Nr. 146 viertes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
25./Z6. Zuni 1958
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Zur Musterung angetreten
Das erste: die Größe wird gemessen!
Stabsoffizier beim Wehrbezirkskommando Gießen, Major Leisnering, -die zur Musterung erschienenen jungen Männer, die sich zu diesem Zwecke im Hofe in Reih und Glied und sauber ausge-
men und zelne an Papieren hat. So
was jeder ein- Ausweisen, an mitzubringen kann also die
untersucht werden können und gleichzeitig alle notwendige Schreibarbeit im Gang der Musterung erledigt werden kann. Diese Gründlichkeit begann bereits beim Plakat, bei der öffentlichen Bekanntmachung durch die Polizeidirektion. in der in klarer Aufstel' ng schon einmal genc.a esagt wird, wer zur Muiterung und zur Aushebung zu kom-
Jetzt wieder kann man in den Strahn .und Gassen unserer Stadt viele Burschen unterwegs sehen, die mit den bunten Papierblu- .<m geschmückt sind und damit erkennen lassen, daß sie zur Musterung befohlen und erschienen waren und mit Stolz ihren Wehrpaß in der Tasche tragen. In diesen Tagen, in den ersten Tagen der vergangenen Woche, waren die Burschen aus Gießen an der Reihe — die Zwanzig- und Neunzehnjährigen —, in den nächsten Tagen werden die Burschen vom Lande, der nächsten Umgebung kommen, voraussichtlich wieder, einer alten Sitte gemäß, au' dem geschmückten Leiterwagen, auf dem sie am rühen Morgen im Triumph aus dem Dorfe ausgezogen sind und auf dein sie, in später Abendstunde erst, wieder in ihr Heimatdorf zurückkehren werden. Hier hat der alte Brauch durch die neue Wehrmacht wieder Auferstehung gefeiert, und wir in den Straßen unserer Stadt sind dieses Bild gewohnt.
Die Musterungen fanden und finden im „Burghof" statt, dessen Räume im ersten Stockwerk durch ihre Aufteilung und doch durch ihre Verbindungsmöglichkeit untereinander der Sache der Musterung schon rein äußerlich entgegenkommen.
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Der Gang der Musterung hat längst seine klar umrissenen. Formen wiedergewonnen, und eine solche Musterung läuft rare am Schnürchen ab. Die Organisation ist gründlich durchdacht, so daß selbst viele junge (angehende) Soldaten in einer verhältnismäßig kurzen Zeit mit aller Gründlichkeit
Aufnahme in allen Einzelheiten vollständig erfolgen.
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Wie verläuft nun eine solche Musterung?
Zunächst stellt Polizeisekretär Wallbott nach den Listen fest, ob alle, die sich
zu melden hatten, auch tatsächlich erschienen sind. Dann meldet der diensthabende Unteroffizier mit militärischer Pünktlichkeit, genau zum vorgesehenen Zeitpunkt, dem
.Einatmen!" — „Ausatmenl" — Die B^ .zweite wird gemessen.
Immer je fünf Mann treten dann an und stellen sich, nachdem die Aufnahme der Personalien in einem anderen Raume oorhergegangen war, zur Voruntersuchung dem Hilfs- und Assistenzart Dr. Trautmann, dem wiederum Hilfspersonal zur
die vielleicht auf Grund seiner körperlichen Konstitution nicht von ihm verlangt werden können. Da werden also feine Unterschiede gemacht. Wer dem kritischen Blick des Arztes in der Voruntersuchung,
Und zum Schluß lassen sich die Musterungsburschen bunte Papierblumen ansteck^n.
richtet aufgebaut haben. Den meisten fällt dies auch nicht schwer, denn sie sind schon fast alle durch die Hitler-Jugend 'gegangen und wissen schon, was es heißt, militärische Disziplin zu halten. Major Leisnering begrüßt dann die Wehrpflichtigen und hält eine kurze Ansprache, in der er auf das am 16. März 1935 vom Führer verkündete Gesetz über den Wiederaufbau der Wehrmacht und die allgemeine Wehrpflicht hinweist. Mit dieser geschichtlichen Tat, so pflegt Major Leisnering den jungen Kameraden zu sagen, habe das ganze deutsche Volk die schmachvollen Fesseln des Versailler Schanddiktates abgestreift, seine nationale Ehre wieder hergestellt und die
Voraussetzungen für eine Weltgeltung geschaffen, die seiner Größe und seiner Volkszahl sowie seiner | Verfügung steht. In dieser Voruntersuchung geht es kulturellen und wirtschaftlichen Bedeutung ent-1 nun interessant und vielseitig zu. Schon sie ist charak- spreche. Ohne Rücksicht auf Bildung, Stand und e>1“ x:- x
Vermögen würden alle Wehrpflichtigen nach gleichen Grundsätzen zum Wehrdienst herangezogen. Wehrdienst sei Ehrendienst am deutschen Volke! Die Wehrmacht sei die letzte und vornehmste Schule der Deutschen zu Volksgemeinschaft und Vaterlandsliebe sowie zu den hohen und altbewährten Soldatentugenden der Tapferkeit, der Pflichttreue, des Gehorsams und der Kameradschaft. Die eindringlichen Worte verfehlen ihre Wirkung auf die jungen Kameraden nicht.
