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Nr. 16 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Dienstag, 2b. April M8
Wehrhaftigkeit und Weltanschauung.
Vortrag des Staatsministers Prof. Schmitthenner in Gießen.
Aus der Stadt Gießen. I
Schlump.
Der kleine Terrier mit den neugierig lauschenden Stehohren, der langen Schnauze, den ewig sich verwundernden Augen und den kurzen Beinen, dem alles auffällt und der alles anbellt, erinnert mich immer an einen drollig aufgetakelten Clown, der mit zu tief hängenden Hofen in komischem Anlauf in eine Zirkusarene trippelt, um dort mit aufgeregten Gesten und viel Stimmenaufwand Fragen zu stellen, die ihn lächerlich machen. Äuffällig ist dabei seine Beharrlichkeit, sein starrsinniges Festhalten an einem Gedanken, seine Unbelehrbarkeit.
So betut sich Schlump, wenn er im Garten oder vor dem Haus herumstreift. Er kennt alle Dinge, tut zum mindesten vertraut mit ihnen und gerät darum in Harnisch, wenn sich etwas einschleichen will, wenn mit einemmal etwas dasteht, was nicht hergehört. Er bellt den fremden Gegenstand mit wilden Scheinangriffen an, zuerst vorsichtia allerdings, schließlich aber um so dreister und heftiger, je länger und hartnäckiger das Auffällige seinen Platz behauptet: Etwa die Leiter eines Schornsteinfegers, die er an die Hauswand angelehnt entdeckt^ Zwischen den Pausen seines wütenden Gedells, das zuweilen seine Stimme zum Umschlagen bringt, rennt er erregt hin und her, als suche er auf der Straße Beistand und Hilfe.
Einmal, auf einer seiner kleinen, Gartenpromenaden, prallte seine alles beschnuppernde Schnauze jäh.vor einer aufflatternden Amsel zurück, die unter einem Busch einen Regenwurm aufgepickt hatte. Der Schreck verschlug ihm im Augenblick die Stimme, aber als sich der Bogel, ihn völlig mißachtend, auf eine Zaunlatte setzte und sogar unbekümmert auf dem Gatter entlanghüpfte, machte er seinem Unmut und Aerger um so hemmungsloser Luft. Er stieß wiederholt mit seinen Vorderpfoten wild in den Wegsand und duckte sich drohend wie zum Sprung, aber sein Toben machte keinen Eindruck. Da brummte ihm eine Biene an der Schnauze vorbei und lenkte ihn ab. Er sah sie in einen Blumenkelch kriechen und schnappte, vorsichtig allerdings, zu. Die Biene flog mit einem kleinen Bogen zu einer anderen Blüte und sammelte weiter. Sie hatte einen großen Flug hinter sich und ließ sich von ihrem Arbeitsfeld nicht verdrängen. Sie summte es Schlump, als er wieder angriff, sehr deutlich um« die Ohren, ohne indes den Unbelehrbaren überzeugen zu können.
Aber plötzlich schrie und jaulte Schlump kläglich auf und verließ mit eingezvgenem Schweif den Garten. Die kleine Biene hatte es ihn spüren lassen, daß Nichtstuer und Störenfriede auf einem Arbeitsplatz nichts zu suchen haben. Schlump wird es zwar nie begreifen, aber er wird den kleinen Summern aus dem Wege gehen. P. B.
Vornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Stadttheater, 20 bis 23 Uhr: „Marietta". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Olympia, Fest der Völker". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Florentine". — Goethe-Bund und Kaufmännischer Verein, Arbeitsgemeinschaft Gießener Soldatengemeinschaften, 20 Uhr in der Neuen Aula: Hans Zöber- lein liest aus eigenen Werken. — Deutsche Bau- und Siedlungsgemeinschaft, 20.30 Uhr im „Hotel Viktoria", Bahnhofttraße, Vortrag über: „Wie bringe ich es zu einem Eigenheim und wie mache ich es fchuldenftei?" — Oberheffischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: von 17 bis 18 Uhr Gefamt- schau Richard Walter (Darmstadt) „Landschaften seiner Heimat".
Stadttheater Gießen.
