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Drittes Blatt_________________Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderheffen)

Freitag, ?8.Ottober W58

Aus der Stadt Gießen.

Wandern im Herbst.

Die meisten Menschen wandern nur im Frühling und im Sommer, das ist die Wahrheit. Der Duft des Maikrauts verwirrt sie. Sie stecken sich das süße, junge, das Helle Laub an die Hüte und vergessen, daß so etwas barbarisch ist. Sie meinen es auch nicht bös. Sie sind glücklich, wenn der Zug in einem kleinen Bahnhof hält. Dann ist das Blaue ganz naherückt, und sie vergessen z. B. die Mühseligkeit des Hochkletterns zwischen Weinbergpfaden oder in steilen Hohlwegen, weil sie sich auf den Wald freuen. Sie sind glücklich im Schatten des Waldes, und sie wundern sich, daß die Wipfel im Wind tanzen Sie spüren dne heiße Erde nut Nadeln und Laub wärmend durch alle Kleider hindurch. Sie fühlen sich in Kindheits­traume versetzt, wenn sie Quellen durch Wiesentäler sprudeln sehen, und wenn es Abend wird, gehen sie gerötet, müde und hungrig in die kleinen Bahnhöfe zurück.

Dann ist es aus. Es kommt so viel dazwischen Nur die Wanderer mit der großen Passion bleiben sich treu. Sie treffen sich auch im Herbst. Sie traf ich in diesen Tagen wieder. Freilich werden sie nicht mehr aus heißen Zügen auf die grellen und eben noch so stillen Bahnhofvorplätze entlassen, in ganzen, vergnüglich schwätzenden Schwärmen nein, sie sind allein.

Sie gehen in der Mittagsstunde still durch die betauten, kalten Eisengatter an dem Fahrkarten­mann vorbei. Ein paar ewige Spatzen fahren auf, wenn sie das Klirren eines Stockes vernehmen, lieber eine Mauer hängt gelbes, rotes, nußbraunes Laub, lange, zähe Zweige hängen herab. Der grüne Park welkt schon leise. Der Wanderer denkt an den heißen Sommertag, als er hier zum letztenmal spa­zierenging, und an das junge, schlanke Mädchen, das sich damals plötzlich, kurz entschlossen, bei seinem Begleiter entschuldigte, sich an einen Grashang setzte und die Strümpfe auszog, weil es ihm mehr Ver­gnügen machte, strumpflos zu wandern. Jetzt war niemand zu sehen. Kein Mädchen lachte. Nur ein Häher schrie. Spatzen fegten durchs Gesträuch, schwir­rend und hungrig. Aber es war jetzt doch schön.

Es war schön auch im Wald. In der Luft war der Geruch der verlorenen Jugend. Die weißen, damp­fenden Wiesen im Herbst, die Pilze waren da; schon mußte man schärfer Hinsehen, um die Pilze vom Laub zu unterscheiden. Es war alles wieder da. Alles, lpas es in der Natur gibt, kehrt wieder, dachte der Wanderer. r. k.

Bornofuen.

Tageskalender für Freitag.

Stadttheater: 20 bis 22.30 UhrFidelio". Glo­ria-Palast, Seltersweg:Am seidenen Faden". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Helden in Spanien". Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Aus­stellung im Turmhaus am Brand.

ErstaufführungFidelio" im Stadttheater.

Ein besonderes Ereignis wird die heutige Erst­aufführung von BeethovensFidelio" fein. Es ist das erstemal, daß eine große deutsche Oper im Stadttheater mit nur eigenen Kräften dargestellt werden kann. Gleichzeitig stellen sich dem Gießener Pubilkum die neue dramatische Sängerin Anni A i s i o n . der neue jugendliche Heldentenor Hein­rich Durst und der neue 1. Baß Herbert Hirche vor Inszenierung: Hermann Schultze-Gries­heim. Musikalische Leitung: Kapellmeister Paul Walter, der zwischen dem 3. und 4 Bild die Leo- noren-Ouvertüre Nr. 3 von L. van Beethoven diri­gieren wird. Einstudierung und Leitung der Chöre: Heinz Markwardt Bühnenbilder: Karl Löff- l e r. Die Vorstellung findet gleichzeitig cd 5 5. Vor- stelluna der Freitag-Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr.

