Rr.72 Zweites Blatt________________Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) 26./27. März 1958
Lunge deutsche Nation.
Kenn-Aummer 82803.
Einer erzählt vom Reichsberufswettkampf.
Der Tag meines ersten Berufswettkampfes begann mit einem lustigen Auftakt. Als ich mich mit mehreren Kameraden um 7.30 Uhr vor dem Gebäude traf, in dem der Kampf ausgetragen werden sollte, stellten wir fest, daß es das Gebäude einer Mädchenhandelsschule war! So sollten wir männlichen Jugendlichen also in einer Mädchenklasse um die Siegespalme ringen. Inzwischen strömten von allen Seiten weitere Berufswettbewerber herbei, denen wir uns auf dem Wege zur Aula anschlossen, in der der Wettkampf mit einer kleinen Feier eröffnet wurde. Die Ansprache eines der Kampfrichter deutete uns noch einmal den Sinn des Wettbewerbes: Leistungen im Beruf zu zeigen zum Wohle unseres deutschen Volkes. Das wollten wir denn auch mit allen Kräften tun, und so stimmten wir begeistert in das Lied „Auf hebt unsere Fahnen" ein, das die kleine Feier abschloß.
Doll Neugierde ging es jetzt in die uns zugewiesene Klasse, in der wir unter der Aufsicht mehrerer Kampfrichter unsere Leistungen zeigen sollten. Jeder Teilnehmer erhielt eine Kennummer. Als Angehöriger eines gelernten Berufes und Jugendlicher im ersten Lehrjahr der Wettkampfgruppe Handel, Fachschaft 3 Industrie, erhielt ich die Kenn- nummer 82 803. Diese Kennummer hatten wir, statt unseres Namens an die Spitze aller unserer Arbeiten zu schreiben, damit das Urteil völlig unparteiisch und „ohne Ansehen der Person" abgegeben werden konnte. Zunächst galt es, einen Fragebogen über unseren Beruf, den Stand unsere? Vaters, so vielleicht im selben Perus, über Formationen, denen wir angehörten, über Berufsschulung und vieles piehr zu beantworten. Sehr praktisch und zeitsparend war es dabei, daß die Antworten, die sich naturgemäß wiederholen, nur mit festgelegten Ziffern zu geben waren, die in kleine „Kästchen" eingeschrieben wurden.
Und dann gings los! Zuerst kam ein Diktat, das fehlerfrei, auch hinsichtlich Satzzeichen, niederzuschreiben war. Form und Schrift der Wiedergabe waren mit ausschlaggebend. Der Text des Diktats war einer Rede von Dr. Ley über den „Betrieb" entnommen. Alsdann hieß es einige, im ganzen fünf, Rechenaufgaben schnell zu lösen und das Er- ?ebnis aufzuschreiben. Ihnen folgten fünf berufs- undliche Fragen, bei denen wir uns bereits „spezia- Usierten". Während drei Aufgaben für alle Sparten des Berufskampfes unserer Fachschaft galten, hatte ich zwei weitere Fragen aus der Elektro-Jndustrie zu beantworten, von denen ich die eine nenne: „Welche- hauptsächlichen Materialien werden in der Elektro-Jndustrie am Lager geführt?" Die Höchstzahl von Punkten in dieser theoretischen Prüfung betrug 30.
Nach einer Pause um 11 Uhr, in der es zu tuschelnden Fragen kam, weil an den Türen eines bewußten Ortes doch nur „Für Mädchen" stand, was aber dann durch Ueberhängen eines Pappschildes „in Ordnung ging", fanden wir uns, gestärkt durch die halbe Stunde Freizeit, wieder in unseren Klassen ein. Jetzt hatten wir weltanschauliche Fragen zu beantworten. Diese fünf Fragen waren aber nicht nach Berufssparten, sondern nach dem Alter abgestuft. Als zum Jahrgang 1919 gehörend, erhielt ich unter anderen die Aufgaben: „Welcher Unterschied besteht zwischen dem 1. und 2. Vierjahresplan?"; ferner: „Welche Maßnahmen hat der nationalsozialistische Staat für die Bevölkerungspolitik geschaffen?", und auch: „Weshalb braucht Deutschland Kolonien?" Für diese weltanschauliche Prüfung betrug die Höchstzahl 20 Punkte.