Major Leisnering weist dann weiter darauf hin, daß die Dienstpflichtigen während der Musterung und Aushebung militärischen Gesetzen unterworfen sind.
Mit altem Brauch solle nicht gebrochen werden. Jeder Gemusterte darf sich, wie es schon Väter und Vorväter taten, mit Sträußen und Bändern schmücken, während natürlich die Abzeichen mit dem Aufdruck von Wehrmachtsteilen nur von den bereits Ausgehobenen getragen werden dürfen. Nach, der Belehrung über den Zweck und den Gang der Musterung beginnt dann unter der Leitung des Kommandeurs des Wehrbezirksamtes, Major Werner, die eigentliche Musterung und die militärärztliche Untersuchung.
teristisch für die Gründlichkeit, mit der der angehende Soldat auf seine Gesundheit geprüft wird. Der junge Mann soll ja später, wenn er einmal im Dienst steht, nicht Leistungen vollbringen müssen.
Die Prüfung auf Farbentüchtigkeit.
wie auch in der späteren nachfolgenden Hauptuntersuchung nach allen Richtungen standhält, kann stolz das „Tauglich" entgegennehmen, während andere vielleicht aus diesem oder jenem Grund bescheidener sein müssen.
In der Voruntersuchung also wird der Gesundheitszustand nach vielen Seiten überprüft. Da wird zuerst die Größe gemessen und dann das Gewicht festgestellt, da werden die Zähne genau nachgesehen und die Sehkraft und die Farbentuchtig- keit geprüft. Mit Hilfe eines besonderen Gerätes wirft der Arzt auch einen prüfenden Blick in die Gehörgänge. Und schon während dieser Prüfungen beurteilt der Arzt die Gesamterscheinung und Haltung des jungen Mannes, der vor ihm steht, und^ gibt in kurzen Worten seinen Befund den Helfern zur Kenntnis, die am Tische sitzen und den „Gesundheitspaß" mit allen notwendigen Be- merkungen versehen. Es wird erst noch Flüster-
Der Dienstpflichtige wird eingehend nach den Gesundheitsverhältnissen in seiner Familie befragt.
Kritische Prüfung durch den Stabsarzt in der Hauptuntersuchung. (Aufnahmen [6]: Neuner, Gießener Anzeiger.)
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ZRomcin von Hans von Hülsen.
Copyright by Prometheus-Verlag, Dr. Eichacker, München-Gröbenzell.
11. Fortsetzung (Nachdruck verboten!)
Jenseits der Sperre stand, lebhaft winkend, ein junger Mann im grauen Gabardine'rnantel, mit vollen, runden Backen — das war doch — Donner unty Doria, dos' war doch — das war doch das Mondgesicht!
„Hallo, Reh!"
Renata schüttelte auch,ihm die Hand, eine große Belustigung, malte sich auf ihrem schönen Gesicht.
„Darf ich vorstellen? Herr Armbruster — Herr Ottenrieth, dessen Bekanntschaft du um ein Haar schon in Torbole gemacht hättest."
Dieser junge Mann konnte sich offenbar nur sehr wenig beherrschen, Hpitz sagte er:
„Oh, du bist nicht allein gereist?"
Ottenrieth beeilte sich, an Renatas Statt zu versichern, daß es sich um ein zufälliges Zusammentreffen auf dem Bahnsteig handle, was auf den anderen, obwohl er es nicht so recht zu glauben schien, immerhin beruhigend wirkte.
Sie gingen zu dritt durch dre Halle, der Gepäckträger schleppte Renatas Lederkoffer hinterdrein.
Draußen winkte Armbruster ein Taxi heran mit einer Betonung, die erkennen ließ, daß es fein selbstverständliches Recht sei, Renata nach Hause zu geleiten.
Ottenrieth streckte ihr zum Abschied die Hand hm.
„Es war entzückend, Ihre Bekanntschaft, zu- ^erneuern. Darf ich auf ein Wiedersehen hoffen?"
