ttr.146 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
25.726.3uni 1938
Liliencron-Geschichten.
Von Kranz von Zglinihky.
Vor rund fünfzig Jahren ist L i l i e n c r o n Verwaltungsbeamter gewesen, ein Kirchspieloogt, wie sein Amtstitel lautete. Sein Amtssitz war Kellinghusen, sein bevorzugtes Plätzchen aber das in der Nähe gelegene Gut Springhoe, das seinem Hamburger Freund Robert Ritsche gehörte.
Em-Kreis von Freunden und Verehrern hatte den Dichter an seinem 60. Geburtstage nebst feiner Gattin zu einer anscheinend ganz alltägttchen Landpartie zu Wagen eingeladen.
Arglos folgte Detlef der freundlichen Lockung, während die Reisegesellschaft mit schmunzelndem Behagen den kommenden Dingen entgegensah.
Sehr viele Menschen, sogar ungewöhnlich viele Menschen für jene stille, ländliche Gegend gewahrte der Dichter zusammenströmen; doch die Freunde zerstreuten jeden keimenden Argwohn mit frommen Lügen.
Als aber des Dichters Helles Auge auf einer idyllisch gelegenen Höhe einen größeren Gegenstand entdeckte, der mit weißer Leinwand überzogen war, mußte man schon faulere Ausreden gebrauchen. So sprach man frech von einem „Karussell", auf dessen Eröffnung die Leute matteten. Sonderbar nur, Saß dieses Karussell in dem weltentlegenen Winkel sich den Luxus einer vielköpfigen Musikkapelle leistete, und noch merkwürdiger, daß brefe Kapelle die Strauß'sche Komposition zu Liliencrons „Die Musik kommt" beim Eintreffen der Wagen schmetterte.
Run trat gar mit Lächeln ein Herr aus der Menge, der — wie es schien — zur Eröffnung des Karussells eine Rede hatten wollte.
Die Rede stieg. Jedoch —
' „Wie wird mir —!" rief der meuchlings mit einem Denkmale überfallene Dichter aus, als sich mit dem Niedersinken der Leinwand das sorgsam aehütete Geheimnis entschleierte. Erstaunt stand Liliencron vor einem mächtigen Granitblock, in das fein Medaillon — vom Dresdner Bildhauer Clemens Müller gemeißelt war.
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„Dieser Mann war stets im Gehrock", erzählt uns ein Zeitgenosse des Dichters, „nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Ich habe ihn bei Diners gesehen und auch am Kneiptisch, und ich hatte mich immer im stillen darauf gefreut, ihn bei semer« Lieblingsmarke Pommery in dionysisches Ueber- schäumen zu versetzen. Aber es. gelang mir nicht. Er war stets scharmant, oft sprühend lebhaft, aber
er vermied sorglich alles, was vielleicht als literarisch gelten konnte, blieb stets korrekt und war ganz Hauptmann a. D."
Diese Charakteristik Liliencrons wird verstärkt durch folgende reizende Szene.
Empfang Liliencrons auf dem Münchener Bahnhofe. Außer Otto Julius B i e r b a u m war zur Begrüßung des Dichters auch der Oberst v. Reder erschienen, — aber keiner der Herren kannte den berühmten Verfasser des „Poggfred" und der „Adjutantenritte" persönlich.
Nach einem in einer Zeitschrift erschienenen Bilde hatte man sich einen schwarzbartigen, breitschultrigen Riesen vorgestellt und war ganz verdutzt, als ein kleines rotblondes Männchen angetrippelt kam, vor dem alten Oberst die Hacken zusammenknallte und sehr norddeutsch schnarrte:
„Gestatten Herr Oberst: Hauptmann von Liliencron!"
Worauf der alte „Wotan" lospolterte:
„Blauer Dunst! Ich bin der Reder und Sie sind der Liliencron! Wir sind hier nicht in Preußen!"
Dies brachte den Dichter aber keineswegs aus der Fassung, vielmehr blieb er bei seiner steifen Art und so kam es, daß die Herren die Köpse zusammensteckten und erklärten:
„Das ist ja gar nicht der echte Detlef, da haben uns die Hamburger einen falschen geschickt."