Heute um 20 Uhr findet eine Wiederholung der mit großem Erfolg aufgenommenen Operette „Marietta" von Walter Kollo statt. Musikalische Leitung Joachim Popelka, Spielleitung Karl Ludwig Lindt, Tänze Irmgard Zenner. Bühnenbild Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 28. Vorstellung der Dienstag-Miete statt. Anfang 20 Uhr.
Das Dolksbildungswerk der NSG. „Kraft durch Freude" vermittelte am gestrigen Montagabend im Saale des Caf6 Leib einen Vortrag, der zu den bedeutendsten Ereignissen der Dorttagstätigkeit in diesem Winter in Gießen gehört.
Der badische Staatsminister Prof. Schmitthenner sprach vor einer großen Hörerschaft, in deren Mitte sich auch der Kreisleiter, Vertreter der Wehrmacht und der Behörden befanden, in außerordentlich fesselnder Weise über das Thema „Wehrhaftigkeit und Weltanschauung".
Einleitend wies der Vortragende auf den wunderbaren Wiederaufstieg Deutschlands zum Range einer Großmacht allein durch den Führer, und auf die Ausweitung des Dritten Reiches zum Großdeutschen Reich hin. Er ermahnte alle Volksgenossen, weiterhin alle Kräfte anzuspannen für die Mitarbeit an dem großen Aufbauwerk des Führers, damit das deutsche Volk für alle Zeiten ein politisch reifes Volk bleibt und sich diese Eigenschaft sichert auch für die Zeiten, da ihm, einst nicht mehr ein so genialer Führer voranschreitet, wie heute.
Staatsminister Schmitt Henner entrollte so- dann vor dem geistigen Auge seiner Hörer ein interessantes Bild des Verlaufes der Geschichte unseres Volkes im Vergleich zu der Geschichte etwa Frankreichs und Englands. Dabei zeichnete er in klaren Darlegungen das Auf und Ab der deutschen Geschichte etwa wie einen Zickzackblitz vor der Erkenntnis der Hörer auf. Zu diesem Auf und Ab gehöre, so betonte der Redner, auch die deutsche Wehrhaftigkeit, wie sie früher war, mit den zwiespältigen Eigenschaften unseres Volkes. Als gute Eigenschaften hob er hervor: die persönliche solda- ttsche Tüchtigkeit des einzelnen deutschen Mannes, wie wir sie in der jüngsten deutschen Geschichte besonders an den Leistungen im Weltkriege gesehen haben; die Befähigung des deutschen Mannes zur soldatischen Gemeinschaftserziehung und zur seelischen GemeinschastÄeistung; die besondere Begabung des deutschen Menschen für wehrtaktische wehrtechnische und wehrgeistige Dinge (Beispiel: Clausewitz); die innere Verbindung, in der sich das deutsche Volk immer mit dem Gedanken der allgemeinen Wehrpflicht befand. Als Kehrseite stellte er folgendes heraus: die politische Unfähigkeit, aus dem wunderbaren deutschen Menschen etwas zu machen für das Ganze, für das Volk, für den völkischen Bereich; die politische Fähigkeit fehlte unserem Volke, von wenigen Hochpunkten seines Lebens abgesehen, früher fo gut wie ganz. Früher gab es jahrhundertelang kein völkisches deutsches Gemeinschaftsheer, kein einiges deutsches Vaterland, dagegen die Auflösung in viele deutsche Vaterländer und die von diesen gestellten, mehr oder minder großen Truppenkontingente. 'In diesem Zusammenhänge schilderte der Vorttagende das für alle deutschen Menschen wahrhaft erschütternde Bild der Auflösung und Zersplitterung der deutschen Kräfte ftüherer Zeiten, selbst bis in das vorige Jahrhundert hinein. Sogar das ruhmreichste Heer der Erde, das im Weltkrieg glänzend bewährte Heer des deutschen Zweiten Reiches, das leider nur ein halbes Jahrhundert bestand, war noch weit entfernt von der Erfassung aller deutschen wehrfähigen Kräfte. Zusammenfassend ist zu sagen: auf der einen Seite die wunderbaren militärischen Kräfte der deutschen Menschen, auf der anderen Seite die vollendete Unfähigkeit, daraus politisch etwas zu machen.
