Nr.123 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheßen)
28./29. Mai 1938
Aus der Stadt Gießen.
„Cs macht nichts!"
Auf der Straße sah ich gestern ein sechsjähriges Mädchen, das aus dem Rad ihrer großen Schwester die ersten Fahrversuche machte. Auf den Sattel konnte das kleine Ding noch nicht gelangen, aber es stand ganz munter auf den Pedalen und konnte auch schon geradeaus fahren. Als es aber die Kurve nehmen wollte, glückte die Sache nicht. Das Rad fiel hin, und das kleine Mädchen stürzte auf die Knie. Ich ging hinzu, um ihm auszuhelfen. Aber es stand schon von selber auf, wischte sich den Staub von den Strümpfen und verbiß den Schmerz; denn es hatte sich sicher weh getan. Ich wollte es trösten und sagte ihm einige freundliche Worte. Es sprang aber wieder auf die Pedale und antwortete nur: „Das macht nichts!" Schon fuhr es wieder weiter ...
Einige Augenblicke schaute ich ihm nach und sprach bann die Worte: „Es macht nichts!" leise nach. Sollten wir „Großen" nicht auch manchmal, wenn uns das Leben einmal fest anpackt, wenn wir einmal stürzen, sagen: „Es macht nichts!"? Zeigt uns das kleine Mädchen nicht, wie wir es machen müssen? Wie mancher ist schon gestürzt, ist aber ruhig liegen- aeblieben und hat sich gesagt, es geht halt nicht. Das Vertrauen zu sich selbst hat ihm gefehlt. Er wird seine Arbeit nie vollenden, er wird nie ein Ziel erreichen.
*Wer das Vertrauen zu sich selbst nicht hat, wer nicht an den Erfolg glaubt, wird meistens nicht viel erreichen. Mißerfolge werden ihn begleiten. Wenn wir uns aber eine Welt schaffen wollen, die uns glücklich machen soll, müssen wir von unferm Können und unferm Wollen überzeugt fein. Wir dürfen nicht zweifeln und zaudern. Bei einem kleinen Sturz, bei einem kleinen Rückschlag müssen wir an das kleine Mädchen denken, das vom Rade fiel, und zu uns selber sprechen: „Es macht nichts!"
Jeder hat einmal Pech in irgendeiner Sache. Das schadet nichts. -Wir müssen nur verstehen, auch aus dem Unglück zu lernen. Wir dürfen uns vom Schicksal nicht niederdrücken lassen. Das Vertrauen zu uns selbst muß uns aufrechterhalten, sonst verschwenden wir unsere seelische Kraft.
Es geht im Leben nicht anders. Alle großen Männer sind uns Beispiele dafür. Nach einem Mißerfolg, nach einer bitteren Erfahrung, nach Zweifeln und Sorgen geht es auch wieder aufwärts. Wir dürfen nur nicht das Selbstvertrauen verlieren. H.
Vornotizen
Tageskalender für Samstag.
Stadttheater, 20 bis 22.30 Uhr: „Der Mustergatte". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Broadway- Melodie 1938"; Spätvorstellung, 22.45 Uhr: „Der König". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Krach im Ehesanatorium". — Skiklub Gießen: 20 Uhr, „Bergschenke", Abschiedsabend für Kam. Burgsteiner.
Tageskalender für Sonntag.
Reichsportwettkampf des BDM. — Gloria-Palast (Seltersweg): „Broadway-Melodie 1938". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Krach im Ehesanatorium". — Eisenbahn-Verein Gießen: Sommerausflug. — Sportplatz 1900: 15 Uhr, Aufstiegspiel 1900 gegen Sportverein Elz; 1900 II — Braunfels I.
Stadttheater Gießen.
Heute abend findet die letzte Aufführung der Winterspielzeit 1937/38 >tatt: „Der Mustergatte", Schwank in drei Akten von Hopwoob. Spielleitung: Hermann Schultze-Griesheim. Bühnenbild: Karl Löffler. In dieser Vorstellung verabschieden sich vom Gießener Publikum Karl-Ludwig Lindt, gleichzeitig letztes Auftreten von Ruth-Ines Eckermann, Helga Retschy und Hans Paschen.