Doch als Liliencron dem Gepäckträger statt der üblichen fünfzig Pfennig einen Taler in die Hand fallen ließ, erkannte man, daß man sich geirrt und den, ach so armen, doch stets generösen Dichterbaron vor sich hatte.
Seltsame Heirat.
Von Max Iungnickel.
Da habe ich ihn also wieder getroffen. Eigenttich hatte ich ihn schon fast vergessen. Wir gingen im Dezember 1918, als wir aus dem Felde kamen, auseinander. Er in eine- mitteldeutsche Universitätsstadt. Ich nach Berlin. Wir sagten wohl „Auf Wiedersehen!", aber dabei blieb es auch. Wir waren Kameraden, ahnten wohl beide, daß wir immer Kameraden bleiben würden, auch wenn die Jahre im Zickzack liefen und uns vielleicht verwehen könnten. Und nun, nach fast zwanzig Jahren, trafen wir uns wieder. Ganz zufällig, in einer schiebenden, drängenden Berliner Straße. Er holte mich gleichsam aus der Menschenmenge heraus: „Mensch! Endlich! Endlich!" Wir sahen uns etwas musternd an, bann lachten wir. Ja, wahrhaftig, über uns ist
Randglossen zur kleinen Zeitgeschichte
Von Ernst von Aiebelschüh.
Am Düsselborfer Hofe bes Kurfürsten' Johann Wilhelm von ber Pfalz wirkte an ber Wenbe vom 17. zum 18. Jahrhundert der niederländische Bildhauer Gabriel de Grupello. Nicht vielen wird er eine greifbare Vorstellung sein, obwohl sein „Jan Wellern" in Düsseldorf zu den volkstümlichsten Reiterstandbildern in Deutschland gehört und auch die merkwürdige, „P y r a m i d e" aüf dem Paradeplatz in M a n n h e i m'nicht unwürdig ist, den Namen im Gedächtnis ber Nachwelt zu erhalten. Wie wir jetzt aus ber Zeitschrift „Kunst-Runbschäu" erfahren, ist Grupello zur Zeit der Geaenstand Ainer nicht alltäglichen Nachfrage. Es handelt sich um ein verschollenes Werk von ihm, das die Stadt Düsseldorf sucht, ohne daß bisher die leiseste Aussicht vorhanden ist, dem Ausreißer auf die Spur zu kommen, nämlich um vier große Marmorfiguren, die zusammen ein „Paris- urteil" bilden oder vielmehr gebildet haben, denn sowohl der trojanische Königsjohn selber wie auch die drei Göttinnen, die von ihm wissen wollen, welche unter ihnen die schönste sei, sind ohne Angabe ihres derzeitigen Aufenthaltsortes verschwunden und spotten aller polizeilichen Nachforschung. Man weiß nur, daß sie sich im Jahre 1834 noch in Düsseldorf befanden, bann aber im Verlauf eines Eigentumsprozesses zwischen bem preußischen Fiskus unb einer nicht mehr bekannten Familie, bas Weite gesucht haben. Als bie eigentlich Schulbigen am Ausbruch bes trojanischen Krieges hatten sie wohl Anlaß, sich verborgen zu halten, ob im Kunsthandel ober gar im Ausland, weiß man nicht. Aber das alles soll nun vergeben und vergessen sein, vorausgesetzt, daß die Flüchtigen sich wieder einstellen, zumal ja die Möglichkeit besteht, baß sie sich doch irgendwo in Deutschland Herumtreiben. Aus diesem Grunde richtet die Stabt Düsseldorf an alle Behörden, Kunstinstitute, Sammler, Kunstfreunde und Kunsthändler bie bringenbe Bitte, sich an ber Verfolgung ber verloren gegangenen Schönheiten zu beteiligen und sie im Falle ber Habhaftmachung einzuliefern.
