dicke Heinz rappelte sich auf und staunte über seine Glanzleistung. Ulrich lobte: „Na siehst du. Bloß mehr Mumm, dann wird es schon!"
Nun ging es zum Reck. Da hing Heinz natürlich wie ein Sandsack und machte schlangenähnliche Bewegungen, um wenigstens einen Klimmzug zu schaffen. Die Jungenschaft stand lachend um das Reck herum und feuerte ihn an: „Los, Dicker, noch mal richtig Puste und Schwung nehmen!" Heinz wollte es ja so gern schaffen, aber das Reck war verflixt hoch, und erst als Ulrich nachhalf, kam er weniAtens mit den Beinen über die Reckstange. Da schwebte er nun oben, und es sah so aus, als würde er gleich wieder herunterkippen. Als einer von den Pimpfen meinte: „Auf der Stange sitzt ein Greis, der sich nicht zu helfen weiß!" — mußte Heinz selbst plötzlich mächtig lachen, so daß er das Gleichgewicht verlor und eine ungewollte Kniewelle zustande brachte. Sein Schwergewicht trieb ihn beinahe wieder hoch, aber Ulrich war gerade noch zur rechten Zeit da, um ihn vor einem harten Aufprall zu bewahren.
Zuletzt erwartete die Jungenschaft noch eine Geräte-Hindernisbahn, die mit „Scherzartikeln" und vielen kleinen Ueberraschungen nur so gespickt war.
Dabei baute der Jungenschaftsführer immer noch mehr Hindernisse ein, so daß selbst Klex mit der großen Klappe ziemlich schweigsam wurde. Und dann ging es los! Die wilde Jagd tobte über die Gerätebahn, und bald war Heinz wieder der Letzte. Als er sich durch den guergelegten Kasten hindurchgezwängt und fünfmal vergeblich versucht hatte, die Balancierstange entlangzulaufen, standen ihm noch die Klettertaue als größtes Schrecknis bevor. Das war ja auch beinahe zuviel verlangt. Er kam vier Züge hoch, und dann ging es einfach nicht weiter. Hilflos hing er an den Tauen, und die anderen scharten sich um dieses seltsame Schauspiel, bis Ulrich schließlich sagte: „Komm mal runter, Dicker, hast ja heute schon sowieso ein paar Kilo Fett verloren, und — Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden."
Heinz erklärte nach dem Wegtreten entschlossen: „Mensch, ich mach jetzt jeden Abend Freiübungen oder schaff mir einen Punktroller an, damit ich dünner werde!", worauf Ulrich lachte: ,Ls nich notwendig. Geht von ganz allein, wenn du nur jeden Turndienst richtig mitmachst und dich nicht mit irgendeiner Entschuldigung unter die „Krüppelgarde" mischst." Karlheinz.
Kreuz und quer durch den Schwarzen Erdteil.
Briefe von einer Afrika-Reise.
Don Or. Paul Rohrbach.
n. Constantine.
Constantine, März 1938.
Constantine hieß früher C i r t a und war die Hauptstadt des Königreichs Numidien. Man braucht nur an Masinissa und Juaurtha, an Scipio und an- dere Helden unsrer klassischen Lektüre zu erinnern, um jedem, der einmal die Schulbank des Gymnasiums gedrückt hat, Reminiscenzen aus der Sekunda und Prima wieder aufsteigen zu lassen. Der Name Constantine stammt von Constantin dem Großen, der Cirto, das wegen eines Aufstandes zur Strafe zerstört war, wieder aufbauen ließ und nach sich benannte. Der Platz ist eine natürliche Festung, wie es wenige auf der Welt gibt. Eine Schlucht von phantastischer Romantik und Wildheit, so tief, daß nicht einmal die Spitzen der Kölner Domtürme aus ihr hervorragen würden, umgibt einen Felsklotz, auf dem eine ganze Stadt Raum hat. Sie ist so gut wie uneinnehmbar, wenn der schmale Hals, der sie mit dem umgebenden Plateau verbindet, durch eine starke Befestigung geschlossen wird. Die Franzosen wurden, als fie nach der Eroberung von Algier hierher vorrückten, einmal blutig zurück- geschlagen. Als sie im nächsten Jahr, 1837, mit zehntausend Mann wiederkamen, fielen, bei wiederholten vergeblichen Stürmen, zwei Generale, Damr6mont und Perrögaux. Erst ein letzter heroischer Angriff unter Lammoriciöre — sein eindrucksvolles Denk- mal steht auf dem Bahnhofsplatz — führte zur Einnahme der gewaltigen Bastion, die den Zugang deckte.