Bei der Erforschung der Ursachen für diesen verhängnisvollen Zwiespalt lenkte Staatsminister Sch mitthenn er die Gedanken der Hörer hin auf die fundamentalen Grundlagen von Blut und Boden. Er machte deutlich, daß jener Zwiespalt eine der wesentlichsten Ursachen in der Verfälschung des deutschen Blutes durch Ueberfremdung mit art
widersprechendem Blut und Einflüssen hat, daß dadurch die guten Eigenschaften unseres Volkes auch in den seelischen Auswirkungen sehr zuungunsten unseres Volkes beeinträchtigt wurden. Weiter kennzeichnete er das folgenschwere zersetzende Wirken des Partikularismus auf allen Gebieten des deutschen Lebens, bis in das geistig-seelische Gebiet hinüber. Diese Zerrissenheit, die auch die guten seelischen Kräfte des deutschen Volkes zerstörte, habe unser Volk schließlich bis in das Narrenhaus des Weimarer Staates hineingeführt, da es leider früher große Führer zur Beseitigung dieses Nebels — selbst Bismarck mußte notgedrungen mit dem Partikularismus und dem Liberalismus sowie mit jenem Deutschen Reichstag als sichtbaren Ausdruck der deutschen Zerrissenheit paktieren — nicht besaß, die die deutsche Seele hätten retten können. Hinzu kam, daß auch vom Bvden her, aus den geographischen und geopolitschen Kräften, keine Wendung zum Guten kam, du leider auch in dieser Hinsicht in Deutschland mehr Trennendes und Auflösendes als Zusammenfügendes vorhanden war. Mit einer Reihe von aufschlußreichen Darstellungen in Lichtbildern führte der Vortragende den überzeugenden Beweis für diese Tatsachen. U. a. hob er dabei als Vergleich die Entwicklung der Geschichte in den Ländern rings um Deutschland herum hervor, und er betonte mit Nachdruck, daß insbesondere in England und in Frankreich stets wehrpolitische Zivilisten in Hülle und Fülle vorhanden und für ihr Volk am Werk waren, weil jene Völker politische Reife hatten, dagegen bei uns — abgesehen von Bismarck — vor dem furchtbaren Zusammenbruch nicht ein einziger wehrpolitischer Zivilist aus dem deutschen Volke herausgewachsen war. l
Während beispielsweise in Frankreich immer eine innige Verbindung zwischen Heer und Volk bestand, wurde in Deutschland vor dem Kriege die allgemeine Wehrpflicht bei weitem nicht verwirklicht, sie stand nur auf dem Papier, denn in Wirklichkeit blieben alljährlich Hunderttausende wehrfähiger junger Männer vom Wehrdienst befreit, eine Entwicklung, die dahin führte, daß unserem Volke beim Ausbruch des Weltkrieges rund 5 Millionen ausgebildeter, wehrfähiger Krieger zum sofortigen Einsatz fehlten. Wäre die Entwicklung vor dem Kriege anders verlaufen und hätten uns diese 5 Millionen damals sofort als Frontkämpfer zur Verfügung gestanden, so wäre das deutsche Schicksal und auch die ganze Weltgeschichte ganz anders geworden. Bei der Betrachtung jener Entwicklung betonte der Redner klar und lehrreich, daß man es in Deutschland vor dem Kriege an der erforderlichen politischen Erziehung und Aufklärung, an der wirtschaftlichen und sozialen Betreuung und an der besseren Gestaltung der Lebensverhältnisse der aus dem Heeresdienst zur Reserve entlaßenen deutschen Männer vollkommen hat fehlen lassen, alles nur aus mangelndem politischem Instinkt und Verstand, aus kurzsichtiger und falscher Sparsamkeit, aus wirtschaftlicher Engherzigkeit, aus mangelndem seelischen Einfühlungsvermögen in das Empfinden der breiten Schichten unseres Volkes.