Vergeßl nicht den kauf von Volksaasmasken beim zuständigen NSV.-Amlswatterl

Aufruf!

Letzte Gelegenheit zur Ablegung der H. Vleder- holungs-Uebung für das SA.-Sport- a b z e i ch e n am Sonntag, 30. Oktober, vormittags 9 Uhr, auf dem Schießsiand an der Haardt, Glei- berger Weg.

An dieser letzten Wiederholungs-Uebung müssen alle bisher verhinderten SA.-Sportabzeichenträgec teilnehmen.

SA.-Standarte 116.

Llnser Berufsnachwuchs.

Keine Einstellung ohne Zustimmung des Arbeitsamts.

Durch den Geburtenausfall in der Nachkriegszeit ergibt sich in den Jahren von 1935 bis 1947 ein ZJusfaÜ von insgesamt 1.5 Millionen Jugendlicher. Diese fehlen für den Ansatz in Arbeit und Beruf. Die starke Anspannung des Arbeitseinsatzes macht daher eine Leitung des Berufsnochwuchses erfor­derlich, die nicht nur auf die augenblickliche Lage, sondern darüber hinaus auf die zukünftige Entwick­lung Rücksicht nimmt Infolgedessen wurde im In­teresse der geordneten Verteilung des Nachwuchses im April 1938 die Genehmigungspflicht auch für die Einstellung von Lehrlingen, Volontären und Praktikanten eingeführt. Die Genehmigungspflicht erstreckt sich auf alle privaten und öffentlichen Be­triebe und Verwaltungen mit Ausnahme der Be­triebe in der Land- und Forstwirtschaft, der Haus­haltungen und der Schiffe der See-, Binnen- und Luftfchiffahrt.

Zur Regelung des Genehmigungsverfahrens bei der-Einstellung für Ostern 1939 find nunmehr Aus­führungsrichtlinien erschienen, die die Form der Zusammenarbeit zwischen den Organisationen der gewerblichen Wirtschaft und den Arbeitsämtern wie folgt regeln:

Die Anträge auf Genehmigung von Lehr­stellen, die Ostern 1939 besetzt werden sollen, müssen bis späte st ens 15. November 19 3 8 ein» gereicht sein.

Die Anträge werden von den Betrieben nicht an das Arbeitsamt, sondern an die zuständige Indu­strie- und Handelskammer weitergeleitet. Betriebe des Handwerks reichen die Anträge bei ihren Jn- nungsobermeistern ein. Diese Stellen prüfen die Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit der Nachwuchs- unfteüung.

Für den Antrag auf Genehmigung zur Einstellung eines Lehrlings ist ein besonderer Vordruck vor- gejchrieben (gelbe Doppelkarte). Schriftliche Anträge anderer Art oder mündliche oder fernmündliche An­träge werden nicht berücksichtigt.

Antragsvordrucke sind bei den Industrie- und Handelskammern und bei den Jnnungsobermeistern zu erhalten. Außerdem gibt das Arbeitsamt Gießen, sowie dessen Nebenstellen in Grünberg, Alsfeld, Lauterbach, Schotten, Büdingen, Friedberg, Bad- Nauheim und Butzbach Antragsoordrucke ab.

Es ist zu erwarten, daß die neue Regelung den Berufsnachwuchsbedarf für alle Berufszweige nach den Notwendigkeiten der Gesamtheit sicherftellt. Zur Zeit ist das Arbeitsamt, dabei, die Schulabgänger zu beraten und zu sichten, so daß zu Mitte Dezem­ber eine Uebersicht über den gesamten Entlassungs- jahrgang vorliegt, und alsdann der Einsatz in die Ausbildungsstellen erfolgen kann. -

Schaufenster-Ausstellung der OAF.

Abteilung für Berufserziehung und Betriebsführung.

Blick in ein Ausstellungs-Schaufenster der DAF. (Aufnahme: DAF.)