Der dritte Teil des Berufswettkampfes umfaßte die praktischen Fragen. Sie waren wieder beruflich gegliedert, aber für alle Jndustriesparten einheitlich. Die erste Aufgabe war der Buchführung entnommen; es war das Konto eines Lieferanten, mit dem 31. März 1938 abschließend, herzustellen, wofür genaue Unterlagen gegeben waren. Die zweite Aufgabe was aus dem „Lagerleben" entnommen. Es war eine Inventur allfzunehmen und in eine Karteikarte einzutragen. Die dritte Auf
gabe betraf die Beschreibung einer sachgemäßen Verpackung von Gegenständen aus Glas und Metall, während die vierte Aufgabe lautete: „Welche Bedeutung hat deiner Meinung nach die Schrift- gutablage für ein kaufmännisches Unternehmen; diese Frage war nur, in Stichworten zu beantworten. Bei den praktischen Aufgaben waren 70 Punkte zu gewinnen.
Als Unterlagen dienten uns gedruckte Aufstellun- gen, aus denen wir uns die Leistungsklassen und Fachschaftssparten herauszusuchen hatten. Es war natürlich alles sehr neuartig, mitunter etwas aufregend und nicht immer leicht; aber schließlich hatte man sich auf den einzelnen Vorlagebogen „ein- gelebt" und den „Dreh" alsbald heraus. Sehr viel Gewicht wurde immer wieder, wie aus den Vordrucken hervorging, auf Sauberkeit, gute Form der Niederschrift und klare Ausdrucksweise gelegt. Wir hatten Zeit bis 14.30 Uhr. Wer eher fertig war, durfte seine Arbeiten abgeben und nach Hause gehen. Ich hatte es bis 14.15 Uhr geschafft
Die Frage war nur, w i e ich es geschafft habe? Daß ich mich mit allem Eifer hinter die Aufgaben machte, um die Höchstzahl von Punkten zu erreichen,
versteht sich für einen Hitlerjungen von selbst, denn wem schwebte nicht während des ganzen Kampfes vor Augen, Sieger zu werden, weiter an dem Wettkampf teilzunehmen und womöglich — nicht auszudenken die Freude! — zuletzt mit dabei zu fein, vom Führer beglückwünscht zu werden. Doch zunächst ging es darum, Ortssieger zu werden. Wer 90 Prozent der Punkte erreichte, der darf mit den anderen ermittelten Siegern zum Gauwettkampf antreten. Gar zu gern hätte ich mich mit in den Umschlag gelegt, in den alle unsere Lösungen gesteckt wurden, um mit dabei zu sein, wenn die Kampfrichter die Punkte aufzählten. So aber heißt es Geduld haben!
An einem darauffolgenden Sonntag war daun noch die Sportprüfung abzulegen, die auf einem Sportplatz vorgenommen wurde. Sie bestand in einem 3000-Meter-Lauf in einer vorgeschriebenen Zeit. Es gab wohl keinen, der dieser Sportprüfung nicht gewachsen gewesen wäre. - Zum Abschluß möchte ich sagen, daß ich an keiner meiner Schulprüfungen mit so großer Begeisterung teilnahm wie an diesem ersten beruflichen Wettkampf.
Edgar Bubendey.
Freiwilliger Dienst im Jungvolk.
Formation der Lebensfreude. — Borherrschast der Leistung.
Im jährlichen Ablauf nationalsozialistischer Kundgebungen nimmt die Einberufung und Eingliederung aller Zehnjährigen am Tage des Geburtstages des Führers einen besonderen Platz ein. Es ist eine Kundgebung des Willens der Jugend, die in ihrer Gesamtheit unauffälliger geschieht als so manch anderer bedeutungsvoller Tag des Nationalsozialismus. Unauffällig deshalb, weil sich die Einberufung der Zehnjährigen nicht schlagartig vollzieht, nicht als Krönung eines einzigen, festlichen Tages, sondern als Höhepunkt einer monatelangen Vorbereitungsarbeit, in der die Frage des Eintritts und der Zugehörigkeit des Jungen oder Mädels an alle Eltern herangetragen worden ist.