Erst jetzt ist dem deutschen Volke zum er st en Male in seiner Geschichte ein Mann er st an den, derihm wahrer Führer zu einer besseren Zeit ist. Dieser Mann hat den Partikularismus im deutschen Volke beseitigt, alles Zerreißende aus der deutschen Seele genommen, den völkischen Gedanken in unser Volk hingepflanzt, an Stelle des Klassengedankens den sozialistischen Gemeinschaftsgedanken gesetzt, dem deutschen Volke eine einheitliche, auf der völkischen Grundlage ruhende Weltanschauung gegeben und das deutsche Volk zu einem wahrhaft politischen Volk gemacht. Auf dieser Grundlage hat er unserem Volke durch die Partei und durch die Wehrmacht auch die für das Wohl des Volkes dringend notwendige wehrpolitische Erziehung gegeben, durch die der neue politische Mensch mit wehrpolitischem
Verständnis mm Heil unseres Volkes geschaffen wird. Diese neue soldatisch-politische Wehrhaftigkeit wird das ^ebensschicksal unseres Volkes einen besseren Öang führen, als die Zeit vor dem Kriege.
Der Führer hat für diese neuen Wege das deutsche Volk zur Gefolgschaft aufgerufen. Wir alle gehören zu ihm, und wir alle müssen uns bemühen, durch unsere Mitarbeit und durch unsere Haltung uns dieses großen deutschen Mannes, unseres Führers würdig zu erweisen. Das ist die Forderung, die an alle deutschen Menschen gestellt wird, die in der Gefolgschaft dieses herrlichen deutschen Führers einer neuen großen Zukunft unseres Volkes zustreben.
Der Vortrag fand die begeisterte Zustimmung der großen Versammlung, die damit ihre Uebereim ftimmung mit dem Redner eindrucksvoll bekundete^
Einsatz derGA. zum Schutz des Waldes.
NSG. Mehr denn je ist es notwendig, daß jeder LZolksgenosse sich bewußt ist, daß der deutsche Wald unbedingt geschützt, gepflegt und gehegt werden muß. Für die Erholung der Volksgenossen und vor allem für den Dierjahresplan und somit für das gesamte Werk unseres Führers muß der deutsche Wald erhalten bleiben. Er darf nicht durch Leichtsinn vernichtet werden. Das bedeutet, daß kein Volksgenosse innerhalb der Wälder rauchen darf. Weder eine offene Pfeife noch eine Zigarre oder
Wahrend der Wechseljahre
treten häufig Unpäßlichkeiten auf, wie Blutandrang zum Kops, fliegende Hit?e, und zuweilen machen sich Nervenstörungen unangenehm bemerkbar. Als ein ausgezeichnetes Mittel, das diese Beschwerden und Schmerzen lindert, hat sich seit über einem Jahrhundert Klosterfrau = Melissengeist bewährt, Ser, regelmäßig angewendet, wie in den Wechseljahren so auch in den kritischen Tagen der Frau wertvolle Dienste leistet. Man nimmt bei Bedarf auf einen Teelöffel Feinzucker etwas Klosterfrau- Melissengeist oder trinkt einen Teelöffel davon auf einen Eßlöffel Wasser. Schon nach kurzer Zeit bemerken die meisten Menschen eine deutlich fühlbare Besserung.
Verlangen Sie Klosterfrau-Melissengeist in der nächsten Apotheke oder Drogerie. Nur echt in der blauen Packung mit den drei Nonnen: niemals lose.
Zigarette darf er sich anbretmen. Das Anzünden ungeschützten Feuers kann ungeheuren Schaden anrichten. Hier liegt die Erfüllung der großen Aufgabe, an der jeder einzelne mitarbeiten muß.
Den Schutz des deutschen Waldes hat auch in diesem Jayre wieder die SA. als eine Sonderausgabe übernommen. Die SA.-Gruppe Hessen setzt in enger Zusammenarbeit mit der Forstoerwaltung innerhalb ihres Bereiches einen Waldstteifendienst ein. Er hat darüber zu wachen, daß das Aufbauwerk des Führers nicht durch Leichtsinn oder Frevel am deutschen Wald gefährdet wird.