Constantine ist immer noch viel mehr (Eingeborenen ft oht als Algier. Die Frauen, die in Algier weiße Schleiertücher und Umhänge zur Verhüllung ihrer Gestalt tragen, gehen in Constantins schwarz und geben dem Bild der Bevölkerung eine finstere Note. Sehenswert ist der Palast der früheren Beys (Fürsten) von Constantine, die als Vasallen des Deys von Algier regierten. Das Gebäude hat zwei große Gartenhöfe, die mit ziemlich primitiven Fresken von der Hand gefangener Italiener geschmückt sind. Auch die schönen Majolikakacheln, mit denen ein Teil der Wände bekleidet ist, Arbeiten des 18. Jahrhunderts, stammen von geplünderten italienischen Schiffen. Im innern Hof ist in eine breite Nische ein Sitz für den Bey eingebaut. Hier saß der mächtige Mann mit untergeschlagenen Beinen auf seidenen Kissen, rauchte seine Wasserpfeife oder seinen Tschibuk und sah dem Tanz seiner entschleierten Frauen zu. Zur Rechten über der Szene war hinter einem hölzernen Gitter in einer kleinen Loge der Platz der Musikanten. Sie waren des Augenlichts beraubt, damit sie die entschleierten Frauen nicht sehen sollten. Nach der Einnahme von
Constantine fand man im Harem des Bey 185 Frauen. Der nette französische Unteroffizier, der uns durch die Räume führte — er sprach auch etwas deutsch und machte einen guten Erklärer — erzählte, einmal habe, nach alten einheimischen Berichten, eine der Frauen aus Uebermut ein paar Züge aus der Pfeife des Bey geraucht, aber zur Strafe habe ihr dieser die Lippen abschneiden lassen! Das war Algerien, bevor eine zivilisierte europäische Macht es in Besitz nahm. Jetzt wohnt der kommandierende französische General in dem Palast des Bey und hat dort auch seine Büros.
Die einstige Hauptmoschee, ein Bau aus dem 17. Jahrhundert, ist in eine christliche Kirche, die Kathedrale des Bischofs von Constantine, verwan- delt. Sie hat sieben Schiffe, die durch Hufeisenbögen tragende Marmorsäulen von einander getrennt sind. Durch die schmalen, bunt verglasten Fensterschlitze fällt nur wenig Licht in den Raum, dessen prachtvolle Majolika-Wandverkleidung man mehr ahnt als sieht. Die gegenwärtige Hauptmoschee der Muhammedaner ist viel einfacher. Wie üblich, bekommt man beim Eintritt lederne Pantoffel über die Schuhe gezogen, damit man nicht mit unheiligem Straßenstaub den geweihten Boden betritt. Charakteristisch für den Verfall des Geschmacks im Orient ist, daß schlechte und häßliche europäische Teppiche den Boden bedecken, auf dem die Gläubigen zum großen Freitagsgebet niederknien, das Gesicht nach Mekka gewandt. Voraus geht die rituelle Waschung am Brunnen im Hof der Moschee. In der Wüste, wo kein Wasser gibt, wird andeutungsweise Sand genommen. Der rechtgläubige Moslem betet fünfmal am Tage, sei es zu Hause, sei es auf der Reise, die im Koran vorgeschriebenen Gebete und hat dazu seinen kleinen besonderen Teppich mit einem Ornament, das mit der Spitze nach Mekka gelegt wird.