Die Deutle flrMtafronf
Handharmonikakursus.
Zu dem demnächst beginnenden Kursus können sich noch einige Teilnehmer melden.
Erster Gießener Gttldenientag.
Die Studentenführung der Universität Gießen ist jetzt zum ersten Male nach der Neuordnung des gesamten studentischen Lebens mit der Veranstaltung eines Gießener Studententages an die Oeffentlichkeit getreten. Diöse Studententage sollen den jungen Studenten die Möglichkeit bieten, sich mit den in den Altherrenbünden vereinigten Alten Herren alljährlich zusammenzufinden, um gemeinsam, nach der Zielsetzung der Reichsstudentenführung, im nationalsozialistischen Geiste den Idealen zu dienen, die um die jungen und die alten Studenten ein gemeinsames geistiges Band schlingen.
Der Erste Gießener Studententag begann am gestrigen Freitagnachmittag mit Sportwettkämpfen auf dem Universitäts-Sportplatz. Hierüber bringen wir im Sportteil unserer heutigen Ausgabe einen eingehenden Bericht. Am gestrigen Abend fand dann im Studentenhaus eine Vegriißung der AH.-Vorsitzenden
mit ihren Obmännern
statt. Dazu hatten sich neben vielen Alten Herren zahlreiche Ehrengäste von der Partei, der Wehrmacht, der staatlichen und lokalen Behörden, ferner Angehörige des Lehrkörpers der Universität eingefunden, um in Gemeinschaft mit dem Studenten- führer und den Amtsleitern sowie den Kameraden der Gießener Studentenschaft einige Stunden des geselligen Beisammenseins zu verbringen.
Studentenführer Frank
richtete zu Beginn eine Ansprache an die Alten Herren und an die übrigen Gäste, in der er nach herzlichen Begrüßungsworten u. a. darauf hinwies, daß die früheren Verbände sich nach ihrer freiwilligen Auflösung m den NS.-Altherrenbund, der ein Teil des NSDStB. ist, ein gegliedert haben, und daß nunmehr das gesamte deutsche (Studententum unter der Führung des Reichsstubentensührers Scheel eine einheitliche Ausrichtung erfahren hat. Er gab dann in großen Zügen einen kurzen Rückblick auf die deutsche Geschichte und auf das Sehnen und Streben nach der Einheit des Deutschen Reiches, wobei er auch die widerstrebenden Kräfte während der verschiedenen Epochen der deutschen Geschichte andeutete. Dann betonte er, daß die unvergeßlichen Tage des Kriegsausbruchs von 1914 und der Tag der natio n alsoziakistischen Erhebung am 30. Januar 1933 eng zusammengehören, wie auch der Tag, an dem unser Führer Adolf Hitler die alte Ostmark Oesterreich mit dem Altreich zu einer für alle Zeiten unzertrennlichen Einheit zusammenschmolz. Mit Stolz konnte Studenten führ er Frank dabei betonen, daß bei allen diesen großen nationalen Werken bei diesen Brückenschlägen vom Zweiten zum Dritten Reich und von der Ostmark zum Altreich, ein großer Teil der besten nationalsozialistischen Vorkämpfer deutsche Studenten waren. Dann stellte er eindringlich auch die Aufgabe in den Vordergrund, als eiserner Block der Gemeinschaft, in Gehorsam und Treue, als allezeit einsatzfreudige Gefolgsmänner des Führers weiter, mitzuarbeiten an den großen Aufgaben, die der Führer bei seinem Aufbauwerk dem deutschen Studententum gestellt hat. Dabei ist die Richtung: Alles für Deutschland!, der Weg: nach jeder Richtung hin unverbrüchliche Haltung im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung. Unter diese Aufgabe und Zielsetzung ist die Arbeit in den Kameradschaften der Studenten gestellt, um deren tatkräftige Förderung er die Alten Herren bat.
