert.
Sie sah wirklich fabelhaft aus.
„Wie damals!" sagte Jago.
Die Argesilla strahlte mit ihren großen Augen ihn an. Ihre schmalen Schultern steckten in einem engen Kleid von schwerer, schwarzer, glänzender Seide. Auf ihrer dunklen Haut, in dem tiefen spitzen Ausschnitt leuchtete ein großer Rubin.
Daß sie nach Deutschland komme in dieser Zeit?
Der Impresario! Was wolle man machen?
Aber das werllose Geld?
„O, Senor Schmid, was meinen Sie? Ich werde in Schweizer Franken bezahlt. Selbstverständlich!"
DerMnn, der„eigentlich MmehrlebensMe"
Zm Zentralkäfig: Richard Salvade. - Hagenbecks Chefdompteur erzählt...
Es war weit vor der Jahrhundertwende, als Carl Hagenberi, der spätere Begründer des Tierparks Stellingen, von feinem Bruder Wilhelm eine Dressurgruppe angeboten erhielt, die ein damals noch unbekannter Wärter namens S a w a d e vorbereitet hatte. Es war der erste Dressurversuch Sawades, aber er bewies bereits das große Talent eines Mannes, der in wenigen Jahren zu einem der größten Zirkusnummern der Welt aufsteigen, vor Kaisern und Königen auftreten und aus allen Teilen der Erde riesige Gagenangebote erhalten sollte.
Die von Sawade dressierten Gruppen wiesen gegenüber den bisher in der Zirkuswelt bekannten Raubtierdressuren einen grundlegenden Unterschied auf: Die Tiere wurden nicht mehr mit der Pistole in Schach gehalten, mit der schweren Peitsche zu ihren Ausgaben und in ihre Stellungen getrieben. Ein Wort, eine Handbewegung Sawades genügte, um Leistungen zu erzielen, die viele der bisher in Zirkussen gezeigten Raubtierdressuren weitaus übertrafen.
*
Die Dressurversuche Sawades fielen in eine Zeit, in der die immer stärker aufkommende und in vielen Vereinen organisierte Tierschutzbewegung Sturm gegen alle Raubtierdressuren lief, die — ihrem Auftreten in der Manege nach — ihre Erfolge nur aus einer brutalen Einschüchterung und Quälerei der Tiere holen konnten. Sawade bewies, daß gerade die umgekehrten Faktoren — Geduld, unendliche Ausdauer und liebevolles Eingehen auf den Spieltrieb der Tiere — die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Dressur waren. Es war geradezu eine Sensation, als im Jahre 1900 die bisher am schärfsten gegen die Raubtierdressuren vorgehenden englischen Tierschutzvereine Richard Sawade als Ehrenmitglied aufnahmen.
*
Zur Bestätigung seiner Dressur ansichten zeigte Sawade eine Schaunummer, wie sie bisher in dieser Art auf der Well noch nicht gezeigt worden war. Hatte die Arbeit mit Tigern bisher nur als schwer möglich gegolten und sich eine Schaustellung in der Manege meist auf ein Hereinfagen einiger weniger Tiere beschränkt, die sich der Dompteur mit Revolverschüssen vorn Leibe hielt und zu einfachen Aufgaben zwang, so war Sawade der Ansicht, daß auch die Tigerdressur große Erfolge versprach, wenn sie nur richtig und sachgemäß angefaßt wurde. Wie zur Bestättgung seiner von vielen Seiten umstrittenen Einstellung besorgt sich Sawade fünfzehn Tiger, ausgewachsene und starke Exemplare aus Sibirien und Indien, und beginnt seine Dressurversuche.
Es wird totenstill in dem großen Zelt des Zirkus Schumann in Berlin, als in der Reihenfolge des Programms die feit Tagen mit riesigen Plakaten angekündigte Sensationsnummer fällig ist: „Richard Sawade mit seinen fünfzehn Bengal-Tigern". Niemand will glauben, daß es einem Mann gelingen könnte, fünfzehn Tiger — eine der wildesten und Mut gierigsten Raubtierarten überhaupt — mit einemmal und noch dazu in einer gelungenen Dressur vorzuführen. Selbst die Kollegen Sawades zweifeln an dem Erfolg der Nummer.
Dann erscheint Sawade. Zylinder, Eutaway, gestreifte Beintteider und Lackschuhe lassen das Publikum alles andere vermuten, nur nicht, daß es den Dompteur vor sich hat. Schon glaubt man, beun
ruhigt durch das Erscheinen dieses wie ein eng? lischer Lord wirkenden Gentteman im Zentralkäfig, an ein Ausfallen der Nummer, als von dem Lauf- gang zum ft'äftg hin ein wildes Fauchen, Knurren und Jaulen die'tausendköpfige Menge jäh zur Ruhe bringt.
Die Tiger kommen in die Manege. Es find riesige Tiere, die jetzt schleichend und geduckt, sich gegenseitig angreifend, beißend und jäh überfallend, in den Zentralkäsig jagen und dann auf einen kurzen Befehl des Dompteurs hin gehorsam ihrs Plötze einnehmen.