Der Eintritt der Kinder m die Hitler-Jugend bedeutet für die Eltern im nationalsozialistischen Deutschland keinen schweren Entschluß und kein bedenkliches Risiko mehr! Die Hitler-Jugend will trotzdem immer wieder durch die solide Ueberzeugung dargelegter Leistungen und Erfolge allen Eltern das Gefühl innerer Sicherheit geben; freudig sollen sie mit dem Jungen oder Mädel ap der Hand in der Meldestelle erscheinen und ihre 'Unterschrift leisten. Deshalb übernimmt die Hitler-Jugend in jedem Jahre die Mühe einer tausendfachen Werbung, ringt wie in den Zeiten des Kampfes um jeden einzelnen mit Broschüren und Flugblättern, mit Reden, Besuchen und Kundgebungen. Die Hitler-Jugend ist durch diese Arbeit groß geworden und will nun auch in der Zeit ihrer staatlichen Fundierung bei der zwar unbequemeren, aber befriedigenderen Art der Nachwuchssicherung bleiben. Sie tut das auch in der Erkenntnis, daß einer Institution eine um so größere Berechtigung zukommt, je f r e i m i 11 i g er der Entschluß des Beitritts ihrer> Angehörigen ist. Und auf diese Freiwilligkeit verzichtet die HI. nicht. Sie ist die unabänderliche Grundlage ihrer Arbeit und ein Garant dafür, daß die HI. bleibt, was sie ist: eine Jugendbewegung reinster nationalsozialistischer Prägung und kein bürokratischer Karteiapparat.
Keme unbilligen Sortierungen.
Das Jungvolk ist die jüngste nationalsozialistische Organisation. Der 20. April als Tag des Eintritts bedeutet mehr als die Zugehörigkeitserklärung zu einer Formation — es ist der Taag der Ueber- nahme erster nationalsozialistischer Pflichten. Daß sich diese Pflichten nach der Art und besonderen Lagerung des jugendlichen Geistes und seines Auffassungsvermögens richten — daß also nichts Unbilliges verlangt wird — ist selbstverständlich.
Das Jungvolk ist eine Organisation, in der strenger Dienst und disziplinäre Pflichtauffassung sich den Gesetzen jugendlichen Lebens unterwerfen und auf
eine ideale Weise mischen. Der Junge will und muß sich austoben in diesen Jahren seines Lebens, will feine unbelastete Dorstellungswelt erfüllt sehen. Er denkt nun einmal mehr als in späteren Jahren an Erleben und verfügt über eine bilderreichere Phantasie als der Erwachsene. Diesen Drang des jungen Menschen bringen wir in eine Form, die es ihm gestattet, in dieser wichtigen Periode seines Lebens natürlich zu leben, und die es uns möglich macht, ihm die Grundbedingungen neuer weltanschaulicher Auffassung nahezubringen. So wachsen Jungen und Mädel fast unbewußt in die nationalsozialistische Welt hinein!
Nach fünfjähriger Erfahrung in der Jungvolkar- beit kann wohl mit Recht gesagt werden, daß das Jungvolk e i ne Formation der organisierten Lebensfreude ist. Hier erfolgt des Jungen und Mädels erste größere Berührung mit weiteren Lebensräumen. Hier ist der Schmelztiegel, in dem Jungen und Mädel aller Stände ineinanderwachsen. Hier wird demgemäß der Grundstein gelegt zur späteren Volksgemeinschaft. JungLN und Mädel werden nicht mit einseitiger, handgreiflicher Politik in Berührung gebracht! Aber es ist ja schon politisch, weil für die Zukunft des Volkes wichtig, wenn Jungen und Mädel im ersten Gemeinschaftsbund ihres Lebens lernen, auf sich selbst angewiesen zu sein. Das Jungvolk ist nicht da, um den Zehnjährigen eine besondere Art des Lebens beizubringen, sondern um ihnen die Möglichkeit zu geben, ihr Leben in voller Unbeschwertheit, Fröhlichkeit und Gesundheit zu leben, geleitet von verständigen, jungen Führern, die diesem Leben allererste grundpolitische Begriffe beigeben.
Kameraden als Führer.
In nunmehr fünf Jahren fortdauernder Aufbautätigkeit hat die Hitler-Jügend einen wahrhaft großzügigen Apparat geschaffen, der allein der Sicherung dieses Lebens gilt. Es find zahlloseHeime gebaut worden, die von Tag zu Tag Deutschland in einem immer dichteren Netz umspannen. Tausende von Jugendherbergen, der HI. unterstellt, sind den Angehörigen des Jungvolks und der HI. wichtige Mittel der Schulung und des Erlebens, Sportplätze und Sportlehrer stehen zur Verfügung. Es werden Leistungsprüfungen ausgeschrieben, Lager veranstaltet, deren Teilnahme so geringe Unkosten verursacht, daß auch jeder Junge daran teilnehmen kann. Der gesundheitliche Wert dieser Sommerlager ist ärztlich registriert und der Oessentlichkeit längst bekannt. Wo in der Welt gibt es hierfür auch ein nur annäherndes Gegenbeispiel?