An die Volksgenossen ergeht der Ruf, diesen Dienst der SA. zu erleichtern und den Anforderungen des SA.-Streifendienstes Folge zu leisten. Unterlaßt das Rauchen und Feuerwachen im Walde! Die Brände vernichten riesige Werte deutschen Dolksvermögens!
Von unserer Gießener ff.
Nach den letzten anstrengenden Wochen vor der Wahl hatte zum Abend des 23. April der » Sturm 1/83 die Männer des Standorts Gießen mit ihren Frauen und Bräuten zu einem Sippenabend im „Burghof" eingeladen.
Neben den Kameraden mit ihren Angehörigen begrüßte zu Beginn der Führer des Sturmes, Obersturmführer Behncke, die Vertreter der Polizei. Sein besonderer Gruß galt dem neuen Führer des I. Sturmbanns der 83. '^-Standarte (Gießen), ^-Untersturmführer Erich S t a st n y - H a i n, seither Führer in der 28. ^-Standarte, der es sich nicht hatte nehmen lassen, trotzdem er erst lbenige Stunden iji Gießen war, sich auf diesem Wege mit den Gießener
Feierlicher Frühling.
Von Hedwig Zerstreuter
Da sicht er, der kleine Apfelbaum, im Herbst noch ein dünnes, sperriges Gerüst von einem Bäumchen, da steht er nun und hat richtige grüne Blätter, zierlich ausgeschnitten wie mit der Schere, und fünf zarte rosa Blütenbüschel. Ja, fünf im ganzen! Denn er blüht zum ersten Male. Es ist nicht zu glauben, wie prächtig er aussieht! Seine Zweige halten die Blütenbüschel wie in unsäglichem Stolz, als wüßte der kleine Baum, was er mit diesen Blüten geleistet hat. Er ist mit seinem Blühen emporgerückt in eine neue Reihe seiner Bruder, ist sozusagen halb erwachsen und strählt und duftet mit in dem großen Farbenglanz, der rings um
ihn anhob.
Im Herbst, als wir ihn pflanzten, war die Welt grau und fröstelnd. Aber dem gütigen alten Garten- sie und, der beim Einsenken half, lachten die Augen, und er häufelte die Erde so behutsam als begehe er eine feierliche Handlung. Zum Schliffst legte er die rauhe, rissige Hand an die glatte Rinde; des Bäumchens, und die Worte „Er soll gut und kräftig gedeihen!" klangen gleich einem uralten Segen über den Wipfel hin. Die aufgebrochene Erde roch nach Herbst und vergehendem Laub. Und etwas vom Uranfang, von Schöpfung und Werden war in der nebligen Stille um uns.
Heute steht blauender Himmel über dem Garten, die Wegränder glühen von Tulpen und gelben Strahlenblumen, die Erdbeeren in den Rabatten blühen elfenbeinweiß, der Fllederbusch an der Laube schüttet seine lila Wolken herab, und an den schwarzen Johannisbeerbüschen ist ein überschwängliches Blühen von kleinen grünvioletten Trauben, die ihren eigenen gewürzigen Dust haben.
Im Gerank der Waldrebe aber lebt ein Geheimnis, und man muß sehr leise auftreten, wenn man dort vorübergeht, man darf nicht unnötig mit dem Pumpenschwengel lärmen oder mit den Gießkannen klappern, denn ein kleiner Vogel, ein Fink, hat dort sein Nest gebaut. — Als wir die Busche ausemander- bogen, um die Bohnenstangen aus ihrem Versteck zwischen Zwei Astgabeln hervorzuziehen, huschte ein kleiner Schatten aus dem Waldrebenoersteck, wir entdeckten ein Nest in dem Gerank und beeilten uns sehr mit unserer Arbeit, damit der Bogel zurückkehren könne. Als wir gegen Abend noch einmal vorsichtig nachsehen kamen sahen wir die Federspitzen des Schwanzes zierlich über den Nest
rand ragen, und dunkle Perlaugen blickten uns angstvoll bangend an. Wie leise schlichen wir da fort, die brütende Mutter nicht zu stören.