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Daß bie Menschen mit den Naturgaben an ihrem eigenen Körper noch viel- zu leichtfertig umgehen, weil sie ihre praktische Auswertbarkeit nicht genügend kennen, hat ein amerikanischer Arzt, Dr. Shuttlewight in Neuyork, entdeckt, indem er auf den kosmetischen Nutzen, der Tränen hinweist, wobei es allerdings unumgänglich sei, baß in der richtigen Weise und tunlichst unter ärztlicher Aufsicht gemeint werde. Langjährige Untersuchungen haben Dr. Shuttlewight nämlich, zu ber Ueber- zeugung gebracht^ baß bie bas Weinen begleitende Muskeltätigkeit eine natürliche Gesichtsmassage bar- stelle unb außerbem bas ben Tränendrüsen ent- queUenbe . Naß eine chemische Zusammensetzung habe, bie eine besonbers günstige Wirkung auf bie Haut ausübe. Nicht verraten wirb, welche Emotionen hierbei ben Vorzug genießen, wir vermuten jeboch, baß -ber Freuden träne gegenüber ber Schmerzenszähre eine gewisse 'Ueberlegenheit zukommt. Also viel meinen, wenn auch mit Maß unb, wie gesagt, nicht ohne fachmännische Beratung, bie gegen entsprechende Honorierung in ber Wein- abteilung bes kosmetischen Instituts von Dr. Shuttlernight stattfinbet unb oormiegenb von weib- lichen Patienten in Anspruch genommen roirb.
Ueberhaupt ist jetzt in Amerika eine Bemegung im Gange, bie auf eine Rationierung ber Gefühle hinauslaufen zu mollen scheint und bie unberechenbare Leibenschaffen einer gereiften Regel unterwirft. So hat es sich Mrs. Mitchell-Palmer, die Witwe des ehemaligen Justizministers in Woodrow Wilsons Kabinett, zur Lebensaufgabe gemacht, den Kußaustausch zwischen den Geschlechtern in vernünftige Bahnen zu lenken, indem sie bei der
Filmzensur dahin wirkt, baß ber Kuß auf ber Leinwand die Zeitdauer von drei Sekunden keinesfalls überschreitet. Dieser systematische Angriff gegen eine auch in Amerika weitverbreitete Unsitte steht natürlich nicht allein da, vielmehr hofft man das Küssen überhaupt ausrotten zu können. Wie aber geschieht das? Nicht durch ein Verbot, das ja zwecklos wäre, sondern durch einen wohlgezielten Appell an das hygienische Gewissen, der in dem sachlichen Amerika stets einen Widerhall findet. So prägt das städtische Gesundheitsamt in Detroit den männlichen unb weiblichen Bürgern brei golbene Regeln ein, bie sich gegen bie verwerfliche Angewohnheit bes unrationellen Küssens richten. Nr. 1: „Küsse nie
mals in überfüllten ober schlecht gelüfteten Räumen!" Nr. 2: „Nach einem Gesellschaftsspiel mit Küssen gurgele man mit einem antiseptischen Mittel!" Nr. 3: „Hüte bich beim Küssen vor plötzlichen Temperaturoeränberungen!" Wenn bas nicht hilft! Wirb bie Menschheit eine solche Beschränkung in ben Präliminarien ber Liebe schweigenb hinnehmen? Denn gesetzt ben Fall, baß diese Vorschriften wirklich einmal Gemeingut werben sollten, so ist boch zu befürchten, baß sich in Zukunft niemand mehr veranlaßt sehen wird, sich in eine Welt zu begeben, in ber bie schönen Gefühle mit ber Stoppuhr in ber Hand und mit Gurgelwasser reguliert werden.
— auch so eine neue Kriegserfindung — jeder Fremde, der heute irgendwie in die Mandschurei einzureisen gedenkt, unter Abgabe von mehreren Photos und Ausfüllung von allen möglichen Fragebogen zu melden hat. Von diesem „Intelligence- Service-Bureau" wird er dann auf Schritt und Tritt unsichtbar beschattet und betreut, was unter Umständen auch wieder seine angenehme Setten hat. Denn verloren gehen kann man nicht und das ist heute in Fernost auch schon etwas wert. In Dairen hat dies neugeschaffene Büro seinen Sitz in irgend einem der neuen Hochhäuser aufgeschlagen, man saust mit dem Fahrstuhl hinauf und wird dort von, einer reizenden Japanerin in Empfang und Behandlung genommen. Mit einer Gewandtheit, die so auffallend gegen den üblichen japanischen schematischen Bürokratismus abstichi, daß ich mir doch nicht die Frage nach dem „Woher?" der jungen Dame verkneifen konnte. „In Kalifornien geboren", sagte sie, „ich komme aus Amerika!" Und der Ton, mit dem sie es sagte, sprach Bände, und ihre Taten lieferten den Beweis. In fünf Minuten roar der Formelkram erledigt, mit mir zusammen sauste sie den Fahrstuhl-hinunter ins Paßbüro, in weiteren fünf Minuten waren die Aufnahmen gemacht, wieder hinauf und hinein zum Chef ...«amerikanisches Tempo!