Der großartige Beweis für die Berechtigung der Jungvolkerziehungsarbeit ist, daß es gelungen ist, einen neuen Erzieher- und Führertyp
Her zu uns! — (Aufnahme: Baumann.)
zu schaffen. Man kann heute von dem Jungvolk- und dem HJ.-Führer sprechen, der aus der Fülle seiner Arbeit herausgewachsen ist, legitimiert durch seinen eigenen idealistischen Auftrag. Er wird für seine Arbeit nicht bezahlt und wenig gelobt. Wie sicher steht doch jene Arbeit, die daraus verzichten kann!
Es ist kein Erwachsener, der Jungen und Mädel oorsteht, es ist ein oftmals gleichaltriger Kamerad, der mit feinen Jungen eine feste, unlösbare Gemeinschaft bildet. Der Zehnjährige, der sich interner Dienstwilligkeit und in seinem Eifer von allen anderen auszeichnet, hat damit die Möglichkeit, selbst zum Führenden, d. h. zum Vorbild zu werden. Das ist der Sauerteig der Jugendbewegung! Vorherrschaft der Leistung?
In der Hitler-Jugend findet der junge Mensch ein Feld der Bewährung und der Prüfung für sich und seine Veranlagungen. An der Fülle der vielseitigen Arbeiten und Ausgaben der Hitler-Jugend bilden sich die Persönlichkeiten, denen der Lebenskampf späterer Jahre nicht mehr schwer fallen wird.
So geht eine direkte Linie von der Freiwilligkeit des Eintritts in die Jugendbewegung zur Freiwilligkeit der Leistung in ihr. Sie ist eine Charaktereigenschaft der HI. Alle Impulse ihrer Arbeit und alle Erfolge kommen aus der spontanen Selbstverständlichkeit dieser Grundeinstellung. Deshalb muß jeder Jahrgang, mit dem sich die HI. erneuert, mit den gleichen Fahnen der Freiwilligkeit in sie hin- einmarschieren! H. R.
M Schwung geht alles?
„Mehr Schwung dahintersetzen?" feuerte Ulrich den dicken Heinz an. Wie der da angerannt kam, als wollte er den ganzen Kasten in Grund und Boden springen? Dabei setzte er sich doch jedesmal nur auf die Mitte und sah dann ganz hilflos um sich- r X
„Du nimmt Anlauf wie ein Löwe und springst wie ein Mops! Paß mal auf — ich mache es dir noch mal vor!" sagte Ulrich, nahm Anlauf und fegte mit einem Satz längs über den Kasten. Heinz stand mit offenem Munde da. Das sah ja so leicht aus! Er nahm sich zusammen, er mußte es einfach schaffen. Die ganze Jungenschaft kam über den Kasten, nur er nicht. Nochmal — Anlauf, und dann sprang er mit geschlossenen Augen einfach in die Lust hinaus und brummte natürlich auf die bewußte Ecke des Kastens auf. Aber er war hinüber! Der
Vuhi, der Wellensittich.