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Seit einigen Tagen fällt im Seltersweg immer wieder auf, daß vor den Schaufenstern der Karten- oerkaufsftelle von ,^raft durch Freude" eine grö­ßere Anzahl Volksgenossen stehen, die sich die Fen­ster mit besonderem Interesse betrachten. Was gibt es da zu sehen? Diese Frage sei hier beantwortet.

Die Abteilung für Berusserziehung und Betriebs­führung in der Deutschen Arbeitsfront hat in den beiden Fenstern in sinnfälliger Weise die Notwen­digkeit und die Möglichkeit der.beruflichen Erziehung innerhalb und außerhalb des Betriebes aufgezeigt.

Ein Fenster zeigt die betriebliche Ausbildung des jungen Menschen in der Lehre und darüber hinaus die Erwachsenen-Berufserziehung nachher Lehrzeit im Betrieb.

Wir sehen zunächst, daß die Berufslehre im Be­trieb planvoll und auf breitester Grundlage erfol­gen muß. Der junge Mensch, der heute in das Be­rufsleben eintritt, soll ja nicht als Produzent für den Betrieb tätig fein, sondern er sott zu seinem Beruf ausgebildet und erzogen werden. Die verschie­denen Möglichkeiten einer planvollen beruflichen Ausbildung und Erziehung sind gegeben. Der Kauf-

mannslehrling B. darf während seiner Lehrzeit nicht in eine Abteilung des Betriebes hingeftellt werden und darüber hinaus keine andere Abteilung kennenlernen, sondern er muß vielmehr systematisch in die berufliche Tätigkeit eingeführt werden, d. h. er muß auf breiter Basis alle Funktionen des kaufmännischen Lebens erlernen. Das gleiche gilt selbstverständlich für den Facharbeiterlehrling. Hier ist die Möglichkeit gegeben, durch Errichtung von Lehrwerkstätten in den Betrieben oder durch die Errichtung einer Gemeinschaftslehrwerkstätte für mehrere Betriebe, den Facharbeiternachwuchs so heranzuziehen und auszubilden, wie es im Inter­esse der dringenden Erfordernisse notwendig itt Es ist selbstverständlich, daß sicy nur derjenige im Le­benskampf behaupten und bewähren kann, der be­ruflich tüchtig und vielseitig ist. Und es muß als eine der dringendsten Aufgaben der deutschen Be­triebe die Heranziehung eines guten und vielseitig verwendbaren Facharbeiternachwuchses herausge- ftellt werden.

Nach der Berufslehre beginnt erst die Spezialisie­rung, d. h. der nunmehr Facharbeiter gewordene junge Mensch wendet sich dem Arbeitsgebiet zu, wel­ches ihm am besten liegt. Durch die Lehre hat er eine vielseitige Ausbildung erhalten, er kann also auch jederzeit auf anderen Arbeitsgebieten seines Berufes eingesetzt werden. Mit dem Abschluß der Lehrzeit ist aber erst die erste Etappe der beruf­lichen Entwicklung erreicht. Nun heißt es weiter aufbauen, die Kenntnisse und Fertigkeiten erweitern und vertiefen, nach höchster Leistung im Berufe streben. Die Betriebe sotten Arbeits- und Leistungs­gemeinschaften sein, deshalb haben sie auch die Ver- -pflichtung, um die Leistungssteigerung der Gefolg­schaft besorgt zu sein. Durch betriebsgebundene Vor­tragsreihen, durch Lehrgemeinschatten und Au^bau- kameradschaften, die für die Gefolgschattsmitglieder durchgeführt werden, durch betriebliche Uebunas- ftätten, was hauptsächlich für Großbetriebe möal'ch ist, durch Uebungsfirmen in den Betrieben sollen die Gefolgschattsmitglieder während oder nach der Arbeitszeit erfaßt und in ihren Leistungen ertüch­tigt werden. Die Leistungssteigerung wirkt sich un­mittelbar auf die Gesamtleistung des Betriebes aus. Für die Durchführung all dieser Maßnahmen stellt die Deutsche Arbeitsfront Hilfsmittel, wie Lehrpläne, Werkstoffsammlungen. Filme und Lichtblldreihen u. a. m. zur Verfügung.