RUHL Seilersweg Nr. 67 ■
adio Telephon Nr. 3170 E9
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Der Chef ist von bestrickender Liebenswürdigkeit, will unb kann es aber einfach nicht glauben, daß man auf neuen Wegen nach dem neuen Peking zu reifen gedenkt! Er glaubt's einfach nicht, daß es eine .Bahn von Jehol nach Peking gibt, stellt aber trotzdem die erforderlichen Ausweise aus.
Dann zum „Japanese Turist-Bureau", das sonst in allen Reiseangelegenheiten unfehlbar ist. „Mor- ning Mister! Bitte... eine Karte Dairen—Peking, aber diesmal über Mukden—Jehol!" „lieber Muk- den—Jehol?" ... der Beamte zieht nach japanischer Sitte fauchend die Luft ein, was in diesem Sonder- falle als Zeichen des schärfsten Nächdenkens zu werten ist. Fährt sich dann durch die schwarzen Haare und sagt mit einer jeden Widerspruch ausschließenden Bestimmtheit: „Verry sorry!" Denn auch das ist japanisch und drückt alle Stadien ber Verneinung, angefangen vom leisen Bebauern bis zur gröbsten Ablehnung aus. „Verrry sorrrrrry, Mister, aber so -eine Bahn gibt es noch nicht!"
„Aber boch! Hat boch in ben japanischen Zeitungen geftanben! Außerbem — bitte, hier! meine Ausweise unb Pässe vom Jntelligence-Service- Bureau". Sie werben aufmerksam stubiert. „Ach soooooo ... Jehol! ... Sie meinen Cheng-The — gewiß! Nach Cheng-The (alias Jehol) haben wir Karten, aber von bort nach Peking müssen Sie boch ein Flugzeug nehmen!"
„Ausgeschlossen! Ich will mit ber Bahn von Jehol, ober meinetwegen von Cheng-The nach Ku- peiku an bie „Große Mauer" fahren unb von bort reieber mit ber Bahn nach Peking weiter ... boch eine ganz einfa/he Sache!"
Der Beamte sieht mich lächelnb an, holt resigniert einen Stapel Kataloge unb Fahrpläne heraus, um mich schwarz auf weiß eines besseren zu belehren, blättert barin herum unb verfärbt sich, ©o muß man schon sagen. Denn — tatsächlich: irgenb je- manb hat augenscheinlich hinter seinem Rücken e i n Deckblatt in ben Lokal-Fahrplan geklebt unb auf biesem Deckblatt steht bie neue Bahn bereits mit allen Einzelheiten verzeichnet: Ab Dairen 17.50 Uhr, an Mukben 23.50 Uhr. Umsteigen in den direkten Zug nach Jehol—Cheng-The, ab Mukden 0.35 Uhr in ber Früh unb an Jehol 20.05 Uhr mit Anschluß an anberen Morgen um 6 Uhr nach Peking. Dort Ankunft 21 Uhr — Gesamtfahrbauer etwa 28 Stunben ... an Ostasiatischen Entfernungen gemessen ein Katzensprung! — Aber bas Deckblatt verrät noch viel mehr: „Hauptbahnhvf Jehol" — Großer Gott! Wenn man baran benft, baß sich bie letzte Manbschu-Kaiserin nach eben biesem Jehol noch in Sänften tragen ließ! — also „fyiuptbaljn-
Aus neuen Wegen nach dem neuen Peking.
Von unserem H.Tr.-Äerichterstaiier.
Nachbruck verboten.
In ber Rekorbzeit von einem halben Jahr haben bie Japaner in Norbchina eine n'eue Eisenbahn von Peking nach Jehol erbaut unb bamit Peking unmittelbar an bas rnanbschurische Eisenbahnnetz angeschlossen. Die große militärpolitische Bebeutung bieser neuen Eisenbahnlinie ist unverkennbar. Unser manbschurischer Berichterstatter hat biese neue Bahnlinie soeben „abgefahren" unb schilbert in einer Reihe vön Artikeln biese Reise, bie ihn auf neuen Wegen nach bem neuen Peking geführt hat.