Für Jeden, der Constantine zum ersten Male besucht, ist das große Erlebnis der Gang durch die Schlucht des Q u e d (Wadi) R h u m e l. Die Römer hatten, nahe dem Grunde, durch sie hindurch eine in den Felsen gehauene Straße geführt, von der aber nur Reste übrig sind. Heute geschieht der Rundgang hoch über dem grau schäumenden Wasser des Rhumel auf schmalen Galerien, die durch eiserne, in den Fels eingelassene Träger gestützt sind und ein festes Geländer haben. Die Wände des Canons sind vollkommen senkrecht. Das Wasser hat zwischen ihnen hohe finstere Tunnels durchgebrochen. Ihre Decke spannt sich, gleich natürlichen, aber für keinen menschlichen Fuß betretbaren Brücken in halber Höhe von Wand zu Wand über den Abgrund. Es ist ein aufregender Gang durch die wilde Szenerie. Von der Tunneldecke tropft das Wasser; sein Kalk- gehalt formt graue Stümpfe von Stalagmiten. Am
Ausgang steigt man auf einer Felfentreppe wieder auf die römische Straße hinab. Von der senkrechten, 175 Meter hohen Wand gegenüber wurden in früheren Zeiten die Frauen hinabgeftürzt, denen Untreue gegen den Mann bewiesen war. Durch denselben Fels ist jetzt ein senkrechter Schacht für den Aufzug gesprengt, der den Besucher mühelos wieder nach oben zur Stadt befördert. An der Stelle, wo die alte, von den Truppen unter Lamoriciöre erstürmte, jetzt geschleifte Bastion stand, erinnert eine Tafel an den „Combat des geants“, den Riesenkampf von 1837!
Naturschutz ist Volkssache!
Der Schutz der wildwachsenden Pflanzen ist durch die Natürschutzoerordnung vom 18. März 1936 für das ganze Reichsgebiet einheitlich geregelt worden. Soll diese Verordnung in vollem Umfange wirksam werden, so ist es notwendig, daß die Kenntnis der geschützten Pflanzen in alle Kreise des Volkes getragen, besonders aber denjenigen Personen vermittelt wird, die für die praktische Ausübung des Schutzes in Betracht kommen. Dieser Aufgabe soll das Album der in Deutschland geschützten Pflanz e n dienen. (Herausgegeben von der Reichsstelle für Naturschutz, Berlin. Mit 72 vielfarbigen Kunstdrucktafeln nach naturgetreuen Farbzeichnungen von Kunstmaler Erich Schröder und 16 Seiten Text mit den gesetzlichen Bestimmungen. Steif kartoniert 4,50 Mark. Hugo Bermühler Verlag, Berlin- Lichterfelde.) Das Album wendet sich nicht an die Botaniker vom Fach. Für sie würde die bloße Aufzählung der geschützten Arten genügen. Ganz anders liegen die Berhältnisse bei Polizeibeamten, Zollbeamten, Forstschutzbeamten, Feldhütern usw., denen die Aufsicht in Wald und Flur, in den Grenzorten, auf den Märkten und in den Blumenläden obliegt, bei den nicht fachkundigen Mitgliedern der Wander- und Heimatvereine, die für den Schutz der Natur einzutreten gewillt sind, bei Eltern, Erziehern und anderen, die berufen und bereit sind, die Jugend
mit den Aufgaben und Zielen des deutschen Natui> schutzes vertraut zu machen, aber nicht über ein größeres Maß pflanzerikundlicher Kenntnisse verfügen. Ihnen wird die in diesem Album bargebotene mit größter Akkuratesse getroffene naturgetreue mehrfarbige Silbroiebergäbe ein gutes Hilfsmittel sein. Wer sich durch Nachschlagen in diesem ausgezeichneten, ebenso sorgfältig zusammengestellten wie handlichen Büchlein von dem Aussehen der unter Schutz stehenden Pflanzenarten zuverlässig unterrichtet hat, der wird
Kopfschmerzen, Druck über den Augen und andere Beschwerden. Vielleicht liegt ein Sehfehler vor ? Eine
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jederzeit in der Lage sein, den unserer heimischen Pflanzenwelt drohenden Gefahren zur rechten Zeit zu begegnen. ,
Polizeiliche Maßnahmen — so wünschenswert und notwendig sie sind — werden allein nicht genügen, um eine dauernde Sicherung der geschlitzten Pflanzenarten zu gewährleisten. Dieses Ziel läßt sich vielmehr nur bann erreichen, wenn ber Naturschutz zur Sache des ganzen Volkes wirb. Es sollten daher alle Möglichkeiten, die sich für die Belehrung weitester Kreise, insbesondere auch d e r Jugend, darbietön, ausgenutzt werden. In diesem Sinne wäre es erwünscht, wenn in den Schulen, in den Volksbüchereien, in den Jugendheimen und Jugendherbergen, in den Büchereien, der Wander- und Touristenvereine, in den Lesehallen der Sommerfrischen und Kurorte, in den kleinen Unterhaltungsbüchereien der Gasthäuser und Fremdenheime aufklärenbe Schriften wie dieses „Album" ausliegen könnten, dessen schöne Blätter zu betrachten für jeden Naturfreund ein hoher Genuß sein muß.