*

Im andern Fenster ist die überbetriebliche Berufs- erziehung in den Uebungsftätten der DAF. bärge- stellt.

Wenn wir die Forderung nach Leistungssteige­rung erheben, dann müssen wir auch die Möglich­keiten und entsprechenden Einrichtungen dem Schaf­fenden zur Verfügung stellen. Die Uebunosftäffen der Deutschen Arbeitsfront sind keine schulmäßige Einrichtung, die trockenes Wissen vermittelt, sondern sie erraffen alle aufbauwilligen Krätte in Lehrge­meinschaften, Aufbaukameradschatten, Arbeitsgemein­schaften und Uebungsfirmen, um unter Anleitung von Praktikern wirklichkeits- und betriebsnahe die beruflichen Kenntnisse und Fertigkeiten zu steigern. Sinn der Lehrgemeinschäften usw. ist nicht die Ver­mittlung von Teilkönnen und Teilfertigkeiten, son­dern die systematische Höherführung aller Beteilig­ten über verschiedene Stufen bis zur Höchstleistung. Voraussetzung für die Teilnahme an den Maßnah-

(Nachdruck oerbotenb

18 Fortsetzung.

schmächtige Körper zittert.Das war vor fünfzig Jahren nicht Mode, daß man so mit kalter Hand dem andern den Boden unter den Füßen wegnahm Und wenn Sie glauben, solche neuen Sitten unter ehrlichen Kaufleuten einzuführen, dann soll mich der Schlag auf der Stelle treffen! Dann will ich mit dieser Welt nichts mehr zu tun haben! Dann ist sie mir zu dreckig und gemein. Haben Sie ver­standen? Was haben Sie denn mit Ihren Händen geschaffen? Nichts! Gar nichts!- Herein­geschneit sind sie und haben angefangen, Unruhe und Unfrieden zu bringen! Weil Sie nicht mit aufgebaut haben! Weil Sie keine Ahnung ha­ben, wie das war, als wir diese Industrie hier aus dem Boden stampften! Wie haben wir ge­arbeitet! Tag und Nacht! Die Werke sind gewach­sen unter unferm Fleiß wie die Bäume unterm Sonnenschein. Es war eine herrliche Zeit. Und nun kommt ein Mann daher, der davon keine Ahnung hat, der das alles nur vom Hörensagen weiß nein, der nur die Gelegenheit erkennt, mit dem, was unser Schweiß schuf, fein Geschäft, fein eigenes schmieriges Geschäft und seine kleine erbärmliche Rache zu besorgen der fremd her­eingeholt wurde, weil er am glattesten sich zu drehen und zu winden und unterm Fräulein, den Kopf zu verdrehen wußte"

Hägebarth! Nun ist aber Schluß!"

Karöla klopft mit dem Knöchel hart auf. Er­schrocken kommt Hägebarth zu sich. Plötzlich wird ihm klar, was er hier angerichtet hat. Du lieber Himmel. Wie konnte er sich so hinreißen lassen!

Verzeihen Sie, Fräulein Westner! Es ist mir so durchgegangen" Aufatmend sinkt er in feinem Sessel zusammen, der Zwicker stolvert ihm über die Nase, auf der kleine Schweißperlen stehen. 0 Gott, was hat er angerichtet! Nun sitzt er da wie ein Fragezeichen, wie ein Häufchen Unglück.

Meßdorff aber lächelt nur ein wenig soö.ttisch und hat dem wilden Ausbruch des alten Mannes flan,6ehr intereffant! Wirklich sehr mterefjant!" nickt er jetzt anerkennend. ,,3d) bin felbft sehr 'ur Offenheit bei Geschäften Aber ich halte mein An­gebot noch immer aufrecht. Temperament und Sefdjäft, Herr Hägebarth. lallte man belfer oon- C"m"eb"anernTaranteI gestochen fährt der kleine Monn wieder empor.