Armbruster machte ein so abweisendes Geßcht dabei, daß Renata unverzüglich sagte: Sie werde sich freuen, er solle einmal anrufen, sie wohne in der Pension Lanner. Und dann entlohnte sie den Gepäckträger und fuhr davon, Armbruster an lhrer Seite
Zurüctbleibend sah Ottenrieth den Wagen zwischen den herbstbunten Anlagen verschwinden.
So, sagte er bei sich, tatsächlich also dieser Fant! Damit muß man für die Zukunft rechnen. Aber ihm war dabei leicht und heiter zu Sinn. Er hatte sie wiedergesehen, hatte wieder ihre Stimme gehört; mit dem Mondgesicht würde er schon fertig werden.
Er fuhr nach Hause, öffnete eine Flasche Wein und arbeitete bis in die Nacht.
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Für Fritz Armbruster kam keine schöne Zeit. Jedenfalls hatte- er sie sich anders vorgestellt, so oft er in den vergangenen Wochen an die Reh dachte und ihre Rückkehr herbeiwünschte.
Gutmütig, wie er von Haus aus war, hatte er -es ihr nicht lange nachgetragen, daß sie in Torbole ihm nicht einmal einen kurzen Spaziergang geschenkt hatte, nachdem er ihretwegen eine Reise von sechs Stunden hin und sechs Stunden zurück, gemacht. Er war mehr traurig und unglücklich als ärgerlich gewesen, wenigstens nachdem sich der Aerger des ersten Augenblicks verflüchtigt: er hatte Renata schon am nächsten Nachmittag einen versöhnlichen Brief voller Liebesbeteuerungen in die „Casa Rossa" geschickt und war abgereist.
In der Antwort, die er vierzehn Tage später aus San Bartolomeo empfangen, hatte sie der kurzen Szene unter dem 'Torbogen in Torboje überhaupt nicht mehr erwähnt. Und so hatte er sich in der Vorstellung wiegen können, daß nun"wieder alles ganz und durchaus beim alten sei.
Aber seit Ottenrieth auf der Bildfläche erschienen war, war alles anders.
Zunächst nur in seiner Einbildung. Er wußte nicht recht, ob er daran glauben dürfte, daß die beiden sich zufällig auf dem Südbahnhof getroffen hatten. Manchmal schien es ihm möglich, manchmal hielt er es für ausgeschlossen und glaubte, Reh ,ertappt" zu haben.
Sie kannten sich seit Jahr und Tag, fast solange sie in Wien war: sie hatten zusammen auf dem Konservatorium studiert, er Klavier -und sie Gesang: erst war es eine Kameradschaft gewesen allmählich hatte er gewagt, ihr von Liebe zu sprechen, und sie hatte es- schweigend hingenommen, wie eine selbstverständliche Huldigung. Daß sie wenig Bekannte in Wien besaß und sich überhaupt nicht leicht anschloß, begünstigte ihn: sie ließ es sich gefallen, daß er ihr beim Mittagessen Gesellschaft leistete, daß er sie abends in Konzerte mitnahm oder auch einmal über den Sonntag mit ihr in den Wiener Wald fuhr.
Sie hatte ihn gern, um seiner immer dienstfertigen, zutunlichen Art willen, sie wußte sich keinen Kameraden, in dessen Gesellschaft sie sich besser von den Problemen hätte ausruhen können, die Studium, Leben und nicht zuletzt das Eltern-1 haus ihr tagtäglich zu lösen gaben.
An jenem Abend in Torbole, als sie ihn unter dem Hoftor stehenließ, obwohl er sie im Grunde dauerte, und ziemlich verstört nach oben eilte, wo der Vater leidend in seinem Stuhl saß und die Mutter, wie so oft, am offenen Fenster stand und auf den See hinausttäumte, als blickte sie in unendliche Ferne — an jenem Abend hatte Renata noch lange über Armbruster nachgedacht: aber da waren ihre Gedanken überraschend aus dem Gleis geraten, und sie hatte an Ottenrieth denken müssen, Ottenrieth, dessen Bekanntschaft sie erst vor vierundzwanzig Stunden gemacht: und plötzlich hatte sie aufgelacht und war aus dem Zimmer gegangen, und der Vater hatte ihr verwundert nachgesehen.
Das war jedoch nur an jenem Abend gewesen, war am nächsten Tage vergessen. Und war vergessen geblieben während der ganzen Zeit in den Kastanienwäldern von San Bartolomeo und bis zu dem Augenblick, da Ottenrieth auf dem Süd- bahnhof plötzlich vor ihr gestanden hatte.