MWM
Unsere Zeichnung zeigt einen Teil ber Stabt Innsbruck gegen Osten gesehen. (Zeichnung Reimesch. — Scherl-M.)
Gießener Gtadttheater.
FriedrichForster:„DieWeibervonRedditz."
Don Forster sahen wir zuletzt die Bearbeitung von Hebbels „Demetrius"-Fragment, in früheren Spielzeiten auch seine eigenen Dramen, das realistische Schülerstück „Der Graue", das Gustav-Wasa- Schauspief „Alle gegen Einen, Einer für Alle" und, als bas dichterischste unter ihnen, „Robinson soll nicht sterben"; sein letztes, „Die Weiber von Rod- bitz", ist ein Lustspiel im Kostüm von 1812, angeregt, wie Forster im Programmheft erzählt, von einem Eichenborff-Gedicht.
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Damit beginnt es auch, mit Orgelspiel in der Dorfkirche und romantischen Versen, ein melodramatisches Idyll aus den Befreiungskriegen. Aber bann wird es auf einmal ernst und kriegerisch: Napoleon braucht Soldaten, zwanzigtausend Mann für den Feldzug nach Rußland; also erhält mit vielen andern in Preußen auch ber Gutsherr Cicero August von Rebbitz eine königliche Order, die waffenfähige junge Mannschaft in seinem Bezirk zu mustern und auszuheben; es geht ihm sehr wider die Natur, aber er ist ein preußischer Standesherr und alter Offizier und muß gehorchen.
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Es stünde schlimm um die junge Mannschaft im Dorfe, wenn die Weiber von Redbitz nicht wären. Zwar bie zweite Gemahlin des Gutsherrn ist ein Blaustrumpf, der Romane schreibt und Napoleon bewundert; mit der ist nichts los. Aber Elisabeth Charlotte, seine Tochter aus erster Ehe, und seine Schwester Olympia, bie sinb richtig und bringen gemeinsam den Kaiser Napoleon um sieben junge Männer aus dem Dorf, Elisabeths liebste Kameraden von Kindesbeinen an. Heber Nacht, ehe die Aushebung stattfindet, schafft Elisabeth sie alle heimlich nach Redditz, wo sie von ber bärbeißigen, aber herzensguten alten Tante Olympia unter die Fittiche genommen werden.
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Elisabeth wird wegen ihres frechen und ungebührlichen Mundwerks von den Eltern ins Breslauer Töchterstift verbannt, aber unterwegs kneift sie mit ihrem Reisebegleiter und väterlichen Freunde, dem Schulmeister Sitter, aus und marschiert durch den dicken Rübezahlwalb nach Redbitz, wo sie mit Tante Olympia und bem Fähnlein ber sieben Aufrechten ein gerührtes und stürmisches Wiedersehen feiern. Redditz liegt abgeschieden, Napoleon ist weit, und Tante Olympia hält bie „sieben Zwerge hinter
ben sieben Bergen" mit allerhanb Arbeit in Wald und Feld nach Kräften in Atem, damit nicht etwa einer von ihnen, jetzt wo ihr Schneewittchen und Oberanführer Elisabeth Charlotte wieder dabei ist, auf dumme Gedanken kommt.