Butzi war der vierte von sechs Geschwistern. Erst im September machte er seine ersten Kletteroersuche in den Zweigen und Bäumen des Ausfluges, da sich seine Mutter nicht sonderlich geeilt hatte. Er konnte wohl stolz auf seine Abstammung fein, denn schon fein Großvater war der beste und von seinem Besitzer oft gepriesene Vertreter seines Stammes. Butzi aber zeigte von alledem anfangs nichts, denn er war das, was man unter einem frechen Lümmel versteht. Er tobte in den ersten Tagen derartig im Käfig umher, daß man an ihm nichts von seiner angeblich guten Abstammung bemerkte. Wahrscheinlich aber dachte er sich das erlauben zu dürfen, weil er ja in jeder Hinsicht eine Ausnahme machte. Er hatte nämlich nicht wie seine anderen Geschwister ein blaues, sondern ein weißes Federkleid, woran ohne Zweifel seine Mutter schuld war. Aus diesem Grunde hatte er auch die Blicke seines Pflegers auf sich gelenkt und schließlich seinen Einzpg in der Wohnung gehalten. Hier war es nun, wo er sich anfangs wie wild gebärdete. Aber dieser Uebermut legte sich in dem Augenblick, als man ihm die Flügel stutzte. Vorbei war es mit dem Freiheitsdrang und der Rumtollerei. Damals dachten wir alle, daß er nun nie mehr zahm werden würde, weil er von dem Tag an sehr scheu wurde. Aber Gott sei Dank hatten wir uns gründlich getäuscht. Sein Wesen änderte sich vollkommen, und er ist augenblicklich der Liebling der ganzen Familie. Allerdings ist die Frechheit dieselbe geblieben. (Doch werden wir auch sie mit einem kleinen Seufzer dulden.) Nun ging die Sache aber nicht so glatt und ohne alle Sorae oonstatten, wie es hier beschrieben wird. Seine Menschenscheu verlor er damals, das ist richtig, aber trotz eifriger Bemühungen unsererseits wahrte er immer einen gewissen Abstand, wenn ich mich mal so ausdrücken darf, und drohte ein Einzelgänger zu werden. Da, nach ungefähr drei Wachen geschah das Wunder. Wie mit einem Schlage wurde Butzi zutraulich uni) schloß sich von Tag zu Tag mehr an uns an. Bloß feine Angst vor dem Finger ließ nicht nach. Und das Eigen
artige an der Sache ist nun, daß wir uns, da wir den Fall ja als verloren betrachteten, nicht mehr um ihn kümmerten und er deshalb ganz ohne unser Zutun zahm wurde. — Wir kümmerten uns nicht mehr um ihn — mag vielleicht etwas herzlos klingen; aber es soll damit nur gesagt fein, daß wir alle weiteren Bemühungen, ihn zum Sprechen zu bringen, aufgaben. Um so größer war dann natürlich die Freude, als sich eine vollständige Wandlung mit ihm vollzog. Doch, wie schon gesagt, schwankte er immer wieder, ob er sollte oder nicht, bis er sich dann endgültig entschloß, das Einsiedlerleben aufzugeben.
Don dieser Stunde ab wurde Butzis Anhänglichkeit Tag für Tag größer und mit ihr die Lust, das, was wir ihm vorsprachen, so lange zu versuchen, bis es klappte. Das erste war selbstverständlich sein Name. Als er diesen in allen Variationen beherrschte, (ernte er allmählich sich selbst zu beschimpfen, indem er mit dem größten Vergnügen „Du böser Butzi" sagte. Auch nur den Namen allein schwatzte er so oft hintereinander, bis ihm die Luft ausging. Als sein größtes Vergnügen aber betrachtet er es, uns auf den Köpfen herumzutanzen. Hier ist es nun nicht im bildlichen, sondern im wirklichen Sinne gemeint. Als seine Pflicht und Schuldigkeit betrachtet er es, uns bei jeder Mahlzeit durch feine Gegenwart zu erfreuen, und zwar macht er dann seine Runde vom einen zum anderen, knabbert hier ein bißchen und dort ein bißchen und kehrt endlich gefättigt, nachdem er erst noch feine Visitenkarte abgegeben hat, in seine Behausung zurück. Hier kauderwelscht er dann noch eine Weile allerhand Zeug zurecht, woraus ein gewöhnlicher Sterblicher aber nicht fing wird. Butzi ist durchaus kein Sprachgenie und wird wohl auch nie eins werden; doch liegt das hauptsächlich daran, daß wir aus Zeitmangel uns zu wenig mit ihm beschäftigen, was ja nun meiner- Ansicht nach einmal das Wichtigste ist. Aber das verlangen wir ja auch gar nicht von ihm, sondern er soll nur allein durch sein niedliches und anhängliches Wesen Freude ins Haus brinaen und in immer mehr Menschen die Liebe zum Tier erwecken. Das ist meiner Meinung nach eine sehr schöne und lohnende Aufgabe, bei
der der Mensch nichts helfen kann, und die wir ganz und gar unseren Freunden überlassen müssen, ganz gleich, ob sie nun befiedert find oder nicht.
K. Gravert, Giessen:
Zunomadel, viel zu klein?