I. Das große Geheimnis.
Schanghai,' Juni 1938.
Gelüftet würbe, biefes große Geheimnis zum ersten Male unauffällig unb an versteckter Stelle in einer in ber Manbschurei erscheinepben japanischen Zeitung, bie ber Sübmanschurischen Eisenbahn in irgenb einer Form nahesteht. In bieser Zeitung las man eines Tages bie kurze Notiz, „baß nach einer Bauzeit von nur sechs Monaten bie Eisenbahn Peking — Jehol fertiggestellt unb mit einer schlichten Feier bem Verkehr übergeben worben" sei. „Jeboch", unb nun kam es, „ist ben berufsmäßigen Reisenben eine Benutzung biö- fer Bahn wegen allerlei Unbequemlichkeiten noch nicht anzuraten".
Eine neue Eisenbahn — unb noch bazu mitten im Kriege! — von Peking nach Jehol? Das dürfte wohl irgendwie ein Irrtum, zumindest eine .lieber» treibung fein! Denn als Sven Hedin vor rund fünf ober sechs Jahren fein Buch über Jehol, ben Sommersitz ber chinesischen Kaiser jenseits ber Großen Mauer, geschrieben hatte, erwähnte er mit keiner Silbe bie Möglichkeit eines solchen Bahnbaus, schilderte vielmehr ausführlich die Schwierigkeiten, die sich seiner Expedition nach Jehol ent-, gegengestellt hatten, das man auch bis dato nur im Kraftwagen auf Halsbrechetischen Wegen erreichen konnte. Und nun auf einmal eine Eisenbahn Peking—Jehol?Womöglich mit Schlaf- und Speisewagen und all dem Drum und Dran, bas bie Romantik bes Reisens im Fernen Osten so planmäßig abtötet?
Der Sache mußte unbebingt auf ben Grund gegangen werben! Denn bisher konnte man Peking, bie alte Hauptstabt bes alten Chinas nur mit jener einzigen Eisenbahn erreichen, auf ber im Laufe biefes Krieges auch bie meisten japanischen Militärtransporte nach Norbchina gerollt sinb. Nämlich auf jener Bahn, bie von Mukben — wohlbekannt aus bem russisch-japanischen Kriege — über Shanheikwan, wo bie Große Mauer ans Meer tritt, nach Taku-Tientsin läuft unb bie von bort aus in brei Stunben bie alte Kaiserstabt erreicht. Bekannt war allerbings schon lange, baß bie Japaner kurz vor Ausbruch des derzeitigen japanisch-chinesischen Krieges eine Stichbahn von Mukden nach Jehol fertiggestellt hatten, mit der neuen Linie Peking—Jehol wäre nunmehr also die alte Kaiserstadt Peking nun auch unmittelbar an das eigentliche und immer dichter
werdende mandschurische Eisenbahnnetz angeschlos- fen! Das aber wieder würde bedeuten, daß die Truppentransporte nach Nordchina jetzt nicht mehr ausschließlich und allein auf die stark in Anspruch genommene Hauptstrecke Mukden—Shanheikwan— Peking angewiesen sind, sofern jetzt auch über Jehol auf den, gleichen Wegen anrollen können, auf denen in den heißen Augusttagen des Jahres 1937, bei Beginn der Feindseligkeiten, jene japanische motorisierte Division aus der Gegend Jehol gegen Peking vorbrach und damit das Schicksal der Peking verteidigenden 29. chinesischen Armee entschieden hatte.