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Aber ber Prinz im Märchen ist keiner von ben Geretteten, wie man zuerst vermutet, fonbern er fällt ganz romantisch sozusagen vom Himmel, er schneit herein nach Redbitz in einer preußischen Uniform und heißt Leutnant Becker. Die Werber von Rebbitz denken schon, ber kommt vom Kaiser Napoleon und will die sieben Zwerge boch noch holen; aber mittlerweile hat sich das Blättchen gewendet, das russische Abenteuer endete schlimm, und diesmal ist es der alte Blücher, ber Solbctten braucht. Der soll sie haben. Und die Aufklärung des Mißverständnisses in ber Apfelkammer bes Gutshofes von Redditz geschieht so gründlich, baß die gute Olympia am Ende Elisabeth und den Leutnant ganz märchenhaft und lustspielhaft in zärtlicher Umarmung findet.
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Das Stück ist aus einer löblichen und anständigen Gesinnung entstanden, aber die Fabel ist so klein, daß Forster mit sieben knappen Bildern — man merkt es vor allem im letzten — Mühe hat, ben Abenb zu füllen. Herr Neuhaus führte Regie; er lieh alle Szenen kräftig ausspielen und betonte die Gemütswerte wie bie idyllisch-ausmalenden Partien und allerlei heitere Episoben. Herr Löffler hatte stilgerecht unb stimmungsvoll bie Schauplätze geschaffen, befonbers hübsch die Dorfkirche, ben Rübezahlwalb und bie Rebditzer Apfelkammer.
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Frl. Garbe war das jüngste ber Rebditzer Weiber, Elisabeth Charlotte, ein Mädchen, das ein Junge hätte werden sollen, mit einem burschikosen und höchst unromantischen Mundwerk begabt, eine kleine Patriotin mit stürmischem Temperament unb (im Notfall) sogar mit ganz weiblichen Krokodilstränen. Else M o n n a r b gab bie Tante Olympia, eine prachtvolle Person, ein goldenes Gemüt in harter Schale, ein rührend gutes, aber rauhbeiniges Gegenstück zum alten Blücher; so wird sie vorgestellt unb so war sie. Schwerer hatte es Frau Güngerich, denn bie Stiefmutter Cecilia ist ein weltfernes, empfindsames Frauenzimmer mit einem gefühlvollen Gänsekiel; aber sie wurde unheimlich lebendig.
Don den übrigen sind der ganz eichendorffisch- schwärmerische Schulmeister (Herr Geiger), ber alte Cicero (Herr von Gschmeidler) und das
nächtlich aufgescheuchte, von schrecklichem Verdacht heimgesuchte Pastorenehepaar (Frau Stirl und Herr Volck) zu nennen; dazu Herr Weiland, ein artiger Märchenprinz unb junger preußischer Kriegsgott; von ben übermütigen, jungen Flüchtlingen die Herren Schorn unb Di11mar.
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Die Neuigkeit wurde mit Heiterkeit unb großem Beifall entgegengenommen. Hans Thyriot.
Güdland.
Äon Franz Schanwecker.
Wenn die Götter heiter sind, bann ist ihre Heiterkeit von jener Art, in die Mozarts Werk getaucht ist. Die Spiele ber Götter gleichen den Spielen Mozarts mit ben Klängen ber Musik, die er einfängt in Rhythmus, Harmonie und Melodie feiner wie von ben Himmeln glänzend zurückgeworfenen Schöpfung. Gewiß: Wenn bie Götter einander necken, bann tun sie es in ber heimlichen Weise Haydns. Aber wenn sie zürnen, wenn das Schreckliche, das unendlich Quälende in ihnen erwacht und fie erschüttert — denn auch die Götter sind nicht vollkommen —, dann öffnet sich ber ungeheure Ad-- gründ Beethovens in ihnen, hämmernd von Ausbrüchen, glühend in den Flammen Lokis, flehend in den leidenschaftlichen Bedrängungen des Letzten, Unaussprechbaren.
Walther von ber Vogelweibe sang in Tirol. Als seine Stimme in Norddeutschland vernommen wurde, sanken für einen Augenblick die Fäuste der Arbeit. Eine Stimme schwang sich ins Blut und verlor sich tief hinein und verstummte nie wieder. Eine unendliche Süßigkeit rief herüber. Es war keine südliche Verführung jenseits ber Alpen, wo bas Blut unterging in den lombardischen Ebenen — es war die goldene Lockung der Zugehörigkeit. Und dieselbe Stimme des Vogelweiders schlug Verse von härtester Wirklichkeit zu Erz unb warf sie klirrend in bie Kampfbahn der Zeit. Dieselbe Stimme, golden und ehern, süß und bittend, Südland.