Und nun zeigt Sawade eine Nummer, wie man sie in der Welt der Manege noch nicht gesehen hat. Er braucht keine Pistole, er benutzt nur selten die Peitsche, aber die Tiere gehorchen ihm, bis in das beklemmende Schweigen der erste Beifall bricht, der sich zum Orkan steigert, als Sawade sich vor dem Publikum verneigt. In kurzer Zeit ist Sawade mit seiner Tigernummer weltberühmt, tritt vor dem Zaren, dem König Eduard von England, fast allen gekrönten Häuptern Europas auf, kann sich vor den phantastischen Angeboten der Agenten und Zivkusunternehmer der ganzen Welt kaum retten.
*
Sawades Leben gehört von jetzt an dem Zirkus, dem er Jahrzehnte hindurch treu bleibt, bis ihn Hagenbeck nach Stellingen als Chefdom p° t e u r feines gesamten Unternehmens beruft. Hundertfach sind die Abenteuer dieser Jahre, dut- zende von Malen geht es bei feinen gefahrvollen Vorführungen, trotz aller Liebe und Sorge für die Tiere, auf Leben und Tod. Im Jahre 1910 fällt ihn auf der Weltausstellung in Buenos Aires fein Lieblingstiger aus einer bösartigen Laune heraus jäh an. Mit zerfetztem Oberarm und schweren Bißwunden an Schultern und Schenkel ist Sawade bereits hilflos dem mächtigen Königstiger aus- geliefert, als fein Assistent Matthies in den Käsig stürzt und den Kampf mit dem Tiger aufnimmt. Mit größter Mühe und unter Einsatz des eigenen Lebens gelingt es Matthies, feinen Chef aus dem Käfig zu bringen und das Tier zur Raifon zu zwingen. Aber obwohl Sawade wochenlang im Hospital liegt und Hagenbeck ihm den Posten des Geschäftsführers am Zirkus anbietet, gibt Sawade feinen gefahrvollen Beruf nicht auf, selbst nach dem grauenhaften Vorfall nicht, bei dem einer seiner Wärter in seiner Abwesenheit aus Ruhmsucht vor seinen Freunden sich in den Tiger- käsig begibt und von den Tigern zerfleischt wird, obgleich Sawade, der sich gerade für den Auftritt ankleidet, nur mit Knüppel und Platzpatronen- Revolver in den Käfig stürzt, um den Unglücklichen zu retten. Vergeblich! Trotzdem steht Sawade kurze Zeit darauf mit den Tieren im Zentralkäfig und fordert chnen ihre Aufgaben -ab.
*
Manchmal glaubt der heute über Siebzigjährige selbst, daß er, wie einer seiner Kollegen einmal jagte, „eigentlich nicht mehr leben" dürste. Er hat jich einen Löwen so gezähmt, daß er ihn zum Photographen und auf seine Spaziergänge mit- nehmen kann, er ist bis ms Letzte mit den Raubtieren aller Art vertraut, und dennoch beweisen die im Laufe der Jahre immer wieder neu hinzukommenden Narben, daß auch das Glück sich auf seine Seite gestellt hat, wenn es ihn aus den gefahrvollsten Situationen immer wieder herauskommen läßt. Udo Wolter.
verkehr wenig verändert und im Grundton nicht unfreundlich. Am Montanmarkt lagen Verein. Stahl mit 105,50, Buderus mit 106,50, Rheinstahl mit 132 und Deutsche Erdöl mit 123 unverändert, Mannesmann 0,25 v. H. ermäßigt mit 107,25, anderseits Ilse Genuß 0,50 v. H. höyer mit 131,50. IG. Farben konnten sich mit 151,25 (151,13) bei einigem Umsatz gut behaupten, hingegen gingen Metallgesellfchast auf 118,25 (119) zurück, auch Bemberg nur knapp gehalten mit 134 (134,50). Von Maschinenwerten gaben Demag auf 145,75 (146,50), Rheinmetall auf 130,50 (131), Junghans
auf 99,75 (100) und Adlerwerke auf 105 105,25 nach, wogegen BMW. 0,50 v. H. anstiegen auf 145 und Moenus unverändert 122,50 notierten. Sonst notierten noch Gesfürel mit 132 (132,50), Lahmeyer 112,25 (112,75), Licht und Kraft unverändert 130 und AG. für Verkehrswesen 118,75 (118,25). Am Einheitsmarkt kamen Niederrhein. Leder weiter erhöht nach Pause mit 200 (194) zur Notiz. Don Renten befestigten sich Reichsbahn-DA. um 0,25 v. H. auf 124,25, Reichsaltbesitz ließen ebensoviel nach auf 127,65, und 6 v. H. IG. Farben bröckelten weiter ab auf 117,75 (118,13).
Selbstverständlich! Jago verstand plötzlich die Wut einer Elisabeth. Die Argesilla plauderte weiter: ein abelhastes Land, dieses Deutschland! Sie zeigte in bas Dunkel da draußen, wo die Häuser und Straßen und die Städte sich an die Schienen drängten. Es sei wie eine einzige Stadt, eine riesenhafte Millionenstadt.