Man lallte Sie - o°n allem trennen, wa- fflefchäft heißt! Dann märe mir rochier!

Hägebarth fehl müssen Sie geben.

Sa kann nun nicht mehr langer '»«eigend zujehon, wie Hägebarq hier eine Dummheit nach

Sprachlos starrt Hägebarth oon M-ßdorss zu Karola und dann zu jenem Aktenstück. Wie ist das möglich? Wie kann dieser unheimliche Mann knapp vierundzroanzig Stunden nach der Besprechung schon wissen, was man dort gesagt hat? Kann er zau­bern? Es schaudert ihn. Das kann er nicht fassen.

Sie sehen", fährt Meßdorff fort, und letzt ergan zen seine Augen, denn nun spielt er l-me Trumpfe aus,es ist oöllig nutzlos, mir etwa die Lage »er- fchleiern zu wollen, in der Sie sich banden Ich konnte Ihnen wirklich einen angemes enenJStm berechnen lassen. Ich kenne >°«ar alle E nr,chtungen, die nach meinem Fortgang geschaffen lmd Gena ^ Ganz genau. Sie haben schlechte Leute, gnädig s, Fräulein Schlechte Leute die Mich Uber unterrichten, was bei Ihnen geschieht.

S ÄÄÄS».:«

Siele, und das ist das einzig entscheidende. Haben Sie sich den Vertrag durchgelesen l

'Und Sie finden ihn gut so?"

fDas wäre sehr, sehr schade!"

hätte später gern mit Ihnen emm fürchte. Sie geschlossen, gnädiges FrauAn, cbe- wenn ich

werden mich überhaupt "'Am Y p r ^eit zu- Ihnen Ähre ganze n

grundenchten muß, daß Sie s^^9 sollen müssen zu federn Preis. Ab w Dereinig-

ich kann warten. Haben werde 'M foqar

ten" eines Tages doch Dann gewissem

für die Hälfte. Sie sehen - td) bin m g?

Sinn soaar sehr großzügig. ,, e-^lsabschnei- Sie sind einer der lkrupello est n ÄalsabMl der, mein Herr?" Hägebarth hat auf den schlagen, feine Föufte tanzen n - und Em- gutes altes Gesicht ist blaß voi A ganze

pörung. Der Spitzbart sträubt sich. 2er ganz

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Roman von Kurt Riemann

Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa

der andern begeht. Sie hat den alten Mann da­für um so lieber, aber es tut ihr weh, das mit anhören zu müssen, denn für Meßdorff muß die Wut, die ohnmächtige Wut des andern doch der schönste Triumph sein.

Still erhebt sich der Alte, greift seine Aktenmappe und geht.Entschuldigen Sie mich, Fräulein West­ner aber ich kann nicht anders. Ich weiß ich werde alt. Da hält der Kopf das Herz und die Zunge nicht mehr fest. Altes Eisen. Ja, ja!"

Sie sollen sich nicht entschuldigen, Hägebarth, so war das nicht gemeint. Warten Sie bitte unten auf mich. Ich komme sofort."

Als der Alte draußen ift, bittet Karola um zwei Tage Bedenkzeit.

Ich gewähre Ihnen ohne weiteres drei volle Tage. Dreimal vierundzwanzig Stunden, fyabe ich bis' dahin keine zusagende Antwort gehen die Ordres heraus, die bereits ausgeschrieben find."

Ich verstehe. Sie werden Nachricht haben, Herr Doktor." ,

Darf ich mich noch einmal bedanken, daß Sie mich so tapfer in Schutz genommen haben, Ka­rola, als jener alte Mann die Nerven verlor? Es war ein netter Zug von Ihnen!"

Groß und durchdringend sieht ihn Karola an. Sie steht schon an der Tür.Sie irren, Herr Dok­tor, ich habe Sie nicht verteidigt. Ich wollte nur verhindern daß Sie sich noch länger an der ohn­mächtigen Wut eines Mannes weiden konnten, den ich über alles schätze und dessen Auffassung Ich im wesentlichen teile. Es war nur jo unklug, laut zu sagen, was ich und viele andere 'anständige Men­schen denken. Guten Tag."