Jtn Namen des Altherrnbundes der deutschen Studenten im Hochschulring Universität Gießen sprach im weiteren Verlaufe des Abends der Hochschulrwgführer Prof. Or. Riehm. Er stellte den Alten Herren den Gewmn durch die Neuordnung im studentischen Leben vor Augen,
nämlich den Anschluß an den NSDStB. und damit die Heranziehung zur Mitarbeit an den Aufgaben der Partei, die mit ihrem Wirken mitten im Volke steht. Er bat die Alten Herren, an der Mitarbeit bei diesen Aufgaben tatkräftig und mit warmem Herzen teilzunehmen, nicht nur an bas Alte zu denken, sondern auch die neuen Gedanken und Aufgaben in sich auszunehmen und sich durch ihre Mitgliedschaft in den Altherrnbünden in eine Front mit den jungen Studenten zu stellen, um zu arbeiten^ und zu werben für die großen Aufgaben des Stubententums, zugleich auch für unsere Universität Gießen unb bereu studentischen Nachwuchs.
Prorektor Prof. Or. Oietz
sprach als Vertreter des verhinderten Rektors zu den Alten Herren. Er betonte, daß schon immer in Gießen zwischen den Professoren unb ben Studenten enge Banbe der Kameradschaft bestanden haben, die auch für die wissenschaftliche Arbeit beider Teile sehr bedeutsam geworden find. Dann gab er dem Wunsche Ausdruck, baß dieser guten Kameradschaft zwischen Professor unb Student auch in Zukunft ein gedeihliches Leben und Wirken beschieden fein und bie Gemeinschaft im Geiste des Nationalsozialismus an unserer Universität weiterhin eine gute Pflegstatt haben möge. Mit diesen Wünschen bat er zugleich alle alten unb jungen Stubenten, mit zukunftsfrohen Blicken bie neuen Formen unb Gestaltungen bes (Studenten tu ms anzusehen und im Geiste der nationalsozialistischen Weltanschauung daran mitzuarbeiten.
Bürgermeister Prof. Or. Hamm
überbrachte hierauf in Vertretung bes am Erscheinen verhinderten Oberbürgermeisters die besten Grüße und Wünsche der Stadt Gießen. Er erinnerte an bie stets innige Verbundenheit zwischen den Studenten und der Gießener Bevölkerung sowie an die schönen Ergebnisse, die seit vielen Jahren aus dieser Gemeinschaft für das Leben beider Teile
entstanden sind. Daß diese engen Beziehungen weiterhin zum Besten der Universität, der Studenten und her Gießener Bevölkerung bestehen bleiben möchten, brachte der Redner als besonderen Wunsch der Stadtverwaltung bei diesem Ersten Gießener (Stubententag zum Ausbruck.
Neben diesen kurzen Ansprachen waren bie Stauben bes geselligen Beisammenseins noch mit guter kamerabschaftlicher Unterhaltung im besten Gemein- schastsgeiste ausgefüllt.
Der heutige Tag.
Am heutigen zweiten Tage bes Stubententages wirb eine Gefallenen-Ehruna mit Festakt in oer Aula ftattfinden. Weiterhin ist eine Tagung in der Aula vorgesehen, bie ber wissenschaftlichen Arbeit im Dienste bes nationalsozialistischen Staates ge- roibmet sein wirb. Kamerabschastsabenbe werben ben heutigen Tag beschließen.
Oie gesamte Bevölkerung eingeladen.
Die Studentenführung lädt heute die gesamte Bevölkerung von Gießen zu allen öffentlichen Veranstaltungen während der Studententage, insbe-
Man kann es nicht oft genug betonpn, wie wenig es kostet, seine Räume m \uiaJa6m, dem dauerhaften und farbschönen
Bodenbelag auszulegen.