Schon damals wurde diese Ueberwindung bes Gebirgsmassivs zwischen Peking unb Jehol als eine ausgezeichnete militärische Leistung angesprochen, um so höher ist bann wohl aber bie technische Leistung ber japanischen Bahn-Ingenieure zu werten, bie biese natürliche Mauer, bie bas eigentliche China gegen bie Manbschurei abgrenzt, jetzt sogar mit einer Eisenbahn burchbrochen haben! Noch bazu in nur sechs Monaten, in benen 14 Tunnels gebohrt, zahlreiche „Spitz-Kehren" angelegt unb eine Unzahl von Brücken erbaut werben mußten ... eine technische Leistung, bie mit eigenen Augen anzuschauen, lvohl burchaus jene „Unbequemlichkeiten" mit in Kauf zu nehmen lohnt, vor benen bie besagte Zeitung ausbrücklich warnen zu müssen glaubte. Was es mit biesen „Unbequemlichkeiten" auf sich hatte, wußte nämlich ber wohlbekannte „Küstenklatsch", ber mit ber Genauigkeit eines Seismographen bas Privatleben jebes „alten unb jungen Ostasiaten" von Charbin bis hinab nach Sin- gapore zu registrieren unb schneller als ber Funk zur Kenntnis aller „Interessenten" zu bringen pflegt, noch am gleichen Tage zu oermelben: Die Verhaftung bes ersten Europäers, ber es gewagt hatte, als erster mit bieser neuen Bahn einen Abstecher von Peking nach Jehol zu machen! Angeblich hatte er — so wußte ber „Küstenklatsch" zu berichten — hochwichtige militärische Anlagen photographiert, eine Behauptung, bie bas Mysterium um biese mysteriöse Eisenbahn nur noch unburchbringlicher unb ben Wunsch, es zu lüften, nur noch brennenber machte.
Nun aber sinb „Reisen in ber Kriegszeit" von jeher allüberall niemals ein befonberes Vergnügen gewesen, am allerwenigsten jetzt im Fernen Osten, wo man niemals vorher weiß, ob man auch tatsächlich am gesteckten Ziele ankommt. Denn ber chinesische Kleinkrieg, ber sich in erster Linie gegen bie rückwärtigen Straßen- unb Eisen- bahnverbinbungen ber Japaner richtet, ist in vollem Gange unb macht ben Japanern erhebliche Sorgen unb Schwierigkeiten. Zum anbern ist bie japanische „Spionen-Furcht zur Genüge bekannt unb jeber Nicht-Japaner wirb heute im besetzten Gebiet von vornherein zum minbesten als verbächtig angesehen. Jnfolgebessen tut man immer gut baran, sich zunächst mit ben erforberlichen Ausweisen, Pässen unb Empfehlungen zu versehen, wobei bie milttäri- schen erklärlicherweise am höchsten im Kurse stehen.
„Zustänbig" ist in biesem Sonberfalle bas jeweilige „Jntelligence-Service-Bureau", bei bem sich
manches bahingegangen. Aber wir waren roieber vergnügt wie bamals, nichts war zwischen uns als eben bie lange Kette ber Jahre, bie nun langsam zerfiel unb zuletzt überhaupt verschwunden roar. Weiß Gott, es roar uns, als wären wir erst vorgestern auseinanbergegangen. Freilich sah er recht gepflegt aus, war Spezialarzt für Herzkrankheiten geworben. Ja, in zwanzig Jahren bringt män es immerhin zu etwas. Uebrigens machte er immer noch ben Einbruck einer nützlichen Nüchternheit. Er nahm mich mit in feine Wohnung, stellte mir feine Frau vor, feine brei Kinber. Und merkwürdig, mir roars, als ob mir diese Frau auch bekannt sei. Ein froher Schimmer von Glück schien über ihr zartes Antlitz geweht zu sein. Wir aßen und tränten und liehen unser Leben wie einen stüchttgen Film vorüberlaufen. Als feine Frau uns verlassen hatte, fragte ich ihn: „Wo hast du denn eigentlich deine Frau her?" Eine Frage, die geradezu aufs Herz gerichtet roar und bie er anscheinenb nicht so richtig begriff. Er blieb schweigsam. Mir roars, als müßte bie Frage erst langsam bei ihm nach innen brennen. Unb nun lächelte er, tat geheimnisvoll unb sagte: „Meine Frau? Wo ich bie her habe? Das wirst bu nicht erraten!"
Bon braußen quälte sich ber Abenb zum Fenster herein. Wir saßen in ber Dämmerung. „Das kannst bu bir überhaupt nicht vorstellen, wo ich bie Frau hergeholt habe!"