Doppelt lebendig und beseelt erscheint uns nun der Garten, da er bald auch junge Dogelleben hüten wird zu all dem anderen Wachstumssegen, der sich mit unzähligen Keimen und Blüten ringsum regt, immer wachsend und drängend, bei Tag und bei Nacht. Nun haben mir eine Sorge mehr. Zu der steten Beunruhigung, ob auch der Drahtzaun mit Steinen und Erde sorgsam genug befestigt sei, daß die Kaninchen in Zukunft unsere jungen Nelkensprossen und den Phlox in Ruhe lassen, zu dieser Sorge kommt nun auch noch die Angst, ob keine stromernde Katze den Garten besucht und den lieblichen Vogelfrieden stört. — Wir möchten einen Bannkreis ziehen um Laube und Nest wie im heiligen Wald des Gralsgebietes.
Für empfängliche Herzen, die noch eine andere Sprache verstehen als die lauten, zwischen Menschen üblichen Worte — für sie ist dieser Pannkreis jetzt schon da. Ein magischer Ring schließt sich, sobald man den Garten betritt. Je zur Rechten wie zur Linken über den Beeten steht ein mächtiger Apfelbaum mit weitausladenden Aesten, überall an den Zweigen und Zweiglein sind zarte Knospensträuße, rosa schimmernd im ersten Schmelz. Wie ein frühlingshaftes Tor schließen die Bäume den Weg ein. So feierlich ist die Art, wie sie dastehen, so mütterlich behütend ist die Gebärde, daß man leiser auftritt, wenn man an ihnen vorübergeht.
Am Nachbarzaim blüht ein später Pflaumenbaum, der Gärtner holte sich aus einem fremden Garten Zweige einer anderen Pflaumensorte und stäubt mit diesem weißen Busch die Blüten seines Baumes an. Das geschieht mit bedächtigem Ernst; wir wagen ihn nicht anzureden, denn was er da tut, greift ein in das schöpferische Geheimnis.
Der Atem des Unbekannten, Verheißenden weht durch den Garten; er haucht aus dem feinen Duft der Blüten, dem strengen Geruch der Erde. Alles steht fast unwirklich da in der triumphierenden Helle; es ist, als staunte der Garten über fein schnelles Wachsen, diesen lebenstollen, verschwenderischen Trieb, wie Kinder staunen. Das jüngste, verwirrteste Kind des Gartens aber ist der kleine Apfelbaum, der in die Welt sieht, benommen von ihrer Schönheit und benommen von feinem eigenen, eben erblühten Reichtum, demütig und stolz zugleich: der kleine Baum, um den noch immer etwas von jenem Segenswort des Pflanzmorgens klingt.
Gtraßenauflauf.
EineverrückteGeschichievonWaldemarKeller.
Ein Herr steht am Randstein und,ist anscheinend verzweifelt. Er reibt sich die Stirn, ballt die Hand zur Faust und preßt sie vor den Mund, macht zwei Schritte nach links, zwei nach rechts, und zwischendurch wühlt er immer wieder in den Manteltaschen, bewegt die Lippen, seufzt. Sein Benehmen ist so auffallend, daß ein paar Leute stehenbleiben und ihn bettachten. Auch eine Dame, die 'ein großes Kuchenpaket trägt, schaut sich neugierig und verwundert den seltsamen Menschen an. Er ist noch jung und sieht gut aus. Fehlt ihm was?
Da macht der Herr plötzlich eine scharfe Wendung, tritt auf die Dame zu und sagt: „Verzeihen Sie, bitte, wann war doch die Schlacht bei Cutter am Barenberg?"
Nun ist eine Same, die gerade Kuchen eingekauft hat, im allgemeinen auf solch eine Frage wenig vorbereitet. Möglicherweise denkt sie an ihr Kränzchen, aber bestimmt nicht an die Schlacht bei Lutter am Barenberg.
Die Dame weicht einen Schritt zurück. Sie kriegt Angst. Die Umherstehenden kommen näher.
„Erinnern Sie sich, bitte", fährt der Herr fort, „Tilly besiegte damals Christian den Vierten von Dänemark. Wann war es nur, wann war es?!"
„Schrecklich!" sagt die Dame und rennt fort.