PROSPEKT 61 DURCH BALATUM-WERKE . NEUSS
sondere zu dem Volksfest am morgigen Sonntagnachmittag, ein. Man erwartet seitens der Studentenschaft, daß alle Volksgenossen an diesen Veranstaltungen teilnehmen.
Jd) war Soldat und war es gerne
Alte und junge 116er freuen sich auf das Wiedersehen.
Kameradschaft! In den „Pflichten des deutschen Soldaten" lautet der Artikel 6: „Kampfgemeinschaft erfth*dert Kameradschaft. Sie bewährt sich besonders in Not und Gefahr." Und in einem alten Soldatenlied heißt es: „Wir halten zusammen, wie treue Brüder tun, wenn Tod uns umtobet unb wenn bie Waffen ruh'n." Unzählige Beispiele treuer Kamerabschaft gab ber Große Krieg.
Im Zeichen biefer oft bewährten Kamerabschaft wirb beim bevorstehenden Regimentsappell ber Kamerabschaftsabenb am 18. Juni in ber Volkshalle unb im großen Zelt auf bem Trieb stehen. Die Aeltesten, bie sich in diesem Jahre in treuer Anhänglichkeit zu ihrem alten Regiment so besonders zahlreich zur Teilnahme an ber Jubelfeier bes Regiments angemelbet haben, werden die gemeinsamen, unvergeßlichen Erlebnisse in ihrer alten Garnisonstabt Gießen auf dem Kasernenhof, dem Exerzierplatz, dem Truppenübungsplatz unb in bem Manöver austauschen.
Die Anmeldeliste ber über 80jährigen hat sich bereits mieber verstärkt. Es melbete sich beim Regiment ber fast 89jährige Altveteran Wagner und Musiker a. D. Johannes Schäfer IX. aus Steinberg bei Gießen. Johannes Schäfer diente von 1871 bis 1874 in der Leibkompanie des Regiments und war bei der Regimentsmusik. Johannes Schäfer will am Kameradschaftsabend am 18. Juni feinen 89jährigen Geburtstag feiern.
Die Jüngeren werden über das stärkste Kame- radfchaftserlebnis, den Großen Krieg, natürlich am meisten sprechen. „Wo ist ber ...?" „Er ist im
September 1916 an ber Somme geblieben!" „Wo ist ber unb ber . -..?" „Er liegt in Flanbe'm"
Es gibt viel, viel zu erzählen. Viele Kameraben kommen in biesem Jahre erstmalig zu einem Regimentsappell. Ein Wiedersehen alter Kameraden ber sturmerprobten Regimenter nach 20 unb mehr Jahren. In ben Stanbquartieren, bie in ber Festschrift alle angegeben sind, wird man sich bereits nachmittags kompanieweise treffen.
Der Kameradschaftsabend wird mancherlei Überraschungen bringen. Der Unterhaltungsteil wirb burch bas II. Bataillon unb bie Regi- mentsmusik burchgeführt werben. Die Wogen ber Begeisterung werben höher schlagen.
Aus dem tiefsten Süden und bem höchsten Norden des Reiches werden Teilnehmer kommen. Aus Garmisch-Partenkirchen hat sich derHoch- gebirgsphotograph Hans Huber gemeldet, ber ehemals dem II. Bataillon Referve-JR. 222 angehörte. Aus Husum in Schleswig kommt der Kaufmann Heinrich Hansen I. ehern. 4. Kompanie des Ref.-JR. 222.
Außer den bereits gemeldeten alten Offizieren des Regiments kommt aus Berlin ber Major unb Reichsarchivrat a. D. George Solban. Dieser schrieb bekanntlich das Vorwort zu der 1924 erschienenen Regimentsgeschichte. Major Soldan stand von 1899 bis 1912 als Leutnant im Regiment und wird vielen alten Vorkriegs-Regimentsangehörigen kein Ihtbefannter fein.
Aus Felsberg, Bezirk Kassel, kommt ber Rechnungsrat und Justizobersekretär a. D. Otto
M-ü-1-l-e-r.
33on ©unter Schab.