Als sie neulich mit Vater und Mutter, Rudi und Gerd zur Großmutter fuhr, hatte der Schaffner an der Sperre gemeint: „Das stimmt doch wohl nicht. Die Kleine ist schon zehn Jahre?" „Doch, seit vorigen Sonntag." Sie war empört und reckte stolz ihr Stupsnäschen in die Luft. Rudi hatte natürlich wieder Grund zum Lachen.
„Siehste, bist doch unser Kleines, wirst noch nicht für voll angerechnet. Vater braucht wirklich nur die Hälfte für dich zu bezahlen."
Ja, und nun war es März geworden, und das Zeichen an der Wohnzimmertür, das „Knirps" dort heimlich in Höhe ihres Kopfes angebracht hatte, war immer noch an derselben Stelle, obwohl sie in der Turnstunde bei Fräulein Graupel besonders eifrig die Körperschule übte. Es war eben nichts zu machen, sie würde wohl immer so klein bleiben.
Seit Wochen war Knirps jetzt in großer Aufregung. Immer stak sie bei der Hedi, ihrer besten Freundin, die doch schon ein Jahr in der Jungmädelschaft war und ihr vom Dienst, vom Lager und von Fahrten zu erzählen wußte. Aber immer, wenn sie zuhause auf die Jungmädel zu sprechen kam, knurrte Vater etwas von „viel zu klein und zart", Mutter zuckte auch nur mit den Schultern, und mit den Brüdern konnte man erst recht nicht über die Sache reden. Wie sollte das bloß werden! „Und überhaupt", hatte Vater erst gestern gesagt: „Ich habe mich genau erkundigt. Da gibt es noch so eine Iungmädelprobe, die du doch bestimmt nicht schaffft. Mutter wird dem Arzt bei der Untersuchung schon vorher raten, es wäre wohl das beste, du würdest noch ein Jahr zurückgestellt."
Am liebsten hätte sie da geheult, aber das hals erst recht nichts.
Nicht weit von der Wohnung ihrer Eltern lag das Jungmädelheim, dicht an einem herrlichen
Sportplatz. „Es ist einfach vorbildlich", hatte Hedi gemeint. Also die Hedi mußte mal wieder herhalten. „Wenn du mir nicht gleich sagst, wie das mit der Iungmädelprobe ist, dann bist du meine Freundin nicht mehr." Hedi war sprachlos, sie sah aber, daß Knirps ernst machte, und daß. ihre Sorgen auch nicht so unberechttgt waren, wußte sie.
Tagtäglich sah man die beiden nun zusammen. Was sie immer unternahmen, erfuhr niemand. Bis zu dem Tag, da groß in der Zeitung stand: „Die Meldestelle Bismarckplatz ist eröffnet!15
2ln diesem Tag war es beim Mittagessen so still wie noch nie. Knirps ließ das Gespött der Brüder mit wahrer Lammsgeduld über sich ergehen, so daß Mutter schon fürchtete, daß ihre Kleinste krank sei. Dann schellte es an der Tür, und Knirps ließ vor lauter Aufregung den Teller, den sie gerade abtrocknete, fallen. Auch das noch. „Aber Ursula! Ich glaube, mit dir ist doch etwas nicht in Ordnung." Damit wischte die Mutter ihre Hände sorgsälttg ab und ging hinaus, um nach dem Gast zu sehen.
Knirps ging inzwischen in der Küche auf und ab, griff einmal zur Türklinke, ließ es aber bann wieder fein. Nein, lauschen wollte sie doch nicht. Wenn Hedi es bloß richtig machte.
Plötzlich erscholl es laut und eindringlich vom Wohnzimmer her: „Knirps!" t
Sie eilte hinüber, das Gesicht rot vor Aufregung. „So, jetzt machst du mal schleunigst eine Rolle rückwärts auf dem Teppich!" Vater machte ein ganz ernstes Gesicht, heimlich zuckte es aber um seine Mundwinkel. Mutter nickte ihr leise zu, und Hedis Gesicht strahlte.
Also los! Es klappte fabelhaft. „Donnerwetter!" Vater zupfte ihr am Ohr, „bann bitte Mutter, daß fie heute nachmittag um fünf Uhr mit dir zur Anmeldestelle geht. Und daß ihr mir nicht wieder solche Geschichten macht und heimlich auf dem Sportplatz bei jedem Wetter herumtobt."
Nach der Anmeldung hat Knirps ganz energisch den Strich an der Stubentür weggewischt. Also doch nicht zu klein!