Der Herr hält sich mit beiden Händen den Kopf. Eine Sekunde lang schließt er die Augen. Dann richtet sich sein Blick auf einen Botenjungen, der vor lauter Interesse vom Rad gestiegen ist. Es wird allmählich ein Sttaßenauflaus.
„Du mußt es doch wissen", redet der Herr den Jungen an, „Schlacht bei Lutter am Darenberg — wann, wann? Du mußt es in der Schule gelernt haben."
„Sst!" macht der Bengel und klopft sich mit dem Finger an die Schläfe.
Ehe noch der Herr etwas erwidern kann, hat diese Geste ihre Wirkung ausgeübt.
„Der ist weiß Gott übergeschnappt ... darf so was frei Serumlaufen?" läßt sich eine Stimme vernehmen.
Und eine andere fügt hinzu: „Man sollte den Rettungswagen alarmieren. Der Mensch richtet womöglich noch Unglück an."
Was denken Sie von mir!" fährt der Verzweifelte auf. „Ich bin völlig Herr meiner Sinne. Oder ist es vielleicht ein Zeichen von Verrücktheit, daß man nach der Schlacht bei Lutter am Barenberg fragt?"
• „So ziemlich", entgegnet ein dicker, kräftiger Mann, der sich einen Weg durch das Häuflein gebahnt hat. Er macht den Eindruck eines friedlichen, sogar etwas bequemen Bürgers; niemand würde ihm rasche Bewegungen zutrauen. Aber der Schein trügt. Mit behendem Polizeigriff saßt er den offenbar Irrsinnigen, und im nächsten Moment haben drei, vier andere auch zugepackt.
„Rettungswagen!" brüllt der Dicke. Der Botenjunge stürzt davon.
Alle Proteste des Ueberrumpelten nützen nichts.
Die Leute, die ihn halten, sind fest entschlossen, ein gutes Werk zu tun. Der Kreis der Neugierigen wächst. Rufe nach einem Schutzmann werden laut.
Da heult die Sirene des Rettungswagens, die Bremsen kreischen, der unglückliche Herr wird sich der Aussichtslosigkeit seiner Lage voll bewußt.
„Ich will doch nur wissen, wann die Schlacht bei Lutter am Barenberg war!" schreit er.
„Am 27. August 1626", ruft ein Schüler.
„Ja! Ja!" jubelt der Herr. „27 1626 ... Gott fei Dank ... lassen Sie mich's bitte aufschreiben, ich hab' gar kein Zahlengedächtnis ... es hat mir solche Mühe gemacht, die Schlacht herauszufinden ... 27 1626 ... geben Sie doch den Arm frei ... es ist ihre Telephonnummer!"
Alle sind stumm vor Staunen, aber der Zweifel ist von den Gesichtern zu lesen. Die uniformierten Rettungsbeamten greifen ein.
„Wenn Sie bloß eine Nummer vergessen hatten — da kann man doch im Telephonbuch nachsehen."
„In diesem Fall nicht", erklärt der nunmehr sehr glückliche Herr und schreibt die Zahlen hastig in ein Büchlein, „ich habe nämlich keine Ahnung, wie die Dame heißt ..."
„So ein Wüstling", sagt die Verkäuferin aus dem Kolonialwarengeschäft nebenan, die auf die Straße hinausgelaufen ist.
„Es verhält sich fo", fährt der Herr fort, „die Dame hab' ich durch eine Zeitungsanzeige kennengelernt, sie schrieb mir, unterzeichnete aber nicht mit dem Namen, sondern mit ihrer Telephonnummer ... den Brief hab' ich verloren ... um 11 soll ich anrufen ... mein Gott, es ist schon zehn Minuten drüber!"
Die Rettungsbeamten können sich ein Lächeln nicht verkneifen, und schon lacht der ganze Haufe. Keiner denkt mehr daran, den Herrn festzuhalten. Er eilt auf die Telephonzelle zu.
Der Dicke ruft hinter ihm her: „Na, dann viel Glück!"
„Zur Schlacht bei Lutter am Barenberg!" ergänzt der Schüler naseweis.
Der Rettungswagen fährt ab.