Ohne sich umzusehen, geht sie^hinaus.

Drei Tage hat sie gewonnen, drei ganze Tage. Lächerlich kurz und unendlich lang. In diesen drei Tagen wird sie prüfen müssen, ob die Summe tat­sächlich das erlaubt, was sie damit zu tun gedenkt. Karanja eine Fabrik aufzubauen!

Aber wie es auch kommen mag, in ihrem Herzen singt es! Das kann fein Meßdorff und keineUnion AG." töten ober auslöschen, das ist die selige jubelnde Stimme ihrer Liebe.

*

Was für ein Mädchen ift Ihre Braut eigentlich, Karajan? Warum erzählen Sie nicht öfter von ihr?" fragt Frau Wernicke und reicht ihm die Fleischschüssel.Oder sind Sie im Geiste nur immer bei Ihren Plänen?"

Seit einer Woche lebt Karajan nun hier am Süd­ende der Stadt Maadeburg in der Familie seines freundes W"M'ck" Man umforgt und verwöhnt ihn, und er läßt sich das mit großer Freude ge­

fallen. Er ift ein eifriger, wenn auch stiller Ver­ehrer der kleinen Frau Wernicke, die auf eine be­wunderungswürdige Weise den Haushalt zusam­menhält, den Garten versorgt, für die drei Buben flickt, stopft, schneidert und doch immer Zeit findet, nett auszusehen und am Abend für ihren Mann da zu sein.

Wenn ich Ihnen nun sage, Frau Gertrud, daß sie so ähnlich aussieht wie Sie, daß ich mir auch nie eine ausgesucht hätte, die Ihnen nicht gleicht, dann glauben Sie es ja doch nicht", seufzt Karajan und wirft einen verstohlenen Blick zu Wernicke hin­über, der gemächlich Zwiebel auf fein Hackfleisch schneidet.

Wissen Sie, am einfachsten wäre es doch, Sie lassen Ihren Mann hier im Stich und heiraten mich. Er macht sich doch in der Hauptsache nur aus frischem Hackfleisch etwas."

Stimmt!" grunzt Wernicke behaglich.Und wenn ihr beide den Hausschlüssel sucht, er hängt gleich neben der Küchentür. Ach, Kinder, was haben wir's gut, nicht wahr? Uebrigens ... was tut deine Braut eigentlich? Ist sie noch bei ihrer Tante?"

Nein. Seit Freitag ist sie in Dresden. Ihre Musik läßt sie nicht locker. Sie schreibt auch allerlei Aufsätze."

Und davon kann sie leben und ein Auto halten?" fragt Frau Gertrud erstaunt.

Davon kann man nur hungrig werden! Sie hat ja aber ein kleines Vermögen, nicht wahr? So hat's Karajan uns jedenfalls erzählt."

Und wenn sie nur ein Paar Stiefel ohne Sohlen hätte... sobald meine Arbeit und damit mein Ein­kommen gesichert ist, wird geheiratet!" lacht Kara­jan.Was geht's mich an, ob sie Geld hat oder nicht? Im Gegenteil! ye weniger, desto besser! Ich bin einmal 'reingefallen mit reichen Mädchen. Auf Ihr Wohl, Frau Gertrud!"

Und^ auf Ihre Arbeit! Und daß sie Ihnen alle Hoffnungen erfüllen möge!"

Die Gläser klingen hell und klar zusammen. Es ist der letzte Abend hier, morgen will Karajan nach Berlin zum Patentanwalt. Er hat alles beisammen, was für die Patenterteilung nötig ist. Die stillen Tage dieser Woche, sorgfältig gehütet von den lieben Menschen dieses Hauses, haben ihm und seiner Arbeit gut getan.

Nun werden Sie bald ein reicher Mann fein und uns vergessen haben!" scherzt Frau Gertrud, aber es klingt doch ein wenig Wehmut in ihrer Stimme mit, und Karajan hort das auch gut her­aus.

(Fortsetzung folgt!)