Wir kannten ihn schon lange. Denn ber Ruhm seiner Helbentaten brang viel eher zu uns als er selbst: Müller. Als wir nach Obertertia kamen, würben wir seine Klassengefährten. Denn er war hängengeblieben unb klärte uns nun über bas, was uns in biesem Jahrgang erwartete, auf. Wir waren noch Kinber, er war schon ein Mann. Nicht nur, baß er sich in der Woche dreimal rasieren mußte, imponierte uns. Er war auch sonst schon viel weiter. Er war ein Jahr zu spät zur Schule gekommen; eines mußte er repetieren; das bedeutete, er war dem Alter nach Obersekundaner, fast Primaner.
Ich glaube, die Lehrer fürchteten ihn. Früher hatte er, was wir nur vom Hörensagen wußten, während der Stunden Streiche verübt, die jeder Sammlung von Schülerhumoresken zur Ehre gereicht hätten. Als wir ihn durch den täglichen Umgang näher kennenlernten, wußte er längst ein andres Mittel, seine Pädagogen bis aufs Blut zu reizen; er spielte mit großartig hinterhältiger Folgerichtigkeit den Dämlichen. Oder er fragte in der Religionsstunde mit bem Augenaufschlag eines reinen Kinbes nach gewissen Bibelstellen. Ober er umsprang ben Mathematiklehrer mit einer beflissenen Unterwürfigkeit, an ber jebe Bewegung Ironie war. Er verbrehte beim Vorlesen im Deutschunterricht, ohne mit ber Wimper zu zucken, ganze Wörter und Sätze unb stotterte, zur Ordnung gerufen, Entschuldigungen, ob der wir urts die Zungen vor Lachen zerbissen; kurz, er betätigte sich als hintergründiger Klassenclown, der nie zu fassen war. D.er Ordinarius sprach mehrfach über die „völlige moralische Unreife dieses Schülers", schrieb bann aber dieses !) Resultat weder ins Klassenbuch noch ins Zeugnis.
Bei uns hieß er... Doch das will ich kurz erzählen. Mit dem neuen Klassenleiter, Professor Werneburg, hatte er's gleich in ber ersten Stunbe verdorben. Werneburg verlangte nämlich, wenn er die Schüler nach der Rangordnung aufrief, um sie in Jein Notjzbuch zu schreiben, daß ein jeder unaufgefordert Vatersnamen und Vornamen zu nennen unb gleich darauf laut und deutlich zu buchstabieren habe. Wir wußten bas unb hatten uns in der Pause verabredet, daß jeder einzelne das Buchstabieren vergessen sollte, damit ber Professor seine Freude habe.
Es ging also los. „Primus?" fragte Werneburg. — Märtens stand auf, wäre «gern brav gewesen,
getraute sich aber aus Angst vor unfern Fäusten nicht, wurde also, was wir ja erreichen wollten, sofort angefahren: „Ich habe Ihnen doch gesagt. Sie sollen unaufgefordert buchstabieren!" — Das tat Märtens nun und betonte bas ä, auf bas es ankam.
„Zweiter?" — Bubzinsky erhob sich, sagte: „Bub- zinsky" unb ließ sich den Vornamen unb bie Schreibweise einzeln aus ben Zähnen ziehen, tat also genau bas, was ber Lehrer hatte oermeiben wollen. Bei allen folgenben Zwanzig Schülern — bie Verschwörung klappte wie auf bem Theater — geschah basfelbe. Jeber stellte sich bumm, unb Werneburg geriet in jenen Zustanb ber Raserei, den wir im Laufe ber nächsten Jahre noch oft zu beobachten Gelegenheit Haden sollten. Kochenb vor Zorn rief ber Professor jetzt in bie Klasse: „Wer kommt jetzt?" Da stand Müller auf und sagte: „Müller, M—ü—l—-l—e—r; Otto, O—t—t—o" unb setzte sich mieber.