Es war keine gute Zeit für Armbruster, und zwar deshalb, weil er wußte, daß Renata dann und wann mit dem verhaßten Ottenrieth zusammenkam. Er wußte es, weil sie es ihm ganz offen sagte und alle seine Einwände, Klagen, Bitten lächelnd beiseiteschob, wie die eines Kindes in einer Sache, die es nicht versteht.
Die Sache, die Armbruster nicht verstand und nicht verstehen wollte, war die, daß Renata eifersüchtig über ihrer Freiheit, wachte. Es behagte ihr nicht, sich kontrollieren, sich gar ihren Umgang vor- schreiben zu lassen: dazu war ihr Gefühl für den gutmütigen Jungen nicht stark genug. Nein, er mußte begreifen, daß von Rechten auf sie keine Rede sein konnte. Und Ottenrieth war ihr gerade der Rechte, ihm das an einem Beispiele begreiflich zu machen. Sie lächelte wissend über sich selbst, wenn sie das dachte — dabei brachte sie die Sympathie nicht in Anschlag, die sie für Ottenrieth empfand, seit sie ihn einmal in seinem eigentlichen Element gesehen, nämlich aus einer Probe zu „Diana von der Donau"
Er hatte sie, nur wenige Tage nach ihrer Ankunft, angeläutet und gefragt, ob sie's wohl inter- esfieren würde, etwas von dem Entstehen einer Operettenaufführung im „Theater an der Wien" mitzuerleben: bescheiden — und das gefiel, ihr — hatte er einfließen lassen, daß es sich üm ein Werk von ihm selber handle. Und da sie wirklich Lust verspürte, einmal sich hinter den Kulissen umzusehen, hatte sie ja gesagt. Sie hatte ein paar Stunden in
dem dunklen Theaterraum gesessen und zugeschaut und zugehört, wie dieser merkwürdige theatralisch- musikalische Organismus, der so sonderbar aus Gesprochenem und Gesungenem gemischt war, sich langsam aus einer oder zwei von seinen hundert Häuten wickelte. In den Pausen hatte er sich zu ihr gesetzt und ihr dies und das erklärt, die Mitwirkenden oder einen Regieeinfall: ruhig und sachlich hatte er immer gesprochen — so wie er Schulter an Schulter mit dem Dirigenten und dem Regisseur die Probe leitete. Das hatte ihr an ihm gefallen — und außerdem war die Musik hübsch, voller Einfälle, funkelnd und sprühend. Da die Probe lange dauerte, hatten sie in einem nahen Restaurant schnell zu Mittag gegessen, und später hatte er sie wieder nach der Pension gefahren, ihr die Hand geschüttelt, als kennten sie sich schon lange, und gesagt: wenn die Einstudierung etwas weiter sei, so daß man weniger die Puppe und schon mehr den Schmetterling sehe, dann würde er sich erlauben, sie wieder einmal anzurufen.
Das geschah nach etwa einer Woche, und seitdem sahen sie sich dann und wann.
Ja, es war keine leichte Zeit für Armbruster! Was nutzte es, daß sie feine Besorgnisse, seine Bekümmernisse/ seine Angst immer wieder Einbildungen nannte? Wohl ihr, wenn sie nie erfahren hatte, welche Macht Einbildungen sein können Er erfuhr es jetzt. Und da in feinem Wesen wenig Festigkeit und Haltung war, folgte das Barometer seiner Laune sofort und stürzte um viele Striche Fraulein Wingert und die anderen Damen im Büro hatten nichts zu lachen, und selbst seine Tante schüttelte oft den Kopf über ihn, weil er so ungleich- mäßig und fahrig war.
„Ach, Frau Armbruster. Ich habe Sorgen, Sorgen, Sorgen!" sagte er dann, ohne sich Über i diese dreifachen Sorgen näher zu äußern.
Renata mochte sagen, was sie wollte — er fühlte doch, daß er Tyrrain bei ihr verloren hatte. Er verdoppelte seine Anstrengungen, rief sie jeden Tag an, kam ihr mit Vorschlägen für ein Theater für 7 em Konzert — selbst seine Tarockabende im Cafö Zentral opferte er dafür. Manchmal sagte sie ja, und dann wäre alles gewesen, wie in alter Zeit wenn sie nicht gefühlt hätte, daß er sie dauernd umschlich und belauerte. Aber war es nur „Einbildung" von ihm, daß er sie im ganzen doch seltener sah als früher, daß sie öfter nein sagte und daß die Gründe für dieses Nein ihm nicht ganz aufrichtig Hangen? (Fortsetzung folgt.)