Die Politik ist keine Angelegenheit ber Willkür. Sie vollzieht sich gegen Berechnung und Plan, Wunsch unb Programm von tagesbestimmten Gruppen, Einzelmenschen, Jnteressengesellschaften. Sie rollt in ihrem geschichtlichen Ablauf ab nach ben inneren Gesetzen bes Blutes, des Geistes, ber Kulturgegebenheit, nach denen sie angetreten ist. Alle Widersprüche innerhalb ein und derselben Politik stehen in einer inneren Verbundenheit, die eine Polarität ist. Nur die Gegensätzlichkeit inner
halb ein und derselben Wesenhaftigkeit ist schöpferisch. <
Die deutsche Wesenhaftigkeit hat viele Pole unb Gegenpole. Im Räumlich-Menschlichen zuckt eine Spannung von Norden nach, Süden, von Nord« deutschlano nach Süddeutschland.
Von den Bergen am Südrande der deutschen Tiefebene geht der Blick nach Süddeutschland. Da stehen die Grenzpfähle im deutschen Land. Bei Bayern ist es aus mit Deutschland, unb da sprechen manche gegenüber dem „Saupreuß" von ben „weißen Hilfsvölkern". Darüber klingt das Lieb des Vogelweiders, tönt die wahrhaft unsterbliche Melodie Mozarts hallt ber gemarterte Trotz Beethovens. Manche reden von ber südlichen Unzuverlässigkeit; unb die Antwort rebet von Sturheit unb Kommandoschnauze im Norden.
Dies alles sind Aeußerungen ber Oberfläche aus Anerzogenheit unb Gewohnheit. Wo bem einen das Schlendern erlaubt war, war bem andern bie Exaktheit befehlsmäßig einverleibt. Das eine war nicht ein Gewinn, das andere war notwendig. Darunter lag das Endgültige, das in Kleist und Mozart, Schiller und Haydn, Knobelsdorfs und Beethoven Stimme, Gestalt unb Sinn gewann und das Eigentliche ausdrückte. Darunter lag das Notwendige, das das Gemeinschaftliche war und es noch ist.
Auf Beethoven antwortet Kleist. Haydn finbet in Eichendorff ein in Laub und Moos versickerndes Echo. Nur bie göttliche, ungetrübte Heiterkeit Mozarts scheint in sich allein beides zu vereinen. Zu Mozart kam der Norddeutsche nicht, denn er hatte zu viel zu tun, war zu sehr beansprucht. Aber keinem steht sein Ohr williger offen als Mozart. Er ist der Ausdruck einer norddeutschen Sehnsucht, die er nicht erfüllen konnte, weil fein Leben zu hart war. Vielleicht ist in dieser Einzigkeit Mozarts mehr Bindung und Zugehörigkeit als sonst irgend. Hier ist mehr Erfüllung norddeutscher Sehnsucht als in Italien. Hier ist in Rondo, Menuett unb Andante Gnade unb im letzten Akt bes „Don Giovanni" Fluch und Trotz, beides aus einer Seele.
Eine Polarität ist vorhanden — unzweifelhaft! Größere Härte ist im Norden, aber auch größere Sehnsucht. Eine bereite, wartende Weichheit im Süden, unb sie wirb spröder, blickt sie zum Norden. In der Sehnsucht ist ein Wille, unb in ber Spröde wartet eine Sehnsucht. Es ist bie stärkste Polarität, bie hier ihr Kraftfeld ber Spannungen finbet: Das Element bes Weiblichen unb des Männlichen, deren jedes für sich allein nur bis zu einer gewissen Möglichkeit gelangen kann. Die inneren Vorsehungen für ein Wachstum ruhen in einer Vereinigung beider. Sie zu vollziehen ist eine Notwendigkeit aus dem deutschen Nationalismus.