„Das weiß ich", fauchte Werneburg schon halb im Delirium. Worauf Müller wieder aufstand unb nochmal sagte: „Müller, M—ü—I—I—e—r, Otto, O—t—t—o." Als baraufhin ber Ordinarius endgültig in bie Luft zu gehen brohte, erhob sich Müller zum drittenmal unb sagte ebenso schlicht wie laut: „Verzeihung, Herr Professor, ich hatte verstanden, Sie hätten gefragt: Wie heißen Sie?"
Das also war Müller, Pastorensohn aus einer kleinen Stadt im Mansfelbischen, der seinen Lehrern soviel Kummer machte. Er hat bann, drei Jahre später, als junger Leutnant, ber nach ber ersten schweren Verwundung ein Vierteljahr lang Ausbildungsdienst machte, dem Professor Werneburg bie Grundregeln allen Soldatentums — Stillge- stanben, Grüßen, Linksum unb Rechtsum — beigebracht. Und er hat das, was er sich vorgenommen hatte, nicht durchgeführt. Er wollte eigentlich den Werneburg „schleifen". Als. aber, 1917, bas klapprige Männchen vor feinem ehemaligen Schüler staub unb so hilfslos breinblitfte, ba hat's bem Leutnant Müller, ber sich im Westen bereits bas Eiserne Kreuz I. Klasse geholt hatte, leib getan, unb er t)at sehr freundlich zu bem alten „Rekruten" gesprochen.
Das war also auch Müller, den wir noch immer M—ü—l—l—e—r nannten. Wir, bas heißt ein paar von uns, bie ihm nach unb nach näherkamen, hatten schon bald erkannt, daß viel mehr hinter ihm und in ihm steckte, als er zu zeigen für gut befand ...
Mit diesem Müller verbindet sich für mich ein Erlebnis, das ich mir noch heute, zwanzig Jahre später, nicht recht zu erklären vermag. Es war wenige Wochen, ehe unsre Klasse, bie mit bem Notabitur bas Gymnasium verlassen hatte, selbst ben
felbgrauen Rock anzog, den Müller schon seit zwei Jahren trug. Ich lief ben „Bummel" in ber Ulrich- straße auf unb ab, jene Strecke, welche wir als Pennäler tagtäglich zwischen sechs und sieben Uhr bevölkerten, unb zu ber wir uns jetzt schon bes- halb besonders hingezogen fühlten, weil auf ihr bie älteren Kameraben stets am ersten zu finden waren, wenn bie Front sie zu kurzem Heimaturlaub entließ. Gleich am Eingang zur Ulrichstraße kam Müller in Zivil neben einem ältern Herrn, den ich nicht kannte, unb winkte mir mit einer Hanb- bewegung freundlich zu, die ausdrückte: gleich sprechen wir uns, du kehrst ja doch an der Ecke um und gehst zurück, bann komme ich dir entgegen.
Ich lief weiter und erwartete bas Zusammentreffen. Ich freute mich, daß er da war. Ich stellte noch fest, baß ihm ber Zivilanzug ein wenig zu weit geworben war.
An ber Ecke ber Alten Promenade machte ich kehrt und spähte nach Müller aus. Ich sah ihn noch nicht, aber ich entdeckte in ber Ferne Adelberg, einen aus ber Runbe der Vertrauten. Ich steuerte auf Adelberg zu und wollte gerade sagen: „Weißt du, daß M—ü—1—l—e—r auf Urlaub ist? Er muß erst vor kurzem aus Frankreich gekommen fein..." Da fiel mir auf, daß Adelberg ein sehr ernstes Gesicht machte. Und ehe ich meine Mitteilung loswerden konnte, sagte Adelberg: „Du, ich komme eben von Müllers Eltern. Sie haben vor einer Stunde ein Telegramm erhalten. Otto ist gestern an ber Westfront gefallen."