Er nickte. Die Hochöfen lagen stumm und dunkel. Der Feind war im Land. Da draußen stand er an den Schienen mit seinen Maschinengewehren und Kanonen, und in den Speisewägen saß er mit Schweizer Franken und Peseten.
Elisabeth hatte schon recht.
Jago suchte nach einer Möglichkeit zur Flucht. Der Deutsche in ihm empörte sich.
Aber da kam schon mit kleinen Koffern, Taschen und mit einem Riesenpelzmantel beloben die Zofe.
Der Berliner Wagen werde gleich umgehängt, man müsse den Speisewagen verlassen.
„O, schade, Don Jago!"
Die Tänzerin erhob sich. Sie war auf der Reise und auf der Bühne Gehorsam gewöhnt. Sie stülpte eine kleine silberne Kappe über ihr schwarzes Haar, dann ließ sie ihre überschlanke biegsame Gestalt von Jago in den schweren Mantel hüllen. Ein helles Rauschen war um sie und ein süßer, betörender Duft.
Ihre Augen suchten die seinen.
Sie lehnte fest an seiner Brust.
„Auf Wiedersehn, Don Jaao! In Madrid habe ich mir Ihre deutsche Adresse geben lassen. In München sehen wir uns doch wieder?"
Verflossene Jahre stiegen vor chm auf. Er hatte sie noch gekannt, wie sie in den kleinen Flamencos ihre spanischen Volkstänze tanzte: ein Naturkind von einem hinreißenden Temperament und tiner ganz ursprünglichen Begabung. Im Grunde war sie — auch auf den internationalen DanetLbühnen — ein echter Mensch geblieben: unter hrer Schminke steckte das erlebnishungrige, neuigkeitslüsterne Kind von damals.
Er neigte feinen Kopf gegen ihr Gesicht.
„Gewiß!" sagte er, „Donna Lacita!" So hatte sie ihre Mutter gerufen.
Sie sah ihn dankend an, mit einem leisen Lächeln ihrer Augen, zärtlich, still und ausdauernd, wie ein schönes Tier, und verschwand.
Jago war froh, daß sein Essen kam.
Also sie suchte ihn in München. Das war ein Grund mehr, an eine Ueberfieblung nach Berlin zu denken.
Elisabeth erwachte nach einer tiefen unb traumlosen Nacht. Dor ihrem Fenster lag ein Heller, hoher und sonniger Spätherbstmorgen.
Sie streckte und dehnte den ausgerichten Körper. Für einen Augenblick wollte Grübeln und Verzweifeln sie wieder überfallen, aber dann warf sie mit der Decke das ganze sinnlose Denken von jich weg. Das kalte Wasser tat gut. Sie frottierte die weihe Haut, bis sie rot brannte, schlüpfte dann in die Kleider, pumpte sich am Fenster noch zwei-, dreimal die Lunge voll Morgenluft und sprang hinunter an ihre Arbeit.
„Kopf hoch, Karl, wir werden es schon schaffen!"
Sie kannte seine Sorgen; sie hatte ihm ohne jedes Zögern die tausend Peseten gegeben: sie sah jetzt klar, und Klarheit gibt Ruhe und Sicherheit.
Jammer war ihr fremd.
Kämpfen war ihr wieder eine Freude.
Lag es an dem festen Schlaf der Nacht, lag es an dem sonnigen Morgen — sie hatte ein Gefühl des Genesenseins: der Schmerz und die Erbitterung der letzten Tage waren durchgekämpft: Atem und Herz gingen ruhig und fest.
„Du machst einen so frohen Eindruck!" sagte Karl.
Elisabeth legte sich gerade Johannisbeergelee aufs Brot — wie roter Bernstein leuchtete sie in der Sonne.
„Schön! Was?"
Sie lachte und sprang auf und gab Karl einen Kuß. „Ich bin wieder froh, ich bin ein anderer Mensch. Weißt du, diese ganze Flucht aus München, dieser ganze Losnitzer Traum, dieses ganze Träumen und Sichsehnen und nicht wissen, wonach — bas war eine Krankheit. Wenn ich eine Entschuldigung suchen will — eine Krankheit, die sich vielleicht aus der Stmmung dieser verrückten Zeit leicht erklären läßt. Aber ich will mich gar mcht entschuldigen: die Krankheit war da, sie Hot ihre Zeit gedauert, Anstieg, Krise und Rekonvaleszenz, aber jetzt ist auch das Ganze vorbei. Ich komme mir- oor wie mein eigener Arzt: Alles normal, Elisabeth Hellfahr, Sie können wieder an Ihre Arbeit gehen!"
„Du bist ein unverbesserlicher Optimist!"
„Ja, aber dieser Optimismus hat eine sehr gesunde Grundlage: das Vertrauen auf meine eigene Kraft und mein Können!"
„Aber mein Beispiel zeigt, daß ein dummes Schicksal, daß eine kleine lächerliche Summe einem den Hals zuwürgen kann ..."
(Fortsetzung folgt k)