„Na, sags boch endlich! Jedenfalls, aus der Heiratsvermittlung hast bu sie bestimmt nicht!"^
„Nee, ba hast bu recht, aber von einem Notgelbschein habe ich sie!"
„W—ie?"
„Na, verstehst bu benn nicht? Von einem Notgelbschein herunter habe ich sie geheiratet!"
„Ich kann dir sagen, ich bin so benommen, baß ich das immer noch nicht kapiert habe!"
„Also, paß auf! In ber Inflationszeit gabs boch in den meisten Städten Notgeld. Das wirst du doch wissen!"
„Natürlich!"
„Ich hatte also in Jena meine Praxis, ein Jahr erst. Eines Tages kommt ein altes Mütterchen in meine Sprechstunde. Ich hatte sie untersucht, verschrieb das Rezept. Sie fragte nach Sem Preis. Ich sagte ihr, daß ich ihr bie Rechnung senden werde, wenn die Behandlung zu Ende sei. Nein, das wolle sie nicht. Sie sei immer gewohnt, sofort zu zahlen. Na gut. Sie kramte aus ihrer Handtasche einen Notgelbschein auf zehn Mark, legte ihn mir auf den Tisch und ging. Ich sah mir den Schein an. Er war ganz neu. Ein Fetzen buntes Papier, durchaus geschmackvoll. Ein Stückchen Landschaft daraus
mit Berg, Fluß und .Burg. In der Mitte ein Mädchengesicht. Ein Gesicht, das mich sofort begeisterte.« Ja, so etwas gibt es. Das Gesicht ließ mich nicht mehr los. Tagelang behielt ich ben Schein. Immer roieber mußte ich biefes Gesicht ansehen. Und bann erkundigte ich mich nach dem Maler, ber bas Notgelb entworfen hatte. Ich suchte ihn auf. Unb was soll ich bir sagen: ber Maler hatte bas Gesicht seiner Tochter auf ben Notgelbschein gebracht. Ich lernte sie natürlich kennen. Und dann habe ich sie geheiratet. Ich glaube, es war gerade an bem Tage, als bas Notgelb außer Kurs ram/'
„Ja, diese Inflationszeit! Ich hätte nicht gedacht, daß diese elenden Fetzen auch Glück bringen könnten. Sonst haben sie doch nur immer Elend und Sorgen gebracht!"
„Stimmt! Für mich auch. Hunger und eine Der- dämmte Unsicherheit. Und ich kann dir sagen, wenn ich diese Frau nicht gehabt hätte, die mir so »in Notgeldschein brachte, ich hätte einpacken müssen. Meine Frau roar mein lebendiges Kapital. Sie faßte zu, wußte Rat. Sie war mein großer Antrieb. Sie war arm, so arm wie eben nur ein Notgeld- l'chein sein kann, aber was heißt überhaupt Geld! Sie hat mich tausendmal beschenkt. Sie roar eben von vornherein wertbeständig. Gott' sei Dank, daß ich' sie vom Notgeld heruntergeholt habe!"
Hochschulnachkichten.
Geheimrat Professor Dr. Andreas Galle in Potsdam vollendete sein 80. Lebensjahr. Wie sein Vater, Johann Gottfried Galle, der Entdecker des Planeten Neptun, widmete er sich dem Studium ber Astronomie. Nachbem er als Assistent an ber Breslauer Sternwarte tätig gewesen roar, würbe er 1884 an bas geobätische Institut in Berlin berufen, in bem er bis zur Erreichung ber Altersgrenze, lange Jahre als Abteilungsvorsteher, wirkte. Das Hauptwerk bes nerbiehten Gelehrten ist bas Lehrbuch ber Geodäsie, das 1901 erschien und grundlegend für diese Wissenschaft geworden ist. In den letzten Jahren seiner Tätigkeit ging er dem Wirken von Gauß nach und veröffentlichte Verschiedenes über dessen geodätische Arbeiten.
Professor Dr. Walter Jacobi, Ordinarius für Psychiatrie und Neurologie an der Universität Greifswald, ist im Alter von 48 Jahren an einem Schlaganfall g e ft o r b e n.
Der ao. Professor Dr. Günter Schmölbers an ber Universität Breslau würbe zum Drbi- narius ernannt; er hat einen Lehrstuhl für wirtschaftliche Staatswiftenschast inne.