Oloria-Palast:
„Broadway-Melodie 1938/'
Wir haben biefe Melvbie von brüben schon einmal gehört, mit ber Erawford seinerzeit, wenn wir uns recht erinnern; unb auch die gleiche ober eine ähnliche Geschichte: bie Geburt ber großen Revue, bie ben Broadway in Schwingungen versetzt, noch ehe die Proben begonnen haben. Man kennt bas Tempo, den Takt, bie Texte, bie in beutscher Übersetzung auf ber Leinwand erscheinen; man kennt auch den Step, ber ben rhythmischen Motor bes Geschehens barstellt unb aus jeber beliebigen Situation heraus angesetzt werben kann. Trotzdem kann man einen Film wie diesen nicht oder nur indirekt beschreiben, geschweige denn seinen Inhalt erzählen. Der Unterschied wird ganz deutlich, wenn man etwa einen deutschen Film daneben betrachtet, ber thematisch ungefähr auf ber gleichen Linie liegt, wie „Es leuchten die Sterne . Auch ein Revue- Film, aber mit Hanblung, mit menschlichen Hinter
gründen, stellenweise fast ein bißchen romantisch. Die Amerikaner machen es mit bem Rhythmus, mit ber Groteske, mit der Situation des Augenblicks. Zum Beispiel: ein Rennpferd, bas ein wahnsinniges Tempo bekommt, sobald es Musik hört; ober ber Frkseur, der einen unter dem schmetternden Gesang bes Toreroliedes rasiert; ober bas Tanzpaar im ftrömenben Regen; ober ber Professor, ber zehn verschiebene. Arten bes Niesens entdeckt hat und sie praktisch vorführt. Man kann es nicht beschreiben; man muß es sehen unb hören. Regie führte Roy bei Ruth. Eleanor Powell ist bas Girl, bas sich burchsetzt: sympathisches, natürliches Wesen; präzise Körperbeherrschung, bie den Step- tanz zur Virtuosität entwickelt. (Der eintönige Rhythmus wirkt allerdings für unseren Geschmack am Ende ein wenig ermüdend.) Robert Taylor ist ihr Partner, typisch amerikanisch im äußeren Eindruck, in ber Führung des Dialogs, m ber Anlage ber Rolle. Um diese beiden gruppieren sich ber lange, schlenkrige Komiker Buddy E b f e n , George Murphy, Judy Garland, Robert Wi ld- h a ck unb anbere. — (Metro-Goldwyn-Mayer.)
♦
Im Beiprogramm sieht man schöne Ausnahmen aus Würzburg, einen Vorspann zum „König" und bie neue Wochenschau. Hans Thyriot.
t Zeitschriften.
— Das Maiheft ber „I n n e n - D e k o r a t i o n", Verlagsanstalt Alexanber Koch, G. m. b. H., Stutt- gart-O., Neckarftraße 121, bringt als erste Veröffentlichung nach ber Heimkehr Oesterreichs in ben deutschen Volksverbanb Großbeutschlanbs Kunsthanb- werk mit führenben Leistungen, bie klar ben inneren Zusammenhang erkennen lassen. Den Auftakt bildet ein Bildbericht über die Raumgestaltung und bas Kunsthandwerk auf der Ausstellung im Haus ber Deutschen Kunst. Neben bem Können P. L. Troosts, bas in mehreren Raumbilbem unb Einzelstücken hervortritt, geben Räume von Bruno Paul, Emil Veit, Anton Possenbacher bie Linie^M^ls^beI.Jich unsere beutsche Raumgestaltung bjfoegt Damit ver- binben sich Stichproben bes Neinkunsthandwerks (mie Tafelgedecke, Schreibtischgarnituren, Gewebe, Metallarbeiten, Wandbehänge,/Keramik), welche bas entwickelte Materialgefühl, die' Formreife bes beut- schen Schaffens zeigen. — Hieran schließt sich eine Auswahl von Wiener Raumgestaltungen, meistens Arbeiten bes Architekten Professor Oswalb Haerbtl, von bem ein repräsentatives Speisezimmer von ber Pariser Weltausstellung unb ein£ Raumfolge aus Wiener Stabtwohnungen gezeigt merben.


